Nasomonen, welche um die grosse Syrte nomadisirten und uns als verwegene
und gefährliche Seeräuber geschildert werden. Unter Augustus bekriegt,
verschwinden sie von der Seeküste und statt ihrer führt Ptolemäus die
Makakutae und die höhlenbewohnenden Lesaniki an, die Nasomonen verlegt er
weiter ins Innere. Westlich von den Nasomonen grenzten die Psylli und von
diesen wieder westlich die Maccae. Im äussersten Westen des heutigen
Tripolitanien waren nach Scylax die Lotophagen. Andere Völkerschaften
werden von Herodot und Ptolemäus im Innern genannt, als die Machlyes,
Auses, Nigintini, Astskures etc. Am bekanntesten von allen waren jedoch
die Garamanten, welche wir heutzutage, wenn auch nicht in Tripolitanien,
so doch im Stamme der Tebu südlich davon deutlich wiedererkennen. Aus
allen Angaben aber müssen wir schliessen, dass die Garamanten früher das
ganze heutige Kaimmakamlik Fesan inne hatten.
Während die Kenntniss von den Garamanten unter den Griechen sich gänzlich
verlor, tauchte dieses Volk unter römischer Herrschaft wieder auf, und wir
finden nun auch zum ersten Mal den Namen Fesan, Phasania genannt, erwähnt.
Plinius führt uns eine Menge Städte und Oerter der Garamanten auf mit der
Hauptstadt Garama. Ob übrigens die Garamanten eine so grosse Ausdehnung
gehabt haben, wie die Alten es annehmen und auch noch einige Gelehrte der
Neuzeit, möchte nicht ganz erwiesen sein, man müsste denn ganz Bornu als
ihnen damals unterworfen betrachten. Die Hauptstadt Garama finden wir im
heutigen Djerma in Fesan wieder, auch Krema in Tibesti erinnert an Garama,
sowie Berdoa an Borde in eben dem Lande.
Zu diesen an der Küste wohnenden Libyern, welche von den Römern Numider
(vom Worte [griechisch: nomades], herumziehende Völker) genannt wurden,
kamen zur Zeit der trojanischen Kriege phönicische Handelsleute: so
entstand Leptis, Oea, Sabratha und die wichtigste Colonie von allen,
Carthago. Während so die Geschichte Tripolis' mit der von Carthago eng
Hand in Hand geht, sehen wir dann, wie Massinissa, ein numidischer König,
sich mit Hülfe der Römer an der Küste ein unabhängiges Königreich gründet.
Nach dem zweiten punischen Kriege war er Herrscher fast des ganzen heutigen
Tripolitanien mit Ausnahme von Cyrenaica. Die Empörung Jugurtha's, des
Enkels von Massinissa, gegen römische Vormundschaft, die Herrschaft Juba's
führten dann diese Länder bald gänzlich in die Gewaltherrschaft der Römer.
Mit dem Einbruche der Vandalen und später der Araber wurde das
Christenthum, welches an der ganzen Nordküste von Afrika in mehr denn 500
Bischofssprengeln gelehrt wurde, zu Grabe getragen; und im Jahre 647
erschien Abd Allah, vom Kalifen Otman geschickt, unter den Mauern
Tripolis'. Im Jahre 680 sehen wir alle Berberstaaten durch Akbah
unterworfen, und im neunten Jahrhundert finden wir die Aglabiten in
Tripolis herrschend. Obgleich nun die Stadt vom tapferen Normannenkönig
Roger im Jahre 1146 den Mohammedanern wieder entrissen wurde, bemächtigten
sich unter Abd el Mumin schon im Jahre 1159 wieder die Almohaden des
Ortes. Darauf unter dem Scepter von Abu Fares von Tunis, eroberten 1510
die Spanier die Stadt unter Peter von Navarra. Dieser schleppte alle
mohammedanischen Einwohner fort, Carl V. erlaubte ihnen jedoch
zurückzukehren und die Stadt, zwar ohne Wälle, wieder aufzubauen. 1530
wurde Tripolis von Carl V. an die Malteser Ritter gegeben, aber schon drei
Jahre darauf vom berüchtigten Seeräuber Barbarossa erobert; dieser wurde
jedoch von Carl wieder vertrieben und bis 1551 blieb sie unter der
Herrschaft des Malteser Kreuzes, um in diesem Jahre für immer durch den
türkischen Admiral Sinan Pascha dem Halbmonde unterworfen zu werden.
Zwar hatten die Türken auch nicht viel Ruhe und Frieden, schon acht Jahre
darauf empörte sich ein Scherif und wurde nur nach vielen Anstrengungen
unterdrückt. Ausserdem kam es jetzt der häufigen Seeräubereien der
Tripolitaner wegen zu häufigen Conflicten mit den christlichen Mächten.
Durch Verträge geschützt waren nur die Engländer und Franzosen, aber auch
diese mussten von Zeit zu Zeit Expeditionen senden, um mit Gewalt die
Aufrechthaltung der Verträge zu erzwingen. So sandte Cromwell im Jahre
1655 den Admiral Blake, um Genugthuung zu fordern; 1675 erschien Sir John
Narborough vor Tripolis, um begangene Verräthereien der Piraten zu
züchtigen. 1683 zerstörte der französische Admiral Duquesne im Wasser von
Tripolis eine grosse Zahl von Piratenschiffen, und zwei Jahre später legte
sich d'Estrées vor die Stadt und bombardirte sie; erst nach Abschluss
eines Vertrages und nach Zahlung von 500,000 Fr. hob d'Estrées die
Belagerung auf.
Im Jahre 1714 trat endlich für Tripolis ein wichtiges Ereigniss ein.
Hammed Caramanli, ein Araberchef, der zugleich Häuptling einer
Reiterabtheilung war, unter dem türkischen Pascha, benutzte dessen Reise
nach Constantinopel, um sich zu empören und unabhängig zu machen. Durch
List hatte er die türkischen Soldaten aus der Stadt zu entfernen gewusst,
und dann zu einem grossen Feste, was an Beamten und Officieren übrig
blieb, eingeladen. Als die Türken sich, der Einladung folgend, zu Hammed
Caramanli begaben, wurde einer nach dem andern beim Eintreten in sein Haus
getödtet, und wer sonst von den Türken noch übrig war, wurde am folgenden
Tage ermordet gefunden. Die Zahl der Eingeladenen zum Festessen betrug
allein 300 Personen, welche alle erdrosselt wurden. Hammed schickte nun
gleich grosse Geschenke, das Eigenthum der ermordeten Personen, nach
Constantinopel, und der Grossherr hatte die Schwäche, seine Regierung
anzuerkennen und zu bestätigen.
Die Caramanli's haben dann die Regierung bis zum Jahre 1835 inne gehabt.
Aber auch unter den Caramanli's gestalteten sich die Verhältnisse mit den
christlichen Mächten nicht gleich von vornherein günstig. 1728 schon sah
Frankreich sich genöthigt unter Grandpré von Neuem eine Flotte gegen
Tripolis zu schicken, welches von seinem alten Piratenunwesen nun ein Mal
nicht lassen wollte. Im Jahre darauf wurde ein neuer Vertrag geschlossen.
1766 musste Prinz Listenois im Auftrage der französischen Regierung für
erlittene Unbill Genugthuung verlangen, und erhielt dieselbe. Im Jahre
1745 war der zweite Sohn Ali seinem Vater Hammed Caramanli gefolgt. Im
Jahre 1790 wurde sein ältester Sohn von seinem jüngsten Sohne Jussuf
getödtet, worüber ein blutiger Civilkrieg ausbrach; Jussuf hatte aber
durch einnehmendes Wesen und Geldbestechungen sich einen so grossen Anhang
zu verschaffen gewusst, dass Ali, um dem Kriege ein Ende zu machen, seinem
Sohne, dem Brudermörder, verzieh und in Gnaden wieder aufnahm. Von anderer
Seite aber drohte ihm Gefahr und hätte bald schon die Regierung der
Caramanli's beendigt. Ein Abenteurer Namens Ali Bugul, landete 1793 in
Tripolis und bemächtigte sich durch Verrath und Ueberrumpelung der Stadt.
Keineswegs von der türkischen Regierung abgeschickt, scheint Ali Bugul
geheime Unterstützung des Kapudan Pascha's gehabt zu haben. Der nach Tunis
geflüchtete Ali Caramanli fand aber Hülfe beim Bei, derselbe kam nach
Tripolis, vertrieb Ali Bugul und setzte die Caramanli wieder ein. Ali
Bugul floh nach Aegypten. Der alte Ali Caramanli nahm aber die
Regentschaft nicht wieder auf, sondern übergab dieselbe seinem zweiten
Sohne Hammed, welcher aber gleich darauf vom Brudermörder Jussuf
vertrieben wurde.
Während der französischen Expedition nach Aegypten, stand Tripolis im
Geheimen zu den Franzosen, General Vaubois auf Malta, wurde während der
Belagerung mit Lebensmitteln unterstützt. Als Jussuf Pascha nachher durch
die Drohungen der Engländer gezwungen, offen den Krieg an Frankreich
erklären musste, instruirte er heimlich seine Corsaren den französischen
Pavillon zu schonen. Ja, es scheint, als ob Napoleon einen Augenblick
daran gedacht habe, seine Armee durch Tripolitanien aus Aegypten zu
ziehen. 1801 wurde von ihm ein gewisser Xavier Naudi, geborner Malteser,
nach Tripolis geschickt, und derselbe schloss mit Jussuf am 18. Juni des
Jahres Frieden. In den Stipulationen war hauptsächlich die freie
Communication von Gütern und Personen zwischen Tripolitanien und Aegypten
betont. Die bald darauf erfolgende Räumung der französischem Truppen
machten jedoch diese Clausel überflüssig.
Im Jahre 1819 wurde durch Freemantle und Jurien de la Gravière der
Regentschaft die Beschlüsse von Aachen mitgetheilt, wie das in Algier und
Tunis geschehen war, und Jussuf, besonders da man das Recht schwarze
Sklaven zu halten und zu kaufen nicht antastete, nahm offen alle
Bedingungen an. Es war hiemit ein grosser Schritt gewonnen. Denn durch
diesen Vertrag bekommen zum ersten Male die Schiffe der kleinen Mächte,
wie Toscana, der Kirchenstaat, die Hansestädte, Hannover und Preussen,
dieselbe Berechtigung wie die Fahrzeuge der Staaten, welche wie
Oesterreich, Frankreich und England Verträge mit den Berberstaaten hatten.
Wenn mit diesem Aachener Vertrage ein für alle Mal die Piraterie
aufgehoben war, so waren damit alle anderen demüthigenden Verträge auch
vernichtet. Ich schreibe das Wort "demüthigend", denn obwohl seit
Jahrhunderten Engländer, sowohl wie Franzosen mittelst ihrer Flotte die
Macht gehabt hätten, längst die Piraterie zu zerstören, und diese
Raubstaaten bei wiederholten Gelegenheiten dem Erdboden hätten
gleichmachen können, so schlossen sie doch selbst die schimpflichsten
Verträge ab, bloss um den Handel der kleinen christlichen Mächte, welche
keine Kriegsflotte zum Schutze ihres Handels hatten, gänzlich zu
vernichten. Was sagt man dazu, dass in dem am 2. Aug. 1729 zwischen
Frankreich und Tripolis geschlossenen Frieden festgesetzt ist: "dass die
Corsaren _französische_ Pässe vom _französischen_ Consul erhalten, um sie
vor den französischen Kriegsschiffen zu sichern, dass sie in den
französischen Häfen Schutz finden können, aber nur Prisen in der
Entfernung von 10 Meilen vom französischen Ufer machen dürfen. Die
französischen Kriegsschiffe dürfen die Piratenschiffe untersuchen, aber
das Durchsuchungsrecht ist auch den Piraten für die französischen
Kauffahrer gewährt." Es versteht sich von selbst, dass alle Schiffe,
welche nicht französisch oder englisch waren, den Piraten als verfallen
betrachtet wurden. Mit dem Jahre 1819 waren solche Zustände glücklicher
Weise überwunden.
Im Anfange der zwanziger Jahre hatte Jussuf eine Rebellion seines Sohnes,
welcher Statthalter in Bengasi war, zu unterdrücken, und übermüthig
geworden, glaubte er nun an Sardinien einen leicht zu besiegenden Gegner
gefunden zu haben. Dieser Staat war interimistisch durch einen Agenten in
Tripolis vertreten, und als dieser sich weigerte, das übliche Geschenk an
den Pascha zu entrichten, liess Jussuf seinen Pavillon herabziehen, und
erklärte Krieg an Sardinien. Es dauerte aber nicht lange, so erschien
Admiral Sivoli mit sardinischen Schiffen vor Tripolis, und Jussuf Pascha,
jetzt eingeschüchtert, wollte durch das englische Consulat unterhandeln,
verlangte aber dummerweise zum Segen des Friedensschlusses gleich von
vornherein die Summe von 30,000 Piastern. "30,000 Kugeln soll er haben,"
antwortete der tapfere Sivoli und die Beschiessung der Stadt begann
sofort. Es versteht sich von selbst, dass die Sardinier nach kurzer Zeit
erlangten, was sie wollten, der Stolz Jussuf's war gebrochen.
Etwas später kam auch ein neapolitanisches Geschwader vor Tripolis, um für
erlittene Unbillen Genugthuung zu verlangen, aber nicht so energisch wie
die Piemontesen, musste es unverrichteter Sache wieder abziehen.
Durch seine eigenen Unterthanen, die nun einmal die gewinnreiche Piraterie
nicht aufgeben wollten, wurde der Regierung Jussuf's die meisten
Unannehmlichkeiten bereitet; so im Jahre 1826, wo drei unter päpstlicher
Flagge fahrende Kauffahrer gekapert wurden. Der Papst selbst ohnmächtig,
seine Unterthanen gegen die mohammedanischen Seeräuber zu schützen, wandte
sich an Frankreich, und das schickte unter Arnous de Saulsays eine Flotte,
welche die Herausgabe der drei Schiffe bewerkstelligte. Da aber Jussuf
Pascha dem päpstlichen Stuhle ausserdem eine starke Entschädigungssumme
zahlen musste, so suchte er sich durch die kleinlichsten Chikanen an dem
derzeitigen französischen Consul zu rächen. Zu der Zeit war im Innern der
englische Reisende Major Laing ermordet worden, und Jussuf Pascha scheute
sich nicht, den französischen Consul der Mitwissenschaft dieses Mordes und
namentlich des Besitzes der Papiere Laing's anzuklagen. Da Herr Rousseau,
der französische Consul, vom Pascha keinen bestimmten Widerruf erlangen
konnte, strich er seinen Pavillon und schiffte sich nach Frankreich ein.
Der darüber zwischen Paris und London ausbrechende diplomatische
Briefwechsel, hatte eine gründliche Untersuchung des Vorganges zur Folge,
bei der sich die Unschuld des französischen Consuls auf's glänzendste
herausstellte. Das französische Gouvernement benutzte diese Gelegenheit
indess, um Tripolis ein für alle Mal eine tüchtige Lection zu geben, und
einen Monat später als die Einnahme Algiers, erschien Gegenadmiral Rosamel
vor der Stadt und legte der Regierung Bedingungen auf, welche aber trotz
der Demüthigung, welche sie enthielten, angenommen wurden. Frankreich trat
hier als Fürsprecher der ganzen Christenheit auf, denn ausser den
Entschuldigungen, welche der Pascha wegen seiner Verläumdungen machen
musste, wurde die unbedingte Aufhebung christlicher Sklaverei und jeder
Piraterie und die Abschaffung gewisser Geschenke, welche einige kleine
Staaten noch leisteten, decretirt.
Zu diesen äusseren Complicationen, welche den Schatz des Paschas
verminderten, und da sie immer mit einer Demüthigung für die Regierung
Tripolis endeten, dessen Ansehen im Inneren der Provinz schwächten, kamen
nun noch Revolten und Empörungen der eigenen Unterthanen, so dass man
jetzt schon den Untergang des alten Jussuf's voraussagen konnte.
Ein gewisser Abd el Djelil, Kaid der uled Sliman, empörte sich offen 1831,
marschirte auf Fesan los, und bemächtigte sich dieses Landes. Jussuf
schickte seine Söhne Ali und Ibrahim ab, um ihn zu verfolgen, als sie aber
den Djebel Ghorian passirten, empörten sich die Bergvölker, und zwangen
sie zu einer eiligen Umkehr nach Tripolis. Um das Unglück des Pascha's
voll zu machen, präsentirte sich 1832 eine englische Flotte unter Dundas,
und verlangte für rückständige Schulden an britische Unterthanen die Summe
von 200,000 spanischen Piastern. Dem Pascha waren nur 48 Stunden Zeit
gegeben. Da es ihm unmöglich war, diese Summe so schnell zusammen zu
bringen, denn seine Geldnoth war so gross geworden, dass er sogar schon
die bronzenen Kanonen des Forts an die christlichen Kaufleute verkauft
hatte, so zog der englische Generalconsul Warrington seine Flagge ein und
begab sich an Bord des Kriegsschiffes. In dieser argen Klemme liess sich
Jussuf verleiten, die Bewohner der Mschia mit einer Kriegssteuer zu
belegen. Diese, die von Alters her immer von allen Steuern frei gewesen
waren und es auch noch sind, wofür sie jedoch kriegpflichtig waren,
antworteten sogleich mit offener Empörung; aber dabei blieben sie nicht
stehen, sie erklärten Jussuf Pascha für abgesetzt, und zu seinem
Nachfolger Mohammed Caramanli! Zu spät war es jetzt, die Ordre für die
Mschia zurückzunehmen, zu spät, dass er seine Söhne nach Sauya schickte,
um sich an die Spitze der Araber im Sahel, welche sich für ihn erklärt
hatten, zu setzen. Nichts half mehr, Die Mschia blieb in Revolte, und
seine Söhne flüchteten sich zu Schiff nach Tripolis zurück. Obgleich er in
dieser Stadt nun noch 1200 treugebliebene Soldaten hatte, sah er doch ein,
dass er den Umständen weichen müsse, und dankte zu Gunsten seines Sohnes
Ali Caramanli ab.[3]
Die Consulate von Europa setzten sich gleich mit Ali in Verbindung, und
auch Major Warrington, der englische Generalconsul, kehrte nach Tripolis
zurück, sobald er die Abdankung Jussuf's erfahren hatte. Statt aber wie
thunlich, seine Residenz in Tripolis (die Stadt war noch immer belagert)
zu nehmen, bezog er sein in der Mschia gelegenes Landhaus, befand sich
also inmitten der Rebellen. Es ist wohl zu natürlich, anzunehmen, dass
dies absichtlich geschah, jedenfalls schöpften die Rebellen dadurch
Hoffnung für ihre Sache, da sie mit Recht glaubten, England unterstütze
ihre Sache. Durch einen gewissen Mohammed bit el mel, der früher Uisir von
Jussuf Pascha gewesen war, und sich in Malta befand, wurden sie überdies
von dieser Insel aus mit Nachdruck unterstützt. Mohammed bit el mel
rüstete sogar ein kleines Geschwader von drei Schiffen aus, man braucht
wohl kaum zu fragen mit wessem Gelde, indess obschon die Schiffe vor
Tripolis erschienen, konnten sie doch nichts Ernstliches ausrichten.
Während so einerseits durch England unterstützt, die Rebellen der Mschia
den Muth nicht verloren und fortwährend die Stadt cernirt hielten, gewann
anderer Seits Ali Pascha Terrain. Abd el Djelil hatte Verhandlungen mit
ihm angeknüpft, ihm sogar einige Soldaten zur Unterstützung nach Tripolis
gesandt, und ein gewisser Rhuma, der im Djebel sich unabhängig erklärt
hatte, bot ebenfalls unter Bedingungen seine Unterwerfung und Hülfe an. In
Bengasi hatte man sich vollkommen dem neuen Pascha unterworfen und Ali der
Stadt seinen Bruder Otman als Gouverneur geschickt. Um die Unterwerfung
der Provinz noch mehr zu beschleunigen, schickte Ali seinen Bruder Ibrahim
zu Rhuma, und vereint brachen diese gegen Sauya auf, wo sich Mohammed
Caramanli, der Rebellen-Pascha aufhielt. Dieser wurde auch geschlagen, und
wenn jetzt die vereinigten Consulate zu Ali Pascha gehalten hätten, wäre
sicher bald die ganze Provinz wieder dem rechtmassigen Nachfolger von
Jussuf Pascha unterworfen worden.
Aber England hat von jeher eine eigene Politik im Orient verfolgt; wobei
die Hauptsache _die_ war, die Türkei _soviel wie möglich zu kräftigen_,
und gewiss war der Plan, Tripolitanien in die Hände der Pforte zu spielen,
schon längst vorbereitet. Dass es sich dabei hauptsächlich darum handelte,
den Einfluss Frankreichs auf der Nordküste von Afrika zu schwächen, liegt
auf der Hand, denn Frankreich hatte eben erst Algerien erobert, früher
schon mal Aegypten besessen, war also mehr als irgend eine andere Macht
von den Bewohnern Nordafrika's gefürchtet.
Tripolis Stadt wurde den Türken ohne Blutvergiessen in die Hände gespielt.
Eine geistige Suprematie der Pforte, hatten auch die Caramanli immer noch
anerkannt, und obgleich sie unabhängig regierten, sie jährlich durch
Absendung von Geschenken nach Constantinopel bethätigt. Jetzt hiess es auf
einmal, es sei Zeit, dass die Pforte intervenire, um dem Streite der
Parteien ein Ende zu machen. Der Sultan kam nur zu gerne dieser
Aufforderung nach und schickte 1834 einen Gesandten, Schekir Bei, nach
Tripolis, um Aufklärung über die Sachlage zu bekommen. Schekir Bei kehrte
nach Constantinopel zurück, und auf seinen Bericht, wurde Ali Caramanli
als Pascha von Tripolis bestätigt, mittelst eines grossherrlichen Firmans,
und die Insurgenten zugleich aufgefordert, sich ihm zu unterwerfen. Diese
aber waren, durch die Anwesenheit des englischen Generalconsulates in
ihrem Hauptquartiere zuversichtlich gemacht, nichts weniger als
entmuthigt, hatten sogar die Kühnheit, gleich nach dem Abgange von Schekir
Bei, die Stadt zu bombardiren.
Auf dieses hin liess nun die türkische Regierung eine Flotte von
Constantinopel mit 6000 Soldaten nach Tripolis abgehen. Den europäischen
Mächten wurde einfach mitgetheilt, es handle sich nur darum, Ali Caramanli
in Tripolis Achtung und Gehorsam zu verschaffen. Die Flotte, von Nedjib
Pascha commandirt, kam vor Tripolis an und der türkische Befehlshaber
setzte sich gleich mit Ali Caramanli in Verbindung. Dieser, mit allen
seinem Range zukommenden Ehren von den Türken behandelt, gab zu, dass die
Soldaten debarquiren und das Fort besetzen durften, und als er dann sich
selbst, um Nedjib Pascha einen Besuch abzustatten, auf's Admiralschiff
begab, am 26. Mai 1835, wurde ihm einfach seine Absetzung vorgelesen und
ihm gesagt, er würde nach Constantinopel transportirt werden. Am selben
Tage noch verlas Nedjib Pascha den Firman, der ihn zum Gouverneur von
Tripolitanien ernannte, liess die Thore der Stadt öffnen, und die
Rebellion der Mschia war wie ausgelöscht, da Mohammed, der Prätendent,
gleich nach Mesurata floh, und sich dort entleibte.
Aber obschon nun die Türken Herren der Stadt und der nächsten Umgebung
derselben waren, hatten sie damit noch keineswegs die ganze Regentschaft
unterworfen. Angesichts der Eroberung Algiers durch eine christliche
Macht, fühlten jedoch alle Mohammedaner der Nordküste Afrikas
instinktartig, dass allein ein Anschluss an die nach ihrem Glauben
allmächtige Dynastie der Osmanli, sie vor einem ähnlichen Schicksale
bewahren könne. Wir können deshalb auch gleiche Phänomene in Tunis
wahrnehmen, wo Unabhängigkeitsgelüste der Furcht vor einer christlichen
Eroberung die Waage halten. Nur in Marokko sehen wir bei dem Volke das
Bewusstsein seiner Kraft unerschüttert, vermehrt durch den festen Glauben
an das Kalifat seiner Sultane. Und selbst die Niederlage von Isly konnte
im marokkanischen Volke niemals den Gedanken aufkommen lassen, sich
Constantinopel in die Arme zu werfen. In Aegypten hingegen war das Volk
durch Unterdrückung und Sklaverei seit Jahren ganz unzurechnungsfähig
geworden; was aber die Herrscher des Landes anbetrifft, so constatiren wir
hier, schon lange vor 1835, in welchem Jahre sich die Pforte
Tripolitaniens bemächtigte, ein allmäliges Fortschreiten auf der Bahn
gänzlicher Unabhängigkeit.
Und so müssen wir denn, wenn wir die grosse Geschwindigkeit bewundern, mit
der die Türken Tripolitanien zu einer der ruhigsten und sichersten Provinz
des ganzen Reiches gemacht haben, auch nie aus den Augen verlieren, dass
die um ihre Religion besorgten Mohammedaner, so sehr sie auch immer
türkische Raublust und Grausamkeit hassten und fürchteten, andererseits
wenigstens, was den grossen Haufen anbetrifft, von der _Nothwendigkeit_
der türkischen Herrschaft überzeugt waren.
Der erste türkische Gouverneur Nedjib Pascha blieb nur 3 Monate auf seinem
Posten, ihm folgte Mehemmed Raïf Pascha, im August 1835. Seine erste
Massregel, welche er verfügte, war die Ausweisung aller noch lebenden
Caramanlis, resp. ihre Verbannung nach Constantinopel. Otman, von seinem
Vorgänger zum Gouverneur von Bengasi gemacht, entzog sich diesem Schicksal
durch seine Flucht nach Malta. Abd el Djelil verhielt sich um diese Zeit
ruhig im Besitze Fesans, und ebenso Rhuma im Djebel, der Bei Otman von
Mesurata schrieb einen Unterwerfungsbrief, aber damit hatte es auch sein
Bewenden. Schon 1836 wurde wieder ein neuer Gouverneur geschickt, da die
Pforte immer zu besorgen schien, dass ihre eigenen Gouverneurs eine
Unabhängigkeitserklärung versuchen würden, es war Taher Pascha, der sich
hauptsächlich durch seine Unverschämtheit gegen die Europäer auszeichnete,
Intriguen mit Tunis unterhielt, und sogar den Bei von Constantine
unterstützen wollte. Zu seiner Zeit fällt denn auch die Absendung einer
anderen türkischen Flotte unter dem Capudan Pascha Ahmed, welche heimlich
wohl Tunesien zur Unterwerfung unter die Pforte verhelfen, dann auch den
Bei von Constantine unterstützen sollte. Das französische Geschwader unter
Lalande vereitelte dies jedoch, und später hatte Prince Joinville den
Auftrag von seiner Regierung an den Bei von Tunis, dass Frankreich auf
alle Fälle den Status quo aufrecht erhalten würde.