I. Ein stolzer Traum.

Lukerja hat mir soeben erklärt, daß sie hinfort nicht mehr bei mir

bleiben will und fortgehen wird, sobald die gnädige Frau beerdigt ist.

Habe kniend fünf Minuten gebetet, wollte zuerst eine ganze Stunde lang

beten, doch denke ich, denke ich die ganze Zeit; alles nur kranke

Gedanken und ein schmerzender Kopf, – was da beten! – wäre ja Sünde ...

Sonderbar, daß ich nicht schlafen will. In großem, allzu großem Leid

will man doch nach den ersten, stärksten Ausbrüchen immer schlafen. Zum

Tode Verurteilte sollen, wie man sagt, in der letzten Nacht ungewöhnlich

fest schlafen. Ja, das muß auch so sein, – das verlangt die Natur, sonst

würden die Kräfte nicht ausreichen ... Ich legte mich auf den Diwan,

konnte aber nicht einschlafen ...

* * * * *

... Sechs Wochen pflegten wir sie Tag und Nacht: ich, Lukerja und die

Krankenwärterin aus dem Hospital. Geld sparte ich nicht, ich hatte

geradezu das Bedürfnis, für sie auszugeben. Von Ärzten rief ich auch

Schröder zu ihr und zahlte ihm zehn Rubel für jede Visite. Als sie

allmählich das Bewußtsein wiedergewann, ging ich seltener zu ihr. Doch

wozu beschreibe ich das lang und breit. Als sie schließlich aufstand,

das Bett verließ, da setzte sie sich leise und schweigend in meinem

Zimmer an den kleinen Tisch, den ich mittlerweile gleichfalls für sie

gekauft hatte ... Ja, es ist wahr, wir schwiegen ganz und gar; später

fingen wir auch zuweilen an, über irgend etwas zu sprechen, aber – immer

über Gleichgültiges. Ich war natürlich mit Absicht nicht gesprächig,

doch bemerkte ich sehr wohl, daß auch sie froh war, kein überflüssiges

Wort sagen zu müssen. Das erschien mir ihrerseits ganz natürlich: „Sie

ist viel zu erschüttert, viel zu sehr besiegt,“ dachte ich, „und man muß

ihr eben Zeit geben, zu vergessen und sich wieder einzuleben.“ So

schwiegen wir denn beide, doch bereitete ich mich im Herzen jeden

Augenblick auf das Zukünftige vor. Ich glaubte, daß auch sie dasselbe

tat und bemühte mich fortwährend zu erraten, woran sie eigentlich bei

sich jetzt denken könnte.

Natürlich ahnt kein Mensch, wieviel ich gelitten habe, als ich während

ihrer Krankheit bei ihr wachte. Selbst vor Lukerja verbarg ich es. Ich

konnte es mir nicht vorstellen, konnte es nicht einmal in der Annahme

zulassen, daß sie sterben könnte, bevor sie alles erfahren haben würde.

Als sie aber die Gefahr überstanden hatte und die Gesundheit allmählich

wiedererlangte, da, ich weiß es noch genau, beruhigte ich mich gar bald

und zwar vollkommen. Ja, ich beschloß sogar, _unsere „Zukunft“ so weit

als möglich hinauszuschieben_ und vorläufig alles so wie es war seinen

Gang gehen zu lassen. In der Tat, es geschah damals mit mir etwas

Sonderbares und Besonderes, – anders verstehe ich es nicht zu

bezeichnen: ich hatte gesiegt, und schon die bloße Erkenntnis dessen

erwies sich für mich als vollkommen genügend. Und so verging denn der

ganze Winter. Oh, was mich anbetraf, so war ich so zufrieden, wie noch

nie zuvor ... und das war ich den ganzen Winter über.

Sehen Sie: in meinem Leben gab es ein furchtbares äußeres Verhängnis,

das bis zu der Zeit, das heißt, bis zum Tage der Katastrophe mit meiner

Frau, mich jeden Tag, jede Stunde bedrückte: das war der Verlust meiner

Reputation und jener Ausschluß aus dem Regiment. Kurz: an mir war

tyrannisch Ungerechtigkeit verübt worden. Es ist wahr, meine Kameraden

liebten mich nicht wegen meines schweren Charakters und, vielleicht

auch, wegen meines sonderbaren Charakters, obgleich es doch häufig

vorkommt, daß das, was der eine hochhält, schätzt und achtet, zu

gleicher Zeit aus irgend einem Grunde den anderen lächerlich erscheint.

Auch in der Schule hat man mich niemals geliebt. Immer und überall hat

man mich nicht geliebt. Auch Lukerja mag mich nicht. Der Zwischenfall im

Regiment – wenn er auch im Grunde die Folge meiner Unbeliebtheit sein

mochte, war doch jedenfalls zufällig. Ich sage das nur, weil es nichts

Kränkenderes und Unerträglicheres gibt, als durch einen Zufall zu grunde

zu gehen, durch einen Zufall, der ebenso gut auch nicht hätte sein

können, durch das unglückliche Zusammentreffen von Umständen, die sonst

vielleicht wie eine Wolke vorübergezogen wären. Für einen intelligenten

Menschen ist das geradezu erniedrigend.

Der Fall war folgender:

Im Zwischenakt im Theater ging ich hinaus ans Buffet. Da trat der

Husarenleutnant A–ff plötzlich gleichfalls ein und erzählte zwei anderen

Husaren aus seinem Regiment mit ziemlich lauter Stimme – wenigstens so,

daß es alle anwesenden Offiziere und das Publikum hören konnten –, daß

ein Hauptmann unseres Regiments, Besumzeff, im Korridor Skandal gemacht

habe und – „wahrscheinlich betrunken sei“. Es entspann sich weiter kein

Gespräch darüber, und dazu war es auch noch ein Irrtum, denn der

Hauptmann Besumzeff war weder betrunken gewesen, noch hatte er

besonderen Skandal gemacht. Die Husaren gingen auf ein anderes Thema

über und damit war’s abgetan. Am nächsten Tage jedoch wurde die

Geschichte in unserem Regiment bekannt und sofort wußte man auch, daß

von Offizieren unseres Regiments nur ich allein zugegen gewesen und auf

den Leutnant A–ff nicht zugetreten war, als er sich in ungeziemender

Weise über Hauptmann Besumzeff geäußert, um ihn wenigstens durch eine

Bemerkung zurechtzuweisen. Doch – aus welchem Grunde hätte ich das tun

sollen? Wenn er etwas gegen unseren Hauptmann Besumzeff hatte, so war

das doch eine persönliche Angelegenheit, aus welchem Grunde hätte ich

mich da hineinmischen sollen? Meine Kameraden jedoch fanden, daß die

Sache keine persönliche gewesen war, sondern das ganze Regiment anging:

ich hätte durch mein Verhalten allen am Buffet anwesenden Offizieren und

dem Publikum gezeigt, daß es in unserem Regiment auch Offiziere gibt,

die in Betreff ihrer wie des Regimentes Ehre nicht gerade empfindlich

sind. Mit dieser Auffassung konnte ich nicht übereinstimmen. Man gab mir

zu verstehn, daß ich noch alles gutmachen könnte, wenn ich mich noch

nachträglich mit A–ff auseinandersetzen wollte. Das aber wollte ich

nicht und da ich gereizt war, so weigerte ich mich stolz. Gleich darauf

reichte ich mein Abschiedsgesuch ein. Das ist die ganze Geschichte.

Äußerlich stolz, doch innerlich gebrochen ging ich fort: krank am

Willen, kraftlos im Geiste. Da kam gerade noch hinzu, daß mein Schwager

in Moskau unser kleines Kapital verlor und ich somit auch meines Teiles

verlustig ging. Und so blieb ich denn ohne eine Kopeke auf der Straße.

Ich hätte ja in einen Zivildienst eintreten können, doch tat ich es

nicht: nach dem glänzenden Waffenrock mochte ich keine einfache Uniform

tragen, irgendwo an der Eisenbahn dienen. Sollte einmal Schande in

meinem Leben sein, nun – dann eben Schande, je schlimmer, desto besser –

das war’s, was ich vorzog. Darauf folgten dann drei Jahre dunkle

Erinnerungen und darunter auch solche aus dem Wjäsemskischen Hause ...

Vor anderthalb Jahren starb in Moskau eine reiche alte Frau, meine

Taufmutter, und hinterließ mir, wie allen ihren Taufkindern, ganz

unerwartet dreitausend Rubel. Das gab mir den Anstoß, nachzudenken, und

ich entschied mein Schicksal. Ich entschloß mich für die Pfandkasse,

ohne mich um die Menschen weiter zu kümmern: erst Geld erwerben, dann

einen Winkel und – neues Leben fern von alten Erinnerungen: – das war

mein Plan ... Nichtsdestoweniger quälten mich das dunkle Vergangene und

die auf ewig verlorene Ehre in jeder Stunde, in jeder Minute meines

Lebens. Dann heiratete ich. Ob zufällig oder nicht – ich weiß es nicht.

Jedenfalls glaubte ich, als ich sie in mein Haus führte, daß ich einen

Freund einführe, denn einen Freund hatte ich nur zu nötig. Ich erkannte

aber deutlich, daß dieser Freund erst vorbereitet, erzogen, sogar

besiegt werden mußte. Und wie hätte ich denn dieser voreingenommenen

Sechzehnjährigen so mit einem Schlage irgend etwas erklären können? Zum

Beispiel, wie hätte ich sie ohne die zufällige Hilfe der furchtbaren

Katastrophe mit dem Revolver überzeugen können, daß ich kein Feigling

bin und daß man mich im Regiment mit Unrecht als Feigling verurteilt

hatte? Doch die Katastrophe kam zur rechten Zeit. Als ich den Revolver

aushielt, rächte ich mich an meiner ganzen finsteren Vergangenheit. Und

wenn das auch niemand erfuhr, so erfuhr es doch _sie_, sie aber war

alles für mich, denn sie selbst war mir alles, war in meinen Gedanken

die ganze Hoffnung meiner Zukunft! Sie war der einzige Mensch, den ich

ganz für mich bestimmte, einen anderen brauchte ich nicht mehr, – und da

hatte sie denn nun alles erfahren. Sie hatte wenigstens erfahren, daß es

von ihr Unrecht gewesen war, sich meinen Feinden anzuschließen. Der

Gedanke an meinen Sieg beruhigte mich. In ihren Augen konnte ich

folglich nicht mehr gemein sein, vielleicht höchstens noch ein

sonderbarer Mensch, doch auch das war mir nach allem, was geschehen war,

durchaus nicht so unlieb: Sonderbarkeit ist kein Laster, im Gegenteil,

gefällt zuweilen sogar dem weiblichen Charakter. Kurz, ich schob

absichtlich die Lösung der Sache hinaus: das Geschehene war vorläufig zu

meiner Beruhigung übergenug und enthielt solch eine Fülle von Bildern

und Material für meine Träume! Das ist ja die Gemeinheit, daß ich eben

ein Träumer bin: mir genügten die Träume, von ihr aber dachte ich, daß

sie _warten_ würde.

So verging der ganze Winter, gewissermaßen wie in Erwartung irgend eines

Ereignisses. Ich liebte es, sie heimlich zu betrachten, wenn sie so an

ihrem Tischchen saß. Sie beschäftigte sich mit einer Handarbeit, nähte

an der Wäsche, des Abends aber las sie Bücher, die sie dann aus meinem

Schrank nahm. Die Auswahl der Bücher, die ich besaß, mußte in ihrer Art

zu meinen Gunsten sprechen. Sie ging fast nirgendwo hin. Vor der

Dämmerstunde, nach dem Essen, ging ich jeden Tag mit ihr spazieren, und

wir machten uns Bewegung, doch geschah das stets vollkommen schweigend,

ganz so wie früher. Ich bemühte mich gerade so zu tun, als ob wir nicht

schwiegen und in allem wortlos übereinstimmten, doch, wie gesagt,

vermieden wir beide überflüssige Worte. Ich tat es mit Absicht und ihr,

dachte ich, muß man unbedingt „Zeit geben“. Eines ist allerdings

sonderbar: es kam mir kein einziges mal in den Sinn, daß ich es liebte,

sie heimlich zu betrachten, andererseits hatte ich aber während des

ganzen Winters kein einziges mal bemerkt, daß auch ihr Blick auf mir

ruhte. Ich glaubte, das wäre ihre Schüchternheit. Und zudem war sie von

solch einer scheuen Sanftmut, sah sie so kraftlos nach der Krankheit

aus. „Nein, warte lieber ab und – und sie wird plötzlich selbst zu Dir

kommen ...“

Dieser Gedanke bezauberte mich unwiderstehlich. Füge noch eines hinzu:

zuweilen geschah es, daß ich mich selbst gewissermaßen aufhetzte und

meinen Geist und meine Vernunft so weit brachte, daß ich sie haßte. Und

das dauerte dann so eine geraume Zeit. Doch konnte sich dieser Haß nie

so recht in meiner Seele einnisten. Und ich fühlte doch auch selbst im

Geheimen, daß es eigentlich nur ein Spiel war. Und sogar damals habe

ich, wenn auch ich es war, der unsere Ehe zerriß, indem ich das Bett und

den Wandschirm kaufte, – sogar damals habe ich niemals, niemals in ihr

eine Verbrecherin sehen können. Und nicht etwa, weil ich ihr Verbrechen

leichtfertig beurteilt hätte, nein, weil ich mir vorgenommen hatte, ihr

ganz und gar zu vergeben, schon vom ersten Tage an, sogar schon bevor

ich noch das Bett kaufte! Mit einem Wort, das war eine Sonderbarkeit

meinerseits, denn ich bin moralisch streng ... Im Gegenteil, in meinen

Augen war sie dermaßen besiegt, dermaßen erniedrigt, dermaßen

vernichtet, daß sie mir zuweilen in der Seele leid tat, obgleich mir

andererseits bei all dem der Gedanke an ihre Erniedrigung entschieden

wohlgefiel. Ja, ja, der Gedanke an diese unsere Ungleichheit gefiel mir

...

In diesem Winter tat ich absichtlich viel Gutes. Stundete unter anderem

zwei Schuldnern und gab einer armen Frau ohne jedes Pfand Geld. Meiner

Frau sagte ich nichts davon und tat es auch nicht, damit sie es erfahren

sollte; aber die arme Frau kam von selbst, um sich bei mir zu bedanken,

– hätte nicht viel gefehlt, so wäre sie auf die Kniee gefallen. So

erfuhr sie es denn doch; es schien mir, daß es ihr wirklich Freude

machte, dieses von der armen Frau zu hören.

Da kam der Frühling; es war schon Mitte April, die Vorsatzfenster wurden

herausgenommen und die Sonne warf bereits leuchtende Strahlenbündel in

unsere schweigenden Zimmer. Doch die Binde war noch vor meinen Augen und

machte mich blind. Die verhängnisvolle furchtbare Binde! Wie kam es nur,

daß es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel und ich mit einem

Male alles sah und alles begriff. Ob es ein Zufall war, oder war’s der

Tag einer abgelaufenen Frist, oder war’s ein Sonnenstrahl, der in meinem

stumpfgewordenen Geiste den Gedanken und die Wahrheit entzündete? Nein,

da war nichts von Gedanken noch von Bestimmung, da erzitterte nur

plötzlich eine kleine Ader, eine bis dahin scheintot gewesene Ader, die

plötzlich zusammenzuckte und sich belebte und meine ganze

stumpfgewordene Seele erleuchtete und meinen ganzen teuflischen Hochmut,

so daß ich damals geradezu aufschnellte von meinem Stuhl. Und geschah es

doch so plötzlich, so unvermutet. Es geschah gegen Abend, so um fünf Uhr

nachmittags ...

Sämtliche Werke 20 · 第 38 / 46 题