Als der Gefangene Miene machte, den Wagen zu öffnen, ergriffen ihn die

Unbekannten gewaltig, und der eine rief drohend: keine Umstände! Finden

Sie sich nicht gutwillig, so haben wir das Recht, Sie zu binden und zu

knebeln; das geschieht auch bei dem ersten Versuche zu entfliehen, oder

wenn Sie jemand Fremdes anreden wollten. Auch kann es Ihnen nichts

nutzen; denn wir haben die gemessenste Ordre, die wir vorzeigen können,

und auf welche uns in jeder Stadt Beistand geleistet werden muß.

So fügte sich denn der Entführte und sann stillschweigend nach, für

welche Begebenheit seines frühern Lebens ihn etwa dieses Unheil treffen

möchte. So in seinen Busen und dessen Geheimnisse eingehend, fand er

mehr auf der Rechnung stehen, als er in seinen heitern und zerstreuten

Stunden vermuthet hatte. Je länger er in der stillen Nacht fuhr, je

größer wuchs in seiner Erinnerung sein Sündenregister an, und er

zitterte vor der Entwicklung seines Schicksals; denn Vestung,

lebenslängliche Einkerkerung, ja selbst das Aergste standen vor seiner

erregten Phantasie. Er wandte sich von diesen Bildern des Schreckens ab,

und suchte sich wieder zu überreden, Alles, was man ihm vorwerfen könne,

sei doch nur Jugendthorheit und Leichtsinn. Mit Wehmuth mußte er an die

hochmüthigen Reden gedenken, die er vor Kurzem noch gegen den Arzt

geführt, und alle seine Zweifel kamen wenigstens darin überein, daß jene

Handlungen, mit denen er als eben so viel Tugenden und Kraftäußerungen

geprahlt hatte, doch wohl Sünden, oder gelindestens Verirrungen zu

nennen wären. So blätterte er in dem dunkeln Buche seines Gewissens hin

und her, und nahm sich vor, wenn ihn ein günstigeres Schicksal aus

dieser Bedrängniß erlösen sollte, seinen Lebenslauf mit viel mehr

Anstand und etwas mehr Weisheit zu führen.

Man fuhr die ganze Nacht und auch den folgenden Tag. Der Gefangene hatte

sich fast schon an seinen Zustand gewöhnt, und die Furcht, daß seine

Lage noch viel schlimmer werden könnte, machte, daß er die gegenwärtige

mit Geduld ertrug. Hätte er sich ganz frei und ohne Schuld gewußt, so

würde er in seinem Bewußtsein Waffen gefunden haben, sich dieser Gewalt

zu widersetzen; aber der Zagende bettelte jetzt von jeder Stunde seines

Daseins noch eine dürftige Erquickung, im Aufschub und in der

Verzögerung fand er eine Art von Glück, und vergaß sogar in manchen

Augenblicken, daß sich sein Schicksal doch endlich, und wohl bald,

entwickeln würde.

Am Abende, als es schon wieder finster ward, kam man an. Durch ein Thor,

das sogleich wieder verschlossen wurde, fuhr der Wagen. Man brachte

Licht. Ein Schreiben ward von einem der Begleiter hinaus gereicht.

»Immer neue Gäste, immer mehr Geschäfte!« murrte eine dumpfe,

verdrießliche Stimme draußen. Man fuhr in den Hof. Indem man ausstieg,

ging einer der Männer jenem nach, der erst geschmollt hatte, und sagte:

Ja, werther Herr Direktor, endlich haben wir ihn Gott Lob! erwischt;

fünf Tage hatten wir ihm vergeblich aufgepaßt. -- War er ruhig? fragte

jener. -- »Ja, er hat sich so leidlich vernünftig aufgeführt. Ein paar

Mal wollte er närrisch thun. Je nun, wir sind ja alle Menschen!«

Das Letzte hörte der Entführte nur noch aus der Ferne. Er befand sich

schon auf einer großen Treppe, zu welcher ihm zwei Menschen hinauf

leuchteten. Ist Numero 18. aufgeschlossen? fragte der eine. Ja! scholl

es von oben herab, und zugleich ward der Fremde in ein kleines,

behagliches Zimmer hinein geschoben, in welchem Stühle, Tische, ein Bett

und Sopha sich befanden. Lichter wurden hingestellt, und ein

freundlicher Mann trug eine Abendmahlzeit auf. »Herr Friedrich, sagte

der eine Diener, Sie haben doch nichts vergessen?« -- Gewiß nicht,

antwortete der kleine Mann; Alles ist schon mit dem Direktor abgemacht.

Man ließ den Fremden allein. Da er hungrig war, aß er mit großem

Behagen; nur vermißte er ungern den Wein, doch ließ ihn der Durst das

Wasser schmackhafter finden, als er es unter andern Umständen für

möglich gehalten hätte. Er öffnete das Fenster. Eisenstäbe verwahrten

es; doch blickte er im Mondlicht über eine reiche und mannigfaltige

Landschaft hin. Die Thür fand er verschlossen.

Als man den Tisch wieder abgeräumt hatte, legte er sich nieder, und

schlief auf die Anstrengung des Körpers und Geistes ruhig und lange.

Nach dem Frühstück wurde die Thür mit einigen Ceremonien geöffnet, und

ein starker, untersetzter Mann mit finsterer Miene und braunem Gesicht

trat herein, dessen grollende Stimme er sogleich für diejenige erkannte,

die er schon gestern Abend gehört hatte.

Der finstere Mann warf einen durchdringenden, festen Blick auf ihn, und

der Baron, der sich am Morgen eine lange, wohlgesetzte Rede ausgesonnen

hatte, um seine Unschuld und das Mißverständniß, das über ihm schweben

müsse, aus einander zu setzen, wurde so verwirrt und beängstigt, daß er

jedes Wort vergaß und nur wünschte, diesen Besuch erst wieder los zu

seyn.

Haben Sie gut geschlafen? fragte der verdrießliche Mann.

»Besser, als ich denken konnte, da ich so plötzlich« --

»»Lassen wir das! Haben Sie mit Appetit gefrühstückt?««

»O ja -- nur wünschte ich das Mißverständniß, den Irrthum schnell

aufzuklären; da man mich gewiß für einen andern hält.«

»»Wir kennen Sie, junger Herr, besser, als Sie vielleicht glauben.««

»Besser? sagte der junge Mann, und wurde roth und von Neuem verwirrt.

Man hat mich um meinen Namen hier noch nicht gefragt!«

»»Ist auch gar nicht nöthig. Wir wollen keine Rollen mit einander

spielen.««

»Rollen? Wie meinen Sie das?«

»»Wie man so was meint. Sie sollen sich nicht verstellen, Sie sollen

nicht hoffen, daß Sie mich hintergehen können.««

»Wenn ich Ihnen aber so ganz bekannt bin -- so sagen Sie mir wenigstens,

-- wo befinde ich mich? Ich bin vielleicht zwanzig Meilen gereist, ohne

zu wissen wohin.«

»»Lassen wir das noch jetzt, dergleichen muß Ihnen fürs Erste noch ganz

gleichgültig seyn.««

»Die Forderung ist mehr als sonderbar.«

»»Bester junger Mann, sagte der Alte, um alle diese äußerlichen

Zufälligkeiten müssen Sie sich jetzt gar nicht ängstigen. Es wird eine

Zeit kommen, in der Ihnen Alles klar aufgeht.««

»Und welch Schicksal erwartet mich?«

»»Das wird ganz von Ihrem Betragen abhängen! Sind Sie sanft und ruhig,

so wird Ihnen kein Mensch etwas in den Weg legen; können Sie es über

sich gewinnen, vernünftig zu seyn, wenn es Ihnen auch im Anfange etwas

schwer ankommen sollte, so wird man Ihnen alle Achtung bezeigen, die Sie

erwarten können, und es liegt in Ihrer Hand, wie früh oder spät Sie Ihre

Freiheit wieder erhalten werden.««

»In meiner Hand? fragte der Gefangene, indem er seine Hände

betrachtete.«

»»Dummheit und kein Ende! fuhr der Alte ungeduldig heraus, ich dachte es

wohl, daß der Diskurs nicht lange auf der geraden Straße bleiben würde.

Figürlich gesprochen, junger Herr! Wie Sie sich benehmen, so wird man

sich wieder gegen Sie benehmen; vielleicht sind Sie in Jahr und Tag

wieder auf freien Füßen: das heißt, Jüngling, (damit Sie nicht wieder

querfeldein fragen) wenn Ihre Beine wieder frei sind, wird hoffentlich

das übrige Zubehör, sogar der Kopf wieder mitlaufen dürfen.««

»Und was befiehlt man, fragte der Baron, das ich vorstellen soll? Wie

soll mein Name heißen? Denn es scheint, daß hier ein strenges Regiment

obwaltet, dem man sich fügen muß.«

»»Nur keine Quängeleien! rief der alte Mann; machen Sie nicht, daß ich

härter seyn muß, als ich von Natur bin; denn das ist mein Elend, daß der

Teufel mir so ein breiweiches Herz eingesetzt hat, daß ich eigentlich

ein altes Weib hätte werden müssen. Nun, lieber Herr Graf, wir werden

uns schon noch verstehen lernen.««

»Graf? rief der Baron; also doch wenigstens eine Standeserhöhung.« -- Er

war nach diesem Worte plötzlich viel heitrer geworden; die Beklemmung,

die ihn drückte, schien ziemlich verschwunden.

»»Ja, Graf, nicht anders, fuhr der Alte fort; ja, mein junger Herr, man

weiß hier mehr von Ihnen, als Sie begreifen können.««

»Nur noch eine Frage, dann will ich schweigen, sagte der Baron. -- Bin

ich etwa hier, wegen des Verhältnisses, das vor zwei Jahren die

Baronesse« --

»»Still! rief zornig der Alte; das ist es ja eben; an Liebe müssen Sie

hier gar nicht denken, so wie Sie auf diese Passion gerathen, müssen

gleich Anstalten getroffen werden; weder Baronesse, noch Gräfin, noch

Fräulein, selbst das Wort Frauenzimmer muß nicht von Ihren Lippen gehört

werden! Nun geben Sie mir die Hand, daß ich Sie noch einmal bewillkomme.

Ich hoffe also, Sie werden uns keine Schande machen.««

Er hielt die Hand des Barons lange in der seinigen eingeschlossen,

drückte sie, schob seine Finger hinauf, fast als wenn er den Puls fühlen

wollte, sah dem jungen Mann noch einmal scharf in die Augen, und

entfernte sich dann schnell nach dieser sonderbaren Begrüßung.

Nach einiger Zeit erschien der kleine freundliche Mann, den man den

Herrn Friedrich nannte. Nun, sagte dieser, es ist ja gut abgelaufen;

unser melancholischer Gebieter ist ja mit Ihnen zufrieden, er meint, es

würde schon werden.

Aber, wo bin ich nur? fragte der Baron.

Der Kleine legte mit einer sehr listigen Miene den Finger auf den Mund,

kräuselte die Lippen, zog die schmalen Schultern bis zu den Ohren, und

sagte dann ganz leise: so lange Sie noch bloß auf Ihr Zimmer

eingeschränkt sind, darf ich nichts Bestimmtes mit Ihnen sprechen; aber

wenn Sie erst einmal herunter gekommen sind, dann wird Ihnen nichts mehr

Geheimniß bleiben.

Wer sind Sie, fragte der Baron eifrig, und wer ist der Mann, der mich

heute besuchte?

Nichts! nichts! rief der Kleine; sehn Sie, Verehrter, wir sind Alle ohne

Ausnahme nur das, was unser gestrenger Herr uns befiehlt zu seyn. Hat er

doch nun die Macht einmal; woher er sie hat, das weiß der Himmel wohl am

besten, der sie ihm verlieh. Sehn Sie, er ist sehr hypochondrisch, und

fast niemals vergnügt, und darum verlangt er, Alles im Hause solle auch

ehrbar und fromm zugehn. Eine unbillige Forderung. Ich gelte aber doch

viel bei ihm, und er meint, ich hätte Gaben. Nun haben Sie gleich beim

Eintritt durch Ihr feines vornehmes Wesen mein ganzes Herz gewonnen, --

Sie sehn einem großen Feldherrn so ähnlich, den ich einmal gekannt habe;

aber ich bin doch zu schwach, Ihnen zu helfen.

Wie so, zu schwach?

Betrachten Sie nur selbst meine Schultern, wie schmal, flüsterte der

kleine Mann. Ja, wenn ich mehr heben und arbeiten könnte; wenn ich mich

nicht immer so schonen müßte; wenn ich mir mehr bieten dürfte, so wäre

mein Schicksal wohl ein ganz anderes, als hier im Hause herum zu

kriechen.

Er entfernte sich, um dem Fremden das Mittagsessen zu holen, verschloß

aber sorgfältig indessen die Thür.

* * * * *

Der Rath Walther hatte den Arzt wieder aufgesucht, um über den Plan

ihrer gemeinschaftlichen Reise zu sprechen. Der Doctor hatte von seinem

entlaufenen Zögling noch keine Nachrichten; er war jetzt neugierig, was

sein Freund, dem er sich immer enger anschloß, ihm würde zu eröffnen

haben.

Vielleicht, fing dieser an, sehe ich schon in einigen Tagen einen

Jüngling wieder, dem ich seit vielen Jahren schon, seit ich ihn als

Knaben kennen lernte und aufwachsen sah, meine Freundschaft, ja mein

ganzes Herz schenken mußte. Alle unsere Bücher sind voll von

Schilderungen der sogenannten Liebe; genau sind alle ihre Kennzeichen

beschrieben, die Steigerungen, so wie die Verirrungen dieser

Leidenschaft nachgewiesen, und von der _Freundschaft_, die eben so

wundersam, zuweilen noch seltsamer erscheinen kann, wird kaum

gesprochen, oder man setzt sie voraus, und meint, sie zu schildern, sei

ohne Interesse. Wenn Alle zu _lieben_ glauben, ist es vielleicht nur

Wenigen gegeben, im wahren Sinne _Freund_ zu seyn. Ich habe mich früh

und ohne Leidenschaft verheirathet, und bin glücklich in meiner Familie.

Aber von frühster Jugend habe ich das Talent in mir ausgebildet, Freund

seyn zu können, mich dem geliebten Gegenstande hinzugeben, seine

Eigenheiten, Schwächen und Vortrefflichkeiten zu erkennen, mich zu

überzeugen, wie bei den verdienstvollen Menschen die einen nicht ohne

die andern seyn können, und alle Liebe ohne gegenseitiges Ertragen nicht

möglich ist. Doch, um nicht zu weitläuftig zu werden, sage ich nur, daß

es mir gelang, viele und sehr verschiedene Freunde zu erwerben; doch

hatte ich noch nie das seltsame Gefühl kennen lernen, das mich zu einem

Knaben hinzog, der in unsrer Familie aufwuchs und ein entfernter

Verwandter von mir war. Er hatte nichts mit andern Kindern seines Alters

gemein; er nahm an ihren Spielen nicht Theil; er sonderte sich ab, und

lebte, seine Lehrstunden abgerechnet, ganz einer träumenden Einsamkeit

hingegeben. Da der junge Mensch schon früh seine Aeltern verloren hatte,

so war sein Vormund, ein liebevoller Oheim, sehr um ihn besorgt. Fragte

man Raimund, so hieß der Knabe, was ihm fehle, so antwortete er immer,

ihm sei in der Einsamkeit unendlich wohl; ihn störe das Geräusch der

Welt, er sinne sich und seinen Empfindungen nach. Hauptsächlich schien

ihn eine Wehmuth über das Elend der Welt, über ihre Armuth und Krankheit

zu durchdringen, vorzüglich über die Feindschaft und den Haß, den er so

oft wahrnehmen mußte. Der Vormund wünschte, ihn zum Geschäftsmann

heranzubilden, oder ihm doch die Fähigkeit zu verschaffen, das große

Vermögen, das er für ihn bewahrte, künftig selbst verwalten zu können.

Die Bemühungen aber, den Weichgestimmten mit den Verhältnissen der Welt

bekannt zu machen, schienen immer vergeblich; denn so leichte

Fassungsgabe sein feiner Geist sonst verrieth; wie er in Poesie, Musik

und Natur Alles begriff, und sich das Schwierigste aneignen konnte; so

schien ihm doch der Sinn für gesetzliche Verhältnisse, für alles das,

was Besitz und Eigenthum sichert, für juristische Verwickelungen,

Berechnungen und dergleichen, gänzlich verschlossen. Begriff er doch gar

nicht einmal, wie es möglich sei, daß seine Capitalien Zinsen trügen. Er

hielt dies, als er selbst schon erwachsen war, für ein Ergebniß, welches

nur auf Betrug gegründet seyn könne. Als Jüngling war er die lieblichste

Erscheinung. Wir verhärten uns gewöhnlich, und wohl mit Recht, gegen die

Sentimentalität; weil dasjenige, was die Menge so nennt und schwache

Gemüther interessirt, nur eine Mischung von Heuchelei und falscher

Süßigkeit ist, eine egoistische Zartheit, die gerade da verletzt und roh

tyrannisirt, wo sie Liebe und Weichheit zeigen sollte. Aber in Raimund

offenbarte sich etwas Himmlisches verkörpert, und die naivste Wahrheit,

die edelste Treue und Einfalt bildeten sein Wesen. Ich konnte oft in

Gedanken beklagen, daß er späterhin doch zum Manne reifen und diese

Wunderblume sich in Frucht verwandeln müsse. Er blieb immer

menschenscheu; am meisten aber ängsteten ihn die schwatzenden und

lachenden Mädchengesellschaften. Die meisten Menschen verspotteten ihn;

ich allein verstand sein liebendes Gemüth; doch zitterte ich auch für

ihn, wenn ich voraus dachte, wie ihm wohl einmal ein gleich gestimmtes

weibliches Wesen begegnen könne. Dies geschah, und die Folgen waren

erschreckender, als ich vermuthen konnte. Die schöngebildete Tochter

eines reichen Hauses, schwärmerisch und scheu, lernte ihn kennen. Als

wären die beiden Wesen nur für einander geschaffen, so schnell

verstanden und vereinigten sie sich. Was ihr Glück störte, war der

Oheim, obgleich er seinen Neffen so innig liebte. Er schien der

Ueberzeugung, daß diese Leidenschaft nur zu Beider Unglück ausschlagen

könne; er verweigerte durchaus seine Einwilligung zu ihrer Verbindung,

bis Raimund großjährig geworden sei. Dieser härmte sich und sann und

träumte nur Unglück. Blanka weinte; ihr Gram zog ihr ein Nervenfieber

zu. Nun schien auch Raimund verloren. Er irrte in den Nächten im Felde

umher, er verschmähte fast alle Nahrung, er wollte nur seinem Schmerze

leben und sterben. Als sie die gefährliche Krise überstanden hatte,

erlaubte sich ein Bedienter den grausamen Scherz, um ihn desto freudiger

zu überraschen, ihm zu sagen, Blanka sei gestorben. Der Widerruf kam zu

spät; sein ganzes Leben schien aus allen Fugen gerissen. Es währte nicht

lange, so war er verschwunden; jede Nachfrage, jede Nachforschung

umsonst. Sein Oheim, der Freiherr Eberhard ist außer sich; nun erst

zeigt er, wie sehr er seinen Neffen geliebt; er macht sich die

bittersten Vorwürfe, daß er jene Verbindung gehindert; er zögert noch

immer, als der nächste Erbe, das Vermögen des Unglücklichen als das

seinige zu betrachten; er hofft noch immer auf seine Rückkehr, und

beweint ihn doch schon als einen Verlornen. Blanka war seitdem in einem

fürchterlichen Zustande, ich habe sie nicht wieder gesehn; ihre Aeltern

verließen die Stadt, und ein ungewisses Gerücht wollte sagen, sie habe

den Verstand verloren. Denken Sie nun die Freude, die mir der Brief

machen mußte, der mir eine wahrscheinliche Spur meines jungen Freundes

entdeckt. Wie werde ich den Oheim überraschen, wenn ich ihm etwas

Gewisses melden kann!

Der Arzt war nachdenkend. Eberhard, -- sagte er sinnend, -- ein Mann bei

Jahren, zwei ungleiche Augenbraunen, und eben so ein braunes und ein

blaues Auge? Auch schwebt mir dunkel vor, als habe ich aus seinem Munde

selbst die Geschichte, die Sie mir jetzt mittheilen, gehört; nur

erzählte er die Umstände anders.

Ihre Beschreibung paßt auf ihn, sagte der Rath; er ist von der Natur so

sonderbar gezeichnet, daß man ihn nicht leicht verkennen kann.

Wie seltsam, fuhr der Arzt fort; wenn es dieser seyn sollte! -- Er

spielte in meiner Vaterstadt eine wunderliche Rolle, und bewarb sich

noch ganz kürzlich um eine Schauspielerin, die nicht den besten Ruf

hatte.

Dann ist es dieser doch nicht, sagte der Rath; er lebt einsam,

eingezogen, ja neigt eher zu einer übertriebenen Frömmigkeit hin.

Man kam dahin überein, am folgenden Tage abzureisen; denn im Dorfe eines

einsamen Gebirges sollte der Jüngling, von dem der Rath Nachricht

erhalten hatte, im Hause eines Predigers leben.

* * * * *

Es war einige Zeit verflossen, in der sich der junge Wolfsberg an seinen

Aufenthalt und seine Lage gewöhnt hatte, und da er sich immer ruhig

betragen, so trat eines Tages sein Freund, der kleine Friedrich, in sein

Gemach, that einen kurzen Sprung, zuckte die Schultern, verzog sein

blasses Gesicht zum Grinsen und sagte: jetzt werden Sie einer von den

unsern; der Alte schickt mich, Sie möchten in den Gesellschaftssaal

hinunter kommen.

Sind viele Leute dort? fragte der Baron.

Je nun, eine hübsche Gesellschaft; bald mehr, bald weniger; mancher

reiset dann auch wieder ab, und so habe ich vorige Woche einen meiner

besten Freunde auf der Welt verloren.

Sie traten in den untern großen Saal, und Wolfsberg, der so lange in der

Einsamkeit und im kleinen Zimmer gelebt hatte, war so vom Licht, von der

Gesellschaft und dem weiten Blicke über die Ebne und das Waldgebirge hin

geblendet, daß er sich nur schwer fassen konnte, und einige Zeit

brauchte, um sich mit allen diesen Gegenständen, vorzüglich aber mit den

Menschen in dem großen Gemache bekannt zu machen. Der Direktor ging mit

großen Schritten auf und nieder, noch finstrer, als er gewöhnlich war;

er schien nur seinen Gedanken nachzuhängen, und sich um die Gesellschaft

nicht zu kümmern. Er bemerkte auch den Eintretenden nicht, und

erwiederte nichts auf dessen Gruß. Zwei Männer spielten mit großer

Anstrengung und gespannten Mienen Schach; in einer Ecke las ein Andrer

in einem Buche, lächelte zuweilen, oder schüttelte den Kopf, machte auch

zuweilen Geberden der Billigung, so daß er völlig mit seinem Autor

beschäftigt schien. Auf einem Lehnstuhle war ein Mann eingeschlafen, der

durch sein rothes Kleid auffiel; noch mehr dadurch, daß sein Kopf von

einem großen dreieckigen Hute bedeckt war. Starr nach dem Himmel und

dessen Wolken war der Blick eines Andern gerichtet, der einen Maaßstab

in der Hand hielt, dessen Zolle er dann immer wieder von Neuem

überzählte. Drei seltsame Gesichter standen abseits, und stritten

lebhaft. Der eine von diesen Männern war sehr beleibt; sein Kopf

aufgedunsen, die Augen waren fast verschwollen, er krächzte mehr, als er

sprach, und stach um so mehr gegen seinen schmalen langen Nachbar ab,

dessen Gesicht so dürr und bleich erschien, daß man kaum noch Lippen

darauf wahrnahm, indem die großen blauen Augen aber desto auffallender

hervor leuchteten. Der dritte Redner lachte beständig mit seinem großen,

aufgeworfenen Munde, und zerrte die wundersamsten Linien in seine

kupfrigen Wangen hinein. Wolfsberg sah sich um, von seinem getreuen

Friedrich Einiges über diese sonderbare Versammlung zu erfahren; dieser

aber war verschwunden, und er mußte also selbst Bekanntschaft zu machen

suchen. Er näherte sich den Schachspielern, und sah beim ersten Blick,

daß beide Könige im Schach standen, ohne daß es die Streitenden trotz

ihrer angestrengten Aufmerksamkeit bemerkten; aber seine Verwunderung

stieg noch mehr, als man den weißen Thurm nahm, ihn schräg über das

Brett zog, mit ihm einen Läufer schlug, und ihn darauf neben den König

stellte. Der braune König retirirte nun behende als Springer, und ein

weißer Springer nahm mit einem Satz im Zickzack drei Bauern zugleich

weg. Wie, meine Herren, rief Wolfsberg aus, Sie spielen ja ganz gegen

die ersten Regeln! Was? rief der eine tiefsinnig vom Brett aufsehend;

sehn Sie einmal, durchlauchtiger Kriegsgefährte, der Neuling will uns

wohl Schach spielen lehren? -- Nehmen Sie es dem Grünling nicht übel,

erhabener Mann, antwortete die andere Figur: er ist augenscheinlich

nicht in die Geheimnisse des Cosroes und die alte orientalische

Spielweise eingeweiht; er weiß es ja nicht, daß Sie einer der Urindianer

sind, großer Geist, und will nun seine Fibelweisheit hier scheinen

lassen. Wissen Sie, junger Abendländer, Vandal, oder Gothe, vielleicht

Slave, -- man spielt hier nicht mit Brett und Schritt und Sprung, wie in

den Westländern; unser freier Geist erkennt weder die conventionelle

Würde des Königs, noch den niedern Rang der Bauern, sondern wir spielen

nach Sympathie, in jenem Geist, der alle Welten nach unsichtbaren

Gesetzen zusammenhält! In jeder Nacht hat mein Freund eine neue

Inspiration, am folgenden Tage bin _ich_ inspirirt; dann erräth der

andre durch hochgetriebenen Instinkt, welch neues System sein Mitspieler

ersonnen hat und geht in seine Mysterien ein. Das ist gar eine andre

Vielseitigkeit, als das moderne Hin- und Herrutschen der Figuren.

Schriften 17: Novellen 1 · 第 12 / 24 段