IV. Lauter Pläne und Pläne.

Wer von uns fing damals zuerst an?

Keiner. Es fing von selbst an, vom ersten Schritt. Ich habe gesagt, daß

ich sie unter Strenge ins Haus führte, einstweilen aber milderte ich die

doch schon am ersten Tage. Noch vor der Trauung hatte ich ihr gesagt,

daß sie die Pfänder in Empfang nehmen und das Geld herausgeben würde –

und sie hatte damals nicht widersprochen (bitte das nicht zu vergessen).

Ja, sie machte sich sogar mit Eifer an die Sache. Nun, versteht sich,

die Wohnung, die Einrichtung, – alles blieb so, wie es war. Zwei Zimmer,

– das eine, ein großes – das Wohnzimmer, in dem für die Kasse eine

Hälfte abgeteilt ist, das andere, gleichfalls groß, unser Schlafzimmer.

Meine Möbel sind ärmlich, sogar die Tanten hatten bessere. Mein

Heiligenschrank mit dem Lämpchen hängt im ersten Zimmer, dort wo die

Kasse ist; bei mir aber, in meinem Zimmer, steht mein Schrank, in dem

auch einige Bücher liegen, und mein Koffer; die Schlüssel trage ich bei

mir. Nun und dann natürlich noch das Bett, Tische, Stühle. Bereits vor

der Trauung hatte ich ihr gesagt, daß zu unserem Unterhalt, d. h. zur

Beköstigung für mich, für sie und Lukerja, die ich zu uns genommen

hatte, täglich ein Rubel und nicht mehr verausgabt werden würde –: „Muß

in drei Jahren dreißig Tausend haben, anders aber kommt man nicht zu

Geld.“ Sie widersprach nicht, aber ich legte selbst noch dreißig Kopeken

hinzu. Desgleichen Theater. Ich hatte ihr gesagt, daß wir nicht ins

Theater gehen würden, beschloß aber dann doch einmal im Monat mit ihr

ins Theater zu gehn, und anständig – Parkett. Wir gingen zusammen, waren

zweimal, sahen, glaub ich, „Die Jagd nach dem Glück“ und „Singvögel“ –

oh, zum Teufel, zum Teufel damit! – Schweigend gingen wir hin und

schweigend kamen wir nach Haus. Warum, warum wir uns von Anfang an

vorgenommen hatten zu schweigen? Zuerst gab es doch noch keine

Streitigkeiten zwischen uns – nur Schweigen. Ich weiß noch, damals sah

sie mich immer heimlich an; ich aber, als ich das bemerkte, da schwieg

ich erst recht. ’S ist allerdings wahr: _ich_ war es, der auf dem

Schweigen beharrte, nicht sie. Ihrerseits gab’s sogar ein- oder zweimal

leidenschaftliche Ausbrüche: stürzte zu mir, umarmte mich. Da aber diese

Ausbrüche krankhaft waren, hysterisch, ich jedoch ein _starkes_ Glück

brauchte, und als erstes ihre volle Achtung, so blieb ich natürlich

kühl. War auch im Recht: jedesmal nach diesen Ausbrüchen gab’s am

nächsten Tage Streit.

Das heißt, Streit gabs eigentlich nicht, aber es gab Schweigen und – und

immer dreisteres, frecheres Aussehen ihrerseits. „Rebellion und

Unabhängigkeit“ – das war’s, nur verstand sie’s nicht. Ja, dieses sanfte

Gesicht nahm einen immer vermesseneren Ausdruck an. Glauben Sie es mir,

ich wurde ihr einfach zuwider; – ich kenne das, hab’s doch selbst

erlebt. Jedenfalls: daß sie zuweilen außer sich geriet, – daran war

nicht zu zweifeln. Nun wie, zum Beispiel, nachdem man aus solchem

Schmutz, aus solcher Armut herausgekommen ist, wie kann man denn da

plötzlich über unsere Armut die Nase rümpfen! Sehen Sie mal: es war

keine Armut, aber es war Ökonomie und dort, wo es sich gehörte, sogar

Luxus, – in der Wäsche, zum Beispiel, in der Sauberkeit. Ich habe immer

gedacht, daß die Sauberkeit der Männer den Frauen angenehm sein muß.

Übrigens tat sie’s nicht über die Armut, sondern über meinen, wie sie

glaubte, schmutzigen Geiz –: „Behauptet, er verfolge ein Ziel, will

Charakter beweisen!“ Für das Theater dankte sie plötzlich selbst. Und

immer spöttischer, immer spöttischer wurde der Zug um ihren Mund ... ich

aber verstärkte das Schweigen, ich aber verstärkte das Schweigen.

Konnte doch nicht anfangen, mich zu rechtfertigen!? Die Hauptrolle

spielte dabei natürlich die Leihkasse. Sehen Sie: ich wußte, daß eine

Frau, und noch dazu eine sechzehnjährige, nicht umhin kann, sich dem

Manne ganz und gar unterzuordnen. Es ist keine Originalität in den

Frauen, das – das ist ein Axiom, sogar jetzt noch, sogar jetzt noch ein

Axiom für mich! Was ist’s denn, was dort im Saal auf dem Tische liegt:

Wahrheit bleibt Wahrheit, an der kann selbst Mill nichts ändern! Aber

die liebende Frau, – oh, die liebende Frau, – die vergöttert selbst die

Laster, selbst die Verbrechen des Geliebten. Er wird für seine

Verbrechen niemals solche Rechtfertigungen finden können, wie sie sie

ihm ausdenken wird. Das ist großmütig, aber nicht originell. Einzig die

Unoriginalität hat die Frauen ins Verderben gebracht. Und warum nun,

wiederhole ich, zeigen Sie denn dort hin auf den Tisch? Ja, ist denn das

etwa Originalität, was dort auf dem Tisch liegt? O – oh!

Hören Sie: von ihrer Liebe war ich damals überzeugt. Warf sie sich doch

stürmisch an meinen Hals. Also liebte sie doch, richtiger – wollte sie

doch lieben. Ja ja, so war es auch: sie wollte lieben, sie versuchte zu

lieben. Aber die Hauptsache lag eben darin, daß ich ja gar nicht solche

Verbrechen begangen hatte, für die sie sich hätte Entschuldigungen

ausdenken müssen. Sie sagen: „ein Pfandleiher“! – ja, und alle sagen es.

Aber was will denn das sagen, – „Pfandleiher“? Also muß es doch Gründe

gegeben haben, daß der großmütigste Mensch zum – Pfandleiher geworden

ist? Sehen Sie: es gibt Ideen ... das heißt, sehen Sie mal, es gibt

manche Ideen, die, wenn man sie ausdrücken, in Worten aussprechen will,

furchtbar dumm erscheinen. Wirklich – so dumm, daß man sich schämt. Und

woher kommt das? – Einfach so. Weil wir alle Lumpen sind und die

Wahrheit nicht ertragen können, oder ... ich weiß wirklich nicht ... Ich

sagte vorhin: „der großmütigste Mensch“. Das ist lächerlich.

Währenddessen aber war es doch wirklich so. Das ist doch _Wahrheit_, was

ich sage, die allerallerwahrhaftigste Wahrheit! Ja; ich _hatte damals

das Recht_, mich pekuniär sicher stellen zu wollen und dieses

Pfandgeschäft zu eröffnen. „Ihr habt mich verstoßen, Ihr (Ihr Menschen

natürlich), Ihr habt mich mit verachtendem Schweigen fortgejagt! Auf

meinen leidenschaftlichen Drang zu Euch habt Ihr mir mit einer

Beleidigung für mein ganzes Leben geantwortet. Somit war ich denn im

_Recht_, als ich mich von Euch trennte, zwischen Euch und mir eine Mauer

zog; bin im _Recht_, wenn ich diese dreißig Tausend Rubel ersparen und

irgendwo in der Krim, am Schwarzen Meere zwischen Bergen und Weingärten

auf meinem für diese dreißig Tausend gekauften Gute mein Leben

beschließen will. Und vor allen Dingen: ich will ohne Groll auf Euch,

aber nur fern von Euch leben, leben mit dem Ideal in der Seele, zusammen

mit meiner herzliebsten Frau und mit meinen Kindern, wenn Gott sie uns

schenken sollte. Und den Freunden und Nachbarn in der Not würde ich eine

helfende Hand sein.“ Gut, wenn ich das jetzt allein zu mir sage, was

aber hätte es Dümmeres geben können, als wenn ich damals ihr das

vorerzählt und ausgemalt hätte? Das war’s ja, warum ich stolz schwieg,

warum wir uns schweigend gegenübersaßen. Was hätte sie denn davon

begriffen? Sechzehn Jahre – das ist ja doch noch die erste Jugend! Und

was hätte sie denn verstehen können von meinen Rechtfertigungen, von

meinen Leiden? Offenherzigkeit, Unkenntnis des Lebens, jugendliche,

billige Überzeugungen, wahre Hühnerblindheit der „prachtvollen Herzen“,

aber vor allen Dingen – da war ja die Leihkasse und das genügte! – War

ich denn etwa ein Räuber, hatte sie denn nicht selbst gesehn, wie ich

war und daß ich nichts Unrechtmäßiges nahm? Oh, wie furchtbar ist die

Wahrheit auf Erden! Dieses reizende Wesen, diese sanfte Kleine, dieser

Himmel – war mein Tyrann, war der unerträgliche Peiniger meiner Seele!

Würde ich mich doch selbst anschwärzen, wenn ich das nicht sagte! Sie

glauben vielleicht, daß ich sie nicht geliebt habe? Wer kann mir sagen,

ich hätte sie nicht geliebt? Sehen Sie: hieraus wurde boshafte Ironie

des Schicksals und der Natur! Wir sind verflucht, das Leben der Menschen

ist verflucht! – meines noch ganz besonders! – Ich begreife jetzt, daß

ich mich hierbei in irgend etwas versehen hatte! Hierbei kam etwas

_nicht so_ heraus. Alles war doch so klar, so klar wie der Himmel war

mein Plan: „Hart, stolz, braucht niemandes moralischen Trost, leidet

schweigend.“ So war’s ja auch, ich log doch nicht, ich log doch

wahrhaftig nicht! „Sie wird dann selbst die Hochherzigkeit entdecken,

nur versteht sie vorläufig noch nicht, sie zu bemerken; doch wenn sie

das irgend einmal errät, so wird sie es dann zehnfach zu schätzen wissen

und in den Staub vor mir niederknieen, mit betend gefalteten Händen.“ –

Das war der Plan! Aber hier mußte ich etwas vergessen oder aus dem Auge

gelassen haben. Irgend etwas habe ich hier nicht zu machen verstanden.

Doch genug, genug! Und wen soll ich denn jetzt um Verzeihung bitten?

Ist’s aus, dann ist’s aus. Mutiger, Mensch, und sei stolz! Nicht du

trägst die Schuld! ...

Nein, ich sage die Wahrheit, ich fürchte mich nicht, vor das Angesicht

der Wahrheit hinzutreten: _sie_ trägt die Schuld daran, _sie_ trägt die

Schuld! ...

Sämtliche Werke 20 · 第 35 / 46 题