Erich wollte eine Aehnlichkeit des Fremden mit einem Verwandten Walthers

bemerken; darüber kam man in das Kapitel der Aehnlichkeiten, und wie

sonderbar sich in den Familien, oft in der fernsten Verzweigung am

deutlichsten, gewisse Formen wiederholen. Sonderbar ist es auch, sagte

der Wirth, daß die Natur oft ganz wie die Kunst verfährt. Wenn ein

Niederländer und ein Italiener aus der vorigen Zeit ein und dasselbe

Bildniß malen sollten, so würden beide die Aehnlichkeit auffassen, aber

jeder ein ganz verschiedenes Portrait und eine ganz andere Aehnlichkeit

hervorbringen. So kannte ich in meiner Jugend eine Familie, die aus

vielen Kindern bestand, an denen allen die Physiognomie der Aeltern und

nur eine Hauptform, aber unter verschiedenen Bedingungen ausgeprägt war,

so klar und sicher, als wenn die Kinder Bildnisse von demselben

Gegenstande, von verschiedenen großen Malern gezeichnet, wären. Die

älteste Tochter war wie von Correggio gemalt mit feinem Teint und

zierlicher Form; die zweite war dasselbe Gesicht, aber größer, voller,

wie aus der florentinischen Schule; die dritte hatte das Ansehen, als

habe Rubens das nehmliche Portrait auf seine Art gemalt; die vierte wie

ein Bild von Dürer; die nächste wie aus der französischen Schule,

glänzend, voll, aber unbestimmt, und die jüngste wie ein flüssig

gemaltes Werk von Leonard. Es war eine Freude, diese Gesichter unter

sich zu vergleichen, die mit denselben Formen, in Ausdruck, Farbe und

Lineamenten wieder so verschieden waren.

Erinnern Sie sich des wunderbaren Portraits, fragte Erich, welches Ihr

alter Freund in seiner Sammlung besaß, und welches sich mit so vielen

andern Sachen auf eine unerklärliche Weise verloren hat?

Ja wohl! rief der alte Walther aus, wenn es nicht von Rafaels Händen

war, wie einige behaupten wollen, so war es wenigstens von einem

vorzüglichen Meister, der nach diesem Muster die Kunst mit Glück studirt

hatte. Wenn einige Neuere von der Kunst des Portraitirens als von einer

geringen Sache sprechen wollten, oder die gar den Maler erniedrige, so

durfte man sie nur vor dieses wunderwürdige Bildniß führen, um sie zu

beschämen.

Wie, sagen Sie, so wandte sich der Fremde lebhaft zum alten Rath, es

sind außer diesem trefflichen Stück noch andere merkwürdige Gemälde

verloren gegangen? Auf welche Weise?

Ob verloren, sagte Walther, kann man so eigentlich nicht sagen; aber sie

sind unsichtbar geworden, und vielleicht in's ferne Ausland verkauft.

Mein Freund, der Herr von Essen, der Vater des jungen Menschen, den Sie

neulich in meinem Saale trafen, wurde mit zunehmendem Alter launenhaft

und wunderlich. Die Liebe zur Kunst hatte uns befreundet, und ich kann

sagen, daß ich sein ganzes Vertrauen besaß. Wir ergötzten uns an unsern

Sammlungen, und die seinige übertraf damals bei weitem die meinige, die

ich erst durch die Nachläßigkeit seines Sohnes so ansehnlich habe

vermehren können. Wenn wir uns einmal ein rechtes Fest geben wollten, so

setzten wir uns in sein Cabinet, in welchem die ausgesuchtesten seiner

Werke versammelt waren. Diese hatte er mit vorzüglich prächtigen Rahmen

einfassen lassen, und sie sinnreich bei einer sehr vortheilhaften

Erleuchtung geordnet. Außer jenem Portrait sah man dort eine so

unvergleichliche Landschaft von _Nicolas Poussin_, wie mir noch nie eine

vorgekommen ist. Im sanften Abendlicht fuhr Christus mit seinen Jüngern

auf dem Wasser. Die Lieblichkeit des Wiederscheins der Häuser und Bäume,

die klare Luft, die Durchsichtigkeit der Wellen, der edle Charakter des

Erlösers und die himmlische Ruhe, die über dem Ganzen schwebte und unser

Gemüth wie in Wehmuth und friedlicher Sehnsucht auflöste, ist nicht zu

beschreiben. Daneben hing ein Christus mit der Dornenkrone von _Guido

Reni_, von einem Ausdrucke, wie ich ihn seitdem auch nicht wieder

gesehen habe. Der alte Freund wollte sonst in seinem Eigensinne den

trefflichen _Guido_ vielleicht zu wenig gelten lassen; aber vor diesem

Bilde war er immer entzückt, und es ist wahr, man sah es, so oft man es

sah, jedesmal von Neuem; die vertraute Bekanntschaft mit ihm erhöhte nur

den Genuß, und ließ immer neue, noch geistigere Schönheiten entdecken.

Dieser Ausdruck der Milde, des ergebenen Duldens, der himmlischen Güte

und des Verzeihens mußten auch das starrste Herz durchdringen. Es war

nicht jene gesteigerte Leidenschaftlichkeit, wie man wohl in andern

ähnlichen Bildern des Guido wahrnimmt, und die uns bei trefflicher

Behandlung des Gegenstandes doch eher zurück stößt, als anzieht, sondern

es war das süßeste, wie das schmerzlichste Gemälde. Durch die zarten

Fleischpartien unter Wange, Kinn und Auge sah und fühlte man den ganzen

Schädel, und dieser Ausdruck des Leidens erhöhte nur die Schönheit.

Gegenüber war eine Lukretia von demselben Meister, die sich mit starkem

vollen Arm den Dolch in den schönen Busen stieß. In diesem Bilde war der

Ausdruck groß und kräftig, die Farbe unvergleichlich. Eine Mutter, die

dem schlafenden Kinde das Tuch vom nackten Körper nimmt, und Joseph und

Johannes den Schläfer betrachtend, die Figuren lebensgroß, waren von

einem alten römischen Meister so herrlich und graziös dargestellt, daß

jede Beschreibung nur unzulänglich ist. Aber wohl möchte ich Worte

suchen, um auch nur eine schwache Vorstellung von dem einzigen _Van

Eyck_ zu geben, einer Verkündigung, welche doch vielleicht die Krone der

Sammlung war. Hat sich die Farbe je als eine Tochter des Himmels

verherrlicht, ist mit Licht und Schatten jemals gespielt, und im Spiel

die edelste Rührung der Seele erweckt worden, haben Lust, Begeisterung,

Poesie und Wahrheit und Adel sich je in Figuren und Färbung auf eine

Tafel gelegt, so war es in diesem Bilde geschehen, welches mehr als

Malerei und Zauber war. Ich muß abbrechen, um mich nicht selbst zu

vergessen. Diese Bilder waren die vorzüglichsten; aber ein _Hemling_,

ein herrlicher _Annibal Carracci_, ein kleines Bild, Christus zwischen

den Kriegsknechten, eine Venus, vielleicht von Titian, wären wohl noch

der Erwähnung werth, und kein Bild war in diesem Cabinet, das nicht

jeden Freund der Kunst beglückt hätte. Und, denken Sie, fassen Sie die

Sonderbarkeit des Alten, kurz vor seinem Tode sind alle diese Stücke

verschwunden, ohne Spur verschwunden. Hat er sie verkauft? Er hat nie

diese Frage beantwortet, und seine Bücher hätten es nach seinem Tode

ausweisen müssen, die aber nichts davon sagten. Hat er sie verschenkt?

Aber wem? Man muß fürchten, und der Gedanke ist herzzerreißend, er hat

sie in einer Art von wahnsinniger Schwermuth, weil er sie wohl keinem

andern Menschen auf Erden gönnen mochte, kurz vor seinem Tode

vernichtet. Vernichtet! Fassen Sie es, begreift ein Mensch diese

furchtbare Abwesenheit, wenn mein Verdacht gegründet ist?

Der Alte war so erschüttert, daß er seine Thränen nicht zurück halten

konnte, und Eulenböck zog ein ungeheures gelbseidenes Tuch aus der

Tasche, um in auffallender Rührung sein dunkelrothes Gesicht

abzutrocknen. Erinnern Sie sich wohl noch, hub er schluchzend an, des

sonderbaren Bildes von _Quintin Messys_, auf dem ein junger Schäfer und

ein Mädchen in seltsamer Tracht abgebildet waren, beide herrlich

ausgearbeitet, und wovon er behauptete, die Figuren sähen seinem Sohne

und Ihrer Tochter ähnlich.

Die Aehnlichkeit war damals auffallend, erwiederte Erich. Sie haben aber

noch den Johannes zu nennen vergessen, der wenigstens mit dem _Guido_

wetteifern konnte. Dies Bild war vielleicht von _Domenichino_,

wenigstens war es jenem berühmten äußerst ähnlich. Dieser Blick des

Jünglings nach dem Himmel, die Begeisterung, die Sehnsucht, zugleich die

Wehmuth, daß er schon das Göttliche auf Erden gesehen, als Freund umarmt

und als Lehrer verstanden hatte, dieser Wiederschein einer entschwundnen

Vergangenheit im Spiegel des edeln Antlitzes war rührend und erhebend.

-- O, wenige von diesen Bildern könnten den jungen Mann retten und

wieder wohlhabend machen.

Wäre doch Alles an ihm verloren, rief Eulenböck aus. Er würde es doch

nur wieder vergeuden. Was habe ich nicht an ihm ermahnt! Aber er hört

auf den ältern Freund und die Stimme der Erfahrung nicht. Nun endlich,

da ihm das Wasser doch wohl mag an die Seele gehen, ist er in sich

geschlagen; er sah, daß ich über sein Unglück bis zu Thränen gerührt

war, da hat er mir in meine Hand versprochen, sich von Stund an zu

bessern, zu arbeiten und ein ordentlicher Mensch zu werden. Wie ich ihn

hierauf gerührt umarme, reißt er sich lachend los und ruft: aber erst

vom heiligen Dreikönigs-Abend an soll dieser Vorsatz gelten, bis dahin

will ich noch lustig seyn und in der alten Bahn fortlaufen! Was ich auch

sagen mochte, Alles war umsonst; er drohte, wenn ich ihm nicht seinen

Willen ließe, die ganze Besserung wieder aufzugeben. -- Ei nun, das Fest

ist in einigen Tagen, die Frist ist nur kurz; Sie können aber wenigstens

daraus sehen, wie wenig auf seine guten Vorsätze zu bauen ist.

Von jeher, sagte Sophie, ist er zu sehr mit frommen Leuten umgeben

gewesen; aus Widerspruch hat er sich auf die andre Seite gewandt, und so

hat freilich sein Eigensinn verhindert, daß der Umgang mit den

Tugendhaften ihm hat nützlich werden können.

Sie haben gewissermaßen Recht, rief der alte Maler. Hat er sich nicht

von dem Pietisten, dem langweiligen alten Musikdirektor Henne seit

einiger Zeit wie belagern lassen? Aber ich versichere Sie, dessen

trockne Predigten können unmöglich an ihm haften; auch wird der Alte

beim dritten Glase betrunken, und so kommt er aus dem Text.

Er hat es zu arg getrieben, bemerkte der Wirth: dergleichen Menschen,

wenn Unordnung und Verschwendung erst ihre Lebensweise geworden sind,

können sich niemals wieder zurecht finden. Das rechtliche, wahre Leben

erscheint ihnen gering und bedeutungslos; sie sind verloren.

Sehr wahr, sagte Eulenböck: und um Ihnen nur ein auffallendes Beispiel

seiner Raserei zu geben, so hören Sie, wie er es mit seiner Bibliothek

anfing. Er erbte eine unvergleichliche Büchersammlung von seinem

würdigen Vater; die herrlichsten Ausgaben der Classiker, die größten

Seltenheiten der italienischen Literatur, die ersten Ausgaben des Dante

und Petrarca, nach denen man auch wohl in berühmten Städten umsonst

fragt. Nun fällt es ihm ein, er müsse einen Secretär haben, der zugleich

diese Bibliothek in Ordnung halten solle, die neu angekauften Werke in

das Verzeichniß eintragen, die Werke systematisch aufstellen und

dergleichen mehr. Ein junger wüster Mensch meldet sich zu diesem

wichtigen Amte, und wird auch gleich angenommen, weil er zu schwatzen

weiß. Zu schreiben ist nicht viel, aber trinken muß er lernen, und der

Unterricht schlägt bei dem lockern Vogel an. Das wilde Leben nimmt

gleich seinen Anfang; alle Tage toll und voll, Bälle, Maskeraden,

Schlittenfahrten, die halbe Stadt frei gehalten. So fehlt es denn nun

schon nach einem halben Jahre, als der junge Gelehrte sich seinen Gehalt

ausbittet, an baarem Gelde. Man fällt auf den Ausweg, daß er für den

Gehalt des ersten Jahres an Büchern nach einer billigen Taxe nehmen

dürfe. Herr und Diener kennen aber den Werth der Sachen nicht, die auch

nur für den Kenner kostbar sind, und deren finden sich nicht auf allen

Gassen. Die theuersten Werke werden ihm also lächerlich wohlfeil

überlassen, und da man die Auskunft einmal gefunden hat, so wiederholt

sich das Spiel immer wieder, und um so öfter, da der neue Günstling

zuweilen Gelegenheit hat, für seinen Patron baare Auslagen zu machen,

die ihm in Büchern wieder erstattet werden. So fürchte ich, sind von der

Büchersammlung vielleicht nur noch die Schränke übrig geblieben.

Ich weiß am besten, sagte der Rath, wie unverantwortlich man mit den

Büchern umgegangen ist.

Das sind ja alles erschreckliche Geschichten, sagte Sophie: wer möchte

sie nur von seinem Feinde so wieder erzählen?

Das Schlimmste aber, fuhr Eulenböck fort, war denn doch seine

Leidenschaft für die berüchtigte schöne Betty; denn diese that das im

Großen, was alle seine übrigen Thorheiten an seinem Wohlstand nur im

Kleinen vernichten konnten. Sie hat auch seinen Charakter zu Grunde

gerichtet, der sich ursprünglich zum Guten neigte. Er ist gutherzig,

aber schwach, so daß Jeder, welcher sich seiner bemächtigt, aus ihm

machen kann, was er will. Meine gutgemeinten Worte verschollen nur in

den Wind. Bis in die tiefe Mitternacht hinein habe ich zuweilen auf die

eindringlichste Art gesprochen, aber es war nur Schade um alle meine

Ermahnungen. Sie hatte ihn so in Stricken, daß er selbst seine

redlichsten und ältesten Freunde um ihrerwillen mißhandeln konnte.

Indem erhob man sich von der Tafel, und während der gegenseitigen

Begrüßungen nahm Sophie die Gelegenheit wahr, indem sie dem alten Maler

die Hand reichte, der sie ihr zierlich küßte, ihm deutlich zuzuflüstern:

o Sie abscheulichster von allen abscheulichen Sündern, Sie undankbarer

Heuchler! Wie kann es Ihr verkehrtes Herz über sich gewinnen, den

öffentlich zu lästern, von dessen Wohlthaten Sie sich bereichert haben,

dessen Leichtsinn Sie benutzen, um ihn mit andern Gehülfen elend zu

machen? Bisher habe ich Sie nur für abgeschmackt, aber gutmüthig

gehalten; ich sehe aber, daß Sie nicht ohne Ursache eine wahre

Teufels-Physiognomie tragen! Ich verabscheue Sie! -- Sie stieß ihn mit

Bewegung zurück, und eilte dann aus dem Zimmer.

Die Gesellschaft ging in den Bildersaal, wo der Kaffee herum gereicht

wurde. Was war denn meiner Tochter? fragte der Rath den Maler: sie

schien so eilig und hatte Thränen im Auge.

Ein gutes, liebes Kind, schmunzelte Eulenböck. Sie sind recht glücklich,

Herr Geheimer Rath, bei diesem empfindsamen Herzen Ihrer Tochter. Sie

war so liebevoll um meine Gesundheit besorgt; sie findet meine Augen

entzündet, und meinte gar, ich könnte erblinden: darüber ist sie denn so

gerührt worden.

Ein treffliches Kind! rief der Vater aus: wenn ich sie nur erst gut

versorgt sähe, daß ich in Frieden sterben könnte. Der Fremde war noch

zurück geblieben, um das neue Gemälde in Augenschein zu nehmen, welches

Erich ihm im Speisezimmer zeigte; jetzt kam er mit diesem zur

Gesellschaft und Dietrich folgte. Sie waren Alle im lebhaften Gespräch

begriffen; der Fremde tadelte den Gegenstand, welchen Dietrich

vertheidigen wollte. Wenn _Teniers_ und ähnliche Niederländer, sagte der

letztere, die Versuchung des heiligen Antonius komisch und fratzenhaft

dargestellt haben, so ist diese Laune ihrer Stimmung zu vergeben, so wie

ihrem Talent nachzusehen, da sie das Würdige nicht zu erschaffen wußten.

Der Gegenstand aber fordert eine ernste Behandlung, und dem alten

deutschen Meister dort ist sie ohne Zweifel gelungen; wenn der Beschauer

nur unpartheiisch seyn kann, so wird er sich von seinem Bilde angezogen

und befriedigt fühlen.

Dieser Gegenstand, nahm der Fremde das Wort, ist keiner für die bildende

Kunst. Die ängstigenden Träume eines wahnsinnigen Alten, die Gespenster,

die er in seiner Einsamkeit sieht, und die ihn durch falschen Reiz oder

Entsetzen von seiner melancholischen Beschaulichkeit abziehen wollen,

können nur in das Gebiet fratzenhafter Phantome fallen, und auch nur

phantastisch dargestellt werden, wenn es überhaupt erlaubt seyn soll.

Dagegen dort die weibliche Gestalt, welche sich edel zeigen will und

zugleich reizend, eine enthüllte Schönheit in der Fülle der Jugend, und

die doch nur ein verkleidetes Gespenst ist; die wilden Gestalten umher,

die durch den grellen Contrast sie noch mehr hervorheben, das Entsetzen

des Alten, der sich im Vertrauen wieder zu finden sucht, diese

Vermischung der widersprechendsten Gefühle ist durchaus widersinnig, und

Schade um Talent und Kunst, die sich an dergleichen abarbeitend

verschwenden und vernichten.

Ihr Zorn, sagte Dietrich, enthält das schönste Lob des Bildes. Ist denn

nicht Alles, was den Menschen versucht, nur Gespenst, in die lockende

Gestalt der Schönheit verhüllt, oder sich scheinbar mit nichtigem

Entsetzen verpanzernd? Sollte eine Darstellung, wie jene, nicht gerade

in unsern neuesten Tagen eine doppelte Bedeutung erhalten? Allen kommt

diese Versuchung, die sich noch ihres Herzens nicht ganz bewußt sind;

aber in jenem Heiligen sehen wir den festen und reinen Blick, der über

die Furcht erhaben ist, und längst die wahre unsichtbare Schönheit

kennt, um Grauen und geringe Lüsternheit von sich zu weisen. Das wahre

Schöne führt uns in keine Versuchung; das, was wir wirklich fürchten

dürfen, erscheint nicht in Larve und Unform. Das Bestreben jenes alten

Meisters läßt sich daher vor dem gebildeten Sinne rechtfertigen; nicht

so Teniers und seines Gleichen.

Das Tolle, das Alberne und Abgeschmackte ist ein Unendliches, rief der

Unbekannte: es ist es eben dadurch, daß es sich in keine Gränze fassen

läßt, denn durch die Schranke wird alles Vernünftige: das Schöne, Edle,

Freie, Kunst und Enthusiasmus. Weil sich aber etwas Ueberirdisches,

Unaussprechliches beimischt, so meinen die Thoren, es sei das

Unbedingte, und sündigen im angemaßten Mystizismus in Natur und

Phantasie hinein. Sehn Sie diesen tollen _Höllenbreughel_ hier am

Pfeiler? Weil sein Auge gar keinen Blick mehr hatte für Wahrheit und

Sinn, weil er sich ganz von der Natur lossagte, und Aberwitz und Unsinn

ihm als Begeisterung und Verständniß galten, so ist er mir vom ganzen

Heere der Fratzenmaler geradezu der liebste, da er ohne Weiteres die

Thüre zuschlug und den Verstand draußen ließ. Sehn Sie den Riesensaal

von _Julio Romano_ in Mantua, seine wunderlichen Aufzüge mit Thieren und

Centauren und allen Wundern der Fabel, seine Bacchanalien, seine kühne

Vermischung des Menschlichen, Schönen, Thierischen und Frechen;

vertiefen Sie sich in diese Studien, dann werden Sie erst wissen, was

ein wirklicher Poet aus diesen sonderbaren und unverstandenen Stimmungen

unsers Gemüthes machen kann und darf, und wie er im Stande ist, auch in

diesem, aus Träumen geflochtenen Netz, die Schönheit zu fangen.

Auf solchem Wege, sagte Dietrich, sind wir mit allen Dingen sehr bald

fertig, wenn wir nur eine Norm und Regel annehmen, in leidenschaftlicher

Verblendung alles Göttliche auf Einen Namen übertragen, und von dem

einseitigen Erkennen seiner dann abweisen, was er nicht geleistet hat,

oder nicht leisten konnte, der doch auch nur ein Einzelner und ein

Sterblicher war, dessen Blick nicht in alle Tiefen drang, und dem

wenigstens der Tod die Palette aus der Hand nahm, wäre er selbst fähig

gewesen, alle Erscheinungen aus seinen Fingern quellen zu lassen.

Schranke muß seyn; wer bezweifelt das? Aber so manche Altklugheit, die

sich im Halten der Regel so groß dünkt, erinnert mich immer wieder an

die sonderbare Eigenschaft des Hahns, der, wie unbändig und kriegerisch

er auch thut, wenn er auf die Seite gelegt wird, und man von seinem

Schnabel aus einen Kreidestrich auf den Boden hinzieht, unbeweglich und

andächtig liegen bleibt, weil er sich, wer weiß von welcher

Naturnothwendigkeit, philosophischer Regel oder unerlaßlichen

Kunstschranke gefesselt glaubt.

Sie werden unbescheiden, mein junger altdeutscher Herr, sagte der Fremde

in etwas hohem Tone. Die gute Erziehung wird freilich bald zu den

verlorenen Künsten gerechnet werden müssen.

Dafür ist aber wohl gesorgt, versetzte Dietrich, daß Uebermuth nicht

ausstirbt, und Dünkel bei frischen Kräften bleibt. Er verbeugte sich

schnell gegen den Hausherrn und verließ die Gesellschaft.

Ich weiß nicht wie ich dazu komme, so behandelt zu werden, sagte der

Fremde. Scheint doch über diesem Saal ein Unheil zu walten, daß ich hier

immer auf Riesen treffe, die mich in den Staub legen wollen.

Der alte Walther war sehr mißmuthig, daß in seinem Hause solche Scenen

vorfielen. So wie er den Fremden schon bei Tische hatte aufgeben müssen,

so gab er nun auch den Gedanken auf, jemals den jungen Maler zum

Schwiegersohn in Vorschlag zu bringen. Begütigend wendete er sich zu dem

Fremden, der in seinem Zorn dem Höllenbreughel eine größere

Aufmerksamkeit schenkte, als außerdem geschehen seyn würde. Nicht wahr,

fing er an, ein in seiner Art treffliches Gemälde?

Das schönste von diesem Meister, das ich bisher gesehen, erwiederte der

verstimmte junge Mann. Er nahm sein Glas zu Hülfe, um es genauer zu

prüfen. Was ist das? rief er plötzlich: sehen Sie, wo die Beine der

beiden Teufel zusammen kommen, und der feurige Schweif des Dritten, wird

ein Gesicht, ein recht wunderlich ausdrucksvolles Profil gebildet, und,

ich irre mich nicht, es gleicht auffallend hier Ihrem ältern Freunde,

dem braven Künstler.

Alle drängten sich hinzu, keiner hatte diesen sonderbaren Einfall noch

bemerkt. Eulenböck, der Schalk, spielte am meisten den Erstaunten. Daß

mein Andenken, sagte er, sich in diesem seltsamen Stammbuche finden

sollte, hätte ich mir nicht träumen lassen; sollte der boshafte Maler

aber mein Profil schon in der Vorzeit geahndet haben, so ist es doch zu

ruchlos, daß dieser Feuerschweif gerade meine etwas rothe Nase formiren

muß.

Das Ding, sagte Erich, ist so sonderbar angebracht, daß man wirklich

nicht ergründen kann, ob es Vorsatz, oder bloßer Zufall ist. Walther

betrachtete das Profil im Bilde, dann musterte er die Physiognomie

seines Freundes, schüttelte den Kopf, ward nachdenkend und nahm

zerstreut Abschied, als der Fremde sich mit Eulenböck beurlaubte, der

sich dessen Begleitung erbeten hatte, um ihm seine Kunstwerke zu zeigen.

Was ist Dir? fragte Erich, der mit dem Alten allein im Saale zurück

geblieben war. Du scheinst über den sonderbaren Scherz des Zufalls

verdrüßlich, der uns alle zum Lachen gezwungen hat; ist doch der Säufer

hinlänglich dadurch bestraft, daß diese Teufelscompagnie so artig sein

Portrait zusammen setzen muß.

Hältst Du es denn wirklich auch für Zufall? rief Walther erzürnt aus:

siehst Du denn nicht ein, daß der alte Schelm mir dies Bild betrügerisch

aufgeheftet hat, daß es von ihm herrührt? Schau nur hieher, ich habe ihn

vor den Andern nicht beschämen wollen; aber nicht genug an dieser

Abschattung von sich selbst, hat er auch noch dem großen Teufel da oben,

der die Seelen in einer Handmühle mahlt, in seinem ungeheuren

Schnauzbart fein den Namen Eulenböck eingeschrieben. Ich entdeckte die

Kritzelei schon unlängst einmal; ich glaubte aber, da es nicht ganz

deutlich war, es habe der Maler, oder ein Anderer, Höllenbreughel

hineinschreiben wollen; so erklärte es mir der alte Schuft auch selbst,

der mir, wie ich es ihm zeigte, Ellenbröeg herauslas, und hinzufügte,

die Künstler hätten sich nie um die Orthographie viel gekümmert. Nun

geht mir erst ein Licht auf, daß der verruchte Säufer auch nur den

jungen Mann verführt hat, mir den Salvator zu verkaufen, daß Du einen

solchen von ihm ebenfalls erhalten hast; und dabei müssen wir noch

fürchten, unsre Gesichter einmal, wer weiß, unter welchen abscheulichen

Gegenständen, irgendwo unanständig auf pasquillantische Weise angebracht

zu sehen.

Er war so zornig, daß er die Faust aufhob, um das Bild zu zerstören.

Aber Erich hielt ihn zurück und sagte: Vernichte nicht im Unmuth ein

merkwürdiges Produkt eines Virtuosen, das Dich in Zukunft wieder

ergötzen wird. Rührt es von unserm _Eulenböck_ her, wie ich jetzt selber

glauben muß, und sind gar noch die beiden _Salvators_ von ihm, so muß

ich die Geschicklichkeit des Mannes bewundern. Toll ist die Art, wie er

sich selbst gezeichnet hat; indessen kann dieser Uebermuth nur ihm

selber schädlich werden, da ich und Du uns nun wohl hüten werden, von

ihm zu kaufen, von denen er außerdem wohl noch manchen Thaler gelöst

hätte. Aber Dich wurmt noch etwas Anderes, ich sehe es Dir wohl an. Kann

ich Dir rathen? Ist es vielleicht die alte Besorgniß um Deine Tochter?

Ja, mein Freund, sagte der Vater: und wie ist es mit Dir? Hast Du selbst

meinen Worten nachgedacht?

Viel und oft, erwiederte Erich: aber, lieber Grillenfänger, wenn es auch

glückliche Ehen ohne Leidenschaft geben kann, so muß doch eine Art von

Neigung da seyn; die finde ich aber nicht, und ich kann es Deiner

Tochter nicht verdenken, -- wir sind uns zu ungleich. Schade wär' es

auch, wenn das liebe Wesen mit seinen lebhaften Empfindungen nicht

glücklich werden sollte.

Durch wen? rief der Vater, es findet sich ja Niemand, den sie mag, und

der sich für sie paßt; Du trittst völlig zurück, der fremde hochmüthige

Gast hat mich heut mit seiner vornehmen Art recht empfindlich geärgert;

aus dem jungen Herrn Dietrich würde nie ein gescheidter Ehemann werden,

da er sich gar nicht in die Welt zu schicken weiß, wie ich gesehen habe,

und vom jungen Eisenschlicht darf ich ihr gar nicht einmal sprechen.

Dazu ist mir auf's Neue der Verlust der herrlichen Bilder auf das Herz

gefallen. Wo der Satan sie nur hingeführt hat! Sieh, meinem ärgsten

Feinde möchte ich sie gönnen, wenn sie nur da wären! -- Und dann -- hab'

ich nicht auch noch eine Verschuldung gegen Eduard? Du weißt, zu welchen

billigen Preisen ich nach und nach von ihm kaufte, was er noch im

Nachlasse seines Vaters fand. Er kannte, er achtete die Sachen nicht;

ich habe ihm nie abgedrungen, ich habe ihn nie angelockt, -- aber doch

-- wenn der junge Mensch ordentlich werden wollte, wenn er den bessern

Weg einschlüge, -- wüßte ich nur, daß es ihn nicht wieder schlecht

machte, daß er es nicht vergeudete, ich wollte ihm noch einen

beträchtlichen Nachschuß gerne zahlen.

Schriften 17: Novellen 1 · 第 2 / 24 段