Nach Taher Pascha folgte August 1838 Hassan Pascha. Derselbe erkannte

Rhuma als Chef vom Djebel an und unterhandelte auch mit Abd el Djelil,

welcher sich anheischig machte dem Gouverneur von Tripolitanien jährlich

25,000 spanische Piaster zu zahlen. Da Hassan Pascha aber auch den

rückständigen Tribut verlangte, wurden die Verhandlungen abgebrochen, und

Abd el Djelil verband sich in Folge davon mit Rhuma. Als aber 1840 schon

in der Person von Asker Pascha wieder ein neuer Pascha als Gouverneur kam,

wurde ein anderer Vertrag mit den beiden Chefs gemacht, in Folge dessen

wie früher Abd el Djelil 25,000 und Rhuma 5000 spanische Piaster der

Regierung entrichten sollte. Aber wie immer sind die Verträge mit den

Arabern leicht gemacht, geschrieben und beschworen, wenn es jedoch zur

Ausführung derselben kömmt, sind sie gegen Gleichgläubige ebenso

wortbrüchig, als gegen Ungläubige. In Algerien haben die Araberchefs fast

alle Zeit ihre Wortbrüchigkeit gegen die Franzosen damit zu beschönigen

versucht, sie seien nicht gebunden, was aber nach den Lehren des Islam

keinenfalls ganz gerechtfertigt ist, dem Kafr ein gegebenes Wort zu

halten; verfolgen wir aber ihre Handlungen in Tripolitanien, so finden wir

da gegen die Türken, welche doch Rechtgläubige sind, ebenso oft

Wortbrüchigkeit.

Und so auch hier, als es zur Zahlung kommen sollte im Jahre 1841, weigerte

sich sowohl Rhuma als auch Abd el Djelil, die eingegangenen

Verpflichtungen zu erfüllen, und es kam von Neuem zum Kriege. Obschon nun

der Vortheil immer auf Seiten der Türken war, welche eine

wohldisciplinirte Truppe mit Feldartillerie versehen, den unregelmässigen

Araber-Reitern entgegensetzen konnten, so war es doch schwer, der beiden

Chefs habhaft zu werden: Das Terrain war diesen vollkommen bekannt, und

überall zahlreiche Ausgänge und Schlupfwinkel, die den Türken gänzlich

unbekannt waren, zudem zog Abd el Djelil bei irgend einer grösseren Gefahr

sich einfach in die Wüste zurück, wohin die türkische Infanterie und

Artillerie nicht folgen konnte.

Was indess die Pforte mit Gewalt nicht erreichen konnte: eine schnelle

Unterwerfung des Landes mittelst der Waffen, erreichte sie mit List, und

England lieh bereitwilligst seine Hand dazu. Im Jahre 1842 schlug der

englische Generalconsul von Tripolis dem an der Syrte herumstreifenden Abd

el Djelil eine Zusammenkunft am Ufer des Meeres in der Nähe von Mesurata

vor, und dieser im Glauben, England wolle ihn unterstützen, wie es ihn

früher in seiner Rebellion gegen Jussuf Caramanli unterstützt hatte, ging

bereitwilligst auf den Vorschlag ein. Zu Abd el Djelil's Verwunderung

unterhielt der Consul ihn nur von der Abschaffung des Sklavenhandels,

versprach ihm aber auch, wenn Abd el Djelil offen den Sklavenhandel in

Fesan unterdrücken würde, er der Unterstützung Englands sicher sein könne.

Welche Versicherungen Abd el Djelil hierauf gegeben hat, sind wir nicht im

Stande zu berichten, wohl aber wissen wir, dass Abd el Djelil gar nicht in

seiner Macht hatte, den Sklavenhandel in Fesan zu ersticken und dass dies

dem englischen Consulate bekannt sein musste.--Kaum hatte er sich vom

englischen Consul beurlaubt, als eine Armee Asker Pascha's, die heimlich

herangerückt war, über sein Lager herfiel, ihn selbst gefangen nahm und

alle seine Truppen auseinander sprengte. Abd el Djelil wurde enthauptet,

und sein Kopf war mehrere Tage aufgepfählt auf dem Hauptthore Tripolis' zu

sehen. Im selben Jahre und Monat Juli wurde Asker Pascha durch den

Gouverneur Mehemmed Emin Pascha abgelöst. Fesan hatte sich gleich nach dem

Tode Djelil's unterworfen, ebenso auch Rhadames und somit hatte der neue

Gouverneur nur noch den letzten Rebellen Rhuma im Djebel zu bekämpfen.

Auch dies wurde durch List bewerkstelligt, indem der Pascha mit Rhuma

Unterhandlungen anfing, und ihn dann mit dem feierlichen Versprechen eines

freien Geleites nach Tripolis einlud. Sobald aber Rhuma, welcher wirklich

der Einladung folgte, in der Stadt war, wurde er gefangen genommen und

nach Constantinopel geschickt. Als hierauf im Djebel seine treuen Anhänger

revoltirten, wurde der General Ahmed Pascha mit einer Armee vom Gouverneur

gegen sie abgeschickt, und als dieser am Fusse des Djebels angekommen, die

Häuptlinge zu einer Besprechung einlud, liess er sie sämmtlich bei dieser

Gelegenheit hinrichten. 60 blutige Häupter konnte er nach Tripolis

schicken. Zitternd und schaudernd unterwarfen sich nach dieser That, im

Mai 1843, die Bewohner des Djebel. Die Türken errichteten dort einige

Forts, legten darin Soldaten und Artillerie, um so für immer jede neue

Revolte gleich im Keime ersticken zu können. Und so geschah es auch im

folgenden Jahre, wo die Djebelbewohner unter Milud, einem alten Anhänger

von Rhuma, noch einmal versuchten das Joch abzuschütteln. Nichts war seit

dem Jahre 1845 mehr im Stande die Macht der Türken in Tripolitanien zu

erschüttern, die ganze Regentschaft war ruhig und unterworfen.

Nach Mehemmed Emin Pascha wurden die Gouverneure nicht mehr so häufig

gewechselt, erst 1846 wurde derselbe durch Ragut Pascha abgelöst. Und

während früher die Besorgniss und das Misstrauen der Pforte so weit ging,

dass den Gouverneuren nie gestattet wurde, Familie und Harem mit nach

Tripolis zu nehmen, wurde auch dieses Verbot aufgehoben, und man fing an

die Gouverneure meist 4 Jahre im Besitze ihres Amtes zu lassen. So notiren

wir denn, 1848 im December den neuen Gouverneur Iset Pascha, im September

1852 Mustafa Nuri Pascha, im October 1855 Osman Pascha, 1859 Mahmud

Pascha, welcher jetzt Marineminister ist, und welcher 1865 von Ali Riza

Pascha, welcher heute noch functionirt, abgelöst wurde. Unter den

Regierungen aller dieser Muschirs blieb das Land ruhig, Sicherheit[4] war

überall, und Revolten scheinen auf immer den unterjochten Bewohnern

Tripolitaniens vergangen zu sein.

* * * * *

Tripolitanien.

Unter der türkischen Regierung wird seit 1835 die Regentschaft Tripolis

von einem Generalgouverneur, welcher den Titel Muschir hat, regiert. Man

hat zu diesem Posten sowohl Leute aus dem Civilstande, als auch aus dem

Militairstande genommen, und selbst aus der Marine hat man Admiräle schon

als Gouverneure von Tripolitanien gesehen. Der Gouverneur kann nach

Belieben der Pforte abberufen werden, und im Anfange der Eroberung machte

das türkische Gouvernement oft genug Gebrauch davon, jetzt lässt man, wie

schon gesagt, einen ein Mal installirten Muschir meist vier Jahre auf

seinem Platze, was auch keineswegs, um sich mit allen Verhältnissen des

Landes und der Bewohner bekannt zu machen, zu lange ist. Die Gewalt

desselben ist heute nicht mehr eine unbeschränkte, das Recht über Leben

und Tod steht ihm nicht zu, und in der Verwaltung der Provinz steht ihm

die grosse Midjeles oder eine Rathsversammlung zur Seite. Dieser Rath

umfasst die Personen der ersten Aemter, als Richter, Militaircommandant,

oberster Geistlicher u.s.w. Wegen des Muschir kann man über dies nach

Constantinopel an's Ministerium oder an den Grossherrn selbst appelliren,

was jedoch selten Jemand zu thun wagt. Der Muschir bezieht von

Constantinopel sein bestimmtes Gehalt, welches übrigens je nach seinem

anderen Range variirt, als Gouverneur soll er fünfzigtausend Francs

Einkommen haben.

Das in Tripolis stationirte Militair steht unter einem selbständigen

Commando, und der Oberst-Commandirende hat gewöhnlich den Rang eines

Generallieutenants. Meist sind nicht mehr als 6000 Mann regelmässige

Truppen vorhanden, Infanterie und Artillerie. Diese werden immer aus

anderen Provinzen des Reiches hergezogen, während die in Tripolitanien

ausgehobenen Truppen in den übrigen Theilen des Reiches zur Verwendung

kommen. Während dem Muschir nicht zusteht in die innere Administration der

Truppen einzugreifen, so hat er indess die Macht über ihre Garnisonirung,

und im Falle von Revolten, ertheilt er den Befehl zum Marsch und Angriff.

Die in Tripolitanien bestehende Bürgermiliz, wie die z.B. der Mschia[5],

wo jeder Mann geborner Soldat ist, dann die der Gensd'armen, Kavassen,

Saptién u.s.w., stehen unter dem directen Befehl des Muschir's.

Was die Finanzen anbetrifft, so werden sie unabhängig vom Muschir

verwaltet, und stehen unter der Leitung des Mohasebdji oder Chasnadar,

welcher von dem Finanzministerium in Constantinopel seine Bestallung

erhält, und demselben die Einnahmen abzuliefern hat, ebenso ist auch die

Douane unabhängig vom Generalgouvernement verwaltet.

Die Einkünfte von Tripolitanien sind nicht genau bekannt, indess bringt

das Land reichlich soviel auf, als die Beamten und das dort stationirte

Militair an Gehalt und Sold erfordern, und in den meisten Jahren kann noch

ein hübscher Ueberschuss nach Constantinopel abgeliefert werden.

Durchschnittlich kann man den Ueberschuss auf jährlich 600,000 Francs

anschlagen. Im Kriege gegen Russland erhob die Pforte zudem eine

Extracontribution von 2,608,700 Francs. Die Einkünfte gehen hervor aus den

directen Abgaben, welche von allen Producten des Bodens erhoben werden,

und der Judensteuer, welche den einzelnen Gliedern dieses Glaubens von

ihrem Rharham-Baschi oder Gross-Rabiner zugemessen wird. So zahlt z.B.

jeder Oelbaum und jede Palme 2½ Piaster (und wenn es eine Lakbi gebende

Palme ist, 5 Piaster), jedes Kameel 40 Piaster, jedes Rind 20 Piaster, 10

Schafe; 40 und 20 Ziegen 40 Piaster jährlich. Dass hierbei viele

Umgehungen stattfinden, ist schon an anderen Orten erwähnt worden.

Die indirecten Abgaben, welche meist vom Gouvernement als Monopol dem

Meistbietenden zugeschlagen werden, gehen hervor aus der Douane, die 5

Proc. Eingangszoll und 12 Proc. Ausgangszoll erhebt, aus dem Rechte

Spirituosen zu machen und zu verkaufen, aus der Stempelung des Goldes und

Silbers, welches, gleichviel ob alt oder neu, verarbeitet oder roh,

geaicht sein muss, aus der öffentlichen Wage, da alle Sachen, welche en

gros verkauft werden, durch einen Amin gewogen werden müssen; aus dem

Fischertrage, indem alle Fische, welche auf den Markt gebracht werden, 8

Proc. ihres Werthes abgeben müssen; aus dem Fleische, welches ein Pächter

sowohl der Armee zu einem im Voraus bestimmten Preise das ganze Jahr

liefern muss, als er auch ausserdem von jedem Schafe 2½ Piaster und von

jedem Rinde etwa 10-17½ Piaster, je nach der Grösse beim Schlachten geben

muss, endlich aus dem Tabacks-Monopole und der Hara, d.h. das Vorrecht,

den Dünger und die Unreinlichkeit aus den Städten zu schaffen. Dass die

Einnahmen der indirecten Abgaben gar nicht gering sind, geht aus einer vom

holländischen Generalconsul v. Testa zusammengestellten Tabelle vom Jahre

1851/1852 hervor, nach welcher die gesammten eben aufgeführten Monopole

die Summe von 1,352,000 Francs für's Gouvernement ergeben. Zugleich

ersehen wir aus denselben, dass die Einkünfte, folglich der Reichthum von

Tripolitanien von Jahr zu Jahr zunehmen. Das eben Angeführte gilt für alle

Städte und Orte, nur mit dem Unterschiede, dass die Grösse der erhobenen

Abgaben, je nach dem Gouverneur oder Kaimmakam oder Mudir wechselt, indem

zwar in den Liva auch die Finanzen nicht direct unter dem Kaimmakam

stehen, derselbe aber in der Regel mit dem Kateb el mel oder Zahlmeister,

welcher die Einnahmen unter sich hat, im Bündnisse ist. Ausserdem werden

in den verschiedenen Liva noch andere Abgaben erhoben, so liess sich z.B.

im Jahre 1865 der Kaimmakam von Fesan für jeden durchziehenden Sklaven ein

Kopfgeld von 40 Piaster zahlen und erlaubte seinem Kavass-Bascha oder

Polizeidirector am Thore noch 5 Piaster für jeden durchziehenden Sklaven

zu erheben. Bewaffnete Araber mussten für eine Flinte am Thore auch 2

Piaster zahlen und dieser Brauch ist in Tripolis selbst auch, wenn wir

nicht irren.

Die Exportation von ganz Tripolitanien kann man durchschnittlich jetzt im

Werthe von 10-12 Millionen veranschlagen, die der Importation im Werthe

von 5-6 Millionen, was eine Gesammtsumme von 15-18 Millionen Francs

ergiebt. Mircher, der für die Stadt Tripolis die Gesammtsumme von

5,500,000 Francs angiebt, ist viel zu niedrig in seiner Schätzung. Dann

sind aber auch die anderen Städte, wie Mezurata, Bengasi und Derna gar

nicht bei ihm in Betracht gezogen.

Die Rechnung und das Geld in Tripolitanien sind jetzt eben so wie im

übrigen türkischen Reiche. Die kleinste Münze ist der Para, die jedoch

bloss noch imaginär existirt, man findet dann zehn Para-Stücke, Bu-Aschra-

und zwanzig Para-Stücke, Bu-Aschrin genannt. Zwei Bu-Aschrin machen den

türkischen Piaster und fünf Bu-Aschrin einen tripolitanischen Girsch

(Groschen), 6 Bu-Aschrin nennt man Sbili. Es existiren auch einzelne

Girsch und Sbili-Stücke. 10 Bu-Aschrin werden Baschlik genannt und solche

Stücke existiren auch. 40 Bu-Aschrin oder 20 constantinopolitanische

Piaster machen den Mahbub, solche Stücke existiren als Silbermünze. Als

Goldmünze kommen 5 Mahbub-Stücke und 1 Mahbub-Stücke vor. Man sieht sie

indess selten.

Die Scheidemünzen, Bu-Aschrin, Sbili und Baschlik sind alle von schlechter

Alliage, die Mahbub-Stücke haben denselben Silbergehalt wie die

französischen Silbermünzen.

Englisches und französisches Gold und Silber wird überall zu voll

angenommen, am allgemeinsten ist jedoch der Maria-Theresien-Thaler

verbreitet.

Als Gewicht dienen die Oka und das Rotol von Tripolis. Eine Oka hat 2½

Rotol und 100 Rotol bilden einen Cantar (Quintal), der also 40 Oka hat.

Das Rotol wird in 16 Okia oder Unzen untergetheilt.

Beim Längenmass bedient man sich der türkischen Pic, eine Pic ist gleich

einer Brabanter Elle und 1½ Pic gleich einem Meter und 1-1/3 Pic gleich 1

Yard.

Zum Kornmessen bedient man sich der Marta, wovon 15 Eine Ueba bilden. Zwei

Marta sind gleich einem türkischen Kilo und 280 Kilo entsprechen 100

Hectolitres oder 83 Kilo = 1 Last.

Das Mass für Flüssigkeiten ist die Jarre, welche 6-1/8 Caraffa hat. Eine

Jarre entspricht 10-2/3 Litres.

Die Gerechtigkeitspflege in Tripolitanien wird von einem Kadhi besorgt,

welcher vom Schich ul Islam in Constantinopel ernannt wird. Dieser Kadhi

hat das Recht, die anderen Kadhi der Provinzialstädte zu ernennen, welche

officiell den Titel Naïb haben. In grösseren Sachen und namentlich wo

Türken mit betheiligt sind, wird überall nach hanefischer Form Recht

gesprochen, während alle Fälle zwischen Arabern, welche dem malekitischen

Ritus anhängen, diesem gemäss entschieden werden. Ausserdem giebt es in

allen grösseren Städten und Orten Adulen, welche eine Art von

Rechtsgelehrten sind und auch Vollmachten und Schriften ausfertigen

können, welche notarielle Kraft haben. Für Criminalfälle wird ein vom

Muschir präsidirtes Medjeles thakik zusammengesetzt, das jedoch die Strafe

des Todes nicht aussprechen kann. Ein anderes Medjeles tedjaret besorgt

streitige Fragen in Handelsangelegenheiten, die angesehendsten eingebornen

Kaufleute sind Beisitzer und wenn die Streitfrage zwischen einem

Eingebornen und einem europäischen Kaufmann stattfindet, so sind im

Medjeles tedjaret, auch europäische Kaufleute als Beisitzer. Die in

Tripolitanien ansässigen Europäer sind nur richtbar von ihren resp.

Consulaten. Kommen aber Fälle vor, wo Europäer mit Eingebornen Händel oder

Zwistigkeiten haben, so wird in der Regel die Entscheidung dem Richter

anheimgegeben, der des _Beklagten_ Obrigkeit ist. Sucht also ein

Eingeborner Recht gegen einen Europäer, so muss er sein Recht beim Consul

holen, hat hingegen ein Europäer eine Klage gegen einen Eingebornen, so

muss er beim mohammedanischen Kadhi sein Recht suchen, dass Letzterer, da

er fast immer vom Consul unterstützt wird, meist im Vortheil ist, wird

einleuchtend sein, wenigstens in den meisten Fällen, wo der Europäer

Kläger ist.

Bei der mangelhaften Kenntniss des Bodens von Tripolitanien, kann es uns

nicht einfallen hier eine allgemeine physicalische Geographie des Landes

geben zu wollen, wir beschränken uns auf statistische Angaben und führen

nur an, dass der Raum von der ganzen Regentschaft wenigstens so gross wie

ganz Deutschland ist, falls man Wüste dazu rechnet. In der That ist aber

auch der grösste Theil des Bodens Sherir, Hammada, Sand oder steiniges

jeder Vegetation bares Gebirgsland. Dieses im Süden hauptsächlich in den

Schwarzen Bergen und dem Harudj vertreten, streift von Westen nach Osten

seiner Hauptrichtung nach. Durch eine Hochebene vom Djebel, den man

versucht wäre den östlichsten, letzten Ausläufer des Atlas zu nennen,

finden wir dies Gebirge mit Humus und rothen Thon, folglich mit Vegetation

bedeckt. Von diesem nördlich gelegen besteht die Ebene bis am

Mittelländischen Meere aus Alluvialboden, ebenso scheint es mit dem Boden

um die grosse Syrte zu sein, denn Sebchaboden allein würde schwerlich so

gute Weiden haben, wie sie dort nach den Aussagen der Nomaden sein sollen.

Allerdings ist die Stadt Tripolis gleich hinter den Palmgärten von

Sanddünen umgeben, indess bilden diese Sandanhäufungen nur einen einige

Stunden breiten Gürtel, dahinter hat man bis an's Gebirge Tel-Formation,

den fruchtbarsten Boden. Nach Süden zu erstreckt sich dann der ackerbare

Boden selbst noch über die Berge hin hinaus; im ued Sufedjin wird alle

Jahre noch geackert, nach Westen geht der Tel in den Tunesischen über,

nach Osten zu über das in's Meer stürzende Gebirge hinweg, nach Mesurata

und dem Ufer der Syrte zu.

Eigentliche Flüsse sind in ganz Tripolitanien nicht vorhanden. Die

bekanntesten sind die von Südwesten nach Nordosten in die grosse Syrte

fliessenden ued Sufedjin und ued Semsem. Der Sufedjin bekömmt zum Theil

seine Zuflüsse vom Südrande des Djebel, zum Theil aus dem Rande der

Hammada el hamra, aus letzterer und dem Harudj-Gebirge entspringt der

Semsem. Der ued el Cheil, später im unteren Laufe ued el Bei genannt, wäre

noch zu erwähnen, und wahrscheinlich sind in der sogenannten Syrtenwüste

noch längere Flussläufe, von denen wir hier nur den Harana und Schegga

nennen.

Die in der Wüste vorkommenden uadi, von denen ich in Fesan das Schati, das

uadi schirgi und u. rharbi anführe, möchte ich kaum als solche bezeichnen,

sondern sie wie das von Gatron eher als Depression ohne bestimmte

Abdachung annehmen. Cyrenaica, welches obschon politisch zu Tripolitanien

gehörend, ein Land für sich bildet, soll später besonders beschrieben

werden. An Mineralien hat bis jetzt nichts in der Regentschaft entdeckt

werden können, mit Ausnahme einer ergiebigen Schwefelmine[6] an der

grossen Syrtenküste, dessen Ausbeutung jedoch vom türkischen Gouvernement

untersagt wurde. Natron-Sebcha giebt es in Fesan und zum Theil hat sich

das Natron einen Weg bis Tripolis gebahnt, von wo es bisweilen exportit

wird. Eben so giebt es einige Salpeterminen, die aber auch noch nicht

ausgebeutet sind.

Die Pflanzenwelt ist reich und könnte, bei besserer Bearbeitung des Bodens

das Land mit allen anderen an der Nordküste von Afrika concurriren machen.

Natürlich ist dieselbe, je nach dem Boden sehr verschieden. Während in den

Oasen der Wüste die Producte der heissen Zone Indigo und die

Sudan-Kornarten vortrefflich gedeihen, auf den Bergen und Hochebenen die

Früchte und Kornarten der kalten gemässigten Zone gezogen werden können,

kommen in den Ebenen am Meere und den nördlichen Bergabhängen alle

Früchte, Getreide und Gemüse des gemässigten Klima's trefflich fort. Der

Dattelreichthum des Landes, sowohl die der Oasen, wie die der

Küstenstriche, ist unerschöpflich. Orangen, Citronen sind in all' den

verschiedenen Arten vorhanden und namentlich hat die Blutorange und die

feine Mandarinorange sich Bahn auf europäische Märkte gebrochen. Die

Weintrauben und Feigen des Djebel sind von vorzüglicher Güte und wenn die

Cultur des Oelbaums hinter der von Tunis zurücksteht, so ist der Umstand

Schuld, dass in Cyrenaica, wo dieser Baum so herrlich gedeiht, dieselbe

derart vernachlässigt oder vielmehr ganz aufgegeben ist, dass dort die

Oelbäume nur noch verwildert vorkommen. Baumwolle und Taback kann überall

producirt werden, wird aber bis jetzt nur sporadisch gebaut; Ueberschuss

zur Ausfuhr giebt nur der Getreidebau, obschon wie überall die Bestellung

der Aecker durch die Araber auf die primitivste Art geschieht; von

Kornarten wird nur Weizen und Gerste gebaut. Die Gemüse, welche in Europa

gezüchtet werden, gedeihen auch in Tripolitanien und wenn die

Communication geregelter wäre, könnte im Winter von Tripolis aus der

europäische Markt ebenso gut mit Gemüse versorgt werden, wie es jetzt von

Algerien aus geschieht. Von den wildwachsenden Pflanzen hat man bis jetzt

nur eine Geraniumart benutzt zur Bereitung von Essenz, die überall und

massenhaft wachsende Artemisia könnte auf gleiche Weise mit Vortheil

benutzt werden.

Das Thierreich ist ebenso mannigfach. Die Pferde, meistens Grauschimmel

und von mittlerer Grösse, sind eine durch Berber- und Araber-Pferde

hervorgebrachte Kreuzung. Ausdauernd und schnell in ihren Bewegungen, sind

sie meistens ohne Tücke und zum Reiten vortrefflich geeignet. Die

Tripolitaner Esel, obschon nicht gross, sind berühmt. Das Rind ist kleiner

Art, milcharm, aber so reichlich vorhanden, dass davon exportirt werden

kann. Die Schafe sind alle Fettschwänze, und haben eine ausgezeichnete

Wolle, in die Oasen versetzt, verlieren sie diese jedoch im zweiten Jahre;

die Ziegen sind ebenfalls klein und milcharm, von beiden sind aber auch so

grosse Heerden vorhanden, dass davon exportirt werden kann, überdies kommt

die Wolle auch auf europäische Märkte. Das Kameel, ebenfalls durch die

ganze Regentschaft verbreitet, ist das aus Arabien eingeführte

einhöckrige. Andere Hausthiere und Geflügel sind dieselben wie in Europa.

Von wilden Thieren nennen wir die verschiedenen Antilopenarten, auch

überall verbreitet, Kaninchen, Hasen, Hyänen, Schakal, Füchse, wilde

Katzen, Lynxe, Ratten, Springratten, Stachelschweine und wilde Schweine.

Löwen und Panther kommen _nirgends_ in Tripolitanien vor. Unter den Vögeln

heben wir hervor: Adler, Falken, Fledermäuse, Eulen, Raben, Stieglitze,

Sperlinge, Nachtigallen, Canarienvögel, Schwalben, Tauben verschiedener

Art, Enten, Gänse, Schnepfen, Rebhühner, Wachteln, Bachstelzen, Flamingos

und vor allen den Strauss. Schildkröten verschiedener Art findet man in

der Djefara, Eidechsen, Schlangen, oft wie die Hornviper, sehr giftig,

aber meist kleiner Art, Scorpione und Spinnen, von welcher letzteren eine

in der Wüste vorkommende sehr grosse Art zu erwähnen ist, kommen überall

vor. Heuschrecken, welche oft zur Landplage werden, andererseits als

Nahrung dienen, sind von verschiedenen Arten heimisch, Bienen sind im

wilden Zustande, namentlich in den bewaldeten Bergen, Libellen trifft man

überall, auch an den Quellen in den Oasen, Stechmücken, Fliegen in

unaussprechlicher Zahl, Pferdebremsen, kriechende und hüpfende, den

Menschen anhaftende Parasiten sind sehr verbreitet. Zu bemerken ist

übrigens, dass der Floh die Region der Wüste, wo es nicht regnet, meidet.

In den Sümpfen und den meisten Quellen, selbst die der Oasen nicht

ausgenommen, findet sich der Blutigel. In Fesan ist noch im Behar el daud

ein Wurm zu nennen, den die Eingebornen essen.

Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band · 第 3 / 11 段