Kreise nie mehr zur Last zu fallen; denn diese prunkende Gleißnerei ist
mir neulich deutlich genug geworden. Wie danke ich es dem wackern Manne,
der mir diese Binde vom Auge schüttelte.«
»Du meinst den Graf Brandenstein?« sagte jener: »Du nimmst also die
Partei des Bösen gegen den Frommen, der Sünde gegen die Tugend?«
»Lassen wir jetzt diese Reden,« antwortete Alfred, »ich fühle mich, seit
ich diesen Mann kennen gelernt habe, mündiger.«
»Wissen Sie denn,« fiel der Baron ein: »etwas von der Geschichte? Der
Wilde, der Amerikaner, soll ja nun angekommen seyn, ein gefleckter,
kupfriger Mensch, mit Haaren wie Schuppen oder Stacheln. Auch sagen die
Leute, dies unbändige Thier würde die störrige Dorothea heirathen.«
»Man weiß nichts Gewisses,« sagte Alfred: »der Amerikaner wird übrigens
wohl ein Mensch wie alle seyn, und folglich ist sie mit ihm wohl
glücklicher, als mit dem Baron Wallen.«
»Den Du nicht zu schätzen verstehst,« rief der Offizier, indem er sich
nach einer kleinen Verbeugung entfernte.
»Sie meinen,« fuhr der Baron fort: »ein wohlerzogenes Mädchen könnte mit
einem solchen See-Ungeheuer glücklich leben? Aber freilich müssen im
Leben wohl vielerlei Arten von Glück verbraucht werden, damit Jeder
etwas bekommt, was für ihn paßt; und wie ich höre, ist ja die hübsche
Dorothea so gottlos, daß vielleicht der gottloseste Menschenfresser für
sie nicht zu schlimm ist.«
»Sie sind unrecht berichtet,« antwortete Alfred, und wollte eine
Erzählung anfangen, als die freundliche Sophie herbei hüpfte, um ihn zu
erinnern, daß er mit ihr zur Quadrille versprochen sei. Der Baron trank
indessen, und versprach dem Fräulein Erhard die nächste Polonaise, auf
jeden Fall aber den fröhlichen Kehraus mit ihr zu tanzen.
* * * * *
Als man in jener Nacht Dorotheen vermißte, und der Baron die Geschichte
seiner unglücklichen Werbung mitgetheilt, gerieth das ganze Haus in die
größte Verwirrung. Man sendete Boten mit Lichtern aus, aber alle kamen
in der stürmischen Nacht ohne Nachricht wieder. Die Mutter war sehr
unruhig, und schien sich Vorwürfe zu machen, daß sie ein heftiges
Gemüth, das sie an ihrer ältern Tochter kannte, zu weit getrieben habe.
Sie schlief nicht, sondern irrte im Hause umher, und die beiden jüngern
Töchter suchten sie zu trösten. Am Morgen erschien ein Bote von der Frau
von Halden, der der Baronesse ein Billet übergab, und bald darauf fuhr
eine Kutsche vor, aus welcher Dorothea stieg, welche die Mutter mit
gezwungener Fassung aufnahm. Man sprach nur wenig, aber kein Wort des
Vorwurfes ließ sich vernehmen, eben so wenig konnte die Tochter eine
Entschuldigung vorbringen.
Der Baron, welcher Alles ängstlich und verwirrt beobachtet hatte, sagte
endlich, als er sich mit der Baronesse allein sah: »Dies Blatt hat ja
Wunder gethan! Von allem, was Sie sich gegen das ungerathene Kind
vornahmen, ist nicht das Mindeste geschehen, Sie sind im Gegentheil
gütiger als jemals gegen sie. Darf ich nicht wissen, von wem es kommt,
und was es enthält?«
Die Baronesse erröthete. »Es kommt von dem Brandenstein,« sagte sie mit
ungewisser Stimme: »doch enthält der Schluß die gröbste Verläumdung.«
Der Baron las: »Im Fall Sie, wie ich gewiß hoffe, Ihre edle, trauernde
Tochter freundlich aufnehmen, sie unter keinem Vorwande quälen, an die
Ehe mit dem Baron Wallen nicht mehr denken, so verspreche ich Ihnen das
Capital, welches der Baron an Sie zu fordern hat, und außerdem ein
bedeutendes Darlehn, beide ohne Zinsen, auf unbestimmte Zeit. Zwingen
Sie mich nicht, gegen Sie aufzutreten, es möchte sonst manches bekannt
werden, was sich nicht zu dem Tugendbilde eignet, das die Welt in Ihnen
bewundert. Gewiß darf ich mich unterschreiben
Ihren Freund
_G. Brandenstein_.«
»Dieser Zettel besagt,« schmunzelte der Baron: »daß unser heroischer
Graf über ansehnliche Summen zu disponiren hat, und daß sein
amerikanischer Freund oder Schützling, dessen Hofmeister und Verwalter
er spielt, so ziemlich blödsinnig seyn mag, ganz so, wie ich mir vom
Anfange die Sache gedacht habe. Der edle Mann wird nach Umständen seine
Hand tief in den Beutel des fremden Wunderthieres tauchen, und so
verschwindet denn bei näherer Prüfung bei jedem aufgedunsenen Cato die
falsche Vergoldung, und setzt sich in Kupfer um.«
Die Sache bekam aber doch einen andern Schein, als am folgenden Tage ein
Brief des Grafen anlangte, in welchem er für seinen reichen Amerikaner
um die Hand Dorotheens anhielt. Er hätte sich überzeugt, so schrieb er,
daß sein Freund, da er ihn genau kenne, nur mit diesem Wesen glücklich
seyn könne.
Dorothea, die ganz in ihren Gedanken und Empfindungen verloren war,
erschrak über diesen Antrag; sie lehnte ihn heftig ab, ihr Herz
verzweifelte, daß der Graf, der ihre ganze Seele gesehn hatte, diesen
Vorschlag thun konnte. Also kein Gefühl, seufzte sie im Stillen, nicht
das kleinste für mich, die ich ihn nur denke und träume.
Auf die abschlägige Antwort der Mutter erfolgte ein noch freundlicherer
Brief des Grafen, er bat für seinen Unbekannten, der binnen Kurzem
erscheinen würde, nur um die Erlaubniß, sich zeigen zu dürfen, daß
Fräulein Dorothea ihn so viel würdigen möge, ihn und seine Gesinnungen
kennen zu lernen.
Auf diesen Antrag hatte Dorothea nichts erwiedert. Im stummen Schmerz
beachtete sie die Zeit nicht, und ihre Angehörigen mußten ihr anzeigen,
es sei nun Tag und Stunde da, in welcher der sonderbare Freiwerber
auftreten würde. Frau von Halden war als Freundin zugegen. Ein Postzug
englischer Pferde sprang vor, ein kostbarer Wagen und Domestiken
erschienen. Dorothea war im Gartensaal einer Ohnmacht nahe. Brandenstein
trat hochzeitlich geschmückt in der Schönheit des Mannes herein. »Und
ihr Freund?« fragte die Mutter. »Nur die theure, geliebte Dorothea ist
es,« antwortete er, auf diese zueilend: »von welcher mein Scherz
Verzeihung erflehen muß, ich bin der Amerikaner selbst, jene Herrschaft
ist nun endlich mein, und meinem Glücke fehlt nur noch ein Wort von
diesem holdseligen Munde.«
Dorothea blühte auf, sah ihn mit einer Thräne im glänzenden Auge an und
reichte ihm ihre Hand. »Wir fahren sogleich, meine Theuern,« indem er
Alle begrüßte: »auf das nächste Gut, welches bisher der Frau von Halden
zugehörte: ich habe die Erlaubniß zur Trauung, das Haus ist geschmückt,
der Geistliche wartet.«
Nur der Brautkranz ward dem Mädchen in das Haar geheftet, dann stiegen
Alle in den Wagen. Der Graf umarmte seine Braut, und drückte den ersten
Kuß auf ihre Lippen. »Durfte ich diese Seligkeit hoffen?« sagte er mit
Thränen: »mußte mir die Liebe dieser reinen Seele begegnen? Dasselbe
Kind wird die Freude meines Lebens, welches ich vor Jahren, neben Deinem
theuren Vater sitzend, auf den Knieen wiegte? Sieh, hier bist Du in
jener Sturmnacht verzweifelnd gewandelt. In demselben Zimmer erwartet
uns der Geistliche, in welchem Du damals der Freundin das Bekenntniß
ablegtest, das mich wie Blitze durchdrang.«
Dorothea war so glücklich, so vom Schmerz zur Wonne erwacht, daß sie nur
wenig sprechen konnte. -- Die ganze Provinz ertönte von dem Reichthum
des Grafen, von dem wunderbaren Glück des Fräuleins, und alle Nachbarn
waren Zeugen dieser glücklichen Ehe.
Als Alfred sich mit Sophien verlobte, meldete auch der Baron Wilden
seine Verbindung mit dem Fräulein Erhard. Den Freunden, die sich darüber
wunderten, antwortete er: »Seht, besten Leute, Einsamkeit und Langeweile
machen viele Dinge möglich; dazu hat meine Braut viele gute
Eigenschaften, und ist viel lustiger geworden, als sie ehemals war. Auch
bemüht sie sich außerordentlich um meine Bekehrung, und das ist nichts
Leichtes, da in meinem fetten Körper meine Seele so viel tiefer liegt,
als bei andern Menschen. Ich bin nun auch bald auf meine Weise fromm,
sorgt nur dafür, daß die Sache hübsch in der Mode bleibt, damit ich
nicht wieder einmal, wie ein Krebs, rückwärts gehn muß.«
Nach einiger Zeit fanden der Baron Wallen und die Baronesse es auch
besser, sich durch die Ehe zu verbinden, da er keine der Töchter
erhalten konnte, und ihm der Umgang dieser Familie doch unentbehrlich
geworden war.
Alfred lebte nachher viel im Hause des Grafen, dessen Geschäftsträger er
war, und noch oft erinnerte sich Brandenstein mit Entzücken, daß das
Schicksal es ihm gegönnt habe, in seiner Gattin die edle Perle zu
finden, die von ihrer ganzen Umgebung und von den nächsten
Blutsverwandten so gänzlich verkannt wurde.
Die Reisenden.
Novelle.
Es war an einem schönen Sommernachmittage, als drei junge Männer in
lebhaften Gesprächen im schattigen Lindengange auf- und niederwandelten.
Keiner kannte den Andern genau; noch weniger waren sie Freunde: und
daher betraf ihre Unterhaltung auch nur unbedeutende Gegenstände. Doch
wurde laut und sogar heftig gesprochen, weil der jüngste der Redenden es
seinem Charakter und ausgezeichnetem Verstande angemessen hielt, seine
Gedanken und Meinungen nicht ruhig, sondern in einem gewissen zänkischen
und anmaßenden Tone vorzutragen, durch welchen er vielleicht seine
Gegner eher zum Schweigen zu bringen, wenn auch nicht zu überzeugen
glaubte. Sie sind, wie Sie mir gesagt haben, Arzt (so rief er eben jetzt
aus), und als ein solcher haben Sie sich seit Jahren gewöhnt, das ganze
Menschengeschlecht aus dem Gesichtspunkte der Kränklichkeit anzusehen.
Wir Gesunden aber werden uns gewiß nicht so leicht, Ihrem Metier zu
Gefallen, unsre feste Ueberzeugung nehmen lassen.
Mein Herr von Wolfsberg, erwiederte der Arzt, von meinem Metier, wie Sie
es zu nennen belieben, kann hier gar nicht die Rede seyn.
Ja wohl, sagte der dritte Sprechende, welcher der Ruhigste schien. Wie
kommen wir denn überhaupt dazu, zu streiten? Wir reden ja nur über
allgemeine Gegenstände, die unmöglich einen von uns persönlich aufreizen
können.
Warum nicht, mein ruhiger Herr Justizrath? rief der Baron noch lebhafter
aus; denn gewiß können wir über die Leidenschaften nur dann etwas
Bedeutendes aussprechen, wenn wir sie im eignen Herzen erfahren haben,
und es scheint wohl, daß Sie alle Ihre klügelnden Beobachtungen nur aus
mittelmäßigen Büchern schöpften.
Wenn Sie die Sache schon vorher abgemacht haben, antwortete der ruhige
Mann, so thäten wir wohl besser, das ganze Gespräch zu schließen.
Es wandelt sich in der anmuthigen Kühle gut, sagte der Arzt; ereifern
wir uns nicht, gönnen aber dem Herrn _Baron_ diese Motion, die ihm nach
dem Mittagsmahle wohl zuträglich seyn mag, da lebhaftere Geister und
Temperamente auch im Verlauf des Tages mehr Lebenskraft verbrauchen, als
wir übrigen.
So ist es, erwiederte der Baron mit vieler Selbstgenügsamkeit. Und ist
es denn wohl anders mit der Liebe, über welche sich unser Streit anhob?
Will ich es denn den sanften, stillen Gemüthern zum Vorwurf machen, wenn
sie meinen und behaupten, ein einziger Gegenstand könne ihre Seele für
die ganze Lebenszeit ausfüllen? Giebt es doch auch Menschen, die nur
wenige Gedanken brauchen, noch weniger Bücher; die einen Monat lang sich
an einer Flasche Wein vergnügen; die bei einem Schmause anderthalb
Austern verzehren, und wenn sie in jedem Frühling einen Spaziergang mit
der ganzen auferbauten Familie gemacht haben, die Natur dann wieder, wie
eine Bude, bis zum künftigen Jahre verschließen. Lassen wir diese
genügsamen Lämmerseelen in ihrer stillen Friedfertigkeit; nur stelle man
sie uns nicht als Muster hin, wenn sie sich in grünen Tagen in eine
verblaßte Amarillis vergaffen, und nachher mit erkaltetem Herzen in
alberner Treue ihr Leben verwinseln, stolz sind auf diese felsenfeste
Tugend, und auf feurige Gemüther, auf Herzen, die der Fülle und des
jugendlichen Wechsels bedürfen, mit moralischer Verachtung hinab blicken
wollen.
Nach einigen Erwiederungen ließ man dies Gespräch fallen, weil es
deutlich wurde, daß der Edelmann nur sich selbst und seinen
Leidenschaften das Wort reden wollte. Wohin gedenken Sie von hier zu
reisen? fragte endlich der Arzt.
Ich weiß es selbst noch so eigentlich nicht, antwortete der Baron: und
wenn ich es auch wüßte, so würde ich es Ihnen nicht sagen.
Warum das?
Weil das eben, fuhr jener fort, auch zu meinen Eigenthümlichkeiten
gehört, weßhalb mich so viele bürgerliche Menschen mit dem Namen Genie
verlästern wollen. Wenn ich so recht eigentlich zur Lust reise, so halte
ich mir die ganze Welt mit ihren erfreulichen Zufällen offen; ohne Paß,
ohne Briefe, ohne Bedienten oder Kutscher, ohne alle die Zugaben, die
unser Leben nur belästigen, tauche ich, wie die Schwalbe in die blaue
Luft, in die Schönheit der Natur hinein, und hinter mir muß jede Spur,
so wie die der Welle im Strome, verschwinden. An einige Häuser ist schon
im voraus geschrieben, wo ich Gelder finde, wenn ich sie brauche, doch
führe ich so viel mit mir, als ich nöthig zu haben glaube. Dient es mir,
so wechsle ich auch mit meinem Namen; und so wissen Sie von mir nur so
viel, als ich für gut befunden habe, Ihnen mitzutheilen, und können
nicht darauf wetten, daß der Name, den ich Ihnen genannt habe, mein
wirklicher sei.
Sie können, sagte der Justizrath, auf diese Weise aber neben manchen
angenehmen Zufällen auch auf sehr widerwärtige stoßen.
Jede Verwicklung wird sich doch nur lustig lösen, und wer die Menschen
will kennen lernen, sollte durchaus nur in meiner Manier reisen.
Der Arzt konnte sich nicht entbrechen, die Frage zu thun: Was nennen Sie
Menschenkenntniß? Da Sie die meisten Menschen schon vor der Untersuchung
für _Narren_ halten, so lohnt es sich schwerlich der Mühe, sie noch zu
beobachten.
Zugegeben, rief jener, Sie thäten mir nicht so ganz Unrecht; ist denn
nicht noch immer an den verschiedenen Modificationen eines und desselben
Stoffes zu lernen? Ist es denn nicht auch erhebend und beruhigend, sich
selbst an diesem und jenem zu messen? Das scheint mir eben die ächte
Humanität, keinen zu verschmähen, und aufzumerken, welche Thorheit wir
schon abgelegt haben, welche wohl noch unentwickelt in uns ruht, zu
welcher wir keine Anlage spüren, warum _wir_ uns für besser als andere
halten dürfen, um so in uns hochfahrenden Stolz und kleinmüthige
Bescheidenheit in das gehörige Gleichgewicht zu setzen.
Dann thäten Sie aber vielleicht besser, erwiederte der Arzt mit
übertriebener Höflichkeit, sich gleich an die wahre Quelle zu begeben,
und sich die mühseligen Umwege zu ersparen.
Und wo flösse diese?
Wie die Engländer, fuhr der Arzt fort, sich in Deutschland gern in
Pension geben, um unsere Sprache zu lernen, so sollte ein Kosmopolit,
der sich so für das, was man Narrheit nennt, begeistern kann, geradezu
vor die rechte Schmiede gehn, und sich ein Jahr lang in einem gut
versehenen Narrenhause als Kostgänger verpflegen lassen.
Sie sind ein Arzt! rief der Baron in der größten Erbitterung: man sagt
mir, Ihre Reise sei auf diese Anstalten gerichtet, vielleicht um die zu
finden, die Ihnen am meisten behagt, und sich dort niederzulassen. -- Er
warf noch einen grimmigen Blick, dann eilte er schnell den Lindengang
hinunter.
Sie haben unsern edeln Unbekannten überrascht, sagte der Justizrath: wir
werden seine theuere Gesellschaft darüber verlieren.
Er ist unerträglich, rief der Arzt aus. Sie haben es selber gehört,
welche Geschichten er von sich an der Wirthstafel erzählt, wie alle
Weiber ihm entgegen kommen, mit welcher Leichtigkeit er Liebschaften
anknüpft und wieder löst. Gestern vertraute er mir, daß er seine Heimath
plötzlich verlassen habe, weil ein unglückliches Mädchen gegründete
Ansprüche an ihn mache. Die Arme wird nun vielleicht mit einem Kinde
ihres Jammers nach ihm aussehn, indessen er sich mit seiner feigen
Gewissenlosigkeit wie mit einer Tugend brüstet, und nach neuen
Schlachtopfern seines verderbten Herzens sucht.
Der Justizrath meinte, er sei vielleicht nicht ganz so schlimm, sondern
möge wohl zu jener armseligsten Gattung von Prahlern gehören, die sich
mit einer Verworfenheit brüsten, zu der ihnen doch der Muth ermangle.
* * * * *
Der junge Baron war indessen zornig ins Feld gelaufen. Er mußte sich
seine Verdienste in den glänzendsten Farben dicht vor das Auge rücken,
um seinen Verdruß zu überwinden. Indessen stellte sich bald seine gute
Laune wieder ein, besonders durch Aussicht auf ein nahes und
freundliches Abenteuer, das seiner Eitelkeit schon im voraus
schmeichelte. Auf dem Walle, welchen große Linden schmückten, hatte er
hinter einem Gitterfenster ein schönes blondes Köpfchen, einen
blendenden Hals und Nacken bemerkt; schöne Augen hatten ihm nachgesehn,
ein freundlicher Mund hatte ihn angelächelt, und ein dreister Gruß war
ihm endlich bei seinem dritten Vorüberwandeln entgegen gekommen. Er
hatte die Schöne auch in der Ferne nicht ganz aus dem Gesichte verloren:
er wollte nur die zunehmende Dämmerung und die größere Einsamkeit der
Gegend abwarten, um sich ihr zu nähern, Bekanntschaft zu machen, und
sie, wenn die Umstände sich günstig erwiesen, zu besuchen. Er
betrachtete sich selber wohlgefällig und ging mit Behaglichkeit die
Scenen seines bunten Lebens durch, indem er sich vornahm, daß diese
phantastische Reise ihm noch angenehmere Abenteuer zuführen solle.
Wieder schaute das Lockenköpfchen durch das Gitter, lächelte, winkte und
zeigte sich sehr erfreut, als es den geputzten, schlanken Spaziergänger
von Neuem vorbei gaukeln sah. Der Abend nahte schon, die Sonne ging
unter. Er benutzte die Einsamkeit, um zu grüßen, stehn zu bleiben, und
mit fragender Geberde auf die Thür zu deuten. Sie nickte und entfernte
sich schnell. Er öffnete die Thür und stieg die Treppe hinauf. Sie
empfing ihn oben; »nur leise, leise!« flüsterte sie, indem sie ihn in
ihr Zimmer führte. So viel er in der Dunkelheit unterscheiden konnte,
fand er das Gemach zierlich ausgeschmückt; er bemerkte, daß seine
Führerin in Atlas gekleidet war. »Liebchen!« sagte sie mit leiser
Stimme, »gedulde dich hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei
dir; ich will mich nur putzen und Licht bringen. Aber rühre dich nicht,
daß meine Feinde dich nicht gewahr werden!«
Mit diesen Worten ging sie in ein Nebenzimmer. Dem Abenteurer fing an,
unheimlich zu Muthe zu werden. Da schlich man leise die Treppe herauf.
Er besorgte einen Ueberfall und wußte nicht, welchen Entschluß er fassen
sollte; doch trat Niemand ein, aber er wurde zu seinem Erstaunen gewahr,
daß man von außen die Thür verschloß. Als er jetzt von unten eine
männliche Stimme zu einem andern sagen hörte: er ist drinnen; er kann
uns nicht entwischen! so sträubten sich ihm die Haare vor Entsetzen.
Sein Schauder wurde aber noch vermehrt, als jetzt die Schöne mit einer
brennenden Wachskerze wieder in das Zimmer trat. Hals und Busen waren
fast ganz entblößt und schimmerten wie Marmor; ihr Auge strahlte in
seltsamem Glanze, ein Diadem von Goldpapier stand auf dem Haupte, große
Glasperlen hingen auf den weißen Schultern, Stroh und Blumen rankten
sich um den Leib. So schritt sie mit Lachen und wilder Geberde auf den
Geängsteten zu, der seine Gedanken noch nicht ordnen konnte, als die
andere Thür wieder aufgeschlossen wurde, die räthselhafte Schöne mit
einem lauten Schrei das Licht fallen ließ, und zwei starke Männer den
Verwirrten in der Dunkelheit faßten, ihn die Treppe mehr hinunter trugen
als führten, und ihn unten schnell in einen offen stehenden Wagen
warfen. Ehe er noch fragen, sprechen, sich besinnen konnte, war die Thür
des Wagens zugeschlagen, und im schnellsten Trabe fuhr dieser mit ihm
durch die finstre Nacht über das Feld davon.
* * * * *
Am andern Morgen kam der Arzt in Eile und großer Bewegung zum Rathe. Was
ist Ihnen? fragte dieser: es muß etwas Außerordentliches begegnet seyn.
Theuerster Walther, rief der Arzt aus, unser Beisammensein, mein
Aufenthalt wird plötzlich auf die unangenehmste Weise gestört und
unmöglich gemacht. Sie haben ja zuweilen einen jungen Menschen in meiner
Gesellschaft gesehen, der uns oft genug lästig fiel. Dieses Original,
schon einfältig, stumpf und zugleich leidenschaftlich von Natur, durch
eine verwahrlosete Erziehung aber völlig zum Thoren gemacht, ist mir von
seinem Vater, einem reichen Grafen in Schwaben, in der Hoffnung
anvertraut worden, daß eine Reise unter meiner Aufsicht ihn vielleicht
bessern und von seinem verwirrten Zustande befreien könnte. Ich nahm
damals diesen mißlichen Auftrag sehr ungern über mich, und würde mich
gar nicht darauf eingelassen haben, hätte ich die unzähligen
Verdrießlichkeiten vorher sehn können, die mit demselben verknüpft sind.
Das hätte ich aber niemals vermuthet, daß dieses drückende Verhältniß
mich von Ihnen trennen und meine Freiheit völlig aufheben würde.
Aber wie ist dies möglich geworden? fragte der Rath.
Sie sollen es gleich hören, war die Antwort. Nachdem dieser junge Mensch
schon tausend Händel angezettelt, die ich wieder habe schlichten müssen,
oft durch Geld, zuweilen mit guten Worten, immer aber auf Unkosten
meiner Zeit und guten Laune, hat er es seit gestern Abend für gut
gefunden, sich unsichtbar zu machen. Ich habe schon zu allen Bekannten
geschickt, auf der Post Erkundigung eingezogen, in allen Wirthshäusern
nachgefragt: aber man will nirgend von ihm wissen. Es würde mir keine
große Sorge machen, wenn er nicht Mittel gefunden hätte, Schrank und
Schatulle zu öffnen, und hundert Goldstücke, so wie bedeutende Wechsel
mitzunehmen; dies überzeugt mich, daß er gesonnen ist, seine
Bekanntschaft mit mir nicht zu erneuern, so lange diese Summen
vorhalten. Ich darf den Thörichten nicht seinem Schicksal überlassen,
sondern muß ihn wieder zu finden suchen; dies ändert mein Reiseprojekt.
Ungern nur würde ich ihn in öffentlichen Blättern auffordern und
kenntlich machen.
Und Sie glauben nicht, fragte der Freund, daß er mit diesem Gelde in
seine Heimath zurückgekehrt sei?
Auf keinen Fall, erwiederte der Arzt; es liegt ihm zu viel daran, frei
und ungehindert in der Welt umher zu schwärmen. Seine Leidenschaft ist,
allenthalben Händel anzufangen und in gemeinen Trinkstuben Zank zu
erregen; er freut sich dann, einige Stunden auf der Wache zu sitzen, um
nachher als Graf Birken ausgelöst zu werden. Am schlimmsten aber ist es,
daß er mit Kammermädchen und Aufwärterinnen Liebeshändel anspinnt und
ihnen die Ehe verspricht; und ich muß am meisten fürchten, ihn auf diese
Weise verheirathet wieder zu finden.
Und was denken Sie nun zu thun?
Ich muß ihn aufsuchen, und wenn ich ihn in einigen Wochen nicht wieder
antreffen sollte, die ganze Sache seinem Vater melden.
Ein Diener trat eilig herein, gab dem Rathe einen Brief und entfernte
sich wieder. Walther las und wurde nachdenkend. Verweilen Sie noch zwei
Tage hier, sagte er endlich, und ich reise vielleicht mit Ihnen. Ich
suche ebenfalls einen Verlornen, der mir und seinen Freunden schon seit
Jahr und Tag aus dem Gesichte gekommen ist, einen jungen Mann, der Ihrem
Entflohenen freilich auch nicht auf das Entfernteste gleicht. Ich glaube
jetzt auf seiner Spur zu seyn, und wenn Sie unterdessen den
Entsprungenen nicht wieder kommen sehen, oder keine bestimmte Nachricht
über seinen Aufenthalt empfangen, so könnten wir die Reise, die wir uns
vorgesetzt hatten, immer noch in Gesellschaft unternehmen.
Der Arzt war derselben Meinung, und man versprach sich, am andern Tage
eine nähere Abrede zu treffen.
* * * * *
Der verschlossene Wagen fuhr mit dem jungen Baron die ganze Nacht
hindurch fort. Allenthalben waren schon Pferde in Bereitschaft, und da
der Mond sehr hell schien, konnte man so schnell, wie bei Tage reisen.
In den dicht verhängten Wagen fielen nur wenige Strahlen hinein; doch
bemerkte der Entführte, daß ein Mann an seiner Seite, und ein anderer
ihm gegenüber saß. Als er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte,
wollte er seinen Gesellschaftern Rede abgewinnen; aber sie beantworteten
keine seiner Fragen oder Bemerkungen. Wohin führt man mich? rief er
endlich in der größten Ungeduld. Ruhe! antwortete der starke Mann, Alles
wird sich aufklären. -- »Man verkennt mich, man verwechselt mich mit
jemand anderm!« -- »»Nichts weniger.«« -- »Was hat man mit mir vor?« --
»»Morgen am Ort Ihrer Bestimmung werden Sie Alles erfahren.««