schönen Umgebung dagegen streiten? Doch dürften diese Auswege vielleicht
etwas zu kostspielige Surrogate für den einfachen und wohlfeilen
Gehorsam seyn.«
Der Baron wandte sich verstimmt an den Rath Alfred, und das Gespräch
nahm eine andere Wendung. Der junge Offizier erzählte mit
Selbstgenügsamkeit, daß er neulich die Gesellschaft, zu der ihn eine
Dame eingeladen hatte, ohne alle Entschuldigung vermieden habe, da es
ihm sündlich scheine, eine Unpäßlichkeit oder ein Geschäft
vorzuschützen. Man lobte diesen Wahrheitstrieb und meinte, diese Art und
Weise müßte in der Gesellschaft die allgemeine werden, wenn sie sich vor
der leeren Affectation, Heuchelei und fortwährenden kleinen Lüge retten
wolle. Auch die Mutter stimmte zögernd in diese Behauptungen ein, ob sie
gleich befürchtete, daß dergleichen nur schwer möglich zu machen sei,
ohne zugleich die feinen Bande der Geselligkeit völlig zu lösen; doch
sei eben darum die Tugend des Einzelnen, der den Muth habe, sich über
diese Rücksichten hinweg zu setzen, um so mehr zu preisen. »Nichts,«
fuhr sie fort, »habe ich bei meinen Kindern so sehr zu erwecken und zu
beleben gesucht, als den heiligen Wahrheitstrieb; ich habe sie bewacht,
daß sie sich nie auch nur die kleinste Unwahrheit, ja selbst im Scherze
nicht, erlauben durften. Immer auch habe ich mich bestrebt, alle Fragen
wahr zu beantworten, aus dem Unterricht alles zu entfernen, was nicht
klar und deutlich gemacht werden konnte; am meisten aber vermied ich
jene unsinnigen Mährchen und lügenhaften Geschichten, die Furcht und
Aberglauben nähren, und das Gemüth der Kinder wohl am allermeisten der
Wahrheit entfremden.«
Der Baron führte diese Sätze noch mehr aus, und alle Uebrigen stimmten
ein, außer dem Grafen, welcher äußerte, daß es eine der schwierigsten
Antworten seyn möchte, zu sagen, was denn Wahrheit, die eigentliche
Wahrheit sei. »Die Menschen,« meinte er, »suchen sie in allen Richtungen
schon seit Jahrtausenden, und auch hier muß, wie fast immer, der gute
Wille, wahr seyn zu wollen, nur zu oft die Sache selbst vertreten. Will
ich gegen Kinder oder Schwache immerdar auf alle Fragen die Wahrheit
sagen, so komme ich in die Gefahr, gar nicht mehr wahrhaft seyn zu
können; denn das Letzte beruht ja doch auf einem Geheimniß, das ich eben
so wenig läugnen darf, als ich es erklären kann. Und zu diesem
Unsichtbaren hin drängen uns Phantasie und Gefühl schon sehr früh, und
der Lehrer, der die junge Ungeduld hiervon entfernen will, muß nur
wieder zu einer andern Lüge seine Zuflucht nehmen, die vielleicht in
falscher Aufklärung eben so schlimm, als die des Abergläubigen ist. So
scheint es mir auch nicht gut gethan, die Phantasie der Kinder nicht
bilden zu wollen, auch in der sonderbaren Kraft, die das Grauen sucht,
und blinde, wilde Schrecknisse ersinnt. Dieser Trieb ist in uns, er regt
sich früh; und soll er unterdrückt werden, strebt man ihn zu vernichten,
was nicht möglich ist, so wächst er in der finstern Tiefe fort und
gewinnt an Macht, was er an Gestaltung verliert. Ich habe weibliche
Wesen gekannt, die man aus übertriebener Aufklärung selbst vor dem
unschuldigsten Mährchen bewahrte, und die in reifen Jahren es nicht über
sich vermochten, am Abend auch nur durch das benachbarte Zimmer zu
gehen, so bezwang sie ein namenloses, ganz kindisches Grauen, so daß sie
vor jedem Laut, vor jedem Schatten ohnmächtig erzitterten. Wird dagegen
in der Kinder-Phantasie auch das Seltsam-Aengstigende in Gestalt
gebracht, wird es in Mährchen und Erzählungen gesänftiget, so vermischt
sich diese Schattenwelt sogar mit Laune und Scherz, und sie selbst, die
verworrenste unsers Geistes, kann ein Wunderspiegel der Wahrheit werden.
Durch diese Krystallseherei können wir weitentfernte und doch
befreundete Geister wahrnehmen, die uns in sichtlicher Nähe nur höchst
selten vorüber schweben.«
»Daß Sie ein solcher Freund des Aberglaubens sind,« erwiederte die
Baronesse, »muß ich erst jetzt von Ihnen erfahren.«
Dorothea schien kein Wort dieser sonderbaren Unterredung zu verlieren;
sie sah Kunigunden an, auf welche jene Schilderung einer unvernünftigen
Angst, die sie oft sogar am Tage befiel, buchstäblich paßte; auch waren
die andern Schwestern zuweilen kindisch genug, und scheuten am Abend
jeden Gang. Kunigunde war empfindlich, sie glaubte, der fremde Gast
kenne diese ihre Schwäche, und habe sie nur schildern wollen. Die Mutter
konnte ihre Verlegenheit nicht ganz verbergen.
»Der Gesellschaft,« fuhr Brandenstein fort, »kann ich mich nicht immer
mit der nackten Wahrheit nahen, denn sie fordert und erwartet sie nicht
von mir. Ich darf die Tugenden der Einsamkeit nicht in sie werfen, wenn
ich nicht den Zauber, durch welchen sie für den gebildeten Menschen so
reizend wird, zerstören will. Man findet allenthalben schlechte
Gesellschaft, die ich wahrlich nicht preisen will; aber daß man das
feine Leben, die zarteren Bande der gebildetern Welt, das anmuthige
Verhältniß der Geschlechter, die Formen, welche Witz und Lebensart
erfanden, so oft schmähend mit den Gesetzen und Bedingnissen eines
sinnreichen Kartenspiels verglichen hat, ist mir zwar nicht unpassend,
aber sonderbar vorgekommen, und unbegreiflich, daß man nicht die
Mannigfaltigkeit des Lebens und dessen nothwendige Figuren hat
anerkennen wollen. Man muß nur eine Zeitlang mit bäuerischen Menschen
gelebt haben, die ihre rohe Zutäppigkeit für biedere Tugend so oft
verkaufen wollen, die alles verletzen, die kein Geheimniß, kein zartes
Verhältniß anerkennen, sondern alles Geistigere Affectation und
Heuchelei taufen; man muß Wochen lang diesem rohen Betasten und
Anpacken, und der drückenden Langeweile ausgesetzt gewesen seyn, um den
Adel eines feinen, geistreichen Umgangs wieder schätzen zu lernen. Hier
gilt denn freilich nicht immer das blanke Ja und Nein; und mit der
sogenannten Wahrheit die gegebenen Formen, durch welche diese
Erscheinung sich nur darstellen läßt, umstoßen wollen, ist eben so
unbillig, als wenn ich die Gesetze eines künstlichen Schachspiels Lüge
nenne, mit meinen Bauern gleich in das letzte Feld des Gegners rücke und
mein Spiel für gewonnen erkläre.«
»Sie sind ein ziemlicher Sophist,« sagte der Baron. »Es fehlte noch, daß
die Verläumdung, Klatscherei, Neid und Verfolgung der großen
Gesellschaften einen Lobredner fanden; es bleibt dann nur noch übrig,
die stille Tugend, die schöne Bürgerlichkeit, die kindliche Unschuld und
edle Einfalt der nichtvornehmen Welt zu schmähen.«
»Sie können mich unmöglich so mißverstanden haben,« sagte der Graf: »ich
meine nur, man soll Bedingnisse, die jedes Spiel und Kunstwerk
nothwendig macht (und die gute und feine Gesellschaft sollte wohl von
beidem etwas haben), nicht mit Unwahrheiten verwechseln; denn auch im
Tanz ist keine Wahrheit, wenn anders der gerade eilige Geschäftsschritt
so zu nennen ist, und es dürften sich von dieser Ansicht her selbst
gegen den Spaziergang nicht unerhebliche tugendhafte Zweifel aufwerfen
lassen.«
»Immer ärger!« rief der Baron: »zum Glück, mein scharfsinniger Graf,
sprechen Sie alles dies in einer Gesellschaft, auf die es nicht
schädlich einwirken kann.«
»Sie haben mich einmal hinein gezogen,« erwiederte Brandenstein, »und so
mögen Sie denn auch mein ganzes Glaubensbekenntniß hören. Ich denke, es
hat noch keinen Menschen gegeben (und keiner wird kommen), der nicht
irgend einmal in seinem Leben mit Bewußtsein gelogen hätte. Sei es nun
Nothlüge oder Schwäche, Furcht, Eigennutz oder Eitelkeit, und wie sie
alle heißen mögen, diese Flecken unsrer Natur; vielleicht auch, um nur
einmal diesem Geiste zu folgen, der uns doch gar zu reizend verlockt.
Und dürfen wir doch nur auf die erhabenen Apostel sehen, um zu lernen,
daß sie ihrem Vorbilde, der ewigen göttlichen Wahrheit, nicht immer
getreu zu seyn stark genug waren. Vieles dieser Art möchte ich die
unschuldigen Lügen nennen, denen der bessere Mensch, eben weil sie so
resolut sind, bald aus dem Wege gehn kann. Aber wie steht es denn mit
jener gleissenden Eigenliebe, mit jenem prunkenden Egoismus, mit der
ausgebildeten Heuchelei, die aus dem ganzen langen Leben mancher
Menschen nur eine einzige Lüge bilden? Ich habe wenigstens einige
gekannt, die so im Lügengeiste untergesunken waren, daß es für sie gar
keine Wahrheit mehr gab. Und diese Menschen galten für tugendhaft, sie
hielten sich selbst für Auserlesene, es war ihnen möglich, selbst auf
dem Sterbebette die Rolle der Heuchelei fortzuspielen.«
»Dergleichen ist nicht möglich!« rief der Baron, und Alle stimmten ihm
bei; nur Alfred äußerte, es könne doch wohl dergleichen Verkehrtheit
geben, worauf ihn Dorothea verwundert mit großen Augen ansah. »Sie
sprechen überhaupt,« fuhr der Baron fort, »von einer vorigen Welt; seit
Ihrer Abwesenheit hat sich bei uns Alles so geändert, daß Sie, wenn Sie
unser Vaterland erst wieder kennen lernen, kaum mehr eine Spur vom
vorigen finden werden. Die alte Irreligiosität, jene leere
Freigeisterei, die sich Aufklärung nannte, ist, dem Himmel sei Dank!
ziemlich verschwunden; immer schöner entwickeln sich die Keime einer
ächten Religiosität, man schämt sich nicht mehr, Christ zu seyn, an den
Herrn zu glauben und sich im brünstigen Gebet zu ihm zu erheben. Die
Kirchen sind wieder gefüllt, die höhern Stände verschmähen nicht mehr
die Gemeinschaft ihres Nebenchristen, andächtige Bücher haben die
frivolen von den Tischen unserer Weiber und Mädchen verdrängt,
geläuterte Seelen unterhalten sich, statt mit Theatergeschwätz, über die
Bibel, ermuntern sich zur Buße und Andacht, theilen sich die Erfahrungen
mit, die sie an ihrem Herzen machen, stärken sich gegenseitig, und immer
deutlicher spricht aus diesen erhobenen Gemüthern der Geist des Herrn.
Alles dies, mein zweifelnder Freund, werden Sie wenigstens gelten und
stehn lassen müssen, denn hier ist Wahrheit und Liebe, hier ist kein
Irren möglich.«
Er hatte alles dieses mit großer Salbung gesprochen. Der Graf schwieg
einen Augenblick, ehe er sagte: »Unser Tischgespräch hat eine so
ernsthafte Wendung und einen so feierlichen Inhalt gefunden, daß es wohl
passender wäre, abzubrechen, entweder auf eine stillere Stunde diese
Eröffnungen zu versparen, oder ganz zu schweigen, weil man sich über
diese wichtigen Gegenstände am leichtesten mißversteht.«
»Weil Sie sich jetzt völlig geschlagen fühlen,« sagte der Baron, »so
wollen Sie sich wenigstens einen sichern Rückzug vorbehalten. Ich
dächte, es wäre jetzt Ihre Pflicht, offen zu gestehen, daß Sie über
diesen Punkt nichts zu sagen wissen, wenn Sie nicht unverholen bekennen
wollen, daß Ihnen jene fast vergessene Freigeisterei lieber als unsere
heilige Religion sei.«
»O sprechen Sie!« rief Dorothea, sich selbst vergessend.
»Sie sehen, wie dringend Sie aufgefordert werden,« sagte die Mutter,
indem sie einen langen und drohenden Blick zu Dorotheen hinüber warf;
auch Alfred bat, daß der Graf sich erklären möchte, in wiefern er in
diesem Punkt mit dem Zeitalter einverstanden sei.
»Da ich es nicht ganz umgehen kann,« sagte dieser: »so will ich kurz
andeuten, was ich habe beobachten können; denn da ich schon seit einem
Jahre wieder in Deutschland bin, so ist mir nicht alles so fremd, wie
Sie glauben, ob ich gleich erst seit kurzer Zeit meine Geburtsgegend
hier wieder besucht habe. Könnte ich Ihnen allen nur das Vorurtheil
benehmen, daß Sie mich, wie ich merke, für einen gottlosen Unchristen
halten. Nein, ein solcher bin ich wahrlich nicht, aber ich muß mir nur
das unbestreitbare Recht vorbehalten, auf meine Weise ein Christ seyn zu
dürfen. Daß es jetzt, wie zu allen Zeiten, wahrhaft fromme und
erleuchtete Gemüther giebt, und daß man diese verehren solle, wer möchte
daran zweifeln? Das Bedürfniß des Glaubens hat sich wieder gemeldet, der
Geist hat fast an alle Herzen geklopft, und Anmahnungen mancher Art und
aus allen Gegenden haben sich vernehmen lassen. Ein klarer frischer
Strom hat sich wieder durch die lechzende Ebene von den ewigen Gebirgen
her ergossen, und der Kraft seiner Wogen folgen die Dinge und Wesen,
welche er ergreift; unwiderstehlich fühlt sich Alles fortgezogen, und
Groß und Klein, Stark und Schwach muß nothgedrungen mit hinunter
fließen. Wie ächte Begeisterung dies veranlaßt hat, so ist es denn doch
auch hier, wie in allen geschichtlichen Ereignissen, ergangen, die
Menge, die Eitelkeit, die menschliche Schwäche trübt auch diese
Erscheinung, und als es einmal Mode war, frei zu denken und den starken
Geist zu spielen, wenn Viele auch schwach und abergläubig waren, so ist
es jetzt Sitte geworden, religiös zu scheinen, wenn es Manchem auch
frivol und unerleuchtet genug zu Muthe seyn mag.«
»^Desinit in atrum piscem,^« sagte der Baron ereifert, »der Anfang Ihrer
Rede ließ etwas Besseres vermuthen.«
»Wie Viele,« fuhr Brandenstein ruhig fort: »sind mir aufgestoßen, die
mir fast beim Begrüßen entgegen warfen, daß sie außerordentliche
Christen seien. Andere sprechen beim dritten Worte und bei den
gleichgültigsten Gegenständen vom Heiland; bei jeder Veranlassung, sei
sie noch so geringe, beten sie, und erzählen uns dies; ja ich habe
Romane gelesen, in denen der Verfasser in der Vorrede sagte, er schreibe
niemals, ohne vorher zu beten, und alles Gute, was im Buche stehe, sei
unmittelbare Eingebung; das kürzeste Mittel, jede Kritik zurück zu
schlagen, und die Romanze dicht an die geoffenbarte Schrift zu schieben.
In Gesellschaften ergreift man jede Veranlassung, von Reue, Buße,
Andacht und Erlösung zu sprechen, und entweiht, nach meinem Gefühl, das
Heilige, vergißt, daß es eine Aehnlichkeit mit der Liebe hat, deren
Gefühle und Geständnisse der wahre Liebende auch nicht jedem fremden
Ohre Preis geben wird.«
»Was schadet es aber,« sagte der Baron, »wenn die frommen Gemüther
vielleicht auch zu oft von dem Gegenstande ihrer Liebe sprechen?«
»Es kann nicht die Liebe seyn,« erwiederte Brandenstein: »es ist
Eitelkeit, Hochmuth, der besser seyn will, als andere Menschen. Gerade
wie zu der Zeit der Empfindsamkeit oder der Aufklärung, ist es ein
krankes Bedürfniß, das allenthalben Nahrung sucht, das sich schmeichelt
und zu immer tieferer Krankheit verzieht, das unduldsam und verachtend
auf Nebenmenschen, die oft besser und frömmer sind, hinblickt, weil
diese nicht gerade in den angegebenen Ton auch einstimmen wollen.«
»Sie schildern die Ausartung,« stammelte die Baronesse in einer Art von
Angst.
»Nichts anderes, verehrte Frau,« antwortete der Graf: »nur daß mir diese
häufig in die Augen gefallen ist. Auch habe ich Erbauungsbücher gesehn,
die sehr in der Mode zu seyn scheinen, Altes und Neues, die wahrlich nur
dazu dienen können, mittelmäßige Menschen, die schon von der Eitelkeit
ergriffen sind, ganz zu verwirren, in denen der Schöpfer, die reine
Liebe, gleich einem launigen wunderlichen Alten dasteht, der sich aus
Langeweile gelüsten läßt, die krausesten Schicksale zu flechten, und
Diesen und Jenen, wenn auch Viele dabei untergehn, auf feine und
seltsame Art aus seinem Elende wieder heraus zu führen. Andere
verwandeln Religion in Magie und Zauberei; oder verhärten die Herzen der
Weiber, daß sie sich unendlich über ihre Männer erhaben fühlen, diese,
wenn sie nicht ganz auf ihre Weise frömmeln, in einem Zustande der
Zerknirschung erhalten, und in dem Gefühl, wie tief sie sich
herablassen, die geheiligten Gattinnen so ordinärer Sünder zu seyn. Ich
kannte ein armes, mittelmäßiges Mädchen, die sich glücklich schätzte, an
einen jungen wohlhabenden Mann verheirathet zu werden, die aber nach
einem halben Jahre auch zur Heiligen wurde, und sich nun vorlügt, ihre
christliche Tugend bestehe darin, den Mann zu dulden; übermenschlich
erscheint sie sich, wenn sie ihn nicht ganz verachtet, aber doch sagt
sie sich dies täglich und ihren religiösen Gespielinnen, die sie auch in
dieser Frömmigkeit bestärken. Ist nun dies nicht Sünde?«
»Ja wohl!« seufzte plötzlich Kunigundens Gatte auf, und die Mutter,
welche den Halt ihrer Familie fast sichtlich zusammenbrechen sah,
bereuete es, dies Gespräch begonnen zu haben, und zürnte ihrem würdigen
Hausfreunde, dem Baron, daß es durch ihn so angefeuert wurde.
Brandenstein aber, der nun einmal im Zuge war, konnte ebenfalls in
seinem geistlichen Eifer nicht ruhen, bis er seine ganze Catilinarische
Rede an den Mann gebracht hatte. »Wie erhebend kann es seyn,« fuhr er
lauter fort: »wenn wir fromme Männer, um sich ganz dem Heiligen zu
ergeben, der Welt und allen ihren Schätzen den Rücken kehren sehen, um
in stiller Abgeschiedenheit nur Einem großen Gefühle zu leben. Ich will
einzelne Brüderschaften nicht tadeln, wenn sie sich in einem ähnlichen
Sinne verschließen, und von Kunst und Geschichte, Philosophie und Welt
nichts wissen wollen. Aber wenn diese einseitigen Frommen, die in der
Welt stehen bleiben, die Erziehung der Uebrigen genossen haben und sich
selbst für gebildet ausgeben, uns immer und immer wieder zurufen, nur
Eins sei, was Noth thue, Malerei, Musik und Dichtkunst seien nicht nur
überflüssig, sondern sogar sündhaft, und nur Gebet, Erleuchtung, Buße
sei alles, was den Menschen in Anspruch nehmen solle, -- so möchte ich
doch wohl Diese fragen: von welchem engen Gefühle ihre sogenannte
Religion sei, daß sie Liebe, Wahrheit, Vernunft und die lieblichen
Erscheinungen der Phantasie gar nicht zulassen könne und dürfe? Also
wäre den Reinen heut nicht mehr alles rein? Der Mensch ist schon als
todt zu betrachten, dem in der Natur und Geschichte nicht Gott mehr
erscheint; der ist verloren, der in der Kraft der Vernunft seine hohe
Gegenwart nicht mehr sieht. Auch der ist fromm, dem aus dem Gemälde eine
Entzückung anstrahlt, und der sich, so lange er Shakspeares Sommernacht
liest, selig und im Himmel fühlt. Denn auch Scherz, Lust und Witz sind
göttlicher Abkunft, und wir werden um so reiner und geläuterter, je mehr
wir den göttlichen Strahl in diesen zarten Spielen erkennen lernen.«
»Ja wohl,« sagte der Baron, welcher das auffallende Mißvergnügen der
Baronesse bemerkt hatte, »können wir heut dies interessante Gespräch
nicht zu Ende führen.«
»Unmöglich,« antwortete der Graf, welcher selber über seinen Eifer zu
erstaunen schien, »denn sonst möchte ich wohl noch darüber belehrt seyn,
warum diese frommen Gemüther sich nicht mit mehr Demuth der Kirche
anschließen? Warum sie verlangen, daß alle Menschen auf ihre Weise die
Dinge sehen sollen? Warum nicht Zweifel auch sie anwandeln und es ihnen
begreiflich machen, daß sie doch auch wohl irren könnten? Ob es nicht
christlicher sei, mehr nach dem Evangelium bei verschlossenen Thüren zu
beten, als pharisäisch ihr vieles Beten weltkundig zu machen? Ich könnte
denn wohl noch bemerken, daß dieser geistliche Schwindel sich auffallend
genug mit einem politischen verbindet, und daß diese kranke Stimmung,
die sich über ganz Deutschland verbreitet, es einem überaus verwirrten
und schwachen Buche möglich gemacht hat, den Beifallsruf einer Menge zu
erwerben, die nun erst beurkundet, wie wenig sie je unsern großen
Dichter faßte, als sie ihm zujauchzte. Es kann als ein Frevel gegen
diesen großen Mann erscheinen, wenn man es nicht lieber lächerlich
finden will, daß man ihm so schulmeisternd mit Glaubensfragen nahe
rückt, daß man Immoralität und Mangel an Idee seinen Werken vorwirft,
weil er sich nie zu den armen Bedürfnissen dieses Wortführers
herabgelassen hat. Daß alles dies möglich gewesen ist, hat mir gezeigt,
wie wenig wahre Bildung bei uns noch Wurzel gefaßt hat, und wie leicht
es daher Schwindlern wird, mit halbwahren Begriffen die schreiende Menge
zu verwirren.«
»Sie meinen _Göthe_,« sagte der Baron, »und die sogenannten unächten
Wanderjahre. Nun, da sind wir ja schon so ziemlich weit von unserm
ersten Diskurse abgekommen.«
Es trat eine Pause ein, Alle schienen verstimmt, Dorothea war tief
bewegt. Indem der Bediente jetzt den Braten brachte, rief die Baronesse:
»Ach! wie konnte ich nur die arme kranke Wittwe vergessen? Johann, tragt
dies Gericht sogleich zu der Unglücklichen, mit meinen herzlichen
Wünschen. Sie leidet, wie ich heut gehört habe, unglaublich, dabei ist
sie arm, und ihre Kinder können ihr nur wenige Hülfe geben.« »Ja, die
Armuth, die Krankheit!« seufzte der Baron. »O Himmel, was würde aus der
finstern Erde werden, wenn nicht immer noch weiche, edle Gemüther das
ungeheure Elend zu mildern trachteten.«
»Die bedauernswürdige Frau,« fügte Kunigunde hinzu: »soll auch mit ihrem
verstorbenen Manne gar nicht glücklich gewesen seyn, er war hart und
rauh, und behandelte sie oft übermüthig.« Sie warf dabei ihrem Gatten,
der am andern Ende des Tisches saß, einen sonderbaren Blick zu, der gar
Vieles bedeuten konnte. Der junge Mann, vom Tischgespräch aufgeregt, war
so unerhört dreist, zu erwiedern, daß es auch oft der Weiber eigne
Schuld sei, wenn sie in der Ehe nicht glücklich wären. Der Graf, um
nähere Erörterung zu verhindern, bemerkte, daß es vielleicht, da man die
Krankheit der Frau nicht genau kenne, schädliche Wirkung thun möchte,
wenn sie von der Fleischspeise unvorsichtig genösse. Der Baron aber, der
einen neuen kriegerischen Angriff vermuthete, sprach gerührt über die
große Wohlthätigkeit der Baronesse, wie sie den Armen eine Mutter sei,
und begriff nicht, wie es noch so harte Menschen geben könne, die von
dem Elende ihrer Nebengeschöpfe so ungerührt blieben.
Jetzt kam Johann mit dem Braten zurück und meldete, daß die Wittwe sich
gehorsamst bedanke; es sei ihr aber vom Arzte im Fieber Fleischspeise
bis jetzt noch untersagt, auch empfange sie seit drei Wochen alles vom
Schlosse, was sie gebrauche, worüber sie ihre Rührung nicht genug
ausdrücken könne. »Ein Arzt?« sagte die Baronesse, »sie bekömmt schon?
und wie?« -- »Ach, gnädige Frau,« sagte der alte Diener verlegen und mit
Bewegung: »Fräulein Dorothea sendet ihr schon seit lange Alles, sie hat
auch den Doktor kommen lassen, und besucht die Kranke selbst alle Morgen
und Abende.« -- »So?« sagte die Baronesse mit einem gedehnten,
zitternden Tone, und ein durchdringender Blick fiel auf die Tochter, die
in der Beschämung nichts erwiedern konnte; »und warum, mein Kind,
geschieht denn diese Ausübung der Wohlthätigkeit, diese Tugend, die mir
an Dir neu ist, so heimlich? Warum gönnst Du Deiner Mutter denn nicht
auch einen Antheil an dem Verdienste, da sich Dein Herz nun endlich auf
dergleichen christliche Liebesdienste hinlenkt? Mein Rath würde die
Wohlthat erst zu einer ächten machen können. Aber so sieht es aus, als
wenn eher Eigensinn, als Mitleid, Deine Handlungen lenke.«
»Liebe Mutter,« flehte Dorothea, »schonen Sie mich.«
»Es ist zu beklagen,« fuhr diese fort, »wenn selbst das, was an sich
Tugend ist, durch die Art, wie man es ausübt, sich zum tadelnswürdigen
Fehler umgestaltet. Vorzüglich sehe ich Stolz und Anmaßung in dieser Art
zu handeln, daß Du es übernimmst, ohne mich klug und weise seyn zu
wollen, da Du doch nicht wissen kannst, ob Du nicht dadurch mehr Schaden
als Nutzen stiftest.«
»Es ist zu viel!« rief Dorothea laut weinend aus, stand schnell auf und
verließ mit verhülltem Angesicht das Zimmer.
Alle sahen auf, der Graf aber schien am meisten überrascht, er sagte mit
bewegter Stimme: »Geschieht aber dem Fräulein auch nicht zu viel? Sie
hat es wahrscheinlich gut gemeint; und mir scheint es auch nicht
strafbar, daß sie ihre Wohlthaten heimlich erzeigt, daß sie vielleicht
etwas zu verschwiegen ist, um sich nicht dem Schein des Prunkens
auszusetzen.«