vergebens hieher gereiset? Mir fallen jetzt bei unserm Theater die
wichtigen Rollen des Macbeth und Lear zu, und für diese möchte ich so
gern hier meine Studien machen; denn seit unser Großprahler, der
Adlerfels, so ganz verschollen ist, und man nirgend von ihm hört (Schade
um den übrigens guten Künstler!), so muß ich doch nothwendig die Lücke
ausfüllen, die mit seinem Verlust bei uns entstanden ist.
Du solltest ihn nicht nennen, ^mon frère^, sagte die Dame: sieh nur, wie
Fanny wieder von Erinnerung ergriffen wird.
Auf den großen Mann, sagte der Bruder, hätte sich das Köpfchen ja doch
niemals Rechnung machen dürfen.
Friedrich, der auch zugegen war, sagte: es ist außer mir Niemand im
Hause, als der berüchtigte Graf Birken; den haben sie vor Kurzem mit
Gewalt wieder zurück geschleppt.
Graf Birken? rief der Arzt höchst erfreut aus; o diesen führe sogleich
zu mir, guter Mann. Zugleich winkte er den Baron in ein Fenster, um im
Geheimen mit ihm zu sprechen: ich habe die Ehre, fing er an, den Herrn
Baron Eberhard vor mir zu sehn. Jener verbeugte sich. Wenn Ihr Neffe,
fuhr der Arzt fort, jetzt sich wieder fände, würden Sie gewiß seiner
Verbindung mit Fräulein Blanka nichts mehr in den Weg legen. -- Wenn er
noch lebte, der liebe Jüngling, sagte jener süßlich, und sie den
Verstand wieder gefunden hätte, -- doch scheinen das unmögliche Dinge zu
seyn! -- »Doch nicht viel unmöglicher, sagte Anselm, als daß dieser
nämliche Neffe lange als Baron Linden hier im Hause gelebt hat.« --
»»Ei! was Sie mir sagen!«« -- »Sie mußten es doch wohl wissen, da Sie
sich gleich so angelegentlich nach dem jungen Linden erkundigten.« --
»»Ich? Ja, sehn Sie einmal, -- daß ich nicht wüßte,«« -- stotterte
jener.
Sie sind ein so berühmter Christ, fuhr Anselm fort, Ihre Frömmigkeit und
Menschenliebe sind so exemplarisch, daß Sie ganz gewiß in alle meine
Bitten und Vorschläge willigen werden, da ich es gleich gut mit Ihnen,
wie mit Ihrem Neffen meine.
Je, du mein Himmel, ächzte der Baron, wir sind ja alle gute Menschen.
Wann ich nur erst wüßte, wodurch ich die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu
seyn.
Die arge Welt könnte glauben, fuhr Anselm leise im sanftmüthigsten Tone
fort, Sie hätten es auf das Vermögen Ihres lieben Neffen angesehn,
besonders weil ein alter Schuft sich nicht entblödet, auszusagen, ein
gewisser Pankraz --
O der Galgenschwengel! rief der Baron: was sagt er aus? der soll mir
Alles bezahlen!
Sehn Sie einmal, indem Anselm die Bogen aus einander faltete, diese
weitläuftige Anklage, vor Zeugen ausgesagt und unterschrieben. Es ist
entsetzlich! Was gewinnt aber ein frommes Herz, wie das Ihrige, dabei,
einen solchen Menschen zu bestrafen? Nein; sammeln Sie feurige Kohlen
auf sein Haupt; belohnen Sie ihn großmüthig und übermäßig, daß er in
sich geht, und an Ihrem Edelmuth hinauf staunend, an Tugend glauben
lernt. Sie könnten ihm wohl ein Häuschen, ein kleines Capital, eine
mäßige Wiese und einige Aecker schenken, wie ihm ein sonderbarer Mann,
der seit gestern Gerichtspräsident hier drüben in der Stadt ist, etwas
voreilig in Ihrem Namen schon versprochen hat: ein gewisser Walther, er
hat auch die Ehre, mit Ihnen verwandt zu seyn, und denkt Ihnen auch die
Mühe abzunehmen, künftig noch des Vermögens wegen, das Ihrem Neffen
zusteht, Sorge zu tragen.
Je du mein Gott, ja, -- Alles herzlich gern! seufzte der Alte kaum
hörbar.
Wie wäre es denn nun noch zuletzt, theuerster Mann, den ich immer mehr
verehren muß, wenn Sie auch Ihren armen Sohn, den Theophil,
legitimirten, und ihm ein anständiges Auskommen gewährten. Würde Ihr
Herz darüber nicht eine unbeschreibliche Freude empfinden?
Ach ja, sagte jener, eine unbeschreibliche Freude, und da Sie es
wünschen -- und Sie eine gewisse Art zu bitten, -- und zum Herzen zu
sprechen haben, -- o Himmel! die Thränen stehn mir in den Augen, daß ich
eine solche Bekanntschaft gemacht habe.
Ich bin im Innersten gerührt, erwiederte Anselm. Sie umarmten sich
herzlich, und der Baron wischte sich die Tropfen des kalten
Angstschweißes von der Stirn; lange bin ich nicht so bewegt gewesen,
seufzte er, und blickte zum Himmel. Und ich, erwiederte Anselm, habe
auch, so lange ich lebe, an keinem so großen Herzen gelegen.
Der Baron trat zur schäkernden Gattin. Sie werden, sagte er fromm, in
diesen Tagen einen Sohn von mir kennen lernen: auch ist mein Neffe
wieder gefunden, und ein alter Diener Pankraz wird das kleine Gütchen
Liebendorf erhalten, welches Sie dem Pachter verkaufen wollten.
Das ist ja viel in einer kleinen Viertelstunde, sagte sie, und maaß den
Director mit großen Augen.
Es geht fast zu, wie im Lustspiel, sagte dieser.
Ja, sagte der Baron, der Herr Director haben mir Eröffnungen gemacht,
und auf eine Art --
Hier kommt Graf Birken, schrie Friedrich; er wollte sich erst gar nicht
dazu bequemen.
Wolfsberg trat herein; der Arzt ging ihm entgegen, aber beide fuhren in
demselben Augenblicke vor einander zurück. Sie, Herr von Wolfsberg hier?
unter diesem Namen? Und so verwandelt? so abgefallen? So drückte mit
wiederholten Ausrufungen der Arzt sein Erstaunen aus. Die Uebrigen im
Saale waren nicht ruhiger. Fanny lag in Ohnmacht, und Wolfsberg, der
jetzt erst die Gruppe sah, machte sich aus den Armen des umhalsenden
jungen Mannes, der einmal über das andre: mein Adlerfels! rief, los und
eilte der Niedergesunkenen zu Hülfe. Er kniete zu ihr nieder, er legte
ihr Köpfchen auf seinen Schooß: o meine geliebte, meine theuerste, meine
einzige Franziska! rief er in den zärtlichsten Tönen; entziehe Dich mir
jetzt nicht wegen meiner Missethat, entfliehe mir nicht, denn ich bin
kein Herzloser mehr: ich kehre zu Dir zurück, wenn Du mich noch
würdigest, mich Dein zu nennen! Ich bin ja aus meinem tiefen Elende zu
mir selber erwacht; o so erwache denn auch Du zu diesem Leben wieder!
Franziska schlug die ermatteten, aber schönen Augen auf. Sie konnte an
ihr Glück nicht glauben, daß sie in dessen Armen lag, der sie mit so
grausamem Hochmuthe von sich gestoßen hatte. Du mein? stammelte sie;
gewiß?
Ja, mein süßes Herz, erwiederte Wolfsberg, der sich nun als Adlerfels
ausgewiesen hatte; ja ich kehre mit Dir zurück, Du wirst meine Gattin,
und alle Schmerzen, allen Hohn, den Du um meinetwillen ertragen hast,
will ich Dir vergüten, wenn ich es vermag. Und unser Kind, das arme
Würmchen, lebt es denn noch?
Die liebe Bertha, sagte die Entzückte, ist zu Hause, bei meiner
Schwester. Gott! wie wird sich Alles freuen!
Ich gratulire, Fanny, sagte die gnädige Frau: nun gieb mir nur
Strickkorb und Shawl her, daß ich es selber trage.
Bruder, rief der andre Schauspieler, wie wird das Publikum sich freuen,
Dich in Deinen Effect-Rollen wieder auftreten zu sehn.
So eben, rief Friedrich herein springend, haben sie noch einen ganz
neuen Narren eingefangen. Das geht scharf her.
Walther trat lachend ein und man verständigte sich sogleich. Anselm
stellte ihn dem Baron vor und sagte ihm kurz, daß das edle Herz des
frommen alten Herrn in Alles gewilligt habe, was er nur irgend als
Mensch oder Rechtsgelehrter von ihm fordern könne. So laßt uns denn,
rief Walther, nach dem Dorfe zurück kehren, von dem ich eben herkomme,
denn wenn meine Augen nicht ganz zu Lügnern geworden sind, so haben sie
dort meinen geliebten Raimund erblickt.
Wirklich war es Raimund gewesen, den Walther erst erspäht hatte. Stumm
und in sich gekehrt hatte der Jüngling das Haus verlassen. Er begriff
nicht, was ihm geschah; er wußte auch nicht, wo er hin wollte. So ging
er dem Fußsteige nach, der ihn bald in den Wald führte. Er sann seinem
verschwundenen Leben nach, und ihm ward fromm und heilig zu Sinne. War
es doch, als fielen verhüllende Schleier von seinem Gemüthe und Herzen
herunter. Er kam an einen grünen runden Platz im Walde, wo er sich
unendlich bewegt fühlte. Er sah sich um, um sich zu erkennen, und eine
alte Birke, in welcher noch die Namenszüge, die er einst eingegraben,
fast unkenntlich verwachsen waren, erinnerte ihn an Alles. Er war noch
ein Kind gewesen, als er hier einmal von seiner theuren Mutter Abschied
genommen hatte; bis hieher hatte er sie begleiten dürfen, und von dieser
Stelle kehrte er mit seinem Vater wieder nach dem Schlosse zurück. Er
ahndete damals nicht, daß er nach einem Jahre schon beide Aeltern
beweinen sollte. Das Gut wurde nachher vom Oheime vortheilhaft verkauft,
und Raimund hatte seit seiner Kindheit diese Gegend nicht wieder gesehn.
So wie er jetzt zu diesen Erinnerungen immer deutlicher erwachte, wie
die Sehnsucht nach den Scenen seiner Kindheit, nach dem Kirchhofe, wo
seine Aeltern ruhten, in ihm wuchs; so empfand er es, wie jene dumpfe
Angst immer mehr verschwand, die bis dahin seinen Geist wie in einem
finstern Kerker eingefangen hielt. Er verließ den Wald, da lag der
kleine Fluß vor ihm, der vom Wohnsitze seiner Kindheit herströmte. Alle
Wogen schienen ihn zu grüßen, jede Blume am Ufer ihm einen kindlichen
Gruß zuzunicken. Da fand er schon die Mühle im engen Thal, die ihm als
Knaben mit ihren rauschenden Rädern so wunderbar erschienen war. Sie ist
ja jetzt nicht weniger wundervoll, sagte er zu sich, wenn ich gleich
weiß, was und wozu sie da ist. Er ging vorüber, und wollüstige
erleichternde Thränen strömten aus seinen Augen. Da war der Bergschacht,
der ihm so entsetzlich vorgekommen war; er ging dicht hinan, und
erinnerte sich der grauenvollen Sagen, die von ihm im Lande umgingen.
Nun sah er schon den wohlbekannten Berg seines Geburtsortes, die rothe
hohe Felswand und die von oben herabhangenden Bäume. Da schimmerte auch
schon das Dach des Schlosses herüber. Es schmerzte ihn, daß er nicht in
das Thor vertraut eintreten dürfe, daß fremde Menschen, die er nur wenig
kannte, in den Zimmern wohnten, wo seine Wiege gestanden, wo sein Vater
ihm vorgelesen, wo seine Mutter ihn in einer Krankheit auf ihrem Schooße
eingesungen hatte. Auf dem Kirchhofe kniete er mit Andacht an der Gruft.
Er nahm sich nun fest vor, seine Freunde wieder aufzusuchen, und
nachzuforschen, wer ihm das Schicksal bereitet haben könne, das ihm erst
jetzt seltsam erschien. Doch mußte er, ehe er weiter ging, die einsame
Wiese hinter des Pfarrers Garten besuchen, den Spielplatz seiner
Kindheit, wo er unter der hohen Linde so manchmal im grünen Grase halb
eingeschlummert war, auf das Säuseln der Blätter, das Summen der Bienen,
und das Plätschern des nahen Baches horchend, wo Alles wie süßer
Geistergesang ihn anredete, und er noch lieblicher aus seinen Träumen
Antwort gab. Nun stand er wieder unter dem Baume, und eine himmlische
Müdigkeit ergriff ihn, wie damals; er tauchte die brennenden,
thränennassen, jetzt so bleichen Wangen in das kühle grüne Gras, und die
Bienen schwärmten im Baum, die Blätter schwatzten mit ihnen, das
Flüßchen erzählte sich selbst eine alte Geschichte, und er entschlief
wieder, wie in der Kindheit. -- --
Ein Wagen hielt am Dorfe. »Willst du ruhen, mein Kind?« -- fragte die
Mutter. -- »»Ja, aber im Freien.«« -- »Bist du auch wohl genug?« -- »»O
Sie sorgsame, treue, mütterliche Pflegerin, antwortete die Tochter, Sie
sehn ja, wie es mit meiner Gesundheit mit jedem Tage besser wird.
Vertrauen Sie mir nur mehr, damit ich mir auch selber wieder vertraue.
Nein, Geliebteste, jene trübe Zeit wird niemals wieder kehren; aber ich
fühle es, durch diesen fürchterlichen Zustand mußte sich meine Krankheit
arbeiten, damit ich wieder genesen konnte.«« -- Bist du dessen so gewiß,
meine Tochter? Dann möchte ich Gott mit Thränen für die Verzweiflung
danken, durch welche er mich damals geprüft hat.
Gewiß, liebe Mutter, sagte die reizende Tochter. Kenne ich doch nun mein
ganzes Unglück; es ist mir kein düstres Geheimniß mehr. Wenn ich an die
Ewigkeit der Liebe glaube, warum sollte ich denn jemals verzweifeln?
Hier ist er geboren! O hätte ich ihn doch als Kind gekannt! Eine Welt
voll Glück wäre mehr in meinem Besitz! Hier ist er auch wohl gewandelt;
alle diese Gegenstände hat sein frisches Auge, wie oft, begrüßt. Nur
über die Wiese will ich gehn, ein Viertelstündchen am Bache ruhn, so
recht an ihn denken; dann komm' ich zurück und wir reisen weiter. Aber
allein müssen Sie mich lassen! -- Sie umarmte die Mutter, und schritt
über die kleine hölzerne Brücke. -- --
Raimund träumte indessen einen seltsamen Traum. Der Wahnsinn war die
Wahrheit, und was die Menschen Vernunft nannten, nur ein dämmernder
Schimmer. Auch kein Raum war da, und keine Zeit. So wie auf den alten
Stammbäumen es abgebildet ist, sah er sich aus dem Herzen eine hohe
Blume wachsen; sie wurde von seinem Herzblut getränkt, und ihr rother
Glanz ward immer mehr zum goldnen Purpur. Da sang es im wiegenden Kelch,
er that sich süßflötend auf, und Blanka schaukelte sich drin hin und
wieder, wie in einem durchsichtigen Kahn. Da blickte er über sich, und
ihr blaues Auge ging in das seine; da zitterte sein Herz und mit ihm die
Blume. Warte, rief sie, jetzt stirbt mein Blumenhaus ab, ich komme
draußen in der Wirklichkeit zu dir! Sie schlüpfte auf den Rasen und
stellte sich unter die Linde. -- Gott im Himmel, hörte er sagen, das ist
Raimund! Er schlug die Augen auf, und Blanka's blaues Auge ging in das
seine. Er kannte sie gleich. Sie umschlossen sich, als wenn die Arme
sich nie wieder los lassen wollten. Auf den lauten Freudenschrei eilte
die Mutter herbei, und fand das unvermuthete Glück, das sie noch nicht
begriff. Auch Walther und Anselm kamen. Walther war so entzückt und
berauscht, als wenn er selbst der Bräutigam wäre.
* * * * *
Im Hause des Pfarrers tobte indessen ein lautes Getümmel. Die
Hochzeitgäste waren so lustig, daß es die Glücklichen endlich auch auf
der Wiese hörten. Der alte Baron hatte indessen schon seinen Sohn
Theophilus heraus gesucht und ihm unter Umarmungen seine Vaterschaft
erklärt. Ich habe nun auch einen Vater! rief Theophilus im Hause lärmend
umher, und schlug laut lachend mit den Beinen aus, als der Pfarrer ihm
dazu vernünftig Glück wünschen wollte. Wolfsberg machte es mit dem
Pfarrer ab, daß er ihn in den nächsten Tagen mit seiner überglücklichen
Franziska verbinden sollte. Der Gerichtspräsident Walther konnte in der
Leidenschaft des Glücks nicht so mit dem Geistlichen sprechen, wie
dieser es wohl verdient hätte; auch wurden alle Unterhandlungen durch
ein laut schmetterndes Posthorn unterbrochen. Eine glänzende Equipage
hielt, viele zierlich gekleidete Diener beeiferten sich, einen
ansehnlichen Mann, der auf dem Rocke einen großen Stern trug, aus dem
Wagen zu heben. Die Dorfleute befiel ein stilles Grauen, und als Anselm
ausrief: der alte Graf Birken! so fing der Pfarrer an zu zittern.
Wo ist mein ungerathener Sohn? schrie der alte Graf, als er in das mit
Menschen überfüllte Zimmer trat. Die Braut heulte laut, und die
anwesenden Weiber aus dem Dorfe stimmten in denselben Ton ein. Wo ist
Caspar Birken? schrie der Alte noch einmal. Hier, winselte der junge
Graf, der sich hinter einen großen eichenen Tisch verschanzt hatte. --
Und wo ist der unverschämte Pfaff, der es gewagt hat, den dummen Laffen
mit seiner Tochter zu verkuppeln? -- Hier! rief der Pfarrer, der sich
indessen wieder gesammelt hatte; aber keine Verkuppelung, sondern eine
ächte christliche Ehe, wie unsre Kirche sie vorschreibt. -- »Die wird
wieder geschieden!« -- »»Die wird nicht geschieden!«« -- »Sie ist nicht
gültig, so gewiß da oben auf den Ebreschenbäumen keine Aprikosen
wachsen.« -- »»Sie bleibt so lange gültig, bis da oben die rothe
Felsenwand ein Mensch hinauf klettern kann, und von den nämlichen
Ebreschenbäumen sein Veto in das Thal zu uns herunter schreit.«« -- »Und
wenn ich Blut und Leben, wenn ich mein Vermögen lassen muß, und wenn ich
der Mörder meines eigenen Sohnes werden sollte, so gebe ich zu dem
Unsinn nie meine Einwilligung.« -- »»Und wenn ich, schrie der Pfarrer
entgegen, prozessiren müßte, bis ich keinen Groschen mehr hätte, und
wenn ich zur Fortsetzung des Prozesses von dem Junker Görge, oder einem
noch Einfältigern, das Geld betteln müßte, so lasse ich die Sache nicht
ruhn. Mein Kind muß glücklich und Gemahlin des Grafen, Ihres Sohnes,
bleiben. Wissen Sie, was ein Horoskop ist?«« -- »Nein.« »»Nun, dann
können Sie auch gar nicht mit sprechen. Sehn Sie dies Papier; in der
Geburtsstunde meiner Tochter habe ich alle ihre Sterne beobachtet, und
schon damals mit Gewißheit prophezeiht, daß sie eine Gräfin werden
müsse. Was können Sie gegen alle Sterne ausrichten? He?««
Der Graf sah das Papier eine Weile mit staunenden Blicken an. He!
Caspar! schrie er von Neuem. Heraus aus Deinem Winkel, Du Satansbrut!
Komm her, Spitzbube, ich will Dir ja meinen väterlichen Segen geben,
weil es denn also doch einmal nicht anders seyn kann.
Der junge Birken hüpfte herbei, er legte die Hand des Sohnes in die
seiner Braut und küßte das kleine dicke Mädchen dann recht herzlich auf
den Mund. Nun, Spaß bei Seite, sagte hierauf der alte Herr bedächtlich,
im Grunde ist es mir ganz lieb, daß die Sache so gekommen ist, denn der
Junge hätte einmal noch ärger anlaufen können; er kommt somit in eine
ziemlich reputirliche Familie; der Mosje Caspar muß nun aber seine
dummen Teufeleien lassen, die ihm einmal den Hals hätten kosten mögen;
der Schwiegerpapa ist ein resoluter Kerl, der wird ihm wohl den Daumen
aufs Auge halten. Aber nun kriegt Dein jüngerer Bruder die großen Güter,
und Du, Hasenfuß, trittst in seine Rechte, wie es auch eigentlich viel
vernünftiger ist.
Alles war zufrieden und glücklich. Walther und Raimund waren indeß mit
der geliebten Blanka zum Hause des Edelmanns gewallfahrtet. Es war
vorläufig davon die Rede gewesen, den Jugendwohnsitz Raimunds wieder zu
kaufen; auch zeigte sich die Möglichkeit einer Verbindung zwischen der
empfindsamen Baronesse und Theophilus, da dieser jetzt von seinem Vater
anerkannt wurde.
Alle gingen selig, in Gefühlen und Hoffnungen schwelgend, sprechend und
scherzend die grüne Wiese hinunter. Kilian unterhielt sich mit Sokrates.
Gnädige Frau, sagte er nachher zu Görges Mutter; der Mann kann Ihrem
Sohne auf die Beine helfen; ich habe ihm auf den Zahn gefühlt, ich habe
mit ihm disputirt, einen solchen Gelehrten bekommen Sie niemals wieder.
Indem man noch sprach, hörte man von oben, die Felswand herunter ein
lautes Veto! rufen. Alle sahen hinauf und schwindelten, denn von der
steilsten Höhe hing der alte Graf Birken reitend auf einem
Ebreschenbaum. Veto! rief er noch einmal; aber nun kommt schnell zu
Hülfe, oder ich breche den Hals! Widerrufen Sie erst Ihr Veto! schrie
der Pfarrer hinauf. Ich widerrufe, tönte es herab, aber ich werde doch
den Hals brechen. Die Bedienten liefen: die Leute aus dem Dorfe holten
Stangen, Leitern und Stricke. Plötzlich brach der Baum, und der Graf
stürzte herab; er kam aber noch ziemlich glücklich auf dem Boden, zur
Freude Aller, an. -- Wie ist er nur auf die steile Wand gekommen? rief
der Pfarrer. Ja, Schwiegervater, antwortete der junge Graf Birken, Sie
sehen, mein Papa ist noch toller, als ich!
Die Sonne sank und beschloß den seligsten Tag, den Walther, Blanka und
Raimund noch erlebt hatten. Franziska schloß sich diesen an, und im
gebesserten Herzen fühlte sich Adlerfels als den glücklichsten Menschen.
Musikalische Leiden und Freuden.
Novelle.
Zwei Freunde stiegen vor der Stadt vom Wagen, um zu Fuß durch die Gassen
zu wandeln und den Fragen am Thor auszuweichen. Es war noch ganz früh am
Morgen und ein Herbstnebel verdeckte die Landschaft. Etwas entfernt vom
Wege bemerkten sie ein kleines Häuschen, aus welchem schon früh vor Tage
eine herrliche Frauenstimme erklang. Sie gingen näher, erstaunt über den
unvergleichlichen Diskant, wie über die ungewöhnliche Stunde. Einige
Träger brachten Lauten und viele Notenbücher, die kleine Thüre öffnete
sich, und neugierig gemacht, fragte der ältere Reisende einen von den
Tagelöhnern: hier, mein Freund! wohnt wohl ein Musikus und eine
Sängerin? Der Teufel und seine Großmutter wohnt hier! erscholl eine
krächzende Stimme von oben aus dem offnen Fenster, und zugleich fiel ein
Lauten-Futteral dem Fragenden auf den Kopf. In diesem Augenblick hörte
der Gesang auf, und der Frager sah im Fenster ein kleines greises
Männchen stehn, welches die zornigsten Geberden machte, und dessen
funkelnde schwarze Augen aus tausend Runzeln hervor grimmige Blicke
herunter schossen. Der Reisende wußte nicht, ob er lachen oder schelten
sollte, doch sprach ihm aus dem greisen Kopfe etwas so Wunderliches an,
daß er in Verlegenheit den Hut zog, und sich mit einer höflichen
Verbeugung stumm entfernte.
Was war das, Herr Kapellmeister? sagte der jüngere Reisende, als sie das
kleine Häuschen schon im Rücken hatten. Ich weiß nicht, erwiederte
jener, vielleicht ein wahnsinniger alter Mann, vielleicht gar dort in
der Einsamkeit, in der Nähe des Tannenwäldchens, eine Spukgestalt.
Sie scherzen, sagte der Sänger; ich begreife jetzt selber nicht, wie wir
so gelassen seyn konnten, dem Alten auf seine Grobheit nichts zu
erwiedern.
Lassen wir es gut seyn, sagte der Kapellmeister, indem sie schon die
noch ruhige Straße der Residenz hinunter gingen: in dem Ton der Sängerin
war etwas so Wunderbares, daß es mich tief ergriffen hat; ich war wie im
Traum, und darum konnte mir auch der alte Thor keinen Zorn abgewinnen.
Wieder die alte Schwärmerei und Güte! rief der Sänger lachend aus; denn
erstens haben wir so gut wie nichts gehört, und zweitens war in dem
Wenigen noch weniger Besonderes zu vernehmen, es war weder Methode noch
Schule in dem traurigen Gesange.
Als sie jetzt um die Ecke nach dem Gasthofe zu bogen, hörten sie aus
einem obern Stock ein Lied pfeifen; ein rundes, junges Gesicht kuckte
mit der Schlafmütze aus dem Fenster, und so wie er die Fußgänger gewahr
wurde, schrie er: Haltet, Freunde! einen Augenblick! ich bin gleich
unten! Gott im Himmel! das ist eine Erscheinung! Er zog den Kopf so
schnell zurück, daß er ihn heftig an das niedere Fenster stieß und die
Bekleidung des Hauptes langsam schwebend zu den Füßen des Kapellmeisters
nieder sank.
Wunderbar! rief dieser, indem er die Zipfelmütze aufhob; sagen diese
sonderbaren Vorbedeutungen uns etwas Gutes oder Schlimmes voraus?
Es ist unser Enthusiast Kellermann, erwiederte der Sänger: hören Sie, er
rasselt schon mit dem Hausschlüssel.
In diesem Augenblick stürzte der Bewunderer im Schlafrock heraus und
umarmte die beiden Künstler mit theatralischer Herzlichkeit; er wurde es
nicht müde, jedem wieder von Neuem an die Brust zu stürzen, ihn zu
drücken und dann die Arme verwundernd in die Höhe zu strecken, bis der
Sänger endlich sagte: Laßt es nun gut seyn, Hasenfuß! Ihr habt das Ding
jetzt hinlänglich getrieben. Ein Glück, daß noch kein Mensch auf der
Straße ist, sonst würden Eure Bockssprünge in dem saffrangelben
Schlafrock alle Gassenjungen aufregen.
Also Ihr seid nun wirklich da, Ihr goldnen Menschenkinder? rief der
Enthusiast aus; was würde es mich kümmern, wenn der vollständige
Magistratus an meinem Entzücken Aergerniß oder Theil nehmen wollte? Habe
ich doch seit drei Monaten nicht begreifen können, wozu diese Gasse
eigentlich gebaut sei, noch weniger, warum sie so viele Fenster zum Auf-
und Zuschieben habe, bis nun endlich ihre Bestimmung erfüllt ist; Ihr
kommt durch dieselbe hergegangen, und ich kucke da oben mit meiner
verlornen Mütze heraus, um Euch im Namen der Nachwelt zu begrüßen. Also
nun wird Eure Oper doch gegeben werden, ausbündigster Mann?
Sind denn Sänger und Sängerinnen auch noch alle gesund? fragte der
lebhafte Kapellmeister.
So, so, erwiederte jener, wie es die Laune mit sich bringt; genau
genommen, existirt das Volk gar nicht, sondern lebt nur wie im Traum;
die Zugabe, die an die Kehle mit Arm und Bein gewachsen ist, macht es
oft schwer, sie nur zu ertragen, der unnatürliche Geschwulst aber oben,
den sie Kopf tituliren, ist wie ein Dampfkolben, um in diesem
Recipienten die unbegreiflichsten Verrücktheiten aufzunehmen. In so weit
sind sie alle gesund, als es ihnen bis jetzt so gefällt, ist aber die
und jene Arie ihnen nicht recht, hat der eine zu viel, die andre zu
wenig zu singen, geht die Arie aus As moll, wenn sie Gis seyn sollte, so
fallen sie vielleicht binnen drei Tagen wie die Fliegen hin.
Zieht Euch an, sagte der Sänger, und kommt zu uns in den Gasthof hier
drüben, so können wir mehr sprechen, auch sollt Ihr uns auf den Besuchen
begleiten.
Ohne Antwort sprang Kellermann in sein Haus, und die Reisenden begaben
sich in das Hotel, wo sie ihren Wagen schon fanden.
* * * * *