Als ich dem fremden Hofe mich vorgestellt hatte, empfing ich bald darauf

den Bescheid, daß ich mit einem wichtigen Auftrage schnell in mein

Vaterland zurück müsse. Am Abend war beim Bruder des regierenden Fürsten

Concert, und eine fremde Sängerin wollte sich zum ersten Mal hören

lassen. Ich begab mich in den Concertsaal. Nur der Sängerin Nacken,

dessen blendende Weiße von einem wunderlich gekräuselten braunen

Löckchen erhöht wurde, konnte ich wahrnehmen, so wie einen Theil des

feingerundeten Ohres, so dicht war das Gedränge. Aber jetzt erhob das

Mädchen den Ton, und ging in einen zweiten über, und strahlte den

dritten aus, so mächtig, edel, rein, voll und lieblich zugleich, daß ich

wie bezaubert stand, denn das war es, wie ich es mir immer gedacht, ja

es war mehr, wie ich gewünscht hatte. Dieser reine, himmlische Discant

war Liebe, Hoheit, zarte Kraft und Fülle der edelsten, der überirdischen

Empfindung. Da hörte ich nicht den spitzen, blendenden Glaston, der noch

die Harmonika überschleift, nicht die Betäubung in der letzten,

schwindelnden Höhe, die wie mit Spitzen das Ohr verletzt und durchbohrt,

nicht die Ohnmacht an der Grenze der Stimme, die erst ein Mitleidsgefühl

in uns erregt, und von diesem dann Hülfe und Beifall bettelt: nein, es

war die Sicherheit selbst, die Wahrheit, die Liebe. Nun begriff ich

erst, wie Hasse hatte wagen können, zuweilen in seinen Arien durch viele

Tacte den Sopran auf ein und zwei Sylben trillern, sich senken und

wieder steigen zu lassen. Ich war so entzückt, daß ich mich und Alles

vergaß, ich legte in diesem höchsten Augenblick meines Lebens das

sonderbare Gelübde mir selber heimlich ab, daß nur dieses Wesen mit

dieser Wunderstimme, oder keins, meine Gattin werden sollte. Der Rath

und der Laufer des Fürsten hatten mich schon zwei-, dreimal erinnert.

Ich ging zum regierenden Herrn in das Schloß hinüber. Es ward mir

schwer, meine Lebensgeister zu dem sehr bedeutenden Gespräche zu

sammeln. Nach der Audienz mußte ich mich in stürmischer Nacht in den

Wagen werfen. Kein Diener, am wenigsten der alte Rath, mein Begleiter,

wußten mir von der Sängerin etwas zu sagen. In meinem Vaterlande

angekommen, erwarteten meiner dringende Arbeiten, die mich selbst in den

Nächten beschäftigten, ich konnte meinen Vater, der auf dem Krankenbette

lag, nur wenig sehn. Als ich fertig war und meinem leidenden Vater jetzt

meinen Trost und Dienst widmen wollte, konnte ich ihm nur noch die Augen

zudrücken. Jetzt wußte ich erst, wie theuer mir der edle Mann gewesen

war, doch war es mir jetzt erlaubt, meiner Neigung zu folgen; ich entzog

mich den Staatsdiensten. Sobald es meine geordneten Geschäfte zuließen,

reisete ich nach jener Residenz zurück, -- aber -- und wie ist dies zu

begreifen? Kein Mensch, kein Musiker, Niemand am Hofe wollte von jener

Sängerin, oder jenem Abend, den ich beschrieb, etwas wissen, als sei

diese einzige, himmlische Stimme eine der gewöhnlichsten Erscheinungen,

die man kaum bemerkt und dann vergißt, oder als sei ich in Wahnsinn und

Bezauberung, daß ich mir Alles nur eingebildet habe.

Als jede Nachforschung vergeblich war, suchte ich auf Reisen jenes

Wunder wieder anzutreffen. Darum versäumte ich kein Concert und keine

Oper, suchte jede musikalische Versammlung auf, und immer vergebens.

Seit zwei Jahren führe ich dies unruhige traurige Leben, und heut Abend

dacht' ich thöricht zu werden, denn in der fremden Dame glaubte ich

meine Unbekannte gefunden zu haben, dieselbe Locke im Nacken, derselbe

feine Contour des Ohrs; und Mund und Physiognomie schienen mir ganz wie

die einer Sängerin.

Die Tochter des Hauses versicherte noch einmal, daß der Graf sich

durchaus irre, und daß seine Bemerkungen über Gesang fast eben so

einseitig als fein zu nennen wären. Denken Sie denn Ihr sonderbares

Gelübde zu halten? fragte hierauf der Baron.

Ich muß wohl, erwiederte der Graf, denn mögen Sie auch lächeln und es

unbegreiflich finden, jener wunderbare süße Ton hat mir Liebe, wahre

Liebe eingeflößt. Warum soll denn unser Auge der einzige Sinn seyn, der

uns dies Gefühl, diesen enthusiastischen Taumel zuführt? Ich träume von

dieser Engelsstimme, immer vernehme ich sie, Alles erinnert mich an

diesen Ton: o Himmel! wenn er verschwunden, wenn sie gestorben seyn

sollte! Ich mag mir die Unermeßlichkeit dieses Elends gar nicht

vorstellen.

Die Uebrigen, den Laien abgerechnet, schienen diese Leidenschaft nicht

begreifen zu können, oder an sie glauben zu wollen. Da es spät war,

trennte man sich, und der Italiener begleitete den Grafen, in dessen

Hause er wohnte.

Eccellenza, fing er in einer einsamen Straße an, thut mir die

Gefälligkeit, mich übermorgen vor das Thor da in den Tannenwald zu

begleiten, da will ich mir umbringen.

Narr! sagte der Graf, was fällt Euch einmal wieder ein? Habe ich nicht

versprochen, für Euren Lebensunterhalt zu sorgen?

Alles recht schön, sagte jener, danke auch für die Großmuth; aber ich

bin mein Leben völlig satt, so sehne ich mir nach meiner abgeschiedenen

Hälfte.

Damit Ihr auch jenseit, fragte der Graf, Euer Katzenkonzert wieder

fortsetzen könnt?

Nicht blos deswegen, erwiederte der Alte, bin aber mit Isabellen so

gewohnt gewesen, mit Palestrina, Durante, Bach und alle große Leute, den

königlichen Kapellmeister David mit eingerechnet, zu leben, daß ich es

mit so ordinären Menschen nicht mehr aushalten kann. Wie rathen mich,

Eccellenza, daß ich mir umbringen soll, hängen, schießen oder ersaufen?

Ich werde den Narren einsperren lassen, sagte der Graf.

Hat jedes etwas für sich, fuhr der Italiener fort, ohne sich stören zu

lassen: Luft, Feuer, Wasser; jedes ein ganz gutes Element. Ein einziges

Ding könnte mich mein Leben versüßen, so daß ich wieder in die

Lebenslust einbisse.

Nun, und was?

Daß ich den Herrn Hortensio nochmal anträfe.

Und weshalb?

Daß ich ihn so recht abwamsen, durchdreschen könnte, daß er dazumal

meiner ^Cara^ die Gesangmethode so verdorben hat.

Phantast! sagte der Graf, indem sie durch die Thür schritten. -- Und was

ist Eccellenza? murmelte der Alte, indem die Diener ihnen entgegen

kamen.

* * * * *

Der Kapellmeister war in Verzweiflung. Es war ganz so gekommen, wie er

gefürchtet hatte. Die erste Sängerin zeigte sich mehr als empfindlich,

sie fühlte sich beleidiget, und sogleich war auf einen Wink von ihr eine

recht schwere Krankheit da, die ihr es unmöglich machte, einen Ton zu

singen, ja nur ihr Zimmer zu verlassen. Der Enthusiast wandelte und

rannte hin und her, aber seine Vermittlung machte die Sache eher ärger

als besser, denn da er treuherzig wieder erzählte, was jede der Parteien

geäußert hatte, so wurde der Kapellmeister immer mehr erbittert, und die

Sängerin ging am Ende so weit, daß sie verlangte, statt der beiden

Haupt-Arien sollten zwei ganz neue gesetzt werden, und das Duo im

letzten Acte müsse in den ersten und zwar gleich in den Anfang verlegt

seyn, auch forderte sie noch für sich die große Arie der zweiten

Sängerin, ohne welche Bewilligungen an keinen Friedensschluß zu denken

sei. Ueber diese ungeheure Forderungen gerieth der Kapellmeister so

außer sich, daß er schwur, sie solle nun in seiner Oper gar nicht

singen, ob er gleich noch nicht wußte, wie er seiner Verlegenheit

abhelfen sollte. Wenn nur meine Cara noch lebte! rief der alte Italiener

aus, der an den Berathschlagungen Theil nahm, und jetzt die Verzweiflung

des Kapellmeisters sah; ach! wie brillant könnte die Selige zum Theater

wieder auferstehn! Die Rolle ist ganz und gar für sie geschrieben.

Könnt Ihr sie nicht vielleicht selbst übernehmen? fragte der

Kapellmeister in tragischer Bosheit.

^Signor si!^ rief der Alte, wenn Ihr kein ander Subject findet, ich kann

zum Entsetzen einen hohen Sopran durch die Fistel singen.

Es kommt wirklich fast auf eins hinaus, rief der Componist in seiner

Verzweiflung, ob man so oder so parodirt wird; wenigstens würde doch

kein Liebhaber bei einer unpassenden Gelegenheit klatschen, und kein

Eifersüchtiger oder der Bewunderer der zweiten Dame aus Neid pochen und

zischen. Unternehmt Ihr, Alter, aber auch liebenswürdig zu erscheinen?

Was der Mensch leisten kann, antwortete jener, der es für Ernst hielt:

vor dreißig Jahren war ich zum Malen hübsch, und wenn ich mal auf

Carneval in Weibskleidern ging, lief mir alles junge Mannsvolk nach.

Die Prima Donna hätten wir also, sagte der Enthusiast, und wenn die Oper

nur Nacht und Verfinsterung des Theaters erforderte, und kein Mensch die

Sache erführe, so käme es wohl auf den Versuch an, welche Wirkung der

alte Freund machen würde.

Wenn ich nicht vor der Aufführung todt bin, warf der Italiener ein, so

wie das andere Subject krank ist, so möchte ich wohl in das Sterben

gerathen.

Ich sehe schon, beschloß der Kapellmeister, ich bin vergeblich

hergereist, ich habe umsonst alle Anstalten getroffen. So lange es

unmöglich bleibt, von Obrigkeits wegen einen solchen Eigensinn zu

bestrafen und zu hindern, so lange das Publikum selbst nicht eine solche

Frechheit und Verachtung seiner so ahndet, daß kein zweiter dieselbe

Vergehung wieder wagt, so lange bleiben wir das Opfer dieser Caprice von

unwissenden Menschen, die für ihr mäßiges Talent viel zu sehr belohnt

und von den Directionen und allen Zuhörern verzogen werden. Ich werde

wieder einpacken.

Der Enthusiast weinte vor Schmerz, der Italiener aber sagte: Ihr habt

ganz recht; nicht wahr, das Leben mit all den Mühseligkeiten ist nicht

die Rede werth?

Ich bin es wenigstens völlig satt, antwortete der Componist.

Nun, so kommt mit mich, leistet mir Gesellschaft, sagte der Alte sehr

freundlich, indem er sich an ihn schmiegte.

Wohin?

Nach jenseit, nach dem weiten großen Raum, wo man Ellenbogen-Freiheit

nach Herzenslust hat. Sagt, Mann, wollen wir uns lieber ins Wasser

schmeißen, oder frisch den Kopf abschießen, wie dem Vogel von der

Stange?

Geht, rief der Musiker, Ihr seid schon am frühen Morgen trunken.

Nein, sagte jener, ich habe einmal einen heiligen Schwur gethan, mir aus

dieser Welt hier fortzuschaffen, wenn ich nicht etwa den lieben Signor

Hortensio wieder antreffen thäte: das würde natürlich die ganze Sache

verändern. Aber wenn mir die Freude nicht arrivirt, sagt nur selbst, was

ist denn das für ein lumpiges Leben hier unten? Da sitzt Ihr immer,

närrischer Maestro, und klimpert auf das Clavier, und schreibt Eure

Eingebungen auf, und ängstigt Euch um Invention, Charakter, Melodie,

Styl, Originalität, und wie man Kunstwesen alles nennt: und wer dankt es

Euch? Wer merkt es nur ein bissel? Laßt uns doch mal als vernünftige

Männer in Tag hinein reden: ist es denn nicht spaßhafter, sich aus dem

Staub zu machen? Ja, Ruhm, Nachwelt! Wollen der lieben Nachwelt ein

bissel entgegen gehn, und mal hinter den Vorhang gucken, ob es solches

Gethier überhaupt nur giebt. Uebermorgen, Freundchen, seid von der

Parthie, ich bring' auch Pistol mit: Ihr müßtet denn lieber baumeln

wollen; ist aber jetzt windiges und garstiges Wetter.

Laßt die Narrenspossen, sagte der Musikus sehr ernst, es wird noch dahin

kommen, alter Thor, daß Ihr nach dem Tollhause wandert.

Und wohnen da nicht auch Leute? sagte der Italiener grinsend; Ihr habt

Vernunft noch nicht viel gebraucht, junger Mann, da ist sie noch ein

bissel frisch! wer sie aber so wie ich strapazirt hat, da ist sie mürbe

und matt; mir kommt's gar nicht so sehr auf Ambition an, daß mich Eures

gleichen für vernünftig, oder Weisen aus Griechenland hält. Ich habe

wohl andern Umgang gehabt, als Ihr, Ihr armer, gegenwärtiger,

kurzsichtiger Mensch! und wenn Nestor, oder Phidias und Praxiteles, mit

die ich so oft konversirt habe, mich so etwas gesagt hätten, so hätte

ich jeden einen Schlag an die Gegend von das Ohr gegeben.

Er lief wüthend fort, und der Kapellmeister setzte sich melancholisch

nieder; auch der geschwätzige Enthusiast mußte ihn verlassen, damit er

seinem Kummer recht ungestört nachhängen könne.

* * * * *

Nein, sagte am Abend der Laie zum Baron Fernow, ich habe dazumal einen

Schwur gethan, niemals eine Geige wieder anzurühren, und darum

verschonen Sie mich. Der Vater und die Tochter wünschten nämlich, er

möchte ihnen nur etwas, das kleinste Liedchen vorspielen, um zu sehen,

wie er sich in der Jugend mit seinem Instrumente ausgenommen habe.

Man sollte wohl nichts verschwören, sagte der Baron, am wenigsten die

Ausübung einer so edeln Kunst.

Der Kapellmeister trat herein, und erzählte eine sonderbare Anmuthung,

die ihm vom Grafen geschehen sei. Dieser habe ihn nehmlich besucht und

gebeten, am heutigen Abend mit ihm und dem alten Italiener in den Wald

vor die Stadt zu gehn, wo sich der Sänger erschießen wolle; der Graf

wünsche wenigstens einen rechtlichen Mann zum Zeugen, der es nachher

bewähren könne, daß der alte Thor sich selber umgebracht habe. Der Baron

war der Meinung, man müsse den alten Verrückten sogleich fest nehmen und

einstecken; die Uebrigen fielen bei, nur der Laie äußerte den Zweifel,

ob nicht Jedem das Recht zustehen müsse, über sein Leben zu entscheiden,

wie es ihm am besten dünkte. Hierüber entspann sich ein Streit, ob es

dem Staate, oder den übrigen Menschen erlaubt sei, über irgend wen eine

solche beschränkende Aufsicht zu führen, welches der Baron

uneingeschränkt behauptete, da ein solcher durchaus, der einen so

unklugen Vorsatz fasse, als ein Wahnsinniger zu betrachten sei.

So muß man erst ermitteln, was Wahnsinn ist, warf der Laie ein; denn wir

sehn es in der Geschichte, wie die Gesetze und ihre Vollstrecker nach

den Umständen und herrschenden Gesinnungen bald dieses bald jenes zum

todeswürdigen Verbrechen gestempelt haben, welches andere Zeitalter zu

Tugenden erhoben, oder gleichgültig ansahen, ja selbst verlachten. Frei

zu denken, von gewissen Meinungen abzuweichen, hat ehemals Manchen auf

den Scheiterhaufen geführt; wegen Zauberei, wegen angeschuldigter Künste

ist Manchem der Stab gebrochen worden, und jetzt, wo wir in diesen

Punkten Freiheit gestatten, und es doch dulden müssen, wie Viele durch

Uebermaaß und Ausschweifung sich vorsätzlich und sichtlich zu Grunde

richten, begreife ich nicht, wie man es den Elenden und Verstörten mit

Recht verwehren kann, das Leben wegzuwerfen, wenn sie diesen Entschluß

wirklich ergreifen.

Sie sind paradox, rief der Baron; ich bin nicht Philosoph gnug, um Sie

widerlegen zu können, allein aus den Ueberzeugungen der Religion müssen

Sie es selber schon wissen, daß Sie eine böse Sache vertheidigen.

Ich habe versprochen, mit auszuwandern, sagte der Kapellmeister, denn

ich kann mir nimmermehr vorstellen, daß der alte Thor Ernst machen wird.

Uebrigens wäre es wahrlich nicht zu verwundern, wenn ein armer geplagter

Kapellmeister diese Gelegenheit benutzte, und ihm Gesellschaft leistete.

Der Graf trat wie verstört und tiefsinnig herein. Man fragte ihn, ob

etwas Neues begegnet sei; er äußerte aber, die Erinnerung an jene

Stimme, die ihm durch die neuliche Erzählung wieder mit frischer

Lebhaftigkeit in das Gedächtniß gekommen sei, sein rastloses Suchen, die

Qual dieser Spannung und die Unruhe, die es seinem ganzen Wesen

mittheile, mache ihn völlig elend, und er habe beschlossen, wenn sich

der Italiener erst erschossen habe, weiter zu reisen.

So halten Sie es denn für Ernst? fragte der Baron erstaunt.

Wenn er nicht wirklich dazu thut, antwortete der Graf, so nehme ich den

Narren wieder auf die Reise mit.

Der Italiener trat herein und schien aufgeräumter, als man ihn noch je

gesehen hatte. Alle betrachteten ihn mit einer gewissen Scheu, er aber

nahm keine Notiz von diesem veränderten Betragen, und als jetzt der

Enthusiast und der Sänger die Gesellschaft vermehrten, wurden Alle in

heitern Gesprächen von einer vergnüglichen Laune beherrscht, den Grafen

ausgenommen, der seine trübe Miene nicht veränderte. Lassen Sie uns,

sagte der Kapellmeister endlich, Einiges von unsern neulichen

Erzählungen aufnehmen. Wie ist es möglich, (indem er sich zum Laien

wandte) daß Sie nach ihren neuerlichen komischen Bekenntnissen ein so

großer Freund der Musik haben werden können? Vielleicht dadurch um so

mehr, erwiederte dieser, weil das Gefühl, als es reif in mir war, durch

sich selbst und stark erwachte, daß ich nichts Angelerntes,

Nachgesprochenes in meine Liebhaberei hinüber nahm. Ich hatte es endlich

dahin gebracht, daß ich kleine einfache Lieder begriff, die mir auch

wohl im Gedächtniß hängen blieben, die trefflichen von Schulz, zum

Beispiel, in denen uns, ohne daß sie uns eben poetisch aufregen, so

behaglich und wohl wird, die uns so klar blauen Himmel, grüne

Landschaften, leichte Figuren und anmuthige Empfindungen hinmalen, waren

mir oft gegenwärtig und verständlich. Nur die größeren Compositionen, am

meisten aber die dramatische Musik, waren mir zuwider, wenn ich auch in

der letztern manchmal mit Wohlgefallen eine kleine Arie hörte, die sich

dem Ohr einschmeichelte. Auch der Harthörigste lernt am Ende die kleinen

melodischen Sachen fühlen, wenn ihm auch der Zusammenhang großer

musikalischer Dichtungen unverständlich bleibt. Als das erste Mal Don

Juan von Mozart gegeben wurde, ließ ich mich bereden, das Theater zu

besuchen. Es war unlängst componirt, und des großen Mannes Ruhm noch in

Deutschland nicht so begründet, wie bald nachher, welches ich besonders

an einem hochgeachteten Musiker wahrnahm, der während und nach der

Aufführung nicht gnug über den falschen Geschmack des Werkes reden

konnte. Mir aber war, als fiele mir schon während der Ouvertüre eine

Binde von allen Sinnen. Ich kann die Empfindung nicht beschreiben, die

mich zum ersten Mal überraschte, daß ich wahre Musik hörte und verstand.

Mit dem Verlauf des Werkes steigerte sich mein Entzücken, die Absichten

des Componisten wurden mir klar, und der große Geist, der unendliche

Wohllaut, der Zauber des Wundervollen, die Mannigfaltigkeit der

widersprechendsten Töne, die sich doch zu einem schöngeordneten Ganzen

verbinden, der tiefe Ausdruck des Gefühls, das Bizarre und Grauenhafte,

Freche und Liebevolle, Heitere und Tragische, alles dieses, was dieses

Werk zu dem einzigen seiner Art macht, ging mir durch das Ohr in meiner

Seele auf. Daß es so plötzlich geschah, vermehrte meine Begeisterung,

und ich konnte nun kaum den Belmont desselben Meisters erwarten, dessen

Leidenschaftlichkeit mich nicht weniger entzückte. Auch andere

Componisten suchte ich zu begreifen, und Glucks großen Styl, seine edle

Rhetorik, sein tiefes Gemüth rissen mich hin, ich erfreute mich an

Paisiello und Martini, Cimarosa's heller Geist leuchtete mir ein, und

ich bestrebte mich, die Verschiedenheiten des musikalischen Styls, so

wie verschiedenartige Dichter zu erfassen und mir anzueignen. Während

meiner Universitäts-Jahre verlor ich diese Kunst wieder aus dem

Gesichte, doch zurück gekehrt war mein Eifer für sie um so brennender,

vorzüglich da einige vertraute Freunde mein Urtheil und Gefühl

läuterten. Jetzt wurde ich mit dem wundervollen Genius des großen

Sebastian Bach bekannt, in dem vielleicht schon alle Folgezeit der

entwickelten Musik ruhte, der Alles kannte und Alles vermochte, und

dessen Werke ich etwa nur mit den altdeutschen tiefsinnigen Münstern

vergleichen möchte, wo Zier, Liebe und Ernst, das Mannigfaltige und

Reizende in der höchsten Nothwendigkeit sich vereinigt, und in der

Erhabenheit uns am faßlichsten das Bild ewiger und unerschöpflicher

Kräfte vergegenwärtiget.

Der Componist sagte: gewiß, es könnte Schwindel erregen, wenn man

überschaut, was Alles vorangehen mußte, bevor Bach seine Werke schreiben

konnte; aber es gehört auch wahrlich viel dazu, einer solchen Fuge oder

einem vielstimmigen Satz auf die rechte Weise zu folgen, und ihn zu

verstehn, es ist gleichsam eine Allgegenwart des Geistes, die ich einem

solchen Laien am wenigsten zugetraut hätte.

Nach mehreren Jahren, fing der Laie wieder an, wurde mir es so gut, in

eine edle Familie eingeführt zu werden, deren Mitglieder, vorzüglich die

weiblichen, auf eine entzückende Art die Musik ausübten. Die älteste

Tochter sang einen Sopran, so voll und lieblich, so himmlisch klar, daß

ich bei Ihrer neulichen Beschreibung des Gesangs Ihrer Unbekannten,

werther Graf, an diese unvergleichliche Stimme denken mußte. Hier

vernahm ich nun neben manchem Weltlichen vorzüglich die großen und

ewigen Gedichte des erhabenen Palestrina, die herrlichen Compositionen

eines Leo und Durante, die Zaubermelodieen des Pergolese, den ich mit

den Lichtspielen des Correggio vergleichen mußte, die trefflichen Psalme

Marcello's, die großartige Heiterkeit unsers Hasse, und das dramatische

Requiem Jomelli's: Manches von Feo, die Miserere von Bai und Allegri

ungerechnet. So rein, ungeziert, im großen einfachen Styl, ohne alle

Manier vorgetragen wird man schwerlich je wieder die Meisterwerke hören.

Diese glückliche Zeit versetzte meinen Geist in eine so erhöhte

Stimmung, daß sie eine Epoche in meinem Leben macht. Nur in wenigen

schwachen Gedichten habe ich versucht, meine Dankbarkeit auszusprechen.

Meine Seele war so ganz in diesen göttlichen Tönen aufgegangen, daß ich

dazumal nichts von weltlicher Musik wissen wollte, es schien mir eine

Entadlung der Göttlichen, daß sie sich zu den menschlichen

Leidenschaften erniedrigen sollte. Ich glaubte, es sei nur ihre wahre

Bestimmung, sich zum Himmel aufzuschwingen, das Göttliche und den

Glauben an ihn zu verkündigen.

Ein Beweis, sagte der Kapellmeister, daß Ihr ganzes Herz damals von der

Glorie dieser Erscheinung durchdrungen war. Man thut auch Unrecht,

dergleichen wahre Begeisterung Einseitigkeit zu schelten, denn unsre

Seele, wenn sie wirklich auf so große Art ergriffen und erschüttert

wird, fühlt dann in diesem ihr neuen Element die ganze Kraft und

Ewigkeit ihres Wesens: sie findet dann die Schönheit, von der sie früher

gerührt wurde, erhöht und vollendet in der neuen Erscheinung, und sieht

mit Recht auf ihre frühern Zustände als auf etwas Geringeres hinab. In

wessen Herz eine solche Vision nicht steigen und es ganz ausfüllen kann,

der weiß überhaupt nicht, was ächte Begeisterung ist. Und gewiß ist die

Kirchenmusik, welche freilich die Neueren meist auch so tief herab

gezogen haben, die erhabenste und schönste Aufgabe unsrer Kunst. Ich bin

aber überzeugt, daß Sie späterhin von selbst eben aus Ihrem Enthusiasmus

wieder den Weg zu Ihrem geliebten Mozart und andern gefunden haben.

Natürlich, fuhr der Laie fort, denn die Liebe kann sich ja doch niemals

in Haß umwandeln. Ich habe immer die Menschen gefürchtet, die mit ihren

Gefühlen in den Extremen schwärmen, und heut übertrieben verehren, was

sie in einiger Zeit mit Füßen treten. Unsre Bildung kann und soll nur

eine Modification einer und derselben Kraft, einer und derselben

Wahrheit seyn, kein unruhiger Austausch und Wechsel, und kein hungerndes

Verlangen nach Neuem und Unerhörtem, welches doch niemals befriedigend

gesättiget werden kann. Als es mir nachher so gut ward, in Rom von der

päbstlichen Kapelle viele derselben Sachen vortragen zu hören, so fühlte

ich wohl, daß hier ein eigener traditioneller Vortrag des alten ^Canto

fermo^ Manches anders und noch einfacher gestalte, aber weder dort noch

in den Theatern habe ich je diesen unbeschreiblichen Discant wieder

vernommen, und Pergolese oder andere neuere Kirchenmusik ist mir auch

niemals in dieser Vollendung wieder vorgetragen worden.

Aus Ihren Beschreibungen, fing der Sänger an, muß ich wohl abnehmen, daß

Sie mit der neuen Sängermanier wohl selten zufrieden seyn mögen. Ich

gestehe Ihnen aber, daß ich hierin nicht ganz Ihrer Meinung seyn kann:

zu große, zu schlichte Einfalt würde mich zurück stoßen, ich will den

Virtuosen vernehmen, der die Musik und seine Stimme beherrscht. Wie der

Deklamator nicht blos ruhig ablesen soll, sondern durch Erhöhung und

Senkung der Stimme, durch kleine Pausen, durch rollende Töne erst zum

Schauspieler wird, und das zur Kunst erhöht, was der ganz gute Vorleser

doch in der niedrigen Region stehen lassen muß.

Schriften 17: Novellen 1 · 第 21 / 24 段