Zuerst noch zwei Worte. Schon vor einem Monat war mir an ihr eine
sonderbare Nachdenklichkeit aufgefallen; das war nicht mehr
Schweigsamkeit, sondern solch ein tiefes Sinnen. Das hatte ich
gleichfalls ganz plötzlich bemerkt. Sie saß damals mit einer Handarbeit,
den Kopf gebeugt und bemerkte nicht, daß ich sie betrachtete. Und da
fiel es mir denn plötzlich auf, daß sie so schmal, so mager geworden
war, das Gesichtchen so bleich und die Lippen so blaß, – und zudem noch
die stille Nachdenklichkeit erschreckte mich mit einem Mal ungewöhnlich.
Auch früher schon hatte ich sie von Zeit zu Zeit ein wenig trocken
husten gehört, besonders des Nachts. Ich erhob mich sofort und begab
mich zu Schröder, um ihn zu uns zu bitten – ohne ihr etwas davon zu
sagen.
Schröder kam am nächsten Tage. Sie war sehr verwundert und sah erstaunt
bald mich, bald Schröder an.
„Aber ich bin doch ganz gesund!“ sagte sie darauf mit einem unbestimmten
Lächeln.
Schröder untersuchte sie nicht sonderlich genau – diese Mediziner sind
nicht selten vor lauter Eigendünkel nachlässig – und sagte mir dann im
Nebenzimmer, es hätte weiter nichts auf sich, sei noch von der Krankheit
nachgeblieben und es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn sie den Sommer
am Meere verbringen könnte oder, falls das nicht möglich sein sollte,
irgendwo auf dem Lande. Mit anderen Worten: er sagte nichts, außer, daß
es Schwäche wäre oder so etwas Ähnliches. Als Schröder fortgegangen war,
sagte sie mir, indem sie mich furchtbar ernst anblickte, plötzlich
nochmals:
„Ich bin wirklich, wirklich ganz gesund.“
Doch kaum hatte sie es gesagt, als sie plötzlich errötete,
augenscheinlich vor Scham. Selbstverständlich war das Scham! Oh, jetzt
verstehe ich es: sie schämte sich, daß ich noch _ihr Mann_ war, mich um
sie sorgte. Damals jedoch begriff ich es nicht und schrieb das Erröten
der Demütigung zu.
Und ... ... – nach einem Monat war’s, so um fünf Uhr nachmittags, im
April an einem klaren, sonnigen Tage. Ich saß an der Kasse und rechnete.
Plötzlich höre ich, daß sie in meinem Zimmer an ihrem Tischchen bei der
Handarbeit – leise, ganz leise ... singt. Das kam so unerwartet, machte
auf mich einen so erschütternden Eindruck ... Bis dahin hatte ich sie
fast nie singen gehört, höchstens in den allerersten Tagen, nachdem ich
sie in mein Haus geführt, als wir noch Mutwillen treiben konnten, ins
Ziel schießen und ähnliches ... Damals war ihre Stimme ziemlich stark
und gesund und wenn auch ungeschult, so doch seltsam angenehm und klar
gewesen. Jetzt aber war das Liedchen so schwach, – oh, nicht daß es
melancholisch gewesen wäre – es war irgend eine Romanze –, aber es war,
als ob in der Stimme etwas Gesprungenes, Zerbrochenes klang, als ob das
Stimmchen sich nicht zurechtfinden konnte, als ob das Lied selbst krank
gewesen wäre. Sie sang nur halblaut, und plötzlich, bei einer höheren
Note, brach die Stimme ab, – solch ein armes Stimmchen, so leid tat’s
einem, als es abbrach! Sie hustete ein wenig und begann dann wieder
leise, ganz leise, kaum, kaum hörbar zu singen ...
Man wird über meine Aufregung lächeln, doch niemals wird jemand
begreifen, warum ich plötzlich so erregt war. Nein, sie tat mir noch
nicht leid ... Es war etwas ganz anderes. Zuerst, wenigstens in den
ersten Minuten, kam über mich plötzlich ein Nicht-begreifen-können, eine
furchtbare Verwunderung, ja: eine furchtbare und sonderbare, krankhafte
und fast mystische Verwunderung: „Sie singt, und das in meiner
Gegenwart!? _Sollte sie mich etwa vergessen haben?_“
Ganz erschüttert blieb ich auf meinem Platz. Dann stand ich plötzlich
auf, nahm meinen Hut und ging hinaus, gewissermaßen ohne daran zu
denken, was ich tat. Wenigstens weiß ich nicht wohin und warum ich ging.
Lukerja brachte mir meinen Mantel.
„Sie singt?“ fragte ich sie unwillkürlich. Sie verstand mich nicht und
sah mich verwundert an; übrigens war ich auch wirklich unverständlich.
„Singt sie jetzt zum ersten Mal?“
„Nein, wenn Sie fort sind, singt sie zuweilen,“ antwortete Lukerja.
Ich weiß noch. Ich ging die Treppe hinunter, trat auf die Straße und
ging dann geradeaus weiter, ging bis zur Ecke, blieb dort stehn und
blickte angestrengt irgendwohin. Man ging an mir vorüber, stieß mich,
ich fühlte es nicht. Ich rief eine Droschke an und sagte dem Kutscher,
er solle zur Polizeibrücke fahren; warum dorthin, weiß ich nicht. Doch
stieg ich plötzlich aus und gab ihm einen Zwanziger.
„Für die Ruhestörung,“ sagte ich, sinnlos ihm zulächelnd, doch in meinem
Herzen erhob es sich plötzlich wie ein Rausch.
Ich kehrte nach Haus zurück; beschleunigte den Schritt. Die kleine
gesprungene, armselige Note erklang plötzlich wieder in meiner Seele.
Mir blieb der Atem stehn. Die Binde fiel, fiel von meinen Augen! Wenn
sie in meiner Gegenwart zu singen angefangen hatte, so hatte sie mich
vergessen, – das war’s, was ich klar begriff, das war das Furchtbare!
Das fühlte das Herz. Doch die Begeisterung erfüllte meine Seele und
überwältigte die Angst.
Oh Ironie des Schicksals! War doch ... konnte doch in meiner Seele
diesen ganzen Winter über nichts anderes sein, außer dieser selben
Begeisterung, diesem selben Entzücken – wo aber war ich selbst diesen
ganzen Winter über gewesen? wo war denn meine Seele gewesen? Ich lief
eilig die Treppe hinauf, weiß nicht, ob ich schüchtern eintrat. Erinnere
mich nur noch, daß der ganze Fußboden unter mir wie ein Meer zu wogen
schien und ich gleichsam wie in einem breiten Strome schwamm. Ich trat
ins Zimmer: sie saß auf ihrem früheren Platz, nähte, den Kopf über die
Arbeit gebeugt, doch sang sie nicht mehr. Sie warf einen flüchtigen,
gleichgültigen Blick auf mich, doch war das eigentlich kein Blick,
sondern nur so eine Bewegung, eine gleichgültige, so wenn irgend jemand
ins Zimmer tritt.
Ich ging direkt zu ihr und setzte mich neben sie auf einen Stuhl, ganz
dicht neben sie, wie ein Wahnsinniger. Sie blickte schnell zu mir auf,
als hätte ich sie erschreckt: ich ergriff ihre Hand. Ich weiß nicht
mehr, was ich ihr sagte oder was ich ihr sagen wollte, denn ich konnte
ja nicht mal recht sprechen. Meine Stimme riß immer ab und wollte mir
nicht gehorchen. Und ich wußte ja auch gar nicht, was ich sagen sollte,
war nur ganz atemlos.
„Sprechen wir ... weißt Du ... sag etwas!“ brachte ich plötzlich
stotternd irgend so was Dummes hervor, – oh war’s denn um Klugheit zu
tun! Sie zuckte wieder zusammen und bog sich erschrocken zurück, starrte
mich entsetzt an, doch plötzlich drückte sich in ihren Augen – _strenge
Verwunderung_ aus. Ja, Verwunderung, und _strenge_ Verwunderung! Mit
großen Augen sah sie mich an. Diese Strenge, diese strenge Verwunderung
zermalmte mich wie mit einem Keulenschlage: „So willst Du noch Liebe?
Liebe?“ – fragte es mich plötzlich aus dieser Verwunderung heraus, wenn
sie auch schwieg. Doch ich las alles in ihrem Blick, alles. Alles
erzitterte in mir und ich stürzte zu ihren Füßen. Ja; ich fiel vor ihr
nieder. Sie sprang schnell auf, doch ich hielt sie mit all meiner Kraft
an beiden Händen zurück.
Und ich begriff vollkommen meine Verzweiflung, oh ich begriff sie! Doch,
werden Sie’s mir glauben, das Entzücken kochte in meinem Herzen so
unbezwingbar, daß ich glaubte, ich stürbe. In Verzweiflung und Glück
küßte ich ihre Füße. Ja, in Glück, in grenzenlosem, endlosem Glück, und
das beim vollen Begreifen meiner ganzen hoffnungslosen Verzweiflung? Ich
weinte, sagte etwas, konnte jedoch nicht sprechen. Der Schreck und die
Verwunderung wurden in ihr plötzlich von irgend einem besorgten Gedanken
verdrängt, von einer furchtbaren Frage, und sie blickte mich so
sonderbar an, fast wild, sie strengte sich an, irgend etwas schneller zu
begreifen und – sie lächelte. Sie schämte sich furchtbar, daß ich ihre
Füße küßte und zog sie immer zurück, doch da küßte ich die Stelle des
Fußbodens, wo ihr Fuß gestanden hatte. Sie sah das und plötzlich fing
sie an, vor Scham zu lachen (wissen Sie so, wenn die Menschen vor lauter
Scham lachen). Da begann die Hysterie, ich sah es wohl, ihre Hände
zuckten, – doch ich dachte nicht daran und flüsterte immer nur, daß ich
sie liebe, daß ich nicht aufstehn würde, – „laß mich nur Dein Kleid
küssen ... das ganze Leben lang Dich anbeten“ ... Ich weiß nicht mehr,
erinnere mich nicht, – und plötzlich schluchzte sie auf und erzitterte:
ein furchtbarer Nervenanfall. Ich hatte sie erschreckt.
Ich trug sie auf das Bett. Als der Anfall vergangen war, setzte sie sich
auf, so zerschlagen sah sie aus, erfaßte meine Hände und bat mich, mich
zu beruhigen: „Lassen Sie’s gut sein, quälen Sie sich doch nicht so,
beruhigen Sie sich!“ und wieder weinte sie. Diesen ganzen Abend ging ich
nicht von ihr fort. Sagte ihr in einem fort, daß ich sie nach
Boulogne-sur-mer bringen würde, damit sie Seebäder nehmen könne, jetzt,
sofort, oder höchstens nach zwei Wochen, daß sie solch eine gesprungene
Note im Stimmchen hätte wie ich vorhin gehört, daß ich die Pfandkasse
schließen und an Dobronrawoff verkaufen würde, daß „alles nun von neuem
beginnen wird, aber zuerst – nach Boulogne, nach Boulogne!“ Sie hörte zu
und fürchtete sich. Immer mehr und mehr fürchtete sie sich. Doch die
Hauptsache war für mich, daß ich immer unbezwingbarer wieder ihr zu
Füßen liegen und wieder den Boden, auf dem ihre Füße standen, küssen
wollte, und sie anbeten und – „sonst werde ich nichts, nichts mehr von
Dir bitten,“ wiederholte ich immer wieder, – „antworte mir nichts,
beachte mich überhaupt nicht, laß mich nur Dich von einem Winkel aus
ansehn, verwandele mich in Deinen Sklaven, in Dein Hündchen“ ... Sie
weinte.
„_Und ich dachte, Sie würden mich einfach so lassen_,“ – kam es
plötzlich ganz gegen ihren Willen aus ihr heraus, – so daß sie es
vielleicht selbst nicht mal bemerkte, wie sie es sagte, währenddessen
aber, – oh, das war das allerwichtigste, allerverhängnisvollste Wort von
ihr, und das für mich an jenem Abend allerverständlichste, und es war
mir, als glitt mir von ihm ein Messer durch das Herz! Alles erklärte es
mir, alles, doch so lange wie sie bei mir war, vor meinen Augen, hoffte
ich unbezwinglich und war unbeschreiblich glücklich. Oh ich habe sie
maßlos ermüdet an jenem Abend, was ich natürlich sehr gut wußte, doch
glaubte ich immer, ich würde so alles sofort gutmachen können. Endlich,
in der Nacht war sie schon ganz erschöpft; da beredete ich sie denn,
einzuschlafen und sie schlief auch im Augenblick ein. Ich blieb bei ihr
und wartete, ob sie nicht phantasieren würde: sie tat’s auch, doch nur
ein wenig, ganz leicht. In der Nacht erhob ich mich jeden Augenblick,
ging leise in den Morgenschuhen zu ihr, um sie zu betrachten. Ich rang
die Hände über ihr, als ich dieses kranke Wesen sah, auf diesem
armseligen Lager, in diesem eisernen Bettchen, das ich ihr für drei
Rubel gekauft hatte. Ich kniete nieder, doch wagte ich es nicht, die
Füße der Schlafenden zu küssen – ohne ihre Erlaubnis ... – Ich wollte zu
Gott beten – konnt’s aber nicht: sprang auf. Lukerja betrachtete mich
ganz verwundert und kam fortwährend aus der Küche. Ich ging zu ihr
hinaus und sagte ihr, sie solle schlafen gehn; morgen würde etwas „ganz
Anderes“ beginnen.
Und ich glaubte selbst daran – glaubte blind, sinnlos, furchtbar! Oh,
das Entzücken, das Entzücken überflutete mich! Ich erwartete nur den
nächsten Tag. Vor allen Dingen: ich glaubte an kein Unglück, trotz der
Symptome. Die gesunde Vernunft war noch nicht ganz zurückgekehrt, trotz
der gefallenen Binde und lange, lange kehrte sie noch nicht zurück, –
oh, bis auf den heutigen Tag nicht, bis auf den heutigen Tag!! ja, und
wie, wie hätte sie damals auch wiederkehren sollen: lebte sie doch
damals noch, war sie doch hier vor meinen Augen und ich vor ihr: „Morgen
wird sie aufwachen, und ich werde ihr dann alles sagen und sie wird dann
alles verstehn!“ – Das waren meine Gedanken, einfach und klar, darum
auch das Entzücken! Die Hauptsache war dabei diese Fahrt nach Boulogne.
Aus irgend einem Grunde glaubte ich, daß Boulogne – alles, daß Boulogne
etwas Entscheidendes wäre. „Nach Boulogne, nur schnell nach Boulogne!“
... Sinnlos erwartete ich den Morgen.