zog. Er näherte sich dem Lesenden, sah aber zu seinem Erstaunen, daß
dieser das Buch verkehrt hielt, und rückwärts die Blätter umschlug. Wie,
mein Herr, sagte er höflich, sind Sie so zerstreut, daß Sie nicht
bemerken, wie man auf diese Art nicht lesen kann? Oder sind Sie der
Kunst etwa gar nicht mächtig? -- Der Lesende stand schnell auf, machte
ihm eine sehr tiefe Verbeugung, sah ihn an, beugte sich noch tiefer, und
sprach dann mit einer lispelnden Stimme und mit überhöflichem Tone:
»geruhen dieselben gütigst zu bemerken, mein verehrter Herr Unbekannter,
daß es denenselben gefällt, sich wie ein wahrer Einfaltspinsel
auszudrücken. Nicht etwa, daß ich in Ihre eben so tiefen, als
ausdrücklichen Einsichten einen Zweifel setzen wollte (fern sei von mir
ein solcher Frevel!), so scheint es mir doch einleuchtend (möchte ich
Sie auch übrigens anbeten), daß Sie mit der crassesten Ignoranz über
eine Wissenschaft sich äußern, die freilich Ihrem elenden, kurzen,
stümperhaften Horizonte weit entwachsen ist. Was? Weil ich etwa nicht
von vorn lese, oder das Buch verkehrt halte, darum könnte ich nicht
lesen? Ja, und wenn ich nun selber keinen Buchstaben wüßte, armer
Hergelaufener, und ich nähme das Buch nur mit Glauben und Andacht in die
Hand, könnte es nicht auch in mich übergehen? Habt Ihr denn wohl schon
oft lesend gelesen, und verstehend verstanden? Ja, Druckerschwärze und
die krausen Figuren sind Euch in die Augen, Geruch von Leim und Papier
in die Nase gekräuselt, und dazu habt Ihr eine Physiognomie geschnitten,
wie Schafe beim Gewitter, und meint alsdann, Ihr habt Weisheit in Euch
geschlürft, oder seid Eurem berühmten Autor gar noch über den Kopf
gewachsen! Bester Nichtdenker, verehrter Strohkopf, ich war seit Jahren
Recensent, thätig und einsichtsvoll, gewöhnte mich ans Blättern und
hatte immer um so mehr Urtheil, um so weniger ich las; ich brachte es zu
der Höhe, daß ich kaum den Titel anzusehn brauchte, nur, wo verlegt, so
hatt' ich das ganze Buch weg. Ist das etwa keine Kunst? Seit ich mich in
diese Einsamkeit zurück gezogen, habe ich, weil ich ein demüthiger
Charakter bin, wieder zu lesen angefangen; aber warum denn von vorn? Das
_Ende_ ist mein Anfang, und da ich mich längst geübt habe, die Schrift
umgekehrt zu erkennen, so wäre es mir nun gar nicht mehr möglich, auf
Eure dumme, hirnlose, völlig altfränkische Art die Sache zu treiben. Und
wo ist denn der Anfang, der anfinge, Ihr Gimpel? Setzt nicht das erste
Verslein im Mose schon einen andern Anfang voraus? Und wenn wir den
fänden, wiese er dann nicht wieder auf ein Voriges? O Ihr Bettelmann der
Gegenwart und Dürftigkeit! ein Ende giebt es; ja in Eurem Verstande; mit
dem seid Ihr längst zu Ende! -- Er verbeugte sich hierauf wieder sehr
tief und beschloß: Verzeihung, Verehrtester und Einsichtsvollster aller
Trefflichen, wenn ich, so tief ich auch unter Ihnen stehe, nur durch ein
geringes Scherflein habe andeuten wollen, wie sehr ich mich bestrebe,
Ihre Meinung zu fassen, und gewiß nicht wagen werde, Ihnen irgend in
Hauptansichten zu widersprechen, sondern nur submissest einige kleine
Zweifel, welche die Bitte um Belehrung enthalten, entgegen zu schütten,
und dadurch nur Veranlassung gebe, noch tiefer Ihr tiefes Ingenium und
noch klarer Ihren klaren Geist, noch glänzender die Glanz-Atmosphäre
Ihres Wissens, Denkens, zu entwickeln, -- und ^enfin^, excellenter Mann,
ich verstumme.«
Heiliger Himmel! rief Wolfsberg mit Entsetzen aus, denn er erkannte nun
erst, indem er noch einen hastigen Blick auf alle Gruppen warf, wo er
sich befinde, -- ich bin in einem _Narrenhaus_! Wer hat die
Unverschämtheit gehabt, mich hieher zu versetzen?
Bei diesem lauten Ausruf und dem Worte »Narrenhaus« wurden plötzlich
alle Thoren aus ihren stillen Gesprächen und Speculationen
aufgeschreckt. Der Beobachter ließ seinen Maaßstab fallen und rannte
herbei; der Aufgedunsene, der Bleiche, so wie der Kupferfarbene liefen
schreiend herzu; die Schachspieler sprangen auf; der Lesende machte ein
grimmiges Gesicht, und der schlafende Rothrock erwachte, indem er
zugleich eine kleine Peitsche aus dem Busen zog. Was? Wie? schrieen Alle
und tobten durch einander -- ein Narrenhaus? Herr! Wissen Sie, was Sie
sprechen? Er wird auch nicht für die Langeweile hier seyn, sagte der
große kräftige Mann im rothen Rock, und er darf mir nicht viel gute
Worte geben, so lasse ich ihn hier, so wie meine Pygmäen, tanzen, bis
die bösen Geister aus ihm gefahren sind.
Und wo sollten Sie denn sonst seyn, lieber Mann, schrie der Direktor
zornig, der den verwirrten Haufen theilte und jeden zur Ruhe verwies;
wenn Sie sich aber so aufführen und sich in Gesellschaft nicht zu nehmen
wissen, so werden wir Sie wieder auf Ihr kleines Stübchen einquartiren
müssen. Dies Wort zu nennen, was Sie gebrauchen, schickt sich in diesem
Hause gar nicht, und schon aus Achtung vor mir müssen Sie es vermeiden!
Und wer Sie hieher gesandt hat? Männer, denen Sie nicht verweigern
werden, Gehorsam und Ehrfurcht zu bezeigen!
Wolfsberg war still und nachdenkend geworden, und der Rothgekleidete
rief: hab' ichs nicht gesagt? indem er zugleich die kleine Peitsche nahm
und eifrig gegen alle Wände des Saales schlug, bis er außer Athem und
ganz kraftlos war. Der Director wandte sich unwillig ab, und als der
Ermüdete sich wieder in seinen Sessel geworfen hatte, trat Wolfsberg zu
diesem und fragte: was machten Sie eben, und was hat diese Anstrengung
zu bedeuten?
Was? rief Herr Kranich aus (denn so nannten ihn die Uebrigen), Herr,
wenn ich nicht wäre und die Augen immer offen hätte, so wären Sie und
alle Uebrigen hier verloren; ja, ich möchte wohl wissen, was von der
Welt sonderlich übrig bleiben würde. Sie sehn es nicht, wie diese
verdammten Pygmäen, kleine böse Geister, mich allenthalben verfolgen,
Gesichter schneiden, und alles Uebel auf Erden anrichten. Von diesen
rührt auch Ihre Verstockung her, daß Sie nicht einsehn wollen, was an
Ihnen ist; von diesen kleinen Creaturen entspringt alles Unglück, und
ich muß sie unaufhörlich bewachen, um nur zu verhüten, daß sie nicht das
Aergste ausüben.
So war Alles wieder beruhigt, als man einen Landedelmann mit seiner
Familie anmeldete, die sich das Haus betrachten wollten. Ein ältlicher
Mann trat lächelnd herein und sah sich selbstgenügsam um; ihm folgte
eine erwachsene Tochter, blöde und einfältig, und ein ebenfalls
erwachsener Sohn, der sich gleich das Ansehn gab, als wenn er hier zu
Hause gehöre. Der Director fuhr sogleich barsch auf sie zu, und fragte
heftig, was zu ihrem Befehle sei. Gott bewahre! stammelte der Edelmann,
indem er scheu zurück trat; ist denn hier kein andrer ruhiger Mann, der
uns herumführen, und die Merkwürdigkeiten zeigen kann? Der Director
sammelte sich wieder und sagte in sanftem Tone, daß er selbst der
Vorsteher dieser Anstalt sei, und daß er sich ihm und dem kleinen
Friedrich, der sich unterdessen wieder herbei gemacht hatte, getrost
anvertrauen könne. Sie gingen hierauf friedlich durch den Saal,
ergötzten sich an der Aussicht und betrachteten die Gesellschaft aus der
Ferne, als sich der Kupferfarbene herbei machte und um die Erlaubniß
bat, etwas vorzutragen.
Meine beiden trefflichen Schüler, fing er an, möchten heute einen
poetischen Wettstreit halten, wie er bei den alten Griechen wohl üblich
war, und es trifft sich gut, daß einige Fremde, als ganz unbefangene
Zuhörer zugegen seyn können, um über die Verdienste meiner begeisterten
Scholaren nach reifer Prüfung ein Urtheil zu fällen.
Er winkte, und der lange Blasse, so wie der Beleibte mit dem
verschwollenen Gesichte näherten sich. Die Uebrigen schlossen einen
Kreis; der Lesende drängte sich am nächsten, und der Pygmäenbekämpfer
sah kritisch umher, ob auch keine bösen Geister die poetische
Unterhaltung stören möchten.
Der Mann mit der Kupfernase wandte sich hierauf an den Edelmann, den er
freundlich bei der Hand nahm und ihm die Tressen seines grünen Kleides
streichelte. Englischer Mann, sagte er zärtlich, verstehen Sie wohl
Galimathias zu sprechen?
Nein, sagte jener; was ist das für eine Sprache?
Schade, fuhr jener fort; da werden Sie es nur halb genießen können, denn
etwas wenigstens sollten sich wohl alle Menschen damit befassen. Es ist
zu verwundern, wie wenig wir immer noch auf unsre eigentliche Ausbildung
wenden. Tretet zuerst vor, mein theurer Freund und Schüler, würdiger
Troubadour und Meistersänger!
Der Aufgeschwollene räusperte sich, athmete tief auf und sprach dann
schnell, aber mit einer krähenden Stimme: »Sind wir nicht alle innigst
von dem Gefühle durchdrungen, daß, wenn eine Krebsmoral erst an der
tiefsten Wurzel der Menschenschicksale nagt, kein einziges Schaalthier
mehr auf den Höhen der Gebirge wird gefunden werden? Gewiß, meine
Theuersten, schlägt jeder mit erneuertem Mannsgefühl auf seine Brust,
wenn er bedenkt, daß bei dem siderischen Einfluß, den jede Theemaschine
auf die Verflechtung innerer Organe und Inspirationen unbedenklich
ausströmt, die alten Germanen nimmermehr ihren Wodansdienst ohne
Hülfsleistung abnormer Zustände und tief empfundener mikroskopischer
Ansichten würden haben durchsetzen können. Denn hier kommt es ja nicht
auf ein oberflächliches, leichtgewagtes Entdecken vulkanischer
Revolutionen an; sondern die Menschheit selbst ruft das in uns auf, was
schon im Anbeginn der Zeiten reif und heterodox, aber im galvanischen
Mittelpunkt unendlicher Verschlossenheit, tief und geheimnißvoll
gebrütet hat. War es denn nicht auch damals dieselbe große
Schicksalskatastrophe und Weltumschwungsaxiomatische Wunderbegebenheit,
als dasjenige, was man bis dahin nur für orkanische Centripetalkraft
abgewogen hatte, sich plötzlich als das ungeheure Ixionsrad
schwärmerischer Antidiluvianer manifestirte? So merken wir, ist unsre
Seele anders nicht völlig aphoristisch gebildet, und im Mausoleum
hyrkanischer Waldgötter anticipirt worden, daß umgekehrte Verhältnisse
sich immer wieder zu Kegelausschnitten gestalten, wenn die Galaxie der
Planeten sich in ekliptische Rodomantaden verwandeln möchte. Aber
festhalten müssen wir einen Gedanken, daß die Hieroglyphen immer nur
wieder Apostrophen ausgebären können, wenn wir nicht mit den
conglomerirten Gnostikern annehmen wollen, daß die Hypotenuse der
Polarvölker immer wieder in die materiellste Abstraction der
eleusinischen Pyrrichien verfallen müßte, an welchem Irrthum auch schon
der berühmte Johann Ballhorn in seinem großen granitgebundenen Werke vom
Phlogiston der Polypenkrater verstorben ist, da er ein Apostem der
großen alchemistischen Tinktur mit den rauschenden Katarakten der
Amathontischen Apodiktik mehr als ihm billig zugegeben werden konnte,
verwechselt hat. So hoffe ich denn bewiesen zu haben, daß immer und ewig
das große Geheimniß der peloponnesischen Antithese klar und verständlich
ist ausgesprochen worden.«
Gewiß! sagte der Edelmann.
Sublim! rief der Leser aus.
Ein Beifallsmurmeln ertönte aus der dichtgedrängten Umgebung.
Nun, Görge, was meinst du? fragte der Edelmann, indem er sich an seinen
Sohn wandte, der mit starren Augen und offnem Munde zugehört hatte.
Ich wollte nur, antwortete Görge, unser Herr Pastor wäre hier, der den
Mann vielleicht widerlegen könnte; denn seine Reden klingen fast eben
so.
Nun höre man aber auch, rief der Kupferne, meinen zweiten Zögling, den
edeln, sanften Musenliebling.
Die lange, hagre Gestalt trat hervor und klagte in einem weinenden,
schnell singenden Tone also: Ist nicht die Liebe und immer nur wieder
die Liebe das hoch erhabne athletische Bildwerk der ächten attischen
Hybla-akademischen, süßflötenden Nachtigallen-Atmosphäre? Wer möchte
sich der Thränen enthalten, wenn flutende Herzenslustren im Umschwung
der zartesten Cicaden-Gesinnung nicht endlich einmal zur Vollendung
einer umarmenden Schicksals-Apotheose hinstreben sollen? Denn das
Bildwerk liebender Gestirne ist ja doch nur ein Abglanz häuslicher und
mattherzig rührender Sarkophag-Mumien-Attribute; vorausgesetzt, das
fromme kindliche Gemüth hat sich schon in eine Phaläne von träumerischen
Allegorieen verwandelt, und ist die ganze sublunarische
Etymologie der peripatetischen, eben so großartigen, als
herzergreifenden Sylbenstechereien uralter Religionsentzündungen
durchgegangen. Fragt sich einzig nur: hat ein kryptogamisches
Pfeifergericht von enggetriebenen Bildwerken nicht immerdar den
Blumenstaub somnambulistischer Zustände auf hydraulische Weise mit
Prophetenencyklopädieen vorher verkündigt? worauf die mathematische
Antwort lautet: so gewiß der Umkreis der Welt einzig in den Umfang
sanfter Cirkelschwingungen gebannt ist, so gewiß hat auch jede Periode
und bacchische Begeisterung im Lichtscheine der erotischen Neufundländer
Sitz und Stimme gefunden. Denn, was ist es denn, was das Echo unsrer
Brust ewig beweint? Nicht wahr, daß noch kein Sterblicher in das
Universal-Paradoxon der Himmelskräfte hat einschlüpfen können? Aber
dennoch sagen uns begeisterte Seher, daß das Berlappenmehl dazu diene,
den Blitz der Götter, so wie alle diagonale hochgefeierte Perioden des
Immateriellen zu erschöpfen, wenn wir nicht vergessen, daß Phidias darum
der Große genannt wird, weil er zuerst die petrarkische Elegie in der
neuen Ausgabe der Homilien hat mit Vignetten in einen großen Salat von
Vergißmeinnicht bei den Olympischen Spielen verzehren lassen, was eben
die Ursache war, daß Romeo und Julia sterben mußten, so sehr sie auch
vorher auf Pardon vom Könige von Abyssinien rechnen durften. Aber
das ist das Große und Erschütternde eben in den edelsten
Lebensverhältnissen, daß die Liebe des Herzens immer wieder auf die
reine und unreine Mathematik angewendet werden soll, was doch kaum dem
Platonischen John Bull möglich gewesen ist, mit Hülfe seines Freundes,
des großen Eklektikers Pope, vermöge seiner Stanzen und der noch
berühmtern Parlamentsreform einzuführen. Daher bleibt unserm Leben diese
ewige Trauer, daß jede Sonnenblume in Oel kann verwandelt werden, wenn
wir umgekehrt niemals einen Tropfen Oel in Blumen, ja kaum in Sonnen
umschmelzen können; daher ist die Thräne an unsrer Wimper ein zartes
Herzenssiegel, welches tropfend beurkundet, daß wir alle nur
Blindschleichen und arme Würmer sind. Dies herzzerreißende Gefühl
mitzutheilen, habe ich mich nicht enthalten können.
Die Tochter des Edelmanns weinte und sagte: ja wohl, ist unser Leben nur
ein zerbrechliches Geschirr! Der Lehrer aber sah triumphirend umher und
fragte: nun, meine Freunde, welchem würden Sie den Preis zuerkennen?
Das zweite, sagte das junge Mädchen, war mehr für das Herz, das erste
mehr für den Geist.
So ist es, sagte Herr Kranich; der lange Herr Melchior hat die beste
Rede gehalten: wir sind Alle gerührt; dazu hat er eine Stimme wie eine
Nachteule oder Unke: die Thränen laufen einem über die Nase, man weiß
nicht wie.
Ja, meine theuern Freunde und Sie, verehrte fremde Zuhörer, sagte der
beleibte Lehrer, ich bin stolz darauf, daß ich in diesen beiden Männern
diese großen Talente habe wecken und zur Reife führen können. Diese
sokratische Hebammenkunst ist es, in welche ich meinen Stolz setze, da
ich selber nichts dergleichen hervor bringen kann. Aber meine Schüler
werden mich unsterblich machen. Doch soll der liebende, herzliche
Melchior seines Kranzes nicht entbehren.
Er heftete diesem einen Stern von Blech an die Brust, mit welchem der
lange blasse Mann sich brüstend durch den Saal schritt. Der Aufgedunsene
ging verdrießlich in eine Ecke und murmelte: Abgeschmackter Kerl! Er hat
doch durchaus keinen Begriff vom Aechten! Ich von ihm gelernt! Ja,
freilich, wenn ich solche Alfanzereien spräche, wie die aschgraue
Hopfenstange!
Ruhig, großer Mann, sagte der Lesende, der ihm nachgegangen war; das
Erhabene wird nie verstanden, so ist es vom Anfang der Schöpfung
gewesen: der größere Sophokles wurde eben so vom süßlichen Euripides
verdunkelt; Terenz mußte Seiltänzern weichen; Phidias ward verkannt;
Dante aus seinem Vaterlande vertrieben. Lassen Sie den Narren mit dem
alten Stückchen Blech laufen; Ihr Herz sei Ihr Elysium, und morgen werde
ich Ihnen eine zinnerne Schnalle bringen; heften Sie diese an Ihre
erhabene Brust und verachten Sie den Gegner.
Der Edelmann hatte sich indessen wieder mit dem Sokrates ins Gespräch
eingelassen, und bewunderte am meisten, daß die beiden Proberedenden
diese Fülle von Gedanken und gelehrten Materien so aus dem Stegereif
hätten hersagen können. Begeistrung, rief der Sokratiker, ist Alles: sie
haben ihr Gemüth gesammelt, und dann aus dem Mittelpunkt ihres Wesens
den rauschenden Springquell der Suada hingeströmt.
Ich kann niemals, äußerte der Edelmann, gegen meinen Pfarrer zu Worte
kommen; wären Sie nun capabel, mir auch die Zunge zu lösen, daß ich so
wie ein Advokat oder Prokurator zu reden wüßte?
Der Director zupfte kopfschüttelnd den Edelmann am Rocke; dieser sah
sich verdrießlich um, indem der finstre Mann zu ihm sagte: lieber Mann,
Sie verweilen offenbar zu lange in dieser Gesellschaft; dieser Umgang
kann Ihnen unmöglich gut bekommen.
Indem erhob sich ein lautes Getümmel am andern Ende des Saales. Lassen
Sie mich ungeschoren; rief der junge Wolfsberg laut, ich müßte ja selbst
unsinnig seyn, wenn ich dergleichen Unsinn bewundern, oder mir
auseinandersetzen wollte, welche von den beiden abgeschmackten Reden die
bessere sei.
Die erste ist aber die bessere, rief der Lesende, und wenn Sie keine
Kritik mehr respectiren wollen, so ist es mit Ihrem eigenen Verstande
nur schwach bestellt. Und was nennen Sie denn Unsinn, Bester? O mein
verehrter Widerwärtiger, hundert Meilen wollte ich reisen, wenn ich
dergleichen doch nur einmal in Wahrheit anzutreffen wüßte. Das ist ja
mein Jammer, daß ich mich schon seit länger als zehn Jahren damit
abquäle, einmal den Unsinn zu finden. Aber rutschen Sie durch zehn
Schauspielhäuser, und wenn Sie in jedem flüchtig auch nur ein paar
Secunden verweilen, so hören Sie leider allenthalben etwas leidlich
Vernünftiges; ja was noch schlimmer ist, die zehn kurzen Fragmente aus
dem Trauer- und Lustspiel, aus dem Familiengemälde und der Posse, aus
der Oper und dem Nachspiel, werden zusammen noch einen passabeln Satz
formiren, über den sich sprechen läßt. Ein Blättchen, das Sie finden,
ein Wort, das Sie aus dem Fenster hören, ein Gespräch aus einer
vorüberrollenden Kutsche, Alles, Alles will leider noch etwas
Verständiges aussprechen. Habe ich es nicht damals, als ich diese
Liebhaberei zuerst bekam, an mich gewandt, die brillantesten Romane und
Schauspiele, die verrufensten Broschüren anzukaufen und zu lesen, weil
ich von allen Seiten hörte, daß Unsinn darin vorkäme. Nichts da! Eine
alberne dumme Vernünftigkeit fand ich allenthalben, daß die Sachen mich
auch gleich anekelten, eine miserable Lust, hie und da über die Schnur
zu hauen, und gleich zum alltäglichen Verstande, wie Kinder im Finstern
zur Mutter zurück gelaufen. Ja, mein Herzensfreund, in allem dem
Geschwätz über Liberalismus und Monarchismus, in diesen Schilderungen
von Riesen, Rittern und Pferden, in den Elementargeistern und
Gespenster-Katzbalgereien, in dieser frömmelnden, liebesiechen
Inspirationssucht ist immer noch kein rechter Aufschwung; allenthalben
die kalte Vernunft; die Philisterei der Philisterei; und so sehr ich
unsern Demosthenes oder Aeschylus hier in seiner ersten Rede verehre, so
möchte ich sie doch nicht so übertrieben loben, daß ich sie unsinnig zu
nennen wagte, denn jeden einzelnen Satz würde ich zu beweisen
unternehmen und auch zeigen können, wie innig alle unter einander
zusammenhangen. Von der zweiten Rede kann gar nicht die Rede seyn, denn
sie war ganz trivial.
Der verschmähte Redner hatte sich indessen die Zinnschnalle aus dem
Zimmer des Lesenden geholt, und stolzirte mit diesem Schmucke schon im
Saale auf und ab. Der Blasse wollte ihm die Auszeichnung nicht gönnen,
weil sie seinen eignen Ruf zu beeinträchtigen schien. Er ging daher auf
den Usurpator zu, und suchte ihm das glänzende Zeichen zu entreißen;
dieser aber wehrte sich und wurde vom Recensenten vertheidigt. Die
Schachspieler nahmen dieselbe Partei, indessen der Denker mit dem
Maaßstabe den sanften Melchior zu beschützen strebte. Der Edelmann und
Wolfsberg standen in der Mitte, und da sich bald aus dem Gezänk ein
Stoßen und Schlagen entwickelte, so zog der Pygmäen-Bekämpfer seine
kleine Peitsche hervor, und schlug ohne Unterschied unter beide Parteien
hinein, indem er behauptete, daß er allenthalben auf Rücken und
Schultern jene bösen Geister wahrnehme, welche nur aus Bosheit diesen
Zank und Streit unter Menschen erregt, die bisher immer als befreundete
Wesen mit einander hätten leben können. Der Director fuhr ebenfalls
tobend dazwischen, und durch seine drohenden und ernstlichen Worte ward
der Friede endlich wieder hergestellt, obgleich Wolfsberg und der
Edelmann, beide als unschuldige Zuhörer, manchen Streich davon getragen
hatten, weil es die boshaften Pygmäen-Geister nicht unter ihrer Würde
gehalten hatten, diese neutralen Leiber während des Krieges besetzt zu
halten. Der Edelmann verließ die Anstalt sehr verdrießlich, und sein
Sohn Görge begriff nicht, wie eine so lehrreiche Unterhaltung ohne alle
Veranlassung eine so kriegerische Wendung hatte nehmen können.
* * * * *
Friedrich hatte, seiner sanftmüthigen Gemüthsart nach, den letzten Krieg
nur ungern entstehn sehn. Er zog sich früh zurück und beklagte aus der
Ferne seinen jungen Freund, zu dem er sich tröstend gesellte, als der
Friede wieder hergestellt war. Sie gingen in den beschränkten
Blumengarten. Da Sie nun, Theuerster, im Grunde ein freier Mann sind, so
fing der Kleine an, so will ich Ihnen heute in der Nacht etwas
mittheilen, was für uns beide von dem größten Nutzen seyn kann.
Wolfsberg war überzeugt, daß es nichts Geringeres, als die Mittel, sich
frei zu machen, betreffen könne. Er ging zur Gesellschaft zurück und
erwartete mit bangem Gefühl die Dunkelheit.
Gegen Mitternacht ward sein Zimmer eröffnet, der Kleine trat mit einer
Laterne herein, und winkte seinem Freunde mit stummer Geberde. Wolfsberg
folgte schnell, und schweigend stiegen sie die große Treppe hinunter.
Das Hausthor war verschlossen, und als Wolfsberg die Klinke ergriff,
schüttelte der Kleine sehr unwillig mit dem Kopfe und zeigte heftig nach
einem Winkel hin. Der junge Mann folgte seinem Führer; sie stiegen eine
andre Treppe hinab, und befanden sich jetzt in einem weitläuftigen
Gewölbe. Nun fand der ängstliche Freund endlich seine Sprache wieder.
Hier sind wir sicher, nicht behorcht zu werden, sagte er flüsternd: dies
sind die Kellergewölbe des großen Hauses. -- Ich dachte, Sie wollten mir
den Weg zur Freiheit zeigen, sagte der Baron. -- »Nicht daran zu denken,
bester einziger Freund; das Thor ist doppelt verschlossen, dann müßten
wir noch über den Hof und die äußere große Thür aufmachen, die der
fatale Portier bewacht, mein größter Feind in der Welt, der niemals
Vernunft annimmt, und sich von allen Menschen für den Klügsten hält.« --
»»Was machen wir aber hier?«« -- »Wenn es uns gelingt, liegt hier mehr,
als Ihre Freiheit.« -- »»Wie meinen Sie das?«« -- »Nur still, unten
sollen Sie Alles erfahren!«
Sie stiegen noch tiefer hinab. Im fernsten Winkel setzte sich nun
Friedrich nieder, stellte die Laterne neben sich, und Wolfsberg sah zu
seinem Erstaunen Hacke und Spaten auf dem Boden liegen. Die Erde war
dort schon aufgewühlt, und als der Baron seinen Führer fragend und
erstaunt betrachtete, lächelte dieser mit dem Ausdrucke der größten
Verschmitztheit, zog den Andern neben sich nieder, und nachdem er ihn
feurig umarmt hatte, sagte er endlich: liebster Baron, Ihnen vor allen
Menschen gönne ich das Glück, dessen Sie hier theilhaftig werden können;
hieher folgt uns kein Neid und keine Beobachtung, diese Gegend der
Gewölbe wird niemals besucht; hier können wir mit geringer Anstrengung
und in kurzer Zeit einen Schatz entdecken, der uns über alle Sorgen der
Zukunft hebt, ja uns zu den angesehensten Männern der ganzen Provinz
macht. Ich habe niemand da oben etwas von dieser Entdeckung sagen mögen;
denn alle jene Menschen sind mehr oder minder gemeine Naturen, wozu noch
kommt, daß sie alle einen Stich von Narrheit haben, der sie mir höchst
widerwärtig macht. Dem Director mag ich von meinem Funde gar nichts
mittheilen; er würde in seiner hochfahrenden Superklugheit thun, als
wenn er mir nicht glaubte, und hernach stillschweigend für sich arbeiten
lassen: denn er ist ein sehr mißgünstiger Mann und beim Lichte besehn
ohne Verstand; er stellt sich viel klüger an, als er wirklich ist, und
da er das Regiment im Hause hat, so darf ihm Keiner viel widersprechen.
Nun, lieber, hochgeehrter Freund, hier nehmen Sie den Spaten und
arbeiten Sie!
Aber, sagte Wolfsberg, wie kommen Sie nur zu dem Glauben, oder der
Einbildung -- --
Still! still! rief der Kleine im größten Eifer, nur ums Himmels willen
keine Zweifel in dieser feierlichen Stunde ausgesprochen, sonst ist
Alles verloren. Kennen Sie die Wünschelruthe und ihre Wirkungen?
Nein, sagte Wolfsberg verwirrt und schüchtern.
Haben Sie wohl Wirkungen des Magnetismus gesehen, und glauben Sie an die
Wunder dieser Wissenschaft?
Ich habe mich nur wenig um dergleichen Gegenstände bekümmert, antwortete
jener, und kann also auch nicht einmal sagen, ob ich an die
Seltsamkeiten, die man davon erzählt, glaube oder nicht.