nachsinnend: wenn ich nur nicht einmal den Charakter der Heftigkeit
angenommen hätte und bei allen meinen Bekannten als ein Eiferer gölte,
so wollte ich mir das Wesen wieder abzugewöhnen suchen. Es ist aber denn
doch auch fatal, wenn man, so wie Sie, für einen Phlegmatiker gilt. Da
Sie also nichts von Naturbegeisterung hören wollen, so will ich Ihnen
lieber erzählen, daß ich schon vorhin, ehe Sie kamen, eine sonderbare
Erscheinung hier bemerkt habe. Ein junges, wunderschönes Mädchen stand
dort oben auf dem Hügel, sah immerdar auf den Weg hin, der zur Stadt
führt, und weinte dann heftig. Sie erregte mein lebhaftestes Mitgefühl,
ich ging zu ihr, aber so sehr ich auch in sie drang, so konnte ich sie
doch nicht bewegen, mir eine vernünftige Antwort zu geben, oder mir zu
erzählen, was sie hier mache, wie sie hergekommen sei und wen sie hier
erwarte. Und ich war doch so ganz außerordentlich neugierig, vorzüglich,
weil ich dies junge, außerordentlich reizende Frauenzimmer neulich schon
bei unserm Baron in der Gesellschaft gesehen habe, wo sich der verwirrte
melancholische Graf viel mit ihr zu schaffen machte. -- Sehn Sie, sie
steigt schon wieder den Hügel hinan, um ihre Beobachtungen anzustellen.
Mit Zierlichkeit und Grazie schwebte die Gestalt die grüne Anhöhe
hinauf, und ihre vollen, braunen Locken, ihr leuchtendes Auge, das
einfache Gewand und die Geberde wirkten mit unbeschreiblichem Zauber in
der anmuthigen Landschaft. Die Tochter fühlte sich bewegt, als sie das
schöne Wesen wieder weinen sah, die Thränen stiegen ihr selbst in die
Augen, als die Unbekannte jetzt im Ausdruck des höchsten Schmerzes die
Hände rang, und sich jammernd auf den Rasen niedersetzte. Lassen Sie uns
hinauf steigen, sagte der Laie, das arme Wesen bedarf unsers Trostes und
Beistandes, meine Tochter soll sie anreden, wir aber, Herr Kellermann,
wollen uns fürs erste schweigend verhalten, und die Betrübte am
wenigsten mit zudringlichen Fragen ängstigen. Die Tochter ging zu ihr,
und die Fremde bekannte, daß sie ihren alten Vater aus der Stadt
erwarte, und nicht begreife, wie er so lange zögern könne, da er ihr
diesen Ort angewiesen habe, wo sie zusammen treffen wollten, um weiter
zu reisen.
Sie wollen also unsre Gegend verlassen, fragte der Laie, da Sie doch, so
viel ich weiß, nur kürzlich angekommen sind?
Ach! mein Herr, antwortete die schöne Fremde klagend, mein lieber Vater
leidet schon seit lange an einer schweren Melancholie, an
Menschenfeindschaft und tiefem Lebensüberdruß, so zieht er seit einigen
Jahren von Ort zu Ort, verarmt immer mehr, wird immer kränker, versagt
sich selbst alle Hülfe, und will auch mir das Glück nicht gönnen, ihm
beizustehn, da ohne diesen starren Willen meine Talente sein Leben wohl
unterstützen könnten. Denn mein Gesang und die Musik überhaupt machen
das Unglück meines Lebens.
Sie singen also doch? fragte der Laie sehr lebhaft.
Meine Trauer, mein tiefer Schmerz, erwiederte die schöne Klagende, sind
Schuld, daß ich mein Gelübde gebrochen habe. Ich habe meinem Vater
geloben müssen, niemals zu gestehen, daß ich singe, auch niemals, außer
wenn er zugegen ist, und es mir erlaubt, einen Ton anzuschlagen. Wir
wohnten deshalb von der Stadt entfernt, wir vermieden allen Umgang, nur
neulich war ich zufällig im Hause des Baron Fernow, wo ein Fremder, ein
feiner, anständiger Mann mich über die Gebühr mit Fragen und
Aufforderungen zum Singen ängstigte. In der letzten Nacht, als ich, wie
ich glaube, in der höchsten Einsamkeit einen Psalm Marcello's einübe,
entsteht vor dem Hause ein Getümmel, wir halten die Leute für Räuber
oder Trunkene, der Graf nennt sich endlich, und will eingelassen seyn,
noch einige Andere toben eben so laut, und mein Vater kann sie endlich
nur beruhigen, indem er ihnen verspricht, am Morgen ihren Besuch
anzunehmen. Kaum sind sie fort, so muß Alles in der größten Eile
eingepackt werden, noch in der Nacht werden Fuhrleute gemiethet, unsre
wenigen Sachen hieher zu fahren, am Morgen muß ich nachreisen, und er
verspricht, in wenigen Stunden ebenfalls hier zu seyn, weil er in der
Stadt noch unsere Reisepässe besorgen müsse. Hier erwarte ich ihn nun
schon manche Stunde, gewiß ist er krank, ein Unglück ist ihm zugestoßen,
und ich weiß in meiner Angst nicht Rath noch Hülfe; wo soll ich ihn
wieder finden?
Der Laie suchte sie zu beruhigen. Er schlug vor, im Gasthause bis nach
Tische den Alten zu erwarten, dann solle sie mit ihm und seiner Tochter
zurück fahren, da nur ein Weg zur Stadt führe, so müßten sie dem Vater
begegnen, wäre dies nicht der Fall, so solle die Fremde in seinem Hause
absteigen, indessen er selbst Erkundigungen einzöge. Auf sein
eindringliches Zureden und der Tochter schmeichelnde Liebkosungen wurde
sie ruhiger und ging mit ihnen in den Gasthof. Bei Tische wurde man
sogar guter Laune, nur verweigerte die Fremde auf die unbescheidene
Bitte des Enthusiasten, zu singen, weil dies gegen ihr heiliges
Versprechen laufe. Man sprach dann viel über die neulichen Musikstücke,
die der Kapellmeister im Hause des Barons habe probiren lassen, sie
lobte die Composition als großartig, tadelte aber die Manier der Sänger.
Es kann seyn, beschloß sie ihre Kritik, daß ich hierüber völlig im
Irrthum bin, aber nach den Grundsätzen meines Vaters, und nach der
Gesangsweise, die ich nach seinem Unterricht ausüben muß, ist jene
Manier eben so klein als willkührlich. Ja, dürfte ich einmal (aber dazu
ist mein Vater auf keine Weise zu bewegen) eine Opern-Rolle, wie diese
des Kapellmeisters singen, so schmeichle ich mir, daß ich eine große
Wirkung hervor bringen würde, und vielleicht um so größer, weil diese
Art jetzt ganz vergessen ist und die Neuheit um so mehr erschüttern
möchte.
Wenn Sie diejenige sind, erwiederte der Laie, für welche ich Sie jetzt
halten muß, so können Sie einen gewissen enthusiastischen Mann, wenn es
übrigens Ihre Gesinnung erlaubte, unbeschreiblich glücklich machen.
Die Schöne wurde roth, und der Enthusiast Kellermann, so wie er das Wort
enthusiastisch nennen hörte, sprang eilig herbei und rief: ja gewiß,
Verehrte! wie könnte mein Herz wohl so vielfach vereinigtem Zauber
widerstehn?
Gebt Euch keine unnütze Mühe, rief der Laie laut lachend, ich meine
jenen sonderbaren Grafen, den wir Alle kennen. Ich hoffe einen
beglückenden Ausgang weissagen zu dürfen.
Die Schöne wollte sich auf keine nähern Erörterungen einlassen; lobte
aber nachher im Verlauf des Gespräches den jungen Grafen als einen
schönen und verständigen Mann, der sie auch in der Gesellschaft am
meisten interessirt habe.
Auf der Rückfahrt unterhielt man sich mit heitern Gesprächen. Der
Enthusiast sprengte wieder auf seinem kleinen Pferde voran, und war
bemüht, seine Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen. Als sie in die Stadt
hinein gefahren waren, sahen sie in der Hauptstraße einen großen
Volksauflauf, Getümmel, Geschrei, ein Vor- und Zurückdrängen, der Wagen
mußte halten, die Wache machte Platz und der Laie erstaunte, als er den
alten Italiener zwischen den Soldaten bemerkte, die ihn als Gefangenen
fortführten. Was giebt es? fragte er einen Vorübergehenden. -- Je, der
braune Schelm, antwortete dieser, hat einen alten Mann so eben todt
geschlagen.
Als sich die Menge verlaufen hatte und sie weiter fahren konnten,
stürzte ihnen aus einem großen Hause der Graf entgegen, er rief, daß man
anhalten solle, und mit einem Ausdrucke übermenschlichen Entzückens half
er Julien aussteigen. Der Laie und die Tochter folgten, um zu sehen, wie
sich die Scene entwickeln würde.
* * * * *
Im Saale fand Julie den alten Mann im Lehnstuhl sitzen, blaß und
erschüttert, aber wohl und unverletzt. Man erfuhr, daß er den ganzen Tag
durch Hin- und Herschicken, indem er seine Pässe berichtigen und
auslösen mußte, von der Polizei war aufgehalten worden. Als er endlich
fertig zu seyn glaubte, und eben einen Wagen suchte, um seiner Tochter
nachzureisen, begegnete er dem thörichten Italiener, der ihn sogleich
auf offener Straße angriff, um ihn zu mißhandeln, als er aber um Hülfe
rief, nahmen sich die Vorübergehenden des Greises an, und der Verwirrte
wurde der Wache übergeben. Julie liebkosete den Alten, und suchte ihn
durch ihre Zärtlichkeit zu beruhigen. Der Enthusiast, so wie der
Kapellmeister waren ebenfalls Zeugen dieses Auftrittes.
Vielen Dank, sagte endlich der Alte, bin ich Ihnen, mein Herr Graf,
schuldig, daß Sie sich meiner so freundlich angenommen haben, jetzt aber
lassen Sie uns abreisen, damit wir recht bald den Ort unsrer neuen
Bestimmung erreichen.
Er stand auf und wollte gehn, Julie blieb zaudernd, und blickte verlegen
auf die Gegenwärtigen, der Graf aber trat vor den Greis hin und sagte
mit zitterndem Tone: können Sie mir das Glück meines Lebens entreißen
wollen, dem ich so lange nacheilte, jetzt, nachdem ich es endlich so
unverhofft und so wunderbar gefunden habe?
Was meinen Sie? fragte der Alte.
Selig würde ich seyn, antwortete der Graf, wenn Ihre Tochter sich
entschließen könnte, mir ihre Hand zu schenken. Ich bin reich, völlig
unabhängig, lassen Sie uns in Liebe, Freundschaft und Musik verbunden
ein Glück begründen und genießen, wie es nur immer auf Erden möglich
ist.
Der Alte taumelte wie erschrocken zurück, er mußte sich vor Zittern
wieder niedersetzen. Wie! rief er im heftigen Weinen aus: das könnte Ihr
Ernst seyn, mein Herr Graf?
Ich nehme, rief dieser, alle diese Freunde zu Zeugen: doch, Julie
selbst?
Nun, meine Tochter, sagte der Alte bewegt, könntest Du Deinen greisen
Vater so glücklich machen? Jetzt liegt es in Deiner Hand, mir allen Gram
meines Lebens zu vergüten und meine letzten Tage zu verherrlichen. Aber
ist es denn kein Traum? Wie kommt dies Alles? Kannst Du Dich
entschließen, mein Kind?
Die Tochter war heftig erschüttert. O Himmel! rief der Graf: nein,
Gewalt sollen Sie sich nicht anthun: lieber entsage ich allen meinen
Hoffnungen.
Können Sie mich so mißverstehn? antwortete Julie, kaum hörbar: hätten
Sie wirklich nicht gefühlt, wie sehr ich mich zu Ihnen gezogen fühlte?
Habe ich doch seitdem immer Ihr Bild vor Augen gehabt. Aber auch den
allerfernsten Schimmer eines solchen Glücks wies ich als einen
wahnsinnigen Traum zurück.
Der Graf kniete vor ihr nieder, der Alte legte gerührt ihre Hände in
einander, dann sank sie an die Brust ihres Geliebten.
Doch jetzt, rief der Graf aufspringend, nur Einen Ton, Einen Tact, ich
weiß es zwar gewiß, daß Du es bist, aber um mich völlig zu überzeugen.
Sie sah fragend ihren Vater an, doch dieser sagte lächelnd: ich löse
Dich jetzt gänzlich von dem Gelübde, welches Du mir gethan hast, jetzt
darfst und mußt Du Alles thun, was Dein Bräutigam von Dir fordert.
Da sang sie ohne alle Begleitung den Anfang des ^stabat mater^ von
Palestrina, so stark und voll, so anschwellend die Töne, so gehalten und
lieblich, daß Alle, vorzüglich aber der Graf und der Kapellmeister in
ihrem Entzücken keine Worte finden konnten.
Ja, sagte der Vater, als man wieder ruhiger war, es ist mein Stolz und
mein Glück, diese Stimme gebildet zu haben, ich darf es ohne väterliche
Verblendung behaupten, sie ist einzig in ihrer Art, und diesen Vortrag
wird man jetzt nirgends hören.
Aber wie kamen Sie nur dazu, fragte der Laie, von Ihrer Tochter sich
geloben zu lassen, niemals in Gesellschaft zu singen, ja sogar dieses
himmlische Talent zu verläugnen?
O, mein Herr, sagte der Alte, wenn Sie meine Geschichte kennten, mein
jahrelanges Elend, wie ich verkannt und gemißhandelt wurde, so würden
Sie dies und noch weit mehr begreifen. Von frühster Jugend war mein Sinn
und Streben auf Musik gerichtet, aber meine Eltern waren so arm, daß sie
für meine Ausbildung nur wenig thun konnten. Mit Chorsingen fristete ich
mich durch, späterhin mit Stundengeben. Ich mußte mir Alles selber
erringen und auf den mühseligsten Wegen. Als ich den Contrapunct
gründlich studirt hatte und Alles versucht und durchgearbeitet, was zu
einem musikalischen Componisten nothwendig ist, als ich nun fertig zu
seyn glaubte, und schon manche Kirchenmusik geschrieben, die mir
gelungen schien, fand ich nirgends Unterstützung, kein Mensch wollte von
mir etwas wissen, mein Aeußeres war nicht empfehlend, ich besaß keine
feine Lebensart, mir fehlten die einschmeichelnden Manieren. Nach
Italien strebte mein Sinn, doch die matten Augen meiner hülflosen Eltern
sahen mich so flehend an, daß ich recht im Herzen fühlte, wie es meine
Pflicht sei, für sie zu sorgen. So mußte ich denn wieder für ein
geringes Geld fast auf allen Instrumenten Unterricht geben, und diese
Pein, mit einem ungeschickten gefühllosen Schüler die Geige zu kratzen,
immer dieselben Mißtöne zu hören, ist über alle Beschreibung. Nur ein
solcher Musiklehrer erfährt, welche Dummköpfe es in der Welt giebt. So
bot man mir einen an, der schon sechs Jahre Violine gespielt hatte. Ei!
dachte ich dazumal, das ist doch ein Trost, da kann ich einmal
musikalisch zu Werke schreiten und vielleicht einen ächten Scholaren
erziehn. Er hatte schon Sonaten, Quartetts, Symphonieen und die
schwierigsten Sachen durchgearbeitet. Und, denken Sie, als ich ihn nun
ins Examen nehme, ist dieser Virtuose nicht im Stande, seine Geige zu
stimmen, er kennt keine Tonart, schabt Alles aus dem Gedächtniß daher,
hat keinen Tact, und verwundert sich in seiner blanken Unschuld, daß
alles das Zusammenhang habe und Wissenschaft sei. Wie das Meerwunder,
das schon fast ein erwachsener Jüngling war, seinen Pleyel zusammen
rasselte, alle Töne falsch, ohne Bindung und Sinn, kreischend und
quitschend, Gesichter schneidend und Pausbacken machend, davon haben Sie
Alle keine Vorstellung. Denken Sie, ich mußte mit ihm wieder einen
Choral zu spielen anfangen, und nach sechs oder sieben Jahren, die er
schon bei einem andern Lehrer verarbeitet hatte, konnte er das nicht
einmal leisten.
Die Uebrigen hatten den Laien schon während dieser Erzählung lächelnd
angesehn, als dieser ausrief: ist es möglich, daß ich so unvermuthet
meinen verehrlichen Musiklehrer wieder finden muß? Ja, alter Herr,
damals haben wir uns beide das Leben rechtschaffen sauer gemacht.
Sie sind der junge Mensch von damals? sagte der alte Mann in
Verlegenheit; bitte tausendmal um Verzeihung: aber es war mir doch so
merkwürdig, daß ich diesen Umstand niemals wieder vergessen habe. -- Auf
diese Weise ging dann meine Jugend hin. Meine Eltern starben, ich war
aber indeß alt geworden. Nach und nach gab man in kleinen Orten von
meinen Compositionen. Hier und da versuchte auch ein Theater meine Opern
darzustellen, aber sie machten kein Glück. Als ich meine Gattin, eine
herrliche Sängerin, kennen lernte, und sie ihr Schicksal mit dem
meinigen vereinigte, schien mir nichts mehr zu wünschen übrig. Aber nach
der Geburt meiner Tochter war ihre Stimme schwächer geworden. Ach was
ist es doch für ein unermeßlicher Verlust, wenn eine wahrhaft schöne
Stimme verloren geht. Es ist ja noch weit mehr, als wenn uns ein
geliebter Freund abstirbt. Und doch muß sich der Mensch auch darein
finden. Meine Frau wollte es aber nicht, sie sang immer schwächer, immer
stärker griff sie sich an, und sang sich zu Tode. Nun war mein ganzer
Himmel diese meine Tochter. Eine kleine Pension, die mir das Theater
zukommen ließ, das ich eine Zeit lang dirigirt hatte, schützte mich vor
der äußersten Dürftigkeit. Von jetzt vertiefte ich mich erst recht in
die großen Kirchenmusiken der alten Meister. Immer armseliger erschien
mir die Gegenwart. Alle die Manieren, die Liebhabereien, die überhand
nahmen, waren mir verhaßt. Am abscheulichsten aber erschien mir die neue
Singmethode, welche immer mehr einriß. Der rechte Ton muß wie die Sonne
aufgehn, klar, majestätisch, hell und immer heller, man muß die
Unendlichkeit in ihm fühlen, und der Sänger muß ja nicht verrathen, daß
er die letzte Kraft ausspielt. Eine Musik, recht vorgetragen, wiegt sich
wie ein Stück des Himmels, und sieht aus dem reinen Aether in unser
Herz, und zieht es hinauf. Und was ich einzig und allein im Ton hören
will, ist die Begeisterung. Einen tragischen oder göttlichen
Enthusiasmus giebt es, der heraus klingend jeden Zuhörer von seiner
menschlichen Beschränktheit erlöst. Ist die Sängerin dieser Vision
fähig, so fühlt sie sich vom Sinn des Componisten, aber auch zugleich
vom Sinn der ganzen Kunst durchdrungen, daß sie Schöpferin, Dichterin
wird, und wehe dem armen Kapellmeister, der dann noch Tact schlagen, und
das Tempo zu starr fest halten will, denn die Eingeweihte darf über die
gewöhnlichen und nothwendigen Schranken hinaus steigen, und sich wie ein
Engel schwebend aus dem Grabe des Zeitlichen erheben, und triumphirend
in lichter Glorie dem Unsterblichen zufliegen.
Das ist es, sagte der Laie, was ich neulich habe aussprechen wollen.
Die meisten Künstler, fuhr der Alte fort, sind nur höchstens von ihrer
eigenen Virtuosität trunken, selten, selten, daß einer nur wagt, den
Componisten zu verstehn, geschweige über ihn hinaus zu schreiten. So wie
im letzten Fall der Componist verherrlicht wird, so wird er im ersten
fast immer vernichtet, doch ist diese Begeisterung nicht ganz zu
verwerfen, weil alsdann, wenn auch auf eitle Weise, Seele in den Gesang
kommt, in so fern nämlich der Sänger ein wirklicher ist. Mein Kind
erwuchs, und ward ganz, wie ich es mir gewünscht. Sie faßte meinen Sinn,
sie bekam eine Stimme, wie ich sie noch niemals gehört hatte. Ich
glaubte, ein unschätzbares Kleinod in ihr zu besitzen. In dieser
Ueberzeugung schrieb ich von ihr einem großen Hof, wo man sie zur
Kammersängerin berief. Nun glaubte ich, in Ruhe und ohne Armuth meine
Tage beschließen zu können. Die vornehme Welt ist versammelt und sie
singt ein altes Musikstück, so, daß mir die Thränen in den Augen stehn;
ich selbst hatte sie nie so singen hören, denn sie hat Stolz, die
Umgebung befeuerte sie. Und wie sie endigt, keine Hand, kein Wort, kein
Blick. Der alte Kapellmeister kommt dann zu mir und flüstert, der Fürst
und die Damen hätten geäußert, und er selber müsse die Meinung
unterschreiben, meine Tochter möchte noch erst Unterricht von einem
guten Sänger haben, um Schule zu bekommen.
Das ist es eben, rief jetzt der Graf aus, was sie wollen, Schule,
Methode, wie sie es nennen, statt des Gesanges. Ja, das war jener Abend,
als ich, Julie, in Wonne aufgelöst hinter Deinem Rücken stand, und Dein
Angesicht nicht sehen konnte. Methode! gerade als wenn ein Solimene oder
Trevisano den Raphael bedauern wollte, daß er nicht mehr Schule in
seinen Werken zeige.
Julie sagte: glauben Sie mir, mein Vater, ich kann besser singen, als
ich jenen Abend sang. Ja, vor Freunden, die uns verstehn, die unserm
Sinn entgegen kommen, wird die Stimme noch einmal so mächtig und die
Sicherheit unendlich. Aber man fühlt es auch vorher durch geistigen
Instinkt, wenn wir vor Unverständigen uns hören lassen sollen. Wird bei
jenen der Gesang wie Gold in Gluth der Liebe geschmolzen, so versagt bei
diesen Stimme und Muth, ja der Ton wird oft, trotz aller Anstrengung,
kümmerlich. An jenem, mir fürchterlichen Abende sah ich mich
geflissentlich nicht um, und doch steckten mir alle die Augen der
gelangweilten Hofdamen und die verwunderten Blicke der neugierigen
Cavaliere in der Kehle.
Das Unglück, dieser Unsinn, nahm der Alte wieder das Wort, verwirrten
mir auch den Kopf. Ohne es nur anzuzeigen, reisete ich noch in derselben
kalten Nacht mit meiner Tochter wieder ab. Sie mußte mir feierlich
geloben, nie anders, als nur in meiner Gegenwart, und wenn ich es ihr
erlaubte, zu singen. Kam sie unter Menschen, die jetzt fast alle gern
kreischen und zwitschern, so mußte sie fest verläugnen, daß sie nur
irgend was von Musik wisse. Wir lebten sehr einsam, kamen wenig oder gar
nicht unter die Leute. Mein Gemüth verfinsterte sich immer mehr, und
hätte mich nicht meine Tochter getröstet, so wäre ich wohl längst
gestorben, oder Wahnsinn hätte mich ergriffen. Ist mir doch fast, als
wäre ich in manchen Stunden diesem Elende nicht allzufern gewesen.
Oefter wechselte ich den Wohnsitz und kam nun hieher, um draußen, in der
Nähe finsterer Tannen recht einsam zu leben, und ungestört mit meinem
Kinde Gesang und Musik zu üben, da sah mich neulich der Herr (indem er
auf den Kapellmeister wies) draußen, und gestern wollten sie beide in
der Nacht mein Haus bestürmen, was ich freilich ganz anders auslegte,
als es sich nun zu meinem unerwarteten Glücke ausgewiesen hat.
Man setzte fest, daß noch heut Abend die Verlobung seyn sollte, zu
welcher auch der Baron und seine Familie gebeten wurde.
Aber halt! rief der Kapellmeister, Ihr Gelübde, Herr Graf, welches Sie
in dieser Nacht gethan haben, daß Ihre schöne Braut noch vor der
Vermählung die Hauptparthie in meiner Oper singen soll!
Es sei, sagte der Graf, wenn es meiner Julie nicht unangenehm ist. Man
sah es ihr aber, auch ohne ihre Versicherung wohl an, daß es ihr Freude
mache, auf eine so glänzende Art ihr großes Talent zu entwickeln.
* * * * *
Ehe der Graf in das Schauspiel ging, nahm er noch einmal den alten
Italiener einsam vor und sagte: Ihr hättet neulich fast Unglück
gestiftet, alter Thor, reiset nun, wozu ich Euch ausgestattet habe, in
Eure Heimath zurück, lebt dort ruhig, und Ihr werdet richtig Eure
Pension ausgezahlt erhalten, die Euer Alter froh und sorgenlos machen
kann.
Eccellenza, antwortete der Verwirrte, seyn die Großmuth selbst: bitte
auch auf Knieen um Pardon, daß den Schwiegervater habe prügeln wollen,
den alten boshaften Hortensio, der alle Musik ruinirt. Ich hatte lange
draußen gelauert, und war im Wald vor Müdigkeit und Chagrin
eingeschlafen, unterdessen er auf und davon. Untersuche alle Dörfer
dort, komme müde und matt zurück, da rennt er über die Straße: Herr
Graf, da zog es mich so allgewaltig, ich mußte losprügeln, und wenn's
mein leiblicher Vater gewesen wäre.
Als Julie sich in der schöngesetzten Parthie zeigte, und in vollen Tönen
so sicher ausstrahlte, war das Entzücken des Publikums allgemein. Die
Zeichen des Mißfallens, die einige Freunde der eigensinnigen Sängerin
wollten hören lassen, mußten beschämt verstummen. Als die große Arie
gesungen war, entstand ein so lautes Beifallrufen, ein solches Jauchzen
und Geräusch, daß Musik und Stück inne hielt. Als es ruhiger war, hörte
man eine laut heisere Stimme, die vom Parterre herauf rief: taugt nix!
gar nix! miserable Pfuscherei, kein Vortrag: ist nur Aberwitz und
deutsche Seelenmanier des verrückten Herrn Hortensio! Es war der alte
Italiener, der sich noch einmal vernehmen ließ, aber genöthigt wurde,
das Theater zu verlassen.
Noch niemals hatte in dieser Stadt eine Oper so großes Glück gemacht,
der Kapellmeister war beseligt, der Vater glücklich, der Graf entzückt,
der Laie in frühere Jahre versetzt, und der Enthusiast, was die Uebrigen
freute, ohne Worte.
Bald darauf war die Vermählung der Glücklichen. Dann zog der Graf auf
seine großen Güter; alte Musik, die Compositionen Hortensio's, Opern
wurden in seinen Sälen gegeben, und die abwesenden Freunde hörten in
Briefen nur von der ungetrübten Freude dieser auf so wunderliche Art
Vereinigten.
Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.
Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert,
teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben, wie hier aufgeführt
(vorher/nachher):
[S. 9]:
... von oben in den Saal herabschaute, die durch das Ge- ...
... von oben in den Saal herabschaute, die durch das Geschrei ...
[S. 23]:
... häufig haben wir die bösen Folgen der Zornes, der
Trunkenheit, ...
... häufig haben wir die bösen Folgen des Zornes, der
Trunkenheit, ...
[S. 57]:
... Gabe des Unsichtbare schenken kann; und wehe dem
Verschwender, ...
... Gabe das Unsichtbare schenken kann; und wehe dem
Verschwender, ...
[S. 84]:
... und seine Gabe wird so verkannt, so wenig gewürdiget, ...
... und keine Gabe wird so verkannt, so wenig gewürdiget, ...
[S. 90]:
... und klingt in unserm Giste zusammen! ...
... und klingt in unserm Geiste zusammen! ...
[S. 246]:
... Schachspieler, Melchior, der Baukünstler, ja Alle mi ...
... Schachspieler, Melchior, der Baukünstler, ja Alle im ...