ich ja also dem Blinden von der Farbe predigen! Indessen, was thuts?
Glaube und Ueberzeugung werden Ihnen schon, wie zahme Hündchen, in die
Hände laufen. Sehn Sie, ich bin schon eine Anzahl von Jahren
Unteraufseher in diesem Hause. Ich sage nicht etwa deßwegen
Unteraufseher, weil wir jetzt hier im untern Theile des Hauses eine
gewisse Aufsicht führen; sondern Sie verstehn mich schon: ich meine, ich
bin so fast nach dem Director der wichtigste Mann hier, wie Sie auch
wohl werden bemerkt haben; nur der verdammte Thürhüter will keinen
Respect vor mir haben. Nach einer Nervenkrankheit, wie es die trivialen
Aerzte nennen, fand ich mich schon vor vielen Jahren als einen
verwandelten Menschen wieder. Freund, da war mir ganz so zu Muthe, als
wenn einer meinem inwendigen Geiste Hosen und Weste aus-, ja noch die
Haut dazu abgezogen hätte, so daß er nun niemals mehr zerstreut, oder
dumm, oder langweilig war. Sie werden mich nicht ganz verstehn, thut
aber auch nichts zur Sache. Es ist nämlich so: ich konnte von dem
Augenblicke an überirdische Dinge begreifen und fassen, nicht mit meiner
alltäglichen Vernunft; sondern in meinem inwendigsten Geiste hatte sich
noch ein eignes kleines und feines Verständchen angesetzt, das
dergleichen begriff, und da der Geist nun nicht mehr bekleidet war, und
auch keine dumme Haut mehr über sich hatte, so konnte Ich, der
Lebendige, der hier draußen steht und mit Ihnen spricht, so frischweg in
jene meine unsichtbare Creatur hinein sehn und Alles capiren. Capiren
Sie mich?
So halb und halb, sagte Wolfsberg, Sie drücken sich etwas figürlich aus!
Außerdem aber, fuhr Friedrich fort, wurde ich gewahr, daß ich in fremde
Leute hinein sehn konnte. Schaut's! jetzt laufen Ihnen die Gedanken wie
Ameisen durch Ihren Kopf, und einige schleppen sich dummerweise mit
kleinen Steinen, Holz, albernen Zweifeln. Da rennt eben eine großmäulige
Ideenassociation in der inwendigen Gegend des Ohres, und schreit, daß
Alles, was ich Ihnen vortrage, aberwitziges Zeug sei; und nun fliegt
eine kluge Gedankentaube mit dem Oelzweig hintennach und meint, man
könne es denn doch noch nicht wissen. Husch! rennen die übrigen Gedanken
in den Winkel und sitzen gluckend wie die brütenden Hühner da. Ja, ja,
Herr Baron, ich weiß wohl, wer Sie sind.
So? fragte Wolfsberg in der größten Spannung.
Ja wohl, sagte der Kleine ganz ruhig, kein Graf, wie unser mürrischer
Director meint, -- he he he! Sie sind auch kein Baron, Sie Vocativus,
Sie!
Ich dächte doch, sagte Wolfsberg verwirrt.
Mir können Sie nichts weißmachen, fuhr der Wahrsagende fort, denn ich
weiß ja Alles: ja, ja, alle Ihre Streiche und Kniffe könnte ich Ihnen an
den Fingern hersagen; aber still! wir sind ja alle Menschen, und Sie
bleiben bei allem dem immer ein großer Mann. Ein sehr großer Mann, und
ein berühmter Mann sind Sie, einer von denen, die die Nachwelt noch
nennen wird! Haben Sie erst, was Sie brauchen, so werden Sie auch weiser
werden, und das kann ich Ihnen schaffen, und vertraue dabei Ihrer
Großmuth, daß Sie nicht allzu ungleich mit mir theilen werden.
Also zur Sache, rief Wolfsberg entschlossen, worauf kommt es an?
Wie ich in Menschen und Seelen hinein sehn kann, fuhr der Kleine fort,
so kann ich es auch zu Zeiten in leblose Gegenstände. Lange schon habe
ich gesehn, daß gerade hier, etwa vier Klaftern tief, ein ungeheurer
Schatz liegt, fast ganz in Golde, nur wenige Edelsteine darunter. Es
sind zwei große eiserne Kasten, auf dem einen ist eine Inschrift, aber
so verrostet, daß ich die Buchstaben nicht recht zusammenbringen kann.
Aber im zweiten Kasten befindet sich ein geschriebenes Blatt, welches
Alles erklärt.
Wie sind aber diese Schätze hieher gekommen? fragte Wolfsberg; und
weßwegen hier verscharrt?
Schwer zu sagen ist es, sagte Friedrich, denn Sie begreifen doch so
viel, daß ich in die Vergangenheit, in ein Nichts, das weder Körper noch
Geist hat, nicht so hinein sehn kann, wie in einen Menschen, oder in ein
Kellergewölbe. Doch, Spaß apart, wollen Sie mir helfen oder nicht?
Glauben Sie mir, oder nicht? Wenn Sie nicht dran wollen, suche ich einen
andern Gehülfen, oder verschweige die Sache noch Jahre lang, wie ich
denn bisher ein Geheimniß daraus gemacht habe.
Und was soll ich also thun, wenn ich Ihnen glaube?
O Fragen und kein Ende, rief Friedrich in der größten Ungeduld, ich habe
Ihnen ja schon neulich meine Schultern gezeigt, wie schwach, meine Arme,
wie dünn sie sind. Ich habe es schon oft versucht; aber ich kann nicht
graben, ich bekomme auch gleich den Husten, wenn ich stark arbeite.
Hier, ungläubiger Thomas, ist das Grabscheit! Machen Sie sich dran und
grübeln Sie nicht weiter; in acht Tagen sind wir die reichsten Männer im
Lande, und dann können wir den Director und alle Narren da oben
auslachen.
Wolfsberg bequemte sich und arbeitete mit der größten Anstrengung einige
Stunden. Als er es kaum mehr vermochte, rief Friedrich: für heute genug!
Schlafen Sie nun gesund, denn man muß uns nicht vermissen. In der
nächsten Nacht werde ich Sie wieder zur Arbeit abrufen.
Müde und ermattet, wie am ganzen Leibe zerschlagen ging der junge Mann,
der an dergleichen Anstrengungen nicht gewöhnt war, auf sein Zimmer, und
legte sich nieder.
* * * * *
Der Rath Walther hatte sich indessen mit dem Arzte auf die Reise
begeben. Ihr Weg führte sie durch anmuthige Gegenden, und Walther wurde
nicht müde, seinen Begleiter von der Trefflichkeit des jungen Raimund zu
unterhalten. Der Arzt war sehr darauf gespannt, einer so wunderbaren
Erscheinung im Leben zu begegnen; nur fürchtete er, ihre feine Harmonie
jetzt durch Schmerz und Wahnsinn zerrissen zu finden. Manchmal stieß mir
wohl ein Zweifel auf, ob die Schilderungen des Rathes, der in allen
andern Dingen, außer dieser Verherrlichung seines jungen Freundes, ein
ruhiger und kalter Mann war, nicht übertrieben poetisch seyn möchten.
Sie näherten sich jetzt dem Dorfe, in welchem der junge Mensch leben
sollte. In den engen Wegen des Gebirges fiel der Wagen um, und der Arzt
ward am Fuße beschädigt; zwar nicht bedeutend, aber doch so, daß er
einen Ruhepunkt zu erreichen wünschen mußte. Dies verdroß ihn um so
mehr, da er in einer Waldschenke einen Mann gesprochen hatte, der ihm
eine so seltsame Schilderung von einem jungen Wildfang gemacht hatte,
welcher sich seit einiger Zeit in den dortigen Gegenden aufhalten
sollte, daß er kaum daran zweifeln durfte, es sei der junge, ihm
entsprungene Graf Birken. Der Rath erbot sich, den kurzen Umweg zu
machen, indessen ihn der Arzt bei jenem Landprediger erwarten sollte,
bei welchem man den jungen Raimund anzutreffen hoffte.
Der Arzt ließ sich bei dem Pfarrer melden, den er in einer Laube seines
Gartens antraf. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen leitete der Fremde die
Unterredung auf den jungen Mann, welcher der Obhut des Geistlichen
anvertraut sei; der Pfarrer schien aber kein großes Interesse an diesem
Gespräche zu nehmen und sagte endlich: ja, seit einem Jahre etwa hält
sich ein etwas confuser Mann bei mir auf, dessen ^ingenium^ und ^mens^
nicht zum Besten bestellt sind, und um den ich mich auch wenig kümmere,
außer daß er uns bei Tische oft seine ^joci^ vormacht. Ich erhalte von
dessen alten Domestiken eine anständige Pension, und so lasse ich ihn
gewähren; denn es ist nicht meines Thuns, mich viel mit Narren
einzulassen, oder sie gar curiren zu wollen. Der alte ^servus^ führt
eigentlich ganz die Aufsicht über den Verwirrten, und mit wem sich
dieser am meisten einläßt, ist unser gnädiger Junker, der freilich auch
mit aller Macht zur ^dementia^ inclinirt. Diese beiden Thoren, wenn sie
einmal bei Sonntagslaune sind, machen mir zuweilen mein kleines Haus zu
enge.
Wissen Sie aber nichts Näheres von den Schicksalen des jungen Mannes?
fragte der Arzt.
Urtheilen Sie selbst, verehrter Herr, erwiederte der Geistliche, ob eine
solche Creatur, der es am Besten gebricht, wohl absonderliche Schicksale
haben könne. Diese Personen sind ja recht eigentlich ^fruges consumere
nati^. Wir nennen ihn nur kurzweg immer den Werther.
Werther? fragte der Arzt sehr lebhaft.
Ja, mein Herr, fuhr jener fort, dieses ist ein Spitzname, der aus einem
gewissen Buche entlehnt seyn soll, welches unsre junge Baronesse einmal
gelesen hat. Derselbe trieb sich auch immer, wie man mir sagte, in Wald
und Flur herum, statt in vernünftiger Societät ein Wort mitzusprechen,
eine Pfeife zu rauchen und etwa zu hören, was es in der politischen Welt
Neues giebt.
Sie scheinen kein Freund der Natur zu seyn, warf der Reisende ein, und
bewohnen doch selbst eine der reizendsten Gegenden unsers Vaterlandes.
Natur! rief der Pfarrer aus; das Wort ist etwa seit 40 Jahren in die
Mode gekommen, und so weit ich habe das Verständniß davon erreichen
können, meint man darunter einen etwanigen Bach oder Fluß, sammt Berg
und Steingeschichten, oder die Waldsachen und dergleichen. Hat mich nie
sonderlich interessirt, weil ich mich immer bestrebt habe, ein denkendes
Wesen vorzustellen. Und unser Werther, wie ihn die jungen Leute heißen,
oder Theophilus, wie sein eigentlicher Taufname lautet, weiß auch weder,
ob Frühling oder Herbst ist, ob die Bäume blühen oder dürr sind, ob die
Bergwand aus Granit oder Marmor besteht, sondern er läuft nur, wie ein
Uhrwerk, so hin und her.
Der Alte war mit allerhand Papieren und Briefschaften beschäftigt, die
er in einem Tischkasten zu ordnen suchte, und der Arzt sagte indessen zu
sich: Der Aermste! Also auch diese Empfindung ist in ihm untergegangen,
die sonst dem Unglücklichen so oft einen heiligen Trost gewährt! Denn
der Natur gegenüber verklärt sich jeder Schmerz, der uns unter Menschen,
in den Mauern der Städte oft zu vernichten droht, und verwandelt sich in
ein himmlisches Wesen, in eine Erscheinung von oben herab. Wie eine
Himmelsharfe tönt die Natur Freude und Leid mit, und setzt unsre stummen
Seufzer, die Worte der Klage in überirdische Musik um.
In diesen Phantasieen, die wohl so schnell in ihm antönten, weil er so
lange mit dem fast schwärmerischen Rathe gereiset war, wurde er wieder
vom Pfarrer unterbrochen. Verzeihen Sie mir, sagte dieser, daß ich Sie
so schlecht unterhalte, jeder macht so seine Studia. Dieselben haben
sich wohl niemals mit der Astrologia eingelassen?
Nein, antwortete der Arzt.
Sehr Schade, fuhr jener fort, daß diese Wissenschaft seit neueren Zeiten
so ist vernachlässiget worden. Ich habe sie immer bewährt gefunden. Und
so sehe ich hier wieder das Horoskop an, welches ich meiner Tochter bei
ihrer Geburt stellte. Ich prognosticirte damals, daß sie sich in einen
hohen Stand erheben würde, und sie ist nun auch wirklich glückliche
Braut eines vornehmen Mannes. Das hat mir auch den Geist so eingenommen,
daß ich fast nicht capabel bin, eine recht fortgesetzte Conversation zu
führen. Doch da kommt ja unser Theophilus mit seinem alten
Gesellschafter. Der junge Mann ist eine Zeit lang in einer andern
Familie sehr gemißhandelt worden; man darf ihn nicht auf diesen
Gegenstand bringen: denn er wird zuweilen bitterböse, wenn er sich jener
Tage erinnert.
Der Arzt stand auf und sah zu seinem Erstaunen einen langen, nicht mehr
jungen Mann eintreten, der sich gebückt trug, und aus dessen
regelmäßiger Physiognomie die höchste Beschränktheit und Einfalt hervor
leuchtete, aber auch zugleich eine so heitre Jovialität, daß er von
Neuem an dem Rathe und dessen übertriebener Schilderung irre ward. Der
Einfältige gab dem Pfarrer die Hand, sah den Fremden mit scheuem Blick
von der Seite an, ging dann auf ihn zu und fragte hastig: sind Sie ein
Edelmann?
Verzeihung, rief der Pfarrer dazwischen; ich habe noch nicht einmal
Gelegenheit gehabt, mich nach Ihrem werthen Namen zu erkundigen.
Doctor Anselm, sagte der Arzt.
Ich dachte, Sie wären mein Vetter, rief der Einfältige, weil Sie eine
solche ästhetische superfeine Nase haben. Zugleich sprang er in die
Höhe, und schlug wie ein muthwilliges Füllen mit den Beinen hinten aus.
Der Arzt, der sich auf eine ganz andere Stimmung vorbereitet hatte,
mußte laut lachen, indem der Pfarrer mißbilligend das Haupt schüttelte,
und sehr ernste Runzeln in sein Gesicht zog.
Sehn Sie nur, sagte Theophil, indem er den Arzt etwas bei Seite führte,
das Perlmutter-Gesicht von meinem alten Prediger; so debattirt er immer
mit sich, als ob er an einem Obscuranten-Almanach arbeitete.
Sie drücken sich seltsam aus, sagte der Arzt, aber vergnüglich.
Er weiß nie, was er spricht, unser junger Freund, rief der Prediger;
weder kennt er die Bedeutung der Worte, die er braucht, noch will er
überhaupt etwas damit ausdrücken. Es ist wie Wiederhall von Felsen, oder
Waldesbrausen. Mein ehrwürdiges Alter ist einmal immer das Stichblatt
seines falschen Witzbestrebens.
Der Herr Prediger, sagte der Simple, hat eine rechte Hosiannah-Stimme
und sitzt so mächtig auf seiner Bank da, als wenn er Habakuk und alle
zwölf kleine Propheten zu künftige Pfingsten confirmiren wollte. --
Pankraz! rief er dem alten Diener zu, du mußt mir wieder Taschengeld
geben!
Haben Sie denn schon Alles ausgegeben? fragte dieser.
Dummer Teufel! rief Theophilus; freilich! Denken Sie nur selbst, mein
fremder Herr Vetter, draußen vor dem Dorfe begegnen mir die Mädchen, die
drüben in der Stadt allerhand auf dem Jahrmarkt eingekauft hatten,
Tücher, Schürzen, Mieder, Hauben, Spielzeug für die kleinen Geschwister.
Sie hatten noch eine volle halbe Meile, und ließen mich nun die Sachen
herüber tragen. Wie ich sie ihnen wieder abgab, mußte ich ihnen doch
wohl ein Trinkgeld geben, daß sie mir Alles so hübsch anvertraut hatten?
Aber Pankraz ist faul; der trug nichts, und drum hat er auch sein Geld
in der Tasche behalten.
Das ist ein schöner Zug von Ihnen, sagte der Arzt; sind Sie aber immer
so vergnügt?
Wie's kommt, antwortete jener lachend; nur wenn die Leute dumm sind,
kann ich mich sehr ärgern, wenn sie nicht capiren. Sehn Sie, es ist sehr
traurig, wenn man allein klug seyn soll. In Gesellschaft habe ich noch
einmal so gern Verstand.
Sie denken trefflich, sagte Anselm.
Was sagen Sie aber vollends dazu, schwatzte jener weiter, daß wenn ich
einmal so recht superklug bin, die Leute mir beweisen wollen, ich wäre
dumm? Nicht wahr, die Welt liegt im Argen; wie unser Herr Pastor Kilian
letzt einmal in der Kirche sagte.
Ich werde sorgen, daß Sie niemals mehr hinein gelassen werden, rief der
alte Mann.
Ich bin ja aber doch ein getaufter Christ, sagte Theophil mit der
größten Ernsthaftigkeit und ging traurig zum Prediger hin.
Lassen Sie sich dienen, Herr Doctor, fuhr der Alte fort, daß es nicht
angeht, weil er sich laut mit seinem Bedienten während des
Gottesdienstes zankt. Was thut er aber neulich? Indem ich in der Predigt
aufsehe, hat er unsern Hund in meinen Sitz gebracht, läßt den Pudel
aufrecht stehn, der nun über das Chor gucken und ein Gesangbuch zwischen
den Pfoten halten muß. Heißt das nicht die Gemeine stören?
Ich bin ja aber doch ein getaufter Christ! sagte der Angeklagte mit
weinerlicher Stimme. Der Arzt, der eine ernsthafte Wendung des
Gespräches fürchtete, fragte den Klagenden, was das neulich gewesen sei,
wo er so allein klug, und die Andern dumm gewesen wären. Ja so! sagte
Theophil plötzlich laut lachend; das war eine lustige Geschichte! Die
Mamsell Kilian hatte mir ganz neue Schnupftücher gekauft. Nun sollte ich
den andern Tag mit dem Junker auf den Fischfang gehn, da nahm ich mir
vor, den Pankraz zu erinnern, daß er mich erinnern sollte, damit ich es
nicht vergessen möchte. Um aber auch gewiß daran zu denken, daß ich ihn
zu rechter Zeit erinnern möchte, damit er mich ja erinnern könnte,
machte ich einen Knoten in mein Schnupftuch. Sie wissen ja, das ist ein
altes Herkommen, wenn man etwas nicht vergessen will.
Ja wohl.
Nun gut; ich wache den Morgen auf, da finde ich den Knoten. Da besinne
ich mich auch gleich, daß ich den Pankraz erinnern muß. Pankraz, du
sollst mich an was erinnern! Ganz recht, gnädiger Herr, Sie wollen mit
dem Junker auf den Fischfang gehn. Ich geh' auf den Fischfang und denke
nichts Böses. Den andern Tag aber ist der Knoten noch im Tuche. Das
ängstete mich, denn es gab nun nichts mehr zu erinnern, und wenn ich den
Knoten anfaßte, wollte ich mich immer auf etwas besinnen. Den Knoten
hatte ich aber so fest gezogen, daß ich ihn gar nicht wieder aufkriegen
konnte. So nehm' ich im Verdruß eine Scheere, und schneide bloß den
Knoten, verstehn Sie, bloß den Knoten ab, und werfe ihn aus dem Fenster.
Wie nun das Tuch wieder gewaschen ist, sagt die Mamsell sammt allen
Menschen im Hause, ich hätte es entzwei geschnitten; es fehlte auch
wirklich ein großes Stück davon. Nun sagen Sie selbst, ob ich etwas
dabei versehn habe, und wer Recht hat!
Der Knoten, sagte der Arzt, war aber doch natürlich vorher ein Stück des
Tuches, folglich mußte dieses nachher fehlen.
Sie begreifen nicht! sagte Theophil im großen Zorn, und faßte die Hand
des Arztes heftig und stark; ich schnitt ja nicht das Tuch ab, sondern
nur den Knoten, den ich erst hinein gemacht hatte, der vorher nicht drin
war.
Wir wollen nicht streiten, sagte Anselm, Sie können wohl Recht haben;
ich habe bisher dieses Experiment noch nicht gemacht, und Vieles
begreift man gewiß erst durch die Erfahrung.
Hat man Ihnen wohl schon einmal Gesellschaft geleistet? fragte der junge
Mann mit listiger Miene.
O ja, sagte der Arzt, mehr als einmal; und Sie leisten mir jetzt eben
auch Gesellschaft.
Sie würden sich dafür bedanken, fuhr jener fort, wenn ichs in der Manier
thun wollte, wie mein Gesellschafter Walz da drüben in der kleinen Stadt
mir die Zeit vertrieb. Da sagten sie, ich müßte einen Gesellschafter
haben. Da kam Herr Walz, der dazu bestellt war. Das gab ein
Gesellschaftsleisten, daß mir des Abends alle Rippen weh thaten.
Wie so?
Er schlug immer um sich, und wir konnten uns gar nicht vertragen; aber
ich durfte ihn niemals wieder prügeln. Ja, wie gern möcht' ich ihm auch
einmal so recht Gesellschaft geleistet haben! Wenn ich verdrießlich war,
schlug er; war ich nicht aufgeräumt, ließ er mir zur Ader; ein paar Mal
ließ er mir auch Zähne ausziehn, -- die beiden hier: weil er sagte, ich
wäre zu böse, die Zähne wären schon nichts nütz und thäten mir nur jetzt
oder in Zukunft einmal weh. Den andern habe ich einmal beim Essen
verloren.
Aber diesen Augenzahn hier? fragte der Arzt.
Der fehlte mir schon, antwortete jener ganz ruhig, vor meiner Zeit.
Vor Ihrer Zeit? Wie verstehn Sie das?
Lieber Himmel, Sie sind recht schwer von Begriffen! Vor meiner Zeit --
ach! lassen Sie mich zufrieden und haben Sie mich nicht zum Narren!
sagte er ganz böse.
Verzeihen Sie, fiel der Arzt ein, ich verstehe Sie jetzt schon; ich
begreife nur langsam, wie Sie ganz richtig bemerkten.
Haben Sie die Naturwissenschaft studirt? fragte der junge Mann wieder
ganz heiter.
O ja, sie ist mein Hauptstudium.
Nun, dann gratulire ich, sagte jener laut lachend. Sind Sie auch brav
darin herumgewalzt worden?
Herumgewalzt?
Sie capiren schon wieder nicht! Brav abgewammst, tüchtig gedroschen! Sie
verstehn nun schon, so wie es mir dabei mit meinem Gesellschafter Walz
ergangen ist.
Er nahm also die Sache so ernsthaft?
Ja freilich. Er sagte, er müsse mir die Botanik beibringen. Es war aber
eigentlich die _Batonik_, weil er den lieben Baton so sehr dabei
brauchte. Da krochen wir herum und suchten Petersilie und Wurstkraut,
Rüben und Knoblauch, und das sollte ich immer alles behalten. Ein ander
Mal fing er einen Maikäfer. Seht, das ist ein Maikäfer. Ja, sagt' ich,
das ist ein Maikäfer. -- Zu welchem Geschlecht gehört er? -- Doch wohl
zum Geschlecht der Maikäfer. -- Sehn Sie, da brach er gleich einen
Haselzweig ab, und demonstrirte mir die Sache auf meinem Rücken. Der
wurde überhaupt dazumal so magnetisirt, daß er fast so hellsehend
geworden wäre, daß die Sonne durch ihn hätte hindurch scheinen können.
Sagen Sie mir überhaupt nur, wenn einer im Kopfe nicht zu Hause ist,
warum man dann immer auf dem Rücken, oder noch tiefer anklopft. Sollte
denn der Geist da allenthalben lieber als in der höhern Etage wohnen? --
Nun gut; dann gingen wir in den Wald. Da unten liegt, schrie er, der
berühmte Linné, oder auch Pistillen, oder dergleichen alberne
Gelehrtennamen. Wenn ichs nicht behielt, von der Buche ein Zweig
gebrochen, und damit wieder Privatstunde gehalten. Ich war nur froh,
wenn das Botanisiren im Freien geschah, da war doch etwa nur ein
Gesträuch zur Hand.
Sie haben also, sagte Anselm, in dieser Wissenschaft auf dem Wege nichts
profitiren können?
Doch, antwortete jener; aber Alles, worauf es mir auch nur abgesehn
schien, mit dem _Rücken_; denn der kriegte durch vieles Repetiren der
Studien eine so feste Memorie, daß ich noch jetzt bei jedem Stocke
unterscheiden will, auf welchem Baume er gewachsen ist. Sie glauben
nicht, wie anziehend die frischen Haselgerten sind! Weiden schmiegen
sich mehr, sind aber weniger eindringlich. Die Eiche klingt mächtig, als
Baum der deutschen Freiheit; es läßt sich aber nicht viel damit
ausrichten; der Walz konnte auch immer nur die dürren Zweige abbrechen,
die fast gar nichts zu sagen haben. So ist es auch mit der Tanne und
Fichte nicht viel. Die Buche ist körnig; die Birke, besonders im
Frühjahr, empfindlich; auch wächst das Zeug, wo kein andrer Baum
fortkommt, steht also fast immer zur Hand. Von allen diesen Stauden und
Gewächsen brach er seine Wünschelruthen, und alle schlugen immer auf
meinen Rücken an, so daß in meinem Innern große Schätze verwahrt liegen
müssen. Er schonte auch die mitleidige Trauerweide, die vornehme
Weihmuthskiefer nicht; ja selbst der Tulpenbaum mußte ein paar Mal das
Instrument zu meiner Weihe reichen; und so kann ich gewiß, da gar kein
Tergiversiren etwas fruchtete, auf eine recht pragmatische und
polyhistorische Bildung Anspruch machen. -- Als ich mich genug
durchstudirt, und er alle Naturreiche durchgeprügelt hatte, wurde ich
hieher zu dem friedfertigen Herrn Kilian gethan; und hier ruhe ich auf
meinen Lorbeern aus, die ich noch manchmal in Rippen und Seiten fühle.
Es freut mich, daß Sie so fröhlich sind, sagte der Arzt; haben Sie
Appetit, schlafen Sie gut?
Ich danke, sagte jener; bald so, bald so; aber ich träume oft schwer und
fürchterlich, und tobe dann und lärme in der Nacht. So hatte ich auch
diese Nacht einen ängstlichen Traum.
Was war das für ein Traum?
Pankraz! rief Theophil dem Diener zu: was träumte mir diese Nacht?
Der Alte trat näher und sagte verdrießlich: das kann ich nicht wissen.
Sehn Sie den eigensinnigen Menschen, rief Theophil aus, ich lasse ihn
bloß deßwegen in meiner Stube schlafen, daß er alles wissen soll, was
ich denke und träume; aber er ist so träge, daß er sich fast nie darum
bekümmert. Wenn Du es nicht weißt, wer soll es denn wissen? Dazu sollst
Du die Aufsicht über mich haben!
Es ist aber nicht möglich, ereiferte sich Pankraz. So wollen Sie auch
immer von mir wissen, was Sie denken, oder gedacht haben; wie soll ich
das anfangen?
Durch Liebe, einfältiger Mensch! rief jener aus. Du sollst mit mir so
eins werden, daß wir unsre Seelen gemeinsam haben, dann wird es mir
weniger sauer werden, über Vieles nachzusinnen; denn dann denk' ich in
Dir, und Du hast bloß die Mühe davon.
Dann müßte ich aber auch für uns Beide essen; sagte Pankraz mit Lächeln.
Nein, erwiederte Theophil; das würd' ich gern übernehmen, und zwar in
Deinem Namen mit; ich die Wurzel und der Stamm, Du die Blume und Frucht.
Bei dieser Stimmung schien es dem Arzte möglich, den Kranken über den
Gegenstand zu prüfen, den zu berühren er außerdem ängstlich würde
vermieden haben. Er ging also näher und fragte ihn leise: haben Sie
lange keine Nachrichten von Blanka erhalten?
Blanka? rief Theophil aus; das ist ja wohl ein weißes Windspiel, das ich
vor langer Zeit hatte?
Blanka? nahm der alte Diener das Wort, indem er den Arzt prüfend
betrachtete: wissen Sie von der etwas?
Anselm begegnete dreist dem stechenden Blicke des Alten, und meinte nun
fast nichts mehr schonen zu dürfen. Er sagte daher: ich wünsche bloß
etwas Näheres von Blanka und Raimund zu erfahren, deren trauriges
Schicksal mich sehr interessirt hat.