vorgestellt hatte. Hier ist der Catalog, welchen Sie befohlen hatten,
sagte er, indem er dem beschämten Jünglinge einige Blätter überreichte.
Wie? rief dieser aus, nicht mehr als nur etwa sechshundert Bände sind
noch von der schönen Sammlung übrig? Und unter diesen nur die
gewöhnlichsten Werke? Der Bibliothekar zuckte mit den Achseln. Da Sie
mir gleich vom Anbeginn, erwiederte er, meinen Gehalt in Büchern
ausgezahlt haben, so mußte ich diejenigen nehmen, die am ersten Käufer
fanden; auch bin ich nicht genug Kenner von Seltenheiten, und habe diese
wohl nicht genug gewürdiget; außerdem haben Bücher, vorzüglich
Raritäten, zu verschiedenen Zeiten einen ungleichen Werth, und ist der
Verkäufer gedrängt, um eine Summe zu erhalten, so muß er fast nehmen,
was ihm geboten wird.
So hätt' ich also, sagte Eduard halb in Wehmuth, halb mit Lachen, gewiß
besser gethan, gar keinen Bibliothekar anzunehmen, oder die Sammlung
gleich anfangs zu verkaufen, dann hätte ich Geld dafür gehabt, oder die
Bücher behalten. Und welche Sammlung! Mit welcher Liebe hat sie mein
Vater gehegt! Welche Freude war es ihm, als er den seltnen Petrark, die
erste Ausgabe des Dante und Boccaz erhielt! Wie konnt' ich es vergessen,
daß sich in den meisten Büchern Nachweisungen von seiner Hand finden!
Wie wollt' ich diese Werke ehren, wenn ich sie noch besäße! Uebrigens,
da ich keine Bibliothek mehr habe, werden Sie ermessen, wie ich Ihnen
auch schon neulich meldete, daß ich keines Bibliothekars mehr bedarf.
Indessen wollen wir heut noch mit einander fröhlich seyn.
Jetzt trat auch der Mann herein, der oft an den wilden Gelagen Theil
genommen hatte, und den sie wegen seiner Gesinnungen immer nur den
Pietisten nannten. Sie hatten ihm diesen Namen beigelegt, weil er nie in
die heitern Scherze oder ausgelassene Fröhlichkeit der Andern stimmte,
sondern unter Murren und moralischen Betrachtungen seinen Antheil am
Mahle verzehrte. Nun fehlt nur noch das Krokodill, rief Eulenböck aus,
so sind wir beisammen. Dies war ein kleiner hypochondrischer Buchhalter,
blaß und eingeschrumpft, aber einer der größten Trinker. Den sonderbaren
Namen hatten sie ihm beigelegt, weil er alsbald, so wie ihn der kleinste
Rausch anwandelte, in Thränen ausbrach, und diese um so reichlicher
vergoß, je länger das Gelag dauerte, und je ausgelassener die Uebrigen
waren. Die Thüre öffnete sich, und die Jammergestalt machte den
wunderlichen Kreis der Gäste vollständig.
Die Tafel war mit Trüffelpasteten, Austern und andern Leckerbissen
bedeckt; man setzte sich, und Eulenböck, dessen purpurrothes Gesicht
zwischen den Kerzen einen ehrwürdigen Schein von sich gab, begann auf
feierliche Weise also: Meine versammelten Freunde! Ein Unwissender, der
plötzlich in diesen Saal träte, könnte von diesen Anstalten, die den
Schein eines Festes haben, verleitet werden, im Fall er die Mitglieder
dieser Gesellschaft nicht näher kennen sollte, die Meinung zu fassen, es
sei hier auf Schwelgerei, Trinken, Tumult und ausgelassene Lustigkeit,
die nur der rohen Menge ziemt, angelegt worden. Selbst ein junger
Künstler, Dietrich mit Namen, der zum ersten Mal unter uns an diesem
Tische sitzt, läßt verwundernde Blicke auf die Menge dieser Flaschen und
Gerichte, auf diese Gansleberpastete, auf diese Austern und Muscheln,
und auf den ganzen Apparat einer Feierlichkeit schießen, der ihm hier
einen übertriebenen sinnlichen Genuß zu versprechen scheint, und auch er
wird sich wundern, wenn er erfährt, wie alles dies so ganz anders und im
entgegengesetzten Sinne gemeint sei. Meine Herren, ich bitte, Acht zu
geben, und meine Worte nicht zu leicht in das Ohr fallen zu lassen. Wenn
Länder die Geburt eines Prinzen feierlich begehn, wenn in Arabien ein
ganzer Stamm sich festlich freut, indem sich ein Dichter in ihm gezeigt
und hervor gethan hat, wenn die Installation des Lord-Mayor mit einem
Schmause verherrlicht wird, ja wenn man die Geburtsstunde der Pferde von
echter Race nicht unbillig auf nachdenkliche Weise auszeichnet: so liegt
es uns ja wohl noch näher (um nicht mit einem Antiklimax zu schließen)
aufzuschauen, gerührt zu seyn und etwa mit Gläsern anzustoßen, wenn das
Unsterbliche sich uns zeigt, wenn die Tugend uns würdigt, körperlich vor
uns zu erscheinen. Ja, meine Freunde, gerührten Herzens spreche ich es
aus, ein junger angehender Tugendhafter ist unter uns, der noch heut
Abend sich als eingepuppter Schmetterling durchbeißen, und seine
Schwingen im neuen Leben entfalten wird. Es ist Niemand anders, als
unser edler Wirth, der uns so manchen Schmaus gegönnt, so manches Glas
eingeschenkt hat. Aber ein feuriger Vorsatz, abgerechnet, daß er selbst
auf dem Trocknen sitzt, jener Impetus der Begeisterung, von dem schon
die Alten sangen, reißt ihn nun von uns in lichte Höhen hinauf, und wir,
von diesem Tisch und Flaschen und Schüsseln, seiner irdischen
Grabesstätte, schauen ihm schwindelnd nach, staunend, welchen fremden
Regionen er nun zusteuern wird. Ich sage Euch, Theuerste, er wälzt
unendlich viele und treffliche Entschlüsse in seinem Busen: und was kann
der Mensch, selbst der schwächste und unansehnlichste, nicht
entschließen! Habt Ihr es wohl je schon erwogen (aber in Euerm
Leichtsinn denkt Ihr nicht an dergleichen), daß in einer unscheinbaren
Mappe, wenn sie nur etwa hundert gezeichnete Landschaften enthält, sich
eine Strecke von tausend Meilen verbergen kann, und daß sie selbst doch
nicht mehr Raum einnimmt, als ein mäßiger Foliant? Denn Perspektive
liegt dort neben Perspektive, und Berg und Thal und Fluß und weite,
unendliche Aussichten. So mit den Vorsätzen! so schwächlich unser
Pietist, oder Herr Dietrich aussieht, so können sie doch gewiß an guten
Entschlüssen mehr als zehn Elephanten, oder zwanzig Kameele tragen. Wie
schwach ich selbst in dieser Tugend bin, weiß ich am besten, und daher
meine Verehrung vor denen, an welchen ich diese Kräfte wahrnehme.
Da wir nun nicht alle der Begeisterung fähig sind, so sitzen wir hier an
diesem Tische, wie an einem Kreuzwege, an welchem sich viele Straßen in
mannigfaltigen und entgegengesetzten Richtungen scheiden. Auf
dergleichen Hauptstationen pflegen auf pyramidalischer Säule die
Entfernungen der Städte nach allen vier Weltgegenden verzeichnet zu
stehn. So mag es auch hier, in einem nicht unerfreulichen Bilde, gelten.
Diese Austern führen, übermäßig genossen, zur Krankheit, dieser
Burgunder nach einigen Stationen zu rothen Nasen, diese Trüffeln und was
ihnen anhängt, zu Wassersucht, Magenkrampf und ähnlichen Uebeln. Unser
Eduard aber, alles dies verschmähend, wandelt zur Tugend. So fahre denn
wohl auf Deinem einsamen Pfade, und wir, die wir entzündete Gesichter,
dicke Bäuche und kurzen Athem nicht so sehr scheuen, gehn unsre Straße
fort. Aber auch ich werde Euch bald verlassen, Theuerste; ein edler
Unbekannter, den ich Euch noch nicht nennen darf, wird mein Kunstgenie
zu den höchsten Leistungen begeistern, er wird mich in fernen Regionen
einer idealischen Weihe empfänglich machen, und so zu sagen,
vergeistigen. Unser frommer, gemüthlicher Dietrich, den wir kaum kennen
lernten, wandelt den Kunstdom entlang, und schmückt die vaterländischen
Altäre. Was soll ich von Dir sagen, Bibliothekar, der Du vor den leeren
Bücherschränken stehst, und die Werke nicht blos gelesen, sondern
buchstäblich verschlungen hast? O Du verlesener Mensch, Du von der Secte
des muselmännischen Omar, Kienraupe der Bibliotheken, Verwüster der
Schriften, der Du eine neue alexandrinische Sammlung blos durch die
treffliche neue Erfindung, Dein Salar nicht geistig, sondern wirklich
aus den Schriften zu ziehn, vernichten könntest. Alle Buchhändler des
römischen Reiches sollten Dich umher senden, um mit Deiner zerstörenden
Kraft die Sammlungen zu zerstieben und neue Werke nothwendig zu machen.
Du, mehr als Recensent und schlimmer als Saturnus, der doch nur
verzehrte, was er selbst erzeugt: Wo sind sie, Deine Untergebenen, Deine
Mündel, die mit goldnem Rücken und Schnitt Dich so freundlich anlachten?
Versilbert hast Du sie alle, und schon nach wenigen Jahren Deine
silberne Hochzeit mit ihnen gefeiert. Lebe denn wohl, auch Du, Pietist,
redlichster unter den Sterblichen, Du Hasser aller Poesie und Lüge!
Reich mir die Hand zum Abschied, armes Krokodill, das schon in Thränen
schwimmt; im Sumpf einer Taverne mußt Du künftig heulen. In einem
bessern Leben sehn wir uns alle wieder.
Da Eduard nachdenkend war, und Dietrich in der Gesellschaft noch fremd,
der Bibliothekar und Pietist keine Miene verzogen, so herrschte während
und nach der Rede ein tiefes Stillschweigen, welches dadurch noch
feierlicher wurde, daß der Buchhalter, der schon manches Glas geleert
hatte, schluchzte und jammerte.
Heut ist der Abend der heiligen Drei-Könige, sagte Eduard, und wie es
noch in manchen Gegenden Sitte ist, sich an diesem Tage zu beschenken,
so wünsche ich, daß meine bisherigen Genossen und Freunde auch diese
Nacht in froher Geselligkeit mit mir verbringen.
An diesem Abend, fuhr Eulenböck fort, ist es nicht unschicklich, einmal
anders, als gewöhnlich zu leben; daher waren sonst Glücksspiele
gebräuchlich, wenn sie auch übrigens verboten waren. Und wie gut wäre es
für Dich, Freund Eduard, wenn heute auch Dein Glücksstern von Neuem
erwachte, daß dem verarmten Verschwender ein neues Vermögen bescheert
würde. Man hat wunderliche Erzählungen, wie verzweifelte Jünglinge sich
in der Armuth haben in ihrem väterlichen Hause erhängen wollen, und
siehe da, der Nagel fällt mit dem Balken der Decke herab, und mit beidem
zugleich viele tausend Goldstücke, die der vorsorgende Vater dorthin
versteckt hatte. Beim Lichte besehen, eine dumme Geschichte. Konnte der
Vater denn wissen, daß der Sohn für das Hängen eine besondere Vorliebe
haben würde? Konnte er wohl berechnen, daß der Körper des Desperaten
noch schwer genug bleibe, den verborgenen Schatz durch sein Gewicht
aufzudecken und herab zu ziehn? Konnte der verlorene Sohn nicht schon
früher einen Kronenleuchter dort anbringen wollen, und das Geld finden?
Kurz, tausend gegründete Einwürfe kann die vernünftige Kritik diesem
schlecht erfundenen Mährchen machen.
Ohne daß Du immer wieder auf diesen Vorwurf zurück kommst, sagte Eduard
empfindlich, schilt mein eignes Gewissen, meinen Leichtsinn und
thörichte Verschwendung. Wären die Leidenschaften nicht unbändig, die
ihren Stolz darein setzen, die Vernunft zu verhöhnen, so hätten die
Moralprediger nur leichte Arbeit. Es ist ganz begreiflich, wenn die
armen Menschen glauben, von bösen Geistern besessen zu seyn. Denn wie
soll man es erklären, daß man dem Schlimmen folgt, indem man das Bessere
einsieht, ja daß wir oft zum Letztern selbst in unsern wildesten Stunden
mehr Trieb, als zum Unrecht empfinden, und dennoch, uns selbst zum
Trotz, jeder Einsicht den Rücken kehren, und schon vor der begangenen
That von unserm Gewissen gequält werden? Es muß eine tiefgewurzelte
Verderbniß in der menschlichen Natur seyn, die sich auch nie ganz zum
Edeln erziehn, oder durch Pfropfreiser der Tugend umwandeln läßt.
So ist es, sagte der Pietist: der Mensch an sich taugt nichts, er ist
gleich in der Schöpfung mißrathen. Er kann nur geflickt werden, und die
Lappen bleiben immer auf dem alten schäbigen Tuche sichtbar.
Ja wohl, seufzte das Krokodill, es ist zu bejammern, und immer wieder zu
bejammern. Die Thränen flossen ihm dicht aus den weinglühenden Augen.
Als Du mich zum ersten Mal in jene Weinschenke führtest, fuhr Eduard zum
alten Maler gewendet fort, machte es mir denn Freude, mich in dem Kreise
dieser rohen und langweiligen Menschen zu sehn? Ich war beschämt, als
der Herr der Schenke mir mit einer Ehrfurcht entgegen kam, als sei ich
einer der Götter, vom Olymp herabgestiegen. Dergleichen Ehre war seinem
Hause noch niemals widerfahren. Bald gewöhnte man sich an die Gegenwart
meiner Herrlichkeit, und immer zog es mich wider meinen Willen in den
Weinduft des Zimmers, in das schreiende Gespräch und an meine Wand hin,
wie ein Zauber, der auch nicht riß, als die Gesichter des Wirthes und
seiner Leute kälter, ja verdrossen wurden, als man mein Wort nicht mehr
beachtete, und geringere Gäste anständiger behandelte; denn durch meine
Nachlässigkeit war ich schon in eine bedeutende Schuld gerathen, um
welche man mich mit grober Zudringlichkeit mahnte. Noch schlimmer ging
es einem armen Lumpen, einem täglichen Gast, auf den man fast nie hörte,
der oft verdorbenen Essig erhielt, und sich doch nicht beschweren
durfte; er war die Zielscheibe des witzigen Gesindes, der Gegenstand des
Hohns und Mitleids der übrigen Fremden, so wie seiner eignen furchtsamen
Verachtung. Und so schlecht man ihn behandelte, mußte er doch theurer
als Alle bezahlen, und ward betrogen, ohne klagen zu dürfen, indeß sein
Gewerbe versäumt ward, und Frau und Kinder zu Hause schmachteten. In
diesem Spiegel sah ich nun mein eignes Elend, und als einmal ein
redlicher Handwerker von unbescholtenem Wandel dort zufällig einkehrte,
und von Allen als eine seltene Erscheinung mit Hochachtung begrüßt
wurde, erwachte ich endlich aus dem Schlummer meiner Ohnmacht, bezahlte,
was nur meine Trägheit versäumt hatte, und suchte auch jenen Elenden zu
retten, daß er nicht ganz versank. Aber so ist es, daß selbst
diejenigen, die sich vom Leichtsinnigen und Taugenichts bereichern,
diesen verachten, und dem Würdigen, der ihnen aus dem Wege geht, ihre
Ehrfurcht nicht versagen können. So habe ich meine Zeit und mein
Vermögen unwürdig verschleudert, um Verachtung einzukaufen.
Sei still, Sohn, rief Eulenböck, Du hast auch mancher armen Familie
Gutes gethan.
Laß uns davon schweigen, antwortete Eduard in Unmuth: auch das geschah
ohne Sinn, so wie ich ohne Sinn Aufwand machte, ohne Sinn reisete,
spielte und Wein trank, und weder mir noch Andern eine gute Stunde
zuzubereiten verstand.
Das ist freilich schlimm, sagte der Alte, und was den lieblichen Wein
betrifft, eine Sünde. Aber seid munter und trinkt, ihr wackern Gehülfen,
damit auch der Wirth in die Stimmung komme, die ihm geziemt.
Es bedurfte aber dieser Aufmunterung nicht, denn die Tischgesellschaft
war unermüdet. Selbst der junge Dietrich trank fleißig, und Eulenböck
ordnete an, wie die Weine auf einander folgen sollten. Heute gilt es!
rief er aus, die Schlacht muß gewonnen werden, und der Sieger erzeigt
den Besiegten keine Gnade. Seht in mein kriegerisches Antlitz, Ihr
jüngern Helden, hier hab' ich die rothe Blutfahne dräuend ausgehängt,
zum Zeichen, daß kein Erbarmen statt finden soll! Nichts in der Welt
wird so mißverstanden, Freunde, als der scheinbar einfache Actus, den
die Menschen so obenhin trinken nennen, und keine Gabe wird so verkannt,
so wenig gewürdiget, als der Wein. Könnt' ich wünschen, der Welt einmal
nützlich zu werden, so möcht' ich eine aufgeklärte Regierung dahin
bewegen, einen eignen Lehrstuhl zu errichten, von wo herab ich die
unwissende Menschheit über die trefflichen Eigenschaften des Weines
unterrichtete. Wer trinkt nicht gern? Es giebt nur wenige Unglückselige,
die das mit Wahrheit von sich versichern können. Aber es ist ein
Erbarmen, anzusehn, wie sie trinken, ohne alle Application, ohne Styl,
Schatten und Licht, so daß sich kaum die Spur einer Schule findet;
höchstens Colorit, was die Uebermüthigen dann auch gleich sich und der
Welt auf die Nase binden und zur Schau aushängen.
Und wie muß man es eigentlich anfangen? fragte Dietrich.
Anfangs, erwiederte der Alte, muß man durch stille Demuth und einfachen
Glauben, wie in allen Künsten, den Grund legen. Nur ja keine vorzeitige
Kritik, kein spürendes, naseweises Schnüffeln, sondern ein edles,
vertrauenvolles Dahingeben. Kommt der Schüler weiter, nun so mag er auch
unterscheiden; und trifft der Wein nur Lehrbegier und Sitteneinfalt, so
unterrichtet auch sein Geist von innen heraus, und weckt mit dem
Enthusiasmus zugleich das Verständniß. Nur nicht die Uebung, als das
Hauptsächlichste, hintangesetzt, keine leere Schwärmerei; denn nur die
That macht den Meister.
O wie wahr! seufzte der Buchhalter, indem er seinen Thränen keinen
Einhalt that. Worte, sagte der Pietist, die der gemeine Haufe goldne
nennen würde.
Wäre das Trinken, fuhr Eulenböck fort, keine Kunst und Wissenschaft, so
dürfte es auch nur einerlei Getränk auf Erden geben, so wie das
unschuldige Wasser schon diese Rolle spielt. Aber der Geist der Natur
versenkt sich auf lieblich anmuthige Weise wechselnd und spielend hier
und dort in die Rebe, und läßt sich im wundersamen Ringen keltern und
verklären, um über den magischen Weg der Zunge in unser Inneres zu
steigen, und dort aus altem Chaos alle glänzende Kräfte aus Betäubung
und Schlummer aufzuwecken. Seht, da geht der Säufer! O meine Freunde, so
schalten und spotteten auch diejenigen, die die Eleusinische Weihe nicht
empfangen hatten. Mit dieser goldnen und purpurnen Fluth ergießt sich
und breitet sich in uns ein Meer von Wohllaut aus, und dem aufgehenden
Morgenroth erklingt das alte Memnons-Bild, das bis dahin stumm in
dunkler Nacht gestanden hatte. Durch Blut und Gehirn rinnt und eilt
frohlockend der holde Ruf: der Frühling ist da! Da fühlen alle die
Geisterchen die süßen Wogen, und kriechen mit lachenden Augen aus ihren
finstern Winkeln hervor; sie dehnen die feinen kristallnen Gliederchen,
und stürzen sich zum Bade in die Weinfluth, und plätschern und ringen,
und steigen schwebend wieder heraus, und schütteln die bunten
Geisterschwingen, daß mit Gesäusel die klaren Tropfen von den Federchen
fallen. Sie rennen umher und begegnen einander, und küssen frohes Leben
einer von des andern Lippe. Immer dichter, immer leuchtender wird die
Schaar, immer wohllautender ihr Gestammel: da führen sie gekränzt und
hoch triumphirend den Genius herbei, der kaum mit den dunkeln Augen aus
vollen Blumengewinden hervor schauen kann. Nun fühlt der Mensch die
Unendlichkeit, die Unsterblichkeit; er sieht und fühlt die Millionen von
Geistern in sich, und ergötzt sich an ihren Spielen. Was soll man dann
von den gemeinen Seelen sagen, die einem nachrufen: seht! der Kerl ist
besoffen. Was meinst Du, redliches Krokodill?
Der blasse Weinende reichte ihm die Hand und sagte: ach! Lieber, die
Leute haben Recht, und Ihr habt Recht, und die ganze Welt hat Recht. Was
Ihr so prophetisch daher gekugelt habt, geht über mein Verständniß, aber
ich bin selig in meiner tiefen Rührung. Wenn Leute in die Komödie gehn,
um für ihr Geld zu weinen, so kommt mir das ganz abgeschmackt vor; mag
es Andern vergönnt seyn, sich an hohen Gesinnungen und Thaten zu erheben
und darüber Thränen zu vergießen, aber ich verstehe es nicht; doch, wenn
solch guter Wein in mich hinein geht, so wirkt er wundersam, daß mir
dann Alles, Alles, mag man sprechen was man will, mag man schweigen oder
lachen, in der schönsten Rührung aufgeht. Seht, mein Herz möchte vor
Wonne brechen, ich könnte Alles, und wär' es Euer lahmer Pudel, in die
Arme schließen. Aber meine Augen leiden darunter, und der Doctor hat mir
deshalb das Trinken ganz verbieten wollen. Aber dieser Gedanke ist mir
eben die rührendste von allen Vorstellungen, darüber könnte ich Tage
lang weinen, und deshalb hat er auch diese Verordnung wieder zurück
nehmen müssen.
Je mehr ich trinke, sagte der Pietist, je mehr hasse ich das, was Ihr,
Eulenböck, da schwadronirt habt, je unvernünftiger kommt es mir vor. Lug
und Trug! Es ist beinah eben so dumm, als beim Trinken die Lieder zu
singen, die dazu gemacht sind. Jedes Wort darin ist gelogen. Wenn der
Mensch nur einen Gegenstand mit dem andern vergleicht, so lügt er schon.
»Das Morgenroth streut Rosen.« Giebt es etwas Dümmeres? »Die Sonne
taucht sich in das Meer.« Fratzen! »Der Wein glüht purpurn.«
Narrenspossen! »Der Morgen erwacht.« Es giebt keinen Morgen; wie kann er
schlafen? Es ist ja nichts, als die Stunde, wenn die Sonne aufgeht.
Verflucht! Die Sonne geht ja nicht auf; auch das ist ja schon Unsinn und
Poesie. O dürft' ich nur einmal über die Sprache her, und sie so recht
säubern und ausfegen! O verdammt! Ausfegen! Man kann in dieser lügenden
Welt es nicht lassen, Unsinn zu sprechen!
Laßt's Euch nicht irren, ehrlicher Mann, sagte Eulenböck, Eure Tugend
meint es gut, und wenn Ihr die Sache anders anseht, als ich, so trinkt
Ihr wenigstens denselben Wein, und fast eben so viel, als ich selber.
Die That vereinigt uns, wenn uns das System aus einander führt. Wer
versteht sich heut zu Tage? Davon ist auch gar nicht die Rede mehr. Ich
wollte nur noch bemerken, wenn es auch mit dem Vorigen gar nicht
zusammen hängt, daß mir die Art, wie Menschen und Aerzte den
Nahrungsprozeß und die sogenannte Assimilation ansehen, höchst einfältig
vorkommt. Der Eichenbaum wird aus seinem Saamenkorne eine Eiche, und die
Feige bringt den Feigenbaum hervor, und wenn sie auch Luft, Wasser und
Erde bedürfen, so sind es doch diese Elemente nicht eigentlich, aus
denen sie erwachsen. So erweckt die Nahrung in uns nur die Kräfte und
den Wachsthum, bringt sie aber nicht hervor; sie giebt die Möglichkeit,
aber nicht die Sache, und aus sich selbst quillt der Mensch wie eine
Pflanze hervor. Es ist eine platte Ansicht, zu glauben, daß der Wein
unmittelbar, an sich selbst, alle die Wirkungen hervor bringt, die wir
ihm zuschreiben; nein, wie ich sagte, sein Duft und Hauch _erweckt_ nur
die Qualitäten, die in uns ruhn. Nun stürzen sich die Kräfte, Gefühle
und Entzückungen hervor, wenn sie von diesen Wellen getränkt werden.
Meint man denn, daß es in aller Kunst und Wissenschaft anders sei? Ich
brauche doch wohl die alte Platonische Idee nicht von Neuem vorzutragen.
Rafael und Correggio und Titian regen nur mein eignes Selbst an, das in
Vergessenheit schlummert, und das größte Genie, der tiefste Kunstsinn
können sich die Gebilde mit aller Imagination nicht erfinden, die ihnen
von den großen Meistern vorgehalten werden; und doch wecken diese Werke
selbst nur die alten Erinnerungen auf. Daher auch die Sucht nach neuen
geistigen Genüssen, die sonst nicht löblich seyn würden; daher der
Wunsch, Unbekanntes aufzufinden, Originelles hervor zu bringen, der
außerdem nur Unsinn wäre. Denn wir ahnen die Unendlichkeit der
Erkenntniß in uns, diesen weissagenden Spiegel der Ewigkeit, und was
diese uns werden kann, ein unaufhörlich neues Erkennen, das sich im
Mittelpunkt einer himmlischen Ruhe sammelt, und von hier aus weiter nach
neuen Regionen ausbreitet. Und darum eben, meine lieben Saufbrüder, muß
es auch viele und mancherlei Weine geben.
Und welchen ziehen Sie vor? fragte Dietrich. Giebt es hier nicht auch
das Classische und Vollendete, das Moderne und Triviale, das Manierirte
und Gesuchte, das Lieblich-Alte und Fromm-Schlichte, das Gemüthliche und
leer Renommirende?