Was! rief der Alte mit der größten Ungeduld, seid Ihr rasend, Patron?

Einem Menschen, der den Nachlaß seines Vaters, die kostbarsten Bilder

verkauft und verschleudert hat? Und wenn Ihr ein Millionär wäret, ein so

gefühlloser Mensch erhielte sie niemals! Ei, da würde es nach meinem

Tode, vielleicht schon während meinen letzten Tagen, an ein herrliches

Ausbieten meiner Schätze gehen, da würden die Bilder in alle vier Ecken

der Welt fliegen, daß ich keine Ruhe in meinem Grabe hätte. Klug ist er

aber, der saubre Herr. Macht mich erst recht treuherzig, bringt mir mit

herrlicher Großmuth ein altes Schuldblatt seines Vaters, das er mir noch

bezahlen will, kirrt mich in die Rührung hinein, damit ich nur noch

großmüthiger, noch edler und heroischer werden, und ihm meine Tochter an

den Hals werfen soll. Nein nein, mein junger Herr, so leicht hat er das

Spiel bei mir nicht gewonnen. Die Schuld ist kassirt, ich finde keine

Spur davon in meinen Büchern, und selbst, wie ich schon sagte, wenn es

wäre. Auch will ich Ihm helfen, wie ich versprach, mit Rath und That,

mit Freundschaft und Geld, so viel Er nur billigerweise verlangen kann.

Aber mein Kind laß Er mir aus dem Spiele, und darum verbitt' ich mir in

Zukunft Seine Gegenwart in meinem Hause. Auch mag sie Ihn gar nicht, so

wie ich sie kenne. Sprich, Sophie, wärst Du wohl im Stande, Dich mit

einem solchen Thunichtgut einzulassen?

Ich mag gar noch nicht heirathen, sagte Sophie, und diesen wohl am

wenigsten, der zu allen Dingen in der Welt besser, als zu einem Ehemann

paßt. Halb schmerzhaft und doch lächelnd warf sie dem Jüngling einen

scheidenden Blick zu und verließ den Saal. Sophie! rief Eduard aus und

wollte ihr nacheilen: wie kannst Du diese Worte sprechen? Der Alte hielt

ihn am Kleide fest und machte Miene, ihm noch eine lange Ermahnung zu

halten; doch Eduard, der nun die Geduld völlig verloren hatte, nahm

seinen Hut, stellte sich vor den Vater und sagte mit einer Stimme, die

von Zorn und Schluchzen unterdrückt war: ich gehe, alter Herr, und komme

nicht, merken Sie sich das! in Ihr Haus zurück, bis Sie mich rufen

lassen! bis Sie mich selber wieder hieher zurück rufen! Ja, bis Sie mich

inständig bitten, Ihre Wohnung nicht zu verschmähen! Es kann mir nicht

fehlen; Talente, gute Aufführung, Kenntnisse, sie bahnen mir den Weg zu

den höchsten Ehrenstellen. Dem Prinzen bin ich schon empfohlen. Das ist

aber nur die erste und kleinste Staffel meines Glücks! Ganz andre Wege

müssen sich mir eröffnen. Und wenn dann die Stadt es sich zur Ehre

rechnet, mich geboren zu haben, wenn ich diese jetzige Stunde ganz

vergessen habe, dann sende ich irgend einen Vertrauten von Ansehn zu

Ihnen, und lasse unter der Hand anfragen, wie es um Ihre Tochter steht:

dann fallen Sie aus den Wolken, daß ich noch an Sie denke, Sie falten

andächtig die Hände, daß sich Ihnen die Möglichkeit zeigt, einen solchen

Schwiegersohn zu erhalten, -- und so, gerade so wird es kommen, und auf

diese Weise werde ich Sie zwingen, mir Ihre Tochter zu geben.

Er stürzte fort, und der Vater sah ihm mit zweifelndem Blicke nach und

murmelte: nun ist er gar verrückt geworden.

* * * * *

Im Freien, als dem jungen Manne ein heftiges Schneegestöber

entgegenschlug, verkühlte sich seine sonderbare Hitze; er mußte über

seine Heftigkeit und jene unsinnigen Reden erst lächeln, dann laut

lachen, und als er sich in seiner Wohnung befand, kam er beim Umkleiden

völlig zur Besinnung. Dieser Tag war für ihn von der höchsten

Wichtigkeit, denn die Stunde war jetzt da, in welcher er sich dem

Prinzen, der unterdessen, wie man ihm gesagt hatte, angelangt war,

vorstellen sollte. Die Kleider, welche er jetzt anlegte, hatte er lange

nicht getragen, mit solcher Aufmerksamkeit hatte er sich noch nie im

Spiegel betrachtet. Er musterte seine Gestalt, und konnte sich nicht

verhehlen, daß er gut gewachsen, daß sein Auge feurig, sein Gesicht

anmuthig und die Stirne edel sei. Mein erster Anblick, sagte er zu sich

selbst, wird ihm wenigstens nicht mißfallen. Alle Menschen, selbst

diejenigen, die mich nicht leiden können, loben mein gewandtes und

feines Betragen; ich habe manche Talente und Kenntnisse, und was mir

mangelt, kann ich bei meiner Jugend, bei meinem trefflichen Gedächtnisse

leicht nachholen. Er wird mich lieb gewinnen, und bald werde ich ihm

unentbehrlich seyn. Der Umgang mit der großen Welt wird nach und nach

alles das wegschleifen, was mir noch von schlechten Gesellschaften

anhängen mag. Reise ich nun auch mit ihm, und muß mich etwa ein Jahr,

oder selbst noch länger, von hiesiger Gegend entfernen, so dient dies

auch in fremden Ländern nur um so mehr dazu, mich in seiner Gunst recht

fest zu setzen. Wir kommen dann zurück; meiner Bildung, meinen

Ansprüchen kommen durch seine Protection die ansehnlichsten Stellen

hier, oder auch im Auslande entgegen, und ich werde gewiß alsdann nicht

vergessen haben, daß es doch Sophie eigentlich war, die mein besseres

Selbst zuerst aus seinem Schlaf erweckte.

Er war nun angekleidet und so trunken von seinen Hoffnungen, daß er es

nicht merkte, wie er wieder die nämlichen Worte vor sich selber

aussprach, über welche er sich vorhin verlacht hatte. Er nahm die ganz

erblühte Monatsrose aus dem Glase, und drückte sie, um sich zu seinem

Gange zu stärken, an den Mund, aber zugleich fielen ihm alle ihre

Blätter vor die Füße. Eine üble Vorbedeutung! seufzte er und ging aus

dem Hause, um in den Wagen zu steigen.

Als er im Palast angelangt war, gab er dem Bedienten den Brief, welcher

ihn dem Prinzen empfehlen sollte. Indem er den Spiegelwänden vorüber

spazierte, kam zu seiner Verwunderung der junge Dietrich aus einem

Seitenzimmer in verstörter Eile, und bemerkte anfangs seinen

Befreundeten nicht. Wie kommen Sie hieher? fragte Eduard hastig. Kennen

Sie den Prinzen? -- Ja, -- nein, -- stotterte Dietrich, -- es ist eine

sonderbare Sache, die wohl, -- ich will es Ihnen erzählen, aber freilich

wird hier keine Zeit dazu seyn.

Dies war in der That der Fall, denn eine geschmückte, in Juwelen

prangende Dame schritt mit vornehmem Anstande herein, und vertrieb den

jungen Maler, der sich mit ungeschickten Verbeugungen entfernte. Eduard

stand still, als die glänzende Erscheinung ihm näher kam; er wollte sich

verneigen, aber sein Erstaunen lähmte seine Bewegung, als er in ihr jene

Schöne plötzlich erkannte, die zum Nachtheil seines Rufes so lange in

seinem Hause gewohnt, und mehr als alle seine Verirrungen sein Vermögen

verringert hatte. Wie! rief er aus, -- Du selbst -- Sie, hier in diesen

Zimmern?

Und warum nicht? sagte sie lachend. Es wohnt sich gut hier. Du merkst

doch wohl, mein Freund, daß ich, wie einst Deine Freundin, so jetzt die

Freundin des Fürsten bin, und wenn Du etwas bei ihm suchst, so kann ich

Dir Ungetreuem vielleicht beförderlich seyn, denn er hat mehr Gemüth,

als Du, und auf seine fortdauernde Gunst kann ich sicherer zählen, als

es mir mit Deinem Flattersinn gelingen wollte.

Eduard mochte die freundliche Schöne in dieser Stunde nicht daran

erinnern, daß sie sich zuerst von ihm entfernt hatte, als sie gesehen,

daß sein Vermögen verschwendet war; er entdeckte ihr seine Lage und

seine Hoffnungen, und sie versprach, sich mit dem besten Eifer für ihn

zu verwenden. Sei nur ruhig, mein Freund, so beschloß sie ihre

Versicherungen, es kann und soll Dir nicht fehlen, und dann wird es sich

ja zeigen, ob Du noch ein Fünkchen Liebe in Deinem kalten Herzen für

mich aufbewahrt hast. Nur mußt Du vorsichtig seyn und in seiner

Gegenwart fremd gegen mich thun, damit er nie erfährt oder merkt, daß

wir uns schon sonst gekannt haben.

Mit einem flüchtigen Kuß, wobei die geschminkte Wange ihm einen

lebhaften Widerwillen erregte, verließ sie ihn, und Eduard ging mit dem

größten Mißbehagen im Saale auf und ab, da sich Alles so ganz anders

gestaltete, als er es sich vorgebildet hatte. Dieses Wesen, welches er

hassen mußte, in seiner neuen Umgebung zu finden, schlug alle seine

Hoffnungen nieder, und er nahm sich fest vor, ihren Netzen und Lockungen

zu entgehen, und wenn diese seine Tugend ihm auch die größten Nachtheile

bringen sollte.

Indem öffnete sich die Thüre, und jener ihm so widerwärtige Unbekannte

trat mit seinem hoffärtigen Gange und stolzer Geberde herein.

Eduard ging ihm entgegen und sagte: vielleicht gehören Sie zum Gefolge

Seiner Durchlaucht, und können mir melden, ob ich jetzt die Ehre haben

kann, ihm meine Aufwartung zu machen.

Der Fremde stand still, sah ihn an, und nach einer Pause antwortete er

in kaltem Tone: das kann ich Ihnen freilich sagen; keiner besser als

ich. -- Eduard erschrack, da er den Empfehlungsbrief in seinen Händen

bemerkte. Will mich der Prinz nicht sprechen? fragte er bestürzt. Er

spricht mit Ihnen, antwortete jener, und mit so höhnendem und

wegwerfendem Tone, daß der junge Mann alle Fassung verlor. Ich halte

mich schon seit einiger Zeit in dieser Stadt auf, fuhr der vornehme

Fremde fort, und habe Gelegenheit gefunden, Menschen und Verhältnisse

durch mein Incognito kennen zu lernen. Wir sind uns auf eine etwas

sonderbare Art nahe gekommen, und wenn ich auch jenen Schritt, von dem

Sie wohl selbst wissen, daß er kein ganz unschuldiger war, entschuldigen

könnte, so hat er mir doch ein gerechtes Mißtrauen gegen Ihren Charakter

eingeflößt, so daß ich unmöglich Ihnen eine Stelle einräumen kann, die

uns in eine vertrauliche Nähe rücken würde. Ich gebe Ihnen also diesen

Brief zurück, den ich, trotz seiner warmen Empfehlung, und obwohl er aus

höchst achtungswürdigen Händen kommt, nicht berücksichtigen kann.

Insofern Sie mich persönlich beleidigt haben, ist Ihnen, da Sie mich

nicht kannten, völlig vergeben, und Ihre jetzige Beschämung und

Verwirrung ist mehr als hinlängliche Strafe. Ein junger Mann verließ

mich eben, von dem ich ein ziemlich wohlgerathenes Bild gekauft habe,

und welchem ich auch einige Warnungen und gute Lehren für seine Zukunft

mitgegeben habe. -- Ich sehe, daß unser Zusammentreffen Sie etwas zu

sehr erschüttert, und da Sie vielleicht auf jene Stelle schon mit zu

großer Sicherheit gerechnet hatten, und wohl in augenblicklicher

dringender Verlegenheit sind, so empfangen Sie diesen Ring zu meinem

Andenken und zum Zeichen, daß ich ohne allen Groll von Ihnen scheide.

Eduard, welcher indeß Zeit gehabt hatte, sich wieder zu sammeln, trat

mit Bescheidenheit einen Schritt zurück, indem er sagte: rechnen Sie es

mir, Durchlauchtiger Prinz, nicht als Stolz und Uebermuth an, wenn ich

dieses Geschenk, welches mir unter andern Umständen höchst ehrenvoll

seyn würde, in dieser Stunde ausschlage. Ich kann Ihre Art nicht

mißbilligen, und Sie erlauben mir gewiß, ebenfalls meinem Gefühle zu

folgen.

Junger Mann, sagte der Prinz, ich will Sie nicht verletzen, und da Sie

mir Achtung abzwingen, so muß ich Ihnen auch noch sagen, daß wir uns,

ungeachtet der sonderbaren Art, unsre Bekanntschaft zu machen, vereinigt

hätten, wenn nicht eine Person, die ich achten und der ich glauben muß,

und welche Sie vorhin in diesem Saale traf, mir so viel Nachtheiliges

von Ihnen gesagt, und mich dringend ersucht hätte, auf den Brief keine

Rücksicht zu nehmen.

Ich werde, sagte Eduard wieder ganz heiter, dem Beispiele dieser Dame

nicht folgen, und sie wieder anklagen, noch mich über sie beklagen, da

sie gewiß nur ihrer Ueberzeugung gemäß gesprochen hat. Wenn mir aber

Ihre Durchlaucht die Gnade erzeigen wollen, das Bild des jungen

Dietrich, so wie einige Ihrer andern Gemälde zu zeigen, so werde ich mit

der größten Dankbarkeit von Ihnen scheiden.

Es freut mich, antwortete der Prinz, wenn Sie Interesse an der Kunst

nehmen; ich habe zwar nur Weniges hier, aber ein Bild, das ich vor

einigen Tagen so glücklich war, zu dem meinigen zu machen, wiegt allein

eine gewöhnliche Sammlung auf.

Sie traten in ein reich verziertes Kabinet, wo an den Wänden und auf

einigen Staffeleien ältere und neuere Bilder sich zeigten. Hier ist der

Versuch des jungen Mannes, sagte der Prinz, welcher allerdings etwas

verspricht, und ob ich gleich dem Gegenstande keinen Geschmack

abgewinnen kann, so ist doch die Behandlung desselben zu loben. Die

Färbung ist gut, wenn auch etwas grell, die Zeichnung ist sicher und der

Ausdruck rührend. Nur sollte man die Marien mit dem Kinde endlich zu

malen aufhören.

Der Prinz zog einen Vorhang auf, stellte Eduard in das rechte Licht und

rief: sehn Sie aber hier dies gelungene, herrliche Werk meines

Lieblings, des _Julio Romano_, und erstaunen Sie, und entzücken Sie

sich!

Mit einem lauten Ausrufe, und mit einem höchst freudigen, ja lachenden

Gesicht mußte Eduard in der That dieß große Bild begrüßen; denn es war

das wohlbekannte Machwerk seines alten Freundes, an welchem dieser schon

seit einem Jahre gearbeitet hatte. Es war Psyche und der schlafende

Amor. Der Prinz stellte sich zu ihm und rief: daß ich diesen Fund gethan

habe, bezahlt mir allein schon die Reise hieher! Und bei jenem alten,

unscheinbaren Manne habe ich dieses Kleinod angetroffen! Ein Mann,

welcher selbst als Künstler keine unbedeutende Rolle spielt, aber doch

bei weitem nicht so erkannt wird, wie er sollte. Er besaß das Gemälde

schon lange und wußte, daß es vom _Julio_ sei; indessen da er nicht

Alles gesehen hat, so waren ihm immer noch einige Zweifel geblieben, und

er war erfreut, von mir so viele nähere Umstände von diesem Meister und

seinen Werken zu erfahren. Denn freilich hat er Sinn, der Alte, und weiß

wohl ein solches Juwel zu würdigen; aber er ist nicht in alle

Trefflichkeiten des Malers eingedrungen. Ich würde mich geschämt haben,

seine Unkenntniß zu benutzen, denn er foderte für diese herrliche

Arbeit, zu der er auf sonderbare Weise gekommen ist, einen zu mäßigen

Preis; ich habe diesen erhöht, um die Zierde meiner Gallerie auch auf

eine würdige Art bezahlt zu haben.

Er ist glücklich, sagte Eduard, der verkannte alte Mann, einen solchen

Kenner und edlen Beschützer zum Freunde gewonnen zu haben; vielleicht

ist er im Stande, die Gallerie Eurer Durchlaucht noch mit einigen

Seltenheiten zu vermehren, denn er besitzt in seiner dunkeln Wohnung

Manches, was er selbst nicht kennt oder würdigt, und ist eigensinnig

genug, seine eignen Arbeiten oft allen ältern vorzuziehn.

Eduard empfahl sich, ging aber nicht sogleich nach Hause, sondern eilte,

so leicht bekleidet er auch war, nach dem Park, rannte lustig durch die

abgelegenen, mit Schnee bedeckten Gänge, lachte laut und rief: o Welt!

Welt! Lauter Fratzen und Albernheiten! O Thorheit, du buntes,

wunderliches Kind, wie führst du deine Lieblinge so zierlich an deinem

glänzenden Gängelbande! Lange lebe der große Eulenböck, er, der

trefflicher, als Julio Romano oder Rafael ist! Habe ich doch nun auch

einmal einen Kenner kennen gelernt.

* * * * *

Eduard hatte nun Anstalten zu dem lustigen Abend gemacht, welchen er mit

Eulenböck verabredet hatte. Vor Kurzem war ihm dieser Tag als ein

lästiger erschienen, den er nur bald hinter sich zu haben wünschte;

jetzt aber war seine Stimmung so, daß er sich auf diese Stunden der

Betäubung freute, weil er meinte, daß sie für lange Zeit seine letzten

vergnügten seyn würden. Gegen Abend erschien der Alte, und schleppte mit

einem Diener zwei Körbe mit Wein herbei. Was soll das? fragte Eduard:

ist es denn nicht ausgemacht, daß ich Euch bewirthen soll? Das sollst Du

auch, sagte der Alte, nur bringe ich einigen Vorrath zum Succurs, weil

Du die Sache doch eigentlich nicht verstehst, und weil ich auch an

diesem Abend recht ausgelassen seyn will.

Ein trauriger Vorsatz, erwiederte Eduard, lustig seyn zu wollen, und

dennoch habe ich ihn auch gefaßt, mir und meinem Schicksal zum Trotz.

Sieh da, sagte Eulenböck lachend, hast Du auch ein Schicksal? Das hab'

ich gar nicht einmal gewußt, junger Bursche; mir schien das Wesen sich

immer höchstens zum Verhängniß hin zu neigen. Aber vornehmer ist das

andere ohne Zweifel, und vielleicht wird es noch zum Geschick, wenn Du

erst etwas klüger geworden bist. Ja, ja, Freund, Geschick, das ist es,

was den meisten Menschen fehlt, Verstand, Umstände zu nutzen, oder sie

hervor zu bringen, und darüber gerathen sie in's Schicksal, oder gar in

das noch fatalere Verhängniß, wo sich dann nicht immer eine christliche

Hand findet, sie wieder los zu schneiden.

Du bist unverschämt, rief Eduard aus, und glaubst witzig zu seyn; oder

Du hast Dir gar schon einen Rausch getrunken.

Kann seyn, mein Kind, schmunzelte jener, und wir wollen bald die

Anstalten treffen, mich wieder nüchtern zu machen. Unser gutes Prinzchen

hat mich in eine Art von Wohlstand versetzt, der, wenn ich Vernunft

habe, ein dauernder seyn kann; denn er protegirt mich trefflich, wird

mir noch mehr abkaufen, und auch Sachen von meinem eignen Pinsel malen

lassen. Er meint, ich wäre hier in dieser Stadt nicht an meiner Stelle,

man erkenne mich nicht genug an, und es mangle mir an Aufmunterung.

Vielleicht nimmt er mich mit, und bildet mich noch zum ächten Künstler

aus, denn er hat den besten Willen dazu, und ich gerade Sinn und Talent

genug, um ihn zu verstehn und mir von ihm rathen zu lassen.

Schelm der Du bist! sagte sein junger Freund: ich habe lachen müssen,

daß Du Deinen Julio Romano so vortheilhaft verkauft hast; aber ich

möchte denn doch nicht an Deiner Stelle seyn.

Der Alte ging auf ihn zu, sah ihn starr an und sagte: Und warum nicht,

Kleiner? Wenn Du nur die Gabe dazu hättest! Jeder Mensch malt und

pinselt an sich herum, um sich für besser auszugeben, als er in der That

ist, und für ein wunderbares köstliches Original zu gelten, da die

meisten doch nur geschmierte Copieen von Copieen sind. Hättest Du meinen

Gönner das Bild nur analysiren hören, da hättest Du etwas lernen können!

Nun verstehe ich erst alle die Kunst-Absichten des Julio Romano; Du

glaubst nicht, wie viel Treffliches ich an dem Bilde übersehen hatte,

wie viele Stellen seines markigen Pinsels. Ja, es ist eine Freude, einen

solchen Künstler so recht zu durchdringen, und wenn man ihn ganz und in

allen seinen Theilen zugleich faßt, so überschleicht uns im

vollständigen Gefühl seines hohen Werthes eine wohlthätige Empfindung,

als hätten wir auch an seiner Herrlichkeit einigen Antheil; denn ein

Kunstwerk ganz verstehen, heißt, es gewissermaßen erschaffen. Wie großen

Dank bin ich meinem erlauchten Gönner und Kenner schuldig, daß er mir

auch außer dem Gelde noch eine solche Fülle von Künstlerweihe zufließen

läßt.

Wenn ich ihn nicht an der Tafel hätte malen sehen, rief Eduard lächelnd

aus, so könnte er mich glauben machen, das Bild sei ein ächtes!

Was hast Du gesehen? antwortete im Eifer der Alte: was verstehst Du von

der Magie der Kunst und jenen unsichtbaren Geistern, die sich durch die

Farbe und Zeichnung herbei ziehn und verkörpern lassen? Das sind eben

Geheimnisse für den Laien. Glaubst Du denn, man malt nur, um zu malen,

und daß es mit Pallette, Pinsel und dem guten Vorsatze genug sei? O

theurer Gelbschnabel, da müssen noch gar wunderbare Conjuncturen,

astralische Einflüsse und Wohlwollen mannigfaltiger Geister zusammen

treffen, um etwas Rechtschaffenes zu Stande zu bringen! Hast Du es noch

niemals erlebt, daß ein feinsinniger, tiefdenkender Künstler sein Tuch

und Netz ausspannt, und seine Pinsel in die besten Farben taucht, um das

schönste Ideal in sein Netz zu locken und hinein zu kitzeln? Er hat sich

redlich vorgenommen, einen Apollo zu malen, er streicht und tuscht, und

wischt und bürstet, und lächelt verliebt und mit süßester Freundlichkeit

die Creatur an, die aus dem Nichts und Nebel hervor gehen soll; und wenn

es nun fertig ist, siehe da, so hat sich in alle die künstlichen Netze

ein wahrer Lümmel eingefangen, der aus der arkadischen Landschaft uns

zähnefletschend entgegen grinzt! Nun kommen die Unverständigen und

schreien und toben: der Malerkerl hat kein Talent, er hat die Antike

nicht gehörig verstanden, er hat statt eines Ideals ein Schmierial

hervorgebracht! und was dergleichen unverdaute Urtheile mehr ausgestoßen

werden. So wird alsdann das gerührte Herz des Künstlers verkannt, dem

sich ein wahrer Teufel, eine Höllenbrut statt eines Himmelsengels in

seiner künstlichen Krebsreuse gefangen hat. Denn auch diese Geister

streifen herum, und lauern nur darauf, wo sie sich verkörpern können.

Bildwerke, die etwa untergehn, treiben sich oft lange geängstigt im

leeren Raume um, bis ein freundlicher und der Sache gewachsener Mann

ihnen wieder Gelegenheit verschafft, sichtlich herab zu steigen. Es hat

mich Mühe genug gekostet, dieses Gedichts des trefflichen römischen

Malers wieder habhaft zu werden; es erfodert mehr Studium, als Du daran

wandtest, wenn Du in der Jugend dem Nachbar seine Tauben wegfingst. Wenn

Du der Meinung bist, daß der Mensch, um eine heilige Geschichte zu

malen, nicht seine ganze Andacht dem Gegenstande entgegen bringen muß,

so bist Du sehr im Irrthum, aus dem Dich unser junger Freund, der

talentvolle Dietrich, am ersten reißen könnte.

Dietrich, welcher eingetreten war und nur die letzte Aeußerung gehört

hatte, nahm sogleich Gelegenheit, diesen letzten Satz weitläufiger

auszuführen. Indessen ließ Eulenböck decken, und stellte die Weine in

die Ordnung, nach welcher sie genossen werden sollten; nachher wandte er

sich mit der Frage an Eduard: und was denkst Du nun in Zukunft

anzufangen?

Für's Erste nicht viel, antwortete dieser: indessen will ich meine

vernachlässigten Studien wieder anknüpfen und fortsetzen, und mich

vorzüglich mit Geschichte und den neuern Sprachen beschäftigen. Ich

schränke mich ein, vermiethe die übrigen Theile meines Hauses, welches

mir doch ohne Nutzen leer steht, und behalte nur diesen kleinen Saal und

die angränzenden Zimmer. So hoffe ich, ohne Sorgen, bei einer

vernünftigen Lebensart, über die ersten Jahre hinüber zu kommen, und

mich indeß zu irgend einem Amte tauglich gemacht zu haben.

Hier also wird Dein Museum seyn? sagte Eulenböck, indem er mit dem Kopfe

schüttelte. Diese Einrichtung will mir gar nicht gefallen, denn ich

glaube nicht, daß diese Wände dazu geeignet sind, um hier gehörig

studiren zu lassen, denn sie haben nicht die gehörige Resonnanz, das

Zimmer selbst hat nicht die wahre Quadratur, die Gedanken schlagen zu

heftig zurück und verschwirren, und wenn Du einmal eine rechte Fuge

denken willst, so klappert gewiß Alles durch einander. Dein seliger Papa

war auch darin wunderlich, noch in seinen letzten Jahren diesen schönen

Saal durch seinen Eigensinn so zu verderben. Sonst sah man die Straße

auf der einen Seite, und hier auf der andern über den Garten und den

Park hinweg in die Hügel und fernen Berge hinein. Diese schöne Aussicht

hat er nicht nur zumauern lassen, sondern auch noch die Fensteröffnungen

mit Bohlen und Täfelung weit herein verbaut, und so das Ebenmaaß des

Zimmers gestört. An Deiner Stelle riss' ich das Wesen, Tapeten und

Vertäfelung wieder auf, und ließe, wenn doch einmal Fenster fehlen

sollen, jene nach der Straße vermauern.

Es war kein Eigensinn, sagte Eduard, es geschah, da er hier am liebsten

wohnte, seiner Gesundheit wegen; der Morgenwind von hier schadete ihm,

und erregte ihm Gichtschmerzen. Konnte er doch in den andern Zimmern die

grüne Aussicht genießen.

Wäre nur der alte Walther kein Narr, fuhr Eulenböck fort, so wäre Dir

leicht geholfen. Er könnte Dir das Mädchen geben, die ja doch versorgt

werden muß, und Alles wäre wieder in Ordnung!

Schweig! rief Eduard mit der größten Heftigkeit aus: nur heute laß mich

vergessen, was ich hoffte und träumte. Ich mag nicht mehr an sie denken,

seit ich zu meinem Entsetzen fühlte, daß ich sie liebe. Ich will es mir

nicht wiederholen, wie albern und thöricht ich mich gegen den Vater

betrug; nichts soll mir heut einfallen, auch ihre unbegreifliche

Aufführung nicht. Nein, es gab ein herrliches Glück für mich, ich habe

es zu spät erkannt; das ist die Strafe meines Leichtsinns, daß ich auf

ewig darauf verzichten muß! Wie ich aber ohne sie leben soll, muß ich

erst von der Zukunft lernen.

Schriften 17: Novellen 1 · 第 4 / 24 段