Kann nicht schlafen. Wie soll ich denn: die ganze Zeit über tuckt mir
irgend ein Puls im Kopf. Ich will alles erfassen, die ganze
Schändlichkeit. Oh, aus welch einem Schmutz ich sie damals herauszog!
Das mußte sie doch begreifen und meine ganze Handlung schätzen! ... Auch
gefielen mir verschiedene Gedanken, wie zum Beispiel, daß ich
einundvierzig war, sie aber erst sechzehn. Es bezauberte mich geradezu,
dieses Gefühl der Ungleichheit ... süß ist’s, so süß ist es ...
Ich wollte, zum Beispiel, daß die Trauung ^à l’anglaise^ sei, mit
höchstens zwei Zeugen, Lukerja und noch irgend jemand, und dann direkt
in den Waggon und so auf zwei Wochen nach Moskau in ein Hôtel (ich hatte
dort gerade Geschäftliches zu erledigen). Sie aber widersetzte sich dem
und ich war gezwungen, zu den Tanten zu fahren, um ihnen, als
Anverwandten, von denen ich sie erhielt, meine Aufwartung zu machen.
Schön, ich gab nach und den Tanten wurde die nötige Ehrerbietung
erwiesen, so wie sich’s gehört. Ich gab diesen Kreaturen sogar
zweihundert Rubel, jeder von ihnen hundert, und versprach noch mehr zu
geben; versteht sich, ohne ihr etwas davon zu sagen, um sie nicht durch
die Niedrigkeit ihrer Umgebung zu kränken. Die Tanten wurden natürlich
sofort zuckersüß. Auch gab es Streit wegen der Aussteuer: sie hatte
nichts, fast buchstäblich nichts, aber sie wollte auch nichts.
Einstweilen jedoch gelang es mir, ihr klar zu machen, daß es ganz ohne
Sachen nicht ginge, und so kaufte ich also die Aussteuer, denn wer hätte
es sonst für sie tun sollen? Nun, ach zum Teufel mit mir ... Immerhin
fand ich noch Zeit, ihr einige meiner Gedanken auseinanderzusetzen,
damit sie sie wenigstens kennen lernte. Ich beeilte mich sogar mit dem
Auseinandersetzen. Das Wichtigste aber war, daß sie mir schon gleich zu
Anfang, wie sehr sie sich auch zu bezwingen suchte, ihre ganze Liebe
entgegenbrachte. Wenn ich des Abends angefahren kam, empfing sie mich
immer ganz begeistert, erzählte mir dann in ihrer kindlich-stammelnden
Weise – wie reizend war das an ihr! – ihre ganze erste Jugend, erzählte
von ihrem Elternhause, vom Vater und von der Mutter. Ich aber begoß
diese ganze Verzückung sofort mit kaltem Wasser. Gerade darin lag ja
mein ganzer Plan. Auf diese Ekstasen antwortete ich mit Schweigen, mit
wohlwollendem, natürlich, ... aber sie begriff doch bald, daß wir
verschiedene Menschen waren und ich – ein Rätsel. Das aber wollte ich
doch gerade, das bezweckte ich ja nur – ein Rätsel scheinen! Um ihr
dieses Rätsel zu raten zu geben, – hatte ich ja vielleicht die ganze
Dummheit ausgedacht! Erstens: Strenge, – damit führte ich sie auch in
mein Haus. Kurz, damals dachte ich mir ein ganzes System aus. Oh, das
ergab sich eigentlich ohne jede Anstrengung ganz von selbst. Und es war
doch anders gar nicht möglich, ich mußte doch dieses System schaffen, –
gezwungen durch eine unabweisbare Tatsache ... Ich weiß wirklich nicht,
warum ich mich da immer noch selbst beschuldige! Ein wirklich erlebtes
System war’s. Nein, hören Sie mal, wenn man schon einmal einen Menschen
beurteilt, so muß man es nur mit Kenntnis aller Umstände tun ... Hören
Sie:
... Wie soll man da eigentlich beginnen? ... Das ist nicht so leicht zu
erzählen. Sobald man anfängt sich zu rechtfertigen – wird es sofort
schwer. Sehen Sie: Die Jugend verachtet z. B. – das Geld. Ich aber legte
sofort Gewicht auf das Geld, betonte es fortwährend, so daß sie immer
mehr und mehr verstummte. Sie machte große, verwunderte Augen, hörte,
sah und – verstummte ... Sehen Sie mal: Die Jugend ist hochherzig, d. h.
gute Jugend, hochherzig, aber heftig: hat wenig Duldsamkeit. Ist etwas
auch nur ein wenig anders, so wird es sofort verachtet. Ich aber wollte
ihr das „Alles-verstehen“ direkt ins Herz einimpfen, direkt in die
Auffassung ihres Herzens, – nicht wahr? Nehmen wir nun ein triviales
Beispiel: wie hätte ich diesem Charakter, sagen wir, meinen freiwillig
erwählten Beruf erklären sollen? Ich fing natürlich nicht direkt an,
davon zu sprechen; sonst hätte es ja geschienen, daß ich seinetwegen um
Verzeihung bäte, ich aber handelte stolz, sprach durch Schweigen. Oh,
darin bin ich Meister! Habe mein ganzes Leben lang schweigend
gesprochen, habe mit mir selbst ganze Tragödien schweigend durchlebt.
Oh, auch _ich_ war doch unglücklich! Ich war von allen verstoßen,
verstoßen und vergessen, und keiner, kein einziger wußte das! Und
plötzlich schnappte diese Sechzehnjährige von gemeinen Menschen
Klatschgeschichten über mein Leben auf und glaubte, daß sie bereits
alles wisse, während doch das Kostbare, der Schatz, einzig in der Brust
dieses Menschen selbst verschlossen blieb! Ich schwieg die ganze Zeit
über und besonders, besonders wenn ich mit ihr zusammen war, schwieg ich
– bis auf den gestrigen Tag! – Warum ich schwieg? Weil ich eben ein
stolzer Mensch war. Ich wollte, daß sie das selbst begriff, ohne mein
Dazutun, aber nicht aus den Erzählungen gemeiner Klatschbasen, sondern
daß sie diesen Menschen _selbst erriet_ und ihn begriff! Als ich sie in
mein Haus nahm, verlangte ich von ihr volle Achtung meiner Person
gegenüber. Ich wollte, daß sie mich für meine Leiden anbetete – und ich
war’s wert. Oh, ich bin immer stolz gewesen, ich habe immer entweder
alles – oder nichts gewollt! Und gerade, weil ich kein armseliges
Stückchen Glück, sondern ein ganzes, großes haben wollte – gerade
deswegen war ich gezwungen, so zu handeln. – „Errate selbst und werte
dann!“ Denn, nicht wahr, Sie müssen mir doch zugeben, wenn ich selbst
angefangen hätte, ihr zu erklären und vorzusagen, Finten zu machen und
Achtung zu erflehen, – dann wär’s doch gleichbedeutend gewesen, mit –
Almosen erbetteln ... Übrigens ... übrigens – wozu rede ich davon!
Dumm, dumm, dumm und nochmals dumm! Ich erklärte ihr damals in zwei
Worten, ohne Umschweife, unbarmherzig (ich betone es, daß es
unbarmherzig war), daß die Hochherzigkeit der Jugend an sich ja
wunderschön, aber – keine Kopeke wert sei. Warum nicht? – Weil sie ihr
billig zufällt, weil sie ihr zu Teil wird, noch bevor sie gelebt hat;
alles das sind, wie man zu sagen pflegt, „die ersten Eindrücke des
Seins“. Wollen wir aber mal erst abwarten, wie Ihr Euch in der Not
bewährt! Billige Hochherzigkeit ist immer leicht, billige Großmut immer
flach; sogar das Leben fortzugeben – auch das ist dann billig, denn da
kocht nur das junge Blut und schäumen die Kräfte des Überflusses.
Schönheit, Schönheit verlangt man leidenschaftlich! Nein, nehmt eine
andere Heldentat der Hochherzigkeit, die schwere, stille, unhörbare,
ohne Glanz, die, die viele, viele Opfer verlangt und keinen Tropfen Ruhm
einbringt, – wohl aber bittere Verleumdung; – wo der wertvollste Mensch
von der ganzen Welt als Schurke hingestellt wird, während er doch
ehrlicher ist, als alle Ehrenmänner der Welt zusammengenommen. – Nun,
versucht mal solch eine Heldentat zu vollbringen! – Nein, dafür werdet
Ihr danken! ... Ich aber, – ich aber habe mein ganzes Leben lang nichts
anderes getan, wie diese Heldentat – getragen.
Zuerst widersprach sie; ach Gott, wie sie mit mir stritt! Dann aber
verstummte sie allmählich, zuletzt sogar ganz. Nur die Augen öffnete sie
furchtsam weit, wenn sie mir zuhörte: so groß, groß waren diese Augen,
so aufmerksam. Und ... und plötzlich bemerkte ich ein Lächeln, ein
mißtrauisches, schweigsames, kein gutes ... Und mit diesem, mit diesem
selben Lächeln war’s, daß ich sie in mein Haus führte. Allerdings, sie
hatte sonst niemanden, zu dem sie hätte gehen können ...