Jüngling, sagte der Alte, diese Frage ist zu verwickelt, setzt

unendliche Erfahrung, historischen Ueberblick, abgelegtes Vorurtheil,

und einen nach allen Richtungen ausgebildeten Geschmack voraus, den nur

viele Jahre, fortgesetzte Arbeit und unermüdliches Studium, so wie die

Mittel dazu, die nicht in Jedermanns Händen sind, fassen und lösen

können. Einiges Encyklopädische wird Dir hinreichen. Fast jeder Wein hat

sein Gutes, fast alle verdienen gekannt zu werden. Ist in unserm

Vaterlande der Neckar fast nur, den Durst zu löschen, da, so erhebt sich

der Würzburger schon zum Edeln, und die vielfachen hohen Sorten des

Rheinweins lassen sich nicht in der Eile charakterisiren. Ihr habt sie

hier vor Euch stehn gehabt und genossen. Diese trefflichen Wogen, vom

leichten Laubenheimer bis zum starken Nierensteiner, gewaltigen

Rüdesheimer und tiefsinnigen Hochheimer, mit allen ihren verwandten

Fluthen gehörig zu preisen, dazu gehört mehr als die Zunge eines Redi,

der in seinem toskanischen Dithyrambus doch nur mittelmäßig gefaselt

hat. Diese Geister gehn rein und klar, kühlend und den Sinn erläuternd

den Gaumen hinunter. Soll ich es vergleichen, so ist es die ruhige

Gediegenheit trefflicher Schriftsteller, Gemüth und Fülle ohne

Phantasterei oder schwärmerische Allegorie. Was ist nun der heißere

Burgunder demjenigen, der ihn vertragen kann! Wie die unmittelbare

Begeisterung fällt er in uns hinab, schwer, blutig, heftig erweckt er

unsre Geister. Die Rebe von Bourdeaux dagegen ist heiter, geschwätzig,

ermuntert, aber begeistert nicht. Doch schon voller und wunderlicher

dichtet die Provence und das poetische Languedoc. Dann das heiße Spanien

im Xerez und ächten Malaga, und den glühenden Weinen von Valencia. Hier

verwandelt sich der Weinstrom, indem wir ihn genießen, schon an unserm

Gaumen in Kugelgestalt, die sich weit und weiter ausbreitet, und uns im

Tokayer und St. Georgen-Ausbruch noch weit inniger und sinniger so

erscheint. Wie erfüllt Mund und Gaumen und den ganzen Sinn des Gefälls

nur ein Tropfen des edelsten Cap-Weins. Diese Weine muß der Kenner

nippen und züngeln, und nicht mehr trinken wie unsern braven Rhein. Was

sag' ich von euch, ihr lieblichsten Gewächse Italiens, und namentlich

Toskana's, du geistreichster Monte-Fiascone, du wahrhaft rührender

Monte-Pulciano? Nun so kostet denn, Freunde, und versteht mich! Aber

nicht konnt' ich dich aufsetzen, dich König aller Weine, dich

rosenröthlicher Aleatico, Blume und Ausbund alles Weingeistes, Milch und

Wein, Blume und Süße, Feuer und Milde zugleich! Diesen Wundergesellen

trinkt, kostet, nippt und züngelt man nicht; sondern dem Beseligten

erschließt sich ein neues Organ, das sich dem Unkundigen und Nüchternen

nicht beschreiben läßt. -- Hier brach er gerührt ab, und trocknete die

Augen.

So hatte meine Ahnung ja doch Recht, rief Dietrich begeistert aus:

dieser ist denn im Weinreich, was der alte Eyck oder Hemling, vielleicht

auch der Bruder Johann von Fiesole unter den Malern sind. So schmeckt ja

auch diese lieblich rührende und tiefe Farbe, die ohne Schatten doch so

wahr, ohne Weiße so blendend und überzeugend ist. So sättigt und

berauscht der Purpur des Gewandes, und so mildert und sänftigt das Feuer

das milde Blau, das schwärmende Violett. Alles ist Eins, und klingt in

unserm Geiste zusammen!

Ausgenommen Eulenböcks Nase, rief der ganz trunkene Bibliothekar aus:

die hat keinen Scharlach mehr, keine Uebergänge in den Tönen, um sie mit

dem Gesicht in Verbindung zu setzen, sondern jenes violette Dunkelroth

bratet in ihrer Zauberküche, wie unterirdisch in den Reichen der

feuchten Nacht die rothe Rübe gerinnt, aller Sonne abgewandt. Soll dies

Gewächs wohl dem Leben angehören? Soll der Weingott es so aufgefüttert

haben? Nimmermehr! Es ist ein ungeschlachtes Gehäuse, ein widerwärtiges

Etui für Bosheit und Lüge.

Leerer Schwulst, rief der Buchhalter, morscher Glanz, hinfällige

Sterblichkeit! Und krumm, baufällig steht sie auch noch in dem

unterminirten Gesicht, so daß sie mit ihrer Wucht bald den ganzen Mann

in Trümmer drücken kann. Kerl! wo hast Du die unverschämt schiefe Nase

her?

Ruhig, Krokodill! schrie Eulenböck, indem er heftig auf den Tisch

schlug: will das Geziefer die Welt reformiren? Jede Nase hat ihre

Geschichte, ihr Naseweise. Meint das dumme Volk denn, daß nicht auch das

Kleinste sich als Ring an die Nothwendigkeit ewiger Gesetze fügt? Meine

Nase, wie sie da ist, habe ich meinem Barbier zu verdanken.

Erzähle, Alter! riefen die jungen Leute.

Geduld! sprach der Maler. Die Physiognomik wird immer eine trügliche

Wissenschaft bleiben, eben weil sie auf Barbiere, Weinschenken und

sonstige historische Umstände zu wenig Rücksicht nimmt. Freilich ist das

Gesicht der Ausdruck des Geistes; aber es leidet unter der Art, wie man

damit handthiert, auffallend. Die Stirn hat es ihrer Festigkeit nach am

besten, wenn sich der Mensch nicht gewöhnt, alle kleine Leidenschaften,

Verdruß und Mißbehagen durch Faltenziehen darauf zu malen. Seht, wie

edel ist die unsers Eduard, und wie viel schöner würde sie noch seyn,

wenn der junge Bursche mehr gedacht und sich beschäftigt hätte! Die

Augen, ihrer Beweglichkeit nach, hin und her rennend, conserviren sich

in ihrem Spiel auch noch leidlich, man müßte sie denn ausweinen, wie

unser krokodilischer Freund dort. Schlimmer ist es schon mit dem Munde;

der schleift sich bald durch Schwatzen und fades Lächeln ab, wie bei

unserm werthen Bibliothekar; wischt Einer nun gar nach Essen und Trinken

übermäßig daran, so wird er bald unkenntlich, besonders, wenn man aus

falscher Schaam etwa die Lippen immer nach innen kneipt, wie unser

trefflicher Pietist, der die Röthe derselben wohl für Lüge und unnützen

Schwulst, erklärt. Aber die Nase, die arme, die von allen Theilen am

meisten sich hervor arbeitet, uns Unglückliche von allen Thieren

unterscheidet, bei denen Maul und Schnauze so freundlich eins werden,

und die beim Menschen als Höcker und Blocksberg der Tummelplatz aller

Hexen und bösen Geister wird: wird sie nicht schon der kalten Luft und

des Schnupfens wegen bei den meisten Menschen zum Sausewind und zur

klingenden Trompete und Schlachtposaune ausgereckt, gezogen, gedehnt und

gehudelt? Wird ihre Nachgiebigkeit, ihre Entwickelungs-Fähigkeit nicht

gemißbraucht, um fast Elephantenrüssel und Truthahnsschnäbel heraus zu

arbeiten? Frommere Seelen drücken sie wieder nieder und plätschen den

Hochmuth in jammervolle Unformen zusammen. Alles dieses sah ich früh,

schonte meine Nase, und konnte meinem Schicksal doch nicht entgehn. Ich

bin mit meinem Barbier, einem meiner innigsten Freunde, aufgewachsen und

alt geworden. Dieser Künstler, indem er sich von einer Seite meines

Antlitzes zur andern wandte, pflegte bei diesem Wechsel, um einen

Stützpunkt zu haben, mir die Schneide des Messers unten an die Kehle zu

setzen, und darauf drückend und sich lehnend schnell die andre Seite zu

gewinnen. Dies schien mir bedenklich. Er durfte ausgleiten, sich stoßen,

so schnitt er höchst wahrscheinlich mit dem Gestützten in das Stützende,

und mein Angesicht lag unrasirt zu seinen Füßen. Dem mußte abgeholfen

werden. Er dachte nach, und als wahres Genie war es ihm nicht so gar

schwer, sein System und seine Manier zu ändern. Er packte nämlich mit

seinen Fingern meine Nase, was ihm den Vortheil gewährte, sich stützen

und viel länger auf sie lehnen zu können, und zog sie gewaltsam in die

Höhe, vorzüglich, indem er die Oberlippe barbirte, und so beschauten wir

uns Auge in Auge, ein Herz dem andern nahe, und das Scheermesser

arbeitete in besonnener und sicherer Thätigkeit. Es traf sich aber, daß

mein Freund von je her eins der auffallendsten Gesichter an sich trug,

die der gemeine Haufe abscheulich, verzerrt und garstig zu nennen

pflegt; dabei hatte er die Gewohnheit, zu grimmassiren, und liebäugelte

mir so herzlich entgegen, daß ich es in jeder Sitzung ihm erwiedern, und

in dieser Nähe auch seine übrigen Fratzen unwillkührlich nachahmen

mußte. Riß er die Nase unbillig hinauf, so zerrte er dafür, um mit

seiner Kunst in die Mundwinkel zu gelangen, die Lippen und den Mund zu

gewaltsam in die Breite. Hatte er auf diese mechanische Weise in meinem

Antlitz ein scheinbares Lächeln erzwungen, so kam mir sein Lachen so

liebreich, freundlich, herzinnig und rührend entgegen, daß mir oft aus

schmerzlicher Theilnahme, und um nur ein boshaftes Lachen zu verbeißen,

die Thränen in die Augen traten. Mensch! barbirender Freund! rief ich

aus: stelle Dein menschenfreundliches Anlachen ein, ich lächle ja gar

nicht, Du ziehst mir ja nur die Mundwinkel wie einen Schwamm aus

einander. Thut nichts, antwortete die redliche Seele, Dein Liebreiz in

diesem Lächeln zwingt mich zur Erwiederung. Seht, so grinsten wir uns

denn wie die Affen minutenlang an. Ich bemerkte nach zwölf Wochen etwa

eine auffallende Veränderung in meiner Physiognomie. Die Nase stieg und

bäumte sich so auffallend nach oben, als wenn sie den Augen und der

Stirn den Krieg ankündigen wollte, die wirklich häßlichen Verzerrungen

der Wangen und Lippen ungerechnet, die ich aber schon nicht mehr lassen

konnte, weil ich sie wie ein Andenken von meinem Freunde empfangen

hatte. Ich drückte die aufstrebende Nase wieder nieder und trug dem

Edeln meine Wünsche noch einmal vor. Nun schien aber guter Rath theuer,

und eine Auskunft kaum möglich. Doch entschloß er sich, ein zweiter

Rafael, eine dritte, untadelige Manier anzunehmen, und nach einigen

Kämpfen gelang es ihm, indem er vorher bedächtig auskundschaftete, nach

welcher Seite es am vortheilhaftesten sei, mir die Nase beim Auflehnen

hin zu drehen: und dabei sind wir denn auch stehen geblieben, und diese

Nothwendigkeit hat sie mir gebogen; das wahre Gesicht, nach dem ich mich

instinktartig bilden mußte, hat mir diese Falten eingegraben, und tiefes

Forschen und Denken, flammende Begeisterung und glühende Liebe zum Guten

und Besten haben endlich diesen rothen Teppich über das Ganze gewoben.

Lautes Lachen hatte diese Erzählung begleitet; jetzt forderte der

Bibliothekar ungestüm Champagner, und der Buchhalter schrie nach Punsch.

Eulenböck aber rief: o ihr gemeinen Seelen! Nach dieser Himmelsleiter,

die ich Euch habe hinauf klettern lassen, um in das Paradies zu schauen,

kann auch ein so unedler, manierirter, moderner und witzloser Geist, wie

dieser sogenannte Punsch, auch nur in den fernsten Winkel Eures

Gedächtnisses kommen? Dies elende Gebräu aus heißem Wasser, schlechtem

Branntwein und Zitronensäure? Und was soll dieses diplomatische,

nüchterne Getränk, der Champagner, in unserm Kreise? Der nicht Herz und

Geist aufschließt, und nach dem halben Rausche höchstens dazu dienen

kann, wieder nüchtern zu machen? O Ihr Profanen!

Er schlug auf den Tisch; aber die Uebrigen, Eduard ausgenommen,

erwiederten diese Geberde so heftig, daß von der Erschütterung die

Flaschen tanzten, und mehrere Gläser zerschmetternd auf den Boden

stürzten. Hierüber ward Gelächter und Tumult noch lauter, man sprang

auf, andere Gläser zu holen, und Dietrich rief: es ist so kalt, eiskalt

hier geworden, und dagegen würde der Punsch helfen.

Es war tief in der Nacht, die Diener hatten sich entfernt, man wußte

nicht, wie man den Ofen wieder heizen sollte; auch gestand Eduard, daß

sein Holzvorrath völlig zu Ende sei, und er morgen mit der Frühe erst

neuen wieder herbei fahren lasse. Was meint Ihr? rief der ganz

berauschte Dietrich, unser Wirth hat doch beschlossen, dies Zimmer auf

neue Art einzurichten: wenn wir diese unnütze Vertäfelung, diese

Bretter, welche die Fenster bedecken, heraus brächen, und in dem großen

altfränkischen Camin hier ein herrliches deutsches Feuer anzündeten?

Dieser tolle Vorschlag fand bei den verwilderten Gästen sogleich Gehör

und lauten Beifall, und Eduard, der den ganzen Abend in einer Art von

Betäubung gewesen war, widersetzte sich nicht. Man hob den Schirm vom

Camin hinweg, und lief dann mit Kerzen nach der Küche, um Beile, Stangen

und andere Instrumente herbei zu holen. Im Vorsaal fand Eulenböck ein

altes verdorbenes Waldhorn, und darauf blasend, marschirten sie wie

Soldaten unter Schreien und abscheulicher Musik in den Saal zurück. Der

Tisch, welcher im Wege stand, ward umgeworfen, und sogleich begann ein

Hauen, Brechen und Hämmern gegen die hohle Wand. Jeder suchte den Andern

in Aemsigkeit zu übertreffen; um die Arbeitenden zu ermuntern, stimmte

der Maler den Schlachtruf auf dem Horne wieder an, und beim Gepolter

riefen Alle wie besessen: Holz! Holz! Feuer! Feuer! so daß dies

Geschrei, die Musik, das Schlagen der Aexte, das Krachen der brechenden

und ausspringenden Bretter den Wirth des Hauses in eine so dumpfe

Betäubung warf, daß er sich stumm in eine Ecke des Zimmers zurück zog.

Plötzlich wurde die Gesellschaft noch auf eine eben so unerwartete als

unangenehme Art vermehrt. Die Nachbarschaft war unruhig geworden, und

die Wache, welche ebenfalls das ungeheure Getümmel vernommen hatte, trat

jetzt, einen Offizier an ihrer Spitze, herein, da sie das Haus

unverschlossen gefunden hatten. Sie forschten nach der Ursache des

Getöses, und weshalb man Feuer geschrieen habe. Eduard, der ziemlich

nüchtern geblieben war, suchte ihnen Alles zu erklären, um seine Freunde

zu entschuldigen. Diese aber, aufgeregt und keines vernünftigen

Gedankens mehr fähig, behandelten diesen Besuch als einen gewaltsamen

Einbruch in ihre unveräußerlichsten Rechte; jeder schrie auf den

Offizier ein, Eulenböck drohte, der Buchhalter fluchte und weinte, der

Bibliothekar holte mit der Brechstange aus, und Dietrich, welcher am

meisten begeistert war, wollte sich mit dem Beile über den Lieutenant

hermachen. Dieser, ebenfalls ein junger hitziger Mann, nahm es von der

ernsthaften Seite und fand seine Ehre verletzt, und so war das Ende der

Scene, daß Jene unter Geschrei und Lärmen, Drohungen und

Freiheits-Declamationen nach der Hauptwache abgeführt wurden. So endigte

das Fest, und Eduard, der allein im Saal zurück geblieben war, ging

völlig verstimmt auf und nieder, und betrachtete die Verwüstung, welche

seine begeisterten Freunde angerichtet hatten. Unter dem umgeworfenen

Tische lagen zertrümmerte Flaschen, Gläser, Teller und Schüsseln, nebst

Allem, was von den Leckerbissen übrig geblieben war; der kostbarste Wein

floß über den Boden; die Leuchter waren zerschlagen; von denen, welche

stehen geblieben waren, waren alle Lichter, bis auf eine Wachskerze,

nieder gebrannt und ausgelöscht. Er nahm das Licht und betrachtete die

Wand, von der die Tapete abgerissen, und einige starke Bretter heraus

gebrochen waren; ein Balken stand davor, der den Zutritt in die Nische

hemmte. Ein sonderbares Gelüst befiel den Jüngling, noch in der Nacht

das angefangene Werk seiner wilden Gesellen fortzusetzen; um aber kein

übermäßiges Geräusch zu erregen, und doch noch vielleicht ihr Schicksal

zu theilen, nahm er eine feine Säge, und durchschnitt oben vorsichtig

den Balken; er wiederholte dies unten, und nahm dann den Kloben heraus.

Hierauf war es nicht so gar schwer, noch eine innere leichte Vertäfelung

wegzubrechen; das dünne Bret fiel nieder, und Eduard leuchtete in die

Nische hinein. Er konnte aber kaum den breiten Raum übersehen, und

etwas, das ihm wie Gold entgegen glänzte, wahrnehmen, als Alles

plötzlich verschwand; denn er hatte mit dem Lichte oben angestoßen und

es ausgelöscht. Erschreckt und in der größten Bewegung tappte er durch

den finstern Saal, aus der Thüre, über einen langen Gang, dann über den

Hof nach einem kleinen Hintergebäude. Wie zürnte er über sich selbst,

daß er keine Anstalt in der Nähe habe, Feuer zu machen. Aus festem

Schlafe ermunterte er den eisgrauen Thürhüter, der sich lange nicht

besinnen konnte, ließ sich von ihm, nach vielen vergeblichen Versuchen,

sein Licht wieder anzünden, und kehrte dann mit behutsam vorgehaltner

Hand, an allen Gliedern zitternd und mit klopfendem Herzen über die

Gänge nach dem Zimmer zurück. Er wußte nicht, was er gesehen hatte, er

wollte noch nicht glauben, was er ahndete. Im Saale setzte er sich erst

in den Lehnstuhl, um sich zu sammeln, dann zündete er noch einige Kerzen

an, und begab sich nun gebückt in die Nische. Der weite Raum der Fenster

erglänzte von oben bis unten wie in goldnem Brand; denn Rahmen drängte

sich an Rahmen, einer kostbarer als der andere, und in ihnen alle jene

verloren gewähnten Gemälde seines Vaters, um die der alte Walther und

Erich so oft gejammert hatten. Der Erlöser _Guido's_, der Johannes von

Domenichino, sie alle schauten ihn an, und er fühlte sich selbst

gerührt, andächtig, erstaunt, wie in einer bezauberten Welt. Als er sich

besann, flossen seine Thränen, und er blieb dort, die Kälte nicht

achtend, unter seinen neugefundenen Schätzen sitzen, bis der Morgen

herauf dämmerte.

* * * * *

Walther war eben vom Tisch aufgestanden, als Erich eilig zu ihm in den

Gemäldesaal trat. Was ist Dir, mein Freund? rief der Rath aus: hast Du

Geister gesehn? Wie Du es nimmst, erwiederte Erich: mache Dich auf eine

außerordentliche Nachricht gefaßt. -- Nun? -- Was gäbest Du wohl, was

thätest Du wohl dafür, wenn alle die verlorenen Malereien Deines seligen

Freundes, jene unschätzbaren Kostbarkeiten wieder da wären und Dein

werden könnten?

Himmel! rief der Rath aus und verfärbte sich: ich habe keinen Athem. Was

sagst Du? -- Sie sind da, rief jener, und können Dein Eigenthum werden.

-- Ich habe kein Vermögen, sie zu kaufen, sagte der Rath: aber Alles,

Alles würde ich geben, sie zu erhalten, meine Gallerie und Vermögen,

aber ich bin zu arm dazu. -- Wenn man sie Dir nun überlassen wollte,

sagte Erich, und der Eigenthümer forderte bloß die Gunst dafür, Dein

Schwiegersohn zu werden?

Ohne Antwort rannte der Alte hinaus und zur Tochter hinüber. Im Streit

mit dieser kam er zurück. Du mußt mein Glück machen, geliebtes Kind,

rief er aus, indem er mit ihr herein trat: von Dir hängt nun die

Seligkeit meines Lebens ab. Die erschrockene Tochter wollte immer noch

widersprechen, aber auf einen heimlichen Wink Erichs, den sie zu

verstehen glaubte, schien sie endlich nachzugeben. Sie ging fort, sich

umzukleiden; denn bei Erich warteten, wie dieser erklärte, die Bilder

und der Freiwerber auf sie. Unter welchen sonderbaren Gedanken und

Erwartungen suchte sie ihren besten Schmuck hervor; konnte sie sich in

Erich nicht irren? Hatte er denn auch sie verstanden? hatte sie ihn

richtig gedeutet? Walther war ungeduldig und zählte die Augenblicke;

endlich kam Sophie zurück.

In Erichs Hause waren alle jene Gemälde im besten Lichte aufgehangen,

und es wäre vergeblich, des Vaters Erstaunen, Freude und Entzücken

beschreiben zu wollen. Die Bilder waren, so behauptete er, bei weitem

schöner, als er sie in seiner Erinnerung gesehen hatte. Du sagst, der

Liebhaber meiner Tochter sei jung, wohlerzogen, von gutem Stande, Du

giebst mir Dein Wort darauf, daß er ein ordentlicher Mann seyn wird, und

niemals nach meinem Tode diese Bilder wieder veräußern? Wenn dies alles

so ist, so braucht er kein anderes Vermögen zu besitzen, als diese

Bilder, denn er ist überreich. Aber wo ist er?

Eine Seitenthüre öffnete sich, und Eduard trat ungefähr so gekleidet

herein, wie der ihm ähnliche Schäfer auf dem alten Gemälde von Quintin

Messys stand. -- Dieser? schrie Walther: woher haben Sie die Gemälde?

Als ihm Eduard den sonderbaren Vorfall erzählt hatte, nahm der Alte die

Hand der Tochter und legte sie in die des Jünglings, indem er sagte:

Sophie wagt viel, aber sie thut es aus Liebe zu ihrem Vater; ich denke,

mein Sohn, Du wirst nun klug und gut geworden seyn. Doch, eine

Bedingung: Ihr wohnt bei mir, und Eulenböck kommt nie über meine

Schwelle, auch siehst Du ihn mit keinem Auge wieder. Gewiß nicht,

antwortete Eduard: überdies reiset er mit dem fremden Prinzen von hier

fort.

Man ging nach dem Hause des Vaters. Dieser führte den Jüngling in seine

Bibliothek: hier, junger Mensch, sagte er, findest Du auch Deine

Seltenheiten wieder, die Dein luftiger Bibliothekar mir für ein

Spottgeld verkauft hat. Du wirst diese Schätze Deines Vaters künftig

heiliger halten.

Die Liebenden waren glücklich. Als sie allein waren, schloß Sophie den

Jüngling herzlich in die Arme. Ich liebe Dich innigst, mein Freund,

flüsterte sie ihm zu, aber ich mußte neulich dem Eigensinne meines

Vaters nachgeben, und mich damals und heute stellen, als gehorchte ich

ihm unbedingt, um erst nicht alle Hoffnung aufzugeben, und heute ohne

Widerspruch Dein zu seyn; denn hätte er meine Liebe gemerkt, so hätte er

nimmermehr so schnell eingewilligt.

Nach wenigen Wochen waren sie vermählt. Es ward dem Jünglinge nun nicht

schwer, ein ordentlicher und glücklicher Mann zu werden; an seine wilde

Jugend dachte er im Arme seiner Frau und im Kreise seiner Kinder nur wie

an einen schweren Traum zurück. Eulenböck hatte mit dem Prinzen die

Stadt verlassen, und mit ihm zugleich der sogenannte Bibliothekar, der

jene Stelle als Secretär beim Prinzen erhielt, um welche Eduard sich

bemüht hatte, und nach einigen Jahren die lockre Schöne heirathete, die

unserm jungen Freunde einen so übeln Ruf in seiner Vaterstadt

verursachte, und fast die Veranlassung seines Unglücks geworden war.

Die Verlobung.

Novelle.

»Ich habe lange auf Dich gewartet,« rief der junge Ferdinand seinem

Freunde entgegen.

»Du weißt ja,« erwiederte jener, »daß es unmöglich ist, sich schnell von

dem wohlbeleibten Barone loszureißen, wenn er Fragmente aus seiner

Lebensgeschichte vorträgt.«

»Wärst Du Offizier, wie ich,« antwortete Ferdinand, »so würdest Du es

dennoch möglich gefunden haben, pünktlich zu seyn; dies wenigstens lernt

man im Dienst. Sie sind alle schon auf dem Spaziergange dort versammelt,

laß uns eilen, daß ich Dich der verehrten Familie vorstellen kann.«

Die jungen Freunde bogen um die Felsenecke, und erfreuten sich des

klaren Anblickes am rauschenden Strome, der Wäldern und Bergen leuchtend

vorüber zog. Der Frühling war in diesem Jahre vorzüglich üppig

erschienen. »Wie wohl wird es dem Arbeiter,« sagte Alfred, »an einem

solchen Tage die Stadt und die geistlosen Geschäfte hinter sich zu

haben, um nach langer Anstrengung und Entbehrung diesen Segen der Natur

zu fühlen und ihre heilige Stimme zu vernehmen! Und wie dankbar bin ich

Dir, mein theurer Freund, daß Du mich in den Kreis der besten, der

edelsten Menschen einführen willst. Denn wie wir uns auch zu bilden

streben, wie ernsthaft wir studiren, einsammeln, und unser Herz und

Gemüth erweitern wollen, so ist es doch der Umgang mit echten Menschen,

der alles dies todte Wirken und unbeholfene Kämpfen erst belebt, und den

Besitz in ein wahrhaftes Gut verwandelt. Den zarten Frauen ist es aber

vorbehalten, dem Manne die Bildung zu geben, deren er nach seinen

Kräften und Gaben fähig ist.«

Der junge Offizier sah seinen Freund kopfschüttelnd an, stand einen

Augenblick still, und sagte dann, indem sie weiter schritten: »O wie

kann ich in diese Phrasen, die man schon tausendmal hat hören müssen, so

gar nicht einstimmen! Somit wäre es ja die große Welt, oder die

sogenannte gute Gesellschaft, die man aufsuchen müßte, um in schlechtem

Witz, Coquetterie, Lügen und Geschwätz die Reife zu erlangen, die uns

die Einsamkeit nicht gewähren könnte. Bin ich auch in den meisten Dingen

Deiner Meinung, so muß ich Dir doch hierin geradezu Unrecht geben. Die

Weiber! sie sind es ja eben, die recht eigentlich von einem boshaften

Schicksal dazu hingestellt zu seyn scheinen, sich des Mannes, wenn er

schwach genug ist, zu bemächtigen, alles Menschliche, Edle, Kraftvolle

und Wahre von ihm abzustreifen, und ihn, so viel es nur möglich ist, in

sein Gegentheil zu verwandeln, damit er ihnen nur zu einem unwürdigen

Spielzeuge gut genug sei. Das, was Du eben äußertest, ist auch schon

mehr die Denkweise einer jetzt fast verschwundenen Zeit, einer Zeit, die

der Wahrheit, vorzüglich aber aller religiösen Gesinnung, feindlich

gegenüber stand. Auch muß ich Dir sagen, daß Du jenes Wesen, wodurch

sich vormals unsre jungen Herren zu bilden glaubten, in der Gesellschaft

dieser Frauen nicht finden wirst, weil bei ihnen alles heilige Wahrheit,

Unschuld und echte Frömmigkeit ist.«

Der Freund suchte seine Meinung und sich selbst zu rechtfertigen, indem

sie unter lebhaften Gesprächen ihren Weg eilig fortgesetzt hatten. Sie

sahen jetzt schon den Garten vor sich liegen, in dessen kühlen Gängen

die Baronin mit ihrer Familie und einigen auserwählten Freunden die

Ankommenden erwartete. Alle fühlten sich in der grünen Umgebung wohl und

behaglich.

Schriften 17: Novellen 1 · 第 6 / 24 段