nicht aus den Augen gelassen; er ist nicht ganz so schlimm, als die
Stadt von ihm spricht, er kann noch einmal ein rechter Mann werden. Wenn
wir Besserung sehen und Du Dich ihm gewogen fühlst, vielleicht daß Deine
Tochter einmal auch gut von ihm dächte, kann seyn, daß sie ihm gefiele;
-- wie wär's alsdann, wenn Du durch Dein Vermögen Beiden ein glückliches
Schicksal bereitetest, Enkel auf Deinen Knieen schaukeltest, ihnen die
ersten Begriffe der Kunstgeschichte beibrächtest, daß sie hier in Deinem
Saale die berühmten Namen stammelten.
Nimmermehr! rief der Alte und stampfte mit dem Fuße. Wie? einem solchen
verderbten Taugenichts mein einziges Kind? Ihm diese Sammlung hier, daß
er sie verprassen und für ein Spottgeld verkaufen könnte? Das räth mir
kein Freund.
Doch, sagte Erich: sei nur gelassen, überdenke den Vorschlag ohne
Leidenschaft, und suche Deine Tochter zu prüfen.
Nein, nein! wiederholte Walther laut, es kann, es darf nicht seyn! Ja,
könnte er noch ein einziges von jenen kostbaren, unvergleichlichen
Bildern aufweisen, die aber nun auf ewig verloren sind, so ließe sich
noch eher darüber sprechen. Aber so verschone mich in alle Zukunft mit
dergleichen Vorschlägen. -- Und der verdammte Breughel hier! Da
oben, hoch, wo ich ihn nie wieder sehe, will ich ihn mit der
Galgen-Physiognomie des alten Sünders und allen seinen Teufeln hinauf
hängen!
Er sah empor, und wieder schaute aus dem offnen Fenster Sophie,
lauschend auf ihr Gespräch, herab. Sie erröthete, entfloh, ohne das
Fenster zu schließen, und der Alte rief: das fehlte noch! Nun hat die
eigensinnige Dirne Alles mit angehört, und setzt sich wohl gar
dergleichen in den kleinen trotzigen Kopf!
Die alten Freunde trennten sich, Walther mit sich und aller Welt
unzufrieden.
* * * * *
Tief in der Nacht saß Eduard in seinem einsamen Zimmer, mit vielfachen
Gedanken beschäftigt. Um ihn lagen unbezahlte Rechnungen, und er häufte
die Summen daneben auf, um sie am folgenden Morgen zu tilgen. Es war ihm
gelungen, unter billigen Bedingungen ein Capital auf sein Haus
aufzunehmen, und so arm er sich erschien, so war er doch schon in dem
Gefühl zufrieden, welches ihm sein fester Vorsatz gab, künftig auf andre
Weise zu leben. Er sah sich in Gedanken schon thätig, er machte Plane,
wie er von einem kleinen Amte zu einem wichtigern emporsteigen, und sich
in diesem zu einem noch ansehnlichern vorbereiten wolle. Die Gewohnheit,
sagte er, wird ja zu unserer Natur, so im Guten, wie im Schlimmen, und
wie mir Müssiggang bisher nothwendig gewesen ist, um mich wohl zu
befinden, so wird es in Zukunft die Arbeit nicht weniger seyn. -- Aber
wann, wann wird denn dies erwünschte goldne Zeitalter meines edlern
Bewußtseins wirklich und wahrhaft in mir seyn, daß ich mit Befriedigung
und Wohlbehagen die Gegenstände vor mir und mich selbst werde betrachten
können? Jetzt sind es doch nur noch Vorsätze und liebliche Hoffnungen,
die blühen und locken; und, ach! werde ich nicht auf halbem Wege,
vielleicht schon auf dem Anfange meiner Bahn ermatten?
Er sah die Rose zärtlich an, die im Wasserglase ihm glühend entgegen
lachte. Er nahm sie und drückte mit zarter Berührung einen leisen Kuß in
ihre Blätter, und hauchte einen Seufzer in den Kelch. Dann stellte er
sie behutsam in das nährende Element zurück. Er hatte sie neulich, schon
verwelkt, in seinem Busen wieder gefunden; seit der Stunde, daß sie im
Fluge sein Gesicht berührt hatte, war er ein andrer Mensch geworden,
ohne daß er es sich selber gestehen wollte. Man ist nie so abergläubisch
und merkt so gern auf Vorbedeutungen, als wenn das Herz recht
erschüttert ist, und aus dem Sturm der Gefühle ein neues Leben sich
erzeugen will. Eduard merkte selbst nicht, wie sehr ihm die kleine Blume
Sophien selbst gegenwärtig machte, und da er Alles und sich selbst
beinah verloren hatte, so sollte die welke Pflanze sein Orakel seyn, ob
sie sich wieder erfrische und auch ihm ein neues Glück verkündigen
wolle. Da sie aber nach einigen Stunden sich im Wasser nicht entfaltete,
so half er ihr und der weissagenden Kraft durch die gewöhnliche Kunst,
den Stengel zu beschneiden, diesen dann einige Augenblicke in die Flamme
des Lichtes zu halten und die Blume nachher in das kalte Element zurück
zu setzen. Fast sichtlich erfrischte sie sich nach dieser gewaltsamen
Nachhülfe, und blühte so schnell und mächtig auf, daß Eduard fürchten
mußte, sie würde binnen Kurzem alle ihre Blätter verstreuen. Doch war er
seitdem getröstet, und traute seinen Sternen wieder.
Er blätterte in alten Papieren seines Vaters, schlug Briefe auseinander,
und fand so manche Erinnerungen aus seiner Kindheit, so wie aus der
Jugend des Erzeugers. Er hatte den Inhalt eines Schrankes vor sich
ausgepackt, der Rechnungen, Nachweisungen, Prozeß-Acten und Vieles
ähnlicher Art enthielt. Indem rollte sich ein Blatt auf, welches das
Verzeichniß der ehemaligen Gallerie enthielt, die Geschichte der Bilder,
ihre Preise, und was dem Besitzer bei jedem Stücke merkwürdig gewesen
war. Eduard, der von einer Reise zurück kam, als sein Vater auf dem
Sterbebette lag, hatte nach dem Begräbnisse vielfach nach jenen
verlorenen Bildern gesucht, und manche vergebliche Nachforschung
angestellt. Er konnte mit Recht erwarten, daß auch von jenen vermißten
sich hier ein Wort finden möchte, und wirklich erschien ihm in einem
andern Packet, zwischen Papieren versteckt, ein Blatt, welches genau
jene Stücke nannte, die Namen der Meister, so wie die vorigen
Eigenthümer. Die Schrift war augenscheinlich aus den letzten Tagen
seines Vaters, und unten fanden sich die Worte: diese Stücke sind jetzt
-- --, weiter hatte die Hand nicht geschrieben, und selbst diese Zeile
war wieder ausgestrichen worden.
Nun suchte Eduard noch eifriger, aber keine Spur. Das Licht war
niedergebrannt, sein Blut war erhitzt; er warf die Bogen eilig im Zimmer
umher, aber es zeigte sich nichts. Als er ein altes vergelbtes Papier
auseinander schlug, sah er zu seinem Erstaunen einen Schein, der vor
vielen Jahren ausgestellt war, in welchem sich sein Vater als den
Schuldner Walthers mit einer namhaften Summe bekannte. Er war nicht
quittirt, aber doch nicht in den Händen des Gläubigers. Wie war dieser
Umstand zu erklären? --
Er steckte ihn zu sich und rechnete aus, daß, wenn das Blatt gültig
wäre, er von seinem Hause kaum noch etwas übrig behalten würde. Er
betrachtete einen Beutel, den er in eine Ecke gestellt, und der dazu
bestimmt war, ein für allemal noch den Familien, die er bisher im
Stillen unterstützt hatte, eine ansehnliche Hülfe zu geben. -- Denn wie
er im Verschwenden leichtsinnig war, so war er es auch in seinen
Wohlthaten; man hätte sie auch, wenn man strenge seyn wollte,
Verschwendung nennen können. -- Wenn ich nur diese Summe nicht anrühren
darf, damit die Elenden sich noch einmal freuen, so ist es nachher auch
eben so gut, ganz von vorn anzufangen und nur meinen Kräften zu
vertrauen. Dies war vor dem Einschlafen sein letzter Gedanke.
* * * * *
Eduard war vom Geheimenrath Walther eingeladen worden; es war lange
nicht geschehen, und ob der Jüngling gleich nicht begriff, wie der alte
Freund zu diesem erneuten Wohlwollen komme, so ging er doch mit frischem
Muthe hin, hauptsächlich in der frohen Erwartung, mit Sophien die
ehemalige Bekanntschaft wieder anzuknüpfen. Er nahm das aufgefundene
Papier mit.
Es war ihm sehr verdrüßlich, dort den alten und den jungen Herrn von
Eisenschlicht zu finden; indessen, da er bei Tische Sophien gegenüber
saß, so richtete er das Gespräch hauptsächlich an diese, und bestrebte
sich, heiter zu erscheinen, obgleich sein Gemüth auf vielfache Weise
gereizt war; denn es entging ihm nicht, wie der alte Walther dem jungen
Eisenschlicht mit aller Artigkeit entgegen kam, und ihn beinahe
vernachläßigte; auch war es in der Stadt bekannt, daß sich der Rath den
jungen reichen Mann zum Schwiegersohne wünsche. Dieser ließ sich die
Freundlichkeit des Wirthes gefallen mit einer Art, als wenn es nicht
anders seyn könne, und Erich, der es gut mit dem jungen Eduard meinte,
suchte nur zu verhindern, daß der gereizte Jüngling nicht in Heftigkeit
ausbräche. Sophie war die Munterkeit selbst; sie hatte sich mehr
geschmückt als gewöhnlich, und der Vater mußte sie oft prüfend
betrachten, denn ihr Anzug wich in einigen Stücken von dem
gebräuchlichen ab, und erinnerte ihn heute lebhafter als je an jenes
verlorene Bild von _Messys_, welches die beiden jungen Leute in einer
gewissen Aehnlichkeit als Schäfer darstellte.
Man versammelte sich nach Tische im Bildersaal, und Erich mußte lächeln,
als er bemerkte, daß sein Freund wirklich den falschen Höllenbreughel
hoch in einen Winkel hinauf gehangen hatte, wo man ihn kaum noch
bemerken konnte. Der junge Eisenschlicht setzte sich neben Sophien, und
schien sehr angelegentlich mit ihr zu sprechen. Eduard ging unruhig hin
und her, und betrachtete die Bilder; Erich unterhielt sich mit dem Vater
des jungen Freiwerbers, und Walther hatte ein prüfendes Auge auf Alle
gerichtet.
Warum aber, sagte Erich zu seinem Nachbar, ist Ihnen hier das Meiste aus
der niederländischen Schule zuwider?
Weil sie so viel Lumpenvolk und Bettler darstellt, antwortete der reiche
Mann. Mein Widerwille trifft auch nicht diese Niederländer allein,
sondern vorzüglich ist mir deshalb der Spanier _Murillo_ verhaßt, und
auch so manche Italiener. Es ist schon traurig genug, daß man sich auf
Markt und Straße, ja in den Häusern selbst, nicht vor diesem Geschmeiße
zu retten weiß; wenn aber ein Künstler verlangt, ich soll mich gar noch
auf bunter Leinwand an dem lästigen Volke ergötzen, so heißt das, meiner
Geduld etwas zu viel anmuthen.
Da würde Ihnen vielleicht, sagte Eduard, der _Quintin Messys_ recht
seyn, der so häufig Wechsler an ihrem Tische, mit Münzen und
Rechnungsbüchern so treu und kräftig vor uns hinstellt.
Auch nicht, junger Herr, sagte der alte Mann: das können wir leicht und
ohne Anstrengung in der Wirklichkeit sehn. Soll ich mich einmal an
Malerei erfreuen, so verlange ich große königliche Aufzüge, viele
schwere Seidenzeuge, Kronen und Purpurmäntel, Pagen und Mohren; das,
vereinigt mit einem Anblick auf Paläste, große Plätze und in weite
gerade Straßen hinein, erhebt die Seele, das macht mich oft auf lange
munter, und ich werde nicht müde, es immer wieder von Neuem zu
beschauen.
Gewiß, sagte Erich, hat _Paul Veronese_ und manche andere Italiener auch
darin viel Vorzügliches geleistet.
Was sagen Sie denn zu einer Hochzeit von Cana in dieser Manier? fragte
Eduard.
Alles Essen, erwiederte der alte Herr, wird auf Bildern langweilig, weil
es doch nie von der Stelle rückt, und die gebratenen Pfauen und hoch
aufgehobenen Pasteten, so wie die halb umgedrehten Mundschenken, sind
auf allen solchen Darstellungen lästige Creaturen. Aber ein Anderes ist
es, wenn sie den kleinen Moses aus dem Wasser ziehn, und dabei steht die
Prinzeß in ihrem reichsten Schmuck, und umher die geputzten Damen, die
auch für Fürstinnen gelten könnten, Männer mit Hellebarden und
Rüstungen, selbst Zwerge und Hunde; ich kann nicht sagen, wie es mich
erfreut, wenn ich eine solche Geschichte, die ich in meiner frühen
Jugend oft unter Beklemmungen in einer dunkeln Schulstube lesen mußte,
so herrlich ausgeschmückt wieder antreffe. Von dergleichen Sachen aber,
lieber Herr Walther, haben Sie zu wenig. Ihre meisten Bilder sind für
die Empfindung, und ich will niemals, am wenigsten von Kunstwerken,
gerührt seyn. Ich werde es auch nicht, sondern ich ärgre mich nur.
Noch schlimmer, fing der junge Eisenschlicht an, ist es aber in unsern
Comödien. Wenn wir aus einer angenehmen Gesellschaft und von einem
glänzenden Diner in den erleuchteten Saal treten: wie kann man nur
verlangen, daß wir uns für das mannigfaltige Elend und den kümmerlichen
Mangel interessiren sollen, der uns hier aufgetischt wird? Könnte man
nicht dieselbe polizeiliche Einrichtung treffen, die schon in den
meisten Städten löblicherweise angeordnet ist, daß ich ein für allemal
für die Armuth etwas einlege, und mich dann nicht weiter von den
einzelnen Zerlumpten und Hungernden incommodiren lasse?
Bequem wäre es ohne Zweifel, sagte Eduard: ob aber durchaus zu loben,
sei es als Polizei- oder Kunsteinrichtung, weiß ich noch nicht zu sagen.
Ich kann mich wenigstens des Mitleids gegen den Einzelnen nicht
erwehren, und mag es auch nicht, wenn man freilich oft zur Unzeit
gestört, unverschämt bedrängt, und zuweilen auch wohl arg betrogen wird.
Ich bin Ihrer Meinung, rief Sophie aus: ich kann die stummen, blinden
Bücher nicht leiden, in die man sich einschreiben soll, um sich ruhig
auf eine unsichtbare Verwaltung verlassen zu können, die dem Elende, so
viel als möglich, abhelfen werde. In manchen Gegenden verlangt man
sogar, man soll sich verpflichten, dem Einzelnen nichts zu geben. Aber
wie kann man nur dem Jammer widerstehn? Wenn ich dem gebe, der mir seine
Noth klagt, so sehe ich doch wenigstens seine augenblickliche Freude,
und kann hoffen, ihn getröstet zu haben.
Das ist es eben, sagte der alte Kaufmann, was in allen Ländern den
Bettelstand erhält, daß wir uns nicht von dem kleinlichen Gefühl einer
weichlichen Eitelkeit und eines süßlichen Wohlthuns frei machen können
und wollen. Dies ist es zugleich, was die besseren Maßregeln der Staaten
vereitelt und unmöglich macht.
Sie denken anders, als jene Schweizer, sagte Eduard. Es war in einer
katholischen Gegend, wo ein alter Bettler seit lange sein Almosen an
gewissen Tagen einkassirte, und in jedem Hause fast, da die ländliche
Einsamkeit nicht viel Gewerbe und Umtrieb gestattete, mit zur Familie
gerechnet wurde. Indessen traf es sich doch, daß man ihn in einer Hütte,
als er zusprach, da man gerade mit einer Wöchnerin sehr beschäftigt war,
in der Verwirrung und Besorgniß für die Kranke abwies. Als er wirklich
nach wiederholter Forderung nichts erhielt, wandte er sich zornig und
rief im Scheiden: Nun, wahrlich, ihr sollt sehn, daß ich gar nicht
wiederkomme, und so mögt ihr dann sehen, wo ihr wieder einen Bettler
herkriegt!
Alle lachten, nur Sophie nicht, welche diesen Ausspruch ganz vernünftig
finden wollte, und mit diesen Worten schloß: gewiß, wenn es uns
unmöglich gemacht werden könnte, Wohlthaten zu erzeigen, so möchte unser
Leben selber arm genug werden. Könnte der Trieb des Mitleids in uns
ersterben, so möchte es auch wohl um Lust und Freude traurig aussehen.
Derjenige, der glücklich genug ist, mittheilen zu können, empfängt mehr,
als der arme Nehmende. Ach! das ist ja noch das Einzige, fügte sie mit
großer Bewegung hinzu, was das starre Eigenthum, die Grausamkeit des
Besitzes etwas entschuldigen und mildern kann, daß auf die Schmachtenden
unten etwas von dem unbillig Aufgehäuften herabgeschüttet wird, damit es
nicht ganz in Vergessenheit komme, daß wir alle Brüder sind.
Der Vater sah sie mißbilligend an, und wollte eben etwas sagen, als
Eduard heftig einfiel, indem er seine feurigen Augen auf die feuchten
des Mädchens heftete: dächte die Mehrzahl der Menschen so, so lebten wir
in einer andern und bessern Welt. Wir entsetzen uns, wenn wir von dem
Drangsal lesen, das in Wüsten und Einöden fremder Himmelsstriche dem
harmlosen Wanderer auflauert, oder von jenen Schrecknissen, die auf der
unwirthbaren See das Schiffsvolk fürchterlich verzehren, wenn im
höchsten Mangel kein Fahrzeug oder keine Küste sich auf der
unermeßlichen Fläche zeigen will; wir entsetzen uns, wenn Ungeheuer der
Tiefe den Verunglückten zerfleischen, -- und doch -- leben wir nicht in
den großen Städten, wie auf einem Vorgebirge, wo unmittelbar zu unsern
Füßen aller dieser Jammer, dasselbe gräuliche Schauspiel sich
entwickelt, nur langsamer und desto grausamer? Aber wir sehen aus unsern
Concerten und Festen, und aus dem sichern Gewahrsam des Wohlstandes
nicht in diesen Abgrund hinein, wo die Gestalten des Elends sich in
tausend fürchterlichen Gruppen, wie in Dante's Gebilden, zermartern und
verzehren, und gar nicht einmal mehr zu uns empor zu schauen wagen, weil
sie schon wissen, welchem kalten Blick sie begegnen, wenn ihr Geschrei
uns zu Zeiten aus den Betäubungen unsrer kalten Ruhe weckt.
Diese Uebertreibungen, sagte der alte Eisenschlicht, sind jugendlich.
Ich behaupte immer noch, der wirklich gute Bürger, der echte Patriot
soll sich von augenblicklicher Rührung nicht hinreißen lassen, die
Bettelei zu unterstützen. Er theile jenen wohlthätigen Anstalten mit, so
viel er mit Bequemlichkeit entbehren kann; aber vergeude nicht seine
geringen Mittel, die auch hierin der Aufsicht des Staates zu Gute kommen
sollen. Denn was thut er im entgegengesetzten Fall? Er befördert durch
seine Weichlichkeit, ja ich möchte es fast wollüstigen Kitzel des
Herzens nennen, Betrug, Faulheit, Unverschämtheit, und entzieht das
Wenige der wahren Armuth, die er doch nicht immer antreffen oder
erkennen kann. Wenn wir aber auch jene übertriebene Schilderung des
Elendes als richtig anerkennen wollten, was kann der Einzelne auch
selbst in diesem Falle Gutes stiften? Ist er denn im Stande, die Lage
des Verzweifelnden zu verbessern? Was hilft es, doch immer nur wieder
einen Tag oder eine Stunde zu erleichtern? Der Unglückliche wird seine
Schmach nur um so tiefer empfinden, wenn er nicht seinen Zustand in
einen glücklichen verwandeln kann; er wird noch unzufriedener, noch
elender werden, und ich schade ihm, anstatt ihm zu nützen.
O, sagen Sie das nicht, rief Eduard aus, wenn ich Sie nicht verkennen
soll; denn es erscheint mir wie Lästerung! Was der Arme in einem solchen
Augenblick des Sonnenscheins gewinnt? O mein Herr! er, der schon daran
gewöhnt ist, von der Gesellschaft der Menschen ausgestoßen zu seyn; er,
für den es kein Fest, keinen Markt, keine Gesellschaft, und kaum eine
Kirche giebt; für den Ceremonie, Höflichkeit und alle die Rücksichten
ausgestorben sind, die sonst jeder Mensch dem andern leistet; dieser
Elende, dem auf Spaziergängen und in der Frühlingsnatur nur Verachtung
grünt und blüht, er wendet oft das dürre Auge nach Himmel und Sternen
über sich, und sieht auch dort nur Leere und Zweifel; aber in solcher
Stunde, die ihm unverhofft eine reichlichere Gabe spendet, daß er mit
mehr als augenblicklichem Trost zu den verschmachteten Seinigen in die
dunkle Hütte kehren kann, geht ihm plötzlich im Herzen wieder der Glaube
an Gott, an seinen Vater auf; er wird wieder Mensch, er fühlt wieder die
Nähe eines Bruders, und darf diesen und sich wieder lieben. -- Wohl dem
Reichen, der diesen Glauben fördern, der mit der sichtbaren Gabe das
Unsichtbare schenken kann; und wehe dem Verschwender, der sich durch
frevelnden Leichtsinn dieser Mittel beraubt, ein Mensch unter den
Menschen zu seyn; denn das Gefühl wird ihn am härtesten strafen, daß er
als herzloser Barbar in Strömen das Labsal in die Wüste geschüttet hat,
wovon ein jeder Tropfen seine Brüder, unter der Last des mühseligen
Lebens erliegend, erquicken könnte.
Er konnte das Letzte nur mit Thränen sagen, er verhüllte sein Angesicht
und bemerkte nicht, daß die Fremden, auch Erich, vom Wirthe Abschied
nahmen. Auch Sophie weinte; doch ermunterte sie sich zur Heiterkeit, als
der Vater zurück kam.
Als sich in andern Gesprächen die Gefühle wieder beruhigt hatten, zog
Eduard das Papier aus der Tasche, und trug dem Rathe die zweifelhafte
Sache vor, und wie sehr er besorge, noch mit einer ansehnlichen Summe
sein Schuldner zu seyn, die er ihm durch ein Capital abzutragen denke,
welches er auf sein Haus zu bekommen suchen wolle.
Der Alte sah abwechselnd ihn und das vergelbte Papier mit großen Augen
an, endlich faßte er die Hand des Jünglings und sagte mit gerührter
Stimme: mein junger Freund, Sie sind viel besser, als ich und auch die
Welt von Ihnen gedacht haben; Ihr Gefühl entzückt mich, und wenn Sie
auch mit dem Herrn von Eisenschlicht nicht so heftig hätten sprechen
sollen, so war ich doch bewegt; denn, wahrlich! ich denke wie Sie über
diesen Punkt. Was dies Papier betrifft, so kann ich Ihnen darüber
schwerlich eine entscheidende Antwort geben, ob es gültig sei oder
nicht. Es rührt aus einer frühen Zeit her, in der ich mit Ihrem wackern
Vater mancherlei, und zuweilen verwickelte Geldgeschäfte hatte; wir
halfen einander bei unsern Speculationen und Reisen aus, und der alte
Herr war dazumal in früher Jugend freilich zuweilen etwas locker und
wild. Er bekennt hier, mir eine ansehnliche Summe schuldig zu seyn; das
Blatt muß sich unter seinen Papieren verloren haben; ich weiß nichts
mehr davon, weil wir sehr viel mit einander zu berechnen hatten, und ich
war denn damals auch nicht so ordentlich, wie jetzt. Indeß -- (und mit
diesen Worten zerriß er das Blatt) sei diese anscheinende Forderung
zernichtet; denn auf keinen Fall, auch wenn die Schuld klar wäre, könnte
ich von Dir, mein Sohn, diese Summe annehmen; wenigstens sollte ich Dir
so viel nachzahlen für jene Gemälde, die Du mir viel zu wohlfeil
verkauft hast. Kann ich Dir überhaupt helfen, mein gutes Kind, so rechne
auf mich, und Alles kann vielleicht noch gut werden.
Eduard beugte sich über seine Hand und rief: ja sei'n Sie mir Vater,
ersetzen Sie mir den, den ich zu früh verloren habe! Ich verspreche es
Ihnen, es ist mein fester Vorsatz, ich will ein andrer Mensch werden,
ich will meine versäumte Zeit wieder einbringen; ich hoffe, der
menschlichen Gesellschaft noch einmal nützlich zu werden. Aber
väterlicher Rath, wohlwollende Aufmunterung muß mich leiten, damit ich
wieder Vertrauen zu mir fasse.
So gut, sagte der Alte, hätte es uns schon seit manchem Jahre werden
können, aber Du hast es dazumal verschmäht. Worin ich Dir nur irgend
helfen kann, darfst Du sicher auf mich rechnen. Jetzt aber will ich
doch, Neugierde halber, noch einmal meine Papiere ansehen, ob ich denn
doch von dieser Schuld gar keine Nachricht finden sollte.
Er ließ die beiden jungen Leute allein, die sich erst eine Weile
stillschweigend ansahen, und sich dann in die Arme flogen. Sie hielten
sich lange umschlossen, dann machte sich Sophie gelinde los, entfernte
den Jüngling und sagte, indem sie ihm mit Munterkeit in's Auge sah: wie
widerfährt mir denn das? Eduard, was soll uns denn das bedeuten?
Liebe, rief Eduard, Glück und ewige Treue! Sieh, liebstes Kind, ich
fühle mich, wie von einem schweren Traum erwacht. Das Glück, das mir so
nahe vor den Füßen lag, das mir mein redlicher Vater schon an Deiner
Wiege zugedacht hatte, stieß ich wie ein ungezogener Knabe von mir, um
mich der Welt und mir selbst verächtlich zu machen. Hast Du mir denn
vergeben, holdseliges Wesen? Kannst Du mich denn lieben?
Ich bin Dir recht von Herzen gut, Du mein alter Spielkamerad, sagte
Sophie: aber glücklich sind wir darum noch nicht.
Was kann uns noch im Wege seyn! rief Eduard aus. O wie tief beschämt es
mich, daß ich Deinen edeln Vater so sehr habe verkennen mögen! Wie gütig
er mir entgegen kommt! Wie herzlich er mich als Sohn an seine Brust
drückt!
Ja, Du wunderlicher Kauz, lachte Sophie auf, das ist ja aber nicht _so_
gemeint. Aber der bleibt zeitlebens unbesonnen, und hat gleich die
Rechnung ohne den Wirth gemacht! Davon wird der Papa, so gut er auch
seyn mag, nicht eine Sylbe hören wollen. Auch müssen wir beide uns ja
erst näher kennen lernen. Freund, das sind Sachen, die sich noch in die
Jahre hinaus verziehen können. Und während der Zeit sattelst Du auch
vielleicht wieder um, und lachst dann in Deiner lustigen Gesellschaft
über meinen Gram und meine Thränen.
Nein! rief Eduard und warf sich vor ihr nieder: verkenne mich nicht, sei
so gut und lieb, wie Dein Auge verspricht! Und ich fühle es, Dein Vater
wird sich unsers Glückes freuen, er wird unsern Bund segnen! Er umfaßte
sie heftig, ohne zu bemerken, daß der Vater schon wieder hinter ihm
stand. Was ist das, junger Herr? rief der Alte erzürnt aus: den Bund
segnen? Nein, vertreiben, aus seinem Hause verbannen wird er den lockern
Zeisig, der so sein Vertrauen und seine Neigung zu ihm mißbrauchen will.
Eduard war aufgestanden und sah ihm ernst in's Auge. Sie sind nicht
gesonnen, mir Ihre Tochter zur Frau zu geben? fragte er mit ruhigem
Tone.