Jetzt ist es eine furchtbare Erinnerung ...
Ich erwachte am Morgen, ungefähr um acht. Im Zimmer war es fast schon
ganz hell. Ich erwachte plötzlich mit vollem Bewußtsein und schlug die
Augen auf: sie stand am Tisch und hielt den Revolver in der Hand. Sie
bemerkte es nicht, daß ich aufgewacht war und sie beobachtete. Und
plötzlich sehe ich: sie bewegt sich auf mich zu, mit dem Revolver in der
Hand ... Ich schloß sofort die Augen und stellte mich schlafend.
Sie kam bis ans Bett und beugte sich über mich ... Ich hörte alles ...
wenn es auch totenstill war, so _hörte_ ich doch diese Stille ... Da –
es war eine krampfhafte Bewegung –: ich schlug plötzlich, gegen meinen
Willen die Augen auf: sie stand über mich gebeugt und sah mich an,
blickte mir gerade in die Augen – und der Revolver war schon dicht an
meiner Schläfe. Unsere Blicke trafen sich. Wir sahen einander nicht
länger als eine Sekunde an. Mit Anstrengung all meiner Kräfte schloß ich
wieder die Augen und im selben Moment faßte ich auch aus der ganzen
Kraft meiner Seele den Entschluß, mich nicht mehr zu rühren und nicht
mehr die Augen zu öffnen, einerlei, was mich auch erwarten mochte.
Es kommt in der Tat zuweilen vor, daß auch ein festschlafender Mensch
plötzlich die Augen aufschlägt, sogar den Kopf erhebt und sich im Zimmer
umblickt, darauf, nach einer Sekunde, den Kopf wieder auf das Kissen
legt und einschläft, ohne sich seiner ganzen Bewegung bewußt zu sein
oder sich später noch ihrer zu entsinnen. Als ich, nachdem sich unsere
Blicke getroffen und ich den Revolver ganz nah an meiner Schläfe gesehn
hatte, plötzlich wieder meine Augen schloß und mich regungslos verhielt,
wie ein Festschlafender, – da konnte sie entschieden glauben, daß ich
tatsächlich schlief und nichts gesehn hatte, um so mehr, als es doch
ganz unwahrscheinlich sein mußte, ich hätte, nachdem ich das gesehn, was
ich gesehn, in _solch_ einem Augenblick die Augen wieder schließen
können.
Allerdings war es unwahrscheinlich. Aber trotzdem hätte sie doch die
Wahrheit erraten können, – das war’s ja, was mir plötzlich in diesem
selben Augenblick durch die Gedanken zuckte. Welch ein Wirbelsturm von
Gedanken und Gefühlen in weniger als einer Sekunde durch meine Seele
stob! – oh, Elektrizität des Menschengedankens! In diesem Falle – wenn
sie die Wahrheit erraten hatte und wußte, daß ich nicht schlief – mußte
ich sie schon durch meine Bereitwilligkeit, in den Tod zu gehn,
niederdrücken, vernichten ... und ihre Hand hätte zurückzucken müssen.
Die anfängliche Entschlossenheit hätte an einem neuen ungewöhnlichen
Eindruck zerschellen können. Man sagt, wer auf der Höhe steht, fühle
sich unwillkürlich hinabgezogen in den Abgrund: Ich glaube, viele
Selbstmorde und Morde sind nur begangen worden, weil der Revolver schon
in der Hand war. Da ist es gleichfalls ein Abgrund, ein Abhang von
fünfundvierzig Grad und da kann man nicht umhin, diesen Abhang
hinunterzugleiten und es ist da etwas, was einen unwiderstehlich
herausfordert, den Hahn abzudrücken. Doch wenn sie sich sagte, daß ich
alles gesehn habe, alles weiß und schweigend von ihr den Tod erwarte –
dieser Gedanke hätte sie doch vielleicht auf dem Abhange aufhalten
können.
Die Stille dauerte an und – plötzlich fühlte ich an der Schläfe, dicht
an meinem Haar die kalte Berührung des Eisens ... Sie werden mich
fragen, ob ich immer noch auf eine Rettung hoffte? Ich will Ihnen wie
meinem Gott antworten: ich hatte nicht die geringste Hoffnung, außer
vielleicht wie eins zu hundert, nicht erschossen zu werden. Warum –
fragen Sie mich – nahm ich dann den Tod von ihr entgegen? Ich aber
frage: was war mir denn das Leben noch, nachdem das von mir vergötterte
Wesen den Revolver auf mich angelegt hatte? Außerdem fühlte ich mit
meinem ganzen Ich, daß in diesem Augenblick zwischen uns ein Kampf vor
sich ging, ein furchtbarer Zweikampf auf Leben oder Tod, der Kampf mit
diesem selben früheren „Feigling“, der von den Kameraden wegen
„Feigheit“ fortgejagt worden war! Ich wußte das, und auch sie wußte das,
wenn sie nur die Wahrheit erraten hatte, – daß ich nicht schlief!
Vielleicht ist es auch nicht so gewesen, vielleicht habe ich all das in
dem Augenblick auch nicht gedacht, aber das hätte doch alles so sein
müssen, wenn auch ohne Gedanken. Ich habe ja nachher sonst nichts mehr
getan, als in jeder Stunde meines Lebens _daran_ gedacht.
Doch Sie können noch eine andere Frage stellen: warum bewahrte ich sie
nicht vor dem Verbrechen? Oh, ich habe mir selbst nachher wohl an
tausendmal diese Frage gestellt – jedesmal, wenn ich mir mit einem
Schauer im Rücken diesen Augenblick zu vergegenwärtigen suchte. Doch
meine Seele war damals in finsterer Verzweiflung: ich ging unter, ich
ging selbst unter, wen hätte ich da noch retten können!? Und woher
wissen Sie, ob ich da überhaupt noch jemanden hätte retten wollen? Woher
soll man’s wissen, was ich damals habe fühlen können.
Einstweilen war mein Bewußtsein überwach, siedete, kochte in mir ... Die
Sekunden kamen und gingen, es war totenstill ... Sie stand immer noch
über mich gebeugt – und plötzlich durchzuckte mich eine Hoffnung! – Ich
schlug schnell die Augen auf: sie war nicht mehr im Zimmer. Ich erhob
mich vom Bett. – _Ich_, _ich_ hatte gesiegt! – und sie war auf ewig
besiegt!
Ich ging in das vordere Zimmer zum Frühstück. Der Samowar wurde bei uns
immer im ersten Zimmer aufgestellt und den Tee goß stets sie ein. Ich
setzte mich schweigend an den Tisch und nahm von ihr mein Glas in
Empfang. So nach fünf Minuten sah ich zum ersten Mal auch zu ihr
hinüber: sie war entsetzlich bleich, noch bleicher, als am Tage vorher,
und blickte mich an. Und plötzlich – und plötzlich, als sie gewahr
wurde, daß ich sie betrachtete, verzog sie ihre bleichen Lippen zu einem
blassen Lächeln, mit scheuer Frage in den Augen ... So zweifelt sie
immer noch? fragt sich wohl: weiß er es oder weiß er es nicht, hat er
gesehn oder hat er nicht gesehn? Gleichmütig wandte ich meinen Blick von
ihr ab.
Nach dem Tee schloß ich die Kasse, ging auf den Markt und kaufte ein
eisernes Bett und einen großen Bettschirm. Nach Haus zurückgekehrt, ließ
ich das Bett im ersten Zimmer aufstellen und mit dem Schirm gleichsam
das Zimmer abteilen. Das war ein Bett für sie, doch sagte ich kein Wort
davon. Auch ohne Worte begriff sie durch dieses Bett, daß ich „alles
gesehn habe und alles weiß“. Für die Nacht legte ich den Revolver wie
immer auf den Tisch. Spät abends legte sie sich in dieses neue Bett: die
Ehe war aufgelöst. – „Sie war besiegt, doch war ihr noch nicht
verziehen.“ In der Nacht fing sie an zu phantasieren und am nächsten
Morgen hatte sie hohes Fieber. Sechs Wochen lag sie.
Zweites Kapitel.