Lieber Himmel, stotterte der Alte, wenn ich doch nur gleich recht viel

wüßte, um Ihnen durch meine Bereitwilligkeit meinen Diensteifer und

meine Liebe zu beweisen.

Wir verlangen nur Weniges von Euch, sprach Anselm.

Ach! das ist ja recht Schade, seufzte Pankraz; wollte der Himmel, ich

hätte Ihnen recht Vieles zu erzählen!

Daß Ihr sonst den jungen Raimund bedientet, fuhr der Arzt fort, daß Ihr

einen Spion bei ihm abgabt, daß Ihr es nicht ehrlich mit ihm meintet,

sondern Alles dem alten Herrn Baron zutrugt, wissen wir schon längst. Es

ist uns auch bekannt, daß sich der alte Herr Baron über die

Schwächlichkeit seines Neffen freute, weil er ihn zu beerben hoffte; daß

ihm deßhalb die Verbindung mit Fräulein Blanka sehr zuwider war, die er

auch nur unter den einfältigsten Vorwänden zu hindern suchte; daß er

darum ihre tödtliche Krankheit so gern sah, und Euch alten Spitzbuben

mit der Nachricht ihres Todes zu dem zerstörten jungen Manne schickte,

als ob Ihr Euch einen rührenden und dummen Spaß mit ihm machtet. Als

dieser Todesschlag die Sinne des Unglücklichen verwirrte, jagte der alte

Unmensch Euch zum Scheine aus dem Dienst, wie es schon vorher unter Euch

abgekartet war, und hat Euch seitdem eine gute Versorgung gegeben, und

für die Zukunft eine noch bessere versprochen. Nicht wahr, so hat sich

Alles begeben? Jetzt sagt nur noch, wo habt Ihr den armen Jüngling

hingeschafft? Gesteht es lieber uns, als dort vor Gericht, wo keine

Gnade mehr für Euch zu hoffen ist; auch thut Ihr so Eurem alten

Beschützer den besten Dienst, der nur auf diesem Wege einem

schimpflichen Prozesse entgeht.

Ach! meine Herren, heulte Pankraz, meinen Sie es denn auch ehrlich mit

mir? Wenn ich mich doch nur Ihrem edlen Herzen so recht gutmüthig

vertrauen könnte! Wenn Sie es doch einzurichten wüßten, daß ich nichts

mehr mit dem Herrn Theophil zu thun hätte, sondern das, was ich von dem

Baron fordern kann, in ungestörter Ruhe genösse.

Das soll geschehen, sagte der Arzt. Nur schnell! wo ist Raimund?

Sehn Sie, fuhr der Diener fort, wie soll ein armer bedrängter Domestik

ehrlich bleiben, wenn es die vornehmen Herrschaften bei allem ihrem

Ueberflusse nicht einmal sind? Der alte Herr glaubte immer, er würde das

Vermögen besser brauchen können, als sein junger Neffe, der niemals so

ganz seinen Verstand hatte; darum dachte er auch, das feine Wesen sollte

mit Tode abgehn, weil die Leute immer sagen, solche Kinder und junge

Leute wären zu gut für diese Welt. Wie er nun doch schon confus war, so

meinte der Baron, der Tod des Fräulein Blanka, die auch besser für den

Himmel paßte, würde den jungen Herrn auch dahin verhelfen; darum sollte

ich ihn erschrecken, daß er nur recht schnell und ohne lange Leiden

hinüber führe; und das alles wußte mir der Herr Baron ganz christlich

vorzuschwatzen. Aber der junge Mensch hatte doch noch mehr Courage und

Kraft, als wir ihm zugetraut hatten; er wurde freilich ein bissel

lamentabel, und sein Verstand verfiel noch mehr, aber er blieb frisch

weg am Leben. Da gab ihm der alte Herr einen andern Namen, schrieb

Certificate, eine ganze lange Geschichte, die ich mir auch merken mußte;

und das arme kranke Lamm ließ sich auch Alles gefallen; ob er so hieß,

oder so, war ihm ganz gleich. Er wurde mir heimlich übergeben und ich

brachte ihn ganz in der Stille auf das Haus da drüben über den Fluß, wo

sie ihn gut verpflegen, und er sich, seit Fräulein Blanka für ihn todt

ist, um nichts mehr kümmert. Ich bezahle vierteljährig seine Pension,

die ich von einem Banquier erhebe, und so ist Alles in Ordnung.

Was ist das für ein Haus? fragte Walther.

Das berühmte Narrenhaus da drüben, antwortete Pankraz.

Entsetzlich! rief der Rath; Du wirst uns nun Deine Papiere ausliefern,

Dein Geständniß noch ein Mal wiederholen, und es unterschreiben, und so

lange, bis Alles entschieden ist, im leichten Arrest bleiben. Doch noch

eins: wer ist denn dieser Theophil?

Der, sagte Pankraz, ist ein natürlicher Sohn unsers alten frommen

Barons. Er schämt sich seiner, weil er ein Narr ist, und hat ihn bisher

bald da, bald dort untergebracht.

Man hörte den Theophil draußen lärmen. Er trat als Bedienter gekleidet

in das Zimmer. Ich will meinen Pankraz haben, rief er aus.

Ach, jammerte der Diener, ich bin zum armen Sünder geworden, und

gegenwärtig im Arrest.

O das ist herrlich! jubelte Theophil; schöner konnte ich meinen

Geburtstag gar nicht feiern, als dadurch, daß sie den alten Kater zum

armen Sünder gemacht haben! Das muß ich gleich draußen dem Herrn Kilian

und Görge erzählen. Das wird ein Jubel im ganzen Lande seyn. Pankraz im

Arrest! der weise Salomon, der schnurrende altfränkische Solon mit

seiner Cato-Physiognomie und dem herrlichen Haarbeutel im Nacken ein

armer Sünder! -- Er stürmte fort und hörte nicht auf die Einreden der

beiden Freunde, oder die kläglichen Bitten seines alten Dieners.

* * * * *

Kaum war der Stubenarrest und die sehr dürftige Kost dem armen Wolfsberg

noch nöthig, um ganz sein Inneres zu erkennen, und alle seine Thorheiten

und die Verderbniß seines Lebens einzusehn. In demüthiger Unterwerfung

ergab er sich seinem Schicksal, und war kaum erfreut, als man ihm

ankündigte, daß seine wohlverdiente Strafe ihm früher erlassen sei.

Jetzt durfte er wieder den Saal betreten, und der Director, den er bis

dahin so wenig wie Friedrich, seinen Verführer, gesehn hatte, ließ ihn

sogar dahin einladen.

Wolfsberg fand alle Thoren dort versammelt, und den Director mit dem Hut

auf dem Kopfe sitzend. Dieser hielt ein Papier in den Händen, und seine

Miene schien sehr verändert; doch konnte man nicht sagen, daß er

heiterer, als gewöhnlich, aussah. Meine Freunde, fing er im Rednerton,

aber mit einer weichen Stimme an, wir haben lange mit einander gelebt,

viel mit einander ertragen; aber heut ist der Tag, an welchem wir von

einander scheiden sollen. Man hat endlich meinen vielfältigen Gesuchen,

mich in Ruhestand zu versetzen, nachgegeben, und der Mann, der nun als

Vorsteher meine Anstalt übernehmen wird, soll noch heut Mittag

eintreffen. Möge sein Verstand erleuchteter, als der meinige, und sein

Sinn nicht unfreundlicher seyn!

Die Thür ging auf, und Görge trat mit großer Dreistigkeit herein. Was

giebt's, Bursche? fuhr der Director auf ihn los.

Ich kann's nicht mehr zu Hause aushalten, sagte Görge ganz unbefangen.

Sehn Sie, Herr Director, seit ich neulich 'mal hier war, bin ich wie ein

verwandelter Mensch; mein Verstand ist aufgeklärter, und ich kann nun

meinen lieben Aeltern nicht mehr so in Allem folgen, wie ehedem. Wenn

ich das nicht recht mache, und jenes versehe, 'mal so spreche oder

morgen anders denke, wie es zu Hause bei mir Mode ist; so wird die Mama

immer sehr böse, und droht mir, mich in das Narrenhaus hier einsperren

zu lassen. Gestern nun habe ich unserm Herrn Kilian wohl zwanzig

Fledermäuse in die Stube geworfen: da hat er mich verklagt, und sie hat

mir wieder gedroht, mich hieher zu schicken; da bin ich nun heute früh

lieber gleich von selbst herüber gelaufen, und bitte, daß Sie mich eine

Weile hier behalten; so könnte ich auch bei dem rothnasigen Herrn dort

noch etwas lernen und mich ausbilden.

Sokrates machte sich sogleich herbei, und faßte die Hand des

lehrbegierigen Jünglings. Der Director lächelte und sagte mit

sonderbarer Miene: wenn Strafe selber zum Lohn wird, so ist der Mensch

gewiß am glücklichsten. -- Ich bin in meiner Abschiedsrede von Euch,

meine Freunde, unterbrochen worden, fuhr er hierauf in verändertem Tone

fort. Ich habe dies Haus nun sechszehn Jahre bewacht; viele Gäste

empfangen, viele gebessert entlassen. Ihr seid die letzten; und da ich

Eure Besserung durch Pflege und Aufsicht nicht lange genug habe abwarten

können, so will ich sie hiermit durch ein Machtwort veranstalten, und

erkläre Euch nun hiermit für frei, hergestellt und gesund. Wie? Diese

Gewalt wenigstens sollte mir nicht einmal geblieben seyn? Thut der

Staat, der Fürst, die Universität denn etwas anders, wenn sie

Doctorhüte, Titel und Würden austheilen? Da sehn wir ja täglich, wie

Menschen plötzlich Verdienste und Tugenden haben und glänzen lassen, die

kurz vorher nur wenig taugten, oder kaum über Vier hinaus zählen

konnten. Alle Thore, meine theuern, so lange gehegten und gepflegten

Freunde, sind offen; die Thürhüter haben den Befehl, Niemanden am

Ausgehen zu verhindern. Diese letzte Wohlthat ist es, wozu ich noch

heute meine Macht gebrauchen will. Ich kann meinem Amte nicht länger

vorstehn; denn, wie mancher der Märtyrer oder Wunderthäter jener frühern

Jahrhunderte die Sünden ihrer Mitbrüder, so habe ich mit Liebe und

Mitleid alle Eure Gebrechen in meine Seele aufgenommen: und Viele sind

dadurch geheilt, die Bösartigkeit Andrer ist dadurch gemildert worden.

Aber Ihr könnt wohl selbst ermessen, dankbare Freunde, daß das keine

Kleinigkeit für einen sterblichen Mann ist, in seinem engen Busen so

hundert Narrheiten zu tragen und zu hegen, an deren _einer_ schon jeder

von Euch genug zu schleppen hat. Freilich war ich auch dadurch nur

Monarch und Herrscher, in welchem sich alle Kräfte und Vorzüge

centralisiren. Nicht wahr, ihr guten, lieben Unterthanen und

Einfaltspinsel? Geht nun zurück in die Welt, und gewöhnt Euch doch

endlich als gesetzte Männer die kindische Aufrichtigkeit ab, mit der Ihr

Euch vor jedem Narren Eure Narrheit habt merken lassen. Schaut um Euch!

Von Allen, die hier vorbei fahren und gehen, die auf dem Flusse

schiffen, die in der Stadt dort wandeln und auf ihren Zimmern sitzen,

gehören, wenn man die Strenge brauchen wollte, wenigstens zwei Drittheil

hieher. Warum wollt Ihr nun so weichherzig seyn, jedem Eure Brust zu

öffnen, und in die curiose Structur Eures Innern hinein schauen zu

lassen? Ist es denn so etwas Schweres, die gewöhnlichen Redensarten der

Vernünftigen zu gebrauchen, ihre Geschäfte zu treiben, trivialen Spaß zu

machen, und ihnen ihre ganze Ehrwürdigkeit abzusehn und nachzuspielen?

Kinder, glaubt mir doch, es gehört weit mehr Genie dazu, ein Narr zu

seyn! Daher mag es auch Mangel an Muth seyn, wodurch sich die Meisten

abhalten lassen, zu uns überzugehn. Denn ein trivialer Narr ist wirklich

etwas recht Triviales. Wann nun der neue Herr Director ankommt, seht,

Kinder, so wird er hier das leere Nest finden. Das glaube ich, wenn der

sich so recht in die Fülle, wie in eine vollständige Haushaltung hinein

setzen könnte, das wäre ein Jubel für ihn; Alles eingemacht,

vollgesackt, geschlachtet und gepökelt für Herbst und Winter; die ganze

Ernte, die ich so mühselig seit manchem Jahre habe sammeln müssen! Nein,

er mag auch säen und pflanzen, die junge Zucht auffüttern, die alten

Gänse nudeln und stopfen. Zehre er von seiner eignen Arbeit! -- Lebt nun

wohl und reicht mir Eure Hand, ehrwürdiger Sokrates! Geht und nehmt den

jungen Alcibiades, den lieben Görge, mit Euch; bildet ihn, daß er

Galimathias sprechen lerne, aber mit Maaßen, damit er nicht verkannt

werde, wenn er das, was auf einen Monat ausreichen sollte, in einem Tage

an den Mann bringt. Fahrt wohl, Ihr beiden Redner; übt Euch dort vor dem

Volke, und rührt und erbaut die Welt durch Liebe und erhabene Gesinnung!

Indianer, großgesinnte Menschen mit edeln Inspirations-Gaben versehn,

errichtet dort eine Akademie, um die trockne Welt geheimnißvoller zu

machen und sie mit tiefer Mystik zu nähren! Begleitet diese Edeln, Ihr

Lesender; und wenn Ihr unserm Jahrhundert Alles rücklings lesen und

stellen könnt, so werdet Ihr Euch vielen Dank verdienen: ja der bloße

Versuch wird Euch schon glänzend belohnt werden. Ihr Baukünstler,

bezieht wieder Euer Haus, das Ihr als aufgeblühte Schönheit verließet,

und das nun zu einem alten Mütterchen zusammen geschrumpft ist!

Pygmäenfeind, geht und vertreibt die bösen Geister! Ihr, Graf Birken,

macht Euch davon, und laßt nun Weiber und Mädchen in Ruhe! Herr von

Linden, oder Methusalem, wie sie Euch hier nennen, verschwindet in Eil:

denn Ihr macht hier nur theure Zeit, da Ihr sie so entsetzlich

consumirt. Wie? wenn ich Euch nun die Zehrungskosten nebst Zinsen für

die hundert tausend Jahre abfordern wollte, die Ihr hier, Eurem eignen

Geständnisse nach, zugebracht habt? Meilen weit hier herum kann das Kind

im Mutterleibe keine Zeit zum Wachsen finden, da Ihr Alles in Euch

schlingt. -- Friedrich, lebt wohl, und grabt keine Schätze mehr, sonst

grabt Ihr Euch selber die Grube, in die Ihr hinein fallt!

Jeder mußte ihm, indem er vorüber ging, die Hand reichen. Alle verließen

das Haus; nur Friedrich erklärte, daß er niemals weichen wolle. Sieh,

rief der Director, am Fenster stehend, wie sie sich verbreiten und dahin

ziehen, die lieben Pilgersleute! Sie werden es doch vielleicht nicht

wieder so gut finden, als hier. Mancher wird sich zurück sehnen!

Ein Wagen fuhr in den Hof, und der Mann, welcher herausstieg, war sehr

verwundert, alle Thore offen zu finden. Noch mehr erstaunte er aber, als

er sich dem zeitherigen Director näherte, und erkannte, daß dieser

plötzlich ein Kranker seiner eignen Anstalt geworden sei. Er gab sich

ihm als Doctor Anselm zu erkennen, welchem die Regierung diesen Posten

anvertraut habe: doch jener antwortete bloß: ja, bester Mann, Sie finden

mich ganz allein hier, als Stock und Stamm, der wohl wieder Früchte

tragen mag, doch aber jetzt abgelaubt ist. Für etwas, wenn auch nicht

für viel, kann mein Friedrich gelten.

Anselm ließ sogleich einige Diener zu Pferde ausreiten, um, wo möglich,

noch einige der Flüchtlinge einzuholen.

* * * * *

Görge ging mit seinem neu erworbenen Sokrates seiner Heimath zu. Sie

müssen sich nur nicht Sokrates nennen, machte er ihm begreiflich; denn

das klingt so heidnisch: so können Sie gewiß in unserm Hause bleiben,

und mir Unterricht geben. Der Papa suchte schon seit lange einen Lehrer:

er hilft Ihnen gewiß durch, und thut, als wenn er Sie dort oben nicht

gesehn hätte; meine Schwester darf nichts ausplaudern, sonst verrathe

ich ihre schwärmerische Liebe zu dem Windbeutel Theophil; bloß die Mama

müssen wir betrügen, und Sie müssen sich nur hübsch klug und weise

stellen.

Ich brauche mich nicht so zu stellen, antwortete Sokrates; das ist meine

wahre Natur.

In einiger Entfernung hinter diesen schlich Wolfsberg; er ging nur

langsam, und sehnte sich nach einer Erquickung. In dem großen Dorfe, wo

der Junker ihm mit seinem Mentor aus den Augen verschwand, ließ er sich

in dem Gasthofe ein Zimmer geben, und bestellte sich Essen und Wein. Er

legte sich indessen auf das Bett, um etwas zu schlafen; aber kein

Schlummer befiel sein Auge, denn tausend gute Vorsätze, Lebensplane und

Erinnerungen besuchten ihn jetzt, da er sich nun endlich der Freiheit

zurück gegeben sah, die er sich seit so mancher Woche vergeblich

gewünscht hatte. Die heitre frische Herbstluft zog durch das offne

Fenster, und stärkte seine Sinne. Wie ist mir wohl! sagte er zu sich

selbst: warum habe ich denn so manches Jahr diese Empfindungen

verschmäht, die mich jetzt besuchen, und die doch das theuerste Leben

meines Lebens sind?

Ein sonderbares Gezänk, das draußen vorfiel, erregte erst seine

Aufmerksamkeit und zog ihn dann ans Fenster. Ein alter Mann stritt mit

einem jungen, und sagte jetzt eben: nein, Sie müssen mit uns gehen, und

daß ich Ihnen Ihre Baarschaft oder Ihre Wechsel jemals wieder geben

sollte, darauf machen Sie nur sich keine Rechnung; denn wenn ich nicht

als ein kluger Mann Ihre Capitalien in Verwahrung genommen hätte, so

hätte es wohl so kommen können, wie uns der fremde Herr wahrsagte, daß

mein altes Auge Sie nie wieder sah, und meine arme Tochter sich der

Verzweiflung ergeben mußte.

Wolfsberg sah sich hier wieder einen Spiegel vorgehalten, der ihm die

Scene noch weit interessanter machte. Aber, Herr Kilian, es ist doch

mein Geld, sagte der junge Mensch.

Was, Kilian? schrie der Alte; Herr _Schwiegervater_ müssen Sie zu mir

sagen, so wie ich Sie auch lieber hochgeborner Herr Schwiegersohn, als

Graf von Birken tituliren werde.

Wie? sagte Wolfsberg zu sich selbst, dies also ist der junge verkehrte

Mensch, für den ich so lange habe leiden müssen? -- Seine Aufmerksamkeit

hatte den höchsten Grad erreicht, und weil er dem Gespräche so eifrig

zuhörte, bemerkte er nicht, daß zwei fremde Menschen durch den

Baumgarten herbei kamen. Kommen Sie, ohne Umstände, rief der Pfarrer

jetzt von Neuem, oder ich lasse Sie aus meiner Machtvollkommenheit als

Mädchenverführer und Jungfrauenräuber arretiren.

Einen solchen suchen wir eben, sagte der eine Fremde, einen jungen

Grafen Birken, der ein Verbrecher und Narr zugleich seyn soll. Alle

Thörichten haben sich heut aus dem Narrenhause befreit, und das ganze

Land ist nun im Aufruhr, sie wieder einzufangen.

Wolfsberg erschrak; er wollte schnell den Kopf zurück ziehn, aber man

hatte ihn schon bemerkt. Er sammelte sich und rief von oben herab: Sie

suchen den Grafen Birken? Der dort ist es, der mit dem alten Manne

spricht.

Der Graf erschrak, der Geistliche sammelte sich aber bald. Schwiegersohn

oder Arrestant? fragte er den jungen Mann schnell und leise. »Ach!

Schwiegersohn!« wimmerte dieser kläglich, und der Geistliche sagte mit

fester Stimme: meine Herren, ich bin der Pastor dieses Orts; dieser mein

Herr Schwiegersohn wohnt schon seit vierzehn Tagen in meinem Hause; aber

dem Menschen da oben sieht ja der Vagabunde und der Narr obenein aus den

Augen heraus. Ich gebe Ihnen mein Wort, er ist der entsprungene Graf

Birken!

Er nahm seinen Schwiegersohn unter den Arm und führte ihn mit starker

Hand davon. Die Fremden bemächtigten sich des unglücklichen Wolfsberg,

erlaubten ihm kaum, sein bestelltes Mittagsessen zu genießen, und

schleppten ihn wieder in seine alte Haft zurück.

* * * * *

Der Rath Walther war im Begriff, in schnellster Eile nach der Stadt zu

fahren. Nur auf eine halbe Stunde wollte er in dem Dorfe beim Pfarrer

Kilian einsprechen, und scheute deßhalb den Umweg nicht, weil er doch

vielleicht irgend eine Nachricht durch ihn erhalten könnte. Als er nach

dem Dorfe einbeugte, sah er seitwärts neben den Bergen auf einer grünen

Wiese den Fluß entlang eine Gestalt gedankenvoll wandeln, die sein

entzücktes Auge bald als seinen geliebten Raimund zu erkennen glaubte.

Er ließ halten und wollte über die kleine Brücke dem Wasser zueilen, als

er Schalmeien, Clarinetten und Waldhörner vernahm, und einen langen Zug

geputzter Bauern und Bäuerinnen sich entgegen kommen sah. Alles jubelte,

und in der Mitte gingen neben dem Pfarrer zwei wunderlich geschmückte

Gestalten, die er für Graf Birken und die Tochter des Pfarrers erkannte,

deren grüner Kranz in den brandrothen Haaren sie deutlich als Braut

ankündigte.

Da der Rath wußte, wie wichtig es seinem Freunde, dem Arzte seyn mußte,

daß die Trauung nicht vor sich ginge, so begab er sich, statt nach jener

Wiese, in die Mitte des Brautzuges. Er wollte sprechen; aber die

lärmende Musik ließ ihn nicht zu Worte kommen; besonders da der Pfarrer

die Musikanten zum Blasen und das junge Volk zum Schreien ermunterte, um

nur den lästigen Besuch zu übertäuben und zu verscheuchen. Des Rathes

Anstrengungen wären auch für jetzt vergeblich gewesen, wenn nicht einige

Reiter herbei gesprengt wären, die dem Zuge Halt geboten. Die Musik

verstummte, und diesen Augenblick der Ruhe benutzte Walther, um seinen

Einspruch gegen die Feierlichkeit vorzutragen und zu erklären, daß der

junge Graf noch nicht mündig, außerdem auch thöricht im Haupte sei. Des

Pfarrers bemeisterte sich ein erhabener Zorn. Ich weiß nicht, rief er

aus, warum sich alle Welt in Bosheit gegen meinen verehrten

Schwiegersohn und meine geliebte Tochter verschworen hat! Er thöricht im

Haupte? Wissen Sie, unbekannter Freund, was das sagen will?

Die Reiter begehrten ebenfalls angehört zu werden. Sind Ihnen sonst

keine Narren begegnet, fragte der erste sehr eifrig: das ganze

Narrenhaus hat sich frei gemacht, wir sind alle in den Dörfern

aufgeboten, sie wieder einzufangen. Jeder Reisende ist jetzt verdächtig;

man prüft alle Welt sehr scharf, und selbst der Vernünftigste muß sich

in Acht nehmen, nicht aufgegriffen zu werden; denn Narren müssen sie nun

doch einmal dort oben wieder haben.

Sind Ihnen Verdächtige vorgekommen, Herr Pastor? fragte der zweite.

Ich untersage hiermit diese Hochzeit! rief der Rath im höchsten

Unwillen.

Der Pfarrer, welcher das Grafthum seiner kleinen Tochter von Neuem in

Gefahr sah, dessen Vaterliebe Alles daran setzte, sich diesen

Schwiegersohn zu sichern, und dem mit Wolfsberg schon der kühne Streich

gelungen war, rief jetzt laut: hier, meine Herren, sehn Sie einen

solchen Wüthigen vor sich, der sogar die heilige Ceremonie durch seine

Raserei stören will!

Was? rief Walther aus; ich ein Rasender?

Sehn Sie nur, sagte der Pfarrer gesetzt, wie ihm die Augen wie zwei

Feuerräder im Kopfe herum gehn! Er ist toll; wir erkennen ihn Alle dafür

an.

Ja, schrieen die Musikanten, und am lautesten der Graf: es ist der tolle

Mensch, der schon seit acht Tagen hier herum läuft.

Geben Sie Acht, was Sie thun, sagte der Rath etwas besänftigt; ich

wollte eben nach der Stadt; ich bekleide dort jetzt die Stelle des

Gerichtspräsidenten.

Vor Hochmuth ist er übergeschnappt, rief der Pfarrer; allons! fort mit

ihm! -- Fort mit ihm, schrie der ganze Haufe. Die Reiter hatten schon

ein drittes, lediges Pferd herbei geschafft; Walther ward hinauf

gepackt, und ehe er noch sagen konnte, daß sein Wagen vor dem Dorfe

halte, trabten seine Begleiter mit ihm fort: denn das Singen und

Schreien der Menge, die betäubende Musik, und die Glocken, welche die

Ceremonie einläuteten, machten für jetzt jede Erörterung unmöglich.

Walther mußte gezwungen den Weg zur neuen Behausung seines Freundes

antreten; der Pfarrer aber schleppte als Sieger seinen mühsam errungenen

Schwiegersohn in die Kirche, mit dem Vorsatz, sich späterhin lieber

jeder Verantwortung zu unterziehn, als das Horoskop Lügen zu strafen!

* * * * *

Der neue Director Anselm hatte sich indessen um seinen kranken Collegen

bemüht, und es war ihm auch gelungen, den alten Mann wieder ziemlich zu

beruhigen. Dieser sah seinen Zustand ein, und fühlte sich beschämt, daß

er so leicht jenem Gelüste nachgegeben, welches ihm noch kürzlich der

Prediger als so gefährlich geschildert hatte. Er besaß in der Nähe ein

Landhaus, auf welches er sich verfügte, und Anselm sah ihn gern

abreisen, weil er überzeugt war, daß die schnell erzeugte Unpäßlichkeit

in einigen Tagen auf immer verschwinden müßte.

Jetzt ward eine Gesellschaft von Reisenden gemeldet, die das Haus besehn

wollten. Anselm ging ihnen entgegen, sie zu bewillkommen, und zugleich

zu entschuldigen, daß ihre Neugier sich diesmal mit einem einzigen

Vernünftigen begnügen müsse. Voran in den Saal trat ein langer alter

Herr, dem die Uebrigen große Verehrung bezeigten; er führte an seinem

Arm ein phantastisch geschmücktes Frauenzimmer, die dem Arzte bekannt

schien, obwohl er sich ihrer nicht gleich erinnern konnte. Ein

breitschultriger junger Mann folgte, und als letzte Begleiterin schlich

ein blasses, krankes Mädchen nach, die Strickkorb und Tuch ihrer

lachenden und übermüthigen Gebieterin demüthig trug.

Wir kommen, sagte der angesehene Mann, Ihre Anstalt zu betrachten; meine

junge Gemahlin hat dergleichen noch niemals gesehn, und der Bruder

meiner Frau hat noch andere philosophische und künstlerische Absichten

bei dieser Reise.

Sind die Narren aber auch nicht fürchterlich? fragte die junge Dame; ist

man nicht auch in Gefahr angesteckt zu werden?

Anselm erzählte ihnen die unglückliche und doch lächerliche Begebenheit,

worauf der alte Herr sehr betreten und erblaßt zurück fuhr und ausrief:

wie? Alle entlaufen? Schrecklich! Und auch ein gewisser Baron Linden

unter den Geflüchteten?

Ja wohl; leider, sagte der Arzt, indem er den Sprechenden näher ins Auge

faßte.

Schriften 17: Novellen 1 · 第 17 / 24 段