Sie haben gewiß Recht, erwiederte der Laie, vorausgesetzt, daß es

wirklich das sei, was ich Deklamation im Schauspiel, oder Vortrag des

Gesanges nennen kann. Was uns der Graf aber neulich als falschen und

schlechten Ausdruck schilderte, muß ich freilich auch als meine Meinung

unterschreiben. Und ist es denn in unsern Schauspielen anders? Wie denn

überhaupt wohl nie Gebrechen und Vorzüge eines Zeitalters einzeln stehn

können, sondern jede Kunst wird eine Abspiegelung der andern seyn, und

selbst Staat und Geschichte müssen ebenfalls alle Gesundheits- oder

Krankheitsstoffe wieder in ihrem großen verschlungenen Gewebe

nachweisen. Eben so wie der Sänger schreit und seufzt, und selten das

Gefühl im Ganzen ausspricht, welches die Arie oder das Duo von ihm

fordert, so auch der Schauspieler; dieser hilft sich auch durch einzelne

übertriebene Accente, herausgehobene Worte, stark unterstrichene

Stellen, und muß darüber den Sinn des Ganzen fallen lassen, wodurch die

Scene wie die einzelnen Stellen für den Kenner nüchtern und trivial

werden. Denn wo gibt es jetzt wohl noch Schauspieler, an deren

Leidenschaft man glaubt, die uns täuschen und in ihrem hohlen

abgepufften Ton nur irgend Wahrheit sprechen? Ja unser Freund Wolf, so

wie seine Gattin machen hievon eine ehrenvolle Ausnahme, so sehr, daß

sie fast schon einzeln in Deutschland da stehn, wenn auch hie und da ein

Talent sich zeigt, das aber immer nur zu Zeiten jener Manier widersteht,

die unser Theater beinah schon völlig zerstört hat. Nicht, daß sich

nicht viele Schauspieler bemühten, aber es ist hier eben so wohl wie im

Gesange eine falsche Schule entstanden, die Ausdruck, Empfindung durch

Einzelheiten, die nicht in der Sache selbst liegen, erregen will, und

darüber das Ganze verdunkelt, und wenn wir uns strenge ausdrücken

wollen, die Absicht der Kunst, ja diese selber vernichtet.

Sie haben vollkommen Recht, rief der Kapellmeister: aber machen es denn

meine Handwerksgenossen, die Componisten selbst, anders? Kaum ein Lied

wissen sie mehr zu setzen, wo sie nicht jede Strophe neu componiren,

gewaltsam accentuiren, innehalten, abbrechen und in gesuchte und

fernliegende Tonarten übergehn, um nur, wo sie die Empfindung

wahrnehmen, so starke Schlagschatten hinzumalen, daß man diese Stellen

nun zwar nicht übersieht, aber auch gewissermaßen mehr Schwärze als

Farbe gewahr wird. Als wenn es dem Sänger nicht müßte überlassen

bleiben, auch im wiederkehrend Einfachen eine leise Variation

anzubringen, oder als wenn das nicht eben das musikalische Gefühl in

unserer Natur wäre, in diesen sich wiederholenden Klängen ohne Weiteres

vermöge unsrer Liebe zu ihnen das Mannigfaltige zu empfinden.

Sehr wahr, fügte der Laie hinzu, aus demselben Unglauben fürchtet auch

mancher geniale Musiker, wie der herrliche Beethoven, nicht neue

Gedanken genug anbringen zu können, deshalb läßt er so selten einen zu

unsrer Freude ruhig auswachsen, sondern reißt uns, ehe wir kaum den

ersten vernommen, schon zum zweiten und dritten hin, und zerstört so,

wie oft, selbst seine schönsten Wirkungen. Sehn wir sogar auf die

Götheschen Lieder, die er gesetzt hat: welche Unruhe, welche scharfe

Deklamation, welches Ueberspringen. Ich möchte diesem trefflichen Manne,

so wie manchem Andern nicht gerne Unrecht thun, aber die Reichardschen

Melodieen zu den meisten dieser herrlichen Gesänge haben sich mir so

eingewohnt, daß ich mir diese Gedichte, vorzüglich die frühern, nicht

anders denken und singen kann.

Wenn Sie so gesinnt, nahm die Tochter das Wort, und die übertriebene

falsche Gelehrsamkeit verwerfen, den Ausdruck schelten, der sich

vordrängt, und darüber Melodie und eigentlichen Gesang verdunkelt, so

hätten Sie ja nun selbst meinen geliebten Rossini gerechtfertiget.

^O divino maestro! o piu che divino Rossini!^ rief begeistert und mit

verzerrtem Gesicht der alte Italiener. ^Eccolo il vero!^ den

ausgemachten Wunderdoktor des Jahrhunderts, der uns verirrte Schaafe

wieder auf die rechte Straße bringt, der alle die falsche deutsche

Bestrebunge maustodt schlagt, der mit himmlische unerschöpfliche Genie

Oper über Oper, Kunstwerk auf Kunstwerk häuft, und sich Pyramid oder

Mausoleum erbaut, worunter nachher alle die ausdrucksvolle,

gedankenreiche und seelenmäßige Klimperlinge auf ewig begraben liegen.

O wie wahr! rief der Enthusiast, ich habe mir schon oft vorgenommen,

keinen andern Componisten mehr anzuhören, so entzückt hat mich jedes

seiner Werke, es kam mir nur unbillig vor, da ich doch selber ein

Deutscher bin, mich so feindlich meinen Landsleuten gegenüber zu

stellen.

Was hat die Landsmannschaft damit zu thun? sagte der Laie: manche

Italiener, die gern eine Partei formiren möchten, haben es freilich

bequem, wenn sie den Mozart oder gar Gluck zu den ihrigen rechnen, und

so gegen Bestrebungen zu Felde ziehn wollen, die ihnen im Wege stehn.

Giebt es aber eine wahrhaft deutsche Oper, eine Musik, die wir uns als

national durchaus aneignen müssen, so ist es eben die Mozartsche, und es

ist sehr gleichgültig, daß der Don Juan ursprünglich für italienische

Sänger geschrieben wurde. Italien hat auch deutlich gnug bewiesen, daß

es diesen großen und reichen Geist nicht fassen und lieben konnte.

Mozart, Gluck, Bach, Händel und Haydn sind ächte Deutsche, die wir uns

niemals dürfen abdisputiren lassen, und ihre Compositionen sind, recht

im Gegensatz gegen die Italienischen, wahrhaft deutsche zu nennen.

Und dann, fügte der Kapellmeister hinzu, kann man gern dem Rossini

Talent und Melodie zugestehen, wenn der Lobpreisende auch uns zugiebt,

daß ihm in seiner Eile alles das abgehe, was den Componisten erst zu

einem dramatischen macht. Regellos, willkührlich ist er durchaus, und

achtet weder Zusammenhang noch Charakter, ja ich fürchte, in diesem

leichten und wilden Spiel bestehe sein Talent, so wie das mancher

dramatischen Schriftsteller, und ihn zwingen wollen, consequent zu seyn,

dem Charakter und Inhalt gemäß zu componiren, hieße nur, ihm das

Componiren selbst untersagen.

Sein schneller Ruhm, sagte der Laie, ist wohl nur entstanden, weil eben

der ächte Sinn für Musik unterzugehen droht. Denn wie kann man sich doch

nur mit diesem völligen Mangel an Styl vertragen, der allen seinen

Melodieen einen so niedrigen, geringen Charakter aufdrückt? Seine

Sangstücke sind großentheils sangbar, ja recht bequem für unsere

jetzigen Sänger geschrieben, aber sehr häufig setzt er auch nur, so

vielen Andern ähnlich, wie für Instrumente, und wenn sein Beifall noch

lange währt, so wird er auch noch dazu beitragen, die Sänger völlig zu

verderben, ja auch wohl den guten und edlen Vortrag der Instrumente,

weil er Alles so kleinlich und geringe behandelt. Der Sinn für Musik

erwachte bei uns auf eine schöne Weise, er kräftigte sich und es war uns

vergönnt, Gluck zu verstehn und uns völlig anzueignen, eine so große

Erscheinung, wie Mozart, entstand und vollendete sich vor unsern Augen,

Haydns tiefsinniger Humor in seinen Instrumental-Compositionen ergriff

alle Freunde der Kunst, des großen Händels Werke wurden wieder studirt,

und selbst die Dilettanten fühlten sich von seiner Kunst entzückt, die

das Mächtige, Gewaltige erstrebt, jeden kleinlichen Reiz verschmähend;

wir sahen Anstalten gedeihen, die auch die alte Kirchenmusik, die

herrlichen Werke der verstorbenen großen Meister wieder ertönen ließen,

es schien, daß auf immer der Geschmack am Großen und Edeln gerettet sei.

Nur hatte sich indessen die Menge auch mit der Musik scheinbar vertraut

gemacht, und diese kann, wenn sie sich eine edle Sache aneignet, immer

nur bis auf eine gewisse Weite mitgehn, dann wird sie nothwendig das

Ergriffene in etwas Geringeres verwandeln, das ihr zusagt. Ehemals

hatten wir nur Kenner und oberflächliche Liebhaber in Deutschland, jetzt

aber entstand eine Halbkennerschaft statt der Freunde, die sich

unschuldig ergötzten. Diese anmaßlichen Kenner haben mit lauter

schreienden Stimmen nach und nach das Wort der wahren Musikfreunde

verdrängt, ja diese gelten den neuern Enthusiasten wohl gar für

eigensinnige, oder gefühllose Kritiker, die aus Neid und Mißlaune die

glänzenden Erscheinungen der neuesten Zeit nicht anerkennen wollen.

Darum hat auch in meiner Vaterstadt, in Berlin, Rossini am meisten

Widerspruch gefunden, weil durch des unvergeßlichen Fasch herrlichen

Eifer dort die treffliche Musik-Akademie gegründet wurde, die unser

Freund, der wackre Zelter, nach dessen Tode in demselben Sinne

fortgeführt hat. Durch die Vergegenwärtigung der alten Meisterwerke,

durch den einfachen, edlen Gesang, der dort bekannter ist, als anderswo,

sind die zahlreichen Mitglieder zum Bessern verwöhnt, und können sich

unmöglich dem zierlich Nüchternen hingeben.

Sie werden es mit meiner Tochter völlig verderben, sagte der Baron

lachend, denn sie meint, wo nur Effect sei, da wäre es lächerlich zu

fragen, ob die Wirkung auch statt finden dürfe.

Sie hat vollkommen Recht, antwortete der Laie, ich aber auch, wenn ich

behaupte, die Wirkung müsse gar nicht eintreten. Um diesen Punkt dreht

sich ja die Kritik in allen Künsten.

Darum ist es ein Glück zu nennen, antwortete der Baron, ja gewissermaßen

eine weise Lenkung des Kunstgenius, daß ein großer Componist sich diesem

kleinlichen Unwesen so mächtig gegenüber stellt, und das so

ausgezeichnet besitzt, Styl nehmlich, was jenem ganz abgeht. Ich spreche

von dem nicht genug zu lobenden Spontini. Es läßt sich hoffen, daß von

dieser Seite durch mächtige Wirkungen der Sinn der Deutschen wird

gehoben, und ihr Wohlgefallen an diesem Melodieenkitzel beseitigt

werden.

Der Laie schien so in Eifer gerathen zu seyn, daß er allein das Wort

führen wollte. Gewiß, sagte er lebhaft, wäre es lächerlich, wenn man

diesem Manne ein ausgezeichnetes Talent absprechen wollte, und über die

Verdienste seiner Vestalin läßt sich Vieles sagen und streiten. Aber daß

er im Cortez und nachher noch gewaltiger ein Brausen und Lärmen der

Instrumente, ein Ueberschreien der Stimmen, ein Aufkreischen, ein wildes

Getümmel uns hat für Musik geben wollen, scheint mir ebenfalls

ausgemacht. Man kann schwerlich im voraus bestimmen, wie viel oder wenig

unser Ohr von Instrumental-Musik vertragen soll, denn Mozart hat die

meisten seiner Vorgänger überboten, und es gab früherhin auch

Kunstfreunde, die bei ihm über zu große Fülle klagten; und schon lange

vor diesem hat der große Händel außerordentlich viele Instrumente in

Anspruch genommen, um seine erhabenen Gedanken auszusprechen. Aber bei

diesen war die Fülle der Töne doch Musik, ein Anschwellen, ein

Heranbrausen, ein Abdämpfen und Zurücksinken in eine gewisse Stille und

Ruhe, aber nicht dieses ununterbrochene, nie rastende Wüthen aller

Kräfte ohne Vorbereitung, Inhalt und Bedeutung, welches nur betäuben

kann, und dessen Macht und Gewaltsamkeit mehr erschreckt und ermüdet,

als erhebt und erschüttert. Geht der berühmte neuere Componist hiebei

nur gar zu oft auf leeren Effect und Schreckschuß aus, so wie manche

Schauspieler und Schauspieldichter, wirkt er nur einzig und allein durch

große Massen, so ist er zwar wohl nicht der Wandnachbar Rossini's, aber

sie reichen sich denn doch aus einer gewissen Entfernung befreundet die

Hände und stehn sich nicht als feindliche Kräfte einander gegenüber.

Wohl uns, daß unser hochgeehrter Maria Weber uns zu den schönsten

Erwartungen berechtigt, der in dem, was er schon trefflich geleistet

hat, so glänzend zeigt, wie viel er in Zukunft noch vermag.

Nun erhob sich die Tochter mit allen Tönen, und der Vater stand ihr bei,

um den Laien in die Enge zu treiben, der ihre Lieblinge so keck

angegriffen hatte, ohne doch vom Metier zu seyn, da er sein ehemaliges

Violinspielen selber nicht in Anschlag zu bringen wage. Unter lautem

Lachen wurde disputirt und behauptet, der Teufel sei ein- für allemal

unmusikalisch, die Kugelgießerei und der Lärmen dabei schlimmer als was

je auf dem Theater getobt, und der Musik, die ganz Deutschland wie

verwirrt gemacht, fehle die Mannigfaltigkeit, ein heiteres Element, ja

auch jene Ironie, wodurch Mozart erst seine ungeheure Dichtung des Don

Juan zu diesem einzigen Werke gebildet habe, so daß bei diesem durch

Gegensätze sich Inhalt und Behandlung rechtfertigen, was dort ganz aus

der Acht gelassen sei.

Der Kapellmeister nahm sich des armen Laien, der hierauf wenig zu

erwiedern wußte, oder den man vielmehr nicht zu Worte kommen ließ,

freundlichst an, und meinte, eine Vergleichung auf diese Weise

anzustellen, sei unbillig, weil das neue Kunstwerk gar nicht die Absicht

habe, sich neben jenes ungeheure zu stellen. Ueberschreitet auch die

angefochtene Scene, fuhr er fort, welche gerade die Menge herbei gelockt

hat, die Gränzen der Musik, so ist doch übrigens des Vortrefflichen, des

ächten Gesanges, des Neuen und Genialischen, vorzüglich aber des

wahrhaft Deutschen, im besten Sinne, so viel, daß ich vollkommen in das

Lob unsers unmusikalischen violinspielenden Laien einstimmen muß, der

Manches wohl eben deswegen bestimmter empfindet und kecker ausspricht,

weil er niemals vom Handwerk gewesen ist, und selbst nicht als Dilettant

hinein gepfuscht hat, da er sich doch bescheidet, in die eigentlich

grammatische Kritik einzugehn. Sollte keiner als nur Musiker mitsprechen

dürfen, so würde ja auch für diese nur componirt, und das werden wir uns

doch wohl, so wie alle Künstler, verbitten, nur für die Zunftgenossen zu

arbeiten, um von ihnen empfunden und verstanden zu werden.

Könnte ich nur, fing der Laie wieder an, den sanften Genuß wieder haben,

den mir ehemals die Lila des Martini gewährte. Diese idyllische, reine

und heitere Musik wäre nach so manchem Ungethüm unsrer Theater eine

wahre Erquickung. Wie würde ich mich freuen, Paisiello's Barbier von

Sevilla wieder zu vernehmen, und es kränkt mich innig, daß man eine

solche Composition nicht als eine klassische verehrt, die nun einmal für

allemal fertig ist, und an die sich keiner von Neuem wagen dürfte. Denn

ist bei Rossini auch hier und da vielleicht ein Moment brillanter, so

ist doch der dramatische Sinn des Ganzen, die Bedeutung untergegangen,

und nichts gegeben, was sich dem Humor in der Rolle des Alten nur irgend

vergleichen dürfte. Die Verwöhnung der gehäuften Instrumente läßt aber

befürchten, daß man, wenn man auch einmal diese trefflichen alten Sachen

geben möchte, Zusätze zur Begleitung macht, oder diese wenigstens

verstärkt. Hier und da habe ich schon murmeln hören, daß Gluck

dergleichen bedürfe. Mozarts Figaro ist schon in Violinen und andern

Instrumenten doppelt so stark besetzt worden, als es der Componist

vorgeschrieben hat, bei dieser heitern Musik um so unpassender, weil

dadurch der Witz, das wundersam Leichte und Heitere des Gesanges gestört

wird. Es ist, als wollte man treffliche Brillanten aus ihrer leichten

Fassung nehmen, und sie, um sie zu ehren, in schweres Gold schmieden.

Oder, als riefe man sich witzige und launige Einfälle durch ein

Sprachrohr zu.

Man sang zum Beschluß noch Einiges, und die Gesellschaft trennte sich.

Beim Abschiede sagte der Baron zum alten Italiener: auf Wiedersehn! Doch

dieser schüttelte den Kopf, und wies mit dem Finger nach oben. Der Laie

ging nach seinem Hause, weil es schon spät war, und er in der kalten

Nacht an einem Abenteuer, an welches er nicht glauben mochte, nicht

Theil nehmen wollte. Der Kapellmeister und der Graf wandelten aber mit

dem wunderlichen Alten durch die ruhige Stadt, ließen sich das Thor

öffnen, und begaben sich nun nach dem Tannenwalde, wo der

Lebensüberdrüssige seine Laufbahn eigenmächtig zu vollenden drohte. Als

sie unter den finstern Bäumen standen, sagte der Graf: nun, Alter, seid

Ihr wieder gescheidt geworden, wollt Ihr nun nicht lieber zu Bette gehn?

In die Ewigkeit thu ich mich hinein legen, sagte der Italiener, und das

liebe Vergessen, Ruhe, tiefer, tiefer Schlaf, werden wie Flaumen eines

Daunenbetts um mich zusammen schlagen. Adieu, Eccellenza! lebt wohl,

thörichter Kapellmeister, der Ihr die schöne Gelegenheit nicht benutzt,

allen Euren Jammer, Partituren, Noten, Pausen, Tonarten, Sänger und

Sängerinnen los zu werden. Nun laßt mir ein bissel noch über meinen

Zustand nachdenken, und dann rufe ich Euch wieder; Kapellmeister

kommandirt Eins, Zwei, Drei, und beim Worte Drei, deutlich

ausgesprochen, langsam, feierlich, laut, daß liebe Echo auch etwas davon

abkriegt und mitspricht, schieß ich mich die ganze Pistole in meinen

dummen Kopf hinein.

Ihr werdet doch nicht, sagte der Kapellmeister, so abgeschmackt wie der

Hanswurst in der Kreuzerkomödie sterben wollen?

Gerade so muß es geschehen, sagte der Alte, und legte sich in einen

Sandgraben nieder. Die beiden Begleiter gingen tiefer in den Wald, die

Nacht war still, kein Wind wehte, ein ganz leiser Hauch rührte zuweilen

die Zweige an, so daß die Nadeln der Tannen in sanften Tönen lispelten,

das Flüstern fortlief, und indem sich dann der Wald in allen Stämmen

bewegte, wie ferner Orgelton verhallte. Feierlich genug ist die Stunde,

sagte der Musiker. Eine wundersame Empfindung, erwiederte leise der

Graf, hat den ganzen Abend in mir fort geklungen: vielleicht bin ich dem

Tode näher, als jener alte Wahnsinnige, denn noch nie war mir mein

Dasein so abgestanden und leer, so jedes Reizes entkleidet. Ich glaube

nun auch, daß jenes himmlische Wesen, welches ich schon lange suche,

gestorben ist. -- Still! rief jener: hörten Sie nicht Musik? --

Vielleicht die fernen Glocken.

Nein, sagte der Kapellmeister gehend: ich höre es deutlicher: und nun

erinnere ich mich, hier wohnt der unkluge Alte nicht fern, in dessen

Häuschen ich bei meiner Ankunft schon Morgens um fünf Uhr einen

herrlichen Discant vernahm.

Der Graf war tief bewegt. Jetzt kommt! kommt! schrie der Italiener, mein

Ermorden soll ein bischen seinen Anfang nehmen! Schießt Euch todt, oder

hängt Euch! rief der Graf zurück, wir haben jetzt etwas Besseres zu

thun, als Eure Possen anzuhören.

Sie gingen weiter, drängten sich durch Baum und Strauch, und der

neugierige Italiener hatte sich zu ihnen gesellt. Jetzt tönte ihnen

schon bestimmter der Gesang entgegen, und der Graf zerriß sich Hände und

Gesicht, um nur aus den Gesträuchen zu kommen, in denen er sich aus

Eifer immer tiefer verwickelte. Er drängte endlich hindurch und stand in

der Nähe des Häuschens, dessen kleine Fenster erleuchtet waren. Der

treffliche Psalm Marcello's »^Qual anhelante^« tönte ihnen voll und rein

entgegen, so einfach, so edel vorgetragen, daß der Kapellmeister

erstaunt und hingerissen kaum athmete. Sie ist es! sie ist es! meine

Einzige! rief der Graf in der größten Erschütterung aus, und wollte sich

dem Hause nähern, aber der Kapellmeister hielt ihn fest, klemmte sich an

ihn, und warf sich dann zu seinen Füßen nieder, die er umarmte, und

rief: o bester, glücklichster Graf! Heirathen Sie sie also, wie Sie

gelobt haben; aber gönnen Sie mir vorher das einzige Glück, daß sie erst

die Geliebte in meiner ruinirten Oper singt; dann will ich gern sterben,

denn eine solche Stimme giebt es auf Erden nicht mehr.

Der Graf strebte zum Hause hin, und der Kapellmeister ließ endlich sein

ungeduldiges Bein los. So wie er auf die Wohnung losstürzte und an die

kleine Thür klopfte, verstummte der Gesang. Macht nicht so viel

Umstände, sagte der Italiener, der Sing-Sang ist nicht der Mühe werth,

man sieht wohl, daß ihr meine Selige nicht gekannt habt. Der

Kapellmeister, der jetzt eben so außer sich war, wie der Graf selbst,

klopfte mit diesem wetteifernd an die Thür, und da sich beide in den

Kräften überboten und das Tempo immer schneller nahmen, so entstand

dadurch ein sonderbares Concert in der ruhigen Nacht. Im Hause war Alles

still, endlich aber schien man drinnen doch die Geduld verloren zu

haben, denn ein Fenster öffnete sich und eine leise, heisere Stimme

sagte: was giebt's da? Seid ihr betrunken? Laßt uns ein! rief der Graf:

hinein müssen wir! schrie der Kapellmeister: wo ist die Sängerin? der

Graf: ich habe sie schon am Morgen neulich gehört, der Kapellmeister,

als Ihr mir sagtet, es sei des Teufels Großmutter: aber hinein müssen

wir! vereinigten sich nun beide. Seid ihr rasend? rief die erhöhte

Stimme des Alten, und in diesem Augenblick schrie der Italiener lauter

als Alle: Hortensio! Hortensio! haben wir Euch endlich erwischt? Nun

bleib' ich am Leben! Mag sich umbringen, wer Lust hat, ich halte mich an

Euch, altes Fell!

Ich bin der Graf Alten, schrie der Liebhaber; ich der Kapellmeister!

rief sein Begleiter, laßt uns nur hinein, daß wir die Sängerin sehn:

kommt herab! rief der Italiener, daß wir beide unsre Bekanntschaft

erneuern können.

Mein Himmel! ächzte der Greis, so nach tiefer Mitternacht? Meine guten

Herren, wenn Sie bei mir was zu suchen haben, so kommen Sie doch morgen,

wenn der Tag scheint.

Gut, sagte der Graf beruhigter, morgen früh! der Kapellmeister fand sich

auch in den Vorschlag, und als sie friedlich wieder fortgingen, sagte

der Italiener: ich bleibe die Nacht hier draußen und passe ihm auf.

Morgen früh machen wir Alle unsern Besuch. --

Wie erstaunten, erschraken am folgenden Tage der Graf und der Musiker,

als sie das Haus verlassen und öde fanden; noch vor Tage, sagte die alte

Aufwärterin, seien die beiden Bewohner ausgezogen und haben in größter

Eil alle Sachen fortschaffen lassen. Auch der Italiener zeigte sich

nirgend.

* * * * *

Ein schöner, heiterer Herbsttag war aufgegangen, die Sonne schien in

dieser späten Jahreszeit noch so warm, wie im Sommer, und dies bestimmte

den Laien mit seiner Tochter in das naheliegende Bergthal zu fahren. Auf

einem kleinen Miethpferde sahen sie in der Entfernung den Enthusiasten

auch mit nachflatterndem Kleide auf dieselbe Gegend zusprengen. Der

Himmel verhüte nur, bemerkte der Laie zu seiner Tochter, daß der

Schwätzer nicht ebenfalls in jenem Thale verweilt, weil er uns sonst mit

seinen heftigen Reden und Schilderungen den Tag verderben würde.

Wir müssen uns schon darauf gefaßt machen, erwiederte die Tochter, denn

er sagte mir neulich, daß er diese Gegend vorzüglich liebe und sie oft

besuche.

Wie sind diese Menschen doch so lästig, fuhr der Laie fort, die eben,

weil sie gar nichts empfinden, über Alles in Hitze gerathen können. Aber

mehr noch, als bei Kunstwerken, stören sie mich in der Natur, die am

meisten ein stilles Sinnen, ein liebliches Träumen erregt, in der ein

vorüber schwebender Enthusiasmus und Behaglichkeit sich ablösen, und sie

unsern Geist fast immer in eine beschauliche Ruhe versenken, in welcher

Passivität und schaffende Thätigkeit eines und dasselbe werden: dazu der

Anhauch einer großartigen Wehmuth in der Freude, so daß ich in der

schönen Landschaft gegen diese beschreibenden Schwätzer oft schon recht

intolerant gewesen bin.

Sie stören fast eben so sehr, wie die unerträgliche Musik, antwortete

das Mädchen, da man so oft in der Nähe der Gebäude Tänze oder

kreischende Arien vernehmen muß.

Als sie angekommen waren, sprang ihnen der berührige Enthusiast schon

aus dem Hause entgegen. O wie schön, rief er aus, daß Sie diesen

herrlichen Tag auch benutzen, der wahrscheinlich der letzte helle dieses

Jahres ist. Lassen Sie uns nur gleich an den murmelnden Bach gehn, und

dann von der Höhe des Berges das Thal überschauen. Es ist eine Wonne,

die Schwingungen der Hügel, den kleinen Fluß, das herrliche Grün und

dann die Beleuchtung zu sehn und zu fühlen. Giebt es wohl ein Entzücken,

das diesem gleich oder nur nahe kommen kann?

Ich will mit Ihnen gehen, erwiederte der Laie, aber nur unter der

Bedingung, daß Sie mich mit allen Schilderungen und begeisterten

Redensarten verschonen. Wie können Sie überhaupt nur immer so vielen

Enthusiasmus verbrauchen? Es ist nicht möglich, wie Sie auch neulich

gestanden haben, daß Sie so viel empfinden.

Bei der Kunst, sagte der Enthusiast, setzt man freilich wohl hie und da,

dem Künstler zu gefallen, etwas zu, aber in der himmlischen Natur --

nein! da kann doch keine Zunge Worte genug finden, um nur einigermaßen

das wiederzugeben, was im Herzen aufgeht. Ich habe es aber schon seit

lange bemerkt, daß Sie kein großer Freund der Natur sind, denn wie

konnten Sie nur sonst, wie ich schon so oft gesehen habe, daß Sie thun,

beim schönsten Frühlingswetter in das dumpfe Theater kriechen, um eine

Oper zu hören, oder sogar ein mittelmäßiges Schauspiel zu sehn, über

welches Sie nachher selber Klage führen?

Weil es mir an solchem Tage, antwortete jener, darum zu thun ist, ein

Schauspiel zu sehn, und ich dies mit dem Genusse der Natur dann nicht

vereinigen kann und mag. Auch gestehe ich Ihnen, daß ich oft in der

schönsten Natur bin, ohne sie mit den geschärften Jäger-Augen in mein

Bewußtsein aufzunehmen, wenn mich ein heiteres Gespräch beschäftigt,

oder ich auf einsamem Spaziergang etwas sinne, oder ein Buch meine

Aufmerksamkeit fesselt. Glauben Sie nur, unbewußt, und oft um so

erfreulicher, spielt und schimmert die romantische Umgebung doch in die

Seele hinein. Wenn wir uns überhaupt immer so sehr von Allem

Rechenschaft geben sollen, so verwandelt sich unser Leben in ein

trübseliges Abzählen, und die feinsten und geistigsten Genüsse

entschwinden.

Schriften 17: Novellen 1 · 第 22 / 24 段