Raimund gezeichnet haben. Haben Sie denn nicht bemerkt, wie verlegen das
Pankraziengesicht wurde, als es Sie erblickte? Schon vorher wurde er
blaß, als ich ihn nach Blanka fragte. Er weiß uns Raimunds Aufenthalt
gewiß zu entdecken. Können Sie sich in der Stadt durch Freunde oder
Autorität eine Vollmacht verschaffen, um den Schurken, wenn Sie ihn
wieder ansichtig werden, zu verhaften, ihn zu erschrecken; so erfahren
wir gewiß Alles, und der Zweck Ihrer Reise ist erfüllt.
Wenn Sie Recht hätten! sagte der Rath. -- Er befahl dem Kutscher nach
der Stadt zu fahren.
* * * * *
Bei der Gesellschaft im Saale waren einige Veränderungen vorgegangen.
Die beiden Redner hatten sich immer noch nicht versöhnt und jeder
vermied den andern; die Schachspielenden schienen auch weniger einig,
als sonst, und der Mann mit dem Maaßstabe war unruhiger, und lief hastig
hin und wieder. Wolfsberg gesellte sich zu diesem, und fragte, was ihm
fehle. Ach, mein Herr, sagte dieser heftig bewegt, Sie haben gewiß auch
von meinem großen Hause gehört, welches ich durch meine Geschicklichkeit
so ansehnlich gemacht hatte. Das konnte mir der Neid nie vergeben, daß
ich durch Wissenschaft Besitzer eines der größten Paläste in der Stadt
seyn sollte. Bald hieß es, durch die übermäßige Ausdehnung habe der Bau
eine so zarte Constitution erhalten, daß er bei der nächsten
Veranlassung, wenn etwa Truppen marschirten und die Trommel gerührt
würde, erschreckend, wie in einem Nervenfieber zusammen stürzen müsse.
Andre meinten gar, ich hätte die Stadt dadurch verengt, und die
nahestehenden Häuser und Gassen litten darunter: als wenn der unendliche
Raum etwas so Beschränktes wäre, daß man die Welt so leicht verderben
könnte. Ich erbot mich, die ganze Stadt durch Beobachtung des Tactes
auszudehnen, und sie, wenn wir Geld und Zeit genug hätten, größer als
London oder Nanking zu machen. Aber die Bosheit hörte auf nichts; ich
mußte mich hieher in die Einsamkeit zurück ziehn. Und was ist nun im
Werke? Sollten Sie's glauben, daß die Verderbtheit der Menschen so weit
gehen könne! Eine ganze Schiffsladung von Gummi elasticum läßt man mit
Erlaubniß des Parlaments von England kommen. Fünfhundert Menschen zerren
das Zeug aus einander; man practizirt es so, nach allen Seiten
ausgedehnt, unter meinen Palast, und auf ein Zeichen von dem
nahestehenden Kirchthurm (denn auch die Religion wird dazu gemißbraucht)
lassen alle fünfhundert Bösewichter in einem und demselben Augenblicke
die Gummifetzen los; das unglückselige Zeug schnappt zusammen, und nimmt
unwiderstehlich Breite und Länge meines Palastes mit sich, der durch
dieses höllische Kunststück wieder zu einem gewöhnlichen Hause
zusammenschrumpft. Denn das giebt die Vernunft, daß, da das elastische
Unwesen sich nun in der Grundlage an das Gebäude anklemmt, keine
menschliche Kraft, keine Wissenschaft, kein noch so gut observirter Tact
dazu hinreicht, es aus den Gummi-Klauen zu retten und wieder aus
einander zu dehnen.
Wolfsberg mußte dem Klagenden Recht geben; doch wurde jetzt seine
Aufmerksamkeit auf einen jungen Menschen gerichtet, der zum Saale herein
schlich, und den er bisher noch niemals gesehen hatte. Methusalem kommt
einmal wieder! riefen Einige, und über die blassen Wangen des kranken
Jünglings lief ein leichtes Roth. Wie nennen Sie ihn? fragte der Baron.
O er heißt nur so, antwortete Sokrates, der eben vorüber ging, weil das
Gespenst schon so außerordentlich bei Jahren ist, daß, gegen ihn
gerechnet, Methusalem selbst noch in den Kinderschuhen steckt.
Die Gestalt und das Wesen des Jünglings waren so wunderbar und von
Allem, was sich in diesem Hause zeigte, so verschieden, daß sich
Wolfsberg wie gezwungen fühlte, sich ihm langsam und mit Blödigkeit zu
nähern. Der Jüngling war schlank und mager, seine Geberde ruhig und
edel, sein Gesicht schön, aber blaß und abgefallen; die Augen glänzten
so überirdisch, daß man vor ihnen erschrecken konnte, wenn nicht eine
süße Schwermuth ihr Feuer wieder gemildert hätte. Der junge Mensch
schritt dem Baron entgegen, vielleicht, weil ihm auch dessen Gestalt und
Wesen, als ein milderes, auffiel. Wolfsberg war um Worte verlegen, mit
welchen er das Gespräch eröffnen könne; aber der Kranke kam ihm zuvor,
nahm ihn bei der Hand und sagte mit der lieblichsten Stimme: was fehlt
Ihnen?
Meine Vergehungen, sagte der Baron in einem fast zerknirschten Tone,
haben mich hieher geführt. Aber woran leiden Sie?
Ach! klagte der Jüngling, daß ich so gar übermäßig alt bin; die große
Menge der Jahre drückt mich zu Boden. Wie alt schätzen Sie mich?
Höchstens drei und zwanzig Jahre, sagte der Baron.
Des Jünglings Gesicht ward noch wehmüthiger und zwei große Thränen
fielen aus den Augen. Sie sehn, sagte er mit seiner lieblichen Stimme,
wie ich lachen muß. Nun bin ich gerade sechstausend dreihundert und vier
und neunzig Jahre alt. Gestern Nachmittag hatte ich nur sechstausend und
vier und neunzig: und denken Sie, in der kurzen Zeit bin ich schon
wieder um die dreihundert Jahre älter geworden.
Sie setzen mich in Erstaunen, sagte Wolfsberg.
Wissen Sie denn, was die Zeit ist? klagte jener weiter. O Lieber,
mancher Achtzigjährige geht zu Grabe, und hat vielleicht nicht zwanzig
Jahre, nicht zehn gelebt. Vielleicht giebt es Menschen, die von der
Geburt an bis zum Greisenalter nicht zur Zeit erwachen, und erst jenseit
die erste Stunde müssen kennen lernen. In der Gleichgültigkeit ist kein
Strom; weder Vergangenheit, noch Zukunft, auch keine Gegenwart. Freude,
Jubel und Glück sind rasende Kinder, die tobend umher springen und das
zarte Stundenglas zerbrechen; hinter ihnen steht Tod und Nichtsein, --
der Himmel gab uns dafür keine Sinne. Aber im Schmerz, im Schmerz! Wie
durch diesen Wunderbalsam die Secunde, die das Auge kaum unterscheidet,
aufschwillt und mit der Ewigkeit schwanger wird! Ja, mein junger
Zeitgenosse, ich habe Tage erlebt, in denen Jahrhunderte eingewickelt
waren; sie lösten sie aus ihren Schleiern und legten sich mir um die
Seele. Dann kam eine Stunde, eigentlich nur ein Augenblick; da sprang
die ganze aufschwellende Knospe entzwei, in der mir die Zeit in
duftenden Blättern aus einander blühen sollte, und ein Alles und Nichts,
ein großer ewiger Tod, in dessen finsterm Herzen kindisch das süßeste
Leben lächelte, brach mit Gewitternacht über mich ein. Da waren die
Jahrtausende verlebt, dieselben, an denen das Menschengeschlecht, ohne
sie nur zu kosten, vorüber kriecht. Schmerz, Herz, Scherz: nicht wahr,
im Schmerz ist Alles, was die Andern nur einzeln aussprechen? Leben Sie
wohl, und hüten Sie sich, so alt zu werden! Ich gehe wieder auf mein
Zimmer, denn wenn diese großen Minuten mich besuchen wollen, müssen sie
mich wach finden. Adieu, junger Mann, vielleicht bin ich schon acht oder
zehntausend Jahre, wenn wir uns wiedersehn. Er wankte hinaus, und keiner
von den Gegenwärtigen achtete auf ihn.
Die Uebrigen umringten Wolfsberg, und Sokrates, der den Sprecher im
Namen Aller zu machen schien, sagte: junger Herr, wir Alle sind es nun
endlich überdrüssig, Sie noch länger diese triviale Rolle spielen zu
sehn, mit der Sie uns Allen herzliche Langeweile machen. Nicht der
Unbedeutendste hier, der nicht sein Pfund wuchern ließe; und Sie wollen
immer noch als leutseliger Beobachter sich herum treiben? Fordert die
Menschheit nicht auch Ihre Kraft und Ihren Entschluß? Sie sollen nicht
länger der Niemand seyn, mit dem Keiner von uns etwas anzufangen weiß.
Meine Herren, sagte Wolfsberg in einer sonderbaren Stimmung, die aus
Schmerz und toller Laune gemischt war: da Sie mich Alle mit einem so
gütigen Zuruf und schmeichelnden Zutrauen beehren, und da ich sehe, daß
uns hier eine so glückliche Republik umfaßt, in der uns weder Gesetze
der Zeit noch des Raumes tyrannisiren, und eine so freie Verfassung
unsre Kräfte erhebt, daß auch selbst das Unmögliche möglich wird: so
will ich denn auch nicht länger hinter dem Berge halten, mich Ihnen
entdecken und Ihren herrlichen Bestrebungen anschließen. Wissen Sie
also, daß ich das Eigne an mir habe, daß ich schon öfters gelebt habe,
vielerlei Zustände erfahren, und mein dermaliges Leben nur als die
hundertste Wiederholung in einer etwas veränderten Modification
aufführe.
Wie meinen Sie das, Trivialer? fragte der Leser.
Dieselben geruhen, antwortete Wolfsberg, mit Ihrer unvergleichlichen
Stupidität nicht zu capiren. Ich war mit Einem Wort, genau nach der
Lehre des Pythagoras, schon in vielfachen Gestalten im Leben. Ich war
König, Kaiser, Bettler, Vater, Sohn, lasterhaft, zur Tugend geneigt,
glücklich und elend.
O, sagte der Indianische Schachspieler, Sie fangen an interessant zu
werden, Männchen; fahren Sie nur so fort, so können Sie noch was
leisten.
Können Sie uns nicht etwas Bestimmteres von Ihren frühern Verhältnissen
mittheilen? fragte Sokrates.
Gern, erwiederte der Baron mit geläufiger Zunge, ich war z. B. zugegen,
als Cäsar ermordet wurde.
Trefflich! rief der Leser; wer waren Sie denn dazumal?
Wer anders, als der berühmte Cassius, antwortete Wolfsberg.
Halt! schrie der aufgedunsene Redner, der noch immer mit der
Zinnschnalle paradirte, halt! rief seine krächzende Stimme; das ist nur
Windbeutelei! Denn wenn ich damals hätte leben können, so würde ich
Cassius gewesen seyn: also ist es pur unmöglich, daß du selbiger
gewesen!
Dieser leere Wunsch, und die etwanige Möglichkeit, sagte Wolfsberg
spitzfindig, schließt doch wohl meine wirklich erlebte Wirklichkeit
nicht aus?
Leerer Wunsch? schrie der aufgebrachte Dichter, in meinem ganzen großen
Leibe und noch größerem Geiste ist kein einziger Wunsch, den man als
leer verlästern dürfte! Leer! Ei, den ausgelernten Lehrer! Mit diesen
Worten schlug er auf den jungen Baron ein. Sokrates wollte seinen
ehemaligen Schüler zurechtweisen: da dieser aber, noch ergrollt, ihn
ebenfalls nicht schonte, so verließ auch diesen die sokratische Ruhe.
Doch, wie es auch wohl bei Vernünftigern zu geschehen pflegt, vergaß er
den Beginn des Zanks, und sein thätiger Unwille wandte sich nach wenigen
Augenblicken gegen Wolfsberg. Die Schachspieler, Melchior, der
Baukünstler, ja Alle im Saale schienen plötzlich von der Ueberzeugung
begeistert, daß es nothwendig sei, denjenigen, der schon als Cassius und
in andern Zuständen Vieles gelitten, auch in diesem Momente mit
empfindlichen Leiden zu überhäufen. Am grausamsten aber wüthete die
Peitsche des Pygmäen-Bezwingers, dessen Seherkraft auf Rücken und
Schultern des Armen Myriaden seiner kleinen Gegner erblicken mußte, weil
er, unbarmherzig gegen sich und den Geschlagenen, in die Geister mit der
Anstrengung aller Kräfte hinein arbeitete. Entsetzt stürzte Friedrich,
der seinen fleißigen Arbeiter und Schatzheber unterliegen sah, mit
fürchterlichem Geschrei zum Director, dessen Autorität und starkes Wort
den armen, erschöpften Baron auch wirklich frei machte, der sich
verdrießlich und zerschlagen nach seinem Zimmer begab, und den der
Trost, welchen ihm Friedrich noch in der Thür zuraunte, daß die nun
kommende Nacht die letzte und entscheidende sei, in diesem Augenblick
nicht sonderlich erheben konnte.
* * * * *
Als Friedrich seinen nächtlichen Schatzgräber abrief, fand er ihn sehr
übel gelaunt. Die Arbeit wird mir zu schwer, sagte er verdrießlich;
meine Kräfte nehmen ab, und ich muß fürchten, daß diese ganze ungeheure
Anstrengung vergeblich gewesen ist; denn nach so manchen Wochen, nach so
vieler herausgegrabenen Erde, da wir doch schon tief genug gekommen
sind, zeigte sich noch immer nichts. Es wird auch fast unmöglich, die
Erde aus der Tiefe noch höher herauf zu schaffen, da ich Alles allein
verrichten muß.
Nur heut noch, flüsterte Friedrich; ich gebe Ihnen mein Wort, heut ist
die letzte und entscheidende Nacht! Wir müssen nur Anstalt treffen, das
viele Gold aufzubewahren, ohne daß man es bei uns bemerkt. Und noch
Eins, verehrter Freund, in der letzten Nacht zeigt sich gewiß etwas
Sonderbares oder Gespenstisches. Lassen Sie sich nicht überraschen;
erschrecken Sie nicht, wenn Sie Stimmen hören, ein wunderliches
Gepolter, Geschrei; wenn Lichter und Geister kommen, und uns das so
sauer Errungene wieder zu entreißen streben. Denn das ist ihre Art, den
Glücklichen noch zuletzt zu ängstigen, damit sie ihm seine Beute wieder
entziehen. Darum hüten Sie sich heute besonders vor jedem Zweifel oder
gottlosen Wort und Fluch; denn sonst versinkt unser Schatz gleich wieder
so viele Klaftern tiefer, daß alsdann unsre Arbeit von Neuem und viel
beschwerlicher anfangen müßte. Heut müssen wir besonders still seyn, und
uns eine feierliche Manns- und Heldenstimmung geben.
Sie gingen langsam hinunter. Sie flüsterten unterwegs, was sie mit den
Schätzen beginnen, welche Unternehmungen sie ausführen wollten, wie die
Welt vor den ungeheuren Dingen erstaunen sollte, die alsdann auftreten
würden. Wolfsberg sprach davon, wie er sich sein eignes Theater in
seinem großen Palaste anlegen wolle, und nur den vorzüglichsten
Künstlern gestatten, bei ihm aufzutreten; Friedrich dachte mehr darauf,
den Director zu kränken, seinem Hause gegenüber ein anderes, noch
größeres aufzuführen, und alle Menschen dort kostbar zu bewirthen die
sein Gebieter nicht leiden könne.
Als sie unten waren, stellte Wolfsberg die Laterne wieder neben sich,
und fing an seufzend zu graben, da ihm Arme und Rücken, ermüdet, wie sie
waren, fast den Dienst versagten. Friedrich stand oben auf der lockern
Erde, und konnte kaum seine heisern anordnenden Worte hinab gelangen
lassen, so tief hatte sich Wolfsberg schon unter die Fundamente
eingegraben. Eine schauerliche Stille umgab sie; ganz dumpf und fern
hörten sie jetzt die große Uhr zwölf schlagen. Wolfsberg dachte nicht
ohne Grausen daran, daß sich nach seines kleinen Freundes Voraussagung
nun wohl etwas zeigen könne, und suchte seine Angst durch emsigere
Arbeit zu betäuben. Friedrich stand hoch über ihm und zitterte an allen
Gliedern; er wagte es nicht mehr hinab zu sehn; die Erdschollen, wie sie
von unten aufgeworfen wurden, erklangen ihm fürchterlich, weil er in
jedem Wurf Schritt und Tritt eines Geistes zu hören glaubte. In der
größeren Anstrengung warf Wolfsberg die Laterne um, die nur ein
dämmerndes Licht in der ausgegrabenen Kluft schimmern ließ; Friedrich
stieß einen leisen Ausruf des Entsetzens aus, und als sich jetzt ein
seltsames Gepolter vernehmen ließ, ein dumpfes, brausendes Murren, von
dem man nicht unterscheiden konnte, woher es komme, setzte sich
Wolfsberg in höchster Angst nieder, ein Geisterheer und furchtbare
Erscheinungen erwartend. Sein Haar sträubte sich, als das Getöse zunahm;
und jetzt fiel plötzlich mit schwerem Fall ein Wesen um seinen Hals,
schlang sich zitternd und weinend an ihn fest und schien ihn erdrücken
zu wollen. Als Wolfsberg sich etwas besann, erkannte er Friedrich, der
von oben zu ihm herab gekugelt war, vom Schreck hinunter geworfen. Was
wird aus uns werden? schluchzte dieser. Aber nur Muth, Muth, mein
Leidensgefährte! Jetzt vernahm man etwas Bestimmteres, wie Reden,
Schreien durch einander. Es kam näher; aber nicht aus dem Boden, sondern
von dem Eingange des Kellers her; Lichtschimmer fingen an sich zu
verbreiten. Aber da muß das heilige Donnerwetter drein schlagen! brüllte
jetzt eine Stimme, und der Kleine ließ jetzt den Baron fahren, richtete
sich auf, und sagte: Gott Lob! es ist nichts, es ist nur unser Herr
Director.
Mordelement! schrie dieser von oben, wie sieht das hier in den
Kellergeschossen aus, da müssen wenigstens zwanzig verrückte Spitzbuben
dran gearbeitet haben. Gewiß ist der Schuft, der Friedrich, wieder auf
seine alten Tollheiten verfallen, und hat ein Rudel Dummköpfe zu
Gehülfen genommen. An dir aber will ich ein Exempel statuiren!
Herr Director, Barmherzigkeit! winselte der Kleine von unten hinauf.
Leuchtet! schrie der zornige Mann. Die Diener kamen mit den Lichtern
näher, stiegen auf die Erdhügel, und man sah jetzt beim Schein die armen
Sünder, bleich und aufgelöst in Angst, unten stehn.
Wie? schrie der Director, der verrückte Graf ist da unten bei dir?
Herauf ihr verdammten Kerle!
Langsam und mit Mühe krochen die Verbrecher aus ihrer Grube. Wißt ihr
wohl, Patrone, eiferte der wüthende Medicinalrath, daß durch eure
sauberen Bemühungen das Fundament hier gesunken ist, daß die äußere
Mauer nach Westen einen Riß bekommen hat? daß ich das Recht habe, euch
in Ketten zu schlagen und an die Wand zu schmieden? Ich erschrecke, wie
ich heut Nachmittag den Sprung in der Mauer wahrnehme; aber das laß ich
mir doch nicht träumen, daß der dumme Schatzgräber, der doch seine
ehemalige Strafe nicht sollte vergessen haben, seine Streiche von Neuem
angefangen hat. Sprich, wo sind die übrigen Verschwornen?
Der Graf, wie Sie ihn nennen, antwortete der zitternde Friedrich, hat
Alles ganz allein gemacht.
Was? rief der Director erstaunt; das Kerlchen ganz allein? Allen diesen
Schutt aufgeworfen? sich wohl vier Klaftern tief eingegraben? die Erde
in die Gewölbe herauf gefahren und dort abgeladen? Das ist kaum
menschenmöglich! Und wie lange treibt ihr die Teufeleien?
Seit vier oder fünf Wochen, klagte Friedrich.
Kein Wunder denn, sagte der Director, daß der Unkluge so verfiel und zum
Jammerbilde wurde. Aber wie konnten Sie nur, Graf, ein solcher Dummkopf
seyn, und sich von diesem armseligen Schaafe verführen lassen? Merkten
Sie es denn gar nicht, da Sie doch manchmal Funken von Vernunft zeigen,
daß er auch zu den Tollen gehört?
Also ist unser Herr Friedrich auch unklug? fragte Wolfsberg.
Was anders? erwiederte der Director: nur weil er anstelliger ist, als
die Andern, wird er zum Aufwärter, ja Aufseher gebraucht. Nun hat sich
das Ding freilich geändert. Hätten die Satans nicht uns Narren
insgesammt den alten Kasten auf die Köpfe schmeißen können!
Mir fiel es oft ein, sagte Wolfsberg kleinlaut, daß hier keine Schätze
liegen möchten, daß Friedrich vielleicht nicht gesunde Einsichten habe;
aber weil ich doch einmal die tolle Arbeit angefangen hatte, weil er
mich so zu lieben, auch ganz zu kennen schien, mehr als Alle, so -- --
Ja, winselte Friedrich, ich mußte dem Narren gleich gut seyn, so wie ich
ihn ankommen sah; denn betrachten Sie ihn nur, wie er dem berühmten
Herzog Marlbrough ähnlich sieht, der vor einem halben Jahre bei uns saß,
und mit dem ich damals auch die große Freundschaft errichtete. Aber da
er nun doch ein recht verrätherischer Narr ist, will ich Ihnen auch
sagen, wer er eigentlich ist; denn Sie kennen ihn Alle nicht.
Nun? sagte der Director.
Er ist, fuhr Friedrich trotzig fort, der durch die ganze Welt
berüchtigte Cartouche, das können Sie mir auf mein Wort glauben.
Scheert Euch beide auf Eure Stuben, rief der Director, und nehmt da auf
vier Wochen mit Wasser und Brod vorlieb, das ist Eure gelindeste Strafe!
Die Maurer werden hier wohl eben so lange zu thun finden, ehe das Haus
wieder fest steht und Alles in Ordnung ist.
Sie gingen Alle hinauf, und die beiden armen Sünder mußten sich seufzend
in ihre Strafe fügen, die noch härter hätte ausfallen können.
* * * * *
Vor der Stadt lustwandelten die beiden Freunde Walther und Anselm. Sie
billigen es also, sprach der Letztere, daß ich dem alten Grafen Birken
Alles, was seinen wilden Sohn betrifft, geschrieben habe, und daß er
nun, wenn es ihm wichtig genug dünkt, selber kommen und ihn aufsuchen
mag; denn ich kann meine Zeit nicht länger mit diesen Nachforschungen
verlieren. Sie wissen, daß mit jedem Posttag die vortheilhafteste
Anstellung ankommen kann, die ich nicht zurück weisen darf.
Ich bin in allen Dingen Ihrer Meinung, erwiederte Walther, nur darin
nicht, daß Sie nicht zum Hause des Predigers Kilian zurück kehren
wollen, wo, wie ich immer noch glaube, wir Alle antreffen würden. Was
nützt mir nun die Vollmacht, die ich bei mir trage, wenn wir den guten
Pankraz niemals wieder zu Gesichte bekommen?
Ein Auflauf störte die Unterredung, denn ein Rudel von Jugend war hinter
der seltsamsten Erscheinung her, die ihnen zu entlaufen suchte. Eine
lange Gestalt im rothen Tressenrocke, kleinem goldbesetzten Hut und
großem Haarbeutel, einem feinen Degen mit Porzellan-Griff an der Seite,
in aufgewickelten seidenen Strümpfen und Corduan-Schuhen mit rothen
Absätzen, stolperte ihnen unbehülflich entgegen, und bat mit kläglicher
Stimme um Hülfe gegen die ausgelassene Jugend. Sie halfen dem alten
Manne in ihren Gasthof, vor dem sie eben standen, und als sie im Zimmer
dem Geschrei und Lärmen des nachfolgenden Haufens entgangen waren,
erkannten die Freunde zu ihrem Erstaunen an dem hochauffrisirten und
gepuderten Kopf das Gesicht des verdächtigen Pankraz. Wie bin ich Ihnen
verbunden, meine werthen Herren, sagte er, den Rath von der Seite
betrachtend, daß Sie mich gerettet haben!
Der Arzt, welcher fürchten mochte, daß bei der Milde seines Freundes
vielleicht die Sache nicht die rechte Wendung nehmen könnte, bemächtigte
sich gleich des Gespräches, indem er mit barschem Tone sagte: wir kennen
Euch recht gut, alter Narr Pankraz; wie seid Ihr in diesen Habit
gekommen, und was hat die Posse zu bedeuten?
Ach, mein Herr, sagte der Diener, wir sind schon einige Zeit von unserm
Prediger entfernt --
Das wissen wir, unterbrach ihn der Arzt, und auch den saubern Grund,
weil der gute Pankraz uns nicht gern dort treffen wollte. Doch das wird
sich Alles finden!
Nun kann ich meinen Herrn, fuhr der Diener fort, nachdem er den Arzt ein
Weilchen mißtrauisch angesehn hatte, so ziemlich regieren; er folgt mir
in wichtigen Sachen immer, wenn er auch murrt, und hat mehr Respect und
Furcht vor mir, als vor dem Herrn Prediger selbst; aber an einem
einzigen Tage im Jahr ist er durchaus nicht zu bezwingen; an seinem
Geburtstage nämlich; da muß ich ihm in allen Dingen seinen Willen thun,
wenn ich ihn nicht wüthig machen soll. Heut ist der Unglückstag, und da
faßte er schon vorige Woche den Gedanken, ich müßte heut als Herr
angeputzt seyn, und er wollte meinen Bedienten vorstellen. Ich bat und
flehte; aber umsonst. Ich wollte wenigstens den Spaß auf dem Lande
treiben; half nichts. Er staffirt mich also aus, und lehnt das Zeug dazu
von Juden und Christen zusammen; er selber tritt in einer engen
hechtblauen Livree hinter mir her, und da sich die Jungen versammeln,
fängt der böse Mensch zuerst an, mich auszulachen, und schreit hinter
mir drein, ich sei der ewige Jude. So bin ich durch die halbe Stadt
verfolgt worden, und hoffe nun durch Sie den Habit los zu werden, und
sicher nach unserm Wirthshause zu kommen.
Das wird alles nicht nöthig seyn, sagte der Arzt kaltblütig, der gute
Pankraz wird wohl anderswo ein Unterkommen finden. Seht, der Herr Rath
Walther hat sich zu Eurem Besten vom Gerichtspräsidenten hier in der
Stadt, der sein naher Verwandter ist, diese Vollmacht geben lassen, Euch
zu greifen, wo Ihr Euch betreffen ließet, und den Gerichten zu
überliefern; wo Euch dann das Zuchthaus wenigstens gewiß ist, wenn Euch
nicht, wie ich glaube, Kette und Karren auf dem Vestungsbau erwartet.
Mein Himmel, sagte der Alte zitternd, indem er einen schnellen Blick in
das große Blatt warf, wodurch denn -- dieser Verdacht -- ach! Herr Rath
-- ich weiß nicht --
Freilich, fuhr der Arzt kalt und bestimmt fort, könnt Ihr Eurem
Schicksal selbst eine bessere Wendung geben, wenn Ihr in unsrer und
einiger Zeugen Gegenwart ganz aufrichtig seid.
Ich weiß ja nicht, winselte Pankraz, was ich gestehen soll.
Die Sache ist übrigens schon klar, sagte der Arzt, und kann auch ohne
Euch ausgemittelt werden; nur bewegt uns das Mitleid mit Eurem Alter
dazu, Euch das harte Schicksal zu ersparen, das Euch nothwendig treffen
muß. Vertraut Ihr Euch uns gutwillig an, so haben wir den alten Baron
Eberhard so in der Hand, daß er künftig für Euch sorgen muß, und noch
besser, als er bisher gethan hat. Wir wollen als Eure Freunde für Euch
handeln, wenn Ihr aufrichtig seid, und Euch als Feinde verfolgen, wenn
Ihr läugnet.