Alles, was ich über sie erfuhr, ist kurz folgendes: ihre Eltern waren
schon tot, vor drei Jahren gestorben und sie war bei – hm! – bei
unordentlichen Tanten zurückgeblieben. Es ist eigentlich zu milde, sie
bloß unordentlich zu nennen. Die eine von ihnen war Witwe, die andere
eine scheußliche alte Jungfer. Ihr Vater war ein kleiner Beamter
gewesen. Mit einem Wort: alles war günstig für mich. Ich kam wie aus
einer höheren Welt: immerhin war ich Hauptmann eines glänzenden
Regiments, wenn auch außer Diensten, war Edelmann, unabhängig u. s. w.,
und was meine Pfandkasse anbetrifft, nun, so konnten die Tanten vor ihr
nur Respekt haben. Bei den Tanten war sie drei Jahre lang in der
Sklaverei gewesen; trotzdem aber hatte sie irgendwo das Examen
bestanden, hatte es fertig gebracht, das Examen zu bestehn, sich die
Zeit dazu abgespart von ihrer täglichen unbarmherzigen Arbeit; – das
aber hatte doch etwas zu bedeuten, solch ein Streben nach dem Höheren
und Edleren! Warum wollte ich sie denn heiraten? Ach, übrigens, zum
Teufel mit mir, davon später ... Und handelt es sich denn darum! – Die
Kinder der Tante mußte sie unterrichten, Wäsche nähen und zum Schluß
sogar (sie mit ihrer schmalen Brust!) die Dielen scheuern!! Und zum Lohn
dafür haben sie ihr noch ihr tägliches Stück Brot vorgehalten und zu
guter Letzt ihr sogar Schläge verabreicht. Es endete damit, daß sie sie
einfach zu verkaufen beschlossen. Pfui Teufel! Den Schmutz der
Einzelheiten übergehe ich lieber ... Später hat sie mir alles
ausführlich erzählt.
Alles dieses beobachtete ein ganzes Jahr lang ihr Nachbar, ein dicker
Kaufmann, und zwar kein gewöhnlicher, sondern einer, der zwei
Kolonialwarenhandlungen besaß. Er hatte schon zwei Frauen unter die Erde
gebracht und suchte nun die dritte: und da war denn seine Wahl auf sie
gefallen. Hm –: „Sie ist still und sanft, in Armut aufgewachsen, ich
aber heirate nur, um meinen verwaisten Kindern eine Mutter zu geben“ –
und ähnliche schöne Worte – kennt man ... Er hatte tatsächlich Kinder
von den beiden ersten, zu Tode gequälten Frauen. Da bewarb er sich denn
um sie, hatte schon mit den Tanten gesprochen. Er war dabei fünfzig
Jahre alt. Sie in Angst, entsetzt! Und eben in dieser Zeit war es denn,
daß sie so oft zu mir kam, um in der „Stimme“ annoncieren zu können.
Endlich bat sie die Tanten, man möge ihr doch noch ein wenig, ein
kleines wenig Zeit zum Nachdenken geben. Nun, die gab man ihr denn
schließlich, aber nur ein wenig, ließ ihr keine Ruh –: „Wissen auch ohne
Deinen überflüssigen Mund nicht, was wir selber beißen sollen.“ Das
alles wußte ich bereits, und so entschloß ich mich denn, wie gesagt, zu
handeln. Das war an jenem Tage nach dem Gespräch am Vormittag. An jenem
Abend war gerade der Kaufmann gekommen und hatte aus seinem Geschäft ein
Pfund Konfekt – zu 50 Kopeken – mitgebracht. Sie saß mit ihm im
Gastzimmer, ich aber rief Lukerja aus der Küche und sagte ihr, sie solle
zu _ihr_ gehn und ihr heimlich zuflüstern, daß ich an der Hoftür sei und
ihr etwas sehr Wichtiges zu sagen wünschte. Ich war zufrieden mit mir.
Überhaupt war ich an jenem ganzen Tage ungemein zufrieden.
Und dort an der Hoftür erklärte ich ihr – die allein schon deswegen
verwundert war, daß ich, ein ihr ganz fremder Mensch, sie plötzlich
hatte rufen lassen – in Lukerjas Gegenwart, daß ich mich glücklich
schätzen würde und es mir als Ehre anrechnete, sie zu heiraten ...
Zweitens: sie solle sich nicht über mein Auftreten wundern, und daß ich
an der Hoftür, u. s. w. Hm, –: „bin ein aufrichtiger Mensch, trage den
Umständen Rechnung ...“ Und ich log nicht, als ich sagte, daß ich
aufrichtig bin. Nun, – zum Teufel damit! Sprach ich doch nicht nur wie
es sich gehört, wie ein wohlerzogener Mensch, sondern auch „originell“;
das aber ist ja die Hauptsache. Wie? – ist’s denn etwa Sünde, das zu
bekennen? Ich will mein eigener Richter sein; ich muß also ^pro^ und
^contra^ reden, und so tu ich’s denn. Auch später habe ich mich dessen
immer mit Genugtuung erinnert, wenn’s auch dumm ist. Ich erklärte ihr
damals unumwunden, ohne jede Verwirrung, daß ich, erstens, nicht
besonders talentiert, nicht besonders klug, vielleicht sogar nicht mal
besonders gut, ein ziemlich billiger Egoist sei (hab noch den Ausdruck
behalten, hatte ihn mir auf dem Wege dahin ausgedacht und war mit ihm
zufrieden), und es sehr, sehr leicht möglich sein könne, daß ich auch in
anderen Beziehungen sehr viel Unangenehmes habe. Das war alles mit einer
bestimmten Art von Stolz gesagt, – wir wissen ja, wie so etwas gesagt
wird. Selbstverständlich war ich nicht so geschmacklos, daß ich, nachdem
ich edelmütig meine Fehler aufgezählt hatte, nun auch anfing, meine
guten Seiten hervorzuheben, wie etwa: „dafür aber bin ich so und so und
so.“ Ich bemerkte sehr wohl, daß sie noch furchtbar bange war, ließ mich
aber doch nicht rühren; ja, umgekehrt, ich verschlimmerte noch
absichtlich: sagte ihr gerade heraus, daß sie immer satt zu essen haben
würde, aber Theater, Bälle, Toiletten – „davon gibt’s nichts, –
vielleicht später einmal, wenn ich mein Ziel erreicht habe.“ Dieser
strenge Ton bezauberte mich. Ich fügte noch hinzu, gleichfalls so
nebensächlich als möglich, daß ich, wenn ich auch solch eine
Beschäftigung gewählt hätte, es eben nur mit einem besonderen Ziel
getan, hm, – so aus einem ganz besonderen Grunde ... Glauben Sie mir,
ich habe doch selbst mein Leben lang diese Pfandkasse gehaßt, aber in
Wirklichkeit, – wenn’s auch lächerlich ist, sich selbst geheimnisvolle
Phrasen zu sagen, aber – „ich wollte mich doch an der Gesellschaft
rächen!“ Ja ja, – wirklich, wirklich, wirklich! So daß ihre spitze
Bemerkung am Vormittag darüber, daß ich mich „rächte“, doch nicht so
falsch gewesen war. Das heißt, sehen Sie mal: würde ich ihr einfach
gesagt haben: „Ja, ich räche mich an der Gesellschaft,“ so hätte sie
mich ausgelacht, so wie vorhin am Morgen, und es wäre auch wirklich
lächerlich gewesen. Nun aber, mit einer indirekten Anspielung, so mit
einer geheimnisvollen Phrase, – damit konnte man, wie es sich erwies,
leicht die Einbildungskraft bestechen. Zudem fürchtete ich damals ja
schon nichts mehr: ich wußte doch, daß ihr der dicke Kaufmann jedenfalls
widriger war, als ich, und daß ich, als ich an der Hoftür stand, wie ein
Befreier erschien. Das begriff ich doch. Oh, die Gemeinheit begreift der
Mensch vorzüglich! Aber – war’s denn wirklich Gemeinheit? Wie soll man
nun den Menschen richten? Liebte ich sie denn etwa nicht schon damals?
... Warten Sie: von Wohltat sagte ich ihr damals natürlich kein Wort; im
Gegenteil, oh, ganz im Gegenteil: „_ich_ bin’s, dem Wohltat erwiesen
wird, aber nicht Sie.“ So daß ich es sogar in Worten aussprach, konnte
mich nicht bezwingen und es kam vielleicht dumm heraus, denn ich
bemerkte ein flüchtiges Lächeln auf ihren Lippen. Doch so im Ganzen
gewann ich zweifellos. Warten Sie ... wenn man sich schon einmal diese
ganze Schändlichkeit ins Gedächtnis zurückruft, so will ich mich auch
noch der letzten Schändlichkeit erinnern: ... als ich so vor ihr stand
... schlich sich plötzlich ganz leise durch meine Gedanken: „Du bist
wohlgestaltet, schlank, gut erzogen und schließlich, ganz ohne Prahlerei
gesagt, bist nicht häßlich.“ Das war’s, das war’s, was in jenem
Augenblick in meinem Hirn spielte! Selbstverständlich sagte sie mir noch
dort unten an der Hoftür „_ja_“. Aber ... aber ich muß hinzufügen: dort
an der Hoftür dachte sie noch lange nach, bevor sie „ja“ sagte. So tief,
so tief dachte sie nach, daß ich schon beinahe fragen wollte: „nun,
wie?“ – ja, ich tat’s ja auch, konnt’s nicht zurückbehalten. „Nun, wie
denn?“ fragte ich, ja ja, gerade mit „denn“, ich weiß es noch ganz
genau!
... Warten Sie, ich werde nachdenken ...
... Und solch ein ernstes Gesichtchen machte sie, solch ein ... – daß
ich schon damals hätte begreifen können! Ich aber fühlte mich gekränkt.
„Sollte sie wirklich,“ dachte ich, „noch zwischen mir und dem Krämer
wählen?“ Oh, damals begriff ich noch nichts! Nichts, nichts begriff ich
damals! Bis auf den heutigen Tag habe ich nichts begriffen! Ich weiß
noch: Lukerja kam mir nachgelaufen, hielt mich mitten auf der Straße auf
und sagte atemlos: „Gott wird’s Ihnen lohnen, Herr, daß Sie unser liebes
Fräuleinchen nehmen! Nur sagen Sie ihr das ja nicht, sie ist so stolz
...“
Nun, – stolz! Liebe selbst, dachte ich, die Kleinen, Stolzen. Die
Stolzen sind ganz besonders schön, wenn ... nun, wenn man an seiner
Macht über sie nicht mehr zweifelt, – wie? Oh niedriger, ungeschickter
Mensch! Wie war ich zufrieden! Wissen Sie, als sie damals an der Hoftür
stand und nachdachte, ob sie „ja“ sagen sollte oder nicht, und ich mich
über dieses Bedenken wunderte, – wissen Sie auch, daß sie damals sogar
solch einen Gedanken hätte haben können, wie: „Wenn schon einmal
Unglück, hier wie dort, sollte es da nicht besser sein, das größere
Unglück zu wählen, also den dicken Kaufmann? Mag der mich schneller in
der Trunkenheit totprügeln!“ – Wie? Was meinen Sie, hätte sie solch
einen Gedanken haben können?
Doch auch jetzt verstehe ich nicht ... selbst jetzt verstehe ich nichts!
Soeben habe ich gesagt, daß sie diesen Gedanken hätte haben können: das
größere Unglück zu wählen, das wäre – etwa der dicke Kaufmann –? Wer
aber war ihr damals widerlicher: – ich oder der Kaufmann? Der Kaufmann
oder der Goethe zitierende Pfandleiher? Das ist noch eine Frage! ... Was
für eine Frage? Und das verstehst Du nicht? – Die Antwort ist doch
sonnenklar, Du aber sagst, es sei noch eine Frage! Ach, zum Teufel mit
mir! Nicht um mich handelt es sich jetzt ... Doch, bei der Gelegenheit:
was ist denn jetzt für mich wichtig: – handelt es sich nun um mich oder
nicht? Ach, diese Frage, die kann ich überhaupt nicht beantworten ...
Besser, ich lege mich schlafen. Mein Kopf tut mir weh.