Die Uneinigkeit begann damit, daß es ihr plötzlich einfiel, das Geld wie
es ihr gut dünkte auszugeben, die Pfänder über ihren Wert einzuschätzen,
und zweimal geruhte sie sogar, über dieses Thema mit mir zu streiten.
Ich erklärte mich damit nicht einverstanden. Und da kreuzte denn noch
diese Offizierswitwe unseren Weg.
Es kam eine alte Frau, die Witwe eines Hauptmanns, mit einem Medaillon,
– Geschenk des verstorbenen Gatten, nun, man weiß ja: eine Erinnerung.
Ich gab ihr dreißig Rubel. Da hob denn das Weinen an –: man solle das
Ding nur ja gut aufbewahren. – Selbstverständlich bewahren wir es gut
auf. Nun, kurz und gut, plötzlich, nach fünf Tagen kommt sie wieder, um
das Ding gegen ein Armband, das nicht mal acht Rubel wert war,
einzulösen. Ich schlug ihr’s natürlich ab. Wahrscheinlich hat sie wohl
damals schon etwas aus den Augen meiner Frau erraten, denn als sie das
zweite Mal in meiner Abwesenheit kam, tauschte die es tatsächlich gegen
ihr Medaillon ein.
Als ich das noch am selben Tage erfahren hatte, sprach ich sanft, doch
bestimmt und vernünftig mit ihr. Sie saß auf dem Bett, sah zu Boden und
baumelte mit dem rechten Fuß – ihre charakteristische Angewohnheit –,
wobei sie mit dem Schuhspitzchen immer über den Betteppich fuhr; ein
häßliches Lächeln lag auf ihren Lippen. Da erklärte ich ihr ruhig, ohne
auch nur die Stimme zu erheben, daß das Geld _mir_ gehöre, daß ich das
Recht habe, auf das Leben mit _meinen_ Augen zu sehn, und – daß ich, als
ich sie um ihre Hand gebeten, ihr doch nichts verheimlicht hatte.
Sie sprang auf, erzitterte am ganzen Körper und – was glauben Sie wohl –
stampfte plötzlich wie wahnsinnig mit den Füßen los! Das war einfach ein
Tier, das war ein Anfall, das war ein Tier im Krampf!! Ich war starr vor
Erstaunen: solch einen Ausfall hätte ich nie und nimmer erwartet! Verlor
aber nicht den Kopf, zuckte nicht einmal und erklärte nur, wieder mit
derselben ruhigen Stimme, daß ich ihr von nun ab die Anteilnahme an
meinen Beschäftigungen entziehen würde. Sie lachte mir ins Gesicht und
ging, – ging aus der Wohnung.
Die Sache war aber, daß sie nicht das Recht hatte, die Wohnung zu
verlassen. Nicht ohne meinen Willen auszugehen – so war es zwischen uns
noch während der Brautschaft abgemacht worden. Zum Abend kehrte sie
zurück; ich sprach kein Wort.
Am nächsten Tage ging sie wieder gleich am Morgen aus, am übernächsten
wieder. Ich schloß die Kasse und begab mich zu den Tanten. Mit ihnen
hatte ich gleich nach der Trauung jegliche Beziehungen abgebrochen –:
weder kamen sie zu uns, noch wir zu ihnen. Es stellte sich heraus, daß
meine Frau nicht bei ihnen gewesen war. Sie hörten mir neugierig zu,
lachten mich aus: „Geschieht Ihnen recht.“ Aber ich hatte es ja nicht
anders erwartet. Bei derselben Gelegenheit gewann ich die jüngere Tante,
die Jungfer, bestach sie mit hundert Rubeln, von denen ich ihr
fünfundzwanzig sofort einhändigte. Nach zwei Tagen kam sie zu mir.
„Da ist ein Offizier,“ sagte sie, „ein Leutnant Jefimowitsch, Ihr
früherer Regimentskamerad, im Spiel.“
Ich war sehr verwundert. Von diesem Jefimowitsch hatte ich im Regiment
am allermeisten Bosheit erfahren müssen. Vor einem Monat aber war er,
schamlos wie er stets gewesen, zweimal unter dem Vorwand etwas versetzen
zu wollen, zu uns gekommen. Ich weiß noch, daß er damals mit meiner Frau
zu scherzen versucht hatte. Da war ich denn an ihn herangetreten und
hatte ihm gesagt, er solle es nicht wagen, wiederzukommen, – so wie
unsere Beziehungen nun einmal stünden. Doch nicht mal ein Gedanke an
irgend so etwas war mir in den Kopf gekommen; ich dachte einfach, daß er
nichts als frech und zudringlich war. Und nun sagte mir plötzlich dieses
Weibsbild von Tante, daß sie sich ein Rendezvous geben werden, und daß
die ganze Geschichte von einer früheren Bekannten der anderen Tante,
einer Julija Ssamssonowna, die noch dazu Witwe eines Obersten sein
sollte, unterstützt würde. – „Und zu dieser Witwe geht Ihre Frau.“
Ich werde mich kürzer fassen. Im ganzen kam mich die Sache auf zirka
dreihundert Rubel zu stehn; dafür aber war es nach zweimal
vierundzwanzig Stunden abgemacht, daß ich im Nebenzimmer hinter der Tür
stehen und auf diese Weise dem ersten ^tête-à-tête^ meiner Frau mit
Jefimowitsch beiwohnen sollte. In der Erwartung dessen kam es nun noch
am Abend vorher zu einer kurzen, doch nur zu bedeutsamen kleinen Szene
zwischen ihr und mir.
Sie kam kurz vor Abend zurück, setzte sich aufs Bett, blickte mich
spöttisch an und baumelte wieder mit dem Beinchen überm Teppich. Da, als
ich sie so sah, fiel es mir plötzlich auf, daß sie in diesem ganzen
letzten Monat oder wenigstens in den letzten zwei Wochen – ja gar nicht
mehr sie selbst gewesen war. Das war plötzlich ein wildes,
unordentliches Geschöpf geworden, das bereit war, sich ins Verderben zu
stürzen, das den Strudel geradezu suchte. Solch ein Wesen kann sich mit
seiner Vernunft und seinem Schamgefühl, wenn es einmal die Grenzen
überschritten, nicht mehr zurechtfinden. Es gerät in einer Weise aus dem
Gleise, wie man es nie für möglich gehalten hätte. Dagegen wird sich
eine verderbte Seele immer zu mäßigen wissen, wird vielleicht das
Gemeinste tun, aber dabei doch immer noch Ordnung und Anstand wahren und
obendrein womöglich noch die Anmaßung haben, einem überlegen zu sein.
„Ist es wahr, daß man Sie aus dem Regiment fortgejagt hat, weil Sie aus
Furcht ein Duell ausgeschlagen haben?“ fragte sie plötzlich und ihre
Augen erglänzten.
„Ja, es ist wahr. Man bat mich nach dem Urteilsspruch der Offiziere, das
Regiment zu verlassen, obgleich ich übrigens schon vorher selbst mein
Abschiedsgesuch eingereicht hatte.“
„Als Feigling fortgejagt?“
„Ja, ich wurde als Feigling verurteilt. Doch hatte ich das Duell nicht
aus Furcht ausgeschlagen, sondern weil ich mich nicht ihrem tyrannischen
Urteilsspruch fügen wollte: zum Duell herauszufordern, wenn ich selbst
eine Beleidigung nicht anerkennen konnte ... Wissen Sie,“ – sagte ich
plötzlich, denn ich konnte nicht an mich halten – „daß mit der Tat sich
gegen solche Tyrannei auflehnen und alle Folgen dieser Handlung auf sich
nehmen, viel mehr Männlichkeit beweisen hieß, als zu einem Duell
herausfordern.“
Ich hatte mich nicht beherrschen können und mit den letzten Worten
gleichsam mich zu rechtfertigen begonnen; das aber wollte sie ja nur,
diese meine neue Erniedrigung! Sie lachte boshaft auf.
„Und ist es wahr, daß Sie sich darauf drei Jahre lang in den Straßen
Petersburgs wie ein Strolch herumgetrieben haben, um zehn Kopeken die
Leute angesprochen und unter den Billards genächtigt haben?“
„Ich habe sogar in der Ssennaja im Wjäsemskischen Hause[6] genächtigt.
Ja, es ist wahr; in meinem Leben war später, nach dem Ausschluß aus dem
Regiment, viel Schmach und Verkommenheit, doch keine moralische
Verkommenheit, denn ich war ja doch selbst der erste, der mich und meine
Handlungen haßte. Das war bloß eine Ohnmacht meines Willens, die durch
die Verzweiflung meiner Lage hervorgerufen wurde ... Aber das ist jetzt
vorüber, ist gewesen ...“
„Oh, natürlich. Jetzt sind Sie ja eine große Persönlichkeit: ein
Finanzmann!“
Das war natürlich eine Anspielung auf die Pfandkasse. Doch ich
beherrschte mich schon wieder. Ich sagte mir, daß sie es ja doch nur auf
Erklärungen meinerseits abgesehen hatte, die mich erniedrigen sollten
und – ich schwieg. Zudem klingelte gerade jemand und so ging ich denn
aus dem Schlafzimmer an meine Kasse. Darauf, nach einer Stunde ungefähr,
als sie sich angekleidet hatte, um wieder auszugehn, blieb sie plötzlich
noch vor mir stehen und sagte:
„Vor der Hochzeit aber haben Sie mir nichts davon gesagt?“
Ich antwortete nicht und sie ging.
Und so war’s denn am folgenden Tage, daß ich dort in jenem Zimmer hinter
der Tür stand und zuhörte, wie sich mein Schicksal entschied, – doch in
meiner Tasche hatte ich einen Revolver. Sie war sorgfältig angekleidet,
saß hinter dem Tisch auf dem Sofa und Jefimowitsch gab sich alle Mühe.
Nun, und –: es geschah das (ich sage es zu meiner Ehre), es geschah
genau das, was ich vorausgefühlt hatte, was ich angenommen, daß
geschehen würde ... wenn ich mir auch dessen nicht bewußt war, daß ich
es tat ... Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke.
Und zwar geschah folgendes: Ich hörte eine ganze Stunde lang zu, eine
ganze Stunde lang dem Zweikampf eines Weibes, des edelsten und
keuschesten, mit einer stumpfen, verderbten Lebeweltkreatur. Und woher –
fragte ich mich erstaunt, woher kann diese naive, diese keusche, diese
unerfahrene junge Seele alles das wissen? Selbst der geistreichste Autor
einer mondänen Komödie hätte nicht solch eine Szene erdichten können,
solch einen Spott, solch ein allernaivstes Lächeln mit dieser heiligen
Verachtung, die der reine Mensch für das Laster hat. Und wieviel Geist
war doch in ihren Worten und kleinen Wörtchen, welch ein Scharfsinn in
ihren schnellen Antworten und welche Sicherheit und Wahrheit in ihren
Urteilen. Und zu gleicher Zeit wieviel – ich möchte sagen – mädchenhafte
Gutmütigkeit! Auf seine Liebeserklärungen hin lachte sie ihn einfach
aus. Er, der mit seinen rohen Absichten gekommen war, saß plötzlich ganz
kleinlaut da und wußte nicht, wie ihm geschah. Zuerst hätte ich glauben
können, daß es ihrerseits nur Koketterie war – „Koketterie eines, wenn
auch verderbten, so doch jedenfalls geistreichen Weibes, um sich
kostbarer zu machen“. Aber nein, die Wahrheit war so sonnenklar, daß ein
Zweifel überhaupt nicht bestehen konnte. Nur aus Haß zu mir, aus sich
selbst vorgetäuschtem, eingebildetem plötzlichem Haß zu mir, hatte sie,
dies unerfahrene Ding, sich zu diesem Rendezvous entschließen können;
sobald es aber zur Tat kam – erwachte sie sofort. Sie quälte sich
selbst, um mich irgendwie, einerlei wodurch, zu beleidigen, doch ist es
ja nur zu verständlich, daß sie, die sich zu etwas so Scheußlichem
entschlossen zu haben schien, sofort auf diesem Wege stehen blieb und
umkehrte, als sie ihm gegenüberstand: sie ertrug es nicht. Und sie,
diese sündenlose, keusche Seele, die ihr Ideal besaß, hätte solch ein
Jefimowitsch oder einerlei wer von diesem Lebeweltgesindel verführen
können? Er rief ja bei ihr nur Gelächter hervor. Die ganze Wahrheit
erhob sich in ihrer Seele und der Unwille erweckte bloß Spott in ihrem
Herzen. Ich wiederhole: dieser Narr saß zum Schluß ganz verdutzt auf
seinem Stuhl, blickte mürrisch drein und antwortete kaum, so daß ich
schon befürchtete, er würde vielleicht aus niedriger Rachsucht sie zu
beleidigen suchen. Und ich wiederhole nochmals, zu meiner Ehre sei es
gesagt –: ich hörte das ganze Gespräch so gut wie ohne jegliche
Verwunderung an. Es war mir, als ob ich etwas Bekanntes wiederfand. Ich
war gleichsam nur deswegen hingegangen, um dieses Bekannte
wiederzufinden. Ich ging hin, ohne einer einzigen Beschuldigung zu
glauben, obgleich ich mir den Revolver in die Tasche gesteckt hatte –,
das ist die ganze Wahrheit. Und wie hätte ich sie mir denn überhaupt
anders denken können? Warum liebte ich sie denn, warum schätzte ich sie
denn so hoch, warum hatte ich sie denn geheiratet? Oh, natürlich wurde
mir klar, wie sehr sie mich haßte, doch wurde mir auch das klar, wie
unverdorben, wie rein sie war. Ich machte der Szene plötzlich ein Ende,
indem ich die Tür öffnete. Jefimowitsch sprang auf; ich bot ihr den Arm
und bat sie, mit mir das Haus zu verlassen. Jefimowitsch faßte sich
ziemlich schnell und lachte belustigt laut auf.
„Oh, gegen die geheiligten Gattenrechte habe ich natürlich nichts
einzuwenden! Bitte, führen Sie sie fort, bitte! Und wissen Sie,“ rief er
mir noch nach, „obgleich sich ja ein anständiger Mensch mit Ihnen
eigentlich nicht schlagen kann, so stehe ich doch, aus Achtung vor Ihrer
Frau, zu Ihrer Verfügung ... Wenn Sie, übrigens, selbst riskieren
sollten ...“
„Hören Sie!“ sagte ich ihr, und hielt sie noch einen Augenblick auf der
Türschwelle zurück.
Darauf den ganzen Weg bis nach Haus kein Wort. Ich führte sie an der
Hand und sie widersetzte sich nicht. Im Gegenteil, sie war furchtbar
betroffen, und das nicht nur auf dem Wege bis zu unserer Wohnung. Bei
uns angekommen, setzte sie sich auf einen Stuhl und richtete dann starr
ihren Blick auf mich. Sie war ungewöhnlich bleich; wenn sich auch ihre
Lippen sofort wieder spöttisch verzogen, so sah sie mich doch mit einem
Blick stolzer Herausforderung an und war, glaube ich, fest überzeugt,
wenigstens in den ersten Minuten, daß ich sie nun sofort niederschießen
würde. Ich aber zog meinen Revolver schweigend aus der Tasche und legte
ihn auf den Tisch. Sie blickte von mir auf den Revolver, vom Revolver
auf mich. (Beachten Sie folgendes: dieser Revolver war ihr schon
bekannt. Ich hatte ihn mir gekauft, weil ich nicht beabsichtigte, große
Hunde oder einen starken Diener, wie ihn zum Beispiel Moser hat, zu
halten. Bei mir öffnet die Magd die Tür. Andrerseits aber können wir uns
doch nicht ganz des Selbstschutzes berauben, – wenn die Leute nun einmal
wissen, daß man immer Geld im Hause hat. Und so hatte ich mir denn
diesen Revolver gekauft. Sie nun, als sie zu mir ins Haus kam,
interessierte sich in den ersten Tagen ganz besonders für das Ding und
ich erklärte ihr daraufhin das ganze System und beredete sie sogar
einmal, nach einem Ziel zu schießen. Bitte sich das zu merken.)
Ohne ihren erschrockenen Blick weiter zu beachten, legte ich mich halb
ausgekleidet auf das Bett. Ich war nicht wenig erschöpft. Es war schon
elf Uhr. Sie blieb auf ihrem Platz sitzen, ohne sich zu rühren, ungefähr
noch eine Stunde lang. Darauf löschte sie das Licht aus und legte sich,
gleichfalls angekleidet, an der Wand auf den Diwan. Zum ersten Mal legte
sie sich nicht mit mir nieder. – Das bitte gleichfalls zu behalten.