II. Die Binde fiel.

Zuerst noch zwei Worte. Schon vor einem Monat war mir an ihr eine

sonderbare Nachdenklichkeit aufgefallen; das war nicht mehr

Schweigsamkeit, sondern solch ein tiefes Sinnen. Das hatte ich

gleichfalls ganz plötzlich bemerkt. Sie saß damals mit einer Handarbeit,

den Kopf gebeugt und bemerkte nicht, daß ich sie betrachtete. Und da

fiel es mir denn plötzlich auf, daß sie so schmal, so mager geworden

war, das Gesichtchen so bleich und die Lippen so blaß, – und zudem noch

die stille Nachdenklichkeit erschreckte mich mit einem Mal ungewöhnlich.

Auch früher schon hatte ich sie von Zeit zu Zeit ein wenig trocken

husten gehört, besonders des Nachts. Ich erhob mich sofort und begab

mich zu Schröder, um ihn zu uns zu bitten – ohne ihr etwas davon zu

sagen.

Schröder kam am nächsten Tage. Sie war sehr verwundert und sah erstaunt

bald mich, bald Schröder an.

„Aber ich bin doch ganz gesund!“ sagte sie darauf mit einem unbestimmten

Lächeln.

Schröder untersuchte sie nicht sonderlich genau – diese Mediziner sind

nicht selten vor lauter Eigendünkel nachlässig – und sagte mir dann im

Nebenzimmer, es hätte weiter nichts auf sich, sei noch von der Krankheit

nachgeblieben und es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn sie den Sommer

am Meere verbringen könnte oder, falls das nicht möglich sein sollte,

irgendwo auf dem Lande. Mit anderen Worten: er sagte nichts, außer, daß

es Schwäche wäre oder so etwas Ähnliches. Als Schröder fortgegangen war,

sagte sie mir, indem sie mich furchtbar ernst anblickte, plötzlich

nochmals:

„Ich bin wirklich, wirklich ganz gesund.“

Doch kaum hatte sie es gesagt, als sie plötzlich errötete,

augenscheinlich vor Scham. Selbstverständlich war das Scham! Oh, jetzt

verstehe ich es: sie schämte sich, daß ich noch _ihr Mann_ war, mich um

sie sorgte. Damals jedoch begriff ich es nicht und schrieb das Erröten

der Demütigung zu.

Und ... ... – nach einem Monat war’s, so um fünf Uhr nachmittags, im

April an einem klaren, sonnigen Tage. Ich saß an der Kasse und rechnete.

Plötzlich höre ich, daß sie in meinem Zimmer an ihrem Tischchen bei der

Handarbeit – leise, ganz leise ... singt. Das kam so unerwartet, machte

auf mich einen so erschütternden Eindruck ... Bis dahin hatte ich sie

fast nie singen gehört, höchstens in den allerersten Tagen, nachdem ich

sie in mein Haus geführt, als wir noch Mutwillen treiben konnten, ins

Ziel schießen und ähnliches ... Damals war ihre Stimme ziemlich stark

und gesund und wenn auch ungeschult, so doch seltsam angenehm und klar

gewesen. Jetzt aber war das Liedchen so schwach, – oh, nicht daß es

melancholisch gewesen wäre – es war irgend eine Romanze –, aber es war,

als ob in der Stimme etwas Gesprungenes, Zerbrochenes klang, als ob das

Stimmchen sich nicht zurechtfinden konnte, als ob das Lied selbst krank

gewesen wäre. Sie sang nur halblaut, und plötzlich, bei einer höheren

Note, brach die Stimme ab, – solch ein armes Stimmchen, so leid tat’s

einem, als es abbrach! Sie hustete ein wenig und begann dann wieder

leise, ganz leise, kaum, kaum hörbar zu singen ...

Man wird über meine Aufregung lächeln, doch niemals wird jemand

begreifen, warum ich plötzlich so erregt war. Nein, sie tat mir noch

nicht leid ... Es war etwas ganz anderes. Zuerst, wenigstens in den

ersten Minuten, kam über mich plötzlich ein Nicht-begreifen-können, eine

furchtbare Verwunderung, ja: eine furchtbare und sonderbare, krankhafte

und fast mystische Verwunderung: „Sie singt, und das in meiner

Gegenwart!? _Sollte sie mich etwa vergessen haben?_“

Ganz erschüttert blieb ich auf meinem Platz. Dann stand ich plötzlich

auf, nahm meinen Hut und ging hinaus, gewissermaßen ohne daran zu

denken, was ich tat. Wenigstens weiß ich nicht wohin und warum ich ging.

Lukerja brachte mir meinen Mantel.

„Sie singt?“ fragte ich sie unwillkürlich. Sie verstand mich nicht und

sah mich verwundert an; übrigens war ich auch wirklich unverständlich.

„Singt sie jetzt zum ersten Mal?“

„Nein, wenn Sie fort sind, singt sie zuweilen,“ antwortete Lukerja.

Ich weiß noch. Ich ging die Treppe hinunter, trat auf die Straße und

ging dann geradeaus weiter, ging bis zur Ecke, blieb dort stehn und

blickte angestrengt irgendwohin. Man ging an mir vorüber, stieß mich,

ich fühlte es nicht. Ich rief eine Droschke an und sagte dem Kutscher,

er solle zur Polizeibrücke fahren; warum dorthin, weiß ich nicht. Doch

stieg ich plötzlich aus und gab ihm einen Zwanziger.

„Für die Ruhestörung,“ sagte ich, sinnlos ihm zulächelnd, doch in meinem

Herzen erhob es sich plötzlich wie ein Rausch.

Ich kehrte nach Haus zurück; beschleunigte den Schritt. Die kleine

gesprungene, armselige Note erklang plötzlich wieder in meiner Seele.

Mir blieb der Atem stehn. Die Binde fiel, fiel von meinen Augen! Wenn

sie in meiner Gegenwart zu singen angefangen hatte, so hatte sie mich

vergessen, – das war’s, was ich klar begriff, das war das Furchtbare!

Das fühlte das Herz. Doch die Begeisterung erfüllte meine Seele und

überwältigte die Angst.

Oh Ironie des Schicksals! War doch ... konnte doch in meiner Seele

diesen ganzen Winter über nichts anderes sein, außer dieser selben

Begeisterung, diesem selben Entzücken – wo aber war ich selbst diesen

ganzen Winter über gewesen? wo war denn meine Seele gewesen? Ich lief

eilig die Treppe hinauf, weiß nicht, ob ich schüchtern eintrat. Erinnere

mich nur noch, daß der ganze Fußboden unter mir wie ein Meer zu wogen

schien und ich gleichsam wie in einem breiten Strome schwamm. Ich trat

ins Zimmer: sie saß auf ihrem früheren Platz, nähte, den Kopf über die

Arbeit gebeugt, doch sang sie nicht mehr. Sie warf einen flüchtigen,

gleichgültigen Blick auf mich, doch war das eigentlich kein Blick,

sondern nur so eine Bewegung, eine gleichgültige, so wenn irgend jemand

ins Zimmer tritt.

Ich ging direkt zu ihr und setzte mich neben sie auf einen Stuhl, ganz

dicht neben sie, wie ein Wahnsinniger. Sie blickte schnell zu mir auf,

als hätte ich sie erschreckt: ich ergriff ihre Hand. Ich weiß nicht

mehr, was ich ihr sagte oder was ich ihr sagen wollte, denn ich konnte

ja nicht mal recht sprechen. Meine Stimme riß immer ab und wollte mir

nicht gehorchen. Und ich wußte ja auch gar nicht, was ich sagen sollte,

war nur ganz atemlos.

„Sprechen wir ... weißt Du ... sag etwas!“ brachte ich plötzlich

stotternd irgend so was Dummes hervor, – oh war’s denn um Klugheit zu

tun! Sie zuckte wieder zusammen und bog sich erschrocken zurück, starrte

mich entsetzt an, doch plötzlich drückte sich in ihren Augen – _strenge

Verwunderung_ aus. Ja, Verwunderung, und _strenge_ Verwunderung! Mit

großen Augen sah sie mich an. Diese Strenge, diese strenge Verwunderung

zermalmte mich wie mit einem Keulenschlage: „So willst Du noch Liebe?

Liebe?“ – fragte es mich plötzlich aus dieser Verwunderung heraus, wenn

sie auch schwieg. Doch ich las alles in ihrem Blick, alles. Alles

erzitterte in mir und ich stürzte zu ihren Füßen. Ja; ich fiel vor ihr

nieder. Sie sprang schnell auf, doch ich hielt sie mit all meiner Kraft

an beiden Händen zurück.

Und ich begriff vollkommen meine Verzweiflung, oh ich begriff sie! Doch,

werden Sie’s mir glauben, das Entzücken kochte in meinem Herzen so

unbezwingbar, daß ich glaubte, ich stürbe. In Verzweiflung und Glück

küßte ich ihre Füße. Ja, in Glück, in grenzenlosem, endlosem Glück, und

das beim vollen Begreifen meiner ganzen hoffnungslosen Verzweiflung? Ich

weinte, sagte etwas, konnte jedoch nicht sprechen. Der Schreck und die

Verwunderung wurden in ihr plötzlich von irgend einem besorgten Gedanken

verdrängt, von einer furchtbaren Frage, und sie blickte mich so

sonderbar an, fast wild, sie strengte sich an, irgend etwas schneller zu

begreifen und – sie lächelte. Sie schämte sich furchtbar, daß ich ihre

Füße küßte und zog sie immer zurück, doch da küßte ich die Stelle des

Fußbodens, wo ihr Fuß gestanden hatte. Sie sah das und plötzlich fing

sie an, vor Scham zu lachen (wissen Sie so, wenn die Menschen vor lauter

Scham lachen). Da begann die Hysterie, ich sah es wohl, ihre Hände

zuckten, – doch ich dachte nicht daran und flüsterte immer nur, daß ich

sie liebe, daß ich nicht aufstehn würde, – „laß mich nur Dein Kleid

küssen ... das ganze Leben lang Dich anbeten“ ... Ich weiß nicht mehr,

erinnere mich nicht, – und plötzlich schluchzte sie auf und erzitterte:

ein furchtbarer Nervenanfall. Ich hatte sie erschreckt.

Ich trug sie auf das Bett. Als der Anfall vergangen war, setzte sie sich

auf, so zerschlagen sah sie aus, erfaßte meine Hände und bat mich, mich

zu beruhigen: „Lassen Sie’s gut sein, quälen Sie sich doch nicht so,

beruhigen Sie sich!“ und wieder weinte sie. Diesen ganzen Abend ging ich

nicht von ihr fort. Sagte ihr in einem fort, daß ich sie nach

Boulogne-sur-mer bringen würde, damit sie Seebäder nehmen könne, jetzt,

sofort, oder höchstens nach zwei Wochen, daß sie solch eine gesprungene

Note im Stimmchen hätte wie ich vorhin gehört, daß ich die Pfandkasse

schließen und an Dobronrawoff verkaufen würde, daß „alles nun von neuem

beginnen wird, aber zuerst – nach Boulogne, nach Boulogne!“ Sie hörte zu

und fürchtete sich. Immer mehr und mehr fürchtete sie sich. Doch die

Hauptsache war für mich, daß ich immer unbezwingbarer wieder ihr zu

Füßen liegen und wieder den Boden, auf dem ihre Füße standen, küssen

wollte, und sie anbeten und – „sonst werde ich nichts, nichts mehr von

Dir bitten,“ wiederholte ich immer wieder, – „antworte mir nichts,

beachte mich überhaupt nicht, laß mich nur Dich von einem Winkel aus

ansehn, verwandele mich in Deinen Sklaven, in Dein Hündchen“ ... Sie

weinte.

„_Und ich dachte, Sie würden mich einfach so lassen_,“ – kam es

plötzlich ganz gegen ihren Willen aus ihr heraus, – so daß sie es

vielleicht selbst nicht mal bemerkte, wie sie es sagte, währenddessen

aber, – oh, das war das allerwichtigste, allerverhängnisvollste Wort von

ihr, und das für mich an jenem Abend allerverständlichste, und es war

mir, als glitt mir von ihm ein Messer durch das Herz! Alles erklärte es

mir, alles, doch so lange wie sie bei mir war, vor meinen Augen, hoffte

ich unbezwinglich und war unbeschreiblich glücklich. Oh ich habe sie

maßlos ermüdet an jenem Abend, was ich natürlich sehr gut wußte, doch

glaubte ich immer, ich würde so alles sofort gutmachen können. Endlich,

in der Nacht war sie schon ganz erschöpft; da beredete ich sie denn,

einzuschlafen und sie schlief auch im Augenblick ein. Ich blieb bei ihr

und wartete, ob sie nicht phantasieren würde: sie tat’s auch, doch nur

ein wenig, ganz leicht. In der Nacht erhob ich mich jeden Augenblick,

ging leise in den Morgenschuhen zu ihr, um sie zu betrachten. Ich rang

die Hände über ihr, als ich dieses kranke Wesen sah, auf diesem

armseligen Lager, in diesem eisernen Bettchen, das ich ihr für drei

Rubel gekauft hatte. Ich kniete nieder, doch wagte ich es nicht, die

Füße der Schlafenden zu küssen – ohne ihre Erlaubnis ... – Ich wollte zu

Gott beten – konnt’s aber nicht: sprang auf. Lukerja betrachtete mich

ganz verwundert und kam fortwährend aus der Küche. Ich ging zu ihr

hinaus und sagte ihr, sie solle schlafen gehn; morgen würde etwas „ganz

Anderes“ beginnen.

Und ich glaubte selbst daran – glaubte blind, sinnlos, furchtbar! Oh,

das Entzücken, das Entzücken überflutete mich! Ich erwartete nur den

nächsten Tag. Vor allen Dingen: ich glaubte an kein Unglück, trotz der

Symptome. Die gesunde Vernunft war noch nicht ganz zurückgekehrt, trotz

der gefallenen Binde und lange, lange kehrte sie noch nicht zurück, –

oh, bis auf den heutigen Tag nicht, bis auf den heutigen Tag!! ja, und

wie, wie hätte sie damals auch wiederkehren sollen: lebte sie doch

damals noch, war sie doch hier vor meinen Augen und ich vor ihr: „Morgen

wird sie aufwachen, und ich werde ihr dann alles sagen und sie wird dann

alles verstehn!“ – Das waren meine Gedanken, einfach und klar, darum

auch das Entzücken! Die Hauptsache war dabei diese Fahrt nach Boulogne.

Aus irgend einem Grunde glaubte ich, daß Boulogne – alles, daß Boulogne

etwas Entscheidendes wäre. „Nach Boulogne, nur schnell nach Boulogne!“

... Sinnlos erwartete ich den Morgen.

Sämtliche Werke 20 · 第 39 / 46 题