»Gewiß, gnädigste Frau,« sagte der greise Diener, »das Fräulein ist ein

Engel, alle Leute im Dorfe sehn sie auch so an; was sie nur von ihrem

Taschengelde sich absparen kann, was sie an Kleidern irgend entbehrlich

findet, wendet sie auf die Armuth, aber das Schönste dabei ist die

freundliche, stille Art, und wie sie die Leute beruhigt, und die Kranken

tröstet, und die Kinder zum Gehorsam gegen die Aeltern ermahnt, die oft

unwirsch sind: -- ja, wir sollen schweigen, denn das hat sie uns strenge

befohlen, wir haben es auch Jahre lang gethan, aber einmal verschnappt

man sich denn doch. Verzeihung, gnädige Frau.«

Diese Reden fielen vor, indem man aufstand; die Baronesse zitterte; der

Baron suchte mit feierlichem Gesicht und Anstand, indem er der Mutter

die Hand küßte, die Sache gut zu machen; der Graf empfahl sich mit

wenigen Worten, und Alfred begleitete ihn; die übrige Gesellschaft ging

in den Gartensaal.

»Es thut nicht gut,« sagte die Mutter, »wenn böse Menschen über unsere

Schwelle treten.«

»Ihnen folgt kein Segen des Himmels,« fügte der Baron hinzu.

»Welch ein Mittag!« rief die Baronesse, »ich werde ihn lange nicht

vergessen! Solche Menschen fehlen uns noch in unsrer Nähe, um mein armes

abtrünniges Kind ganz unglücklich zu machen. Aber auch Sie, Herr Sohn,

nahmen an dem gottlosen Menschen mehr Antheil, als ich oder die fromme

Kunigunde wünschen können.«

»Mich dünkt aber,« sagte Kunigundens Gatte, »daß er manches ganz

Vernünftige sprach; ich glaube auch, daß die Frömmigkeit zu weit gehe,

und daß manche Frauen sich zu viel einbilden können.«

Da sah ihn der Baron mit einem langen strafenden Blicke an, den der Arme

nicht aushalten konnte, und als jetzt Kunigunde laut zu weinen anfing,

die Mutter ebenfalls weinend diese in die Arme nahm, um sie zu trösten,

konnte er gerührt die bereuenden Thränen nicht länger zurück halten; er

stürzte sich auch an den Busen seiner Gattin, schluchzend und um

Verzeihung bittend. »Sein Sie alle beruhigt,« tröstete feierlich der

Baron, indem er den Blick zum Himmel erhob: »der Herr wird Alles gut

machen, denn heut Abend, wie Sie mir gesagt haben, verlobt sich mir

jenes verhärtete, uns dennoch theure Herz, durch meine schwache Hülfe

wird der Geist sie dann erleuchten, und wir alle werden Ein Herz und

Eine Liebe seyn.«

* * * * *

Weinend hatte sich Dorothea in ihr Zimmer geschlossen. So zerstört,

unzufrieden mit sich und der Welt, so ganz verloren und elend hatte sie

sich noch nie gefühlt. Sie war tief beschämt, daß die einfache Art, sich

der Armen anzunehmen, die ihr die natürlichste dünkte, plötzlich durch

die Einfalt des Dieners war bekannt worden; aber es schien ihr auch zu

hart, wie die eigne Mutter sie deshalb vor allen Gästen behandelt hatte,

am schmerzhaftesten aber war es ihr, daß es in Gegenwart des Mannes

geschah, den sie verehren mußte, der ihr Vertrauen gewonnen hatte, und

dessen Achtung sie sich ebenfalls wünschte.

Es war finster geworden, ohne daß sie es bemerkte, als der Diener

klopfte, und sie zur Mutter und der Gesellschaft herab zu kommen bat.

»Mutter!« sagte sie vor sich hin: »Mutter! welch schönes Wort! Warum

habe ich keine kennen gelernt?«

Sie ging hinab, im Saale saß die Familie versammelt, auch der junge

Offizier war gegenwärtig. Indem Dorothea herein trat, fiel ihr erst

wieder ein, weswegen sie gerufen werde. Ein Fieberfrost überfiel sie.

Alle begrüßten sie als die Braut des Barons, die Mutter sagte

freundlich, sie wolle ihr jetzt das Betragen des heutigen Tages

verzeihn, die Schwestern wünschten der Betrübten Glück, und der Baron

bedeckte ihre zitternde Hand mit zärtlichen Küssen. »Sein Sie ruhig,

sein Sie glücklich,« sagte er mit sanftem Tone, »von heut an werden Sie,

Geliebte, ganz zu uns gehören, und dieser Mensch wird das Haus nicht

mehr betreten; wohl hatten Sie Recht, und der Himmel sprach aus Ihnen,

daß ein solcher Elender nicht wandeln darf, wo wir unsre Schritte

setzen.«

»Elender?« rief Dorothea, und riß ihre Hand so gewaltsam weg, daß der

Baron zurück taumelte. »Sie sind ein frecher Mensch, daß Sie einen

solchen Mann so zu lästern wagen!«

»Himmel!« schrie die Mutter, »sie hat den Verstand verloren! Ein böser

Geist spricht aus ihr.«

Dorothea besann sich wieder, sie sah das Erstaunen der Umgebenden und

suchte sich zu sammeln. »Ich bin so erschüttert,« fing sie an, »ich

fühle mich so bewegt, vielleicht daß eine Krankheit -- nur einen

Augenblick will ich mich im Freien abkühlen.«

»In diesem Wetter?« sagte die Mutter, »in diesem Sturm und Regen, so

ohne Tuch, in Deiner dünnen Bekleidung?«

»Es muß seyn! es muß!« rief sie aus, und hatte schon, ohne auf die

Uebrigen zu hören, die Saalthüre geöffnet, und stand im finstern kalten

Garten. Da der Regen ihr entgegen schlug, so wandte sie sich in den

bedeckten, dicht verflochtenen Gang, und ging hastig auf und nieder.

»Ihm, dem Widerwärtigen,« sagte sie zu sich selbst, »auf immer

verbunden? So tief, so tief herabgewürdigt? Und für wen? Für Jene, die

es mir niemals danken werden, die dann wieder thun, als sei mir dadurch

die größte Wohlthat erwiesen worden? Meine Seele retten? Verloren geht

sie hier, vernichtet wird sie!«

Ein dunkler Schatten kam auf sie zu, und an der lispelnden, sanften

Stimme erkannte sie sogleich den Baron. »Meine Gute,« fing er an, »Ihre

liebe Mutter und wir alle erwarten Sie drinnen mit banger Besorgniß;

mein Herz fließt in Zärtlichkeit über, da ich Sie schon als meine

Gattin, und die Mutter meiner frommen Kinder betrachte.«

»Himmel!« rief sie aus, »das bedachte ich nicht einmal, daß mein Elend

sich auch so weit erstrecken kann, Heuchler und böse Egoisten aus meinem

Blute entsprießen zu sehen. Aber wenn mir auch dies Unglück nicht würde,

so kann ich doch nie die Ihrige werden.«

»Wie?« rief der Baron, »und das feierliche Versprechen, welches Sie heut

Morgen in die Hände Ihrer Mutter legten?«

»Und wenn ich es einem Engel vom Himmel gethan hätte,« sagte Dorothea,

»so kann ich es nicht halten! Ja, wenn schon die Trauung geschehen wäre,

so müßte man uns doch wieder trennen!«

»Seltsam, mein Fräulein! Bedenken Sie auch die Folgen?«

»Welche können es seyn? Alles ist zu tragen gegen das unabsehbare Elend,

das meiner wartet.«

»Wissen Sie auch, daß es Ihre Mutter fordern kann? Wissen Sie, daß diese

mir verpflichtet ist, was ich bis jetzt mit der Geduld der Liebe trug

und verschwieg, in der Hoffnung, Ihrer Familie anzugehören? Fragen Sie

sich, ob Sie unter diesen Umständen die Verpflichtungen Ihrer Mutter

nicht lösen müssen, wenn Sie für eine gute Tochter gelten wollen?«

»Nein!« rief das Mädchen in der allergrößten Anstrengung, »lieber mit

ihr darben, für sie arbeiten, ja, für sie sterben!«

»Es giebt aber doch noch Mittel,« sagte der Baron halb lachend, »solchen

Starrsinn zu beugen; die Rechte der Aeltern sind groß, und offenbar sind

Sie jetzt Ihrer Sinne nicht ganz mächtig; etwas Bitte, etwas Gewalt wird

schon den kindischen Willen brechen.«

Er hatte heftig ihren Arm gefaßt, und war bestrebt, sie nach dem Hause

zu ziehen; aber das starke Mädchen riß sich behende los, und floh durch

den Gang, der Baron ihr nach, sie aber, die leichter war und die

Verschlingungen des Gartens besser kannte, war ihm bald weit voraus;

jetzt war sie an der offenen Grenze des Parks, sie überschritt auch

diese, und rannte nun über das Blachfeld wie ein gejagtes Reh, indem

abwechselnd Regen sie durchnäßte, und Sturm ihre zarten Glieder

erstarren machte.

* * * * *

Die Frau von Halden saß behaglich in ihrem Stübchen, indem die Bäume

draußen der Sturm schüttelte, und der Regen rasselnd gegen die Fenster

schlug. Sie war recht von Herzen zufrieden; denn für einen unerwartet

hohen Preis hatte sie ihr Gut verkauft, Alles war abgeschlossen, und

Graf Brandenstein hatte mit dem Rathe Alfred noch diesen Abend Alles in

Richtigkeit gebracht. Beide schliefen schon in den obern Zimmern des

Hauses, denn es war nahe an Mitternacht, und sie wollte sich auch eben

in ihr Schlafzimmer begeben, als ein heftiges, lautes Pochen an das

Hausthor, und eine klägliche, bittende Stimme sie erschreckten. Sie

klingelte, der Diener ward gesandt, um zu öffnen, und mit triefenden

Kleidern, zitternd und todtenblaß stürzte Dorothea herein, warf sich ihr

sogleich stürmisch an die Brust und rief mit heiserer Stimme: »Rette

mich! rette mich!«

»Um Gotteswillen!« sagte die Freundin im höchsten Schreck, »Du bist es,

geliebtes Kind? und so, in diesem Zustande? Ich traue meinen Augen noch

nicht.«

So sehr sie erschrocken war, so schaffte sie doch sogleich mit der

größten Freundlichkeit Wäsche und Kleider herbei, half der Erkälteten

beim Umziehen, tröstete sie lachend und freundlich, und nöthigte sie

dann, Glühwein zu genießen, den sie eiligst besorgt hatte, um den bösen

Folgen der Erkältung vorzubeugen. Dabei umarmte sie sie so herzlich,

trocknete ihr die Thränen vom Auge, küßte die Wangen, die sich schon

wieder rötheten, daß Dorothea sich fast so glücklich wie in den Armen

einer Mutter fühlte. Nach vielen tröstenden und scherzenden Worten sagte

die Frau von Halden endlich: »Nun erzähle mir kurz, wie Du zu diesem

tollen Entschluß gekommen bist, und dann geh zu Bett und verschlafe

Alles.«

»Du mußt mich schützen,« sagte Dorothea: »Du mußt mir ein Obdach nicht

versagen, sonst muß ich verzweifelnd in die weite Welt rennen, oder die

Raserei stürzt mich in die Wogen eines Mühlteichs.«

»Beruhige Dich, mein Kind,« tröstete jene, »Du mußt ja doch wieder nach

Hause. Aber erzähle: was ist Dir denn so plötzlich gekommen?«

»Nur lache nicht,« rief Dorothea, »bleibe ernsthaft, meine gute liebe

Freundin, denn ich bin in Verzweiflung. Heut Morgen ließ ich mich

bereden, aus Schwäche, aus Rührung, man hatte so unerwartet meinen

Geburtstag gefeiert, daß ich versprach, mich heute Abend mit dem Baron

von Wallen zu verloben. Das sollte nun geschehen, und darum bin ich

weggerannt, weil ich ihn verabscheue, weil ich in meinem väterlichen

Hause mit meinen Geschwistern, mit meiner Mutter nicht mehr leben kann.«

»Ich weiß wohl,« erwiederte die Freundin, »daß Du den Baron nie lieben

kannst, daß Dir in der Familie oftmals Unrecht geschah; aber dieser

Ausdruck des Entsetzens in Dir, da Du Alles so gewohnt schienst, bleibt

mir doch unbegreiflich.«

»Immer noch fasse ich es selbst nicht,« antwortete Dorothea: »ich weiß

nicht, wie ich es Dir erzählen soll. Daß ich nicht glücklich war, mußt

Du wohl gesehn haben, wenn ich Dir auch niemals ein Wort darüber sagte.

Ach, das schreibt sich ja schon seit dem Tode meines geliebten Vaters

her. Du weißt, ich war kaum dreizehn Jahre, als er starb. O Himmel,

welch ein Mann! ich konnte damals seinen Werth nicht ermessen; aber je

älter ich wurde, je mehr blühte er in meiner Erinnerung zum verklärten

Gegenstande meiner Liebe auf. Dieser milde, freundliche Sinn, diese

Heiterkeit, Menschenliebe, stille Frömmigkeit, diese Freude an Natur und

Kunst, dieser rege, herrliche Geist -- ach! und er war auch nicht

glücklich! Ich sah, ich bemerkte es wohl, als ich etwas zu Verstande

kam, er war in der Ehe nicht glücklich, er und meine Mutter waren sich

zu ungleich, sie stritten oft mit einander. Dann war er zu Zeiten recht

tiefbetrübt, aus seinen schönen braunen Augen konnte ein unendlicher

Kummer sprechen, wenn er sie so still vor sich nieder senkte. Dann war

ich seine Freude, ich fühle es, wie ich ihn trösten konnte. Und nun war

er plötzlich dahin gegangen! Er muß es jenseits erfahren und gefühlt

haben, wie meine Herzensliebe ihm gefolgt ist. O meine Freundin, es

giebt Momente des Schmerzes, wo nur die kalte, taube Dumpfheit, in die

endlich unser Wesen versinkt, uns von Wahnsinn und Raserei errettet. So

war ich nun in Schmerz und Sehnsucht erwachsen, die Keiner theilte,

Keiner verstand. Und wie veränderte sich das Leben unsers Hauses! Statt

der heitern Mittheilungen, statt der frohen Gesellschaften ein ernstes,

feierliches Prunken. Meine jüngern Geschwister wurden in einem ganz

entgegengesetzten Sinne erzogen, als es mein Vater gewünscht hatte.

Betstunden, Andachtbücher, religiöse Gespräche füllten die Zeiten des

Tages; und mein Herz wurde immer leerer, ich konnte die Andacht nicht

mitfühlen, ja, nicht einmal an ihr Dasein glauben. Alle meine Bücher,

noch Geschenke meines Vaters, durfte ich nicht mehr zeigen, Alles war

weltlich, anstößig; ich erschrak über die Deutungen, die man den Stellen

gab, die mir die liebsten waren, die ich auswendig wußte. Göthe's

himmlische Natur selbst, seine edle Hoheit war Verführung, Sinnenlust,

und eine raffinirte Prüderie, die mir höchst anstößig schien, mußte

Tugend heißen. Meine Geschwister, so wie sie zur Besinnung kamen,

betrachteten mich als eine Ausgeartete, die für's Gute nicht empfänglich

sei; sie hörten das ja in allen Stunden, sie mußten es wohl glauben.

Zwischen ihnen und der Mutter entspann sich ein Verhältniß, welches mich

gleich sehr von beiden entfernte, und um welches ich sie doch nicht

beneiden konnte. Eine übertriebene Liebe, eine zarte Weichheit, ein

Schonen und Liebkosen, das mir oft durch's Herz schnitt; ja die Mutter

ging so weit, diese jüngern Töchter zu vergöttern, sie anzubeten und es

ihnen zu sagen, daß sie es thue. Die Schwestern behandelten die Mutter,

wie man etwa mit einer abgeschiedenen Heiligen umgehen würde, wenn sie

zu uns zurück kehrte; doch könnte ich es auch wohl nur einen Tag so

treiben, und müßte dann heiterer mit ihr bekannt werden, oder sie wieder

ganz vermeiden. Ich erinnerte mich noch wohl, wie oft mein Vater gesagt

hatte, in früher Jugend müßten die Kinder blind gehorchen lernen, damit

sie, erwachsen, der Freiheit fähig wären. Diese Freiheit des Geistes und

des Gemüthes, die den Menschen erst zum bestehenden Wesen, die die

Liebe, ein freies Hingeben, erst möglich macht, fand aber unter diesen

so eng Verbundenen doch nicht statt, ja sie wurde, wenn sie sich einmal

zeigen wollte, als die ärgste Sünde behandelt. Die kleinste Schwäche,

das geringste Vorurtheil der Mutter durfte nicht berührt werden, auch in

Kleinigkeiten, über ein gleichgültiges Buch, über einen Menschen, ja

über die Farbe eines Bandes, durfte keins eine andere Meinung hegen, als

sie. War nur von einem Spaziergange die Rede, nur zum nächsten Gut, ja,

durch den Garten, so verbot sie diesen, wenn sie nicht daran Theil

nehmen konnte oder wollte, nicht geradezu, sondern sie sagte: »Geht,

wenn Ihr ohne mich seyn könnt; ich kann zwar ohne Euch nicht leben, aber

könnt Ihr es, so will ich Euch nicht stören; bin ich doch daran gewöhnt,

Euch alle Opfer zu bringen.« Natürlich geschah nichts, und die

Schwestern gaben dann ihrem Verdruß den Anstrich der Andacht, und ich,

die ich zum Bündniß nicht gehörte, mußte ihre Launen entgelten. Mein

Muth entwich. Ich ertrug es, auch von der jüngsten Schwester

gehofmeistert zu werden. O meine Freundin! wenn ich dies alles so, was

mir verkehrt und unrecht schien, bemerkte, so ging ich dann wohl in den

einsamsten Theil des Gartens, und ließ meinen heißen Thränen ihren Lauf,

weil ich mir schlecht und gottlos erschien, daß ich mir alles dies

gestand, und meinen Wahrheitssinn, der von meinem Vater erweckt und

gebildet worden war, doch nicht unterdrücken konnte. Oft war ich so

unaussprechlich elend, daß ich Gott um meinen Tod bat. Es kamen dann

auch Zeiten, da ich doch sehn mußte, wie alle Menschen, die in unser

Haus kamen, meine Schwestern verehrten, ihnen huldigten und mich

vermieden, in denen ich mir selbst schlecht und verächtlich schien. Wenn

ich aber rang, so wie die Andern zu seyn, so brachen mir alle Kräfte

zusammen, und die Arme fielen mir gelähmt am Leibe nieder. -- Aber,

hörtest Du nicht Geräusch im Nebenzimmer?«

»Nein, mein gutes Kind,« sagte Frau von Halden: »Alles schläft, es kann

höchstens eine Katze seyn.«

»Kunigunde heirathete,« fuhr Dorothea fort: »die Männer, die sich um

mich bewarben, ängstigten mich nur durch ihr läppisches Wesen, andere

stießen mich durch ihre Rohheit zurück. Ich konnte nicht fassen, daß

mich einer lieben könne, ohne daß ich ihn auch innigst liebte, und darum

erschienen mir ihre affectirten, übertriebenen Redensarten so nüchtern,

und es war mir unmöglich, an ihre Leidenschaft zu glauben. Alles aber

war noch erträglich, bis der Baron Wallen in unser Haus kam; er

bemächtigte sich bald des Gemüthes meiner Mutter, die Sclaverei wurde

nun ganz unleidlich. Nun wurde erst recht im Großen mit der Liebe

geprunkt, die meine Geschwister zu einander und zur Mutter trugen; in

der ganzen Provinz sprach man davon; wenn Fremde kamen, war es wie ein

Schauspiel, in dem sich alle Tugenden entwickelten. O vergieb mir, Du

und die einsame Nacht werden meine Reden nicht weiter tragen; auch hast

Du ja selbst die Art oft gesehen, und der Himmel mag meine Empfindungen

ändern, oder sie verzeihn. Recht ängstlich aber war es, daß in diesem

gleißenden Baron ein wahrer Faun unter der priesterlichen Decke wandelt.

Clara gefiel ihm, auch Clementine; aber die Kinder, so sehr sie ihn auch

verehren mußten, erschraken doch vor dem Gedanken, ihn als Ehemann

anbeten zu müssen. Sie wurden aber bald befreit; denn die Bestimmung,

für die sie sich zu gut fühlten, wurde mir unvermerkt und künstlich

zugeschoben. Nun hörte ich immerdar, wie edel, ja wie nothwendig es sei,

sich zu opfern, wie armselig die eigentliche Leidenschaft der Liebe

erscheine, wie eine vernünftige Ehe jedes andere Glück der Erde

übertreffe. Glaube mir, ich hätte mich fallen lassen, mein Leben war

völlig abgeblüht, ich wäre das Opfer und ganz elend geworden, wenn --

--«

Dorothea zögerte. »Nun, mein Kind?« fragte die Freundin gespannt.

»Wenn nicht heut,« fuhr jene im melodischen Tone fort, »heut an diesem

Tage, an dem ich geboren ward, und an welchem ich auch wieder zu leben

anfing, ein Mann erschienen wäre, der unserer Familie ein Abscheu war,

und auf den ich, nach den Beschreibungen, heftig zürnte, ein Mann, der

mein ganzes Herz umgewendet, ja neu geschaffen hat, und dessen bloßer

Anblick, wenn er auch nicht gesprochen hätte, es mir unmöglich macht,

den Baron, ja irgend einen Mann zu heirathen.«

»Wunderbar!« rief die Frau von Halden.

»Nenn' es so,« sagte das Mädchen: »es ist auch so, ach, und doch wieder

so natürlich, so nothwendig. In ihm, in seinem milden Blick, der

Vertrauen einflößt (glaube mir, ich hatte wirklich ganz vergessen, daß

es noch Augen giebt), in seiner verständigen Rede, in jeder seiner

Geberden erschien mir die Wahrheit wieder, die mir schon zur Fabel

geworden war, meine Jugendzeit, der Segen meines Vaters. Nie habe ich

begreifen können, was die Menschen Liebe nennen, in den Dichtern habe

ich es wohl geahndet; ich glaubte aber immer, dies himmlische Gefühl sei

für mich armes, verstoßenes Wesen nicht geschaffen; aber jetzt weiß ich,

daß es das seyn müsse, was ich für diesen trefflichen Mann empfinde,

denn ich konnte mir nicht einbilden, daß auf Erden wirklich eine solche

Erscheinung wandle.«

»Armes Kind!« sagte die Freundin: »er ist ein ruinirter Mann, ohne

Vermögen, und wer weiß auch, ob er so für Dich empfände, denn er ist

nicht mehr jung. Jetzt geh nur zu Bett, morgen früh wollen wir mit

Verstand darüber nachdenken, wie der Baron zu besänftigen sei, und daß

der Baron Dir Ruhe läßt.«

»Nie gehe ich zurück!« rief Dorothea mit erneuter Heftigkeit: »ich will

lieber in einem fernen Lande als Magd dienen.«

Jetzt hörte man deutlicher im Nebenzimmer Geräusch, die Frauen stutzten,

die Thüre öffnete sich, ein Lichtstrahl drang heraus und Graf

Brandenstein trat ihnen entgegen.

»O mein Gott!« rief Dorothea: »der Graf selbst!«

»Ich war nicht schlafen gegangen,« antwortete dieser: »sondern arbeitete

noch, als dieser unerwartete Besuch --«

»O Sie Heimtückischer!« rief die Frau von Halden: »und so haben Sie auch

gewiß alles gehört, was meine Freundin erzählt hat?«

»Ich kann es nicht leugnen,« sagte der Graf: »die Wand und Thüre sind so

dünn, daß mir kein Wort verloren ging. (Dorothea zitterte heftig.) Sie

würden mich also, mein schönes, edles und mir unbeschreiblich theures

Fräulein, nicht verschmähen, wenn ich ein Vermögen zu Ihren Füßen legen

könnte?«

»O wie beschämen Sie mich!« sagte das Fräulein --: »soll ich noch mehr

sagen?«

»Nehmen Sie dieses Blatt,« fuhr der Graf fort: »diese wenigen Zeilen

werden Ihnen in Ihrem Hause vollkommene Sicherheit gewähren.«

Er sah Dorotheen durchdringend an, und entfernte sich zögernd. Sie war

so bewegt und erschüttert, daß ein unruhiger Schlummer sie nur wenig

erquicken konnte.

* * * * *

Im Hause des Baron Wilden waren einige Freunde zu einem kleinen Balle

versammelt. Auch Alfred und der Offizier waren zugegen, und die junge

Schwester, ein liebenswürdiges Kind, schien äußerst vergnügt; auch

zeigte sich das Fräulein Ehrhard sehr munter, und Michel, der Zuschauer

war, begriff kaum, wie sie sich so schnell im schottischen Tanze bewegen

konnte. Jetzt war der Tanz geendigt, und der korpulente Wirth taumelte

erschöpft auf ein Sopha nieder. »Wird man nicht ordentlich wieder jung,«

rief er aus: »so sauer es einem auch ankommt. Daß dich, mein werthes

Fräulein Erhard, was Sie springen können! Niemals hätte ich mir bei

Ihrer Gottesfurcht so viele Elasticität vermuthet. So gefällt's mir,

wenn man das überirdische Wesen mit dem weltlichen vereinigen kann, denn

wahrhaftig, das Herz stirbt in der Demuth und dem weichen Wesen ab, wenn

es nicht wieder einmal in Lust und Freude recht aufzappeln kann. Wie ein

ganz neues Geschöpf, Fräulein Erhard, kommen Sie mir in meinem Hause

hier vor, ich hätte Sie gar nicht wieder erkannt, wenn ich es nicht

sonst wüßte, daß Sie es wären.«

Das muntere Fräulein setzte sich zu ihm, und beide betrachteten die

tanzenden Paare. Der Rath Alfred bemühte sich sehr um Sophien, die

Schwester des Barons, welches dieser nicht ohne Wohlgefallen bemerkte.

Die Schenktische waren reichlich mit Erfrischungen versehen, und Diener

in reichen Livreen servirten auf silbernem Geschirr. »Nicht wahr,«

schmunzelte Herr von Wilden, der die wohlgefälligen Blicke des Fräuleins

wahrnahm: »hier geht es nicht so zu wie drüben, wo sie meistentheils

alle beisammen sitzen, wie Adam und Eva vor dem Sündenfalle? Hochherzige

Redensarten, apokalyptische Seufzer und eine Wundertinktur von

ambrosianischer Wehmuth. Tugend und Andacht zum Zeuche, frommes Gemüth

zum Unterfutter, und dann noch mit Reue und Buße aufgeschlagen. Nein,

man muß ein bischen sündigen, um sich dann wieder bekehren zu können;

nicht wahr, mein hochgeschätztes Fräulein? Die Beine thun Ihnen doch

nicht weh? Sie zwinkeln so mit dem Munde.«

»Nein,« sagte diese, »ich wollte mir nur das Lachen über Ihre

sonderbaren Ausdrücke verhalten, denn Sie sind in der That ein arger

Sünder; indessen, hoffe ich, werden Sie noch Buße thun.«

»Kommt Zeit, kommt Rath,« sagte der Baron: »sehn Sie, ich habe mich klug

eingerichtet, ich habe in meiner Jugend eine Menge Sünden im voraus

begangen, damit ich in meinem Alter hübsch was zu bereuen hätte, um mir

nicht, wie mancher Pietist, die Verbrechen aus den Fingern zu saugen,

und um nichts und wider nichts Gewissensscrupel zu machen. O, davon kann

ich Ihnen noch einmal in manchem Nachmittagsstündchen erzählen, daß Sie

Ihr blaues Wunder daran haben sollen.«

»Aber auch dergleichen Reden sind wieder Sünde,« antwortete das

Fräulein.

»Nein,« rief Herr von Wilden, »durch das Mikroskop müssen Sie meine

Tugend nicht betrachten, sonst werden wir nicht mit einander fertig;

denn bei mir geht Alles etwas ins Große, verfeinert sind meine

Verdienste so wenig, wie meine Laster. Aber sehn Sie, wie unter allen

meinen Gästen der Herr von Böhmer so einsam am Ofen steht, und mitten in

der Musik seine Kalender macht! Herr Lieutenant, kommen Sie doch, und

tanzen Sie einmal mit einer von diesen Damen.«

»Ich tanze niemals,« sagte der junge Offizier, indem er näher trat:

»auch würde ich nicht hergekommen seyn, wenn mich nicht Fräulein Erhard

eingeladen hätte, von der es mir wohl nicht einfallen konnte, daß sie es

auf einen tobenden Ball abgesehen hatte.«

»Sollte dem Reinen nicht alles rein seyn?« fragte das Fräulein mit

vieler Salbung.

Alfred, der hinzu getreten war, antwortete: »Gewiß ist dies die richtige

Ansicht, und es wäre lustig genug, wenn Herr von Wilden durch das

Fräulein, und dieses durch unsern fröhlichen Baron bekehrt würde. Aber

Du, Ferdinand (indem er sich an den Offizier wandte), trägst auch nicht

eine einzige festliche Miene auf Deinem finstern Angesicht.«

»Ich gehe von hier,« antwortete dieser, »zur Baronesse hinüber, wirst Du

mich begleiten?«

Schriften 17: Novellen 1 · 第 10 / 24 段