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Von
TRIPOLIS nach ALEXANDRIEN.
BESCHREIBUNG
der im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen
in den Jahren 1868 und 1869 ausgeführten Reise
von
GERHARD ROHLFS.
Mit einer Photographie, zwei Karten, vier Lithographien
und vier Tabellen.
ERSTER BAND.
Bremen, 1871
[Illustration: Marmor-Widder Gefunden in der Oase des Jupiter Ammon 1869.]
Seiner Majestät
DEM KAISER WILHELM VON DEUTSCHLAND
KÖNIG VON PREUSSEN etc. etc.
mit Allerhöchster Bewilligung
in tiefster Ehrfurcht
gewidmet
vom
VERFASSER.
Vorwort.
Seit dem Herbste 1868, in welchem die Reise nach Tripolitanien auf Befehl
des Königs von Preussen unternommen wurde, welche Ereignisse sind da an
uns vorüber gegangen!
Der König von Preussen ist Kaiser von Deutschland geworden; und wenn schon
in den letzten Jahren die Deutschen im Auslande nicht mehr wie Schutzlose
oder als nicht ebenbürtig und gleich berechtigt den übrigen Nationen
gegenüberstanden, um wie viel mehr wird jetzt "Kaiser und Reich", selbst
in den "weitesten Fernen" die Deutschen beschirmen.
Und inmitten dieser gewaltigen Begebenheiten ist auch schon die Nachricht
vom günstigen Resultate der Expedition nach Tripolitanien und nach dem
Inneren von Afrika angelangt: Dr. Nachtigal erreichte mit den Geschenken
glücklich die Hauptstadt von Bornu, Kuka, und wurde, wie zu erwarten
stand, auf's Zuvorkommendste vom Sultan Omar empfangen.
Das vorliegende Buch, Ergebniss der Reise nach Tripolis, und der von hier
aus unternommenen Reise nach Cyrenaica und der Oase des Jupiter Ammon,
sollte ursprünglich Mitte 1870 dem Publicum vorgelegt werden. Die
Kriegsereignisse brachten eine Verzögerung der Herausgabe hervor. Möge
diesem Werke dieselbe günstige Aufnahme und nachsichtige Beurtheilung von
Seiten des Publicums zu Theil werden wie den früheren Arbeiten des
Verfassers.
Gestattet sei mir hier, der Verlagshandlung für die schöne Ausstattung des
Buches meinen Dank auszusprechen, namentlich dafür, dass dieselbe nicht
gescheut hat, ohne den Preis desselben wesentlich zu erhöhen, die
musterhaften Karten von Kiepert, sowie die von G. Hunckel ausgeführten
Chromolithographien beizufügen. Leider konnten die zahlreichen
Photographien, die der Reisende in Cyrenaica aufnehmen liess, nicht
eingeschaltet werden, da der Preis des Buches sich dadurch verfünffacht
haben würde.
_Weimar_, im Januar 1871.
Gerhard Rohlfs
Inhalts-Verzeichniss.
Philippeville, Bone und Tunis
Kurzer geschichtlicher Ueberblick von Tripolis
Tripolitanien
Tripolis
Leptis magna
Bengasi
Berenice, die Hesperiden-Gärten und der Lethefluss
Teucheira, Ptolemais und Reise nach Cyrene
Cyrene
Philippeville, Bone und Tunis.
Es war im Herbste des Jahres 1868, als ich von der preussischen Regierung
den Auftrag bekam, die Geschenke, welche der König für den Sultan von
Bornu bestimmt hatte, nach Tripolis zu übermitteln, um sie von dort aus
mittelst eigener Karavane ins Innere zu befördern. Die mit den letzten
Entdeckungsreisen im Innern von Afrika Vertrauten werden sich erinnern,
dass König Wilhelm, in Anerkennung der grossen Dienste, welche Sultan Omar
von Bornu gegen deutsche Reisende geleistet, beschlossen hatte, diesem
dadurch seine Dankbarkeit zu bezeigen, dass er demselben eine Reihe
passender Geschenke übermachte. Sultan Omar hatte von der englischen
Regierung aus ähnlichem Anlass auch früher schon Geschenke bekommen.
Die preussischen bestanden in einem in Berlin gearbeiteten Thron,
Zündnadelgewehren, Doppelfernglas, Chronometer, Uhren, Bildern der
königlichen Familie, und dazu sollten noch in Tripolis durch Consul Rossi
angeschaffte Sachen kommen, als Rosenessenz, ächte Corallen, Seiden-,
Tuch- und Sammetstoffe. Die von Berlin aus abgegangenen Sachen sollte ich
in Marseille empfangen.
Mein Weg führte mich daher über Frankreich, wo ich namentlich meine
Ausrüstung zu machen hatte, denn nicht nur hatte ich von Tripolis aus den
Abgang der Geschenke einzuleiten, sondern auch die Erlaubniss und Mittel
zu einer Reise durch Cyrenaica und die Jupiter-Ammons-Oase erhalten.
Keine Stadt am mittelländischen Meer nimmt einen so raschen Aufschwung wie
Marseille, besonders hervorgerufen durch den Handel mit der
gegenüberliegenden Colonie. Und was würde Marseille sein, befände sich die
Colonie in einem blühenden Zustande, hätten die Franzosen von Anbeginn der
Eroberung den Grundsatz befolgt: die Araber, vielleicht die Berber, in die
Wüste zu drängen, wohin sie gehören, und so ein freies Terrain für
europäische Cultur und Gesittung geschaffen! Unter diesen Umständen würde
Algerien statt jetzt einige hunderttausend Europäer, einige Millionen
haben. Aber die falschen Grundsätze von Philanthropie, die
civilisatorischen Ideen solcher Leute, welche auf die fanatischen
Eingebornen dieselben Regeln anwenden wollten, welche man auf durch
Jahrhunderte hindurch gereifte Völker anwendet, haben dies alles
verhindert.
Ich will damit nicht sagen, dass die Araber sich nicht civilisiren
liessen; sie haben sicher dieselben Anlagen, Fähigkeiten, Gefühle, wie
wir; aber sie wollen keine Civilisation, ihre Religion erlaubt es nicht.
Und eben deshalb werden sie verschwinden, denn die Civilisation lässt sich
nun einmal nicht aufhalten, und die Völker, welche nicht mit fort wollen,
werden absorbirt oder vernichtet werden. So sehen wir denn auch
unaufhaltsam den Islam seinem Ende entgegen gehen, sowohl Araber als
Türken können sich gegen das Christenthum nicht halten; ohne dass diesen
Völkern ein Zwang angethan wird, gehen sie ihrem Untergange entgegen. Und
selbst in der christlichen Religion sehen wir bei den Völkern, welche
durch die Religion gefesselt sind, ein geistiges Verkommen, einen
Rückschritt; der Franzose sieht und constatirt mit Bangen keine Zunahme
der Bevölkerung, und in Spanien, in Italien, wie sieht es da aus!
Dem Islam gegenüber ist aber selbst die katholische Religion Fortschritt,
deshalb wird auch das mohammedanische Element über kurz oder lang dem
Christenthum in Algerien unterliegen, so sehr sich die französische
Regierung auch Mühe giebt, die Araber zu civilisiren, zu pflegen, zu
begünstigen und auf Kosten der Europäer zu bevorzugen.
Wir fanden in Marseille alles in bester Ordnung, und wie immer die
liebenswürdigste und zuvorkommendste Aufnahme bei unserm deutschen Consul,
Hrn. Schnell.
Wie wenig übrigens sonst von den Marseillern auf deutsche Sitte und
Sprache gegeben wird, geht daraus hervor, dass nicht ein einziges
deutsches Journal im ersten Club der Stadt, dem Cercle des Phocéens,
vorhanden war, von den englischen war nur die Times vorhanden. Die
eigentlichen Marseiller sind eben nur Krämer, keine Kaufleute; der
Grosshandel ist einzig in den Händen eingewanderter Franzosen oder
Schweizer.
Aber grossartig ist die Stadt und hat in Hrn. Maupas, dem vorletzten
Präfecten, einen wahren Haussmann[1] gehabt. Die Präfectur, die neue
Börse, das kaiserliche Palais, das bischöfliche Schloss, ohne viele andere
Gebäude zu nennen, sind alle Prachtbauten, und die neuen Stadttheile, die
Faubourgs mit den beiden grossartigen Häfen Port Napoléon und Joliette
machen Marseille zu einer der glänzendsten Städte des Mittelmeeres.
Und auch die Umgebung hat merkwürdige Veränderungen erlitten. Früher von
kahlen Kalkfelsen bordirt, welche die Meeresufer pittoresk, aber nicht
schön machten, hat man durch sorgfältige Bewässerungen und Auftragen von
Humus grüne, mit Pinien und anderen Bäumen geschmückte Hügel geschaffen,
und der Prado von Marseille ist einer der schönsten der Welt. Wer nach
Marseille kommt, versäume ja nicht, nach der sogenannten Reserve zu gehen,
auf dem Wege nach Toulon längs dem Meere gelegen; eine Restauration, im
grossartigsten Verhältnisse aufgeführt, von der aus man die prachtvollste
Aussicht auf Stadt, Meer und die vorliegenden Inseln hat.
Doch alle diese Einzelheiten sind in den Reisebüchern zu finden, und ich
für meinen Theil hatte Marseille schon so oft gesehen, vom Anfange seines
neuen Daseins an (da wo die prächtigen Häuser unterhalb des bischöflichen
Palais sich hinziehen, hatte ich vor Jahren gebadet), dass ich gar keine
Lust verspürte, den Aufenthalt unnöthig zu verlängern.
Es war mir deshalb sehr erwünscht, dass Consul Schnell sich bereitwilligst
erbot, meine sämmtlichen Kisten nach Malta spediren zu wollen; auf diese
Art wurde es möglich, dass ich gleich am folgenden Tage Passage an Bord
des nach Tunis fahrenden Dampfers nehmen konnte, um so auf diesem Umwege
Malta zu erreichen. Der directe Dampfer sollte erst am 27. November und
mit ihm mein Gepäck abgehen, wir gingen Nachmittags desselben Monats am
20. an Bord. Unser Schiff, Cayd genannt, war kein der Messagerie
gehörender Dampfer, sondern ein von dieser Gesellschaft gemiethetes Boot,
welches der Compagnie der Navigation mixte zugehörte. Klein und mangelhaft
eingerichtet, war das Schiff bis Philippeville mit Passagieren aller
Classen überfüllt, und selbst die erste Classe hatte ein knotiges
Aussehen. Mit Ausnahme eines Engländers, der wie ich nach Tunis wollte und
ein sehr gebildeter und feiner Gentleman war, bestand die ganze Zahl der
Passagiere aus Franzosen. Die zweite Classe war theils mit französischen
Officieren, theils mit Kaufleuten besetzt; das Verdeck war überfüllt mit
Soldaten aller in Algerien üblichen Truppen, mit leichten Frauenzimmern,
welche das Mutterland einer Colonie sandte, und einigen arabischen
Pilgern, welche von Mekka kamen.
Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht lange Zeit, und das Wetter war
andauernd günstig; schon am Sonntag Morgens, den 22. Novbr., waren die
Berge Afrika's in Sicht, und um 2 Uhr lagen wir vor Stora, dem kleinen
Hafenorte von Philippeville. Stora ist für Philippeville derselbe Platz,
der Mers el Kebir für Oran ist, auch die topographische Lage ist fast
dieselbe. Aber sowohl an Wichtigkeit im Verkehr als an Schönheit
übertreffen die beiden Orte der Provinz Oran um ein bedeutendes die der
Provinz Constantine. Die Ausschiffung ging rasch von Statten, da Barken
genug vorhanden waren, und die Araber doch unter französischer Herrschaft
schon ein gutes Theil jener Zudringlichkeit und Unverschämtheit verloren
haben, welche sie da ausgezeichnet, wo sie unter eigener oder türkischer
Herrschaft stehen. Aber nun, wo unser Schiff ruhig auf den glatten Wellen
lag, merkte ich, dass es noch eine berühmte und glänzende Schönheit
beherbergt hatte, die Marquise von G..., eine der ersten Schönheiten am
Hofe Napoleons III. und Ehrendame seiner kaiserl. Gemahlin. Diejenigen,
welche mit dem Hofe Napoleons vertraut sind, werden leicht errathen
können, wer diese hervorragende Schönheit ist, welche hier von ihrem
Gemahl, dem Obersten des 3. Regiments der Chasseurs d'Afrique, empfangen
wurde. Wir liessen uns alle direct nach Philippeville rudern, und die
meisten von uns stiegen im Hôtel d'Orient ab; das heisst, ich schreibe
Hôtel, man denke "Kneipe". In der That merkwürdig genug, wie gleich beim
Betreten der Provinz Constantine die angenehme Erinnerung der so sehr
guten Hôtels in Algier und Oran zu nichte wird. Gerade das Hôtel d'Orient
der Stadt Algier selbst kann mit den grössten Hôtels der grössten Städte
wetteifern, und hier? Ein Zimmer, dessen Wände nur hell getüncht waren,
schmutzige Wäsche, das primitivste Ameublement. Wie wird sich die Marquise
von G..., die so eben aus den glänzendsten Salons von Compiègne kommt,
hier zurecht finden, dachte ich, und doch waren ihre Zimmer, welche sie
mit ihrem Manne innehatte, wohl nicht besser als das meinige. Doch wozu
braucht man Zimmer in einem Lande, wo ewig Frühlingslüfte wehen! Riefs und
ging hinaus auf den Platz, wo die Miliz-Musik gerade eine Pièce aus der
Afrikanerin spielte. Darüber kam der Abend heran und denselben verbrachten
wir, d.h. der Engländer Herr B. vom Foreign Office und ich,
gemeinschaftlich. Wir hatten viele Anknüpfungspunkte zusammen, abgesehen
davon, dass er, wie jeder Engländer, sehr deutsch gesinnt war, kannte er
fast alle meine Bekannten in London und ich die seinigen in Berlin, er war
bei der letzten Reise der Königin nach Berlin in deren Gefolge gewesen.
Wir durchliefen die verschiedenen Cafés, die Strassen und waren Abends
einen Augenblick im Theater, wo zum Besten der Armen ein Ball gegeben
wurde. Herr B. war ein ganz angenehmer Gesellschafter, sprach auch gut
deutsch und französisch, jedoch konnte er es nie lassen, den Engländer
herauszubeissen, wenn's an's Bezahlen ging; dann drang er den Leuten immer
mit Gewalt die doppelte Summe auf, so dass Manche ihn sicher für verrückt
hielten.
Wir weilten noch einen andern Tag in Philippeville; ich verbrachte ihn
damit, die sehr merkwürdigen Alterthümer der Stadt zu besehen. Zum Theil
bestehen dieselben aus grossartigen Cisternen, auf den Anhöhen, welche zu
beiden Seiten die Stadt flankiren, gelegen. Es scheint, dass Philippeville
unter der Römerherrschaft ausschliesslich sein Wasser das ganze Jahr
hindurch aus Cisternen bezog, und selbst heute, wo die Franzosen den Ort
durch eine Wasserleitung versorgt haben, wird noch ein grosser Theil der
Stadt aus den antiken renovirten Wasserbehältern gespeist. Und noch alle
Tage entdeckt man neue Reservoirs. So hat man ganz kürzlich noch hinter
der Commandantur eine der grossartigsten alten Cisternen, vollkommen gut
erhalten, blosgelegt; niemand hatte eine Ahnung davon seit den mehr als 30
Jahren, dass die Franzosen Philippeville besitzen. Die herrlichsten
Bauüberreste von Philippeville finden sich da, wo heute das College
hingebaut ist, und hier hat man auch das archäologische Museum
eingerichtet. Ein Theater, halbzirkelförmig, wie ein ähnliches, aber viel
kleiner, in Verona vorhanden ist, beherbergt jetzt eine Menge werthvoller
Statuen, Sarkophage und Grabsteine, welche mit den zahlreichen, oft gut
erhaltenen Inschriften dem Forscher ein ganzes Blatt aus der Geschichte
vorlegen. Eine fast vollkommen erhaltene Statue eines römischen Imperators
fesselte vor allem unsere Aufmerksamkeit. Herr Roger, der gelehrte
Vorsteher des Museums, glaubt in derselben einen Hadrian zu sehen, Andere
haben einen Caracalla darin erkennen wollen. Ich denke, dass der Grund des
Herrn Roger, ein Vater-, Bruder- und Menschenmörder könne unmöglich eine
so "ausgezeichnete, intelligente und gute Physiognomie gehabt haben,"
nicht stichhaltig ist. Die Geschichte zeigt, dass sehr häufig die
körperlich bestgeformten Menschen die grössten Scheusale waren. Viel
richtiger ist indess Herrn Rogers Behauptung, eine grosse Aehnlichkeit in
den Gesichtszügen der Statue mit den dem Hadrian gewidmeten Münzen
gefunden zu haben. Es sind noch mehrere andere Marmorstatuen aufgestellt,
von denen es jedoch noch unsicherer ist, was sie vorstellen sollen. Ein
einfacher Marmorsarkophag wurde, vollkommen gut erhalten, dicht bei
Philippeville auf dem Wege nach Stora gefunden. Das Skelett befindet sich
im Museum selbst. Andere Sarkophage mit Basreliefs, jedoch ohne Deckel,
sind in grosser Zahl vorhanden. Die Capitäler vom schönsten corinthischen
Laube lassen schliessen, wie reich das alte Rusicade war. Viele dieser
Schätze sind aus der Umgegend hergebracht, zum grössten Theil jedoch in
der Stadt selbst gefunden worden.
In der That muss das alte Rusicade, aus seinen Ruinen zu schliessen, ein
viel bedeutenderer Ort gewesen sein, als wir nach den spärlichen
Ueberlieferungen der Alten glauben sollten. Ptolemäus führt Rusicade nicht
einmal als Colonie auf, aber durch die Peutinger'schen Tafeln erkennen wir
die Bedeutung der Stadt aus den beigemalten Häuschen. Bei Pomp. Mela und
Plinius geschieht ihrer Erwähnung. Nach Vibius soll dicht bei Rusicade der
kleine Fluss Tapsus ins Meer gemündet sein, und dies ist offenbar der
heutige ued Safsaf. Ihr erster Name scheint Thapsa, die Stadt überhaupt
phönicischen Ursprungs gewesen zu sein. Im Alter war sie der Stadt Cirta
von derselben Bedeutung, wie sie es heute als Hafenort für Constantine
ist.
Der Alterthumsforscher findet aber seine eigentlichen Kleinodien im Museum
selbst, und wenn das Gebäude auch schuppenartig aussieht, so birgt es doch
manche Sachen, um welche es die Museen in London und Berlin beneiden
würden. Erst auf Antrieb des Prinzen Napoleon im Jahre 1850 in's Leben
gerufen zu der Epoche, wo dieser gelehrte und die Wissenschaften pflegende
Prinz rein Rundschreiben an die Präfecten von Algerien richtete: "d'aviser
à la conservation des ruines, vestiges et débris de la domination
romaine," hat in der kurzen Zeit von nicht 10 Jahren, unter der
sorgfältigen Hand des Herrn Roger das archäologische Museum einen raschen
und blühenden Aufschwung genommen. Aber um ein solches Werk zu fördern,
gehört auch eben ein Mann dazu, wie es Herr Roger ist. Ich hatte das
Glück, von ihm selbst, der von Stand Architekt und Professor der
Zeichnenkunst am Collegium in Philippeville ist, im Museum herumgeführt zu
werden, und konnte mich überzeugen, mit welcher väterlichen Sorgfalt er
jedes, auch das kleinste Object würdigte.
Und nicht nur hatte er seine Aufmerksamkeit auf alte römische Ueberreste
oder Gegenstände aus der ersten Periode des Christenthums gerichtet; da
finden wir prachtvolle Stalaktiten, Korallen, Krystalle aus der Umgegend
der Stadt, eine Schädelsammlung, ethnographische Gegenstände selbst aus
China; ja in letzter Zeit war es Herrn Roger gelungen, einen echten
Tintoretto, den ein Malteser Marketender im Winde aushängen hatte, für's
Museum zu erstehen, und das zu dem fabelhaft billigen Preise von 3 Francs.
Es soll unzweifelhaft feststehen, dass das Bild von Tintoretto ist, und so
würde es jetzt einen Werth von einigen Tausend Thalern erlangt haben.
Hauptsächlich reich ist die Sammlung von Lampen, einige davon auf dem
Boden mit einem Kreuze versehen, ein Zeichen, dass sie der christlichen
Zeitrechnung angehören; Thränenvasen, Amphoren, Aschenvasen sind in
reichhaltigster Auswahl vorhanden, und täglich werden noch neue gefunden.
Ueberhaupt sind alle Haushaltungsgegenstände vorhanden, Schmucksachen,
Küchengeschirr etc. Dass die Münzen nicht fehlen, versteht sich von
selbst, und besonders ist es der Meeresstrand, der nach heftigen Stürmen
oft eine reiche Ernte giebt für's Museum. Die meisten Münzen sind von
Hadrian, dann von Antonin dem Frommen, Faustin, Maxentius, Constantin dem
Grossen, Constantin dem Jüngern, Marcus Aurelius, Claudius II, Trajan,
Vespasian, Alexander Severus und einzelne von allen Imperatoren. Sehr
zahlreich sind die numidischen Münzen, alle daran kenntlich, dass sie auf
einer Seite ein laufendes Pferd zeigen, meist nach links gerichtet.
Nachmittags besahen wir die Umgegend von Philippeville, welche überall
einen lachenden Garten bildet, und selbst zur Winterzeit hatte der warme
Regen in wenigen Tagen eine so üppige Vegetation hervorgerufen, dass der
Frühling wirklich vor den Thoren zu sein schien. Die Bäume sind meistens
Oliven, Korkeichen und Lentisken, und vom kleinerem Gebüsch findet man die
Zwergpalme und Aloe; Zahlreiche kleine Dörfer umgeben die Stadt, es
scheint aber keines in besonders blühendem Zustande zu sein; wenigstens
sehen die, welche wir besuchten, nur kläglich aus. Will man von der
einheimischen Bevölkerung sprechen, so fällt einem fast die Feder aus der
Hand; die schreckliche Hungersnoth, welche so eben die Araber decimirt hat
und jetzt freilich zu Ende ist, sprach noch aus den Augen fast jedes
Individuums. Zerlumpt, schmutzig, der Körper nur aus Haut und Knochen
bestehend, schleichen sie wie Phantome umher. Aber sie haben schon Alles
vergessen und nichts gelernt, eine nächste Missernte wird ihnen ein
gleiches Schicksal bereiten. Am Hafen lungerten immer Hunderte dieser
halbnackten Kerle herum, und blickten mit stolzer Verachtung auf die
arbeitenden Christen, ohne indess zu stolz zu sein, einem Fremden gleich
die bettelnde Hand entgegenzustrecken.
Hr. B., der Engländer, kehrte noch Nachmittags an Bord zurück, das
Wirthshaus war ihm zu schlecht, und da er seines kranken Zustandes wegen
nicht gehen konnte, also fast die ganze Zeit auf das Hôtel d'Orient
angewiesen war, konnte er auch nichts Besseres thun.
Ich selbst blieb mit meinen Leuten noch bis am andern Morgen und dann
gingen wir zu Fusse nach Stora. Der Weg geht immer längs des Meeres und an
zahlreichen Landhäusern, von hübschen Lustgärten umgeben, vorüber und bei
jeder Drehung des Weges bietet er ein anderes Panorama, dass die vier
Kilometer Entfernung ganz unbemerkt dahin schwinden.
Stora selbst ist ein kleiner Ort von einigen Häusern, und diese sind fast
alle Schnapsläden oder Kaffeehäuser, aber auch eine Kirche und Schule
fehlen nicht, beide hoch über dem Orte gelegen. Der Ort war auch schon in
alten Zeiten besiedelt; eine grossartige Cisterne, von den Römern erbaut
und jetzt renovirt, und eine reizende Marmorfontaine, am Meere gelegen und
von der Cisterne gespeist, bezeugen dies hinlänglich. Noch heute hat die
Cisterne Wasser genug für den ganzen Ort, und die Marmorfontaine strahlt
das Wasser noch ebenso aus, wie zur Zeit der Römer. Von einem hohen
Gewölbe überdacht, ein Gewölbe, welches halb in die Felswand gehauen und
halb aus Ziegeln errichtet ist, aber auch aus den Römerzeiten herstammt,
verbreitet die Fontaine eine so angenehme Kühle, dass ich hier mein
Frühstück auftragen liess und die Zeit verbrachte, bis ich an Bord
zurückging.
Von Zeit zu Zeit kamen die jungen Storenser Mädchen mit ihren
Wasserkrügen, um sie zu füllen, fast alle barfuss und fast alle
italienisches Blut, denn die eigentliche Volksschichte besteht hier meist
aus Maltesern. Sah man aus der künstlichen Grotte heraus, so hatte man das
schönste Bild vor Augen; der ganze herrliche Golf, im Hintergrunde
Philippeville, die auf den Wellen schaukelnden Dampfer, zahlreiche kleine
Fischerboote mit ihren grossen lateinischen Segeln--tagelang hätte ich in
diesem Zauberneste bleiben mögen. Aber die Stunde schlug, der alte
Bootsmann bemächtigte sich des Gepäckes, und wir ruderten wieder auf
unsern Caid los.
Am andern Morgen, der Dampfer war schon gegen Mitternacht angekommen,
lagen wir auf der Rhede von Bone.
Stolz lag die Tochter des alten Ortes Hippo regius vor uns. Hatte der
heilige Augustin wohl geahnt, dass einst nach 1000 Jahren hier wieder das
Evangelium gelehrt werden würde?
Bone liegt jetzt ganz auf der Stelle des alten Hippo, von dem wir wissen,
dass es 5 M. nordwestlich von der Mündung des Ubus- (Seibouse-) Flusses
gelegen war. Der Name Bona, der schon im zwölften Jahrhundert erscheint
und offenbar von [griechisch: hippôn basilikos] gebildet ist, hat jetzt
sich in das französische Bone verwandelt. Von den Tyriern angelegt, ist
der Name Hippo phönicischen Ursprunges. Zuerst den Carthagern botmässig,
wurde von den Römern der Ort Massinissa und seinen Nachfolgern überlassen,
und erhielt zu dieser Epoche den Beinamen regius, theils um nun dies Hippo
von dem nahen Hippo Zaritus zu unterscheiden, theils weil es oft Sitz der
numidischen Könige selbst war. Als die Römer sich später selbst dieses
Landes bemächtigten, blieb Hippo noch eine bedeutende, indess wenig
beachtete Stadt; aber die Häuschen der Peutinger'schen Tafel beweisen auch
hier zur Genüge die Ansehnlichkeit des Ortes.
Der heilige Augustin, der in Tagasta geboren, in Carthago erzogen, hier
als Bischof wirkte, war es, der hauptsächlich die Christen zu jener
heldenmüthigen Vertheidigung gegen den Vandalen Genserich anspornte. Sein
Gebet, nicht in die Hände der Barbaren zu fallen, sollte erfüllt werden:
im 3. Monat der Belagerung starb er. Hippo Regius wurde dem Boden gleich
gemacht; aber Augustin, einer der grössten Kirchenväter, würde allein das
Andenken an Hippo bewahrt haben, wenn nicht in der Neuzeit die
grossartigen Ruinen, die selbst dem Vandalismus nicht erliegen konnten,
Zeugniss von der einstigen Blüthe dieses Ortes gegeben hätten.
Ich nahm sogleich ein Boot und liess mich ans Land setzen, da wir bis
Nachmittag Zeit hatten, und die Strassen der Stadt durchlaufend, kam ich
bald ans andere Ende, wo unter einem alten Aquäduct hindurch und zwischen
lachenden Gärten liegend der Weg zur Pepinière führt. Fast jede Stadt
Algeriens hat eine Pepinière oder Baumpflanzschule. Meist sind dieselben
zu vollkommenen Jardins d'essai ausgebildet, und haben somit für die
Colonisation das Gute, dass die Pflanzer sich nicht mit unnützen Versuchen
abzumühen brauchen. Gedeiht ein Baum gut, oder sieht man namentlich
nützliche Pflanzen im Klima Algeriens anschlagen, so wird das öffentlich
bekannt gemacht und Sämereien oder Stecklinge zur Disposition der Pflanzer
gestellt. Es ist dies gewiss ein sehr nützliches Unternehmen der
Communalbehörden, und namentlich der grosse Garten dieser Art von Algier
selbst hat grosse Verdienste um Einführung früher nicht gekannter
Pflanzen.
Es würde überhaupt zu weit gehen, zu sagen, "der Franzose versteht ganz
und gar nicht zu colonisiren". Der französische Bauer ist, namentlich der
aus dem Norden, ebenso fleissig, wie andere, und die Bearbeitung wird von
den einzelnen ebenso rationell betrieben, wie von uns. Auf den meisten
grösseren Farmen wird jetzt Dampf als Hauptarbeitungsmittel angewendet,
und die Irrigationen, welche man in Algerien findet, sei es durch
Canalisation oder durch das Noria-System, sind bewundernswerth. Will es
trotzdem mit der Colonisation nicht recht vorwärts gehen, so liegt das
theils an der Militär-Administration, theils an der Einrichtung der
Bureaux arabes, welche die Eingeborenen fortwährend auf Kosten der
Europäer bevorzugen. Strassen durchziehen sonst nach allen Richtungen das
Land, und die Hauptörter werden demnächst durch Eisenbahnen miteinander
verbunden sein.
Der Garten ist gross und gut gehalten, und birgt in seinem Innern ein
kleines naturhistorisches Museum, das indess nichts besonderes aufzuweisen
hat. Ein alter römischer Sarkophag, erst kürzlich hieher gebracht, ist die
einzige Reliquie des Alterthums, die man hier aufbewahrt, obschon sonst
die Gegend an Ueberresten der Phönicier, Carthager, Römer und Byzantiner
überreich ist.
Durch einen glücklichen Zufall erfuhr ich, dass General Faidherbe hier
stationirt war, er war es eben, der den Sarkophag hieher hatte
transportiren lassen. Die Bekanntschaft dieses ausgezeichneten, so hoch um
die Geographie von Afrika[2] verdienten Mannes musste also rasch gemacht
werden, und ich liess mich auf das Hôtel der Subdivision, welche Hr.
Faidherbe jetzt commandirte, führen. Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie
zuvorkommend ich vom General empfangen wurde, ich durfte ihn natürlich
während der Stunden meines Aufenthaltes nicht mehr verlassen, und nach dem
Frühstück hatte er die Güte, mich nach den sehenswerthesten Ruinen der
Umgegend zu führen, hauptsächlich zu den grossen Cisternen, oder
vielleicht waren es Bäder, an deren oberen Partie man dem heiligen
Augustin ein hübsches Denkmal errichtet hat. General Faidherbe, der lange
Zeit am Senegal Gouverneur war, theilte vollkommen meine Ansicht, dass die
Neger, wenigstens die nördlich vom Aequator, ein viel besseres Naturell
als die Araber hätten, und für Cultur und Civilisation weit empfänglicher
als diese seien. Er hat sich hauptsächlich mit ethnographischen Studien
beschäftigt und wir verdanken ihm manche wichtige Aufschlüsse über die
Pullo und namentlich verschiedene Berberstämme. Herr Faidherbe war so
aufmerksam, mich bis an Bord zurückzubegleiten, und so konnten wir bis zum
letzten Augenblicke zusammen sein. Gastfrei, zuvorkommend und
liebenswürdig, das sind Eigenschaften, welche man nirgends so sehr wie bei
den Franzosen antrifft.
Die Fahrt nach Tunis ging glücklicherweise rasch von Statten, schon andern
Morgens ankerten wir vor der Goletta. Nach einem Augenblick kam der
Canzler des preussischen Consulats an Bord, um mich in Empfang zu nehmen;
denn um nicht die Unannehmlichkeiten der Tuniser Douane durchmachen zu
müssen, hatte ich von Bone aus telegraphirt und um den Consulatskavassen
gebeten. Nicht nur brachte der Canzler einen Kavassen mit, sondern auf
Befehl des Bei von Tunis hatte der Admiral des Hafens von Goletta eine
Barke zur Disposition stellen müssen, um uns an's Land zu rudern. Ohne
weitere Formalitäten konnte also gleich das Ausbarkiren vor sich gehen,
und die zehn Marine-Soldaten brachten uns rasch an's Land. Ich bemerkte
hier, dass die tunisische Flage nicht die des Sultans der Türkei ist,
während dieser nämlich einen weissen Halbmond und Stern im rothen Felde
führt, hat der Bei von Tunis im rothen Felde eine weisse Kugel, und darin
einen rothen Halbmond und einen rothen Stern.
Gelandet, mussten wir dann dem Admiral aufwarten, und machten da zugleich
die Bekanntschaft des englischen Generalconsuls, Hrn. Wood, und des
französischen Viceconsuls von Goletta. In Tunis ist man schon von der
Sitte des Kaffee's und Tschibuks abgekommen, eine Visite verläuft dort bei
den höheren Beamten oder bei dem Bei jetzt mit derselben Steifheit wie bei
uns.
Bei den Türken und namentlich in den türkischen Provinzen herrscht aber
noch die gute alte Sitte einer Tasse Kaffee, und ein Tschibuk oder eine
Wasserpfeife fehlen nie. Es ist dies aber nicht die einzige Umwälzung, die
in Tunis vor sich gegangen. Seit der Mission des Lords Exmouth nach Tunis,
und seit dem Ultimatum, welches die Grossmächte von Aachen aus am 18.
Novbr. 1818 an Tunis richteten, und das im folgenden Jahre am 21. Septbr.
durch die englischen und französischen Admirale Freemantle und Jurien dem
Bei notificirt wurde, schaffte man zuerst die Piraterie ab. Mahmud Bei gab
nach, und seit der Zeit sehen wir gewaltige Veränderungen in der
Regentschaft vor sich gehen.
Es ist wahr, dass mit dem Vorfahren der jetzigen Dynastie, Hussein ben
Ali, welcher am 10. Juli 1705 auf den Thron kam, eine neue Epoche im
Staatsleben der Regentschaft begann; denn vorher, und dies ist wichtig zu
notiren, hatten alle Regenten von Tunisien den Titel Dei geführt, während
Hussein ben Ali zuerst den Titel Bei annahm. Dei nun bedeutet den nicht
vollkommen unabhängigen Herrscher, während Bei, welches ausserdem einen
sehr weiten Begriff hat, als Regent mit Ausschluss eines jeden andern, die
Vollheit der Autorität in sich begreift. Wenn nun auch in der Reihe der
Regenten, welche von Hussein-ben-Ali (der, beiläufig gesagt, der Sohn
eines griechischen Renegaten war) bis auf den jetzigen Bei, Namens Sadduk,
bei Zwistigkeiten, früher mit der Regierung des Deis von Algier, später
mit christlichen Mächten, manchmal die hohe Pforte um Intervention
angegangen wurde, ja im Kriege gegen Russland das tunisische Gouvernement
es sich nicht nehmen liess, der Türkei ein Hülfsheer zu senden, so sieht
man immer doch, dass die Regierung in dem Sultan der Türken nur eine Art
spirituelle Suprematie erkennen, keineswegs aber von ihm abhängig sein
will.
Seit dem Anfang des 18ten Jahrhunderts ist denn auch gar kein Tribut mehr
nach Konstantinopel bezahlt worden, und die Nachfolge in Tunis geht ganz
ohne Einmischung der Pforte vor sich. Nach Eroberung von Algerien hat
keine Macht die Unabhängigkeitsgelüste von Tunis so sehr unterstützt und
befördert wie Frankreich, und keine Macht hat dieselben so viel wie
möglich einzuschränken gesucht als England. Ersteres Land ging dabei von
dem Grundsatz aus, dass ein kleines unabhängiges Land, noch dazu nächster
Nachbar, im gegebenen Augenblick leichter zu nehmen sei, als wenn ein
gewisses Abhängigkeitsverhältniss zu einem andern Staat, und hier zur
Pforte, bestände. Und aus eben diesem Grunde hat England die Beziehungen
von Tunis zur Türkei wieder enger zu machen versucht.
Tunis, das gerne vollkommen unabhängig sein möchte, zugleich aber auch das
Gefährliche einer solchen Lage Frankreich gegenüber erkannt hat, schwankte
in den letzten Jahren von einer Seite zur andern, dazu kam die
schreckliche Finanznoth, welche freilich noch nicht beseitigt ist.
Es scheint aber, dass jetzt die Regierung von Norddeutschland im Verein
mit England und Italien den französischen Planen gewachsen ist, ohne dass
Tunis genöthigt wäre, sich wieder in die Arme der Türkei zu werfen.
Wenigstens wurden die letzten Anschläge der französischen Regierung in
Betreff der Schuldforderung von diesen drei Mächten hintertrieben; ohne
die kräftige Intervention von England, Norddeutschland und Italien wäre
Tunis heute eine französische Präfectur und zwar auf ganz friedlichem Wege
geworden. Wenn man aber bedenkt, wie wichtig strategisch Tunis für das
mittelländische Meer gelegen ist, und was Frankreich durch den Zuwachs
einer solchen Provinz gewonnen hätte, dann kann man sicher nicht genug
darauf bedacht sein, eine Vergrösserung Frankreichs nach dieser Seite hin
zu verhindern.
Ob je Tunis seinem Schicksal entgehen wird, einer europäischen Macht
anheim zu fallen, das bezweifle ich. Eigentliche Civilisation ist hier
ebenso wenig wie in Aegypten und in der Türkei, und es wird von der
Nachwelt gewiss als eines der grössten Wunder betrachtet werden, dass
solche Staaten im 19ten Jahrhundert vor den Thoren Europa's haben
existiren können.
Staunen wir nicht darüber, wenn wir lesen, dass im Jahr 1823 n. Chr. in
Tunis es fast zum Bruch mit der englischen Regierung gekommen wäre, weil
die Juden anfingen, sich europäisch zu kleiden und namentlich sich des
Hutes bedienten, ja im selben Jahre für dasselbe Verbrechen, d.h. einen
schwarzen Cylinder getragen zu haben, zwei Juden in Tunis die Bastonade
bekamen und nur mit Mühe durch Hrn. Nylsen, dem holländischen Consul,
welcher derzeit Toscana vertrat, ihre Freilassung erlangten. Aber solche
Sachen passiren noch alle Tage, wenn auch nicht so eclatant und
öffentlich.
Zwei Wagen, die Hr. Tulin, schwedischer General-Consul und preussischer
Agent, herausgeschickt, brachten uns in anderthalb Stunden von der Goletta
nach Tunis selbst. Der Weg war, da es seit Tagen geregnet hatte,
entsetzlich, und je näher wir der Stadt kamen, desto bodenloser wurde er.
In der Stadt selbst waren denn die Strassen auch ganz ein Schmutzmeer; es
war, als hätte man sie mit Chocolade einen halben Fuss hoch begossen. Eine
mohammedanische Stadt kann ich mir nun einmal nicht ohne Schmutz denken,
und es würde mir selbst befremdend vorgekommen sein, wenn dem nicht so
gewesen wäre; mich amüsirte nur mein Berliner Photograph, der fortwährend
ausrief, dass es unter den Linden doch ganz anders sei. Damit man durch
diese Schmutzüberschwemmung zu Fuss hindurchkommen kann, hat die
europäische Colonie in Tunis ein eigenes Schuhwerk erfinden müssen, hohe
Holzschuhe, welche auf noch höheren eisernen Ringen ruhen, und die man mit
Lederriemen unter sein Schuhwerk bindet.
Leider sollte es mir nur vergönnt sein, in Tunis eine Nacht zu bleiben,
denn die Fahrten der Dampfer waren der Art eingerichtet, dass ich ohne
einen Verzug von zehn Tagen den am folgenden nach Malta abfahrenden nicht
versäumen durfte. Ich machte indess hier die interessante Bekanntschaft
des Herrn von Maltzan, welcher sich Studien halber für längere Zeit in
Tunis aufhielt.
Baron von Maltzan, schon seit Jahren an der Nordküste von Afrika und in
Arabien heimisch, ein poetisches Gemüth, was seinen Reisebeschreibungen
allerdings einen eigenen Reiz verleiht, andererseits aber auch eben der
poetischen Auffassung wegen Abbruch thut, hat der Wissenschaft einen
grossen Dienst gethan durch Veröffentlichung seines Werkes über Sardinien.
Offenbar einer der besten Kenner der phönicischen Sprache und Alterthümer,
hat Niemand in Deutschland so sehr auf den Reichthum, den Sardinien in
dieser Hinsicht birgt, aufmerksam gemacht, wie Maltzan.
Zu gleichem Zwecke hielt er sich in Tunis auf; bot doch die Stätte des
alten Carthago eine wahre Fundgrube für unseren gelehrten Phönicier. Zudem
hatte er entdeckt, dass der Sohn des Chasnadar ein ganzes Museum
phönicischer Alterthümer besässe mit kostbaren Inschriften. Nach vielen
Schwierigkeiten gelang es Hrn. von Maltzan, Einsicht dieses Museums zu
bekommen, aber alle seine Bemühungen, Photographieen der interessanten und
wichtigen Inschriften machen zu dürfen, sind bis jetzt gescheitert.
Die Bevölkerung von Tunis machte indess einen ebenso peinlichen Eindruck,
wie die der algerischen Provinz, man sah, dass Cholera und Hungertyphus
hier gewüthet hatten. Dazu die grösste Insolvenz der Regierung, alle
Beamten von oben bis unten, das ganze Heer und die Marine hatten seit zwei
Jahren keinen Lohn erhalten. Diese Thatsachen sprechen laut genug, wie es
um den tunisischen Staat bestellt ist. Möge die Finanzcommission,
zusammengesetzt aus Norddeutschland, England, Frankreich und Italien, von
der man jetzt Rettung und baldiges Eintreffen erwartet, nicht lange auf
sich warten lassen.
Der Rückweg nach Goletta und die Einschiffung ging auf dieselbe Weise von
Statten, nur dass wir diesmal an Bord eines Dampfers kamen, der gerade
doppelten Tonnengehalt hatte, wie die Germania, welche so eben die erste
deutsche Nordpolfahrt zurückgelegt hat.
Man kann sich denken, wie wir an Bord dieser Nussschaale herumgeworfen
wurden, aber wir hatten einen englischen Capitän, der Rio-Janeiro, Canton,
Danzig, Stettin und andere Häfen gesehen hatte, also ein alter Seelöwe
war; und trotz eines Sturmes, welcher auf dem Mittelmeere gar nicht
spasshaft ist, kamen wir gut über.
Aber wie sah es oft in der engen Cajüte aus! Der alte Capitain hatte
nämlich das Steckenpferd, sich eine ganze Menagerie an Bord zu halten,
diese bestand aus seiner Frau, vielen Hunden, Katzen, Hühnern, Vögeln,
Enten und anderen Vier- und Zweifüsslern. Das Sonderbarste war, dass alle
Thiere einen Namen hatten--da war ein Neufundländer Nelson, eine schlaue
Katze, die Napoleon hiess, andere Thiere Wellington, Blücher, Malborough
etc.; bitter beklagte indess der alte Capitän, dass Bismarck desertirt
sei.
Ich konnte Bismarck das nun gar nicht verdenken, denn wenn bei einem
besonders starken Wellenschlage alle diese Thiere mit Bänken und Schüsseln
in der Cajüte umhertanzten, gehörten mehr als starke Nerven dazu, um es
auszuhalten. Abends 8 Uhr am 28. November warfen wir Anker im Hafen von La
Valetta, und waren einige Augenblicke später wieder auf europäischem Grund
und Boden.
* * * * *
Kurzer geschichtlicher Ueberblick von Tripolis.
Im freundlichen Imperial-Hôtel in Lavaletta abgestiegen, mussten wir nun
freilich in Malta längere Zeit bleiben, als wir, wenn es nach unserem
Wunsche gegangen wäre, beabsichtigt hatten; aber mit Malta hat der
regelmässige Verkehr ein Ende, wenigstens wenn man nach Tripolis will, und
man muss sich den Launen der türkischen Dampfschiffs-Eigenthümer, sowie
dem Wetter fügen.
Indess kann man die Zeit in Lavalletta und Malta recht gut hinbringen.
Freilich bietet die Stadt für einen Nichtmilitair des Interessanten nicht
viel. Das Palais des Gouverneurs, ehemals das des Grossmeisters der
Johanniter, die Johanniskirche, einige Palläste der ehemaligen Zungen,
besonders das castilianische Hôtel, einige hübsche Promenaden, zwei
Bibliotheken, endlich Oper und einige Clubs gewähren wohl für einige Tage
dem Fremden Unterhaltung, wer aber all dies von früher her schon kennt,
und ich war nun schon verschiedene Male in Lavalletta gewesen, der sehnt
sich nach etwas Anderem. Dazu kömmt nun noch, dass an keinem Orte von
Europa die Familien so abgeschlossen und für den Fremden schwer zugänglich
sind, als in Malta. Längere Zeit unter der Herrschaft der Araber, wie ja
auch heute noch die Volkssprache auf Malta ein arabischer Dialekt ist,
halten die Familien ihr Haus dem Fremden fast so fest verschlossen, wie es
der Mohammedaner einem nicht zu seiner Sippe Gehörigen thut, und trotzdem
ich mehrere Bekannte in Lavalletta hatte, war es mir nie gelungen, Eingang
zu ihren Familien zu bekommen. Natürlich nehme ich die dort residirenden
Engländer hiervon aus, welche auch hier wie überall ihre gastlichen
Eigenschaften beibehalten haben.
Wer nun aber längere Zeit einen gezwungenen Aufenthalt auf diesen Inseln
haben sollte, der bleibe nicht in der Stadt, sondern mache Ausflüge, und
ob er diese zu Fuss mache, oder mit jenem antiken Einspänner ohne
Springfedern, er wird seine Spaziertouren nicht bereuen. Malta hat die
lieblichsten Buchten, viele interessante Ruinen aus phönicischer Zeit, von
denen ich hier nur Hedjer Kim, Mnaidra und die merkwürdige natürliche
Einsenkung Makluba nenne. Auch Gozzo mit seinem ebenfalls aus phönicischer
Zeit stammenden Riesenthurm ist eines Besuches werth; kurz wenn man nicht
seinen Aufenthalt auf Lavalletta selbst beschränkt, kann man 14 Tage recht
gut auf Malta hinbringen.
Erst am 11. December war der "Trabulos Garb", ein türkischer Dampfer,
welcher dem Schich el bled von Tripolis gehört, segelfertig. In den
Wintermonaten ist es gar nicht angenehm und oft sehr gefahrvoll auf dem
Mittelmeere, und Jeder erinnert sich noch wohl der heftigen Stürme, welche
gerade in dem Monat auf unserer Hemisphäre stattfanden. Zudem kam noch,
dass "Trabulos Garb" so eben erst eine unheilvolle Katastrophe erlebt
hatte: Von Smyrna abgehend mit für Tripolitanien bestimmten Soldaten,
sprang der Kessel noch ehe der Dampfer den Hafen verlassen hatte. Der
Maschinist, die Heizer und über 50 Soldaten waren augenblickliche Opfer,
wie viele aber noch später starben infolge von Verwundungen, hat man nie
erfahren können; in dem türkischen Reiche kümmert man sich um dergleichen
nicht. Andererseits bot jedoch jetzt das Dampfschiff eine gewisse
Garantie, denn in den Docks von Lavalletta mit einem neuen Kessel
versehen, durfte man annehmen, dass das Schiff nur seetüchtig entlassen
worden sei. Ueberdies war es das einzige Mittel, um nach Tripolis zu
kommen, wenn man nicht mit einem Segelschiffe, die im Winter jedoch noch
weit gefährlicher und unsicherer sind, die Fahrt hätte machen wollen.
Die Einpackung und Verladung der vielen Kisten hatte unser norddeutscher
Consul, Hr. Ferro, schon besorgt, und überhaupt während der ganzen Zeit
meines Aufenthaltes in Malta sowohl als auch später in Tripolis nicht
aufgehört, auf das Liebenswürdigste sich meiner Sache anzunehmen.
Unsere Ueberfahrt nach Tripolis war eine sehr gute, schon nach 30 Stunden
erreichten wir das afrikanische Ufer. Oea mit seinen grossen Palmenwäldern
lag vor uns, und einen Augenblick später konnten wir schon die einzelnen
Häuser unterscheiden. Angesichts der Stadt, liess ich mit Bewilligung des
Capitains unsere norddeutsche Flagge am Hauptmaste aufhissen, es war das
erste Mal, dass sich dieselbe vor Tripolis zeigte; für meine vielen
Freunde und Bekannten daselbst sollte es zugleich ein verabredetes Zeichen
sein, dass ich mich an Bord befände. Und kaum hatte man unsere Flagge
bemerkt, als sämmtliche Consulatsfahnen an ihren hohen, langen Mastbäumen
emporstiegen. Nirgends ist wohl unsere deutsche Flagge ehrenhafter und
freudiger bei ihrem ersten Erscheinen begrüsst worden; die Stadt hatte ihr
sonntäglichstes Aussehen angenommen. Die Formalitäten des Passes, der
Douane und der Sanitätspolizei waren rasch durchgemacht, und kurz nachdem
wir Anker geschmissen hatten, konnten wir landen.
Die Ankunft des Dampfers, der zugleich die verschiedenen Posten aus Europa
bringt, ist für eine so abgelegene Stadt wie Tripolis immer ein Ereigniss,
und die ganze Stadt findet sich dann am Quai des Hafens versammelt; auf
diese Art konnte ich auf Ein Mal fast meine sämmtlichen Bekannten
begrüssen, fast alle waren auf dem Quai versammelt.
Ich hielt mich nicht lange in der Stadt auf, sondern fuhr gleich nach der
Mschia hinaus, wo Consul Rossi mit bekannter Liebenswürdigkeit seinen
Landsitz zu meiner Disposition gestellt hatte. Tripolis hatte einen
weiteren Schritt in der Civilisation gemacht: es hatte ein Fuhrwerk
bekommen, eine kleine Malteser "Kascha", welche Droschkendienst
verrichtete. Früher hatten nur der Pascha und einige der Consuln Wagen,
jetzt konnte sich jeder, wer einige Piaster über hatte, das Vergnügen des
Fahrens machen, und oft genug sah man elegant gekleidete Judendandi's, die
noch vor wenigen Jahren baarfuss bei jedem Moslim vorbeigehen und sich
jedwede Schmach von einem fanatischen Druisch gefallen lassen mussten, die
Kascha benutzen, und durch Extrabakschische angefeuert, fuhr der Kutscher
sie zum Aerger der Rechtgläubigen in rasender Geschwindigkeit über den
Grossen Platz, zwischen Stadt und Mschia.
Unsere Sachen waren auch bald in dem Landhause des Herrn Rossi, das recht
freundlich und heimisch in einem Palmgarten gelegen ist, angekommen; die
nach Bornu bestimmten Sachen liess ich indess alle in einem eigens dazu
gemietheten Hause in der Stadt. Beim Auspacken fand sich, dass alle
unversehrt, mit Ausnahme einer grossen Glasglocke übergekommen waren. Die
noch fehlenden Sachen: Kameele, Seidenstoffe, Corallen etc., wurden nun
auch gleich eingekauft, da man dergleichen in Tripolis besser, und eigens
für den Geschmack der innern Völker hergerichtet, bekommen kann, als in
Europa. Ich hatte hier wieder Gelegenheit, zu bewundern, wie die
Tripolitaner, seien es Christen oder Juden, es geschickt anzufangen
wissen, einem Fremden gegenüber den Uneigennützigen zu spielen, ohne dabei
im Mindesten ihren oft beträchtlichen Gewinn aus den Augen zu verlieren.
Man sollte in der That meinen, wenn man es mit diesen Leuten zu thun hat,
als ob sie beim Verkauf verlören, und trotzdem, wenn sie Fünfzig auf
Hundert gewinnen, glauben sie schlechte Geschäfte gemacht zu haben--denn
sie _hätten_ ja hundert Procent und mehr gewinnen können. Es ist dies
übrigens so natürlich, dass ich mich gar nicht darüber wundern sollte: Die
Juden und Christen leihen den Arabern ihr Geld zu 5 Procent _monatlich_; 2
Procent oder 1½ Procent _monatlich_ zu nehmen, sind seltene Fälle, ein
solcher Mann ist sicherlich ein Ehrenmann, und wird allgemein wegen seiner
Uneigennützigkeit gelobt. Die meisten, oder man kann fast sagen, alle in
Tripolis lebenden Juden und Christen haben auf diese Weise ihr Geld
verdient, denn der eigentliche reelle Handel wirft in Tripolis keinen
grossen Gewinn ab.
Welch merkwürdige Schicksale hat aber diese Stadt erlebt und welche
Zukunft steht ihr noch bevor, wenn sie einst wie Algerien in die Hände
einer aufgeklärteren Regierung kommen sollte. War nicht das alte Tripolis
jener Dreistädteverein Leptis magna, Oea und Sabratha, einst eine der
blühendsten und reichsten Colonien am Nordgestade Afrika's? Ohne hier
einen Abriss der Geschichte der Stadt geben zu wollen, welche sich auch
gar nicht, was die alte Zeit anbetrifft, von der Geschichte aller Städte
und Colonien Nordafrika's trennen lässt, werden gewiss meine Leser gern
einen Blick in die Vergangenheit thun, um zu sehen, unter welchen
Verhältnissen Tripolis das geworden, was es jetzt ist.