genommen, und ganz vergessen, daß morgen die Fräulein Ehrhard auf einige
Zeit in mein Haus kommt. Ja, meine Freunde, ich kann diese Person gar
nicht leiden, aber da ich mit meiner jungen Schwester lebe, die nun ganz
aufgewachsen ist, mancher Mensch bei mir aus- und eingeht, ich auch oft
außer dem Hause bin, so muß sie doch, da ich nicht zu heirathen Willens
bin, eine Gesellschaft und Aufsicht haben. Da hat sich das verdrehte
Weibsen entschlossen, es bei mir zu versuchen, denn sie weiß wohl, daß
es bei mir gut hergeht, nicht so arm, wie dort in der Familie; ich sehe
auch oft Gesellschaft, vielleicht denkt sie leichter einen Herzenskumpan
bei mir zu finden, als dort in der Einsamkeit. So versuchen wir es denn
auf einen Monat, oder so mit einander.«
»Alles recht fein gemein konstruirt!« sagte der Rath: »wenn Sie nur
geringe Motive finden, so begreifen Sie die Sachen.«
»Kann nicht anders,« sagte der Baron. Sie schieden, da sie schon das
Stadtthor erreicht hatten.
* * * * *
Am andern Morgen war im Hause der Baronesse schon früh viel Unruhe. Im
großen Saale, der unmittelbar in den Garten führte, war die ganze
Familie mit Sonnenaufgang versammelt. Man zog Blumenkränze an den Wänden
auf, ein geschmückter Tisch stand unter einer Thüre, mit Kleidern,
Büchern und mannigfaltigen Angedenken bedeckt, und man erwartete nun die
älteste Tochter Dorothea, die täglich den Garten am frühesten Morgen zu
besuchen pflegte, um sie mit diesen Geschenken und dieser Festlichkeit
erfreulich zu überraschen. Es war ihr Geburtstag, und Mutter und Töchter
hatten alles anordnen können, ohne daß sie es bemerkte, weil sie sich
niemals um den Kalender sonderlich bekümmerte. Jetzt kam sie den Garten
herunter, und sah schon aus der Ferne die versammelten Geschwister. Als
sie erstaunt in den Saal trat, und Alle sie freundlich umringten, die
verschiedenen Gaben darboten, und Schwestern und Mutter sich so
ungewöhnlich liebevoll bezeigten, war sie tief gerührt und um so
heftiger erschüttert, je weniger sie diese Feier der Liebe erwartet
hatte.
»Wie neu ist mir dies!« rief sie aus: »ach! wie wenig habe ich das um
Euch verdienen können! Liebt Ihr mich denn wirklich so? Alle diese
Geschenke, dieser Glanz, diese freundliche Aufmerksamkeit, wie kann ich
es Euch vergelten? Ich bin so überrascht, daß Ihr alle so an mich Arme
denken mochtet, daß ich Euch noch gar nicht einmal danken kann.«
»Liebe uns nur recht innig,« sagte die Mutter, sie herzlich umarmend,
»sondere Dich nicht so ab, komm uns allen mehr entgegen; erkenne, wie
wir es meinen, und bemühe Dich, in unsere Gefühle und Ansichten
einzugehen; denn wir suchen ja nur das Gute, wir wollen ja nur das
Rechte. Diese Deine Launen, mein geliebtes Kind, Dein störriger Sinn,
der Dich den Freunden und Geschwistern entfremdet, der Dich geringeren
Menschen entgegen führt, ist eine Unart und Verwöhnung Deines Geistes.
Du wirst und kannst die Wahrheit erkennen, sobald es nur Dein
ernstlicher Wille ist.«
»Ich will besser werden,« sagte die weinende Tochter, »ich verspreche es
Ihnen in dieser Stunde, die mich so unendlich bewegt.«
Alle herzten und küßten sie, und Dorothea, die schon seit lange als ein
Fremdling in ihrer Familie stand, fühlte sich wie in einem neuen Leben.
Sie sah Alle prüfend an, sie liebkoste Jeden, sie ließ sich die
Geschenke zeigen und erklären; es war, als wäre sie von einer langen und
weiten Reise zurück gekommen, und begrüße jetzt die Ihrigen nach
schmerzlicher Trennung. »Wenn ich nur auch für Euch alle etwas thun
könnte!« rief sie aus.
»Wenn Du es ernstlich willst,« antwortete die Mutter, »so kannst Du uns
heut Alle, vor allen aber mich, unbeschreiblich glücklich machen.«
»Nennen Sie,« rief Dorothea, »sagen Sie, was ich thun soll.«
»Wenn Du heut an diesem feierlichen Tage,« fuhr die Baronesse fort,
»endlich Deine so lange verweigerte Einwilligung geben, wenn Du unsern
Freund Wallen heut mit Deinem Worte beglücken wolltest, den Du gestern
so unziemlich gekränkt hast.«
Dorothea wurde blaß und trat erschreckend zurück. »Dies fordern Sie?«
sagte sie stotternd: »ich dachte, ich hätte darüber ein für allemal
meine Erklärung gegeben.«
»Deine Leidenschaftlichkeit,« sagte die Mutter, »kann für keinen
vernünftigen Entschluß gelten. Du liebst keinen Mann, wie Du oft gesagt
hast, Du kennst kaum einen, den Du achten möchtest; dieser edle Freund
ist Dir mit der schönsten Herzlichkeit ergeben, er bietet Dir ein Glück
an, das Dir so schön nicht wieder entgegen kommt, wenn Du es jetzt von
Dir weisest; Du kennst die Lage Deiner Familie, wie mißlich es mit
unserm Vermögen steht; Du kannst die Wohlthäterin Deiner Mutter, die
Versorgerin Deiner Schwestern werden. Hast Du wohl schon bedacht, mein
liebes Kind, wie trostlos Deine eigne Zukunft seyn muß, wenn Du auf
Deinem Eigensinn beharrst? Von Männern und Frauen verlassen, den
Deinigen empört und gehässig, einsam und ganz verloren in einer kalten,
höhnenden Welt, arm und ohne Hülfe! Wirst Du Dich alsdann nicht in Deine
Jugend zurück sehnen, und in bitterm Schmerz bereuen, daß Du jetzt alles
Glück für Dich und die Deinigen so muthwillig, so unbedacht von Dir
gestoßen hast? Fordert dieser edle Mann denn Liebe und Leidenschaft von
Dir, wie sie wohl in unsern verkehrten Büchern geschildert werden? Will
er mehr als Freundschaft und Achtung? Und kannst Du ihm diese versagen?
Er ist zu allen Aufopferungen bereit, die unsere drückende Lage fordert,
und die sein großer Reichthum möglich macht; aber wenn Du ihn so spröde
verhöhnst, und er tritt beleidigt und beschimpft zurück -- wer weiß, wo
Deine Geschwister oder Deine Mutter und Du selbst noch einmal im Alter
ein schnödes Almosen erbetteln müssen, wo ich noch krank und hülflos
liege, und Dein weinendes Auge dann umsonst in diese Tage sehnsüchtig
zurück blickt, die dann auf ewig verschwunden sind.«
»Hören Sie auf, meine geliebteste Mutter!« rief Dorothea im größten
Schmerze aus. »O leider, leider ist das Recht ganz auf Ihrer, und das
Unrecht durchaus auf meiner Seite. Nein, ich habe noch nie geliebt, und
werde es nie, mein Herz ist für dieses Gefühl verschlossen; die Männer,
die ich gekannt habe, flößen mir alle ein Gefühl des Widerwillens ein,
viele des Mitleids, um nicht Verachtung zu sagen; ich sehe ja ein, daß
eine Ehe, die auf Vernunft sich gründet, die uns in Wohlstand und
Sorglosigkeit versetzt, etwas Wünschenswerthes seyn muß; daß ich durch
ein einziges Wort Sie und uns alle beglücken kann, daß es wohl edel ist,
wenn ich es ausspreche, daß es die Nothwendigkeit vielleicht von mir
erzwingt, und Kindespflicht und die edelsten Rücksichten -- und doch --
warum schaudert mein Gefühl davor zurück? -- Ach, liebe Mutter, wenn nur
eins nicht wäre, -- darf ich es sagen? werden Sie mich nicht ganz
mißverstehn? O gewiß! denn ich verstehe mich ja selber nicht.«
»Sprich, mein geliebtes Kind,« sagte die Mutter im freundlichsten Tone,
»ich werde Dein Herz fühlen, wenn ich auch nicht ganz Deine Worte
fasse.«
Dorothea zögerte, sah sie bittend an, und sagte endlich verlegen und mit
bittender Stimme: »Oft habe ich mir selbst die Frage vorgelegt, ich habe
mich in einsamen Stunden ernst geprüft, und mir schien dann wohl, als
könnte ich meine Hand in die des würdigen Mannes fügen, den Sie alle,
den die ganze Welt verehrt, wenn er nur nicht --«
»Nun?« rief die Mutter.
»Wenn er nur nicht fromm wäre,« sagte die Tochter hastig.
Eine lange Pause der Verlegenheit entstand. Dorothea war glühend roth
geworden, die Schwestern traten scheu zurück, die Mutter schlug den
Blick nieder, und wandte ihn dann um so schärfer prüfend auf die Arme,
die Allen und sich selbst fast eine Entartete schien. Endlich sagte die
Mutter: »Nun, wahrlich, das muß mich überraschen, und wenn ich dies in
Dir verstehe, so möchte es mich auch mit Schauder erfüllen. Also Du
bekennst nun öffentlich Deinen Abfall von Gott? Du bist also darüber mit
Dir einig, daß das Heilige Dir ein Anstoß und Greuel ist? Du kannst das
nicht lieben, was die Liebe selber ist? So geh denn und verläugne das
Göttliche, lebe ruchlos und stirb vom Himmel verlassen.«
»Sie verstehn mich nicht,« rief Dorothea mit einem hohen Unwillen: »das
ist ja das Unglück meines Lebens, daß Alles an mir mißdeutet wird, wenn
ich es noch so gut meine. Vielleicht würde mir Herr von Wallen ganz
recht seyn, wenn ich nur nicht wüßte, daß er so fromm ist, ja vielleicht
würde ich ihn alsdann für fromm halten.«
»Trefflich!« sagte die Mutter in schmerzlicher Entrüstung: »wenn wir
selber verderbt sind, so ist es freilich am bequemsten, an den Würdigen
ihre Tugend zu bezweifeln. Damit sprichst Du auch zugleich aus, wie Du
von mir denkst, und was ich überhaupt von Deiner Kindesliebe zu erwarten
habe.«
»Sie sollen, Sie werden sich irren!« rief Dorothea fast im Zorne aus:
»ich will mehr thun aus Liebe für Sie, als ich vor mir selbst
verantworten kann, ich will mich heute Abend, darauf gebe ich Ihnen
jetzt mein Wort, mit dem Herrn von Wallen verloben.«
Ein allgemeiner Ausruf der Freude, Thränen, Umarmungen, Schluchzen
unterbrachen und ersetzten jedes Gespräch. Der Wortwechsel verwandelte
sich in das lauteste und fröhlichste Getümmel, Alle hatten die Fassung
verloren, und drückten Liebe und Entzücken heftig und übertrieben aus.
Nur Dorothea war nach ihren letzten Worten plötzlich wieder ganz kalt
geworden, und gab sich ohne alle Erwiederung still den Liebkosungen hin.
»O Du mein geliebtes Kind!« sagte die Mutter endlich wieder gefaßt, »ja,
ich habe Dich mißverstanden, und Du wirst mir verzeihen; macht ja diese
unerwartete freiwillige Erklärung Alles wieder gut. Und jetzt darf ich
Dir auch noch das schönste und kostbarste Geschenk zu jenen Gaben der
Liebe hinzufügen, diesen Schmuck, den Dir der Baron sendet; ich habe ihn
zurück gehalten, weil ich wirklich an Deinem schönen Gefühle zweifelte.«
Die Tochter sah die Mutter mit großen Augen an, dann warf sie einen
kalten Blick auf die kostbaren Steine, und legte sie ruhig zu den Blumen
auf den Tisch. Das Frühstück ward gebracht, und man war nach der lauten
Scene um so ruhiger, kein Gespräch wollte in den Gang kommen. Es läutete
zur Kirche, die Bedienten brachten Mäntel und Bücher. Dorothea legte ihr
Andachtsbuch aus der Hand und sagte: »Sie verzeihen wohl, liebe Mutter,
wenn ich Sie heut nicht zur Kirche begleite, ich bin zu gespannt, ich
will mich hier in der Einsamkeit indeß zu sammeln suchen und auf unsere
Mittagsgesellschaft vorbereiten, noch mehr auf den Abend.«
»Wie Du willst, mein holdes Kind,« antwortete die Baronesse: »zwar wäre
die Kirche und die Rede unsers frommen Seelsorgers wohl der natürlichste
Ort und Anlaß, Deine Gedanken zu sammeln, indessen hast Du einmal Deine
Art und Weise, sie bleibe Dir ganz unbekrittelt. Es ist augenscheinlich
der Himmel selbst, der Dich, Geliebte, die Du es am meisten bedarfst,
unserm geliebten Wallen zuführt; an seinem Arm wirst Du anders denken
lernen, und vielleicht erlebe ich es noch, daß Du uns alle beschämst und
in höherem Glanze voran leuchtest.«
Als sich Dorothea allein sah, musterte sie, fast gedankenlos, die
Geschenke. Die schimmernden, kostbar gebundenen Bücher waren von jenen
neuen religiösen, denen sie nie ein Interesse hatte abgewinnen können.
Was macht es? sagte sie zu sich: ist denn die Erde selbst, das ganze
Leben so sehr der Rede werth? Warum will ich mit so großem Widerwillen
die Rolle durchführen, die mir einmal aufgegeben ist? Was ich mir früher
dachte und vorsetzte, ist ja doch nur Traum und leere Einbildung! Ich
sehe ja, wie alle, alle Menschen nur spielen und Erhebung heucheln, dann
gern und beruhigt in die Gemeinheit sinken. Ist es das allgemeine
Schicksal, warum will ich mich so heftig dagegen sträuben? Entsetzlich
ist es! aber endlich, früh oder spät, löst ja doch der Tod das
verwickelte Netz dieses Lebens, und jenseits wird es ja doch wohl
Freiheit geben.
Mit ihrer Stimmung wurde auch der Himmel finsterer. Dunkle schwere
Wolken zogen näher, und schienen ein Gewitter herbei zu führen. Ein
schlanker Mann kam den Garten herauf und näherte sich dem Saal. Als er
eintreten wollte, ging sie dem Fremden, der ein Mann von Stande zu seyn
schien, entgegen. Sie begrüßten sich, und der Unbekannte bat um die
Erlaubniß, verweilen zu dürfen, er habe in der Lindenallee sein Pferd
dem Diener übergeben, und sei dann in den offenen Garten gerathen; er
bedauerte, die übrige Familie nicht zu finden, worauf ihn Dorothea
einlud, im Saale das Gewitter abzuwarten und zu verweilen, bis Mutter
und Schwestern aus der Kirche zurück kehren würden.
»Sie scheinen beim Gewitter nicht ängstlich zu seyn,« bemerkte der
Fremde.
»Doch,« erwiederte Dorothea, »wenn es allzunahe kommt, und Feuer und
Schlag eins und dasselbe werden; ich glaube auch, daß sich alsdann wohl
alle Menschen mehr oder minder fürchten; denn wo es keinen Widerstand
giebt, wo ein plötzlicher unversehener Augenblick mich wegraffen dürfte,
da ängstet es mich gerade, daß ich nicht auf meiner Hut seyn kann. In
diesen Augenblicken beruhigt nur der Glaube an ein nothwendiges Fatum
und die Betrachtung, daß ich nichts Besseres bin, als die Tausende
meiner Mitmenschen, die demselben Schrecken ausgesetzt sind.«
»Diese Gesinnung,« sagte der Unbekannte, »muß ich eine tapfere nennen,
im Gegensatz jener schwachen, die bei den Damen gar nicht selten ist,
wenn sie beinahe in Furcht vergehn, alle Fassung verlieren und in
Thränen jammern, indem nur noch das fernste Wetterleuchten herüber
schimmert.«
»Wohl,« sagte Dorothea, »und ich sorge schon um Mutter und Schwestern,
die nur gar zu reizbar sind. Ich mag es nicht tadeln, weil es wohl, wie
so viele krampfhafte Furcht, Krankheit des Körpers seyn mag.«
»Es ist nicht so leicht zu entscheiden,« bemerkte der fremde Mann, »weil
wir erst ernsthaft versuchen müßten, was der starke Wille denn wohl
vermag, und ob, wenn die Seele sich zwingt, nicht auch der Körper
wenigstens einige Schritte mitgeht, und von selbst da Gesundheit
entsteht, wo die eigenwillige Stimmung die Kränklichkeit erzeugt hat.«
»Das führt auf die Frage,« sagte Dorothea, »in wie fern wir frei sind,
und was wir im Geist und Körper durch Vorsatz vermögen.«
»Gewiß,« erwiederte jener, »und nicht blos diese, alle ernsten
Betrachtungen führen zu der großen Frage. Ohne diese uns beantwortet zu
haben, können wir auch für nichts Interesse fassen, und weder an uns,
noch an andere glauben.«
»Freiheit!« seufzte Dorothea, wie vor sich hin phantasirend: »Sie
glauben also daran? Ich auch ehemals, als ich jünger war.« --
»Jünger, mein Fräulein? das klingt von Ihren schönen Lippen sonderbar.
Ich zweifelte als Jüngling, und habe erst später diese Ueberzeugung
fassen lernen.«
»Vergeben Sie,« rief Dorothea beschämt, »daß ich mich mit Ihnen in
dergleichen Worte verliere, da ich« --
Der Fremde unterbrach sie: »Behandeln Sie mich nicht wie einen
unbekannten jungen Menschen, der nur da seyn darf, um Ihnen etwas
Verbindliches zu sagen. Sie sind mir mit einem schönen und ernsten
Vertrauen entgegen gekommen, und ich weiß, daß ich dessen nicht unwerth
bin.«
Und wirklich schien es, als spräche Dorothea mit einem alten Bekannten
oder Bruder, so wenig war dieser Mann -- nach dessen Namen sie selbst zu
fragen vergaß -- ihr fremd. Seit lange hatte sie nicht dieses Gefühl
gehabt, ihre Gedanken, ohne Furcht, mißverstanden zu werden, aussprechen
zu dürfen; dies gab ihr eine Behaglichkeit, daß sie auf das
heranrückende Gewitter nur wenig achtete, und selbst den Abend vergaß,
an welchen sie so eben noch nur mit Entsetzen hatte denken können. Im
Verlauf des Gesprächs erzählte der Fremde von seinen Reisen, Manches von
seinen Schicksalen; er erinnerte sich seiner Jugend, und bekannte
endlich, daß er dies Haus, und vorzüglich den vor Jahren verstorbenen
Vater des Fräuleins oft gesehn habe. »Sie sehen Ihrem Vater wunderbar
ähnlich,« beschloß er, »und ich habe gleich Anfangs diese freundlichen
Lineamente nicht ohne Rührung betrachten können.«
Dorothea war überrascht, als sie die Familie schon aus der Kirche zurück
kommen sah. Man begrüßte den Fremden, die Mutter trat fast erschrocken
zurück, und Dorothea erblaßte, als sie ihn Graf Brandenstein nennen
hörte. Er ward höflich zu Tische geladen, und der alte Baron Wallen
erschien ebenfalls, so wie der Rath Alfred und der junge Offizier; beide
waren aus der Stadt herüber geritten. Die Familie kleidete sich um, und
Dorothea war in ihrem einsamen Zimmer in tiefen Gedanken verloren. Die
Welt lag sonderbarer als je vor ihrem Geiste da, sie konnte sich kaum
zurecht finden, um ihren bescheidenen Putz zu ordnen, und als sie
nachher wie träumend zur Gesellschaft zurückkehrte, erschienen ihr alle
Gesichter wie hart und gespannt, ja, als fremd, besonders aber die
weiche, gesalbte Miene des Barons wie zum Erschrecken verzerrt, und ein
Gefühl, als wenn sie lachen solle, bemeisterte sich wie ein Frost ihres
ganzen Wesens, indem sie sich erinnerte, daß sie diesen Mann noch heut
Abend für ihren Bräutigam erklären müsse. Wie widrig ihr der junge
Offizier und Rath auffielen, so bekannt, vertrauensvoll und milde
leuchteten ihr die Blicke des Grafen entgegen, den sie als einen bösen
und gefährlichen Menschen noch gestern hatte schildern hören.
Er schien allein unbefangen am Tische. Mit Behaglichkeit erzählte er von
seinen Geschäften, die er für seinen amerikanischen Freund betrieb; er
nannte die Güter, die er schon gekauft hatte, oder um welche er noch in
Unterhandlungen stand, und man verwunderte sich über den Reichthum des
unbekannten Mannes, der die schönsten Besitzungen zu einer großen
Herrschaft vereinigen konnte. Durch die Gewandtheit des Grafen ward die
Unterhaltung bald freier, und der Baron, welcher dem Gefühle, das ihn
bedrängte, wie mit Gewalt widerstand, suchte das Gespräch an sich zu
reißen und zu beherrschen, vorzüglich wohl, damit die Jugend und die
Frau des Hauses nicht in der gewohnten Verehrung nachlassen möchten.
Wie es aber zu geschehen pflegt, daß ein Gespräch, wenn es nicht mit
leichter Unbefangenheit und feinem Sinne geführt wird, wohl in Anmaßung
und Spannung eine polemische Natur annimmt, so war es auch hier; denn
die Reden und Aeußerungen des Barons waren alle verhüllte Angriffe gegen
den Grafen und dessen Meinungen, wie er sich diese nach der Schilderung
desselben dachte. Der Graf achtete diese Demonstrationen Anfangs wenig;
er unterhielt sich hauptsächlich mit Dorotheen, die neben ihm saß,
sprach von seinen Geschäften, und sagte endlich auch, wie im Scherz, er
habe zugleich von seinem amerikanischen Freunde den Auftrag erhalten,
ihm eine Gemahlin zu suchen.
»Das kann wohl von Ihnen beiden nicht ernsthaft gemeint seyn,« sagte die
Baronesse.
»Und warum nicht?« erwiederte der Graf in heitrer Laune, »mein Freund
ahmt ja hierin nur den regierenden Fürsten nach, durch Anwalde und nach
politischen Rücksichten zu unterhandeln. Er ist nicht mehr jung und kann
nicht erwarten, Leidenschaft zu erregen; er hat in der Jugend traurige
Erfahrungen gemacht, und an seinem eignen Unglück, so wie an manchem
Freunde erlebt, daß dasjenige, was die Menschen Liebe nennen, nur
weichliche Sehnsucht, oft Eitelkeit, zuweilen sogar Verblendung sei, und
die meisten Ehen, die in scheinbarer Leidenschaft geschlossen werden,
nur ein dürftiges, ganz kümmerliches Leben, oft Elend herbei führen. Ich
bin sein ganz vertrauter Freund, und er rechnet auf meine
Menschenkenntniß, daß ich ihm ein Loos ziehen werde, welches ihm
geziemt.«
Der Baron erwiederte, daß ihm ein solches Unternehmen immer noch mißlich
scheine, und daß der Unbekannte dabei doch das Glück seines Lebens auf
das Spiel setze.
»Glück?« nahm der Graf das Wort auf: »gewiß, wenn er sich jenes
Unbedingte, Unendliche und Unaussprechliche dabei dächte, was die Jugend
gewöhnlich mit diesem Worte verbindet. Wo finden wir dies? Wer sich
nicht zu beschränken versteht, wird nichts erlangen, am wenigsten, was
jenseit aller Schranken liegt. Die Resignation mag Anfangs bitter
scheinen, aber ohne sie ist kein Zustand des Lebens zu ertragen; denn
wenn wir mit uns nur wahr umgehen, so müssen ja doch auch alle
Entzückungen unmittelbar der Wehmuth Platz machen, ja sie sind eins mit
dieser, und Schönheit, Kunst, Begeisterung, Alles ist für uns irdische,
vergängliche Menschen nur da, indem es vergänglich ist, obgleich die
Wurzel alles Göttlichen in der Ewigkeit ruht.«
»Sonderbar!« sagte der Baron: »somit wäre auch die Andacht und die
Frömmigkeit, das Erkennen des Himmlischen diesem Wandel unterworfen?«
»Ich glaube,« sagte der Graf, »wer nicht irdisch seyn mag, kann auch
nicht überirdisch seyn; Nacht und Tag, Schlaf und Wachen, Erhebung und
Gleichgültigkeit müssen sich ablösen. Wir beklagen mit Recht, daß es so
ist und seyn muß, aber es kann nicht anders; wer aber die Erleuchtungen
der Andacht, die Entzückungen einer himmlischen Liebe zu einem stehenden
Artikel in seinem Herzen machen wollte, der dürfte sich wohl auf dem
allergefährlichsten Standpunkte befinden, auf den der Mensch sich nur
wagen kann.«
»Sie sind einmal als Freigeist bekannt,« antwortete die Mutter, »und es
wird Ihnen bei uns nicht gelingen, unsere klare Ueberzeugung zu trüben.«
Kunigunde sagte mit einem schmelzenden Tone: »Sie meinen also, es sei
gefährlich, den Herrn zu lieben?«
Brandenstein mußte lächeln: »Gefährlich, wie alle Liebe, schöne Frau,«
erwiederte er leicht, »besonders, wenn man den Gegenstand, den man zu
lieben unternimmt, nicht kennt, oder sich eine ganz unrichtige
Vorstellung von ihm macht; noch schlimmer, wenn wir ein Phantom aus ihm
bilden, das alle unsre Vorurtheile bestärken, uns in unsern Schwächen
Recht geben, unsere Fehler und Irrthümer autorisiren soll. Da dürften
wir unser thörichtes Herz leicht an ein Gespenst verschenken, wie einige
alte Mährchen etwas Aehnliches erzählen, und uns entsetzen, wenn uns die
wahre Gestalt des Göttlichen einmal in einer erleuchteten Minute
erschiene.«
Dorothea hörte aufmerksam zu, und der Baron sagte nicht ohne Verdruß:
»Die Liebe kann nicht irren. Wo sonst einen Wegweiser auf unserm Pfade
suchen?«
»Wenn sie die wahre ist, nicht,« erwiederte der Graf: »aber über diese
täuschen wir uns selber nur gar zu leicht; denn wenn unsere
Leidenschaften nicht Sophisten wären, so wären sie eben auch keine
Leidenschaften.«
»So ist denn der Zweifel,« sagte der Baron zürnend, »das Einzige, was
wir gewinnen können.«
»Er sei unser Diener,« antwortete der Graf, »der die Wege untersucht,
unser Thor, der mit nüchternem Spaß uns vor dem Allzuviel oder vor
Uebereilung warne. Kinder und Narren reden aber, wie das Volkssprichwort
sagt, die Wahrheit: zuweilen wenigstens, wenn nicht oft und immer.«
»Eine Mutter,« sagte die Baronesse, »weiß, was Liebe ist; der Mann
behält vielleicht immer eine dunkle, zweifelnde Vorstellung von dieser
Kraft. Auch ist die That immer mehr als das Wort, und so habe ich meine
Kinder erzogen und mit ihnen gelebt, ganz in Liebe, keinen blinden
Gehorsam, nie etwas Unvernünftiges von ihnen fordernd, immer habe ich
mich ihnen geopfert; aber sie haben schon lallend meine Liebe erkannt
und erwiedert, auch sie haben nur ihren Herzen folgen dürfen, und
Strenge, Furcht und dergleichen ist ihnen völlig unbekannt geblieben.«
Die Töchter sahen die Mutter zärtlich an, die Mutter hatte Thränen im
Auge, nur Dorothea blickte scheu vor sich nieder, und der Baron sagte
begeistert: »Man kennt und verehrt diese musterhafte Erziehung, und wer
an Liebe zweifelt, komme und sehe diesen Familienkreis.«
»Fern sei es von mir,« sagte Brandenstein, zu Dorotheen gewendet, »mit
rohem Gefühl diese zarte Liebe nicht anerkennen zu wollen; nur meine
ich, wenn ich mich meiner glücklichen Kindheit erinnere, daß die Liebe
zu den Aeltern, und eine gewisse religiöse und edle Furcht vor ihnen ein
und dasselbe seyn müßte; denn durch die letztere scheint mir meine
Kindesliebe erst ihre wahre Kraft und Innigkeit erlangt zu haben, auch
soll ja diese heilige Scheu vor etwas Unbegreiflichem in den Aeltern
jenen blinden, unbedingten Gehorsam erzeugen, in welchem sich das Kind
eben so glücklich fühlt; denn ohne diesen Gehorsam findet, scheint es
mir, weder Erziehung noch Liebe statt.«
Die Mutter sah die älteste Tochter, welche derselben Meinung zu seyn
schien, bedenklich an, und sagte dann mit etwas gespitztem Tone: »Ich
habe es vorgezogen, meine Kinder früh zu überzeugen, und wo das nicht
möglich war, stimmte ich sie so, daß sie aus Liebe zu mir das thaten,
was sie nicht einsehen konnten.«