Der Ruf, daß der beliebte Kapellmeister und sein erster Tenorist endlich
angekommen seien, hatte in die Wohnung des Musikfreundes alles
getrieben, was sich für die neue Oper interessirte. Man hoffte, einige
der vorzüglichsten Partien vorgetragen zu hören, und viele drängten sich
hinzu, um wenigstens nachher in andern Gesellschaften darüber sprechen
zu können.
In diesem Getümmel, welches der Hausherr, seine Frau und eine Tochter
mit Klugheit beherrschten, schwamm der behende Enthusiast wie in einem
Strome herum, um Jedem von der Herrlichkeit der neuen Composition
begeisterte Worte, über die große Manier, die lieblichen Melodieen und
den vortrefflichen Ausdruck in das Ohr zu raunen, obgleich er selbst
noch keine Note davon gehört hatte. Sein rundes geröthetes Gesicht schob
sich wie eine Kugel von einem zuhörenden Kopf zum andern, und die
meisten Gesichter zogen jene nichtssagende Miene, die in Gesellschaften
geistreiche Aufmerksamkeit bedeuten muß. Jetzt wurde ein Theil der
Versammlung auf einen andern Gegenstand hingerichtet, denn in einfacher,
höchstsauberer Kleidung trat ein junges Mädchen herein, von so
glänzender Schönheit, daß man ihren unbedeutenden Anzug über den edlen
und ausdrucksvollen Kopf, über die vornehme Geberde, den feinen Anstand
gänzlich vergaß, und die Nahestehenden sie mit Ehrfurcht begrüßten. Die
Tochter des Hauses eilte auf sie zu, indem sie ausrief: o meine
theuerste Julie! wie glücklich machen Sie mich, daß Sie meinen Bitten
doch noch nachgegeben haben! Aber Ihr Vater? -- Sie wissen ja,
erwiederte die Schöne, wie menschenscheu er ist, wie wenig er mit seiner
Melancholie und Kränklichkeit in die Gesellschaft paßt; und ich gestehe,
ich würde auch nicht gekommen seyn, wenn ich einen so großen Cirkel
hätte vermuthen können.
Die Umgebung sprach über die außerordentliche Schönheit dieses Wesens,
und man erfuhr, daß sie die Tochter eines armen Musikers sei, die aus
einer entfernten Stadt dem Fräulein des Hauses einen Brief einer
Freundin überbracht hatte. Immer noch hatte der Kapellmeister mit seinen
Sängern keines der Stücke vorgetragen, weil der Wirth noch einen jungen
Grafen erwartete, der einer der größten Enthusiasten für Musik seyn
sollte. Denken Sie sich, sagte der Baron zum Kapellmeister, den
sonderbarsten, unruhigsten aller Menschen, nichts interessirt ihn als
Musik, er läuft von einem Concert in's andre, er reis't von einer Stadt
zur andern, um Sänger und Compositionen zu hören, er vermeidet allen
andern Umgang, er spricht und denkt nur über diese Kunst, und selten ist
er doch ruhig genug, ein Musikstück ganz und mit völliger Aufmerksamkeit
anzuhören, denn er ist eben so zerstreut als überspannt. Dazu scheint er
den eigensinnigsten und eingeschränktesten Geschmack zu haben, so daß
ihm selten ein Kunstwerk zusagt, eben so wenig ist er mit dem Vortrag
zufrieden, und dennoch bleibt er Enthusiast. Er ist von großer Familie
und reich, war eine Zeit lang in diplomatischen Geschäften an einem
angesehenen Hofe, hat aber Alles der Musik wegen, die er doch oft nach
seinen Reden zu verabscheuen scheint, aufgegeben.
Die nähern Freunde des Barons waren nach dieser Schilderung sehr
begierig, einen Mann zu sehen, der wie von bösen und guten Geistern
geplagt und verfolgt wurde. Als daher Graf Alten eintrat, sahen ihm alle
mit großer Neugier entgegen. Er begrüßte die Gesellschaft hastig und
sein dunkles Auge durchlief sie eilig; dann senkte er den Blick und
setzte sein Gespräch mit einem alten, hagern und eingeschrumpften
Italiener fort, welcher mit ihm gekommen war. Doch plötzlich brach er ab
und rief halb vernehmlich: Himmel! was ist das? Er stand unmittelbar
hinter Julien. Jetzt sang der Tenorist eine Arie der neuen Oper, und
Alles schien begeistert, der Graf war in tiefen Gedanken. Nun,
Eccellenza, fragte der Italiener am Schlusse, sein Sie contentirt? Ich
habe keinen Ton gehört, antwortete der Graf, indem er den Kopf erhob und
die schwarzen Locken aus der denkenden melancholischen Stirne strich.
Er benutzte die Pause, in welcher sich Alles lobend und bewundernd um
den Kapellmeister drängte, vorzutreten und sich neben Julien zu setzen.
Er wollte sie anreden, aber indem sie höflich das Antlitz zu ihm wandte,
fuhr er wie erschreckt zurück. Nein, wahrlich, dergleichen hatte ich
nicht erwartet! sagte er für sich. Das junge Mädchen war erstaunt und
verlegen. Verzeihen Sie, redete der Graf sie heiterer an, Sie werden
mich sonderbar finden; als ich vorher hinter Ihnen stand, mußte ich
glauben, eine ehemalige Bekanntschaft zu erneuen, und jetzt bin ich von
Ihrer mehr als wunderbaren Schönheit so geblendet worden, daß ich Zeit
haben muß, um mich zu fassen. Die wahre ächte Schönheit kann wohl
erschrecken, denn etwas Uebermenschliches kündigt sich unsern Sinnen und
dem Gemüthe an. Himmel! wie müssen Sie singen!
Ich singe gar nicht, Herr Graf, und habe weder Stimme noch Kenntniß der
Musik, erwiederte sie mit angenehmem Ton.
Der Graf sah sie prüfend an, schüttelte dann zweifelnd den Kopf und
murrete unverständliche Worte verdrossen vor sich hin. Jetzt wurde ein
Duett vorgetragen, und Alles war aufmerksam, nur der Graf betrachtete
unverwandt seine Nachbarin. Das Duett war schwierig und die erste
Sängerin äußerte ihren Verdruß, der Kapellmeister wurde empfindlich,
wies zurecht, half nach, Alles vergebens; man mußte abbrechen, indem die
Virtuosin behauptete, die Passage müsse geändert werden, weil sie ihrer
Stimme ganz entgegen sei; der Componist meinte, er dürfe Ausdruck und
Kraft nicht dem Eigenwillen aufopfern, denn die vortreffliche Künstlerin
könne dies und noch schwierigere Sachen leisten, wenn sie sich nur
bemühen wolle. Darüber aber wurde der Gesang völlig unterbrochen, und
indem der Kapellmeister ein anderes Musikstück anordnen wollte, sagte
der Graf zu Julien: ich wette, Sie können diese schwierige Stelle ohne
Anstoß vom Blatte singen, wenn Sie nur wollen. Als Julie zu leugnen
fortfuhr, sagte jener: Ihre Röthe, Ihr Auge widerspricht! Wie? dieser
gewölbte Mund sollte in der Mitte der Lippen diese sanfte, seelenvolle
Erhöhung von selbst haben, und nicht von den reinen vollen Tönen, die so
oft über diesen Hügel schwebten? Denn nur der Ton, wenn er stark und
lieblich die rothe Straße befährt, darüber klingend weht, bildet diese
ausdrucksvolle Erhebung; ganz im Gegensatz jener gefurchten Mundwinkel,
die jene berühmte Sängerin dort hat, die mit breitgedrückten und in die
Länge gequetschten Lippen den armen kreischenden Ton hervor preßt. Sie
versündigen sich, meine Schöne, daß Sie Ihr großes Talent verleugnen
wollen.
Sie sind zu scharfsichtig, erwiederte Julie; um so trauriger, daß Sie
dennoch irren.
Sie sprechen auch ganz wie eine Sängerin, fuhr jener fort, es ist ein
lieblicher aber unterdrückter Ton in der Rede, der seine Fittige nicht
auszufalten wagt. Wenn Sie doch nur wenigstens einen einzigen Ton
anschlagen wollten! das Glück meines Lebens hängt davon ab, daß Sie
singen können.
Sie quälen mich, Herr Graf, antwortete die Verlegne empfindlich; ich
versichere Sie auf das Theuerste, ich werde nicht singen, weil mir diese
herrliche Gabe von der Natur versagt wurde.
Gnaden, sagte der braune kleine Italiener, sollen Alles zu Virtuosen
haben: kann aber nicht Alles singen, was hübsch und feinen Mund hat.
Conträr! haben oft göttliche Prima Donna vor pur himmlisch Gesang und
forzirt Schreien eine Schnautz wie Signor Cerberus, der die Talent hat,
dreistimmige Sach solo durchzuführen.
Der frohe leichte Geist der Musiker war gestört, der Kapellmeister
verstimmt, und die erste Sängerin mehr als verdrießlich. Der Enthusiast
war in der Klemme, weil er es mit keinem verderben und doch keinen
stummen gleichgültigen Zuschauer abgeben wollte. Da man sah, daß für
diesen Abend nichts Bedeutendes mehr geschehen würde, so entfernten sich
nach und nach die Fremden, auch die Musiker gingen, und nur der
Kapellmeister blieb, dem sich der Enthusiast, ohne eine nähere Einladung
abzuwarten, anschloß; der gedankenvolle Graf und sein Italiener
verweilten ebenfalls, um mit der Familie des Barons beim Glase Wein und
einem leichten Abendessen sich zu erheitern.
So ist es nun wieder wie fast immer ergangen, fing der Kapellmeister an,
als sie um den runden Tisch saßen; man arbeitet sich ab, man studirt,
man quält, und endlich freut man sich auch, wenn das Werk vollendet ist
und gelungen scheint, und dann muß es diesen elenden, verdorbenen
Handwerkern übergeben werden, die nichts gelernt haben, und mit dem
Wenigen, was sie wissen, noch wie mit Wunderwerken hinter dem Berge
halten wollen. Kann es einen traurigern Beruf, als den eines
musikalischen Componisten geben? Denn endlich nun, wenn auch dieser
Jammer durch Bitten, Drohen, Scherzen, Vergötterung, Lüge und
Falschheit, durch kleine Aenderungen, Zusätze und Wegnahme überwunden
ist, wird das gemarterte Werk der Laune des Publikums, und dem blinden
Zufall, seinem allmächtigen Beherrscher übergeben. Nun muß es aber weder
zu heiß, noch zu kalt, das Haus muß weder zu voll noch zu leer seyn,
keine große politische Neuigkeit darf sich eben haben hören, ja keine
Seiltänzer und Springer anmelden lassen, um das so nothwendige Klatschen
und mit diesem armen Beifall einigen Enthusiasmus zu erregen. Und doch
kann man es nicht lassen, sich wieder in der Vorstellung zu erhitzen, um
eine neue undankbare Arbeit zu beginnen.
Wo ist die Dame geblieben? fuhr der Graf plötzlich auf.
Neben der Sie lange saßen? fragte die Tochter. Diese ist längst fort und
von einer Magd abgeholt worden, denn sie wohnt entlegen, in einer
fernen, unbekannten Gasse.
Die sollte ihre treffliche Arbeit singen, sagte der Graf, da würden wir
etwas anders hören.
Sie irren, berichtigte die Tochter, ich weiß, daß das junge Frauenzimmer
durchaus nicht musikalisch ist. Sie ist aber sonst in weiblichen
Arbeiten sehr geschickt, auch hat ihr Vater, ein alter, verarmter
Musikus, sie etwas zeichnen lernen lassen.
O du alter Sünder! rief der junge Graf im höchsten Verdruß: und keinen
Gesang diesen Lippen, keinen Ton diesem schwellenden Munde! Ist es
nicht, als wenn man der Rose den Duft rauben wollte, den die Natur ihr
gleich im Erblühen mitgegeben hat?
Die Tochter war etwas empfindlich, denn sie glaubte auch eine Sängerin
zu seyn, da aber der Kapellmeister in seiner Klage fortfuhr, so blieb
ihre gespitzte Antwort unbeantwortet. Abgesehn aber, fuhr der
Kapellmeister fort, von diesen armseligen Zufälligkeiten, so verkündigen
sich auch erst am Kunstwerke selbst bei der öffentlichen Darstellung
Mängel, welche sich der Componist vorher auf seinem Zimmer nicht hat
träumen lassen. Denn mögen wir ein Werk noch so oft durchsingen, genau
kennen, von allen Seiten prüfen, das Urtheil aller Freunde und Kenner
vernehmen, so bleibt Manches, und oft das Beste, zurück und das
Schlimmste zeigt sich bei der Aufführung erst. Und überhaupt -- die
Bestimmung des Künstlers! Ist sie nicht eine traurige? Ich setze mich zu
keinem neuen Werke nieder, ohne innig überzeugt zu seyn, daß ich nun
etwas ganz und durchaus Treffliches, Vollendetes erschaffen werde, das
meine großen Vorgänger erreicht, und sie selbst hie und da übertreffen
möchte. Diese himmlische Ruhe und Sicherheit verschwindet aber bald
während der Arbeit; mein Entzücken an meiner Hervorbringung wechselt mit
den bittersten Zweifeln. Dann fühl' ich oft recht innig, daß ganz, ganz
nahe an dem, was ich schreibe, das Wahre und Himmlische liegt, daß meine
Noten anklopfen und den Wandnachbar, den unbekannten, begrüßen: mir ist,
ich dürfte nur den Kopf so oder so wenden, so müßte mir der Genius
sichtbarlich entgegen treten, -- und immer, immer wieder erscheint er
nicht! Mein Geist quält sich, um außen, weit ab, die Bahn anzutreffen --
und so im Jammer, im Resigniren, arbeite ich weiter. Es gemuthet mir wie
der Affe mit seiner traurigen Unruhe und dem fatalen Gesichterschneiden:
vielleicht hat er jeden Moment dunkler oder deutlicher eine Ahndung von
der Vernunft, will sie nun, die nah Erreichbare, und nun wieder haschen
und sich dann besinnen, und findet sich immer wieder in seinem
widerwärtigen Zustand eingeriegelt.
Jetzt trat noch ein Mann reifen Alters zur Gesellschaft, ein Gelehrter
und Hausfreund des Barons, der sich fast täglich einfand, aber gern die
größeren Versammlungen vermied. Sie haben wieder, redete ihn der Wirth
an, unser Concert, wie Sie es gewöhnlich machen, nicht mit anhören
wollen. Ich bin zu sehr Laie, erwiederte der Freund, und darum mag ich
mich nicht unter die Kenner drängen; soll der Unmusikalische den
Gebildeten durch seine trockne Gegenwart ihren Genuß verkümmern?
Wir kennen diesen Schalk schon, rief ihm der Kapellmeister zu, indem er
den alten Bekannten begrüßte. Sie haben recht gethan, denn unsre
Sängerinnen haben wieder den alten Spuk getrieben, schlecht gesungen,
sich zu vornehm gedünkt, die Musik kritisirt, und endlich damit
beschlossen, alle Musik in Verstimmung und Eigensinn zu beerdigen.
Sie sind also wirklich unmusikalisch? fragte der Enthusiast; und Sie
machen auch kein Hehl daraus?
Warum sollte ich es? antwortete der Laie; kein Mensch kann alle Talente
in sich vereinigen, oder alle seine schlummernden Anlagen erwecken und
ausbilden.
Viel Charakter, es so dreist zu bekennen, erwiederte der junge Mann, der
durch vieles Schwatzen während der Musik und dem hastigen Genuß des
starken Weines in eine Laune erhitzt gerathen war, deren Sonderbarkeit
er selber nicht zu bemerken schien: sehn Sie, fuhr er fort, daraus ist
schon viel Unheil für mich entstanden, daß ich mich zu solchem Muthe
nicht habe entschließen können. Ich war anfangs (und wie es schien, von
Natur so geschaffen) gar kein Musikfreund, ich hatte kein Ohr, ich
konnte keine Melodie behalten; darum vermied ich auch Concerte und
Opern, und in Gesellschaften, wenn Lieder gesungen, wenn Cantaten
aufgeführt wurden, sprach ich entweder, oder suchte eines Buches habhaft
zu werden. Denn gewiß, nichts verschließt unser Ohr so sicher vor all
den herein und durch einander fahrenden Tönen, als ein tüchtiges und
vorhaltendes Gespräch über Stadtneuigkeiten oder einige interessante
Verleumdungen. Sehe man nur den Stock! ertönte es nun von allen Seiten:
hat die dicke Figur wohl eine menschliche Seele in seinen weitläufigen
Fleischanlagen sitzen? Von der Musik, der göttlichsten aller Künste,
nichts zu verstehn! Ist wohl ein Block, ein Stein, der nicht
gewissermaßen von der himmlischen Harmonie gerührt werden müßte? -- Nun
gefiel mir dazumal auf mehr als gewöhnliche Weise ein gewisses
Frauenzimmer: diese pflegte, so wie gesungen wurde, vor übermäßiger
Empfindung herzlich zu weinen. Dieser nun war ich mit meinem kalten
Herzen gradezu ein Abscheu. Wie? sagte sie, lieben wollen Sie, der Sie
nicht einmal eine Ahndung jener Wonne haben, die aus dem Himmel stammt,
und mit der Liebe so nah verwandt ist? -- Da, Freunde! faßte ich nun den
großen Entschluß, umzusatteln, und von der Musik gehörig begeistert zu
werden. Alle meine Freunde und Bekannten erstaunten, als ihnen meine
neugeprägte blanke Entzückung in die Augen strahlte. Da war nun auch gar
kein Halten mehr, ich übertraf Alles in der Begeisterung, was ich nur je
in den Gesellschaften hatte beobachten können; Alles zappelte an mir vor
Freude, so wie nur das Clavier angeschlagen wurde, die Beine trommelten,
die Arme schlenkerten, die Augen wackelten, ja ich nahm die Zunge zu
Hülfe, und leckte mir zuweilen die vor Erstaunen weitgeöffneten Lippen.
Dann mußten die Hände klatschen, die Augen, wenn es irgend möglich zu
machen war, weinen, die ausgestreckten Arme Bekannt und Unbekannt an
dies stürmische Herz schließen, das mit mächtigen Schlägen im wildesten
Enthusiasmus klopfte. Ja, wenn ich nachher in mein einsames Zimmer trat,
war ich so müde und matt, so mürbe und zerschlagen, daß ich zuweilen
Kunst und Künstler, Liebe und Harmonie, so wie alle die bezaubernden
Gefühle zum Satan wünschte.
Aber empfanden Sie nun wirklich recht viel? fragte der Laie lachend.
Das ist eine bedenkliche Frage, erwiederte der Enthusiast; was der
Mensch so stürmisch will, davon muß wohl etwas auch wirklich in sein
Wesen übergehn; es wäre unbegreiflich, wenn durch das vorsätzliche
Nachspielen nicht hie und da ein Gefühl in unsrer Brust wiederklingen
sollte. Aber um doch ganz aufrichtig zu seyn, so war mir bei all diesem
Bewundrungsbemühen oft unerträglich nüchtern zu Muthe, so recht, was der
Haufe langweilig nennt, und wenn ich nicht so stark mit Händen und Füßen
gearbeitet hätte, so wäre mir wohl oft ein herzliches Gähnen angekommen.
Das Schlimmste aber ist, ich habe doch nichts dabei gewonnen; denn meine
boshaften Freunde meinten, ich hätte den Ansatz zu hoch genommen, und
sei von der andern Seite vom Pferde wieder hinunter gefallen. Sei ich
erst wie ein verstocktes dumpfes Thier gewesen, so erscheine ich jetzt
wie ein verwilderter Hasenfuß, mein Enthusiasmus träte als ein
verzerrender Krampf auf, man müsse fast glauben, mein Arzt habe mir
diese übertriebene Motion nur empfohlen, um sie gegen mein Fettwerden zu
gebrauchen. Ach! und die Musiker! Von denen habe ich das Meiste
gelitten. Vor acht Monaten war es, als hier im Saal die beiden berühmten
Compositeurs ihre Sachen aufführten. Wie der erste geendigt hatte,
konnte ich ihm richtig mit fließenden Thränen an seinen Hals fallen, und
der Mann klopfte mir selber über mein Entzücken gerührt mit aller
Freundschaft auf den Rücken, wir drückten uns recht herzlich zusammen,
und er sagte ganz laut, er habe noch keinen so gründlichen Kenner in
allen Reichen der musikalischen Welt angetroffen. Nun brannte der andere
Mann aber auch sein Kunststück los. Thränen hatte ich nicht mehr, es
meldete sich aber ein großartiges Schluchzen, was noch höher lag als die
Thräne, -- und ein ganz stummer Druck, ein Vergehen, Aufgelöstseyn, fast
sterbend in die Arme des zweiten Hinfallen, ja ein reelles Abstehn mußte
diesen großen Meister belohnen. Der grobe Schelm ließ mich aber geradezu
auf das Parket hinschlagen, ohne mir seine dankbare Brust
unterzustemmen, und sagte, wie ich in der Kunstohnmacht lag, höhnisch zu
mir: bleiben Sie in des Himmels Namen liegen, denn wer über die
Stümperei jenes Menschen dort weinen kann, verdient gar nicht, einen Ton
von mir mit seinen Ohren aufzufassen. So erhob ich mich, um Trost bei
meinem großen Freunde zu suchen, dessen allergrößter Kenner ich war. Er
sprang aber auch vor meinem Ausruf weg, so daß ich mit der Nase fast an
die Wand stieß, unter dem nichtigen Vorwande, daß wer so wenig ächtes
Gefühl besitze, daß er das Armselige wie das Edle so übermäßig bewundern
könne, für die Kunst ein mißgeschaffenes Ungeheuer sei. Wie ich nun bei
meiner Geliebten Hülfe suchen wollte, war sie ebenfalls gegen mich
empört, denn ich hatte bei ganz unrechten Stellen geweint und da am
lebhaftesten empfunden, wo grade die wenigste Empfindung hingehörte. O
Theuerste, Verehrteste, möchte man nicht fast veranlaßt seyn, den Schwur
zu thun, daß man bei Arioso und Cavatine, Finale und Ouvertüre, Adagio
und Presto nur mit ruhig gekretschten Beinen dasitzen und höchstens
zuweilen den Tact schlagen wolle; denn wenn all dies Hämmern und Puffen,
dies Abarbeiten unsers irdischen entzückten Herzens, diese weissagende
rinnende Thräne, die den Wiederschein der Unsichtbarkeit abspiegelt;
wenn alles dies nichts fruchtet, sag' ich noch einmal, und statt
paradiesischer Sympathie nur die infernalische Antipathie erregt, so
wünschte man ja lieber Balgentreter oder Schmiedegesell, als ächter
Enthusiast zu werden. Darum wundert Euch nicht, wenn ich der undankbaren
Kunst wieder einmal den Rücken wende.
Als man über diese Geständnisse lachte, sagte der Laie im frohen Muth:
in meinem Leben gehören die Leiden der Musik auch zu den
empfindlichsten. Nicht der zu starke Enthusiasmus hat mir geschadet,
wohl aber sind meine Kinder- und frühen Jugendjahre mir durch Musik
verbittert worden. Lächerlichkeiten, an die ich noch jetzt mit einigem
Schrecken denken muß.
Sprechen Sie, alter Freund, rief der Kapellmeister, habe ich doch auch
schon erst mein Leiden geklagt, was Sie freilich nicht mit angehört
haben.
Ich mochte zwölf Jahr alt seyn, fing der Laie an, es ging mir gut, in
der Schule rückte ich schnell hinauf, meine Lehrer so wie meine Aeltern
waren mit mir zufrieden, als ein böser Geist, dieser Behaglichkeit und
Harmonie zürnend, sein Unkraut unter den aufwachsenden Waizen säete.
Mein Vater, ein strenger, aber heiterer Mann, ließ mir frei, meine
Bestimmung zu wählen, er war ein Freund der Musik, aber ohne alles
Talent. An einem Nachmittag fragt er mich, ob ich vielleicht Lust hätte,
ein Instrument zu spielen. Mir war der Gedanke noch niemals gekommen;
ich solle es mir überlegen, er verlange es nicht, aber wenn ich mich
entschließe, müsse ich auch Ernst machen. Darauf kannte ich ihn, ich
wußte, daß er sich nicht wundern würde, im Fall ich keine Musik triebe,
aber einmal angefangen, durfte ich die Sache niemals wieder fallen
lassen. Mir war, weil mein Ohr noch schlief, bis dahin alle Musik höchst
gleichgültig und langweilig vorgekommen. Die Opern haßte ich geradezu,
weil bei den Arien und Duetten, von denen ich nichts vernahm, die
Handlung, die mich einzig interessirte, stehen blieb. Nie war in unserm
Hausbedarf von Musik etwas vorgekommen, außer in den Stunden bei dem
Tanzmeister, zu dessen vorzüglichsten Scholaren ich gehörte, der es mir
aber nie hatte deutlich machen können, daß die Musik seiner Geige mit
zum Tanz gehöre. Traf ich daher gleich anfangs den Tact, so tanzte ich
meine Menuet, Cosak, oder was es war, trefflich hindurch. Fehlte es mir
aber, so half kein Aufkratzen, Anhalten, Beschleunigen, mich wieder in
den verlornen Tact zu werfen. Ich hielt es auch geradezu für
Aberglauben, daß man herkömmlich zum Tanzen aufspiele. Konnte mich schon
hier die Musik ängstigen, so brachte sie mich in der Kirche, die mir
schon nicht erfreulich war, fast zur Verzweiflung. Meine Nerven waren
schwach, und die losbrausende Orgel mit ihren schmetternden Tremulanten
verwirrte mein Gehirn und unerträglich fiel mir der unisone kreischende
Gesang der Gemeine. Mit beiden habe ich mich auch noch nicht vertragen
lernen: die Orgel, sei sie eine erhabene Erfindung, erschreckt und
ängstigt sie mich in der Nähe, und dieser Choralgesang, der sich so
demüthig, wie gefesselte reuige Verbrecher, auf dem Boden hinschleppt,
nimmt mir, so oft ich ihn auch gut vorgetragen höre, allen Muth, alle
Poesie und Musik erlischt bis auf das letzte Fünkchen in meinem Gemüth,
und ein nüchterner Lebensüberdruß bemächtigt sich meines Geistes.
Darüber ließe sich viel sagen, meinte der Kapellmeister, doch komme auch
wohl eine seltne Eigenthümlichkeit des Laien hinzu.