Nur dem jungen Rathe Alfred ward es Anfangs schwer, sich in die Stimmung

und Unterhaltung zu fügen. Wie es wohl zu geschehen pflegt, war er zu

gespannt, um sich dem Gespräche leicht hinzugeben; auch hatte er zu

Vieles auf dem Herzen, was er mit einer gewissen Bangigkeit an den Mann

zu bringen strebte, wodurch er oft an sich und den Andern irre werden

mußte; denn wenn er Gedanken zu einer Rede verarbeitet hatte, so war

indessen der schickliche Moment verschwunden, um diese einzufügen, und

unter den neuen Gegenständen der Unterhaltung kam wieder so Manches vor,

das ihm unverständlich schien, und worüber er sich nähere Belehrung

auszubitten doch zu verschämt war. Dazu kam, daß er von dem Reiz der

Frauengestalten wie geblendet war; die vermählte Tochter Kunigunde war

eine glänzende Schönheit; noch üppiger strahlte die jüngere Clementine,

gegen welche die blonde kindliche Physiognomie der jüngsten, Fräulein

Clara, rührend kontrastirte; selbst die Mutter durfte noch Ansprüche auf

Anmuth machen, und man sah, daß sie in ihrer Jugend eine schöne Frau

gewesen war. Dorothea, das älteste Fräulein, fiel in dieser Umgebung am

wenigsten auf, so schön auch ihr Auge, so fein ihr Wuchs war; auch zog

sie sich zurück und blieb still und blöde; sie schien selbst an der

lebhaften Unterhaltung der Geschwister nur geringen Antheil zu nehmen,

und es fiel auf, daß keine Rede oder Frage an sie gerichtet wurde, so

sehr die anwesenden Männer sich auch mit Lebhaftigkeit um die übrigen

Töchter oder die Mutter bemühten.

Unter den Männern zeichnete sich ein ältlicher aus, der am meisten das

Wort führte, der Alle belehrte und alle streitigen oder zweifelhaften

Fälle entschied. Auch der Offizier behandelte ihn mit ergebener Demuth,

und dieser Familienfreund wandte sich mit Güte und Herablassung an Alle,

sie fragend, zurecht weisend, aufmunternd und sich auf seine Weise

bestrebend, Jeden zu ermuthigen oder aufzuklären. Ihm gelang es auch

endlich, den verlegenen Alfred in das Gespräch zu ziehen, und dessen

Dankbarkeit äußerte sich in einer feurigen Rede, die er jetzt

anzubringen Gelegenheit fand, und in welcher er seinen Wunsch nach

Bildung, seine Verehrung des Familienglücks, seine Hoffnung, daß die

echte religiöse Stimmung und wahre Frömmigkeit sich durch ganz

Deutschland ausbreiten würden, mit allgemeinem Beifall und zu seiner

eignen Zufriedenheit entwickelte.

Mehr noch als die Uebrigen war die schöne Kunigunde aufmerksam gewesen,

und sie war es auch jetzt, die am lautesten ihren Beifall aussprach.

»Wie glücklich sind wir,« beschloß sie endlich, »daß in unserm theuern

Kreise sich immer mehr Gemüther versammeln, die das Gute und Edle

wollen, die das Ueberirdische erkennen, und denen die Welt mit allen

ihren anlockenden Schätzen nur nichtig erscheint. Aber das ist die

Eigenschaft der Wahrheit und Güte, daß sie das Bessere sich näher zieht,

daß sie das Schwache in etwas Höheres verwandelt. Wirkt der gesellige

Umgang so glücklich in einem weitern Umfang, so ist es im beschränkten

Hause der Segen der Ehe, der noch inniger die Vermählten anregt, sich

für das Göttliche zu begeistern, der hier noch kräftiger das schwächere

Gemüth zur Liebe des Unendlichen erhebt.«

»Ja wohl,« sagte ein junger Mann, der neben dem ältern saß, »dies ist

es, was ich mit jedem Tage inniger und dankbarer empfinde.« Er seufzte

und sah an die Wolken, und der Rath erfuhr auf seine Erkundigung, daß

dieser der Gemahl der schönen und frommen Kunigunde sei.

Die Mutter nahm das Wort und sagte nicht ohne Bewegung: »Wie beglückt

muß ich mich fühlen, daß ich so im Kreise meiner Kinder das Höchste

gefunden und es ihnen selbst möglich gemacht habe, den edelsten Besitz

dieser Erde zu erreichen. Wie kann ich doch so gar nicht an den

Bestrebungen der meisten Menschen Antheil nehmen, ja wie erregt mir ihr

mannigfaltiger Enthusiasmus eher Mitleid, als daß ich in ihren

vielfachen Anstrengungen, ein sogenanntes Gut zu ergreifen, etwas finden

könnte, das unsere Achtung aufruft. So rennen sie nach Kunst, oder

Philosophie, meinen, im Wissen oder in Farben und Ton solle ihnen das

ewige Licht aufgehen, quälen sich in Geschichte und den verworrenen

Händeln des Lebens ab, und versäumen darüber das Eine, das Noth ist, und

welches Alles ergänzt und ersetzt. Seit ich diesen Quell gefunden habe,

der jeden Durst der Seele so lieblich stillt, ist jenes bunte

Mannigfaltige für mich gar nicht mehr da, dem ich in der Jugend auch

wohl manchen sehnsüchtigen Blick zuwendete.«

»Wie muß ich Sie bewundern!« rief der Rath aus: »mit welcher Sehnsucht

habe ich das Leben gesucht, und immer nur leere Schatten gehascht! und

wie leicht ist es doch, die Wahrheit zu finden, die uns niemals täuscht,

die nie entschlüpft, die dem Herzen Alles gewährt, in der wir nur leben

und seyn können.«

»Ich verstehe Sie,« antwortete die Baronesse, »Sie gehören zu unserm

Kreise; es ist ein seliges Gefühl, daß sich die Gemeinschaft frommer und

begeisterter Gemüther immerdar vermehrt.«

»Den herrlichsten Zeiten gehen wir entgegen!« rief der junge Offizier in

Begeisterung aus. »Und wie selig müssen wir uns fühlen, da Dasjenige,

was uns über das nüchterne Leben erhebt, die ewige Wahrheit selber ist,

da diese uns beherrscht, und wir, von ihr regiert, nicht fehlen, niemals

irren können; denn wir geben uns der Liebe hin, daß sie in uns wirke und

ihre Geheimnisse unserm Herzen offenbare.«

»Nicht anders,« beschloß der ältere würdige Mann; »dies ist es, was uns

die Sicherheit geben muß, die uns von gewöhnlichen Enthusiasten oder

Schwärmern unterscheidet. Sie haben ein großes Wort gesprochen, theurer

Ferdinand, und darum sind Sie mir so werth, weil Keiner, so wie Sie, auf

dem kürzesten Wege das Rechte findet, weil Niemand es alsdann so klar

und einfach auszusprechen weiß.« Er umarmte den Jüngling, sah gen

Himmel, und eine große Thräne glänzte ihm im schönen dunkeln Auge. Die

Baronesse erhob sich und schloß sich an die Gruppe; alle waren bewegt,

nur Fräulein Dorothea wandte sich ab, und schien im Busche etwas

Verlornes zu suchen.

Dem aufmerksamen Alfred entging es nicht, daß die Mutter mit einem

Ausdrucke des Schmerzes zu ihrem ältesten Kinde hinsah, das auf seltsame

Weise von diesem Kreise der Rührung und Liebe ausgeschlossen schien. Der

Baron Wallen, so hieß der ältere Hausfreund, näherte sich mit dem

Ausdruck einer rührenden Milde dem Fräulein, die scheu vor sich nieder

sah, und in diesem Augenblick hochroth erglühte. Er sprach heimlich und

mit vieler Bewegung zu ihr, sie schien aber in ihrer Verlegenheit auf

seine Worte nicht sonderlich zu achten; denn als jetzt eine Dame in der

Allee zur Gesellschaft herschritt, ging sie dieser in großer Eile

entgegen, und schloß sie mit der größten Herzlichkeit und Freude in die

Arme.

Die Mutter schüttelte fast unmerklich mit dem Kopfe, und sah den Baron

Wallen mit prüfendem Auge an; dieser lächelte, und die Unterredung der

Gesellschaft gerieth nun auf ganz andere und gleichgültige Gegenstände;

denn die Frau von Halden, welche jetzt lautschwatzend, lachend und

Neuigkeiten erzählend, herzu trat, machte jeden Aufschwung, jede

innigere Mittheilung völlig unmöglich, so daß auch alle, bis auf

Fräulein Dorothea, etwas verstimmt wurden, die wie erquickt und

getröstet mit ihren Blicken am Munde der Redenden hing, und jetzt an der

übrigen Gesellschaft noch weniger Antheil nahm.

»Wer ist denn diese Neuigkeits-Krämerin?« fragte Alfred unwillig, »die

wie ein wilder Vogel in unsern stillen Kreis herein fliegt, und alle

zarteren Gefühle verschüchtert?«

»Eine Nachbarin unserer verehrlichen Baronesse,« antwortete der Herr von

Wallen: »sie hat sich auf eine unbegreifliche Weise des Gemüthes der

Fräulein Dorothea bemeistert, was wir alle nur beklagen können. Schon in

der Jugend hat es die treffliche Erzieherin, die Fräulein von Erhard,

eine Verwandte der Familie, verhindern wollen, daß dieser Umgang nicht

die bessern Fähigkeiten des schönen Mädchens unterdrücke; aber von jeher

sind alle ihre Bemühungen vergeblich gewesen.«

Diese Erzieherin, welche bisher wenig bemerkt worden war, näherte sich

jetzt, da sie sah, daß von ihr die Rede sei, und mischte sich in das

Gespräch. Sie erzählte, daß in dieser so liebenden und hochgestimmten

Familie Dorothea von früher Jugend ein abgesondertes Leben geführt habe,

und unter so vielen Geschwistern gewissermaßen ganz einsam gewesen sei.

Fräulein Charlotte von Erhard erzählte dies mit einer rauhen und heisern

Stimme, wurde aber so bewegt, daß sie sich der Thränen nicht enthalten

konnte. Alfred, der schon gerührt war, fand in seiner erhobenen Stimmung

die geälterte und fast häßliche Dame liebenswürdig und schön, und ein

herzlicher Unwille, eine lebhafte Geringschätzung wandte sich gegen die

arme Dorothea, die jetzt von der redseligen Freundin Abschied nahm und

zur übrigen Gesellschaft zurück kehrte. Sie war sichtlich erheitert,

aber man sah, welche Ueberwindung es ihr koste, wieder an den ernsteren

Gesprächen Theil zu nehmen. Sie erzählte, wie die Frau von Halden in

Unterhandlungen stehe, und wahrscheinlich ihr Gut verkaufen werde.

»Verkaufen?« fragte die Mutter erstaunt, »und sie konnte dennoch so

heiter, ja ausgelassen seyn?«

»Sie meint,« erwiederte Dorothea, »einen so vortheilhaften Kauf ihrer

noch unmündigen Kinder wegen nicht abweisen zu dürfen.«

»Giebt es einen Vortheil,« sagte die Mutter, »welcher den Kindern das

Glück der Heimath aufwiegen kann? Und sie selbst, Deine Freundin, die

hier auf ihrem Gute aufgewachsen ist, die hier mit Eltern und

Geschwistern, nachher mit einem geliebten Manne lebte, wie kann sie sich

selber so verstoßen und diesen Bäumen den Rücken wenden, sich von den

Zimmern verbannen, die sie als Kind geliebt und gekannt hat? Immer

wieder muß es mir auffallen, wie ich das Leben und Treiben der

allermeisten Menschen so gar nicht verstehe. -- Und wer ist denn der

Käufer?«

»Die Sache ist wunderlich genug,« erwiederte Dorothea, »der Käufer will

noch gar nicht genannt seyn; aber ein gewisser Graf Brandenstein führt

die Unterhandlung. Meine Freundin ist eilig und bestimmt, denn der

Fremde aus Amerika kauft noch manches andere Gut, so daß sie es für eine

Gunst hält, da er nicht ängstlich auf den Preis sieht, wenn sie das

ihrige dem Unbekannten zuwenden kann.«

Bei dem Namen »Brandenstein« wurde die Mutter blaß. Sie suchte sich aber

schnell zu fassen, und sagte nach einer kleinen Pause: »Ja, der Name war

es, der mir schon seit einer Woche schwer auf dem Herzen lag. Ich weiß

es schon, daß dieser Mann hier ist, der nun auf eine Zeitlang unsre

stille Freude verderben, und die Harmonie unsers Kreises stören wird.

Und ich kann es nicht vermeiden, ihn zu sehn, denn er ist ein alter

Bekannter unsers Hauses, und die Sitte der Welt zwingt uns ja, selbst

mit denjenigen freundlich umzugehen, die uns im innersten Herzen zuwider

sind, ja, die wir, wenn wir noch so billig denken, für schlechte und

ruchlose Menschen anerkennen müssen.«

Dorothea meinte, wo eine so bestimmte Empfindung vorherrsche, solle sich

der Mensch keinen Zwang anthun; und besonders auf dem Lande, wo sie

lebten, wäre es noch leichter, als in der Stadt, so widrigen

Erscheinungen auszuweichen. Die Mutter aber sagte: »Du verstehst dies

nicht, mein Kind; könnte ein gewissenloser Mensch ohne Grundsätze uns

nicht auf die empfindlichste Art schaden oder kränken, hätte er es durch

Witz und Frivolität nicht in seiner Gewalt, unser ganzes Leben zu

verderben, so würde ich ihn kalt abweisen, und mit meiner Wahrheitsliebe

ihm ohne Umschweif sagen, daß ich mit ihm nicht umgehen wolle; da aber

dies nicht möglich ist, so muß ich ihm höflich entgegen kommen, mit

Feinheit und Wohlwollen den bösen Geist in ihm zu beschwichtigen suchen,

und mich späterhin so unmerklich, als es seyn kann, von seinem

verderblichen Kreise zurück ziehn.«

Die übrigen Töchter drängten sich um die Mutter, und umarmten sie wie

tröstend. »Wenn ich Euch nicht hätte!« seufzte die Baronesse: »wenn ich

nicht auf die Hülfe unsers edlen Hausfreundes rechnen dürfte, so würde

mich der Besuch dieses gottlosen Menschen noch mehr ängstigen.«

»Wer ist er eigentlich?« fragte der Baron.

»Ein Mann,« antwortete die Mutter, »der sich schon früh in der Welt und

ihren Verstrickungen herum getrieben hat, der, von seinem eignen Herzen

belehrt, alles, was Liebe, Demuth, Frömmigkeit heißt, arg verspottet und

verfolgt, ein grober Egoist, der Niemand lieben kann, und den das

Heilige, Ueberirdische, wo er es wahrnimmt, wo er es nur ahndet, in

einen widrigen Zorn versetzt, der ihn dann zu jenem frivolen Witze

begeistert, den wir Alle so tief verachten. Es war das Unglück meines

Lebens, daß er die Bekanntschaft meines guten seligen Mannes machte, daß

dieser ihn lieb gewann, und sich in manchen trüben Stunden seiner

Gesellschaft und traurigen Philosophie hingab.«

»Sie schildern, verehrte Frau,« sagte der Offizier, »einen von jenen

Charakteren, die, dem Himmel sei Dank! jetzt schon seltener geworden

sind.«

»Eine Verruchtheit,« sagte der Baron, »die das Unsichtbare lästert, weil

sie auf Selbstverachtung gegründet ist. Sie sind aber, wie wir Alle,

über diesem Jammer erhaben.«

»Sein mittelmäßiges Vermögen,« fuhr die Mutter fort, »war bald

ausgegeben; nun verließ er Europa, trieb sich, wer weiß, unter welchen

wilden Völkern um, und ist nun zurück gekehrt, wie ich höre, als

Geschäftsträger eines unermeßlich reichen Amerikaners, der ihm in

Jahresfrist nachfolgen will, und der die Grille gefaßt hat, in unserer

Nachbarschaft viele Güter zu einer großen Herrschaft zusammen zu

kaufen.«

Fräulein Dorothea blieb dabei, daß man einem so bösen Menschen

ausweichen könne und müsse, und daß sie ihm schon das Haus zu betreten

unmöglich machen wolle, wenn die Mutter ihr dazu die gehörige Vollmacht

gebe; doch diese ward unwillig, und gebot, für heute den Namen des

Störenfried nicht mehr zu nennen. Jetzt sah man die Wagen vorfahren,

weil mit der Abendkühle die Familie sich wieder auf ihr nahes Landgut

begeben wollte, als sich in diesem Augenblick eine sonderbare Scene

entwickelte. Der alte Baron hatte sich schon einigemal Dorotheen

genähert; sie war ihm aber ausgewichen, doch benutzte er den Moment, als

er ihr in den Wagen half, ihr einige freundliche Worte zuzuraunen; sie

sprang zurück, indem sie hastig der Kutsche enteilte und in den Baumgang

lief. Der Baron konnte sie nicht einholen, so sehr er sich bestrebte;

als er schon tief im Garten war, kam sie athemlos zurück, warf den

Schleier über das erhitzte Angesicht, und weinte heftig, indem sie dem

fragenden und strafenden Blicke der mehr als erstaunten Mutter ängstlich

auswich. Der Wagen fuhr rasch davon, und der Baron, nachdem er verwirrt

und beschämt von den jüngern Freunden Abschied genommen hatte, bestieg

den seinigen, schwer gekränkt, wie man ihm anmerken konnte, so sehr er

auch seiner Fassung Gewalt zu thun suchte.

Als der junge Rath und der Offizier ihren Rückweg zur Stadt antraten,

sagte der erste nach einer Pause: »Was war das? Immer noch kann ich

nicht von meiner Verwunderung zurück kommen, daß unter so gebildeten und

feinen Menschen eine solche unschickliche Scene hat vorfallen können!

Ueberhaupt, wie kommt dieses Fräulein, dieser sonderbare, ja

widerwärtige Charakter in eine Familie, die ich fast eine geheiligte

nennen möchte? Irgend eine tiefe Verschuldung muß sie drücken, da sie

sich immer scheu zurück zieht, niemals an der Unterhaltung Theil nimmt,

und auch von allen Uebrigen mit einem herablassenden, fast

geringschätzenden Mitleide behandelt wird, das einem Fremden sehr

auffallen muß. Man kommt auf ärgerliche Vermuthungen, wenn man auch eben

nicht zum Argwohn geneigt ist.«

»Du würdest aber irren,« sagte der militärische Freund, »denn keine

Schuld, kein Vergehn drückt dieses Wesen nieder. Unter so hochgestimmten

Menschen, wie alle diese sind, würde sich dergleichen vielleicht ohne

große Kämpfe wieder herstellen, wenn diese Schwester nur sonst in einer

geistigen Harmonie mit den übrigen stände. Schlimmer aber als alles ist,

daß sie schon mit einem niedrigern, unedlern Geiste geboren wurde, daß

sie das Bestreben aller Uebrigen nicht versteht, und sich doch sagen

muß, es sei ein Hohes und Edles, nur für sie Unerreichbares. Dies Gefühl

der Unwürdigkeit drückt sie mehr nieder, als das Bewußtsein einer Schuld

es thun könnte. Sie fühlt sich fremd unter den Nächsten, unheimisch in

ihrem Hause; sie erquickt sich an den unwürdigen Bekanntschaften, wie

mit jener dicken und geschwätzigen Nachbarin, und entflieht besonders

dem Baron, den wir Alle so hoch verehren, und der sich zu sehr, fast mit

Leidenschaft herabläßt, ihren Sinn für ein höheres Leben

aufzuschließen.«

Sie bogen jetzt um die Felsenecke, und sahen die Stadt schon vor sich

liegen. Aber zu ihrem Entsetzen bemerkten sie auch zugleich jenen

wohlbeleibten Baron von Wilden, von dem sich Nachmittags der junge Rath

nur schwer hatte losmachen können. »Nun,« rief dieser ihnen entgegen,

»kommt Ihr schon aus dem Himmel zurück? Hat's brav viel ambrosische

Redensarten abgesetzt? Sind die nektarischen Gesinnungen gut

eingeschlagen? Hoffentlich war doch kein Mißwachs an überirdischen

Gefühlen?«

Die Freunde, die in der schönen Natur und dem lieblichen Abende gern

noch ihre Gefühle hätten harmonisch nachklingen lassen, suchten sich von

ihm loszuwickeln; da sie aber denselben Weg zur Stadt zurück gingen, war

dies unmöglich. »Nichts da!« rief er mit herrschender Stimme aus: »wir

bleiben treu beisammen, und dort unten beim Brunnen treffen wir noch

einen armen Sünder, der auf mich wartet.«

Die beiden jungen Leute sahen sich gezwungen, aus der Noth eine Tugend

zu machen, besonders weil der unempfindliche Baron mit kreischendem Tone

fortfuhr: »Ich merke wohl, Ihr wäret hier in der Gegend gern noch

empfindsam, besonders weil der Mond bald hervor kommen wird; aber

dergleichen Unfug wird in meiner prosaischen Gesellschaft nicht

geduldet. Glaubt mir doch, junge Menschen, all' das Aetherisiren und

Frommsüßlichen dort geschieht ja doch nur, daß Ihr an diesem lockenden

Hamen als Eheleute anbeißen sollt, wenn Ihr nämlich selbst Amt und

Vermögen besitzt. Es sind so viele Töchter dort, und nur die älteste,

verwilderte, ist so toll, alle Partieen abzuweisen. Ja die liebe, gute,

so hocherwünschte Ehe, das Freiwerben, wonach mit allen Fernröhren

hinaus geschaut wird, wenn so herrliche edle Töchter in dem Familiensaal

dasitzen, rund und fett, roth und weiß, züchtig und tüchtig,

auferwachsen und vollständig! Und in der Mitte die verständige Mutter,

achtsam, lauernd und spekulirend, die Augen nach allen Seiten, jeden

anfühlend, der nur eintritt, ob der feine Rock auch bezahlt ist, ob

derselbe, wenn er von Reisen und Bällen erzählt, auch wohl im Stande

sei, ein Ehefrauchen standesmäßig zu ernähren. Da gehn der guten Matrone

dann so fromme, weiche und gar unbefangene Redensarten aus dem zarten

Munde, die Blicke leuchten zum Himmel und rechts und links, und alle

Worte und alle Blicke schwimmen wie hundert Angeln im Strom der faden

Unterhaltung, und die jungen Bursche schießen bald nach dieser, bald

nach jener Schnur wedelnd und spielend hin, bis denn, wenn auch nach

Wochen, einer und der andere fest sitzt. So haben sie für die Kunigunde

den zarten Weißfisch erschnappt, und ihm gleich darauf eingebildet, das

runde Mädchen sei für ihn viel zu gut, so daß er wie ein reuiger Sünder

am Wagen des Ehestandes zieht, und sich geehrt fühlen muß, daß die Hohe

sich zu ihm erniedrigt hat; nun müssen Clara, Clementine und die

irdische Dorothea noch versorgt werden, ja ich stehe nicht dafür, daß

die bejahrte Bekehrerin nicht selbst noch einmal aus einem frommen

Knaben einen Bräutigam für sich drechselt, und ihm statt des Katechismus

einen Ehekontrakt in die Hände schiebt. Ja wohl Ehestand, Wehestand! Wie

rennt nur alles so blind und taub in das traurige Joch, und opfert

Freiheit und Laune dem bösen Geiste, der den Mann fast immer unter den

Sklaven erniedrigt.«

»Sie sind ein arger Frevler,« sagte der Offizier: »aus launenhafter

Verruchtheit hassen Sie die Ehe, und verlangen nun, alle Menschen sollen

als sündliche freigeisternde Hagestolze leben, und weil Ihr Sinn nicht

in jene Umgebung paßt, so lästern Sie diese Menschen, die jeder

Verläumdung zu erhaben sind.«

»Ganz martialisch!« rief der Baron aus. »Und doch werde ich Recht

behalten, und vielleicht seufzen Sie selbst einmal, wenn Sie an der

Kette wie ein Eichhorn immer wieder dieselben rechtgläubigen Sprünge

machen müssen, um die Nüsse zu knappern, die die Gemahlin Ihnen zukommen

läßt: ach! wenn ich doch dem resoluten Wilden hätte glauben wollen!«

»Nein, mein Herr,« sagte der Rath sich ereifernd, »Ihre Ansicht geht nur

aus der Verzweiflung hervor, ja, Sie glauben sich selber nicht.«

»Meinethalben,« rief jener aus, »kann seyn, daß eine ganz andere

Kreatur, als ich selber, aus mir heraus redet; denn das ist im Leben oft

der Fall, und bei jenen Apostolischen guckt auch oft was, wie ein Affe,

aus den verbrämten und aufgesteiften Gewändern hervor. Nicht wahr,

besonders aus dem ältlichen, zu wenig weltlichen Fräulein Erhard, der

unvergleichlichen Erziehungskünstlerin? Diese hat das Haubenmuster der

inwendigen Gesinnung für die ganze Familie zurecht gesteckt, sich selbst

aber die krauseste Religions-Frisur zurecht gezimmert. Ihr meint, wenn

diese ihr Orakel kräht und die kleinen Augen verdreht, so müssen wir

Ungläubige gleich unterducken. Ihr bin ich am meisten aufsässig, denn

sie ist es eigentlich, die die ganze Familie in Grund und Boden

verdorben hat.«

Jetzt standen sie am Brunnen. Die Sonne war längst untergegangen, und

aus der Finsterniß drehte sich ein Mensch hinter dem Weidenbusche

hervor. »Ach! der Michel!« rief der Baron: »können Sie, meine Herren,

einen ehrlichen Bedienten brauchen?«

»Warum,« fragte der Offizier, »habt Ihr die Dienste der trefflichen

Baronesse verlassen, die so mütterlich für ihre Leute sorgt?«

»Ach! gnädiger Herr,« sagte der Diener, »weil ich neulich so ein bischen

unschuldig gelogen habe, bin ich gleich fortgeschickt worden.«

»Das ist recht!« rief der Offizier, »daran erkenn' ich die edle Frau.«

»Alles ist nur ein Anstiften,« fuhr Michel fort, von dem neidischen

Fräulein Erhard: »die kann's nicht leiden, wenn Mann und Weibsen sich

gut sind, weil keiner sie aus dem ledigen Stande erlösen will, und seit

sie vor vier Wochen sah, wie ich dem Hausmädchen einen Kuß gab, hat sie

mir's nachgetragen.«

»Wie gemein!« rief Alfred aus.

»Ja, mein gnädiger Herr,« sagte der Diener, »sie ist nicht vornehm, aber

hübsch, und Kuß bleibt Kuß. Nun hatt' ich eines Tags, auch wegen des

Mädchens, ein neues Buch von der Stadt zu holen vergessen, es sollte so

ein recht superkluges, andächtiges seyn, da sagt' ich in der Angst, das

Buch sei schon verliehen, das kam heraus, daß ich gar nicht weggegangen

war, und da wurde ich nun um das bischen Lügen gleich aus dem Dienst

geschickt.«

»Können Sie ihn brauchen?« fragte der Baron die beiden jungen Leute;

diese versicherten aber: sie würden sich nie mit einem Menschen zu thun

machen, der in der edelsten und nachsichtigsten Familie nicht einmal

hätte geduldet werden können. »Nun so bleib indessen bei mir,« schloß

der Baron, »aber lüge so wenig als möglich.«

»Gewiß, gnädigster Baron,« rief der Mensch aus, »vorsätzlich niemals; es

kommt einem manchmal in der Angst eine sogenannte Nothlüge in den Hals,

die, meinte selbst mein alter Priester da hinten in meinem Dorfe, sei

wohl noch zu vergeben; aber meine gnäd'ge Herrschaft legt alles auf die

Goldwage, und in einem Hause, wo dann so die allerausgesuchteste

Frömmigkeit und aufgeputzteste Tugend herrscht, da kommt ein armer,

ordinärer Domestik durchaus gar nicht fort; wir sind zu irdisch, beste

Herren, die vornehmen Leute haben es leichter, das schleift und schleift

immer am Herzen und der Seele, dazu haben wir nicht Zeit vor

Messerputzen und andern Verrichtungen. Fräulein Dorchen wollte mich auch

entschuldigen und sagen, es wäre nicht so wichtig, die kam aber übel an,

auf die schrieen sie alle zusammen noch mehr los, als auf mich. Die

verachten sie alle, und sie ist doch die beste im Hause, weil sie nicht

so hoch hinaus will, denn der Mensch ist doch einmal aus einem Erdenklos

formirt, und da rührt sich von Zeit zu Zeit der alte Lehm und Thon in

ihm.«

»Sie passen gut zusammen, Sie und Michel,« sagte lachend der Offizier.

Schriften 17: Novellen 1 · 第 7 / 24 段