Talents hatte sich gezeigt, als der böse Geist es mir in den Kopf
setzte, in mir sei vielleicht ein großer Violinspieler verborgen. Die
Geige wurde angeschafft, ein Lehrer angenommen. Es hatten sich aber nun
der seltsamste Scholar und der wunderlichste Meister zusammen gefunden,
denn dieser unterrichtete mich eigentlich so, als wenn ich schon seit
Jahren ein nicht unwissender Violinspieler gewesen wäre. In der ersten
Stunde ließ er mich nur die Geige anstreichen, was mir bei meinen zarten
Nerven keine Freude verursachte. Zur folgenden hatte er mir schon ein
Buch gemacht, und einige leichte Lieder hinein geschrieben. Dies Stück,
sagte er, geht aus ^D dur^; es war: Blühe, liebes Veilchen. Ich
bekümmerte mich nicht weiter darum, was die beiden Kreuze oder ^D dur^
zu bedeuten hatten, ob es eine oder mehrere Tonarten gäbe, was die
Tactabtheilung, oder die Striche an den Noten bedeuteten, sondern wir
spielten nun wohlgemuth das Lied durch, und ich ihm nach, Fingersetzung
und Alles aus dem Gedächtniß. So ging es beim zweiten und dritten Liede,
welches aus ^C dur^ ging. Ich sah wohl, daß nun die Kreuze fehlten, und
er nannte jedesmal die Tonart, wenn ich falsch griff, fand es aber gar
nicht nothwendig, weitere Erklärung hierüber, oder über die Dauer der
Noten hinzu zu fügen. Es klingt märchenhaft, aber eben so wahr ist es,
daß ich in dieser Manier sechs bis sieben Jahr die Geige gestrichen
habe, ohne daß der Trieb in mir erwachte, der Sache näher auf den Grund
zu kommen, oder daß er es nothwendig geachtet hätte, unsrer practischen
Kunst einige Theorie anzuhängen. Uebrigens kann man sich vorstellen, wie
es lautete. Da ich Länge und Kürze der Töne, ihre Abweichung in Moll und
Alles, was die Musik ausmacht, ohne jedes Verständniß, nur aus dem
Gedächtniß spielte, (denn ich kannte nur die Note an sich selbst, so wie
sie auf der Linie stand, und nichts weiter) da ich überdieß gar kein
Gehör hatte, den Bogen schlecht führte, und in der Fingersetzung häufig
irrte, so begreift sich's, was ich für ein Charivari hervor brachte.
Mein Meister, der wirklich geschickt im Spiel war, klagte in jeder
Stunde über seine Ohren. Ich selbst litt, so oft ich die Violine unters
Kinn nahm, wahre Höllenpein. Dies Schnarren, Pfeifen, Mauzen und Girren
war mir unerträglich: selbst der beste Geiger hat, wenn man ihn zu nahe
hört, einen Nebenton, die stark angestrichene Saite, besonders in der
Applicatur, überschreit sich zuweilen, aber bei mir thaten sich fast nur
die abscheulichsten Mißtöne hervor. Da meine Nerven so stark afficirt
wurden, so zeigte sich mein Widerwille gegen das Geheul und Schnarzen,
welches meine Finger so dicht vor meiner Nase erregten, auch deutlich in
meinen Gesichtsmuskeln, der Mund und die Wangen begleiteten mit
widerlichen Verzerrungen die hohen und tiefen Töne, die Augen klemmten
sich zu und rissen sich auf, und ich fühlte deutlich, daß manche neue
Falten und Lineamente sich formirten, die ursprünglich nicht für ein
gewöhnliches Menschengesicht berechnet waren. Mein tiefsinniger Meister
schüttelte oft sein Haupt, und meinte, so wenig Talent als ich habe
keiner seiner Scholaren. Mir begegneten aber auch in der That mehr
Unglücksfälle, als ich sonst bei ausübenden Künstlern wahrgenommen
hatte. Kamen wir so recht in Eifer und lieferten, nachdem ich schon
länger studirt hatte, die raschen muthigen Passagen: so rutschte im
Allegro mein Bogen über den Steg, und im Entsetzen ließ mein Lehrer die
Geige sinken, denn welcher Ton alsdann im heftigen Streichen aufquikt,
weiß nur der, dem dieses Abenteuer begegnet ist. Mehr wie einmal fiel
der Steg selber um, wie aus Mitgefühl, und ein heftiger Knall endigte
mit Macht ein schmachtendes Largho mitten in der Note. Einmal sogar, und
ich dachte der Tod ergriffe mich, brach der Knopf ab, der unten das
Saitenbrett festhält, und sprang unbarmherzig gegen meine Nase. Für
diese Stunde war denn unsre Harmonie zu Ende, und das Instrument mußte
erst wieder hergestellt werden. Nach einem Zeitraum war denn auch mein
Vater so neugierig zu hören, wie ich mich applicire. Ich trug ihm einige
der Lieder vor, die ich am besten inne zu haben glaubte. Er erschrak
über das, was er hörte, und erstaunte noch mehr über das, was er sah. Er
meinte nämlich, in der Kunst, Gesichter zu schneiden, sei ich
unbegreiflich weit vorgeschritten, und meine Musik könne doch von Nutzen
seyn, Ratten und Mäuse zu vertreiben; er warnte mich nur zum Beschluß,
den Ausdruck meiner musikalischen Physiognomie doch etwas zu
beschränken, weil ich außerdem auf dem graden Wege zum Affen sei. Das
war mein Lohn dafür, daß ich das damals populäre rührende Lied: Hier
schlummern meine Kinder &c. ihm nicht ganz ohne Glück vorgetragen hatte,
denn dies war gradezu meine Lieblings-Arie, in der ich firm zu seyn
glaubte, die auch in den Mitteltönen mit melancholischer Gesetztheit
verweilte, und nicht in den Discant oder gar in die Applicatur hinauf
stieg, die ich ein- für allemal verabscheute.
Hatten Sie denn aber gar keinen Ersatz für diese mannigfaltigen Leiden?
fragte der Kapellmeister launig.
Wenig, erwiederte der Laie: als mein Lehrer es nöthig fand, wegen des
Ausdrucks für mich ein Sordin zu kaufen, den ich mit Freuden aufsteckte,
weil es doch einmal einen andern Ton gab, die Dämpfung auch wie ein
spanischer Reiter es dem reißenden Bogen unmöglich machte, wieder
jenseit dem Steg zu springen. Auch machte es mir innige Freude, als wir
erst weiter vorgerückt waren, in den Ouvertüren die Vierundsechszigtel
als eine und dieselbe Note dreißigmal abzuspielen, welche meistentheils
gegen Ende des Stücks, kurz vor dem Aufzug der Gardine, vorkommen. Diese
wiederholte ich gern in der Einsamkeit, weil in diesen Passagen keine
große Schwierigkeit ist, mir auch der so oft wiederholte Ton die
Empfindung gab, als wenn ich in meinem geliebten Theater säße.
Aber damals, fragte der Kapellmeister, hatten Sie doch wohl einige klare
Begriffe von der Musik?
So wenige, antwortete der Laie, wie in der allerersten Stunde; Tact,
Vorzeichnung, Tonart, nichts von alle dem begriff ich, sondern spielte
Sonaten und Symphonieen so pur aus dem Gedächtniß hin, wie ich es von
meinem Lehrer hörte! auch vernahm ich keine Melodie, keinen
musikalischen Gedanken; hie und da führten mir wohl ein paar Tacte eine
Art von Verständniß herbei, das ich aber nie weiter verfolgen konnte. So
fern war ich allem Begreifen, daß ich mir einmal einbildete, weil ^g^,
^h^, ^a^ und ^b^ vorkommen, daß das ganze Alphabet wohl in den Noten
enthalten sei, und daß man bei der Composition eines Liedes nichts zu
thun habe, als die Noten zu nehmen, die die Buchstaben eines Wortes
bezeichneten, und sie dann schneller oder langsamer abzuspielen. Wie ich
nun meinen Lehrer fragte, wo denn das ^m^, ^r^ oder ^p^ stecke, wurde
ich zwar von diesem sehr verlacht, aber doch nicht besser belehrt, denn
er erstaunte nur immer von Neuem über meine ungeheure Einfalt, daß ich
das alles nicht wisse, was sich doch von selbst verstehe. Eben da mir
alle Musik nur wie ein Charivari vorkam, so ließ ich mir beigehn, auch
selbst einmal zu componiren. Der Tact schien mir gleich ein Vorurtheil,
eine Tonart brauchte ich noch weniger, und nie werde ich die Freude
vergessen, die ich meinem Meister machte, als ich meine wild zusammen
gewürfelten Noten ihm als meinen ersten dichtenden Versuch überbrachte.
Er wollte sich ausschütten vor Lachen, und konnte nicht müde werden,
sich unter Lust und Freude meine Phantasie vorzuspielen. Mir klang sie
wie jede andere Musik.
Der braune alte Italiener erfreute sich sehr über diese Erzählung, und
selbst der finstere Graf lächelte. Es ist unbegreiflich, sagte der
Baron, daß Sie so lange ausgehalten haben. Ich mußte wohl, erwiederte
der Erzähler, meines strengen Vaters wegen, da ich das Ungethüm einmal
begonnen hatte. Sonst bekümmerte er sich nicht weiter um meine Kunst,
weil er einigemal, da ich ihm Sonntags Nachmittags einen Zeitvertreib
machen sollte, von meinem Spiel, wie er behauptete, Zahnschmerzen
bekommen hatte. Einmal widerfuhr mir als ausübenden Künstler eine
ausgezeichnete Demüthigung. Die Besitzerin des Hauses, in welchem wir
wohnten, hatte zum Geburtstage ihrer erwachsenen Tochter eine große
Anzahl hübscher Mädchen gebeten. Um das Fest unerwartet fröhlich zu
machen, hatte die gute Dame mit meiner Mutter die Abrede getroffen, ich
sollte heimlich mit meiner Geige hinauf kommen, im Nebenzimmer plötzlich
stimmen, und den überraschten schönen Kindern dann einige englische
Tänze aufspielen, damit sie einmal im Saale recht wohlgemuth
herumspringen könnten. Ich wurde in das Nebenzimmer mit allem Geheimniß
geführt: ich sah durch den Vorhang in die allerliebste Versammlung
hinein, -- aber nun, -- die Geige _stimmen_! Wie gemein! Ich hatte es
auch in meinem Leben nie versucht, weil mein Meister das besorgte, ich
hörte auch niemals einen Unterschied, wenn sie nach seiner Meinung im
Stande war, und wenn sie nicht jetzt schon richtig stimmte, so konnte
ich auf jeden Fall nur Uebel ärger machen. Es schien mir edler sowohl
wie vorsichtiger, mit meiner Lieblings-Arie mich anzukündigen, und so
ließ ich dann plötzlich das: »Hier schlummern meine Kinder« anmuthig
ertönen. Die Freude dieser Nicht-Schlummernden war unbeschreiblich, mit
Jubel ward ich in den Saal gezogen, wo ich wie geblendet stand, da ich
noch niemals so viele reizende Wesen beisammen gesehen hatte. Das war
ein Fragen und ein Bestellen; ich zeigte ihnen die englischen Tänze, die
mir mein guter Meister in mein Notenbuch geschrieben hatte, ich spielte
einen auf, aber er wollte nicht passen. Sie fragten nach der Anzahl der
Touren und dergleichen, was mir alles unverständlich war. Ich sollte
ihnen den Tanz und die Musik dazu arrangiren. Ich versuchte noch eine
Anglaise und eben so die dritte, nun war meine Kunst zu Ende, und da
auch diese nicht paßten und wir uns gar nicht verständigen konnten, so
mußte ich, den sie im Triumph eingeholt hatten, mit der größten
Beschämung wieder abziehen, und sie endigten ihren Nachmittag in
Verdruß, der ihnen ohne die plötzliche unerwartete Freude heiter
verflossen wäre. Meiner Mutter, die mich ausfragte, erzählte ich, die
Mädchen hätten eigentlich gar nicht tanzen können; und so kam es mir
auch vor, da sie sich aus meinem Spiel nicht zu vernehmen wußten. --
Mein Meister wurde endlich zu einer auswärtigen Kapelle verschrieben,
und nun glaubte ich, meiner Qual los zu seyn: mein consequenter Vater
aber hatte schon wieder einen neuen Lehrmeister bei der Hand, der, als
ich ihm meine Künste vorgespielt hatte, die Sache gründlich wieder von
vorne anfing. Ich, der ich schon Symphonieen und die schwierigsten
Sachen vorgetragen hatte, mußte jetzt jene mir verhaßten Choräle und
Kirchenmelodieen einlernen, lauter Noten aus halben oder ganzen Tacten,
weil mein neuer Meister behauptete, ich hätte weder Strich noch
Fingersetzung. Dieser hatte ein so delikates Ohr, daß er bei meinen
Mißtönen fast ärgere Gesichter schnitt, als ich selber, er lachte auch
niemals über meine Ungeschicklichkeit und Mangel an Talent, wie der
erste, sondern nahm sich die Sache sehr empfindsam zu Herzen, und war
manchmal fast dem Weinen nahe. Zum Glück dauerte diese neue Schererei
etwa nur ein halbes Jahr, worauf ich zur Universität abging, und seitdem
kein Instrument wieder angerührt habe. Diese Bekenntnisse, meine Herren,
schildern nur kurz den geringsten Theil meiner musikalischen Leiden,
denn wenn ich sie ganz hätte darstellen wollen, würde mir Zeit und Ihnen
die Geduld ermangeln.
Jetzt ist die Reihe an Ihnen, sagte der Baron Fernow, indem er sich zum
alten Italiener wandte, Sie haben bei diesen Erzählungen eine besondere
Freude gezeigt, und es ist wohl billig, daß Sie uns auch einige Ihrer
Leiden mittheilen, die Ihnen wohl, als einem alten Virtuosen, nicht
gefehlt haben können.
Ach! meine Herren, sagte der Alte mit einem sonderbaren Gesicht, meine
Leiden seyn zu tragisch, um Plaisir zu machen, auch kann meine welsche
Zunge nicht in die Landstraße von der deutsch Idiom recht fortkommen,
muß daher um Nachsicht anfleh, wenn meine Confession etwas mit Confusion
verschwägert seyn sollte. Ich war von Jugend auf geübt im Sang, fertig
im Clavierspiel und guter Tenor, frisch auf Theatern mit Glück in Napoli
gesungen, und brav beklatscht und ^e viva!^ mich zugerufen. Ging nach
Rom, gefiel nicht so ausnehmend, denn die Herren ^Romani^ seyn
kritischer Natur, bilden sich ein, die feinste Ohreinrichtung in den
ganzen Italia zu haben. Ach! aber hier sah ich im Carneval eine junge
Demoiselle, die Stunde bei mich nahm, um nachher in Firenza zu singen,
auch auf das Theater. Ach! welcher Ton! welche Talente! welche Augen!
Nun das war ein ^cara mia^, ^amor^ und ^mio cour^, bis wir, eh' wir uns
das Ding versahn, mitsammen davon gelaufen waren, und singen nun in
Firenza auf Theater aus Leibesmacht als Mann und Frau. Hatten viel
Zärtlichkeit in der Eh, aber auch manchen Verdruß, denn ^cara mia^ war
der Jalousie ergeben, und meine Wenigkeit war dazumal ein gar hübscher
^Giovine^ und die Frauenzimmer rührten leicht mein Herz. Doch Alles ging
gut, bis wir in eine deutsche Residenz engagirt wurden. Da lebte ein
Compositeur, ein Maestro, so recht ein Theoretiko, voll Prätension, aber
gescheidt, dabei ein hübsch wohlgewachsen Männel. Der Hortensio gefiel
meiner Cara, und sie wollte nun seine Schülerin vorstellen, in edel
große Manier singen, mit Seele, wie Hortensio sagte, nicht mehr aus Hals
und Kehle, sondern so wie die Deutsche meinen, aus das Gemüth heraus.
Gemüth! eine extra deutsche Erfindung, die alle andern Natione gar nicht
kennen. Bis dahin hatte die Gute ihren schönen Ton gehabt, grausame Höhe
hell wie Glas, spitz, laut, mochte Compositeur componiren wie er wollte,
brachte er seinen hohen Ton, flugs hatten wir ihn weg, richtig mußte er
in seine Passage und Cadenz hinein, hinaufgeschroben, höher und immer
höher, da oben dann umgeschwenkt, und wieder hinab gegurgelt, und
^brava! brava! bravissima!^ aus den Logen heraus geschrieen, mit Fächern
und Händchen geklopft, ^mia cara^ sich verneigt, Arme kreuzweis vor der
Brust, und keinem Menschen wars eingefallen, daß ^monsieur Compositeur^
da hatte Gedanken, aparte Fühlungen hinein drechseln wollen. Aber
Hortensio! Hortensio! ^bestia maladetta!^ denk' ich, der Schlag soll
mich rühren, wie ich zum ersten Mal die seelische Manier in mein Ohr
hinein hör! Keine Passage, keine Uebergänge, keine Triller, singt daher
wie ein Kalb, das geschlacht werden soll, pur ohne Manier und Methode.
Ich war der ^primo nomo^, konnte aber nicht lassen, meine ^prima donna^
im Liebesduett rechtschaffen in den runden Arm zu zwicken. Schreit sie
auf gefährlich: meinen die Leut, das soll auch große neue Manier seyn,
und fangen an zu lachen. Von dem Tage Zwietracht unter uns, kein Beifall
vom Publikum mehr. Hortensio war großer Theoretiker und Enthusiast,
wollte aber keinen Amanten abgeben, war verheirathet an eine gute Frau,
die nach deutscher Manier ganz Seele war. Nun steigt in meiner zarten
Isabelle die Bosheit immer höher. Sie will retour in alte brillante
Manier, verflucht Seele und Gemüth, aber war nicht anders, als wenn die
Töne wie Besessene durch einander schrieen, kochte und zwirbelte oft in
der Gurgel, murrte und pfiff, als wenn Satansbrut in dem kleinen Hals
mit einander auf Gabel und Besenstiel wie zum Schornstein hinaus auf die
liebe Blocksberg fahren und rutschen wollten. So war das Elend komplett,
fehlte nur noch, daß sie mir alle Schuld gab, und das that sie denn auch
redlich: ich sänge so schlecht, wäre rückwärts gegangen: ^enfin^, wir
kriegten beide unsern Abschied mit kleine Pension. Zogen durch alle
Provinz, den wohlfeilsten Ort anzutreffen und fanden immer die
allertheuersten, gaben Concert, ich Privatstund im Singen. Die ^cara^
Isabella konnte aber Musik nicht aufgeben, und je ärger es wurde, je
lieber sie sang, als kein Mensch mehr zuhören wollte, trieben wir das
Spektakel ^privatissime^ auf unserer Stube. Ja, da mußte ich ganzer Mann
seyn, um mit meine Heroismus das Schlachtgeschrei auszuhalten, und
oftmals dachte ich, es müßte gesterben werden. Wir hatten großen
mächtigen Kater, der lag immer auf das Clavier: sehn Sie, das Kerl
fürchtete sich weder vor Ratz noch Maus, lief vor keine noch so große
Hund, und hatte sich mal mit einem allmächtigen Bullenbeißer gekratzt:
aber so wie meine Gemalin nur den Deckel aufmachte, um die Harmonie
loszulassen, so lief das Katz was es konnte bis auf den allerobersten
Boden. Wir tobten so gewaltig, daß uns kein Wirth mehr zum Miethsmann
einnehmen wollte. Natürlich mochte nun kein Mensch mehr unser Concert
hören, denn die menschliche Ohr seyn meistentheils etwas zart construirt
und sehr viel Menschen haben fast natürlichen Widerwillen gegen
Detoniren und widerwärtigen Gesang.
An einem Tage sagte mir die Gattin, ich solle meine beste Kleid anziehn,
es sei große reputirliche Gesellschaft von Zuhörer gebeten. Wir sangen
und tobten, es war aber kein Mensch da. Wie ich in der Nacht darüber mit
ihr redte, sagte sie, die gewöhnliche Menschheit sei zu platt und grob
organisirt, ihre Kunst zu fassen, darum habe sie Ueberirdische invitirt,
die klagten niemals über Dissonanz, ich aber sei ein Gesell, zu plump,
um die feinen Creaturen mit meine dumme Augen zu sehn. Nun gings immer
so fort mit die Engelssocietäten, und sie erzählte mich viel von dem
großen Beifall, den ihr Vortrag bei die Kenner fände. Am andern Abend,
als wieder große Geisterassamblée bei uns war, und wir beide gnug
schrieen, sagte sie zu mir plötzlich, ich sänge entsetzlich falsch, es
sei nicht auszuhalten, und König David, der gewiß ein Kenner in Musiken
sei, wolle gar nicht wieder kommen, wenn ich nicht richtiger und mit
mehr Respect sänge. Ich sollte gleich hin, und ^Majesté^ um Verzeihung
bitten. Wo sitzt er denn? Da, nahe am Ofen, denn der alte Herr hätte
etwas kalt. Ich trug meine submisse Devotion in höfliche Redensart vor
und wurde pardonirt.
Armer Mensch! sagte der Kapellmeister gerührt, und wie lange lebte die
Wahnsinnige noch?
Bitte sehr um Verzeihung, erwiederte der Italiener, meine selige Gattin
nicht zu lästern, war nichts weniger wie etwa toll im Kopf, dachte es
auch erst, sah aber bald meinen Irrthum. Denn als es noch kälter wurde,
die Tage immer kürzer, die Selige mich auch tüchtig tribulirt hatte und
ich mir fast den Hals entzwei gesungen, weil diesmal alle Maccabäer uns
die Ehre erzeigten, da sah ich, wie ich Licht hereinbrachte, die ganze
Stube voll unsichtbarer Menschen, will sagen, verstorbene Geister.
Seitdem mir nun die Binde von meine Augen herunter gefallen war, habe
ich manche interessante Bekanntschaft unter die Abgeschiedenen gemacht,
und hatte nun gar nicht mehr nöthig, viel mit die sterbliche Menschen
umzugehn.
Das glaub' ich, sagte der Baron, indem er den Erzählenden mit einem
prüfenden Blicke anstarrte; die Tochter rückte etwas weiter von ihm weg,
der Enthusiast war erstaunt, der Laie lachte, und nur der Graf, welcher
ihn schon kannte, blieb ruhig. Wir sahen ein, fuhr der Alte fort, daß
die zu weit ausgebreitete Bekanntschaft mit die ganzen Vorzeit etwas
lästig werden könnte, und beschränkten uns nachher fast nur auf die
berühmte Musiker. Ja, meine Herren, da habe ich nachher erst Dinge über
Contrapunct, Wirkung, Ausbeugung und über Charakter von die Tonarten
erfahren, die in keinem Buche stehen. Aber meine liebe Frau starb bald,
und seitdem habe ich den Umgang auch nicht fortsetzen können, denn alle
die Herren haben sich mich allein, da ^Cara mia^ nicht zugegen, seitdem
mir nicht wieder gezeigt.
Der Baron fragte den Grafen nach einer Pause, ob er nicht auch
vielleicht einige musikalische Leiden vorzutragen habe, und dieser, der
bis jetzt geschwiegen hatte, fing so an: Ihre Klagen, meine Herren,
waren zum Theil darüber, daß sie mit der Musik in Verbindung kamen, ohne
eigentliche Lust oder scharfen Sinn für diese Kunst zu besitzen. Mein
Elend kommt von der entgegengesetzten Seite. Von frühester Jugend war
meine Freude an Musik, mein Trieb zu ihr überreizt zu nennen, auch
machte er meinen Eltern und Erziehern gnug zu schaffen. Ich wollte
nichts anders lernen, und verwünschte oft meinen Stand, der mich
hinderte, ein ausübender Künstler zu werden. Wo nur ein Ton erklang, wo
nur Gesang sich hören ließ, da war ich gleich mit ganzer Seele, und
vergaß alle meine Geschäfte. Mein Vater, ein ernster, heftiger Mann,
zürnte über meinen Enthusiasmus, der allen seinen Absichten feindlich zu
werden drohte. Da ich auch zu leidenschaftlich war, und im jugendlichen
Eifer wähnte, ich könnte meine Kunst nicht fanatisch gnug vertheidigen,
so verletzte und kränkte ich oft meinen Vater auf ungeziemende Weise,
und dieser Kampf, diese Reue und Zerknirschung über meine Hitze,
Verstimmung gegen die Welt und mich, dies traurige, zerrissene Wesen
verdarb mir völlig die Heiterkeit meiner Jugend, denn der gewaltsam
errungene Genuß meiner Kunst war doch nicht im Stande, mir alles das zu
ersetzen, was ich einbüßen mußte. Ja, sei es nun, daß meine Erwartungen
zu hoch gespannt waren, daß meine Ahndung für das Höchste zu sehr meine
Forderungen stimmte, genug, es wurden mir auch die Werke der Kunst
selbst, so gut wie ihr Vortrag, oft allzusehr verkümmert. Denn ich
glaubte nicht selten wahrzunehmen, daß man so vieles in die Musik
aufgenommen habe, was dieser Kunst ganz fremd bleiben müsse, daß sie
meistentheils zu sehr zum Zeitvertreibe herab gesunken sei, daß sie um
Effecte buhle, die ihrer unwürdig sind, und daß die wenigsten Sänger nur
wissen, was Vortrag und Gefühl zu bedeuten habe. Eine tiefe Schwermuth
konnte sich meiner bemeistern, daß fast nirgend in der Welt die Stimmung
angetroffen werde, die ich für nothwendig hielt, wenn diese hohe Kunst
ihr Element finden sollte. Ich mußte denn endlich meinem Vater doch
nachgeben und an den Geschäften Theil nehmen. Die Arbeit wurde mir
leichter als ich mir vorgestellt hatte, und mein Vater, der mich wegen
meiner Kunstliebe für fast blödsinnig gehalten, war so mit mir
zufrieden, daß seine ehemalige Zärtlichkeit gegen mich erwachte. Nach
einigen Jahren ward ich in diplomatischen bedeutenden Geschäften an
einen großen Hof gesendet. Seit lange hatte ich die neuen Sänger und
Sängerinnen beobachtet, und war fast mit allen unzufrieden. Wenn die
Stimme das Gefühl, den Enthusiasmus der Leidenschaft ausdrücken soll, so
muß sie sich großartig erheben, mächtig anschwellen, und die Höhe nur
deswegen suchen, um die stärkste Lichtregion und Kraft zu gewinnen. In
dieser Gegend ist es, wo Componist und Sängerin das Uebermenschliche der
Liebe, der Klage, der Andacht und jeder Regung der Seele ausdrücken
können: und doch fand ich fast immer, daß der Wohllaut, die Wollust
dieser Klänge nur gebraucht wurden, um eine kleine Künstlichkeit, eine
Art Springerei anzubringen, eine Virtuosität, die wohl ganz nahe an die
Seiltänzer grenzt, und von der ächten Kunst ganz ausgeschlossen seyn
sollte. Noch schlimmer fast erschienen mir diejenigen, die nach einer
ziemlich verbreiteten neuen Manier den Ausdruck anbringen wollten. Kein
^Crescendo^, kein Portament der Stimme, sondern ein plötzlicher
Aufschrei, wie ein Angst- oder Hülferuf, dann ein eben so plötzliches
Verhauchen, ein unmotivirtes Sinkenlassen des Gesanges, ein dumpfer
Seufzer statt des Tons, und so fort in diesem schroffen eckigen Wechsel,
so daß ich jetzt nichts hörte, und jetzt wieder von grellen Tönen
erschreckt wurde, ein Unfug, den oft ein ganzes Publikum bewunderte, und
der mir noch jenseit dem Anfange der Schule zu liegen schien, oder mir
vielmehr wie der rohe unmusikalische Gegensatz alles Gesanges vorkam.
Von dem neuesten Geschmack der Opern will ich schweigen, denn hier fände
ich meinen Klageliedern kein Ende.