Das ist freilich eine andre Sache, sagte Wolfsberg, indem er sich zurück

zog. Er näherte sich dem Lesenden, sah aber zu seinem Erstaunen, daß

dieser das Buch verkehrt hielt, und rückwärts die Blätter umschlug. Wie,

mein Herr, sagte er höflich, sind Sie so zerstreut, daß Sie nicht

bemerken, wie man auf diese Art nicht lesen kann? Oder sind Sie der

Kunst etwa gar nicht mächtig? -- Der Lesende stand schnell auf, machte

ihm eine sehr tiefe Verbeugung, sah ihn an, beugte sich noch tiefer, und

sprach dann mit einer lispelnden Stimme und mit überhöflichem Tone:

»geruhen dieselben gütigst zu bemerken, mein verehrter Herr Unbekannter,

daß es denenselben gefällt, sich wie ein wahrer Einfaltspinsel

auszudrücken. Nicht etwa, daß ich in Ihre eben so tiefen, als

ausdrücklichen Einsichten einen Zweifel setzen wollte (fern sei von mir

ein solcher Frevel!), so scheint es mir doch einleuchtend (möchte ich

Sie auch übrigens anbeten), daß Sie mit der crassesten Ignoranz über

eine Wissenschaft sich äußern, die freilich Ihrem elenden, kurzen,

stümperhaften Horizonte weit entwachsen ist. Was? Weil ich etwa nicht

von vorn lese, oder das Buch verkehrt halte, darum könnte ich nicht

lesen? Ja, und wenn ich nun selber keinen Buchstaben wüßte, armer

Hergelaufener, und ich nähme das Buch nur mit Glauben und Andacht in die

Hand, könnte es nicht auch in mich übergehen? Habt Ihr denn wohl schon

oft lesend gelesen, und verstehend verstanden? Ja, Druckerschwärze und

die krausen Figuren sind Euch in die Augen, Geruch von Leim und Papier

in die Nase gekräuselt, und dazu habt Ihr eine Physiognomie geschnitten,

wie Schafe beim Gewitter, und meint alsdann, Ihr habt Weisheit in Euch

geschlürft, oder seid Eurem berühmten Autor gar noch über den Kopf

gewachsen! Bester Nichtdenker, verehrter Strohkopf, ich war seit Jahren

Recensent, thätig und einsichtsvoll, gewöhnte mich ans Blättern und

hatte immer um so mehr Urtheil, um so weniger ich las; ich brachte es zu

der Höhe, daß ich kaum den Titel anzusehn brauchte, nur, wo verlegt, so

hatt' ich das ganze Buch weg. Ist das etwa keine Kunst? Seit ich mich in

diese Einsamkeit zurück gezogen, habe ich, weil ich ein demüthiger

Charakter bin, wieder zu lesen angefangen; aber warum denn von vorn? Das

_Ende_ ist mein Anfang, und da ich mich längst geübt habe, die Schrift

umgekehrt zu erkennen, so wäre es mir nun gar nicht mehr möglich, auf

Eure dumme, hirnlose, völlig altfränkische Art die Sache zu treiben. Und

wo ist denn der Anfang, der anfinge, Ihr Gimpel? Setzt nicht das erste

Verslein im Mose schon einen andern Anfang voraus? Und wenn wir den

fänden, wiese er dann nicht wieder auf ein Voriges? O Ihr Bettelmann der

Gegenwart und Dürftigkeit! ein Ende giebt es; ja in Eurem Verstande; mit

dem seid Ihr längst zu Ende! -- Er verbeugte sich hierauf wieder sehr

tief und beschloß: Verzeihung, Verehrtester und Einsichtsvollster aller

Trefflichen, wenn ich, so tief ich auch unter Ihnen stehe, nur durch ein

geringes Scherflein habe andeuten wollen, wie sehr ich mich bestrebe,

Ihre Meinung zu fassen, und gewiß nicht wagen werde, Ihnen irgend in

Hauptansichten zu widersprechen, sondern nur submissest einige kleine

Zweifel, welche die Bitte um Belehrung enthalten, entgegen zu schütten,

und dadurch nur Veranlassung gebe, noch tiefer Ihr tiefes Ingenium und

noch klarer Ihren klaren Geist, noch glänzender die Glanz-Atmosphäre

Ihres Wissens, Denkens, zu entwickeln, -- und ^enfin^, excellenter Mann,

ich verstumme.«

Heiliger Himmel! rief Wolfsberg mit Entsetzen aus, denn er erkannte nun

erst, indem er noch einen hastigen Blick auf alle Gruppen warf, wo er

sich befinde, -- ich bin in einem _Narrenhaus_! Wer hat die

Unverschämtheit gehabt, mich hieher zu versetzen?

Bei diesem lauten Ausruf und dem Worte »Narrenhaus« wurden plötzlich

alle Thoren aus ihren stillen Gesprächen und Speculationen

aufgeschreckt. Der Beobachter ließ seinen Maaßstab fallen und rannte

herbei; der Aufgedunsene, der Bleiche, so wie der Kupferfarbene liefen

schreiend herzu; die Schachspieler sprangen auf; der Lesende machte ein

grimmiges Gesicht, und der schlafende Rothrock erwachte, indem er

zugleich eine kleine Peitsche aus dem Busen zog. Was? Wie? schrieen Alle

und tobten durch einander -- ein Narrenhaus? Herr! Wissen Sie, was Sie

sprechen? Er wird auch nicht für die Langeweile hier seyn, sagte der

große kräftige Mann im rothen Rock, und er darf mir nicht viel gute

Worte geben, so lasse ich ihn hier, so wie meine Pygmäen, tanzen, bis

die bösen Geister aus ihm gefahren sind.

Und wo sollten Sie denn sonst seyn, lieber Mann, schrie der Direktor

zornig, der den verwirrten Haufen theilte und jeden zur Ruhe verwies;

wenn Sie sich aber so aufführen und sich in Gesellschaft nicht zu nehmen

wissen, so werden wir Sie wieder auf Ihr kleines Stübchen einquartiren

müssen. Dies Wort zu nennen, was Sie gebrauchen, schickt sich in diesem

Hause gar nicht, und schon aus Achtung vor mir müssen Sie es vermeiden!

Und wer Sie hieher gesandt hat? Männer, denen Sie nicht verweigern

werden, Gehorsam und Ehrfurcht zu bezeigen!

Wolfsberg war still und nachdenkend geworden, und der Rothgekleidete

rief: hab' ichs nicht gesagt? indem er zugleich die kleine Peitsche nahm

und eifrig gegen alle Wände des Saales schlug, bis er außer Athem und

ganz kraftlos war. Der Director wandte sich unwillig ab, und als der

Ermüdete sich wieder in seinen Sessel geworfen hatte, trat Wolfsberg zu

diesem und fragte: was machten Sie eben, und was hat diese Anstrengung

zu bedeuten?

Was? rief Herr Kranich aus (denn so nannten ihn die Uebrigen), Herr,

wenn ich nicht wäre und die Augen immer offen hätte, so wären Sie und

alle Uebrigen hier verloren; ja, ich möchte wohl wissen, was von der

Welt sonderlich übrig bleiben würde. Sie sehn es nicht, wie diese

verdammten Pygmäen, kleine böse Geister, mich allenthalben verfolgen,

Gesichter schneiden, und alles Uebel auf Erden anrichten. Von diesen

rührt auch Ihre Verstockung her, daß Sie nicht einsehn wollen, was an

Ihnen ist; von diesen kleinen Creaturen entspringt alles Unglück, und

ich muß sie unaufhörlich bewachen, um nur zu verhüten, daß sie nicht das

Aergste ausüben.

So war Alles wieder beruhigt, als man einen Landedelmann mit seiner

Familie anmeldete, die sich das Haus betrachten wollten. Ein ältlicher

Mann trat lächelnd herein und sah sich selbstgenügsam um; ihm folgte

eine erwachsene Tochter, blöde und einfältig, und ein ebenfalls

erwachsener Sohn, der sich gleich das Ansehn gab, als wenn er hier zu

Hause gehöre. Der Director fuhr sogleich barsch auf sie zu, und fragte

heftig, was zu ihrem Befehle sei. Gott bewahre! stammelte der Edelmann,

indem er scheu zurück trat; ist denn hier kein andrer ruhiger Mann, der

uns herumführen, und die Merkwürdigkeiten zeigen kann? Der Director

sammelte sich wieder und sagte in sanftem Tone, daß er selbst der

Vorsteher dieser Anstalt sei, und daß er sich ihm und dem kleinen

Friedrich, der sich unterdessen wieder herbei gemacht hatte, getrost

anvertrauen könne. Sie gingen hierauf friedlich durch den Saal,

ergötzten sich an der Aussicht und betrachteten die Gesellschaft aus der

Ferne, als sich der Kupferfarbene herbei machte und um die Erlaubniß

bat, etwas vorzutragen.

Meine beiden trefflichen Schüler, fing er an, möchten heute einen

poetischen Wettstreit halten, wie er bei den alten Griechen wohl üblich

war, und es trifft sich gut, daß einige Fremde, als ganz unbefangene

Zuhörer zugegen seyn können, um über die Verdienste meiner begeisterten

Scholaren nach reifer Prüfung ein Urtheil zu fällen.

Er winkte, und der lange Blasse, so wie der Beleibte mit dem

verschwollenen Gesichte näherten sich. Die Uebrigen schlossen einen

Kreis; der Lesende drängte sich am nächsten, und der Pygmäenbekämpfer

sah kritisch umher, ob auch keine bösen Geister die poetische

Unterhaltung stören möchten.

Der Mann mit der Kupfernase wandte sich hierauf an den Edelmann, den er

freundlich bei der Hand nahm und ihm die Tressen seines grünen Kleides

streichelte. Englischer Mann, sagte er zärtlich, verstehen Sie wohl

Galimathias zu sprechen?

Nein, sagte jener; was ist das für eine Sprache?

Schade, fuhr jener fort; da werden Sie es nur halb genießen können, denn

etwas wenigstens sollten sich wohl alle Menschen damit befassen. Es ist

zu verwundern, wie wenig wir immer noch auf unsre eigentliche Ausbildung

wenden. Tretet zuerst vor, mein theurer Freund und Schüler, würdiger

Troubadour und Meistersänger!

Der Aufgeschwollene räusperte sich, athmete tief auf und sprach dann

schnell, aber mit einer krähenden Stimme: »Sind wir nicht alle innigst

von dem Gefühle durchdrungen, daß, wenn eine Krebsmoral erst an der

tiefsten Wurzel der Menschenschicksale nagt, kein einziges Schaalthier

mehr auf den Höhen der Gebirge wird gefunden werden? Gewiß, meine

Theuersten, schlägt jeder mit erneuertem Mannsgefühl auf seine Brust,

wenn er bedenkt, daß bei dem siderischen Einfluß, den jede Theemaschine

auf die Verflechtung innerer Organe und Inspirationen unbedenklich

ausströmt, die alten Germanen nimmermehr ihren Wodansdienst ohne

Hülfsleistung abnormer Zustände und tief empfundener mikroskopischer

Ansichten würden haben durchsetzen können. Denn hier kommt es ja nicht

auf ein oberflächliches, leichtgewagtes Entdecken vulkanischer

Revolutionen an; sondern die Menschheit selbst ruft das in uns auf, was

schon im Anbeginn der Zeiten reif und heterodox, aber im galvanischen

Mittelpunkt unendlicher Verschlossenheit, tief und geheimnißvoll

gebrütet hat. War es denn nicht auch damals dieselbe große

Schicksalskatastrophe und Weltumschwungsaxiomatische Wunderbegebenheit,

als dasjenige, was man bis dahin nur für orkanische Centripetalkraft

abgewogen hatte, sich plötzlich als das ungeheure Ixionsrad

schwärmerischer Antidiluvianer manifestirte? So merken wir, ist unsre

Seele anders nicht völlig aphoristisch gebildet, und im Mausoleum

hyrkanischer Waldgötter anticipirt worden, daß umgekehrte Verhältnisse

sich immer wieder zu Kegelausschnitten gestalten, wenn die Galaxie der

Planeten sich in ekliptische Rodomantaden verwandeln möchte. Aber

festhalten müssen wir einen Gedanken, daß die Hieroglyphen immer nur

wieder Apostrophen ausgebären können, wenn wir nicht mit den

conglomerirten Gnostikern annehmen wollen, daß die Hypotenuse der

Polarvölker immer wieder in die materiellste Abstraction der

eleusinischen Pyrrichien verfallen müßte, an welchem Irrthum auch schon

der berühmte Johann Ballhorn in seinem großen granitgebundenen Werke vom

Phlogiston der Polypenkrater verstorben ist, da er ein Apostem der

großen alchemistischen Tinktur mit den rauschenden Katarakten der

Amathontischen Apodiktik mehr als ihm billig zugegeben werden konnte,

verwechselt hat. So hoffe ich denn bewiesen zu haben, daß immer und ewig

das große Geheimniß der peloponnesischen Antithese klar und verständlich

ist ausgesprochen worden.«

Gewiß! sagte der Edelmann.

Sublim! rief der Leser aus.

Ein Beifallsmurmeln ertönte aus der dichtgedrängten Umgebung.

Nun, Görge, was meinst du? fragte der Edelmann, indem er sich an seinen

Sohn wandte, der mit starren Augen und offnem Munde zugehört hatte.

Ich wollte nur, antwortete Görge, unser Herr Pastor wäre hier, der den

Mann vielleicht widerlegen könnte; denn seine Reden klingen fast eben

so.

Nun höre man aber auch, rief der Kupferne, meinen zweiten Zögling, den

edeln, sanften Musenliebling.

Die lange, hagre Gestalt trat hervor und klagte in einem weinenden,

schnell singenden Tone also: Ist nicht die Liebe und immer nur wieder

die Liebe das hoch erhabne athletische Bildwerk der ächten attischen

Hybla-akademischen, süßflötenden Nachtigallen-Atmosphäre? Wer möchte

sich der Thränen enthalten, wenn flutende Herzenslustren im Umschwung

der zartesten Cicaden-Gesinnung nicht endlich einmal zur Vollendung

einer umarmenden Schicksals-Apotheose hinstreben sollen? Denn das

Bildwerk liebender Gestirne ist ja doch nur ein Abglanz häuslicher und

mattherzig rührender Sarkophag-Mumien-Attribute; vorausgesetzt, das

fromme kindliche Gemüth hat sich schon in eine Phaläne von träumerischen

Allegorieen verwandelt, und ist die ganze sublunarische

Etymologie der peripatetischen, eben so großartigen, als

herzergreifenden Sylbenstechereien uralter Religionsentzündungen

durchgegangen. Fragt sich einzig nur: hat ein kryptogamisches

Pfeifergericht von enggetriebenen Bildwerken nicht immerdar den

Blumenstaub somnambulistischer Zustände auf hydraulische Weise mit

Prophetenencyklopädieen vorher verkündigt? worauf die mathematische

Antwort lautet: so gewiß der Umkreis der Welt einzig in den Umfang

sanfter Cirkelschwingungen gebannt ist, so gewiß hat auch jede Periode

und bacchische Begeisterung im Lichtscheine der erotischen Neufundländer

Sitz und Stimme gefunden. Denn, was ist es denn, was das Echo unsrer

Brust ewig beweint? Nicht wahr, daß noch kein Sterblicher in das

Universal-Paradoxon der Himmelskräfte hat einschlüpfen können? Aber

dennoch sagen uns begeisterte Seher, daß das Berlappenmehl dazu diene,

den Blitz der Götter, so wie alle diagonale hochgefeierte Perioden des

Immateriellen zu erschöpfen, wenn wir nicht vergessen, daß Phidias darum

der Große genannt wird, weil er zuerst die petrarkische Elegie in der

neuen Ausgabe der Homilien hat mit Vignetten in einen großen Salat von

Vergißmeinnicht bei den Olympischen Spielen verzehren lassen, was eben

die Ursache war, daß Romeo und Julia sterben mußten, so sehr sie auch

vorher auf Pardon vom Könige von Abyssinien rechnen durften. Aber

das ist das Große und Erschütternde eben in den edelsten

Lebensverhältnissen, daß die Liebe des Herzens immer wieder auf die

reine und unreine Mathematik angewendet werden soll, was doch kaum dem

Platonischen John Bull möglich gewesen ist, mit Hülfe seines Freundes,

des großen Eklektikers Pope, vermöge seiner Stanzen und der noch

berühmtern Parlamentsreform einzuführen. Daher bleibt unserm Leben diese

ewige Trauer, daß jede Sonnenblume in Oel kann verwandelt werden, wenn

wir umgekehrt niemals einen Tropfen Oel in Blumen, ja kaum in Sonnen

umschmelzen können; daher ist die Thräne an unsrer Wimper ein zartes

Herzenssiegel, welches tropfend beurkundet, daß wir alle nur

Blindschleichen und arme Würmer sind. Dies herzzerreißende Gefühl

mitzutheilen, habe ich mich nicht enthalten können.

Die Tochter des Edelmanns weinte und sagte: ja wohl, ist unser Leben nur

ein zerbrechliches Geschirr! Der Lehrer aber sah triumphirend umher und

fragte: nun, meine Freunde, welchem würden Sie den Preis zuerkennen?

Das zweite, sagte das junge Mädchen, war mehr für das Herz, das erste

mehr für den Geist.

So ist es, sagte Herr Kranich; der lange Herr Melchior hat die beste

Rede gehalten: wir sind Alle gerührt; dazu hat er eine Stimme wie eine

Nachteule oder Unke: die Thränen laufen einem über die Nase, man weiß

nicht wie.

Ja, meine theuern Freunde und Sie, verehrte fremde Zuhörer, sagte der

beleibte Lehrer, ich bin stolz darauf, daß ich in diesen beiden Männern

diese großen Talente habe wecken und zur Reife führen können. Diese

sokratische Hebammenkunst ist es, in welche ich meinen Stolz setze, da

ich selber nichts dergleichen hervor bringen kann. Aber meine Schüler

werden mich unsterblich machen. Doch soll der liebende, herzliche

Melchior seines Kranzes nicht entbehren.

Er heftete diesem einen Stern von Blech an die Brust, mit welchem der

lange blasse Mann sich brüstend durch den Saal schritt. Der Aufgedunsene

ging verdrießlich in eine Ecke und murmelte: Abgeschmackter Kerl! Er hat

doch durchaus keinen Begriff vom Aechten! Ich von ihm gelernt! Ja,

freilich, wenn ich solche Alfanzereien spräche, wie die aschgraue

Hopfenstange!

Ruhig, großer Mann, sagte der Lesende, der ihm nachgegangen war; das

Erhabene wird nie verstanden, so ist es vom Anfang der Schöpfung

gewesen: der größere Sophokles wurde eben so vom süßlichen Euripides

verdunkelt; Terenz mußte Seiltänzern weichen; Phidias ward verkannt;

Dante aus seinem Vaterlande vertrieben. Lassen Sie den Narren mit dem

alten Stückchen Blech laufen; Ihr Herz sei Ihr Elysium, und morgen werde

ich Ihnen eine zinnerne Schnalle bringen; heften Sie diese an Ihre

erhabene Brust und verachten Sie den Gegner.

Der Edelmann hatte sich indessen wieder mit dem Sokrates ins Gespräch

eingelassen, und bewunderte am meisten, daß die beiden Proberedenden

diese Fülle von Gedanken und gelehrten Materien so aus dem Stegereif

hätten hersagen können. Begeistrung, rief der Sokratiker, ist Alles: sie

haben ihr Gemüth gesammelt, und dann aus dem Mittelpunkt ihres Wesens

den rauschenden Springquell der Suada hingeströmt.

Ich kann niemals, äußerte der Edelmann, gegen meinen Pfarrer zu Worte

kommen; wären Sie nun capabel, mir auch die Zunge zu lösen, daß ich so

wie ein Advokat oder Prokurator zu reden wüßte?

Der Director zupfte kopfschüttelnd den Edelmann am Rocke; dieser sah

sich verdrießlich um, indem der finstre Mann zu ihm sagte: lieber Mann,

Sie verweilen offenbar zu lange in dieser Gesellschaft; dieser Umgang

kann Ihnen unmöglich gut bekommen.

Indem erhob sich ein lautes Getümmel am andern Ende des Saales. Lassen

Sie mich ungeschoren; rief der junge Wolfsberg laut, ich müßte ja selbst

unsinnig seyn, wenn ich dergleichen Unsinn bewundern, oder mir

auseinandersetzen wollte, welche von den beiden abgeschmackten Reden die

bessere sei.

Die erste ist aber die bessere, rief der Lesende, und wenn Sie keine

Kritik mehr respectiren wollen, so ist es mit Ihrem eigenen Verstande

nur schwach bestellt. Und was nennen Sie denn Unsinn, Bester? O mein

verehrter Widerwärtiger, hundert Meilen wollte ich reisen, wenn ich

dergleichen doch nur einmal in Wahrheit anzutreffen wüßte. Das ist ja

mein Jammer, daß ich mich schon seit länger als zehn Jahren damit

abquäle, einmal den Unsinn zu finden. Aber rutschen Sie durch zehn

Schauspielhäuser, und wenn Sie in jedem flüchtig auch nur ein paar

Secunden verweilen, so hören Sie leider allenthalben etwas leidlich

Vernünftiges; ja was noch schlimmer ist, die zehn kurzen Fragmente aus

dem Trauer- und Lustspiel, aus dem Familiengemälde und der Posse, aus

der Oper und dem Nachspiel, werden zusammen noch einen passabeln Satz

formiren, über den sich sprechen läßt. Ein Blättchen, das Sie finden,

ein Wort, das Sie aus dem Fenster hören, ein Gespräch aus einer

vorüberrollenden Kutsche, Alles, Alles will leider noch etwas

Verständiges aussprechen. Habe ich es nicht damals, als ich diese

Liebhaberei zuerst bekam, an mich gewandt, die brillantesten Romane und

Schauspiele, die verrufensten Broschüren anzukaufen und zu lesen, weil

ich von allen Seiten hörte, daß Unsinn darin vorkäme. Nichts da! Eine

alberne dumme Vernünftigkeit fand ich allenthalben, daß die Sachen mich

auch gleich anekelten, eine miserable Lust, hie und da über die Schnur

zu hauen, und gleich zum alltäglichen Verstande, wie Kinder im Finstern

zur Mutter zurück gelaufen. Ja, mein Herzensfreund, in allem dem

Geschwätz über Liberalismus und Monarchismus, in diesen Schilderungen

von Riesen, Rittern und Pferden, in den Elementargeistern und

Gespenster-Katzbalgereien, in dieser frömmelnden, liebesiechen

Inspirationssucht ist immer noch kein rechter Aufschwung; allenthalben

die kalte Vernunft; die Philisterei der Philisterei; und so sehr ich

unsern Demosthenes oder Aeschylus hier in seiner ersten Rede verehre, so

möchte ich sie doch nicht so übertrieben loben, daß ich sie unsinnig zu

nennen wagte, denn jeden einzelnen Satz würde ich zu beweisen

unternehmen und auch zeigen können, wie innig alle unter einander

zusammenhangen. Von der zweiten Rede kann gar nicht die Rede seyn, denn

sie war ganz trivial.

Der verschmähte Redner hatte sich indessen die Zinnschnalle aus dem

Zimmer des Lesenden geholt, und stolzirte mit diesem Schmucke schon im

Saale auf und ab. Der Blasse wollte ihm die Auszeichnung nicht gönnen,

weil sie seinen eignen Ruf zu beeinträchtigen schien. Er ging daher auf

den Usurpator zu, und suchte ihm das glänzende Zeichen zu entreißen;

dieser aber wehrte sich und wurde vom Recensenten vertheidigt. Die

Schachspieler nahmen dieselbe Partei, indessen der Denker mit dem

Maaßstabe den sanften Melchior zu beschützen strebte. Der Edelmann und

Wolfsberg standen in der Mitte, und da sich bald aus dem Gezänk ein

Stoßen und Schlagen entwickelte, so zog der Pygmäen-Bekämpfer seine

kleine Peitsche hervor, und schlug ohne Unterschied unter beide Parteien

hinein, indem er behauptete, daß er allenthalben auf Rücken und

Schultern jene bösen Geister wahrnehme, welche nur aus Bosheit diesen

Zank und Streit unter Menschen erregt, die bisher immer als befreundete

Wesen mit einander hätten leben können. Der Director fuhr ebenfalls

tobend dazwischen, und durch seine drohenden und ernstlichen Worte ward

der Friede endlich wieder hergestellt, obgleich Wolfsberg und der

Edelmann, beide als unschuldige Zuhörer, manchen Streich davon getragen

hatten, weil es die boshaften Pygmäen-Geister nicht unter ihrer Würde

gehalten hatten, diese neutralen Leiber während des Krieges besetzt zu

halten. Der Edelmann verließ die Anstalt sehr verdrießlich, und sein

Sohn Görge begriff nicht, wie eine so lehrreiche Unterhaltung ohne alle

Veranlassung eine so kriegerische Wendung hatte nehmen können.

* * * * *

Friedrich hatte, seiner sanftmüthigen Gemüthsart nach, den letzten Krieg

nur ungern entstehn sehn. Er zog sich früh zurück und beklagte aus der

Ferne seinen jungen Freund, zu dem er sich tröstend gesellte, als der

Friede wieder hergestellt war. Sie gingen in den beschränkten

Blumengarten. Da Sie nun, Theuerster, im Grunde ein freier Mann sind, so

fing der Kleine an, so will ich Ihnen heute in der Nacht etwas

mittheilen, was für uns beide von dem größten Nutzen seyn kann.

Wolfsberg war überzeugt, daß es nichts Geringeres, als die Mittel, sich

frei zu machen, betreffen könne. Er ging zur Gesellschaft zurück und

erwartete mit bangem Gefühl die Dunkelheit.

Gegen Mitternacht ward sein Zimmer eröffnet, der Kleine trat mit einer

Laterne herein, und winkte seinem Freunde mit stummer Geberde. Wolfsberg

folgte schnell, und schweigend stiegen sie die große Treppe hinunter.

Das Hausthor war verschlossen, und als Wolfsberg die Klinke ergriff,

schüttelte der Kleine sehr unwillig mit dem Kopfe und zeigte heftig nach

einem Winkel hin. Der junge Mann folgte seinem Führer; sie stiegen eine

andre Treppe hinab, und befanden sich jetzt in einem weitläuftigen

Gewölbe. Nun fand der ängstliche Freund endlich seine Sprache wieder.

Hier sind wir sicher, nicht behorcht zu werden, sagte er flüsternd: dies

sind die Kellergewölbe des großen Hauses. -- Ich dachte, Sie wollten mir

den Weg zur Freiheit zeigen, sagte der Baron. -- »Nicht daran zu denken,

bester einziger Freund; das Thor ist doppelt verschlossen, dann müßten

wir noch über den Hof und die äußere große Thür aufmachen, die der

fatale Portier bewacht, mein größter Feind in der Welt, der niemals

Vernunft annimmt, und sich von allen Menschen für den Klügsten hält.« --

»»Was machen wir aber hier?«« -- »Wenn es uns gelingt, liegt hier mehr,

als Ihre Freiheit.« -- »»Wie meinen Sie das?«« -- »Nur still, unten

sollen Sie Alles erfahren!«

Sie stiegen noch tiefer hinab. Im fernsten Winkel setzte sich nun

Friedrich nieder, stellte die Laterne neben sich, und Wolfsberg sah zu

seinem Erstaunen Hacke und Spaten auf dem Boden liegen. Die Erde war

dort schon aufgewühlt, und als der Baron seinen Führer fragend und

erstaunt betrachtete, lächelte dieser mit dem Ausdrucke der größten

Verschmitztheit, zog den Andern neben sich nieder, und nachdem er ihn

feurig umarmt hatte, sagte er endlich: liebster Baron, Ihnen vor allen

Menschen gönne ich das Glück, dessen Sie hier theilhaftig werden können;

hieher folgt uns kein Neid und keine Beobachtung, diese Gegend der

Gewölbe wird niemals besucht; hier können wir mit geringer Anstrengung

und in kurzer Zeit einen Schatz entdecken, der uns über alle Sorgen der

Zukunft hebt, ja uns zu den angesehensten Männern der ganzen Provinz

macht. Ich habe niemand da oben etwas von dieser Entdeckung sagen mögen;

denn alle jene Menschen sind mehr oder minder gemeine Naturen, wozu noch

kommt, daß sie alle einen Stich von Narrheit haben, der sie mir höchst

widerwärtig macht. Dem Director mag ich von meinem Funde gar nichts

mittheilen; er würde in seiner hochfahrenden Superklugheit thun, als

wenn er mir nicht glaubte, und hernach stillschweigend für sich arbeiten

lassen: denn er ist ein sehr mißgünstiger Mann und beim Lichte besehn

ohne Verstand; er stellt sich viel klüger an, als er wirklich ist, und

da er das Regiment im Hause hat, so darf ihm Keiner viel widersprechen.

Nun, lieber, hochgeehrter Freund, hier nehmen Sie den Spaten und

arbeiten Sie!

Aber, sagte Wolfsberg, wie kommen Sie nur zu dem Glauben, oder der

Einbildung -- --

Still! still! rief der Kleine im größten Eifer, nur ums Himmels willen

keine Zweifel in dieser feierlichen Stunde ausgesprochen, sonst ist

Alles verloren. Kennen Sie die Wünschelruthe und ihre Wirkungen?

Nein, sagte Wolfsberg verwirrt und schüchtern.

Haben Sie wohl Wirkungen des Magnetismus gesehen, und glauben Sie an die

Wunder dieser Wissenschaft?

Ich habe mich nur wenig um dergleichen Gegenstände bekümmert, antwortete

jener, und kann also auch nicht einmal sagen, ob ich an die

Seltsamkeiten, die man davon erzählt, glaube oder nicht.

Schriften 17: Novellen 1 · 第 13 / 24 段