Recht sehr, rief Sophie; denn erstlich, kann ich es von Niem

Novellen

von

Ludwig Tieck.

Erster Band.

Die Gemälde.

Die Verlobung.

Die Reisenden.

Musikalische Leiden und Freuden.

Berlin,

Druck und Verlag von G. Reimer.

1844.

Ludwig Tieck's

Schriften.

Siebzehnter Band.

Novellen.

Berlin,

Druck und Verlag von G. Reimer.

1844.

Die Gemälde.

Novelle.

Treten Sie nur indeß hier in den Bildersaal, sagte der Diener, indem er

den jungen Eduard herein ließ; der alte Herr wird gleich zu Ihnen

kommen.

Mit schwerem Herzen ging der junge Mann durch die Thüre. Mit wie so

andern Gefühlen, dachte er bei sich selbst, schritt ich sonst mit meinem

würdigen Vater durch diese Zimmer! Das ist das erste Mal, daß ich mich

zu dergleichen hergebe, und es soll auch das letzte seyn. Wahrlich das

soll es! Und es ist Zeit, daß ich von mir und der Welt anders denke.

Er trat weiter im Saale vor, indem er ein eingehülltes Gemälde an die

Wand stellte. Wie man nur so unter leblosen Bildern ausdauern kann, und

einzig in ihnen und für sie da seyn! so setzte er seine stummen

Betrachtungen fort. Ist es nicht, als wenn diese Enthusiasten in einem

verzauberten Reiche untergehen? Für sie ist nur die Kunst das Fenster,

durch welches sie die Natur und die Welt erblicken; sie können beide nur

erkennen, indem sie sie mit den Nachahmungen derselben vergleichen. Und

so verträumte doch auch mein Vater seine Jahre; was nicht Bezug auf

seine Sammlung hatte, war für ihn nicht bedeutender, als wenn es unter

dem Pole vorfiele. Seltsam, wie jede Begeisterung so leicht dahin führt,

unser Dasein und alle unsere Gefühle zu beschränken.

Indem erhob er sein Auge, und war fast geblendet oder erschrocken vor

einem Gemälde, welches in der obern Region des hohen Saales ohne den

Schmuck eines Rahmens hing. Ein blonder Mädchenkopf mit zierlich

verwirrten Locken und muthwilligem Lächeln guckte herab, im leichten

Nachtkleide, die eine Schulter etwas entblößt, die voll und glänzend

schien; in langen zierlichen Fingern hielt sie eine eben aufgeblühte

Rose, die sie den glühend rothen Lippen näherte. Nun wahrlich! rief

Eduard laut, wenn dies Bild von Rubens ist, wie es seyn muß, so hat der

herrliche Mann in dergleichen Gegenständen alle andern Meister

übertroffen! Das lebt, das athmet! Wie die frische Rose den noch

frischeren Lippen entgegen blüht! Wie sanft und zart die Röthe beider in

einander leuchtet und doch so sicher getrennt ist. Und dieser Glanz der

vollen Schulter, darüber die Flachshaare in Unordnung gestreut! Wie kann

der alte Walther sein bestes Stück so hoch hinauf hängen und ohne Rahmen

lassen, da all das andre Zeug in den kostbarsten Zierden glänzt?

Er erhob wieder den Blick und fing an zu begreifen, welche gewaltige

Kunst die der Malerei sei, denn das Bild wurde immer lebendiger. Nein,

diese Augen! sprach er wieder zu sich selbst, ganz im Anschauen

verloren; wie konnten Pinsel und Farbe dergleichen hervorbringen? Sieht

man nicht den Busen athmen? die Finger und den runden Arm sich bewegen?

Und so war es auch in der That: denn in diesem Augenblick erhob sich das

reizende Bild, und warf mit dem Ausdruck schelmischen Muthwillens die

Rose herab, die dem jungen Mann in's Gesicht flog, trat dann zurück und

verschloß klirrend das kleine Fenster.

Erschrocken und beschämt nahm Eduard die Rose vom Boden auf. Er

erinnerte sich nun deutlich des schmalen Ganges, welcher oben neben dem

Saale weglief und zu den höhern Zimmern des Hauses führte; die übrigen

kleinen Fenster waren mit Bildern verhangen, nur dieses hatte man, um

Licht zu gewinnen, in seinem Zustande gelassen, und der Hausherr selbst

pflegte von dort oft die Gäste zu mustern, die seine Gallerie besuchen

wollten. Ist es möglich, sagte Eduard, nachdem er sich aller dieser

Umstände erinnert hatte, daß die kleine Sophie in einem Zeitraume von

vier Jahren zu einer solchen Schönheit hat erwachsen können? -- Er

drückte unbewußt und in sonderbarer Zerstreuung die Rose an den Mund,

stellte sich dann, starr auf den Boden sehend, an die Mauer, und

bemerkte nicht, daß der alte Walther schon seit einigen Sekunden neben

ihm stand, bis dieser ihn mit einem freundlichen Schlage auf die

Schulter aus seiner Träumerei erweckte. Wo waren Sie? junger Mann, sagte

er scherzend; Sie sind wie einer, der eine Erscheinung gehabt hat.

So ist es mir selbst, sagte Eduard; vergeben Sie, daß ich Ihnen mit

meinem Besuche lästig falle.

Wir sollten uns nicht so fremd seyn, junger Freund, sagte der Alte

herzlich; es ist nun schon länger als vier Jahre, daß Sie mein Haus

nicht betreten haben. Ist es recht, den Freund Ihres Vaters, Ihren

ehemaligen Vormund, der es gewiß immer gut mit Ihnen meinte, wenn wir

gleich damals einige Differenzen mit einander hatten, so ganz zu

vergessen?

Eduard ward roth und wußte nicht gleich, was er antworten sollte. Ich

glaubte nicht, daß Sie mich vermissen würden, stotterte er endlich. Es

könnte Vieles, Alles anders gewesen seyn; allein die Irrthümer der

Jugend --

Lassen wir das, rief der Alte im frohen Muth; was hindert uns, unsre

ehemalige Bekanntschaft und Freundschaft zu erneuern? Was führt Sie

jetzt zu mir?

Eduard sah nieder, dann warf er einen eiligen, schnell abgleitenden

Blick auf den alten Freund, zauderte noch, und ging nun mit zögerndem

Schritt nach dem Pfeiler, wo das Gemälde stand, das er aus seiner

Verhüllung nahm. Sehen Sie hier, sagte er, was ich noch unvermuthet in

der Verlassenschaft meines seligen Vaters gefunden habe, ein Bild, das

in einem Bücherschranke aufbewahrt war, den ich seit Jahren nicht

eröffnet hatte; Kenner wollen mir sagen, daß es ein trefflicher Salvator

Rosa sei.

So ist es, rief der alte Walther mit begeisterten Blicken. Ei, das ist

ein herrlicher Fund! Ein Glück, daß Sie es so unvermuthet entdeckt

haben. Ja, mein verstorbener lieber Freund hatte Schätze in seinem

Hause, und er wußte selber nicht, was er alles besaß.

Er stellte das Bild in das rechte Licht, prüfte es mit leuchtenden

Augen, ging näher und wieder zurück, begleitete aus der Ferne die Linien

der Figuren mit einem Kennerfinger und sagte dann: wollen Sie mir es

ablassen? Nennen Sie mir den Preis, und das Bild ist mein, wenn es nicht

zu theuer ist.

Indem hatte sich ein Fremder herbei gemacht, der in einer andern Wendung

des Saales nach einem Julio Romano zeichnete. Ein Salvator? fragte er

mit etwas schneidendem Tone, den Sie wirklich als einen alten Besitz in

einer Verlassenschaft gefunden haben?

Allerdings, sagte Eduard, den Fremden mit einem stolzen Blicke musternd,

dessen schlichter Oberrock und einfaches Wesen etwa einen reisenden

Künstler vermuthen ließen.

So sind Sie selbst hintergangen, antwortete der Fremde mit einem

stolzen, rauhen Tone, im Fall Sie nicht hintergehen wollen; denn dieses

Bild ist augenscheinlich ein ziemlich modernes, vielleicht ist es ganz

neu, wenigstens gewiß nicht über zehn Jahre alt, eine Nachahmung der

Manier des Meisters, gut genug, um auf einen Augenblick zu täuschen, das

sich aber bei näherer Prüfung dem Kenner bald in seiner Blöße zeigt.

Ich muß mich sehr über diese Anmaßung verwundern, rief Eduard aus, ganz

aus aller Fassung gesetzt. Im Nachlasse meines Vaters befanden sich

lauter gute Bilder und Originale, denn er und der Herr Walther galten

immer für die besten Kenner in der Stadt. Und was wollen Sie? Bei unserm

berühmten Kunsthändler Erich hängt der Pendant zu diesem Salvator, für

welchen vor einigen Tagen ein Reisender eine sehr große Summe geboten

hat. Man halte beide zusammen und man wird sehen, daß sie von einem

Meister sind und zusammen gehören.

So? sagte der Fremde mit lang gedehntem Tone. Sie kennen also oder

wissen um jenen Salvator auch? Freilich ist er von derselben Hand, wie

dieser hier, das leidet keinen Zweifel. In dieser Stadt sind die

Originale dieses Meisters selten, und Herr Erich und Walther besitzen

keines von ihm; aber ich bin mit dem Pinsel dieses großen Meisters

vertraut, und gebe Ihnen mein Wort, daß er diese Bilder nicht berührte,

sondern daß sie von einem Neueren herrühren, der Liebhaber mit ihnen

hintergehen will.

Ihr Wort? rief Eduard in glühender Röthe; Ihr Wort! Ich sollte denken,

daß das Meinige hier eben so viel, und noch mehr gölte!

Gewiß nicht, sagte der Unbekannte, und außerdem muß ich noch bedauern,

daß Sie sich so von Ihrer Hitze übereilen und verrathen lassen. Sie

wissen also um die Fabrikation dieses Machwerks, und kennen den nicht

ungeschickten Nachahmer?

Nein! rief Eduard noch heftiger; Sie sollen mir diese Beschimpfung

beweisen, mein Herr! Diese Anmaßungen, diese Unwahrheiten, die Sie so

dreist herausstoßen, kündigen einen mehr als gehässigen Charakter an.

Der Geheimerath Walther war in der größten Verlegenheit, daß diese Scene

in seinem Hause vorfallen mußte. Er stand prüfend vor dem Bilde, und

hatte sich schon überzeugt, daß es eine moderne, aber treffliche

Nachahmung des berühmten Meisters sei, die wohl auch ein erfahrenes Auge

hintergehen konnte. Ihn schmerzte es innig, daß der junge Eduard in

diesen bösen Handel verwickelt war; die beiden Streitenden aber waren so

heftig erzürnt, daß jede Vermittlung unmöglich wurde.

Was Sie da sprechen, mein Herr! rief der Fremde jetzt auch in erhöhtem

Tone, Sie sind unter meinem Zorn, und ich bin erfreut, daß ein Zufall

mich in diese Gallerie geführt hat, um zu verhüten, daß ein würdiger

Mann und Sammler hintergangen wurde.

Eduard schäumte vor Wuth. So ist es nicht gemeint gewesen, sagte

begütigend der Alte.

Wohl war das die Meinung, fuhr der Fremde fort; es ist ein altes

wiederholtes Spiel, bei dem man es nicht einmal der Mühe werth gefunden

hat, eine neue Erfindung anzubringen. Ich sah in der Kunsthandlung jenen

sogenannten Salvator Rosa; der Eigenthümer hielt ihn für ächt, und wurde

noch mehr darin bestärkt, als ein Reisender, der, der Kleidung nach, ein

sehr vornehmer Mann seyn konnte, einen hohen Preis für das Bildchen bot;

er wollte bei der Rückkehr wieder zusprechen, und bat sich vom

Kunsthändler aus, daß dieser das Gemälde wenigstens vier Wochen nicht

aus den Händen geben sollte. -- Und wer war dieser vornehme Herr? der

weggejagte Kammerdiener des Grafen Alten aus Wien. So ist es klar, daß

das Spiel, von wem es auch herrühre, auf Sie, Herr Walther, und Ihren

Freund Erich abgekartet war.

Eduard hatte indessen mit zitternden Händen sein Bild schon wieder

eingewickelt; er knirschte mit den Zähnen, stampfte mit dem Fuße und

schrie: der Teufel soll mir diesen Streich bezahlen! So stürzte er zur

Thüre hinaus, und bemerkte nicht, daß das Mädchen wieder von oben in den

Saal herabschaute, die durch das Geschrei der Streiter herbei gezogen

worden war.

Mein werther Herr, so wandte sich jetzt der Alte zu dem Unbekannten, Sie

haben mir weh gethan; Sie sind zu rasch mit dem jungen Manne verfahren;

er ist leichtsinnig und ausschweifend, aber ich habe bis jetzt noch

keinen schlechten Streich von ihm gehört.

Einer muß immer der erste seyn, sagte der Fremde mit kalter Bitterkeit;

er hat wenigstens heute Lehrgeld gegeben, und kehrt entweder um, oder

lernt so viel, daß man seine Sachen klüger anfangen, und auf keinen Fall

die Fassung verlieren muß.

Er ist gewiß selbst hintergangen, sagte der alte Walther, oder er hat

wirklich das Bild, wie er sagt, gefunden, und sein Vater, der ein großer

Kenner war, hat es schon deswegen, weil es nicht ächt ist, bei Seite

geschafft.

Sie wollen es zum Besten kehren, alter Herr, sagte der Fremde; aber in

diesem Falle wäre der junge Mensch nicht so unanständig heftig geworden.

Wer ist er denn eigentlich?

Sein Vater, erzählte der Alte, war ein reicher Mann, der ein großes

Vermögen hinterließ; er hatte eine so starke Leidenschaft für die Kunst,

wie gewiß nur wenige Menschen ihrer fähig sind. Auf diese verwandte er

einen großen Theil seines Vermögens, und seine Sammlung war

unvergleichlich zu nennen. Darüber aber versäumte er wohl etwas zu sehr

die Erziehung dieses seines einzigen Sohnes; so wie daher der Alte

starb, war der junge Mensch nur darauf bedacht, Geld auszugeben, mit

Schmarotzern und schlechtem Volke Umgang zu haben, sich Mädchen und

Equipagen zu halten. Als er majorenn wurde, waren ungeheure Schulden bei

Wucherern und Wechsel zu bezahlen, aber er setzte seinen Stolz darein,

nun noch mehr zu verschwenden; die Kunstwerke wurden verkauft, da er

keinen Sinn für diese hat; ich nahm sie für billige Preise. Jetzt hat er

wohl, außer dem schönen Hause, so ziemlich Alles durchgebracht, und auch

auf diesem mögen Schulden lasten; Kenntnisse hat er sich schwerlich

erworben, Beschäftigung ist ihm unleidlich, und so muß man mit Bedauern

sehen, wie er seinem Untergange entgegen geht.

Die alltägliche Geschichte von so Vielen, bemerkte der Unbekannte, und

der gewöhnliche Weg unwürdiger Eitelkeit, der die Menschen lustig in die

Arme der Verachtung führt.

Wie haben Sie sich nur dieses sichre Auge erwerben können? fragte der

Rath; auch erstaune ich über die Art, mit der Sie dem Julio

nachzeichnen, da Sie doch kein Künstler sind, wie Sie sagen.

Aber ich studire seit lange die Kunst, antwortete der Fremde; ich habe

die wichtigsten Gallerieen in Europa fleißig und nicht ohne Nutzen

gesehen, mein Blick ist von Natur scharf und richtig, und noch durch

Uebung gebildet und sicher gemacht, so daß ich mir schmeicheln darf,

wohl nicht so leicht, am wenigsten über meine Lieblinge zu irren.

Der Fremde empfahl sich jetzt, nachdem er dem Sammler hatte versprechen

müssen, am folgenden Mittage bei ihm zu essen, denn der Alte hatte vor

den Kenntnissen des Reisenden große Achtung gewonnen.

* * * * *

Mit unbeschreiblichem Zorne ging Eduard nach Hause. Er trat wüthend ein,

warf alle Thüren heftig hinter sich zu, und eilte durch die großen

Gemächer nach einem kleinen Hinterstübchen, wo in der Dämmerung der alte

Eulenböck bei einem Glase starken Weines seiner wartete. Hier! schrie

Eduard, du alter, schiefnasiger, weinverbrannter Halunke, ist Deine

Schmiererei wieder; verkauf sie an den Seifensieder drüben, der sie in

die Lichte gießen kann, wenn ihm die Malerei nicht ansteht.

Wäre Schade, sagte der alte Maler, um das gute Bildchen, indem er sich

mit der größten Kaltblütigkeit ein neues Glas einschenkte. Hast Dich

erhitzt, Freundchen; und der Alte hat von dem Kauf nichts wissen wollen?

Schelm! schrie Eduard, indem er das Bild heftig hinwarf; und um

Deinetwillen bin ich auch zum Schelm geworden! Beschimpft, gekränkt! O

und wie beschämt vor mir selber, glühend Kopf und Hals hinunter, daß ich

mir aus Liebe zu Dir solche Lüge erlaubte.

Ist keine Lüge, liebes Männchen, sagte der Maler, indem er das Bild

auswickelte, ist ein so veritabler Salvator Rosa, wie ich nur noch je

einen gemalt habe. Hast mich ja nicht daran arbeiten sehen, und kannst

also nicht wissen, von wem das Bild herrührt. Du hast kein Geschick,

mein Hänschen; ich hätte Dir die Sache nicht anvertrauen sollen.

Ich will ehrlich seyn, rief Eduard, und schlug mit der Faust auf den

Tisch; ich will ein ordentlicher Mensch werden, daß Andre und ich selber

wieder Achtung vor mir haben! Ganz anders will ich werden, einen neuen

Lebenswandel will ich anfangen!

Warum Dich erboßen? sagte der Alte und trank. Ich will Dich nicht

hindern; mich wird's freuen, wenn ich das erlebe. Ich habe ja immer an

Dir ermahnt und Dir vorgepredigt; ich habe Dich auch an Beschäftigung zu

gewöhnen gesucht, ich habe Dir das Restauriren lehren wollen, Firnisse

bereiten, Farben reiben, in Summa, ich habe es an nichts bei Dir fehlen

lassen.

Hund von Kerl! rief Eduard, Dein Junge, Dein Farbenreiber sollt' ich

werden? Aber freilich, ich bin ja heute noch tiefer gesunken, da ich

mich zum Spitzbuben eines Spitzbuben habe gebrauchen lassen.

Was das Kind für ehrenrührige Ausdrücke braucht, sagte der Maler und

schmunzelte in sein Glas hinein; wenn ich mir so was zu Herzen nähme, so

hätten wir die Schlägerei oder bittre Feindschaft hier zur Stelle. Er

meint es aber gut in seinem Eifer; der Junge hat was Nobles in seinem

ganzen Wesen, allein zum Bilderhändler taugt er freilich nicht.

Eduard legte sich mit dem Kopf auf den Tisch, und der Maler wischte

schnell einen Weinfleck ab, damit der Jüngling nicht mit dem Aermel

hineinfahre. Der gute liebe Salvator, sagte er dann bedächtig, soll auch

nicht das beste Leben geführt haben; sie geben ihm gar Schuld, er sei

Bandit gewesen. Als Rembrandt sich bei lebendigem Leibe für todt ausgab,

um den Preis seiner Werke zu erhöhen, war er auch nicht ganz der

Wahrheit treu geblieben, ob er gleich wirklich einige Jahre später

starb, und sich also nur in der Jahreszahl etwas verrechnet hatte. So,

wenn ich nun solch Bildchen in aller Liebe und Demuth male, mich in den

alten Meister und alle seine lieben Eigenheiten recht sanftselig und

saumthunlich hineindenke, daß mir immer ist, als führte des Verstorbnen

Seelchen mir Hand und Pinsel; und das Ding ist dann fertig, und nickt

mir mit rechter Herzlichkeit seinen Dank zu, daß ich auch was vom alten

Virtuosen geliefert habe, der doch nicht Alles hat machen und nicht ewig

hat leben können, und ich mich nun, vollends nach einem Glase Wein,

indem ich es mit tieferer Prüfung beschaue, rechtgläubig überzeuge, daß

es vom alten Herrn wirklich herrührt, und ich übergebe es so einem

andern Liebhaber des Seligen, und verlange nur ein Billiges für die

Mühe, daß ich mir die Hand habe führen, mein eignes Ingenium derzeit

unterdrücken lassen, an der Verringerung meines eignen Künstlernamens zu

arbeiten, -- ist denn das so himmelschreiende Sünde, Freundchen, wenn

ich mich selbst auf solche kindliche Weise aufopfre?

Er hob den Kopf des Liegenden auf, verwandelte aber seine grinsende

Freundlichkeit in eben so verzerrten Ernst, als er die Wangen des

Jünglings voll Thränen sah, die in einem heißen Strome unaufhaltsam aus

den Augen stürzten. O meine verlorne Jugend! schluchzte Eduard: o ihr

goldnen Tage, ihr Wochen und Jahre! wie seid ihr doch so sündlich

verschleudert worden, als läge nicht in euern Stunden der Keim der

Tugend, der Ehre und des Glücks; als sei dieser köstlichste Schatz der

Zeit jemals wieder zu gewinnen. Wie ein Glas abgestandenes Wasser hab'

ich mein Leben und den Inhalt meines Herzens ausgegossen. Ach! welch

Dasein hätte mir aufgehen können, welch Glück mir und Andern, wenn ein

böser Geist nicht meine Augen verblendete. Segensbäume wuchsen und

schatteten um mich und über mir, in denen der Freund, die Gattin und die

Bedrängten Hülfe, Trost, Heimath und Frieden fanden; und ich habe die

Axt im schwindelnden Uebermuth an diesen Hain gelegt, und muß nun Frost,

Sturm und Hitze dulden!

Eulenböck wußte nicht, welch Gesicht er machen, noch weniger, was er

sagen sollte, denn in dieser Stimmung, mit solchen Gesinnungen hatte er

seinen jungen Freund noch niemals gesehen; er war endlich nur froh und

beruhigt, daß dieser ihn nicht bemerkte, so daß er in behaglicher

Heimlichkeit seinen Wein ausleerte.

Tugendhaft also willst Du werden, mein Sohn? fing er endlich an. Auch

gut. Wahrlich! wenige Menschen sind für die Tugend so portirt, als ich

selber, denn es gehört schon ein scharfer Blick dazu, um nur zu wissen,

was Tugend ist. Knausern, den Leuten abzwacken, sich und unserm Herrgott

etwas vorlügen, ist gewiß keine. Wer aber das rechte Talent dazu hat,

der findet's auch. Wenn ich einem verständigen Mann zu einem guten

Salvator oder Julio Romano von meiner Hand verhelfe, und er freut sich

dann, so habe ich immer noch besser gehandelt, als wenn ich einem Pinsel

einen ächten Rafael verkaufe, den der Gimpel nicht zu schätzen weiß, so

daß ihm im Grunde seines Herzens ein geschniegelter Van der Werft mehr

Freude machen würde. Meinen großen Julio Romano muß ich nun wohl in

eigner Person verkaufen, da Du zu dergleichen weder Gaben noch Glück

hast.

Diese armseligen Sophistereien, sagte Eduard, können auf mich nicht mehr

wirken; diese Zeit ist vorüber, und Du magst Dich nur in Acht nehmen,

daß sie Dich nicht ertappen; denn mit Laien mag es Dir wohl gelingen,

aber nicht mit Kennern, wie der alte Walther einer ist.

Laß gut seyn, mein Kindchen, sagte der alte Maler, die Kenner sind

gerade am besten zu betrügen, und mit einem Unerfahrnen möcht' ich gar

nicht einmal anfangen. O dieser gute, alte, liebe Walther, dies feine

Männchen! Hast Du nicht den schönen Höllenbreughel gesehen, der am

dritten Pfeiler zwischen der Skizze von Rubens und dem Portrait von Van

Dyk hängt? Der ist von mir. Ich kam zu dem Männchen mit dem Gemälde:

Wollen Sie nicht etwas Schönes kaufen? »Was! rief er; solche Fratzen,

Tollheiten? Das ist nicht meine Sache; zeigen Sie doch. Nun, ich nehme

sonst dergleichen Unsinn bei mir nicht auf, indessen weil in diesem

Bilde doch etwas mehr Anmuth und Zeichnung ist, als man sonst bei diesen

Phantasien trifft, so will ich mit ihm einmal eine Ausnahme machen.« In

Summa, er hat's behalten, und zeigt's den Leuten, um seinen vielseitigen

Geschmack zu beurkunden.

Eduard sagte: aber willst Du denn nicht auch noch ein rechtlicher Mann

werden? Es ist doch die höchste Zeit.

Mein junger Bekehrer, rief der Alte, ich bin es längst; Du verstehst das

Ding nicht, auch bist Du mit Deinem heißen Anlauf noch nicht durch.

Stehst Du am Ziel, und bist glücklich allen Klippen, Halseisen,

Leuchtpfählen vorüber, dann winke mir nur dreist, und ich steure Dir

vielleicht nach. Bis dahin laß mich ungeschoren.

So trennt sich also unsre Laufbahn, sagte Eduard, indem er ihn wieder

freundlich anblickte; ich habe viel versäumt, aber doch noch nicht

Alles, mir bleibt noch etwas von meinem Vermögen, mein Haus. Hier will

ich mich einfach einrichten, und beim Prinzen, der binnen Kurzem hier

ankommen wird, eine Stelle als Secretair oder Bibliothekar suchen,

vielleicht reise ich mit ihm; vielleicht, daß anderswo ein Glück --

oder, wenn das nicht, so beschränke ich mich hier, und suche Arbeit und

Beschäftigung in meiner Vaterstadt.

Und wann soll das Tugendleben losgehen? fragte der Alte mit grinsendem

Lachen.

Gleich, sagte der Jüngling, morgen, heut, diese Stunde!

Narrenspossen! sagte der Maler und schüttelte den greisen Kopf; zu allen

guten Dingen muß man sich Zeit lassen, sich vorbereiten, einen Anlauf

nehmen, die alte Periode mit einer Feierlichkeit beschließen und die

neue eben so beginnen. Das war eine herrliche Sitte, daß in manchen

Gegenden unsere Vorfahren das Carneval mit rechter ächter

Ausgelassenheit zu Grabe trugen, daß sie zuletzt noch einmal recht toll

aufjubelten und sich in der Lust übernahmen, um nachher ungestört und

ganz ohne Gewissensskrupel fromm seyn zu können. Laß uns der

verehrlichen Sitte nachfolgen; Brüderchen, sieh, ich bin Dir so gut,

gieb uns und Deinen Launen noch einmal so einen rechten ausgesuchten

Weinschmaus, so einen hohen Valet- und Abschied-Hymnus, daß wir,

besonders ich, Deiner gedenken; laß uns beim besten Wein bis in die

tiefe Nacht hinein jubeln, dann gehst Du rechts ab zur Tugend und

Mäßigkeit, und wir andern bleiben links, wo wir sind.

Schlemmer! sagte Eduard lächelnd: wenn Du nur einen Vorwand findest,

Dich zu betrinken, so ist Dir Alles recht. Es sei also am heiligen

Dreikönigs-Abend.

Da ist ja noch vier Tage hin, seufzte der Alte, indem er den letzten

Rest ausschlürfte, und sich dann schweigend entfernte.

* * * * *

Wir werden heut eine kleine Tischgesellschaft haben, sagte der Rath

Walther zu seiner Tochter.

So? fragte Sophie. Und wird der junge Eduard auch herkommen?

Nein, antwortete der Vater. Wie fällst Du auf diesen?

Ich dachte nur, sagte Sophie, daß Sie ihm vielleicht durch eine

Einladung die unangenehme Scene etwas vergüten wollten, die er ohne

Ihren Willen in Ihrem Hause hat erleiden müssen.

Heute würde es am wenigsten passen, erwiederte der Alte, da gerade der

Mann mit uns speisen wird, von dem der junge Mensch beleidigt ward.

So? der? sagte das Mädchen mit gedehntem Tone.

Es scheint, der fremde Mann ist Dir unangenehm.

Recht sehr, rief Sophie; denn erstlich, kann ich es von Niemand leiden,

wenn man nicht genau weiß, wer er ist; solch Incognito ist in der Fremde

allerliebst, um für etwas Besonderes zu gelten, wenn hinter dem Menschen

gerade gar nichts steckt, und so ist es gewiß mit diesem Unbekannten,

der ganz das Wesen eines vacirenden Hofmeisters oder Secretairs hat, der

sich gestern in Ihrer Gallerie ein Ansehen gab, als wenn er der oberste

Direktor aller Heiden-Bekehrungsanstalten wäre.

Du sagtest: erstens! fragte der Vater lächelnd: nun also zweitens?

Zweitens ist er fatal, sagte sie lachend, und drittens ist er

unausstehlich, und viertens hasse ich ihn wahrhaft.

Das ist freilich erstens und letztens bei euch, sagte der Alte.

Uebrigens erscheint noch mein Freund Erich und der junge Maler Dietrich,

so wie der wunderliche Eulenböck.

Da haben wir ja alle Zeitalter beisammen, rief Sophie aus, alle Arten

von Geschmack und Gesinnung! Kommt nicht etwa auch noch der junge Herr

von Eisenschlicht, um mir das Leben recht sauer zu machen?

Der Vater hob den Finger drohend auf, sie ließ sich aber nicht irren,

sondern fuhr schnell und unwillig fort: es ist ja wahr, daß ich in

dieser Gesellschaft meines Lebens niemals froh werde; das schwatzt, und

guckt, und ist artig, und lügt, und wird unausstehlich durch einander,

daß ich statt solcher Mahlzeiten lieber drei Tage hungern möchte. Solche

verliebte Leute sind mir so zuwider, wie unreife Johannisbeeren! jedes

Wort von ihnen schmeckt mir noch sauer nach acht Tagen, und verdirbt mir

auch die Zunge für alle bessere Früchte. Der alte krummnasige, kupfrige

Sünder ist mir noch von allen der liebste, denn er denkt doch nicht

daran, mich wie ein Möbel in seine Stuben hinzustellen.

Diese Art und Weise, sagte der Vater, ist mir an Dir selbst leid, ja

recht verdrüßlich, weil ich bei Deinem starren Eigensinn noch gar nicht

absehen kann, wie Du Dich je ändern möchtest. Du weißt nun, wie ich über

die Ehe und die sogenannte Liebe denke, wie sehr Du mich glücklich

machen würdest, wenn Du Deinen Willen brechen wolltest --

Ich muß nach der Küche sehen, rief sie plötzlich: ich muß Ihnen heute

Ehre machen; vergessen Sie nur nicht die guten Weine, damit der

röthliche Eulenböck nicht Ihren Keller in schlechten Ruf bringt. So lief

sie hinaus, ohne eine Antwort abzuwarten.

Der Alte ging an seine Geschäfte, indessen die Tochter Küche und Tisch

besorgte. Sie hatte jenes Gespräch so plötzlich abgebrochen, weil es der

Wunsch des Vaters, den sie nur gar zu gut kannte, war, sie mit seinem

Freunde Erich zu verheirathen, der zwar nicht mehr jung, indessen auch

noch nicht so sehr in Jahren vorgerückt war, daß ein solcher Plan

lächerlich gewesen wäre. Erich hatte bei seinem Handel ein ansehnliches

Vermögen erworben; in diesem Augenblicke besaß er eine Sammlung ganz

vorzüglicher Bilder aus den italienischen Schulen, und Walther hatte den

Gedanken, daß, falls seine Tochter sich noch zu dieser Heirath bereden

ließe, Erich alsdann seinen Handel einstellen, und diese vorzüglichen

Gemälde seiner Gallerie einverleiben solle, damit der Schwiegersohn

diese dann nach seinem Tode als eine recht ausgezeichnete besäße und

erhielte. Denn es war ihm fürchterlich, sich diese treffliche Sammlung

einst wieder zerstreut zu denken, vielleicht gar unter dem Preise

verkauft und an Menschen vergeudet, bei denen die Bilder durch

Unverstand zu Grunde gehen könnten. Seine Leidenschaft für Malerei war

so groß, daß er auf jeden Fall seines Freundes Bilder für eine sehr

große Summe gekauft haben würde, wenn ihn nicht der Erwerb eines

ansehnlichen Gutes und großen Gartens, die er seiner Tochter zurück

lassen wollte, gehindert und ihm jetzt jede Auslage, vorzüglich aber

eine so bedeutende, unmöglich gemacht hätten. Indem er seine Briefe

schrieb, zerstreuten ihn diese Gedanken unaufhörlich. Er gedachte dann

des jungen Malers Dietrich, eines hübschen blonden Jünglings; und ob ihm

gleich dessen Art, die Kunst auszuüben, so wenig wie die, sich zu

kleiden, recht war, so hätte er doch auch diesen gern als Schwiegersohn

umarmt, weil er überzeugt seyn konnte, daß der junge Mensch für sein

Kunstvermächtniß die höchste Ehrerbietung hegen würde. Der alte Maler

Eulenböck konnte ihm für seine Plane nie in die Gedanken kommen; aber

seit gestern hatte er den fremden Kunstkenner mit väterlichem Auge

gemustert, und die schnippische Antwort der Tochter, mit der sie sich

über diesen geäußert hatte, war ihm daher um so empfindlicher. Er mochte

es sich nicht gestehen, aber er dachte, wenn er in die Zukunft schaute,

weit mehr an das Heil seiner Sammlung, als an das Glück seines Kindes.

Selbst der junge Herr von Eisenschlicht, der Sohn eines Wucherers, wäre

ihm zum Eidam erwünscht gewesen, weil der junge Mensch auf Reisen sich

ziemlich gebildet hatte; und da dieser zugleich die Neigungen seines

Vaters besaß, so ließ sich wohl erwarten, daß er aus jeder Rücksicht

eine so kostbare Sammlung in Ehren halten würde.

So war der Vormittag verstrichen, und die Gäste fanden sich nach und

nach ein. Zuerst der jüngste, Dietrich, im sogenannten altdeutschen

Rocke, die weißlichen Haare auf den Schultern hängend, und mit einem

blonden Bärtchen, der sein rosenrothes durchsichtiges Antlitz nicht

entstellte. Er erkundigte sich sogleich angelegentlich nach der Tochter,

und diese erschien, geschmückt, in einem grünseidenen Kleide, das den

Glanz ihres Gesichts und Nackens wunderbar erhob. Der Jüngling begann

sogleich eben so verlegen als zudringlich ein Gespräch mit Sophien, das

um so trockner wurde, um so mehr er es überschwenglich zu machen suchte.

Gestört und getröstet wurden beide durch das Erscheinen des alten

Eulenböck, der mit seinem braunrothen Gesicht wunderlich aus einer

hellgrünen Weste und weißlichem Frack heraus schien, da er es, wie viele

ausgemacht häßliche Menschen, liebte, sich in auffallende Farben zu

kleiden. Die jungen Leute konnten kaum das Lachen unterdrücken, als sie

ihn sich linkisch hereindrehen, grimassirend grüßen und mit falscher

Artigkeit stolpern sahen, wobei sich sein schiefes Gesicht, die kleinen

grellen Augen und die seitwärts gedrehte Nase noch wunderlicher

ausnahmen. Der Fremde ließ lange auf sich warten, und Sophie spöttelte

wieder über die Anmaßung, den vornehmen Mann zu spielen, bis er endlich,

schlicht gekleidet, erschien und es der Gesellschaft möglich machte,

sich in das Speisezimmer zu begeben, in welchem sie Erich schon fanden,

der dort ein Gemälde befestigt hatte, welches der Fremde und die Maler

in Augenschein nehmen sollten.

Sophie saß zwischen Erich und dem Unbekannten, obgleich Dietrich einen

vergeblichen Versuch gemacht hatte, sich an ihre Seite einzuschieben.

Eulenböck, der alles bemerkte, und der am liebsten seine Bosheit in das

Gewand der Gutmüthigkeit hüllte, drückte dem jungen Menschen die Hand

und dankte ihm wie gerührt, daß er so lange herum gekreuzt sei, um nur

neben einem alten Manne zu sitzen, der zwar auch die Kunst liebe und

ausübe, indessen freilich mit seinen abnehmenden Kräften dem Fluge der

neuern Schule nicht mehr nachstreben könne, an deren Enthusiasmus er

aber doch sein altes Feuer wieder anzünde und seine schon kalten

Lebensgeister erwärme. Dietrich, der noch jung genug war, um alles dies

für Ernst zu halten, wußte nicht Dankbarkeit genug auszudrücken, noch

hinlängliche Bescheidenheit aufzutreiben, um diese Demuth aufzuwägen.

Der alte Schelm freute sich, daß ihm seine Verstellung gelang, und

machte den gutmüthigen Jüngling immer treuherziger, der in diesem alten

Knaben schon einen Schüler von sich zu sehen wähnte, und dabei im

Stillen berechnete, wie er dessen practische Kenntnisse zu höhern

Zwecken brauchen wolle, ohne daß der Alte merken müsse, wie der neue

Lehrer wieder zugleich sein Schüler sei.

Indessen diese beiden sich so zu täuschen suchten, war das Gespräch des

Fremden und des Wirthes zum Theil zufällig, und von der andern Seite

klug gelenkt, auf die Ehe gefallen; denn der alte Walther ließ nicht

leicht eine Gelegenheit vorübergehen, seine Gedanken über diesen

Gegenstand auszusprechen. Ich habe niemals, sagte er, mit den Ansichten

übereinstimmen können, die nun etwa seit funfzig Jahren zur allgemeinen

Mode geworden sind. Ich nenne sie Mode, weil ich mich nie, obgleich ich

auch jung gewesen bin, habe überzeugen können, daß sie in der Natur

gegründet sind. Kann man läugnen, daß einzelne Menschen zu gewissen

Zeiten leidenschaftlichen Stimmungen und Verirrungen ausgesetzt gewesen?

Nur zu häufig haben wir die bösen Folgen des Zornes, der Trunkenheit,

der Eifersucht und Wuth wahrnehmen müssen. Eben so ist auch nicht zu

läugnen, daß vielfaches Unheil und seltsame Begebenheiten aus jenen

gesteigerten Empfindungen, die man Liebe nennt, hervorgegangen sind. Es

ist nur die Rede von jener Verkehrtheit, daß der Mensch zwar alle andere

Verwirrungen vermeidet, und sich der Ueberraschung der Leidenschaften zu

entwöhnen sucht, Alle aber sich seit einer gewissen Zeit damit brüsten,

ja es für nothwendig zum Leben halten, die Liebe und ihre wilden

Zustände und leidenschaftlichen Verwirrungen erlebt zu haben.

Der Unbekannte sah den Wirth ernsthaft an und nickte ihm zu, worauf der

Alte mit erhöhter Stimme fortfuhr:

Möchte man am Ende auch einer gewissen Billigkeit nachgeben, und diese

Zustände der sogenannten Liebenden, in denen, wie sie uns erzählen, die

ganze Welt ihnen im schönern Lichte erscheint, und in welchen sie sich

aller ihrer Seelenkräfte erhöht und vielfacher bewußt werden (obgleich

sie in jenem Schlummerwachen in der Regel träge, und zu keiner Arbeit zu

bringen sind), natürlich finden: was thut, frag' ich nun, alles dies,

auch noch so glücklich sich wendend, um eine vernünftige und gute Ehe zu

schließen? Ich würde nie meine Einwilligung geben, wenn ich das Unglück

hätte, an meiner Tochter einmal diese Verstandesverwirrung zu bemerken.

Sophie lächelte; der junge Dietrich sah sie erröthend an, und Eulenböck

trank mit großem Wohlbehagen, indeß der Fremde den Alten mit Ernst

anhörte, der, seiner Sache gewiß, um so eifriger fortfuhr: Nein, wohl

dem Manne, der, mit dieser verkehrenden Leidenschaft völlig unbekannt,

den vernünftigen Entschluß faßt, sich in den Stand der Ehe zu begeben,

und Heil dem Mädchen, das züchtig den Gemahl findet, ohne jene Scenen

des Wahnsinns je mit ihm gespielt zu haben, denn alsdann findet sich

jene Zufriedenheit, jene Ruhe und jener Segen, der unsern Vorfahren

nicht unbekannt war, und den die heutige Welt nicht mehr achten will. In

diesen Ehen, welche nach vernünftiger Ueberlegung, in Demuth und stiller

Ergebenheit geschlossen wurden, fanden die Menschen damals im wachsenden

Vertrauen, in zunehmender Zärtlichkeit und im gegenseitigen Ertragen der

Schwächen ein Glück, welches dem jetzigen hochfahrenden Geschlechte zu

geringe erscheint, und das auch darum nur Elend und Noth,

Unzufriedenheit und Mißverständniß, Zwietracht und Verachtung im Garten

seines Lebens baut. Früh schon an den Rausch der Leidenschaft gewöhnt,

suchen sie auch diesen in der Ehe, und verachten die Nothwendigkeit des

alltäglichen Lebens, erneuern dann rechts und links in mannigfaltigen

und immer geringeren Abwechselungen die Kunststücke ihres

Liebeshandwerks, und gehen so in Schlechtigkeit und Selbstbetrug unter.

Sehr bitter, aber wahr, sagte der Unbekannte mit nachdenklicher Miene.

Es ist wie mit allen Bitterkeiten, flüsterte Sophie ihrem Nachbar zu,

sie fallen zu schwer auf die Zunge; man kann nicht recht unterscheiden,

ob es schmeckt, oder nur allen Geschmack betäubt; dergleichen ist

natürlich für den wahr, der Liebhaber davon ist.

Eulenböck, der diesen Ausspruch auch gehört hatte, lachte, und der

Vater, der die Sache nur halb verstanden, wandte sich mit Heiterkeit zu

seinem fremden Gaste: wir sind also darüber einig, daß nur die

sogenannten Conventionsheirathen glücklich seyn können; ich werde auch

niemals Anstand nehmen, meine einzige und nicht unbegabte oder arme

Tochter einem Manne zu geben, sei er, von welchem Stande er wolle,

dessen Charakter mir werth ist, und dessen Kenntnisse ich, vorzüglich in

der Kunst, achten muß, damit auch meine Enkel noch die Früchte meines

Fleißes ärnten, und nicht in alle Winde und in die Häuser der

Unwissenden das verstreut werde, was Liebe, Aufopferung, Studium und

unermüdeter Fleiß in dieser Wohnung versammelt haben.

Er sah den Fremden mit gefälligem Lächeln an; doch dieser, der bis jetzt

ihm freundlich erwiedert hatte, machte eine fast finstere Miene und

sagte nach einer kleinen Pause: die Sammlungen von Privatpersonen können

niemals lange bestehen; wer die Kunst liebt, sollte, falls er gesammelt

hat, seine Schätze um ein Billiges Fürsten verkaufen, oder sie größern

Gallerieen durch Testament einverleiben. Darum kann ich auch den Plan

mit Ihrer Tochter nicht billigen, wenn ich auch mit Ihren Ansichten von

der Ehe einverstanden bin. Und überhaupt ist es in Ansehung jeder

Heirath eine mißliche Sache. Wenn ich nicht versprochen wäre und tausend

dringende Ursachen mich zwängen, mein Wort nicht zu brechen, so würde

ich meiner Neigung nach immer unverheirathet bleiben.

Der Alte wurde roth und sah vor sich nieder, dann fing er mit seinem

Nachbar, nicht ohne Verlegenheit, ein anderes Gespräch an. Die neuliche

Auction der Kupferstiche, sagte der Gemäldehändler, ist bei weitem nicht

so ergiebig ausgefallen, als es der Eigenthümer sich versprochen hatte.

Das ist häufig mit Auctionen der Fall, warf die Tochter mit

schnippischem Tone dazwischen: darum sollte sich kein Mensch damit

einlassen, den nicht die äußerste Noth dazu treibt.

Dietrich war noch zu unerfahren, um den Zusammenhang dieser Gespräche

einzusehen; er redete treuherzig und eifrig über die Barbarei der

Auctionen, in denen oft die kostbarsten Seltenheiten übersehen, viele

Kunstwerke durch die Gaffer und Handlanger beschädigt, und der Ruhm

großer Meister, so wie das Gefühl ächter Bewunderer, schmerzlich

verletzt würden. Dadurch gewann er die gute Meinung des Vaters, der die

getrübte Miene erheiterte und ihm mit Freundlichkeit Recht gab. Sophie,

welche fürchten mochte, daß ein neuer Antrag im verdeckten Wege des

Kunstenthusiasmus vorgeschoben werden sollte, fragte schnell den jungen

Maler, ob er mit seinem Marienbilde bald fertig sei, oder ob er vorher

die Abnahme vom Kreuz vollenden wolle?

Sie malen also auch dergleichen rührende Gegenstände? fragte der

Unbekannte, indem er mit einem fast schielenden Blicke zum jungen Manne

herüber blinzelte. Mich wundert es immer von Neuem, daß Menschen in

ihren besten und heitersten Jahren mit dergleichen Gegenständen ihre

Zeit und Imagination verderben können. Der heiligen Familien haben wir

wohl, dächte ich, in der Kunst genug; da ist nichts Neues anzubringen

und zu erfinden, und jene Leichname und Verzerrungen des Schmerzes

widerstreben so völlig allem Reiz und dem Genuß der Sinne, daß ich mein

Auge immer davon abwenden muß. Die Kunst soll unser Leben erhöhen und

erheitern, alle Dürftigkeiten desselben und aller Jammer der Welt soll

uns in ihrer Nähe verschwinden; nicht aber darf unsre Phantasie durch

ihre Hervorbringungen geängstigt und gefoltert werden. Im heitern,

frischen Licht soll die Sinnenwelt spielen, und in freundlichem Reiz uns

schmeicheln und auf diese Weise erheben. Schönheit ist Freude, Leben,

Kraft. Der hat sich noch wenig verstanden, der Nacht und düstre Gefühle

sucht. Oder gehören Sie auch etwa zu denen, die sich vor dergleichen

Bildern mit erzwungener Gläubigkeit entzücken, und verlangen, daß in uns

eine Art von Andacht sich entzünden soll, um den Gegenstand zu verstehen

und christlich zu würdigen?

Und wäre denn das, rief Dietrich mit einer gewissen Eil und Heftigkeit,

etwas so Unerhörtes, oder nur Besonderes? Im Schönen, wenn es erscheint,

wird der Reiz der Sinnenwelt zum Göttlichen erhöht, und so wird die

stumme Ehrfurcht, die hülflose Rührung unbegeisterter Gemüther durch die

Kunst zur himmlischen Andacht erhoben. Es ist, wenn auch verzeihlich,

doch abgeschmackt, wenn bloß des frommen Gegenstandes wegen ein elendes

Bild den gläubigen Beschauer entzückt, aber es ist mir völlig

unbegreiflich, wenn sich ein fühlendes Herz vor der Sixtinischen Maria

zu Dresden des Glaubens und der Andacht erwehren kann. Ich weiß es wohl,

daß die neuen Bestrebungen jüngerer Künstler, zu denen ich mich auch

bekennen muß, bei vielen trefflichen Leuten großes Aergerniß erregt

haben, aber man sollte sich doch endlich ohne Leidenschaft überzeugen,

daß das alte, ganz ausgefahrene Geleise kein Weg mehr ist. Was haben

diejenigen, die diese neue Lehre zuerst wieder aufbrachten, denn anders

gewollt, als das Gemüth wieder erwecken, welches seit langer Zeit bei

allen Kunstproductionen als ganz überflüssig angesehen worden war? Und

hat denn diese neue Schule nicht schon vieles Achtungwürdige

hervorgebracht? Ein Geist offenbart sich, das ist nicht abzuläugnen, der

sich kräftigen wird und ausbilden, ein neuer Weg ist gefunden, auf

welchem freilich, wie bei jeder Begeisterung, mancher Unberufene auch

das Uebertriebene, Widerwärtige und ganz Tadelswürdige hervorbringen

wird. Ist denn aber das Schlechte dieser Zeit wirklich schlechter, als

was weiland ein gefeierter _Casanova_ erschuf, oder das Leere leerer,

als jenes kalte Abschreiben der mißverstandnen Antike, das jene ganze

frühere Zeit als einen großen Lückenbüßer in der Kunstgeschichte

darstellt? Waren denn nicht bizarre Manieristen auch damals die

tröstenden Erscheinungen? Und hat denn der Hülfverein für die Kunst, von

verehrten Männern gestiftet, etwas Tüchtiges hervorbringen können?

Junger Mann, sagte der Unbekannte mit der schneidendsten Kälte: ich

müßte zehn Jahre jünger, oder Sie einige älter seyn, wenn ich über so

wichtigen Gegenstand mit Ihnen streiten sollte. Dieser neue

phantastische Traum hat sich der Zeit bemächtigt, das ist freilich nicht

zu läugnen, und muß nun bis zum Erwachen fortgeschlummert werden. Waren

jene, die Sie tadeln wollen, vielleicht zu nüchtern, so sind dafür die

jetzt Gepriesenen in einem kränklichen Rausch befangen, indem ihnen ein

wenig schwaches Getränk zu Kopfe gestiegen ist.

Sie wollten nicht streiten, rief der junge Maler, und thun mehr, Sie

sind bitter. In der Leidenschaft ist man wenigstens keines freien

Urtheils fähig. Ob die Parthei, für die Sie mit solchen Waffen kämpfen,

dadurch gewinnen kann, muß die Zukunft entscheiden.

Sophie sah den Jüngling ermuthigend mit einem schadenfrohen Blicke an,

Walther war schon besorgt; doch nahm der Bilderhändler Erich das

Gespräch beruhigend auf und sagte: sobald sich ein heftiger Widerstreit

in der Zeit regt, so ist es ein Zeichen, daß etwas Wirkliches in der

Mitte liegt, das den Streit wohl verdient, und welches der Mitlebende

nicht ganz ignoriren darf, wenn er nicht unbillig seyn will. Seit lange

war die Kunst aus dem Leben getreten, und nur ein Artikel des Luxus

geworden; darüber vergaß man, daß sie jemals mit Kirche und Welt, mit

Andacht und Begeisterung zusammengehangen hatte, und kalte Kennerschaft,

Vorliebe für das Kleine und gemeine Natürlichkeit, so wie ein

erkünstelter Enthusiasmus mußten sie erzeugen. Weiß ich doch die Zeit

noch, wo man in den Gallerieen die schönsten Werke eines Leonardo nur

als merkwürdige und sonderbare Alterthümer vorwies, selbst Rafael wurde

nur mit einschränkender Kritik bewundert, und über noch ältere große

Meister zuckte man die Achseln, und betrachtete die Malereien der

früheren Deutschen oder Niederländer niemals ohne Lachen. Diese Barbarei

der Unwissenheit ist doch jetzt vorüber.

Wenn nur keine neue und schlimmere darüber entstände! rief Eulenböck,

vom Weine hochroth erglühend, indem er dem Unbekannten einen feurigen

Blick zuwarf. Mir thut es immer weh, daß in unsern Tagen das Wort des

ächten Kenners fast nie mehr gehört wird; der Enthusiasmus übertönt die

Einsicht, und doch ist für den Künstler nichts so lehrreich, als ein

Gespräch mit einem ächten Kunstfreunde, das ihn belehre und erhebe, da

es ihm oft in Jahren nicht so gut wird, dergleichen zu genießen.

Der Fremde, welcher schon verstimmt und heftig zu werden schien, ward

nach diesen Worten wieder heiter und freundlich. Künstler und Freunde

der Kunst, erwiederte er, sollten sich immer aufsuchen, um beständig von

einander zu lernen. So war es in voriger Zeit, und auch dies war eine

der Ursachen, daß die Malerei gedieh. Die Phantasie eines jeden

Schaffenden ist beschränkt und ermattet, wenn sie nicht von außen

angefrischt und bereichert wird, und dies kann nur durch verständige,

freundliche Mittheilungen geschehen; ohne zu erwähnen, was Correktheit,

Anmuth der Behandlung und Auswahl der Gegenstände gewinnen.

Sie haben sich, antwortete der alte Maler, einen Künstler vorzüglich

ausersehen, den ich auch gewissermaßen mehr als alle liebe.

Ich gestehe, sagte der Fremde, daß ich ihm mein Herz vielleicht etwas zu

ausschließlich zugewendet habe. Es war mir früh vergönnt, einige

ausgezeichnete Werke des Julio Romano kennen zu lernen und zu verstehen;

in Mantua fand ich auf meinen Reisen Gelegenheit, ihn zu studiren, und

seitdem glaube ich, meine Vorliebe auch rechtfertigen zu können.

Gewiß, erwiederte der Alte, wird Ihr Aufenthalt dort zu den schönsten

Epochen Ihres Lebens gehören. Habe ich doch zu meinem innerlichen

Verdruß in neueren Zeiten auch manchen Tadel dieses großen Geistes hören

müssen, vorzüglich, daß er die geistlichen Gegenstände nicht mit der

gehörigen Innigkeit behandle. Einem Jeden ist nicht _alles_ gegeben.

Aber die Verklärung des frischen sinnlichen Lebens, die Herrlichkeit des

freien Muthwillens, das Spiel der lebendigsten Phantasie waren ihm

vorbehalten. Und ist dem jungen Wallfahrer sein Herz noch für den

Reichthum dieses glänzenden Geistes verschlossen, so wandre er nur nach

Mantua, um dort in dem Pallast ^T^ kennen zu lernen, was Erd' und

Himmel, möcht' ich fast sagen, Herrliches in sich fassen; wie in den

Schrecken des Riesensturzes noch Lust und Scherz gaukelnd, und in dem

Saale des Amor und Psyche in der Trunkenheit des Entzückens die

himmlische Erscheinung der vollendeten Schönheit sich verklären.

Der junge Dietrich sah seinen abtrünnigen Anhänger schon seit lange mit

großen Augen an; er konnte diesen Abfall nicht begreifen und nahm sich

vor, mit dem Alten in einer vertrauten Stunde darüber zu sprechen; denn

wenn er auch die Bewunderung des Julius gelten ließ, so schien ihm doch

die erste Hälfte des Gesprächs geradezu im Widerspruch mit der früheren

Aeußerung Eulenböcks zu stehen, der sich aber um dergleichen Nebendinge

nicht kümmerte, sondern sich mit dem fremden Kunstfreunde in so

lebhaften Enthusiasmus hineinschwatzte, daß beide auf lange Zeit weder

die übrigen hörten, noch sie zu Worte kommen ließen.

Schriften 17: Novellen 1 · 第 1 / 24 段