aber Theophil fiel plötzlich in eine tolle Laune, hüpfte auf einem Beine
herum, schwenkte den Hut und schrie halb singend: Da hinter des
Priesters Garten, da ist ein Wiesenplan, da stehn rings Weiden und
Birken, ein Wasser rauscht fließend daran; da schreien Kuckuck und
Staare, da schaut wohl der Hirsch aus dem Busch; es ist ein liebes
Plätzchen, voll Einsamkeit und Schatten genug. Da kommen in
Herbstestagen, wenn welkes Laub schon rauscht, die liebe Fräulein
Blanka, der Monsieur Raimund zusamm. Sie sehn sich mit weinenden Augen,
sie drücken sich zärtlich die Hand; da giebt es herzig Umarmen, da
finden sie wieder Verstand! -- Er schrie und sang immer lauter, so daß
der alte Pfarrer aufstand und rief: um des Himmels willen, junger Herr,
in welcher Spinnstube haben Sie die alte Ballade wieder aufgehascht?
Das hab' ich selbst gedichtet, jetzt eben, schrie Theophil erfreut.
Pankraz, behalt' es ja, wir wollen es nachher dem Junker vorsingen.
Ich weiß kein Wort davon, sagte Pankraz, vom Kuckuck war was in der Ode,
und daß Sie gern Verstand haben möchten. Da kommt der Junker!
Ohne den Eingang zu suchen, sprang in diesem Augenblick ein junger
Bursche über den Zaun, mit rothem Gesicht, ohne Hut mit Papierwickeln in
den Haaren. Da sind wir wieder, schrie er ungezogen, guten Tag, Tissel,
ach! Herr Pastor, wären Sie doch mit uns gewesen; da hätten Sie
disputiren können!
Wo wart Ihr, lieber Görge, fragte Theophil.
Ach! liebster Freund, fuhr dieser jubelnd fort, unsre ganze Familie hat
seitdem an den Narren dort den Narren gefressen; nur die Mama will
nichts davon wissen, und ist auf uns alle, vornehmlich auf den Papa
böse, daß er uns so ein schlechtes Beispiel giebt.
Mein lieber Junker, sagte der Pfarrer sehr ehrbar, mit Narren würde ich
niemals disputirt haben; denn sie haben keine Logik.
Es waren auch nicht so eigentliche Narren, sagte Görge, sondern eine Art
Künstler. Ich sage Ihnen, der Papa war ganz eingenommen, und sie hatten
da oben einen Mann, der den Leuten das Reden beibringen konnte.
Heisa! Heisa! Dort kommt erst der rechte Windbeutel, rief Theophil laut
jubelnd; der und ich, wir sind die beiden größten Narren im Römischen
Reich; das Kloster da oben, wo unser Herr Kilian disputiren soll, in
allen Ehren gehalten.
Reden Sie mit Verstand, sagte der Geistliche, und respectiren Sie in dem
verehrten Herrn Grafen den Bräutigam meiner Tochter.
Auf einem kleinen Schimmel sprengte ein junger Mensch heran, hüpfte aus
dem Sattel, und eilte in die Umarmung des Pfarrers, indeß schon aus dem
Hause, mit der Küchenschürze angethan, ein rothhaariges Mädchen herbei
stürzte, und Vater und Geliebten zugleich umschloß. Die Gruppe fuhr aus
einander, als sich jetzt der Arzt, so schnell es sein verwundeter Fuß
erlaubte, ihnen näherte. Ist es möglich, Graf Birken, daß wir uns hier
wieder treffen? Auf Sie hatte ich heute nicht gerechnet. Der junge
Mensch sah sich schnell um, stieß seinen Schwiegervater so hastig vor
den Bauch, daß dieser wieder in die Laube zurück taumelte, warf mit
demselben Ungestüm die kleine dicke Braut von seinem Halse, ergriff den
Schimmel, und ehe die Umstehenden sich noch recht besinnen konnten, war
er im gestreckten Galopp schon aus dem Dorfe hinaus.
Ein Pferd! rief der Arzt. Setzt ihm nach!
Was haben Sie für Ansprüche an meinen Schwiegersohn? fragte der Pfarrer,
der sich wieder gesammelt hatte.
Der Windbeutel reitet einmal! schrie Theophil jauchzend.
Um des Himmels willen ein Pferd! rief der Arzt; kommt er uns aus den
Augen, so haben wir ihn Alle für immer verloren.
Verloren! schrie die Braut und rang die Hände.
Sei still, mein Kind, rief der Geistliche; morgen ist die Trauung, und
kein fremder Mensch, mag er sich auch Doctor nennen, hat das Recht, Dir
Deinen Bräutigam zu entreißen.
Der Mensch ist ein Narr! rief der Arzt heftig aus, und nun er mich hier
gesehen hat, kommt er gewiß nicht wieder.
Lästern Sie unsre Familie nicht! rief der Pfarrer noch heftiger, Sie
fremder, unbekannter, hergelaufener Herr; und wenn mein Schwiegersohn
Ihretwegen nicht wieder kommt, so gebe ich Ihnen meinen Fluch, Sie
Gottloser!
Theophil und Görge waren von diesem Gezänk auf das Höchste erbaut; denn
sie kannten keinen größern Genuß, als den alten Pfarrer im Zorn zu
sehen. Die Tochter hatte verzweiflungsvoll den Garten verlassen. Ein
Wagen fuhr in den Hof, und der Rath Walther, in gespannter Eile, ohne
die Andern zu begrüßen, kam herbei gelaufen, und rief schon von Weitem
dem Arzte zu: wo ist er? -- »Wieder ein neuer Windbeutel! Heute haben
wir die Hülle und Fülle!« jubelte Theophil. -- Der Arzt ging ihm
entgegen, indem er sagte: dort steht ja Ihr Liebling. -- Dieser da?
fragte der Rath, indem er den Einfältigen nur flüchtig betrachtete. Ach!
Pankraz! rief er dann höchlich überrascht; Du hier? Sage mir, wo ist
Raimund?
Der Diener war verwirrt und erschrocken, und konnte erst keine Antwort
finden; endlich stotterte er: Sie wissen es ja wohl, Herr Rath, daß ich,
als ich damals plötzlich aus den Diensten des Herrn Raimund mußte. --
Recht, sagte der Arzt; der Baron Eberhard gab Dir den Abschied wegen des
unglücklichen Einfalls, daß Du dem kranken Jüngling die falsche
Nachricht vom Tode seiner Geliebten überbrachtest.
Nun also, sagte Pankraz; seitdem habe ich von dem jungen Herrn nichts
wieder gesehn und gehört. Es ist mir seitdem schlimm genug gegangen.
Aber wie kommst Du hieher?
Es ist mein Pankraz, rief Theophil, mein Gesellschafter; aber nicht in
der Walzmanier.
Wie heißen Sie? fragte der Rath.
Du, Pankraz, rief Theophil, wie heiß' ich doch? Ich kriege alle
Augenblicke einen andern Namen.
Sie sind, sagte der Diener, der Herr Theophil von Leitmark.
So, sagte der Thor, ich dachte Ebermann, Hardeber, oder sonst. Nun, mir
kann's gleich gelten.
Der Arzt hatte sich wieder gesammelt, nahm Abschied vom Pfarrer, bat der
Störung wegen um Verzeihung, und zog dann halb gewaltsam den Rath zum
Wagen. Lassen Sie mich nur noch ein Wort mit Pankraz sprechen, sagte
dieser. Doch Pankraz und Theophil waren eiligst verschwunden, und der
Pfarrer erzählte, daß Beide oft Wochen lang in der Gegend, nahe und
fern, auf ihren Pferden umher streiften, und man alsdann nur selten
erführe, wo sie auf ihren thörichten Irrfahrten verweilten. Der Arzt hob
seinen Freund selbst in den Wagen und sagte dann laut: Lassen Sie uns
doch nun unser Ziel verfolgen, den Grafen Birken suchen, nach Raimund
spähen; fahre Herr Theophil und sein Pankraz wohl, und sei unser lieber
Herr Pfarrer Kilian auf immer dem Himmel befohlen; denn hieher werden
wir auf keinen Fall wieder kommen! Niemals, denn wir haben noch eine
weite Reise vor uns!
Der Rath sah ihn verwundert an, und wollte fragen; aber das Rollen des
Wagens hinderte jetzt noch das Gespräch, und sie hatten in kurzer Zeit
das Dorf und die Gegend verlassen.
* * * * *
Baron Wolfsberg hatte unterdessen fleißig arbeiten müssen. Um sich nicht
zu verrathen, durfte er am Tage nicht so lange schlafen, als es ihm wohl
gut und heilsam gewesen wäre. Der kleine Friedrich führte eine strenge
Aufsicht über ihn und ermunterte ihn kräftig, wenn er einmal ermatten
wollte. Als das Geschäft des Eingrabens schon weit gediehen war, zeigte
sich die größte Schwierigkeit darin, die aufgehäufte Erde, welche bei
der zunehmenden Arbeit immer hinderlicher wurde, fortzuschaffen. Doch
Friedrich wußte auch dafür ein Mittel. Es gelang ihm, aus dem Garten
einen Schiebkarren unbemerkt zu entfernen, und in die unterirdischen
Gewölbe zu befördern. Da er aber selbst für die Arbeit viel zu
schwächlich war, so mußte der junge Baron auch das Geschäft übernehmen,
Sand und Erde herauf zu führen, und in die weit verbreiteten Räume der
Keller zu verfahren und auszustreuen. Gewöhnlich holte Friedrich den
nächtlichen Arbeiter schon vor eilf Uhr ab, und ließ ihn erst gegen vier
Morgens zurück kehren, so daß auch Wolfsberg durch den wenigen Schlaf,
da überdieß die Kost nicht die nahrhafteste war, sich nach wenigen
Wochen ziemlich abgemattet fühlte. Er wurde mager, still und
melancholisch, und sah dem jungen frischen Manne und dem übermüthigen
Weiberliebling kaum mehr ähnlich, in dessen Gestalt er zuerst das Haus
betreten hatte. Der Director schaute ihn oft prüfend an, untersuchte
seinen Puls, und erkundigte sich theilnehmend, ob ihn ein besonderer
Gram quäle. Wolfsberg aber, der sich schmeichelte, bald das Ziel seiner
Anstrengungen erreicht zu haben, wich allen prüfenden Fragen sorgfältig
aus.
Zu einer Mittagsstunde ward der junge Mann dadurch überrascht, daß ihn
sein getreuer Friedrich an den Tisch des Directors zum Essen einlud. Er
fand dort nur eine kleine Gesellschaft, und außer dem Wirthe nur einen
schmächtigen, ziemlich alten Prediger aus der benachbarten Stadt, der
zuweilen in einer Capelle des großen Hauses den Verwirrten predigte und
sie zu ermahnen und bekehren suchte, meist aber durch possierliche
Störungen gehemmt und unterbrochen wurde. Außer Wolfsberg war nur noch
Herr Kranich gewürdigt worden, an diesem kleinen vertraulichen Tische
Platz zu nehmen; Friedrich war mit zur Aufwartung zugegen. Sie sehn,
meine Herren, fing der Director mit einer heitern Miene an, die man
nicht an ihm gewohnt war, ich behandle Sie heute als Männer, die sich
selbst in der Gewalt haben. Der Herr Pastor und ich hoffen von Ihrer
Unterhaltung Vergnügen und Aufheiterung; denn sich in diesem großen
Hause immer so einsam zu fühlen, ist wahrlich nicht erfreulich.
Wohl, sagte der Pfarrer schmunzelnd; und es will mir oft vorkommen, als
wenn unsre Freunde nur etwas mehr kräftigen Willen haben dürften, um so
wie wir Andern zu seyn; aber ich versichre Sie, Herr Director, und Ihre
eigene Beobachtung wird es Ihnen auch bestätigt haben, daß die leidige
Eitelkeit, der Stolz auf irgend eine Grille, die man nicht ablegen will,
sehr viel, ja bei manchen unsrer Patienten wohl das Allermeiste thut.
Friedrich mußte dem Baron, so wie dem Herrn Kranich Wein einschenken,
damit sich beide, vorzüglich der junge Graf, wie ihn der Director
nannte, stärken möchten. Freilich haben Sie Recht, Herr Pastor, setzte
dieser das Gespräch fort; denn wer von uns fühlt wohl nicht, daß er sich
nur nachgeben und verweichlichen dürfte, um diese oder jene Seltsamkeit
auf die wunderlichste Art auszubilden, und dadurch bei stärkern Menschen
Anstoß oder Lachen zu erregen?
Mein Herr Director, antwortete der Geistliche, es ist überdieß im
Thörichten (Verzeihung, meine Herren, daß wir so offen über diesen
Gegenstand sprechen) etwas so Anlockendes, fast Liebliches, daß man
zuweilen recht im ganzen Wesen den unwiderstehlichen Reiz spürt, mit
beiden Beinen frisch und wohlgemuth hinein zu springen. Soll ich? Soll
ich nicht? so fragt man sich selbst. Warum nicht? sagt eine curiose
Stimme, aus dem fernsten und buntesten Winkel unsers Geistes; tausend!
ruft es, was kannst du da erfahren, und dich genießen, ja erst recht
verstehen, wenn du der Altklugheit ein Schnippchen schlägst. Aber zum
Glück kommt dann wieder eine ehrbare, aschgraue Moral, die mit ernster
Miene sagt: widerstehe dem Verführer und seiner Lockung, laß dich nicht
in die Kellergewölbe des Wahns führen, wo trotz aller Versprechungen
keine Schätze liegen!
Kellergewölbe? fragte Wolfsberg und wurde roth; wie kommen Sie nur auf
dieses Gleichniß, das mir hier gar nicht passend scheint!
Der Director sah ihn schon wieder mit dem prüfenden Blicke an, und
Friedrich machte ihm gegenüber eine so seltsam bittende Miene, seine
beiden Wangen zitterten und zuckten, die Lippen schmiegten und krümmten
sich wie ein Wurm, und die Augen zwinkelten so bedeutend, daß Wolfsberg
in das lauteste Gelächter ausbrechen mußte.
Gebe der Himmel, sagte der Director, daß unsre Mahlzeit mit der
Heiterkeit schließe, mit welcher sie anzufangen scheint. Gewiß, fiel der
Prediger ein, ist zu wünschen, daß wir so fröhlich bleiben mögen: aber
um fortzufahren, so kommt es mir noch immer nicht so ganz ausgemacht
vor, ob die Mania (wir wollen dies Wort brauchen, um keinen Anstoß zu
erregen) in uns Allen liegt, und nur wie bei den Lastern durch
Nachgiebigkeit befördert und gereift wird, so daß der gewöhnliche
Verstand nur in gewissen Graden von ihr entfernt seyn möchte: oder ob
sie eine radicale Verschwiegenheit, ein wahrhaft kranker Zustand, ein
andres und schiefgerichtetes Verhältniß der Seele ist.
Das Letzte und auch zugleich das Erste, meinte der Director, und darum
sei auch die Cur leicht und schwer zugleich: leicht, weil man sich den
Verirrten nur hingeben müsse, sie zu verstehn suchen, da immer noch
Verständniß, oft eine Art System zum Grunde liege, sie achten, ihnen zur
passenden Zeit nachgeben, ein ander Mal Strenge üben; und von dieser
Seite sei wohl keiner ganz unheilbar zu nennen: schwer sei die Cur aber,
weil man die Symptome oft mit dem Grunde der Krankheit verwechsle, den
Verirrten dann nur störe und kränker mache, -- für ein schwaches Gemüth
aber, wie er selbst, sei sie dadurch am schwersten, daß man, um diese
Menschen zu verstehn, mit dramatischem Geiste zu tief in sie eingehe,
leicht in eine Art Täuschung gerathe, und wenn man sich dann plötzlich
prüfe, sich selbst beinahe auf dem nämlichen Wege finde.
O mir aus der Seele gesprochen! schmunzelte der Geistliche; ach, Herr
Medicinalrath, was sind Sie für ein Menschenkenner! Da liegt freilich
recht eigentlich der Hund begraben, daß man, wie man im Trauerspiel
weint, indem man sich in die Confusion hinein denkt, selbst confus wird.
^Dis moi qui tu hantes etc.^ Ja wohl, ja wohl, ein wahres
Sprichwörtchen! Ich habe schon zuweilen die Meinung fassen wollen, daß,
um als Seelsorger auf die guten Leutchen zu wirken, einer gefunden
werden müßte, der, wenn auch nicht ganz in die Irre, doch ein wenig
jenseit der Schnur gerathen wäre, und doch noch genug kräftige Religion
übrig behalten hätte, um die Seelen zu ergreifen. Denn das, bester Herr
Director, ist das Schlimme, daß, wenn man nicht selbst in ihren Orden
eingeweiht ist, man fast niemals die rechte Perspective trifft. Sie
wissen, wie ich in meinen Predigten gesucht habe, in Ton, Geberde und
Beispiel mich den armen Drehschaafen zu nähern, aber manchmal zu wenig,
oft aber viel zu viel that; Sie selber machten einige Male die
Bemerkung, ich hätte wie ein wahrer Narr gesprochen. Ich mußte Ihre
eigne Seele freilich ganz aus dem Spiele lassen; denn ich wußte ja, wie
firm und kräftig Sie in Moral, Tugend und allen Glaubenslehren sind.
Sie gaben einige Male ein schlechtes Beispiel, sagte der Director; denn
Sie lachten auf der Kanzel selbst aus vollem Halse.
Der ernsthafteste Mann hätte es nicht unterlassen können, sagte der
Prediger, von Neuem laut lachend. Denken Sie, Herr Graf, wir hatten hier
in unserm Hause einen jungen Mann, der ein Baukünstler gewesen war; er
hatte aber eine so heftige Liebesleidenschaft zur Tochter eines
Perückenmachers gefaßt, daß er darüber sein Studium verließ, und das
Handwerk des Meisters ergriff; da ihm aber das Mädchen untreu wurde, mit
Erlaubniß von Ihnen, so zu sagen, überschnappte. Nun bestand seine
Grille darin, sich und alle Menschen, die er dazu bewegen konnte, auf
die sonderbarste Weise zu frisiren. An jedem Tage hatte er eine neue
wunderliche Kopfverzierung ersonnen, und ich glaube, daß ihn bei diesen
mannigfaltigen Erfindungen sein ehemaliges Studium der Baukunst sehr
unterstützte. Ich predige hier an einem Pfingsttage, und sehe die liebe
Gemeinde unter mir. Der Verwilderte hatte sich furchtbar ^à la Herisson^
frisirt, so daß ihm die Haare wie Borsten vom Kopfe weit weg abstanden;
sieben oder acht seiner Freunde standen und saßen neben ihm mit
hochaufgewirbelten Papillotten, ein Anblick, der schon sonderbar genug
war, weil viele Papierbündel wirklich wie aufgerichtete Krämerdüten auf
den Köpfen leuchteten. Nun nahm aber er einen nach dem andern von seinen
Anhängern zwischen die Knie, und frisirte ihn während meiner Predigt
eben so fantastisch, wie er selbst sich trug, so daß gegen das Ende der
Rede ein Theil meiner Andächtigen wie eben so viele wilde Teufel
aussahen, und ich des Lachens wegen, das mich befiel, früher schließen
mußte, als ich mir vorgesetzt hatte.
Friedrich wollte sich ausschütten vor Lachen, und der Director
erwiederte: so wie der Verstand, so hat die Narrheit des Menschen keine
Gränzen. Jetzt ist ein Mann bei uns, der sich immer mit einem Maaßstabe
herumtreibt und ihn unablässig betrachtet und rechnet. Dieser Mensch ist
ziemlich wohlhabend und besitzt in der Stadt drüben ein mittelmäßiges
Haus. Es verdroß ihn aber, daß, wenn er so manche größere Häuser des
Ortes betrachtete, ihm sein ererbter Wohnsitz nur winzig und unbedeutend
erscheinen mußte. Mit diesem Verdrusse schleppte er sich Tag und Nacht,
und wußte doch kein Mittel, dem Uebelstande abzuhelfen. Endlich, weil er
vor Hochmuth weder mehr schlafen noch essen konnte, faßte er einen
seiner Thorheit würdigen Entschluß. An einem schönen Sommertage geht er
aus, miethet auf dem Markte vier der stärksten Tagelöhner, und nimmt sie
mit in seine Wohnung. Hier führt er sie in sein größtes Zimmer; jeder
von ihnen muß sich gegen eine Wand stemmen und mit allen Kräften dagegen
drücken, bis er ihnen Halt zuruft. Sie empfangen ihren Lohn, ohne zu
begreifen, was sie gearbeitet haben. Am folgenden Tage wird derselbe
Versuch wiederholt; sie müssen streben und drängen, daß ihnen der
Schweiß herab fließt, genau auf sein Commandowort achten, und in
demselben Augenblick alle zugleich zu drücken aufhören, wie sie in
demselben begonnen haben. So treibt er es den ganzen Sommer; er
erweitert nach und nach alle Zimmer seines Hauses, die Gänge, die
Treppen, den Hof; und nachdem er so eine bedeutende Summe ausgegeben
hat, ist er fest überzeugt, sein Haus sei das größeste in der ganzen
Stadt. Er spaziert Stunden lang mit hoher Verehrung vor demselben auf
und nieder, er zeigt erstaunten Fremden seine unermeßlichen Säle, er
fängt an, sich selbst den Grafentitel beizulegen, hängt ein gemaltes
Wappen über seine Hausthür, und ist auf einige Zeit unser Gast geworden,
um sich wieder auf die Wahrheit besinnen zu lernen. Sehn Sie, lieber
junger Herr Graf, so sonderbare Verirrungen fallen vor, daß dieser Mann
sogar den sichtlichen Raum seines Hauses nicht mehr hat wahrnehmen
können.
Sie beweisen mir heute ein so schönes Vertrauen, erwiederte Wolfsberg,
daß ich es wohl wagen darf, noch einmal das Wort zu wiederholen, mit
welchem ich Ihr Haus zuerst betrat, daß ich nämlich durchaus nicht der
bin, für welchen Sie mich halten, und daß Sie, wenn Sie mich nur einer
ruhigen Prüfung würdigen wollen, mich eben so wenig des Verstandes
beraubt finden werden, als den Herrn Prediger, oder als Sie es selber
sind.
Der Director winkte mit dem allerfinstersten Blicke, und Friedrich,
welcher jede seiner Mienen verstand, nahm schnell den Wein vor Wolfsberg
weg, und stellte ihm ein großes Wasserglas hin. Es geht nicht, rief der
Director, so mit Ihnen zu leben, wie ich wünsche. Da Sie jetzt so
abgefallen und fast miserabel aussehen, da Ihr Blick so demüthig ist; so
glaubte ich wirklich, Sie hätten in sich geschlagen, und ich dürfte Sie
durch bessere Speise und Wein erquicken. Aber an Ihnen ist Hopfen und
Malz verloren. Wie, Sie wollen wirklich streiten, daß Sie der Graf
Birken, einer der confusesten jungen Männer sind? daß Sie schon tausend
Händel angezettelt, und dafür drei oder vier Mal ansehnliche Schläge
empfangen haben? daß Sie es zu guter Letzt gewagt, sich mehrmals in das
Haus des Barons von Halden einzuschleichen, und das Unglück seiner
sinnverwirrten Tochter durch Liebesbriefe und mündliche Betheuerungen
erhöht, ja sie endlich beredet haben, sich von Ihnen entführen zu
lassen? Hier ist die Klage des Barons, hier sind Ihre kläglichen Briefe,
hier ist die Ordre vom Minister, Sie gefangen zu halten. Wollen Sie aber
dieser Graf Birken nicht seyn, so zeigen Sie uns Pässe, oder Schriften,
durch welche Sie sich ausweisen können; stellen Sie angesehene Bürgen!
Aber man hat Sie dort im Hause nur zu gut erkannt, und Sie zu oft aus-
und einschleichen sehn, Sie auch zuletzt im Zimmer der Tochter selber
ergriffen. Und nun kein Wort mehr über die Abgeschmacktheit, wenn Sie
nicht bei Wasser und Brod in Ihrem Zimmer wollen eingesperrt seyn.
Wolfsberg las die Papiere mit Aufmerksamkeit durch, und wagte es nicht,
noch ein einziges Wort zu seiner Rechtfertigung zu erwiedern. Friedrich
sah ihn tröstend an und warf heimlich höhnische Blicke auf den Director;
der aufmerksame Herr Kranich aber war schnell mit der kleinen Peitsche
bei der Hand, um die bösen Geister von Wolfsbergs Schultern zu verjagen.
Der Director wurde noch zorniger und rief: stecken Sie die verdammte
Peitsche ein! Ich glaubte, Sie würden doch wenigstens mein Vertrauen und
mein Zimmer so weit ehren, das Zeichen Ihres Aberwitzes in Ihrer Klause
zu lassen.
Der Rothrock steckte zwar die Peitsche wieder ein, machte aber ein
zorniges Gesicht, sah den Director mit großen Augen unverwandt an und
sprach dann laut: Aberwitz, mein Herr? Dieses Worts sollen Sie sich
jetzt und Ihre Lebenszeit hindurch schämen! Ich kam an Ihren Tisch in
dem festen Vertrauen, daß Sie doch so viel Vernunft haben würden, mich
nicht mit den mancherlei Gecken, von denen heut Mittag die Rede gewesen
ist, in eine Classe zu werfen, und mich nicht mit dem Gezücht
vergleichen zu wollen, was da unten im Saale sein Gaukelwesen treibt.
Ich brauche, dem Himmel sei Dank, nicht curirt zu werden; auch will ich
niemals curirt seyn; denn meine Vernunft, Herr, ist probefest, und auf
die Dauer gearbeitet, und ich bin noch niemals, wie Sie von sich vorher
zugestanden haben, in Gefahr gerathen, mit Närrischen närrisch zu
werden. Wer wären Sie denn, wenn ich nicht das Geschmeiß der Pygmäen
immer wieder aus Ihrem Hause vertriebe? Ich will diese liebe Peitsche
nur kurze Zeit ruhen lassen, und Sie werden es an sich erfahren, daß Sie
ein ruinirter Mann sind, daß Sie überschnappen, daß Sie zum Kinderspott
werden. Wie? Was? Es gäbe wohl am Ende gar keine Pygmäen? Haben sie
nicht schon die alten Griechen erkannt, aber nach ihrer dummen Weise
darüber gefabelt. Sogar von mir und meinem großen Einfluß auf sie hat
man in uralten Zeiten dunkle Legenden und Ahndungen gehabt; aber man
dichtete, daß die Pygmäen ein wirkliches Volk seien, so klein, daß die
Kraniche Krieg mit ihnen führten. So erbärmlich hat man die Sache und
meinen Kampf mit ihnen entstellt. Heut zu Tage nennen sie's das böse
Princip. Nicht wahr, da ist mehr Verstand drin! Nein, da lobe ich mir
meine süße, liebe Peitsche; und wo ich bin, muß diese auch seyn. ^Dixi.^
Der Geistliche sagte: nicht so übel! aber der Director fuhr auf: wenn
Sie so großen Geschmack an Narren finden, ehrwürdiger Herr, so mögen Sie
es haben. Er verließ das Zimmer; die Uebrigen folgten ihm nach.
* * * * *
Was machen Sie nur? fragte der Rath den Arzt, als der sandigere Weg
wieder ein Gespräch erlaubte. Wir sollten lieber hier noch verweilen,
vorzüglich Ihretwegen, da Sie doch nun Ihren theuern Grafen gefunden
haben; und Sie selbst ziehen mich wie mit Gewalt in den Wagen, und
erklären, Sie wollten niemals wieder hieher zurück kommen.
O mein bester Rath, sagte der Arzt halb lachend; für einen
Rechtsgelehrten sind Sie mir doch etwas zu treuherzig und für einen
Inquisitor und Nachspürer gar zu arglos. Der Birken ist entlaufen, Vater
und Tochter sind mir entgegen. Vermuthen diese, ich komme wieder, so
finde ich meinen Entsprungenen niemals und es geschieht, was ich
verhindern will; kann ich sie aber sicher machen, daß ich nicht zurück
kehre, so überrasche ich den vollständigen Familienkreis wohl in Kurzem.
Mit Ihrem lieben Pankraz ist es derselbe Fall; er hat sich unsichtbar
gemacht, und zeigt sich nur, wenn er uns entfernt weiß.
Was hat der ehrliche alte Mensch mit dieser Sache, ja mit irgend einer
zu thun? antwortete der Rath. Er hat damals genug gelitten, als seine
Unvorsichtigkeit dem armen Raimund so theuer zu stehen kam; der Mensch
mußte sogleich den Dienst verlassen und dem Zorn des alten Barons
entfliehn.
Der Arzt lachte laut auf. Wenn meine Menschenkenntniß mich nicht ganz
trügt, sagte er endlich, so ist dieser gute alte Pankraz ein
durchtriebener Schurke, und jener braun- und blauäugige Baron nichts
Geringeres.
Sie schwärmen, lieber Freund.