III. Bin der edelste Mensch, glaub’s jedoch selbst nicht.

Kann nicht schlafen. Wie soll ich denn: die ganze Zeit über tuckt mir

irgend ein Puls im Kopf. Ich will alles erfassen, die ganze

Schändlichkeit. Oh, aus welch einem Schmutz ich sie damals herauszog!

Das mußte sie doch begreifen und meine ganze Handlung schätzen! ... Auch

gefielen mir verschiedene Gedanken, wie zum Beispiel, daß ich

einundvierzig war, sie aber erst sechzehn. Es bezauberte mich geradezu,

dieses Gefühl der Ungleichheit ... süß ist’s, so süß ist es ...

Ich wollte, zum Beispiel, daß die Trauung ^à l’anglaise^ sei, mit

höchstens zwei Zeugen, Lukerja und noch irgend jemand, und dann direkt

in den Waggon und so auf zwei Wochen nach Moskau in ein Hôtel (ich hatte

dort gerade Geschäftliches zu erledigen). Sie aber widersetzte sich dem

und ich war gezwungen, zu den Tanten zu fahren, um ihnen, als

Anverwandten, von denen ich sie erhielt, meine Aufwartung zu machen.

Schön, ich gab nach und den Tanten wurde die nötige Ehrerbietung

erwiesen, so wie sich’s gehört. Ich gab diesen Kreaturen sogar

zweihundert Rubel, jeder von ihnen hundert, und versprach noch mehr zu

geben; versteht sich, ohne ihr etwas davon zu sagen, um sie nicht durch

die Niedrigkeit ihrer Umgebung zu kränken. Die Tanten wurden natürlich

sofort zuckersüß. Auch gab es Streit wegen der Aussteuer: sie hatte

nichts, fast buchstäblich nichts, aber sie wollte auch nichts.

Einstweilen jedoch gelang es mir, ihr klar zu machen, daß es ganz ohne

Sachen nicht ginge, und so kaufte ich also die Aussteuer, denn wer hätte

es sonst für sie tun sollen? Nun, ach zum Teufel mit mir ... Immerhin

fand ich noch Zeit, ihr einige meiner Gedanken auseinanderzusetzen,

damit sie sie wenigstens kennen lernte. Ich beeilte mich sogar mit dem

Auseinandersetzen. Das Wichtigste aber war, daß sie mir schon gleich zu

Anfang, wie sehr sie sich auch zu bezwingen suchte, ihre ganze Liebe

entgegenbrachte. Wenn ich des Abends angefahren kam, empfing sie mich

immer ganz begeistert, erzählte mir dann in ihrer kindlich-stammelnden

Weise – wie reizend war das an ihr! – ihre ganze erste Jugend, erzählte

von ihrem Elternhause, vom Vater und von der Mutter. Ich aber begoß

diese ganze Verzückung sofort mit kaltem Wasser. Gerade darin lag ja

mein ganzer Plan. Auf diese Ekstasen antwortete ich mit Schweigen, mit

wohlwollendem, natürlich, ... aber sie begriff doch bald, daß wir

verschiedene Menschen waren und ich – ein Rätsel. Das aber wollte ich

doch gerade, das bezweckte ich ja nur – ein Rätsel scheinen! Um ihr

dieses Rätsel zu raten zu geben, – hatte ich ja vielleicht die ganze

Dummheit ausgedacht! Erstens: Strenge, – damit führte ich sie auch in

mein Haus. Kurz, damals dachte ich mir ein ganzes System aus. Oh, das

ergab sich eigentlich ohne jede Anstrengung ganz von selbst. Und es war

doch anders gar nicht möglich, ich mußte doch dieses System schaffen, –

gezwungen durch eine unabweisbare Tatsache ... Ich weiß wirklich nicht,

warum ich mich da immer noch selbst beschuldige! Ein wirklich erlebtes

System war’s. Nein, hören Sie mal, wenn man schon einmal einen Menschen

beurteilt, so muß man es nur mit Kenntnis aller Umstände tun ... Hören

Sie:

... Wie soll man da eigentlich beginnen? ... Das ist nicht so leicht zu

erzählen. Sobald man anfängt sich zu rechtfertigen – wird es sofort

schwer. Sehen Sie: Die Jugend verachtet z. B. – das Geld. Ich aber legte

sofort Gewicht auf das Geld, betonte es fortwährend, so daß sie immer

mehr und mehr verstummte. Sie machte große, verwunderte Augen, hörte,

sah und – verstummte ... Sehen Sie mal: Die Jugend ist hochherzig, d. h.

gute Jugend, hochherzig, aber heftig: hat wenig Duldsamkeit. Ist etwas

auch nur ein wenig anders, so wird es sofort verachtet. Ich aber wollte

ihr das „Alles-verstehen“ direkt ins Herz einimpfen, direkt in die

Auffassung ihres Herzens, – nicht wahr? Nehmen wir nun ein triviales

Beispiel: wie hätte ich diesem Charakter, sagen wir, meinen freiwillig

erwählten Beruf erklären sollen? Ich fing natürlich nicht direkt an,

davon zu sprechen; sonst hätte es ja geschienen, daß ich seinetwegen um

Verzeihung bäte, ich aber handelte stolz, sprach durch Schweigen. Oh,

darin bin ich Meister! Habe mein ganzes Leben lang schweigend

gesprochen, habe mit mir selbst ganze Tragödien schweigend durchlebt.

Oh, auch _ich_ war doch unglücklich! Ich war von allen verstoßen,

verstoßen und vergessen, und keiner, kein einziger wußte das! Und

plötzlich schnappte diese Sechzehnjährige von gemeinen Menschen

Klatschgeschichten über mein Leben auf und glaubte, daß sie bereits

alles wisse, während doch das Kostbare, der Schatz, einzig in der Brust

dieses Menschen selbst verschlossen blieb! Ich schwieg die ganze Zeit

über und besonders, besonders wenn ich mit ihr zusammen war, schwieg ich

– bis auf den gestrigen Tag! – Warum ich schwieg? Weil ich eben ein

stolzer Mensch war. Ich wollte, daß sie das selbst begriff, ohne mein

Dazutun, aber nicht aus den Erzählungen gemeiner Klatschbasen, sondern

daß sie diesen Menschen _selbst erriet_ und ihn begriff! Als ich sie in

mein Haus nahm, verlangte ich von ihr volle Achtung meiner Person

gegenüber. Ich wollte, daß sie mich für meine Leiden anbetete – und ich

war’s wert. Oh, ich bin immer stolz gewesen, ich habe immer entweder

alles – oder nichts gewollt! Und gerade, weil ich kein armseliges

Stückchen Glück, sondern ein ganzes, großes haben wollte – gerade

deswegen war ich gezwungen, so zu handeln. – „Errate selbst und werte

dann!“ Denn, nicht wahr, Sie müssen mir doch zugeben, wenn ich selbst

angefangen hätte, ihr zu erklären und vorzusagen, Finten zu machen und

Achtung zu erflehen, – dann wär’s doch gleichbedeutend gewesen, mit –

Almosen erbetteln ... Übrigens ... übrigens – wozu rede ich davon!

Dumm, dumm, dumm und nochmals dumm! Ich erklärte ihr damals in zwei

Worten, ohne Umschweife, unbarmherzig (ich betone es, daß es

unbarmherzig war), daß die Hochherzigkeit der Jugend an sich ja

wunderschön, aber – keine Kopeke wert sei. Warum nicht? – Weil sie ihr

billig zufällt, weil sie ihr zu Teil wird, noch bevor sie gelebt hat;

alles das sind, wie man zu sagen pflegt, „die ersten Eindrücke des

Seins“. Wollen wir aber mal erst abwarten, wie Ihr Euch in der Not

bewährt! Billige Hochherzigkeit ist immer leicht, billige Großmut immer

flach; sogar das Leben fortzugeben – auch das ist dann billig, denn da

kocht nur das junge Blut und schäumen die Kräfte des Überflusses.

Schönheit, Schönheit verlangt man leidenschaftlich! Nein, nehmt eine

andere Heldentat der Hochherzigkeit, die schwere, stille, unhörbare,

ohne Glanz, die, die viele, viele Opfer verlangt und keinen Tropfen Ruhm

einbringt, – wohl aber bittere Verleumdung; – wo der wertvollste Mensch

von der ganzen Welt als Schurke hingestellt wird, während er doch

ehrlicher ist, als alle Ehrenmänner der Welt zusammengenommen. – Nun,

versucht mal solch eine Heldentat zu vollbringen! – Nein, dafür werdet

Ihr danken! ... Ich aber, – ich aber habe mein ganzes Leben lang nichts

anderes getan, wie diese Heldentat – getragen.

Zuerst widersprach sie; ach Gott, wie sie mit mir stritt! Dann aber

verstummte sie allmählich, zuletzt sogar ganz. Nur die Augen öffnete sie

furchtsam weit, wenn sie mir zuhörte: so groß, groß waren diese Augen,

so aufmerksam. Und ... und plötzlich bemerkte ich ein Lächeln, ein

mißtrauisches, schweigsames, kein gutes ... Und mit diesem, mit diesem

selben Lächeln war’s, daß ich sie in mein Haus führte. Allerdings, sie

hatte sonst niemanden, zu dem sie hätte gehen können ...

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