lange Nasen. Ich bemerkte es denn auch sofort und war darob nicht wenig
verwundert, bezwang mich aber. Da kam plötzlich zu meinem Unglück – oder
vielleicht auch zu meinem Glück – wie kalter Schnee auf’s Haupt, in
unser Städtchen ein Remonteoffizier hereingesaust. Nun, wissen Sie,
seine Aufgabe wurde ihm nicht allzu schwer gemacht, Kavallerieplänkelei
... wenn er sich nur nicht bei Fedossei Nikolajitsch so festgesetzt
hätte, saß wie eine Kugel in der Wand! Ich, der langjährige Hausfreund
war vergessen ... und, wissen Sie, dumme Angewohnheit: nehme Fedossei
Nikolajitsch bei Seite und erkläre ihm so und so, warum denn gleich
beleidigen! Da ich doch in gewissem Sinne schon wie ein Sohn war ... Das
Väterliche, das Väterliche ... ach, nun ja, das heißt, ich meine, wie
soll ich’s denn abwarten!? Nun, er antwortete mir, das heißt, er
erzählte mir ein ganzes Poem in zwölf Liedern und Gesängen, schon allein
vom Zuhören fließt es einem wie Honig über die Seele, man leckt sich
bloß die Lippen. Fragst Du Dich aber nach dem Sinn der Worte, so stehst
Du wie ein Ochs am Berg: der Schuft dreht sich wie ein Aal, bleibt
nirgends stecken, geht ölglatt über alle Hindernisse hinweg. Mit einem
Wort, ein Talent hatte er, sag ich Ihnen, ein Talent, daß einem angst
und bange wurde, wirklich eine phänomenale Begabung! Weder ja noch nein,
denk Dir, was Du willst. Nun, Sie können sich denken, was ich mir
dachte! Schleppe ihr Romanzen zu, bringe Konfekt und brüte Witzchen aus,
seufze und stöhne, Ach und Weh, mein Herz schmerzt mir vor Liebe, sage
ich und weine Tränen, mache heimliche Geständnisse. Dumm ist der Mensch!
Der Alte hatte ja nicht in den Kirchenbüchern nachgeschlagen, wußte also
nicht, daß ich dreißig Jahre alt war! Fehlt noch! Wollte schlau sein!
Aber meine Sache glückte mir nicht, Spott und Gelächter rund um mich
herum ... da packte mich die Wut und preßte mir die Kehle zu. Ich ging
davon, gedachte in dieses Haus nie mehr meinen Fuß zu setzen – und die
Sache anzugeben. Ich gebe es zu, daß es gemein von mir war, den Freund
angeben zu wollen, aber Material dazu war viel vorhanden, kostbares
Material, wäre eine kapitale Sache gewesen! Tausendfünfhundert brachte
es mir ein, als ich es gegen Papierscheine eintauschte!“
„Ah! Da haben wir die Sporteln!“
„Ja, mein Herr, das wären Sporteln gewesen, die mir ein käuflicher
Mensch bezahlt hätte! Und das wäre doch wirklich keine Sünde gewesen.
Aber ich werde meine Erzählung jetzt wieder aufnehmen: wie Sie sich
vielleicht noch erinnern, zog er mich halbtot, also nur halb lebendig
ins Teezimmer; man empfängt mich: alle scheinen sie beleidigt, das
heißt, nicht gerade beleidigt, sondern so betrübt zu sein, daß es schon
einfach ... Mit einem Wort, niedergeschlagen, ganz niedergeschlagen, auf
ihren Gesichtern lag eine Feierlichkeit, sag’ ich Ihnen, eine Trauer in
ihren Blicken, so etwas Väterliches, Verwandtschaftliches ... der
verlorene Sohn kehrte wieder zurück. Kurz, man setzte sich an den Tisch,
um Tee zu trinken: mir selbst kochte ein Samowar in der Brust, meine
Füße waren eiskalt: ich zitterte, betete! Marja Fominischna, seine
Gemahlin, Hofrätin – jetzt ist sie Frau Kollegienrat – redete mich
sofort mit _Du_ an: ‚Warum bist Du, Väterchen, so abgemagert?‘ fragte
sie. – ‚Nur so, bin erkältet, Marja Fominischna,‘ sage ich ... das
Stimmchen zitterte mir. Und sie beginnt sofort, mir nichts, dir nichts,
die Sachen abzuwickeln, solch eine Viper: daß augenscheinlich wohl das
Gewissen mich quäle. ‚Unser verwandtschaftliches Salz und Brot, das Du
verraten wolltest, meine blutigen Tränen, die ich vergossen habe,
brennen Dir wohl auf dem Herzen‘. Bei Gott, das sagte sie, gegen ihr
eigenes Gewissen sagte sie das! Ein verwegenes Weib war sie! Saß da am
Tisch und goß den Tee ein. Warte, dachte ich, wenn Du auf dem Markt
wärest, würdest Du alle anderen Weiber überschreien. Solch eine war
unsere Hofrätin. Und zu meinem Unglück trat jetzt noch die Tochter Marja
Fedossejewna mit ihrer ganzen Unschuld ins Zimmer, ein wenig bleich, die
Äuglein wie von Tränen gerötet – ich war vernichtet, auf der Stelle
vernichtet! Später erfuhr ich es, daß sie die Tränen wegen des
Remonteoffiziers vergossen hatte: der hatte sich heimlich aus dem Staube
gemacht, die Flucht auf seine Weise ergriffen, denn es war für ihn Zeit
geworden, den Rückzug anzutreten ... doch war’s nicht etwa ein Befehl
von oben gewesen, der ihn dazu gezwungen hatte. Nein ... nachher erst
bemerkten es die Eltern, aber was war dann noch zu machen? Mußten das
Unglück in aller Stille beseitigen! ... Ich aber, ich war, als ich sie
erblickte, einfach vernichtet, ich griff nach meinem Hut, wollte so
schnell als möglich spurlos verschwinden ... aber man nahm mir den Hut
fort ... Ich wollte schon ohne Hut auf und davon – man schloß die Tür
zu, man lächelte, man blinzelte sich gegenseitig zu, – ich wurde ganz
konfus, ich stammelte irgend etwas, sprach vom Liebesgotte Amor: sie,
das Täubchen, setzte sich ans Klavier und sang in traurigen beleidigten
Tönen eine Romanze von einem Husaren, der sich auf seinen Säbel stützte.
Großer Gott! – ‚Ach, alles, alles soll vergessen sein, komm in meine
Arme!‘ rief mir plötzlich Fedossei Nikolajitsch zu. Ich, wie ich da war,
fiel mit meinem Gesicht auf seine Weste. ‚Mein Wohltäter, mein
leiblicher Vater,‘ rief ich und weinte heiße Tränen. Mein Gott! Die
Folgen waren fürchterlich! Er weinte, die Frau weinte, Maschenka weinte
... und noch eine blonde Dame war dort, und auch die weinte ...
plötzlich krochen aus allen Ecken und Enden Kinder hervor – Gott hatte
sein Haus gesegnet! – und auch die brüllten mit ... wieviel Tränen,
wieviel Verzeihen, welch eine Freude, einen Verlorenen brachte man
zurück, ich wurde beweint, wie ein Soldat, der in die Heimat
zurückkehrt! Man reichte Süßigkeiten herum, spielte Pfänderspiele und
blinde Kuh: ‚Oh, wie es schmerzt‘! – ‚Was schmerzt?‘ – ‚Das Herz!‘ –
‚Warum?‘ Sie wird rot, das Täubchen! Der Alte und ich tranken darauf
einen Punsch, – man ging endlich auseinander und hatte mich vollständig
eingezuckert ... Ich kehrte zu meiner Großmutter zurück. Mein Kopf ging
mir rund; auf dem ganzen Wege hatte ich vor mich hingelächelt, zu Hause
ging ich zwei geschlagene Stunden in meinem Zimmer auf und ab, weckte
die Alte auf, teilte ihr all mein Glück mit. ‚Hat er Dir das Geld
gegeben, der Räuber?‘ – ‚Hat gegeben Großmütterchen, hat gegeben, meine
Liebe, das Glück ist bei uns eingezogen, öffne nur die Arme!‘ – ‚Nun,
jetzt heirate aber, jetzt ist es Zeit, daß Du heiratest,‘ sagt mir die
Alte, ‚meine Gebete sind erhört worden‘. Ich weckte Ssofron. ‚Ssofron,
zieh’ mir die Stiefel aus! Nun, Ssofroscha! Jetzt kannst Du mir
gratulieren, kannst mich umarmen! Ich heirate einfach, Brüderchen, ich
heirate, kannst Dich morgen betrinken, kannst einmal durchgehn, liebe
Seele, so viel Du willst. Dein Herr heiratet!‘ Eitel Sonnenschein war in
meinem Herzen! ... Schon wollte ich einschlafen, aber wieder erhob ich
mich und dachte und dachte, und plötzlich ging es mir durch den Kopf:
morgen ist der erste April, solch ein heller, spielerischer Tag, wie
wär’ es – wenn? ... Und was glauben Sie, meine Herren, ich stand vom
Bett auf, zündete das Licht an und setzte mich an den Schreibtisch. Ich
war außer Rand und Band, hatte mich schon ganz vergessen, – wissen Sie,
meine Herren, wie es ist, wenn ein Mensch sich ganz im Spiel verliert?
Mit dem Kopf voran bin ich ins Unglück gerannt! Das liegt schon so im
Charakter: sie nehmen Dir etwas und Du gibst Ihnen alles, was Du sonst
noch hast. Sie geben Dir einen Backenstreich, Du aber bietest Ihnen zum
Vergnügen noch den ganzen Rücken hin. Sie zeigen Dir wie einem Hund ein
Stückchen Weißbrot, und Du greifst aus ganzer Seele und mit ganzem
Herzen mit Deiner dummen Pfote danach – und küßt Ihre Hände! Wenn das
wenigstens jetzt ... Meine Herren! Sie lachen und flüstern unter
einander, ich sehe es ja! Nachher, wenn ich Ihnen alle meine Geheimnisse
erzählt haben werde, so werden Sie über mich lachen, werden mich
hinausstoßen, ich aber werde Ihnen erzählen, erzählen, alles erzählen!
Wer hat mich dazu gezwungen! Wer hat es mir befohlen? Wer steht hinter
meinem Rücken und flüstert mir zu: erzähle, erzähle! Und ich erzähle und
krieche Ihnen damit in die Seele, als ob Sie meine leiblichen Brüder
oder Busenfreunde wären ... eh!“
Das Gelächter, das sich immer mehr und mehr verbreitete, übertönte
schließlich vollständig die Stimme des Erzählers, der wirklich in
Begeisterung geraten war; er hielt inne, seine Augen liefen einige
Minuten lang über die Versammlung hin, und plötzlich, wie vom Sturme
mitgerissen, fing er selbst zu lachen an, als ob er wirklich seine Lage
so lächerlich fand – und setzte dann erst wieder seine Erzählung fort:
„Ich schlief so gut wie überhaupt nicht, meine Herren; die ganze Nacht
fast kritzelte ich auf dem Papier herum; hatte mir einen Scherz
ausgedacht! Ach, meine Herren, wenn ich daran denke, so wird mir
schlecht zu Mut! Das kommt vom Nachtwachen, von verschlafenen Augen,
hatte mir da was ausgeheckt, was zusammengelogen! Am anderen Morgen
erwachte ich, hatte im ganzen nur zwei Stunden geschlafen, kleidete mich
an, wusch mich, frisierte und pomadisierte mich, zog mir einen neuen
Frack an und begab mich geradewegs zum Fest zu Fedossei Nikolajewitsch.
Das Papier hatte ich in den Hut gesteckt. Er empfing mich selbst mit
geöffneten Armen und wollte mich wieder an seine väterliche Weste
pressen. Ich aber nahm eine vornehme Haltung an und trat einen Schritt
zurück: ‚Nein, Fedossei Nikolajitsch, wollen Sie gefälligst dieses
Papier durchlesen,‘ sagte ich, und überreichte ihm das Papier, und
wissen Sie, was in dem Bericht enthalten war? Daß ein gewisser Ossip
Michailytsch aus diesen und jenen Gründen seinen Abschied einreicht, –
und unterzeichnet hatte ich es mit meinem vollen Rang und Namen! Großer
Gott, daß ich mir auch gerade das hatte ausdenken müssen! Klügeres
konnte mir natürlich nicht einfallen! Heute ist der erste April,
folglich werde ich mir den Spaß erlauben und eine Miene aufsetzen, als
ob ich mich noch gekränkt fühlte und mich über Nacht bedacht hätte, daß
ich Euch, meine verwandtschaftlichen Wohltäter und Eure Tochter
überhaupt nicht brauche; das Geld habe ich mir gestern in die Tasche
gesteckt, bin daher versorgt und reiche jetzt meinen Abschied ein.
Möchte vielleicht unter solch einem Vorgesetzten wie Fedossei
Nikolajitsch nicht dienen! Werde mir einen anderen Dienst suchen und
dann die Denunziation doch einreichen. Zu solch einem Schurken machte
ich mich, um sie zu erschrecken! Da war denn Grund genug vorhanden, um
erschrocken zu sein! Seit dem vergangenen Tage hing ich mit ganzem
Herzen an ihnen; werde mir einen Familienscherz erlauben, dachte ich,
werde das väterliche Herz Fedossei Nikolajitschs beängstigen ...
Er griff sofort nach dem Papier, öffnete es und ich sah, wie seine ganze
Physiognomie sich veränderte. ‚Wa–a–s, Ossip Michailytsch?‘ – ‚Erster
April! Prost Fest, Fedossei Nikolajitsch!‘ sage ich ihm wie ein
Dummkopf. Das heißt, wie ein kleiner Junge, der sich hinter dem Stuhl
der Großmutter versteckt hat und plötzlich um sie zu erschrecken ihr aus
vollem Halse Kikiriki ins Ohr schreit! Ja ... man schämt sich einfach,
so was zu erzählen, meine Herren! Nein, ich werde lieber nicht mehr
fortfahren ...!“
„Aber nein, weiter, weiter!“
„Nein, nein, erzählen Sie doch! Nein, unbedingt erzählen Sie, erzählen
Sie!“ tönte es von allen Seiten.
„Nun, meine Herren, man ächzte und seufzte und saß über mich zu Gericht.
Ein Schelm sei ich, und ein Spaßvogel sei ich und ich hätte sie so
erschreckt und so viel Süßes hörte ich, daß ich mich selbst schämte und
mit Schrecken daran dachte: ‚wie kann solch ein Sünder wie ich, solch
einen heiligen Platz einnehmen!‘ – ‚Nun, mein Werter,‘ quiekte die
Hofrätin, ‚hast mich so erschreckt, daß mir noch jetzt die Kniee zittern
und ich mich kaum auf den Füßen halten kann! Wie eine Halbwahnsinnige
lief ich zu Maschenka und frage sie, was wird aus uns werden! Sieh, als
was der Deinige sich entpuppt! So sündigte ich, mein Lieber, mußt mir
Alten schon verzeihen! Nun, dachte ich: gestern Abend ist er spät nach
Hause gekommen, hat sich’s dann noch überlegt, schien ihm vielleicht,
daß wir ihm gestern zu sehr den Hof gemacht, ihn beeinflußt haben. Laß
gut sein, Maschenka, brauchst mir nicht abzuwinken, Ossip Michailytsch
ist uns ja doch kein Fremder, und ich bin Deine Mutter, werde schon
nichts Unnötiges sagen! Gott sei Dank, lebe ja doch nicht erst seit
zwanzig Jahren auf der Welt, sondern schon seit ganzen fünfundvierzig!‘
...“
„Nun, was glauben Sie, meine Herren, ich wäre ihr beinahe zu Füßen
gestürzt! Man weinte wieder Tränen der Freude und umarmte sich, erlaubte
sich Scherzchen. Fedossei Nikolajitsch dachte sich auch einen
Aprilscherz aus! Er sagte, daß ihm der Vogel Phönix in seinem
brillantenen Schnabel einen Brief gebracht hätte. Man lachte viel
darüber. Man schämt sich rein, es zu erzählen!“
„Nun, meine Herren, jetzt komme ich zum Schluß meiner Erzählung. Wir
lebten so noch einen Tag, den zweiten, den dritten, die ganze Woche; ich
war also Bräutigam. Die Ringe waren bestellt, der Tag schon festgesetzt,
man wollte es nur vorläufig noch nicht veröffentlichen, da man den
Revisor erwartete. Ich erwartete ihn besonders ungeduldig, er störte
mein Glück. Wenn man ihn doch schon wieder vom Halse hätte, dachte ich.
Fedossei Nikolajewitsch aber überließ mir unter Scherzen und Lachen alle
Arbeit: Rechnungen und Berichte zu schreiben, die Bücher zu vergleichen
und was noch mehr. Die schrecklichste Unordnung herrschte überall, alles
war rückständig, voll von Häkchen und Hindernissen. Nun, denke ich, tue
es für den Schwiegervater! Der aber kränkelte die ganze Zeit schon und
es wurde mit ihm von Tag zu Tag immer schlechter und schlechter. Ich
selbst aber war schon so abgemagert wie ein Streichhölzchen, arbeitete
die Nächte durch und fürchtete mich bereits, ganz zusammenzubrechen.
Wurde aber doch mit der Arbeit bis zum Termin fertig. Plötzlich schickt
man einen Boten nach mir, ich möge doch so schnell als möglich kommen,
Fedossei Nikolajitsch ginge es schlecht. Ich laufe hin, und zerbreche
mir schon unterwegs den Kopf, was da wohl los sein könnte? Mein Fedossei
Nikolajitsch sitzt, den Kopf mit Essigkompressen umwickelt, krächzt,
stöhnt, seufzt: Och und Ach! ‚Mein Werter, mein Lieber,‘ sagt er, ‚ich
sterbe, wem werde ich meine Küken überlassen?‘ Frau und Kinder
jammerten, Maschenka war in Tränen aufgelöst – nun, und ich selbst fing
an zu weinen! ‚Nein, Gott wird nicht so ungerecht sein, daß er meine
Familie für meine Sünden strafen wird,‘ sagte er. Darauf befahl er ihnen
allen, das Zimmer zu verlassen, die Tür zu schließen und uns allein zu
lassen. ‚Habe eine Bitte an Dich!‘ – ‚Welch eine?‘ – ‚So und so,
Brüderchen, würde im Grabe keine Ruhe haben: habe Geld nötig!‘ – ‚Wie
denn das?‘
Ich stotterte und erbleichte. ‚Ja, Brüderchen, mußte von eigenem Gelde
in die Kasse legen; ich, Brüderchen, spare nicht, wenn es sich um den
allgemeinen Nutzen handelt! Schone nicht einmal mein Leben! Glaube nicht
Schlechtes von mir, man hat mich bei Dir verleumdet ... Der Kummer um
Dich machte mir mein Haar ergrauen. Der Revisor wird erwartet und bei
Matwejeff fehlen sieben Tausend Rubel in der Kasse, _ich_ muß dafür
verantworten, wer denn sonst! Von mir wird man sie verlangen, und von
Matwejeff ist doch nichts zu holen! Habe schon so wie so genug von ihm!‘
‚Alle Heiligen,‘ denke ich, ‚welch ein Mensch, was für eine Seele!!‘ –
‚Ja,‘ sagt er, ‚an die Aussteuer und Mitgift meiner Tochter will ich
nicht rühren: das ist eine heilige Summe! Habe ja auch noch eigenes
Geld, aber das ist bei Leuten, von denen jetzt nichts zu erwarten ist!‘
Ich fiel vor ihm auf die Kniee. ‚Mein Wohltäter,‘ rief ich, ‚habe Dich
beleidigt und gekränkt. Verleumder haben über Dich Schlechtes ausgesagt,
nimm das Geld zurück, das Geld, das Du mir gegeben hast!‘ Er sieht mich
dankbar an und die Tränen fließen ihm über die Wangen. ‚Das hatte ich
von Dir erwartet, mein Sohn, stehe auf; damals vergab ich Dir um der
Tränen meiner Tochter willen, jetzt verzeiht Dir auch mein Herz! Du hast
mir meine Wunden geheilt, sei gesegnet bis in alle Ewigkeit!‘ Nun, meine
Herren, als er mich gesegnet hatte, lief ich fast auf allen Vieren nach
Haus und brachte ihm die Summe: ‚Hier, Väterchen, ist alles, nur fünfzig
Rubel habe ich davon ausgegeben!‘ ‚Tut nichts,‘ sagt er, ‚man muß nicht
alles so genau nehmen; die Zeit eilt, schreib’ nur einen Zettel älteren
Datums aus, daß Du 50 Rubel Gage vorausbittest ...‘ Nun, was, meine
Herren! Was glauben Sie! Ich schrieb den Zettel! ...“
„Nun, und – wie endete denn alles? ...“
„Wie ich den Zettel geschrieben hatte, meine Herren, geschah Folgendes.
Ganz früh am anderen Morgen erschien ein versichertes und versiegeltes
Paket, und was finde ich in ihm? Meine Entlassung! Also arbeite und
schinde Dich und dann kannst Du Deines Weges gehn!“
„Wie denn das?“
„Ja, habe gleichfalls aus voller Kehle geschrieen, meine Herren, wie das
möglich wäre! Ich dachte nach: Sollte der Revisor angekommen sein? ...
Mein Herz krampfte sich zusammen. So wie ich war, lief ich zu Fedossei
Nikolajitsch: ‚Was bedeutet das?‘ fragte ich. ‚Ja, wie denn, das ist
doch die erwünschte Entlassung!‘ – ‚Welche erwünschte Entlassung? Ich
weiß nichts davon.‘ –
‚Aber die Entlassung aus dem Dienst!‘ – ‚Ja, habe ich denn überhaupt ein
Entlassungsgesuch eingereicht?‘ – ‚Gewiß, am ersten April haben Sie Ihr
Entlassungsgesuch eingereicht.‘ – ‚Fedossei Nikolajitsch, sehen denn
meine Augen recht, hören denn meine Ohren recht?‘ – ‚Wie kommen Sie
darauf, so etwas zu fragen?‘ – ‚Oh, mein Gott!‘ – ‚Ja, mein Herr, es tut
mir sehr leid, daß Sie schon so früh Ihren Dienst verlassen wollen! Ein
junger Mensch muß dienen, aber Sie, mein Herr, scheinen Wind im Kopf zu
haben. Was das Attestat anbelangt, seien Sie unbesorgt, ich werde schon
dafür sorgen. Sie haben sich ja immer so gut aufgeführt!‘ – ‚Ich habe
doch nur gescherzt, Fedossei Nikolajitsch, hatte mir mit diesem Papier
nur einen Familienscherz erlauben ...‘ – ‚Wie das! Was für einen Scherz?
Scherzt man denn mit solchen Dingen? Für solche Scherze wird man Sie
noch einmal nach Sibirien schicken! Leben Sie wohl, ich habe keine Zeit
mehr. Der Revisor ist da, die Dienstpflichten gehn allem voran, Sie
können Domino spielen, wenn Sie wollen, wir aber müssen arbeiten. Ich
werde Sie schon wie es sich gehört attestieren. Übrigens, was ich sagen
wollte, ich habe das Haus von Matwejeff gekauft, werde daher in diesen
Tagen umziehen, so daß ich wohl hoffen kann, Sie ferner nicht mehr bei
mir zu sehn!‘ Ich lief nach Haus. ‚Wir sind verloren, Großmütterchen,
verloren!‘ Die Alte weinte, die Arme! Gleich darauf folgte der
Laufbursche von Fedossei Nikolajitsch mit einem Vogelbauer, in dem ein
Staar saß, und überreichte mir einen Zettel. Auf ihm stand: ‚_1. April_‘
– und weiter nichts. Nun, meine Herren, wie gefällt Ihnen meine
Erzählung?“
„Und was geschah denn weiter???“
„Was weiter geschah? Ich begegnete noch einmal Fedossei Nikolajitsch auf
der Straße, wollte ihm ins Gesicht sagen ...“
„Nun?“
„Aber ich brachte es doch nicht über die Lippen, meine Herren!“
Der ehrliche Dieb.
Aufzeichnungen.
Eines Morgens, als ich mich gerade anschickte, in den Dienst zu gehn,
trat Agrafena, meine Köchin, Wäscherin und Haushälterin, zu mir ins
Zimmer und begann zu meinem großen Erstaunen ein Gespräch mit mir.
Bis dahin war dieses alte Weib so schweigsam gewesen, daß sie außer den
paar Fragen täglich, was sie zum Mittag bereiten sollte u. s. w., fast
seit sechs Jahren kein einziges Wort gesprochen hatte. Wenigstens hatte
ich keines von ihr vernommen.
„Sehn Sie, Herr, ich bin zu Ihnen gekommen,“ begann sie hastig, „denn
Sie müssen die kleine Kammer vermieten.“
„Was für eine Kammer?“
„Die da, neben der Küche. Man weiß doch was für eine.“
„Warum?“
„Warum? Darum, weil Menschen doch vermieten. Man weiß doch warum.“
„Aber wer wird sie denn mieten?“
„Wer wird sie mieten! Ein Mieter. Das weiß man doch wer.“
„Aber dort, Mütterchen, kann man doch kein Bett hinstellen! Es ist doch
viel zu eng! Wer kann denn dort leben?“
„Warum dort leben! Wenn er nur irgendwo schlafen kann; leben wird er auf
dem Fensterbrett.“
„Auf welch einem Fensterbrett?“
„Das weiß man doch auf welch einem, als ob Sie es nicht wüßten! Auf dem
im Vorzimmer. Er wird dort sitzen, nähen oder sonst was tun. Aber er
kann ja auch auf dem Stuhle sitzen. Er hat einen Stuhl, auch ein Tisch
ist da, alles ist da.“
„Was ist er denn für Einer?“
„Ein erfahrener, ein solider Mensch ist er. Ich werde ihm das Essen
kochen, und für die Wohnung und für die Beköstigung werde ich drei Rubel
Silber monatlich nehmen ...“
Nach großen Anstrengungen erfuhr ich endlich, daß irgend ein älterer
Mensch Agrafena überredet hatte, ihn als Mieter und Pensionär
aufzunehmen. Was aber Agrafena sich einmal in den Kopf gesetzt hatte,
damit mußte man sich so schnell als möglich einverstanden erklären, denn
ich wußte es aus eigener Erfahrung, daß sie mir früher doch keine Ruhe
geben würde. Wenn ihr irgendetwas nicht nach Wunsch ging, so wurde sie
nachdenklich und verfiel zuletzt in eine tiefe Melancholie. Dieser
Zustand dauerte dann wenigstens zwei bis drei Wochen an und in dieser
Zeit war das Essen ungenießbar, die Wäsche nicht gewaschen und das
Zimmer nicht gesäubert, mit einem Wort es gab dann viel Unangenehmes.
Ich hatte schon längst bemerkt, daß diese schweigsame Frau nicht im
Stande war, von sich aus einen Entschluß zu fassen, geschweige denn auf
einen neuen ihr selbst angehörigen Gedanken zu kommen. Aber wenn sich in
ihrem schwachen Verstande einmal irgendetwas einer Idee oder gar einem
Entschluß Ähnliches festsetzte, so konnte man sie durch ein Verbot oder
einen Widerspruch auf einige Zeit moralisch vernichten. Weil ich nun um
alles in der Welt nicht in meiner Ruhe gestört sein wollte, so willigte
ich auch dieses Mal sofort ein.
„Hat er wenigstens irgendwelche Papiere, einen Paß oder so etwas?“
„Wie denn nicht? Man weiß doch, was er ist. Ein solider, erfahrener
Mensch. Drei Rubel hat er versprochen zu geben.“
Am anderen Morgen erschien also in meiner einfachen Junggesellenwohnung
der neue Einwohner, was mich genau genommen nicht einmal kränkte; im
Gegenteil, ich war innerlich sogar sehr zufrieden. Ich lebe einsam, wie
ein Einsiedler. Bekannte habe ich so gut wie überhaupt keine, selten
gehe ich aus. Zehn Jahre bin ich schon so allein. Freilich hatte ich
mich an die Einsamkeit gewöhnt, aber zehn, fünfzehn Jahre oder noch mehr
solcher Einsamkeit, mit solch einer Agrafena in solch einer
Junggesellenwohnung – ist eine farblose Perspektive. Unter solchen
Umständen ist denn ein friedlicher Mensch mehr – eine himmlische
Wohltat.
Agrafena hatte nicht gelogen: mein Einwohner war einer von den Soliden.
Nach dem Paß erwies es sich, daß er Soldat gewesen war, was ich freilich
auch ohnedem auf den ersten Blick erraten hatte. Das erkennt man sofort.
Also mein Einwohner Astaphij Iwanytsch war unter seinen Standesgenossen
einer der Besseren. Wir lebten gut zusammen. Das Beste war aber doch,
daß Astaphij Iwanytsch Geschichten und Erlebnisse aus seinem Leben zu
erzählen wußte. Bei der immerwährenden Langweile meines Lebens war solch
ein Erzähler einfach ein Schatz. Eine seiner Erzählungen machte auf mich
einen nachhaltigeren Eindruck, und so will ich sie denn hier
wiedergeben, und auch, bei welch einer Gelegenheit er sie mir erzählte.
Ich blieb einmal allein in der Wohnung. Astaphij wie auch Agrafena waren
ausgegangen. Plötzlich hörte ich aus meinem Zimmer, daß irgendjemand ins
Vorzimmer trat, wie es mir schien, ein Fremder; ich ging hinaus, und
tatsächlich war im Vorzimmer ein fremder Mensch, klein von Wuchs und
trotz der kalten Herbstzeit nur im Rock.
„Was suchst Du?“
„Den Beamten Alexandroff. Wohnt er hier?“
„Solch einen gibt es hier nicht, Brüderchen, adieu.“
„Wie denn, der Hausknecht hat mir doch gesagt, daß er hier ...“ murmelte
der Besucher und zog sich vorsichtig zur Tür zurück.
„Mach daß Du hinauskommst, mein Lieber.“
Am andern Tage nach dem Mittagessen, gerade als Astaphij Iwanytsch mir
meinen Rock anpaßte, den er mir ummachte, trat wieder Jemand ins
Vorzimmer. Ich öffnete ein wenig die Tür.
In diesem Augenblick nahm der gestrige Besucher vor meinen Augen meinen
Pelz vom Kleiderständer, steckte ihn unter den Arm und ging damit zur
Wohnung hinaus. Agrafena sperrte vor Erstaunen nur Mund und Augen auf,
tat aber sonst nichts zur Verteidigung meines Pelzes. Astaphij Iwanytsch
lief wohl dem Schurken nach, kehrte aber schon in zehn Minuten ganz
außer Atem und mit leeren Händen zurück. „Wie unter der Erde
verschwunden ist er!“
„Welch ein Pech! Ein Glück, daß er Ihnen noch den Mantel gelassen hat.
Er hätte uns ja sonst gänzlich aufs Trockene gesetzt, der Schuft!“
Astaphij Iwanytsch war aber so erschüttert, daß ich vor Verwunderung
über ihn den Diebstahl bald ganz vergaß. Er konnte es garnicht fassen,
wie das alles so hatte geschehen können. Jeden Augenblick legte er die
Arbeit wieder aus der Hand und begann von Neuem, die Sache zu erzählen:
wie das alles geschehen war, wie er gestanden, wie man vor seinen Augen,
zwei Schritte von ihm entfernt, den Pelz genommen hatte, und wie es
gekommen war, daß er ihn nicht hatte packen können. Nach einiger Zeit
setzte er sich an die Arbeit, aber es dauerte nicht lange und er warf
sie wieder fort. Bald darauf sah ich ihn zum Hausknecht laufen, um ihm
die ganze Geschichte zu erzählen, und ihm Vorwürfe zu machen, daß auf
seinem Hofe so etwas hatte geschehen können. Darauf kam er zurück und
schimpfte Agrafena aus, und als er sich dann wieder an die Arbeit
setzte, murmelte er noch lange vor sich hin: wie sich das alles
zugetragen, wie er _dort_ gestanden hätte und ich _dort_ und wie jener
vor seinen Augen, zwei Schritt von ihm entfernt, den Pelz genommen hatte
u. s. w. u. s. w.
Am Abend desselben Tages brachte ich ihm ein Glas Tee, um mir meine
Langeweile zu vertreiben, da ich wußte, daß er wieder vom gestohlenen
Pelz erzählen würde, was mich infolge der häufigen Wiederholung und
tiefempfundenen Aufrichtigkeit des Erzählers nachgerade ungemein
erheiterte.
„Man hat uns zum Besten gehabt, Astaphij Iwanytsch.“
„Zum Narren, Herr. Ja, selbst einen Unbeteiligten kränkt das, und die
Wut packt mich, wenn es auch nicht mein Mäntelchen war. Weiß Gott, es
gibt doch nichts Schändlicheres auf der Welt, als einen Dieb. Wie oft
stiehlt solch ein Dieb einem ehrlichen Menschen das Letzte fort, was er
sich mit Mühe und saurer Arbeit erworben hat, stiehlt ihm die Zeit, die
ganze Ersparnis fort ... Pfui! Man will gar nicht daran denken. Aber ist
es denn Ihnen um Ihr Gut nicht leid, Herr?“
„Ja, Du hast Recht, Astaphij Iwanytsch, es würde mir weniger leid tun,
wenn die Sache verbrannt wäre, aber sie so einem Diebe abtreten zu
müssen ist ärgerlich: das will man nicht.“
„Ja, das ist schon so, das will man nicht. Ein Dieb ist wie der andere
... Aber, wissen Sie, Herr, ich kannte einmal einen Dieb, der doch
ehrlich war.“
„Wie das ehrlich? Welch ein Dieb ist denn ehrlich, Astaphij Iwanytsch?“
„Das ist schon wahr, Herr! Welcher Dieb ist denn ehrlich, – solch einen
gibt es gar nicht. Ich wollte nur sagen, daß er ein ehrlicher Mensch
war, wenn er auch gestohlen hatte. Er konnte einem leid tun.“
„Wie ging denn das zu, Astaphij Iwanytsch?“
„Ja, Herr das war vor zwei Jahren. Ich war damals fast ein ganzes Jahr
ohne Stellung. Aber schon vorher, als ich noch im Dienst war, lernte ich
einen ganz verkommenen Menschen kennen. In der Volksküche trafen wir
uns. Solch ein Trunkenbold, Herumtreiber und Tagedieb war er; er hatte
irgendwo früher gedient, war aber seines Suffes wegen von seiner Stelle
verjagt worden. Solch ein Unwürdiger! Seine Kleider waren schon Gott
weiß wie! Oft wußte man wirklich nicht, ob er noch ein Hemd unter dem
Mantel anhatte: alles was er hatte, vertrank er. Dabei war er gar kein
Raufbold; war so still, so zärtlich und gut, nie bat er um etwas, immer
schämte er sich: aber man sah es ja, wie sehr der Arme trinken wollte
und gab ihm dann von selbst. Und so fanden wir uns zusammen, das heißt,
er hing sich mir an den Hals. Mir war alles gleich. Und was war das für
ein Mensch! Wie ein Hündchen hinter einem her, man geht hierhin,
dorthin, er folgt einem immer nach. Dabei hatten wir uns nur ein
einziges Mal gesehn. Solch ein Schwächling! Zuerst erlaube, daß er bei
Dir nächtigt – nun, ich ließ ihn: sein Paß war in Ordnung, auch der
Mensch ging an. Am anderen Tage, laß ihn wieder nächtigen, am dritten
kam er schon auf den ganzen Tag, saß bei mir auf dem Fenster und blieb
dann wieder zur Nacht. Nun, dachte ich, jetzt hast Du ihn auf dem Halse,
gib ihm zu trinken, zu essen und noch dazu ein Nachtlager. Jetzt hast
Du, der Du selbst arm bist, noch einen anderen zu ernähren. Früher hatte
er sich auch an einen Anderen gehängt, an einen Beamten. Sie tranken
zusammen und der Beamte trank sich bald zu Schanden und starb vor
Kummer. Diesen hier nannte man Emeljan Iljitsch. Ich dachte und dachte,
was soll ich mit ihm anfangen? Ihn fortjagen, dazu tat er mir zu leid:
solch ein erbärmlicher und verlorener Mensch, daß Gott erbarme! Solch
ein Stiller, Sanfter, fragt nichts, sitzt nur und sieht einem wie ein
Hündchen in die Augen. Wie der Suff doch einen Menschen herunterbringen
kann! Denke bei mir, werde ihm einfach sagen: gehe fort, Du
Emeljanuschka! hier hast Du nichts zu suchen; bist nicht auf den Rechten
gestoßen; habe bald selbst nichts mehr zu beißen, wie kann ich denn auch
noch Dich aus meinem Brotsack ernähren? Sitze und denke, was wird er
machen, wenn ich so was sage? Und ich stelle mir vor, wie er lange mich
ansehn wird und wie er dasitzt, ohne zuerst auch nur ein Wort zu
verstehen, wie er aber dann, wenn er es endlich verstanden hat, vom
Fenster aufsteht und sein Bündelchen nimmt – ich sehe es jetzt noch vor
mir, dieses rotkarrierte Bündelchen, voller Löcher, in dem weiß Gott was
eingebunden war und das er überall mit sich herumschleppte – wie er
seinen Mantel zurechtzieht, damit er etwas anständiger aussieht und man
die Löcher nicht sieht – solch ein feinfühliger Mensch war er! Dann
würde er die Tür öffnen und mit Tränen in den Augen hinausgehn. Ich kann
doch den Menschen nicht ganz zu Grunde gehn lassen ... mir tat er so
leid. Da dachte ich denn auch, was willst Du selbst bald beginnen! Warte
mal, denke ich bei mir, Emeljanuschka, nicht lange kannst Du bei mir
feiern: bald werde ich von hier fort müssen, dann wirst Du mich hier
nicht mehr vorfinden. Nun, Herr, so war es auch: Alexander
Philimonowitsch, mein Brotherr – jetzt ist er tot, ruh in Frieden seine
Seele! – sagte mir: ‚Ich bin sehr zufrieden mit Dir, Astaphij, wenn wir
vom Gut zurückkehren, werde ich Dich wieder beschäftigen, werde Dich
nicht vergessen.‘ Ich lebte bei ihm als Hausknecht, ein guter Herr war
es, leider starb er in diesem Jahr. Nun, wie also Emeljan fortgefahren
war, nahm ich mein Hab und Gut und mein bißchen Geld, zog zu einem alten
Mütterchen und mietete bei ihr einen Winkel, denn sie hatte nur noch
einen Winkel frei. Sie war irgendwo Amme gewesen, erhielt eine Pension
und lebte ganz allein. Nun, so dachte ich, leb’ jetzt wohl,
Emeljanuschka, lieber Mensch, wirst mich jetzt nicht mehr finden! Was
glauben Sie, Herr? Ich kam am Abend nach Haus, hatte einen alten
Bekannten besucht, und was sehe ich? Emelja sitzt bei mir auf meinem
Koffer, hat das karrierte Bündelchen neben sich, sitzt im Mantel und
erwartet mich! ... Von der Alten hat er sich sogar eine Bibel geben
lassen und so sitzt er und liest in ihr, hat aber das Buch umgekehrt
aufgeschlagen. Er hatte mich also doch gefunden! Ich ließ die Hände
sinken. Nun, dachte ich, jetzt ist schon nichts mehr zu machen, warum
habe ich ihn nicht schon früher fortgejagt? Und ich frage ihn nur
einfach: ‚Hast Du Deinen Paß mitgebracht, Emelja?‘
„Ich setzte mich dann hin, Herr, und fing an nachzudenken, wieviel
Beschwerden mir wohl solch ein Vagabund bereiten könnte. Ich dachte nach
und es schien mir nicht allzuviel. Er muß doch essen, sagte ich mir.
Nun, dachte ich, am Morgen ein Stückchen Brot, und damit es
schmackhafter ist, mit ein wenig Zwiebeln dazu. Um die Mittagszeit dann
auch wieder Brot mit Zwiebeln. Am Abend Zwiebeln mit Kwaß und auch noch
etwas Brot, wenn er Brot haben will. Hin und wieder noch eine Kohlsuppe,
dann werden wir ja beide bis zum Halse voll sein. Essen, nun ich esse
nicht viel und ein Trinker ißt ja, wie Sie wissen, überhaupt nichts.
Aber mit seinem Trinken wird er mich ja zum Äußersten bringen – doch da
kam mir, Herr, plötzlich was anderes in den Sinn und es packte mich
gewaltig. Wie wenn Emelja fortginge, ich wäre ja meines Lebens nicht
mehr froh! Da nahm ich es mir denn vor, sein Vater und Wohltäter zu
werden. Ich werde ihn, dachte ich, vor dem Verderben bewahren, werde ihn
vom Gläschen entwöhnen. Wart mal, dachte ich, gut, Emelja, bleibe hier,
aber ich sage Dir: daß Du Dich gut hältst! Und ich dachte bei mir: wir
wollen Dich schon an die Arbeit gewöhnen, braucht ja nicht gleich zu
sein, Du kannst noch ein wenig herumstreichen, ich werde inzwischen
zusehn und untersuchen, wozu Du, Emelja, Fähigkeiten besitzt. Weil doch,
Herr, zu jeder Arbeit im voraus eine menschliche Fähigkeit nötig ist.
Also, ich fing daraufhin an, ihn so im Stillen zu beobachten. Was sehe
ich: ein ganz verlorener Mensch bist Du, Emeljanuschka! Ich begann erst,
Herr, mit guten Worten: so und so, sage ich, Emeljan Iljitsch, wie wäre
es denn, wenn Du etwas mehr auf Dich geben würdest? Genug mit dem
Bummeln! Sieh Dich doch an, Du gehst ja schon in Lumpen! Dein Mantel,
mit Erlaubnis gesagt, ist ja beinahe schon ein Sieb, das geht nicht mehr
so weiter, es ist Zeit, sich seiner Ehre zu erinnern! Mein Emeljanuschka
sitzt da mit gesenktem Kopf. Was sagen Sie, Herr! Er war schon so weit
gekommen, daß er seine Sprache vertrunken hatte, daß er schon kein
gescheidtes Wort mehr sagen konnte! Spricht man ihm von Gurken, so redet
er von Bohnen. Nun, er hörte mir zu, lange hörte er mir zu und seufzt.
Was seufzt Du, frage ich ihn, Emeljan Iljitsch?
„‚Ja, so–o, nichts, Astaphij Iwanytsch, beunruhigen Sie sich nicht.
Wissen Sie, Astaphij Iwanytsch, heute haben sich zwei alte Weiber auf
der Straße geprügelt. Eine hatte der Anderen den Korb mit Moosbeeren aus
Versehn umgeworfen.‘
„Na, was ist denn dabei Neues?“
„‚Diese hat denn der Anderen absichtlich deren Korb umgestoßen und dann
hat sie mit den Füßen die Beeren zerstampft.‘
„Nun, und was weiter, Emeljan Iljitsch?“
„‚Nichts, Astaphij Iwanytsch, ich habe nur so ...‘
„Nichts, nur so. Ach, denke ich Emeljan, Emeljanuschka, hast Deinen Kopf
vertrunken!“
„‚Ein Herr hatte Papiergeld auf der Ecke der Gorochowaja und Ssadowaja
verloren. Ein Mann sah es und sagte: das habe ich gefunden; ein Anderer
sah es auch und sagte: nein, das habe ich gefunden! Ich habe es früher
als Du gesehn ... Und sie prügelten sich, Astaphij Iwanytsch. Ein
Schutzmann kam, hob das Geld auf und gab es dem Herrn zurück. Ihnen aber
drohte er, sie auf die Wache zu bringen.‘
„Nun, und was weiter? Was ist denn daran so Erbauliches, Emeljanuschka?“
„‚Ja, – ich nichts ... Das Volk lachte, Astaphij Iwanytsch.‘
„Ach, Du Emeljanuschka! Das Volk! Hast Deine Seele für einen kupfernen
Dreier verkauft. Weißt Du was, Emeljan Iljitsch, was ich Dir sagen
werde?“
„‚Was denn, Astaphij Iwanytsch?‘
„Nimm doch irgendeine Arbeit, wirklich, zum hundertsten Male sage ich es
Dir. Suche Dir einen Dienst, hab doch selbst Mitleid mit Dir!“
„‚Was soll ich denn für eine Anstellung suchen, Astaphij Iwanytsch? Ich
weiß doch nicht, was für eine ich nehmen soll, und mich nimmt ja doch
Niemand, Astaphij Iwanytsch.‘
„Warum hatte man Dich denn aus dem Dienst gejagt, Emelja, Du durstiger
Mensch, Du?“
„‚Wlasja, der Schenkwirt, ist heute ins Kontor gerufen worden, Astaphij
Iwanytsch.‘
„Warum hat man ihn denn gerufen, Emeljanuschka?“
„‚Das weiß ich nicht, Astaphij Iwanytsch. Es war wohl nötig so, man
hatte es verlangt ...‘
„Ach, denke ich, wir sind beide verloren, Emeljanuschka! Für unsere
Sünden wird uns Gott strafen! Nun, sagen Sie doch selbst, Herr, was kann
man mit solch einem Menschen anfangen?“
„Oh, es war ein schlauer Bursche! Er hörte mir ja zu, aber wurde es ihm
langweilig oder merkte er, daß ich böse wurde, so nahm er seinen Mantel
und verschwand einfach ... Den Tag über bummelte er dann und kam am
Abend betrunken nach Haus. Wer ihm zu trinken gab, woher er das Geld
dazu hernahm, – das weiß nur Gott allein; ich wußte es nicht!
„Nein, sage ich Emeljan Iljitsch, Du wirst bald nicht mehr im Stande
sein, Deinen Kopf zu tragen! genug getrunken, hörst Du, genug! Wenn Du
noch einmal betrunken heimkehrst, wirst Du auf der Treppe nächtigen. Ich
werde Dich nicht mehr hereinlassen! ...
„Nach dieser Drohung saß mein Emelja einen Tag und noch einen anderen
bei mir; am dritten Tag war er aber wieder verschwunden. Ich warte und
warte – er kommt nicht! Nein wirklich, Herr, ich sorgte mich um ihn, er
tat mir, weiß Gott, doch leid. Wo wird dieser armselige Mensch jetzt
hingekommen sein? Mein Gott, verliert sich am Ende noch ganz und gar. Es
wurde Nacht – er kommt immer noch nicht ... Am anderen Morgen gehe ich
auf die Treppe hinaus, und was sehe ich? – er hat dort übernächtigt. Den
Kopf hat er auf die Stufe gelegt und liegt da ganz erstarrt vor Kälte.
„Was tust Du, Emelja? Großer Gott, wo bist Du hingeraten?“
„‚Astaphij Iwanytsch, Sie waren doch böse auf mich, Sie sagten doch, ich
soll auf der Treppe schlafen ... so wagte ich nicht hineinzugehn,
Astaphij Iwanytsch, und legte mich hier schlafen ...‘
„Wut und Mitleid packten mich!
„Ach, Du Emeljan, wenn Du doch etwas anderes tun würdest, als Treppen
wischen!“
„‚Was denn sonst, Astaphij Iwanytsch?‘
„Wenn Du doch, Du verlorene Seele, sage ich – mich packte solch eine
Wut! Wenn Du doch wenigstens etwas schneidern lernen wolltest. Sieh
doch, was Du für einen Mantel hast! Nicht, daß er nur in Fetzen ist, Du
wischst auch noch die Treppen mit ihm! Wenn Du doch wenigstens eine
Nadel nehmen und Deine Löcher zustopfen würdest, wie es die Ehre
verlangt. Ach Du, Trunkenbold Du!“
„Und was glauben Sie, Herr! Er nahm eine Nadel. Ich hatte nur so im Zorn
gesprochen, er aber wollte sich doch bessern, wie es schien. Er zog
seinen Mantel aus und begann die Nadel einzufädeln. Ich sehe ihm zu;
nun, man weiß ja: die Augen entzündet und voll Eiter, die Hände zittern
– nichts zu wollen! Er steckt und steckt, der Faden geht nicht hinein;
wie er ihn auch leckt und steckt – vergeblich! Schließlich gibt er es
auf und sieht mich an ...
„Nun, Emelja, wolltest mir wohl einen Gefallen tun? Gott mit Dir, laß ab
von diesen Sünden! Sitze da, wenn Du willst, mach mir aber keine
Schande, wie auf der Treppe nächtigen! ...
„‚Was soll ich denn tun, Astaphij Iwanytsch; ich weiß es ja selbst, daß
ich immer betrunken bin und zu nichts tauge ... und nur Ihnen, meinem
Wo–Wo–Wohltäter das Herz schwer mache.‘
„Da fangen denn plötzlich seine blauen Lippen zu zittern an und ein
Tränchen rollt ihm über die bleiche Wange. Wie nun dieses Tränchen auf
seinem ungepflegten Bart erzittert, quillt plötzlich ein ganzer Sturz
von Tränen hervor ... Väterchen! Wie mit Messern schnitt mir das ins
Herz.
„Ach Du, gefühlvoller Mensch Du! Das hätte ich gar nicht von Dir
geglaubt! Wer hätte das denken, wer hätte das erraten können! ... Nein,
denke ich bei mir, Emelja, Dich gebe ich auf; verkomme wenn Du willst,
wie ein Lappen!
„Na, Herr, was ist da noch viel zu erzählen! Die ganze Sache ist doch so
leer, erbärmlich und nichtig, nicht der Mühe wert, zu erzählen. Sie
Herr, zum Beispiel gesagt, würden für sie nicht zwei Kopeken geben, ich
aber hätte gern viel dafür gegeben, wenn ich nur was gehabt hätte, damit
alles das nicht geschehen wäre! Ich hatte, Herr, ein Paar Pumphosen,
weiß der Kuckuck, gute, wundervolle Pumphosen, blau-karrierte, ein
Gutsbesitzer hatte sie bei mir bestellt, überließ sie mir aber, weil er
behauptete, daß ich sie ihm zu eng gemacht hätte; so blieben sie denn
bei mir. Nun, denke ich: eine wertvolle Sache! Auf dem Trödelmarkt würde
man vielleicht fünf Rubel für sie geben, wenn nicht, so mache ich aus
dieser einen Hose für die Petersburger Herren zwei Hosen draus und dann
bleibt mir noch ein Schwänzchen zu einer Weste für mich. Einem armen
Menschen, wie unsereiner, ist alles gut genug! Mein Emeljanuschka
verlebte inzwischen eine harte, traurige Zeit. Er trinkt den einen Tag
nichts, den anderen auch nichts, den dritten wieder nichts. Kein
Branntwein kommt über seine Lippen, er ist ganz wie vor den Kopf
geschlagen, trübsinnig stützt er seinen Kopf in beide Hände, kann einem
leid tun. Also Bursche, denke ich bei mir, wenn Du kein Geld mehr haben
wirst, kommst Du schon von selbst wieder auf den Weg Gottes zurück, habe
ja auch genug gesprochen, hast vielleicht endlich Vernunft angenommen.
So lagen die Sachen, Herr, als die großen Feiertage begannen. Ich war
zur Abendmesse gegangen: komme nach Haus und was sehe ich? Mein
Emeljanuschka sitzt betrunken auf dem Fensterbrett, schaukelt bloß hin
und her. He he, denke ich, also so bist Du wieder, Bursche! Ich weiß
nicht warum, ich ging aber gleich zu meinem Koffer. Nun ja, die
Pumphosen waren fort! Ich suche sie hier und dort: verschwunden! Etwas
fing in meinem Herzen zu nagen an. Ich stürzte zur Alten, beschuldigte
sie zuerst, denn auf Emelja verfiel ich nicht einmal, er war ja wohl aus
dem Hause gegangen und betrunken zurückgekehrt, aber ...
„‚Gott mit Dir, mein Kavallerist, was mache ich mit Deinen Reithosen,
soll ich sie etwa tragen?‘ sagt die Alte. ‚Mir ist selbst ein Rock
verschwunden, durch Ihre Güte an diesem sauberen Herrn Bruder dort ...‘
„Wer war hier? frage ich sie.
„‚Niemand kam, Niemand war hier, ich bin die ganze Zeit zu Hause
gewesen. Emeljan Iljitsch war hier und ging darauf aus, kam dann wieder,
da sitzt er ja! Frage ihn doch!‘
„Hast Du nicht, Emelja, aus irgend einem Grunde meine Pumphosen
genommen, Du weißt doch, die, die ich für den Gutsbesitzer arbeitete?
„‚Nei–ein, Astaphij Iwanytsch,‘ sagte er, ‚ich ... ich habe sie nicht
genommen!‘
„Welch ein Unglück! Wieder fing ich an, sie zu suchen, suchte und suchte
– nichts! Emelja sitzt da und schaukelt sich. Ich saß, Herr, vor ihm auf
einem Koffer, so vor ihm niedergekauert und sah so mit einem Auge auf
ihn. He, denke ich, und plötzlich fängt mir das Herz in der Brust zu
brennen an und das Blut stieg mir zu Kopf. Plötzlich sieht auch Emelja
auf mich.
„‚Nein,‘ sagte er hastig, ‚Astaphij Iwanytsch, ich habe Ihre Hosen nicht
... Sie glauben vielleicht, weil ... daß ... aber ich habe sie nicht
genommen.‘
„Wo sind sie denn geblieben, Emeljan Iljitsch?
„‚Ich weiß es nicht,‘ sagte er, ‚ich habe sie überhaupt nicht gesehn.‘
„Nun, Emeljan Iljitsch, dann sind sie wohl also von selbst verloren
gegangen?
„‚Kann sein, Astaphij Iwanytsch. Ich weiß es nicht.‘
„Ich stand auf, ging zu ihm ans Fenster, zündete die Lampe an und setzte
mich an die Arbeit. Ich wandte die Weste des Beamten um, der über uns
lebte. In meiner Brust aber nagt und brennt es. Leichter wäre mir
gewesen, wenn ich mit meiner ganzen Garderobe den Ofen geheizt hätte.
Emelja aber fühlte es doch, daß Wut mein Herz packte. Wenn der Mensch
was Böses verbrochen hat, Herr, so wittert er das Unglück voraus wie die
Vögel des Himmels das Unwetter.
„‚Astaphij Iwanytsch,‘ begann Emeljanuschka, aber seine Stimme zitterte
dabei, ‚heute hat Antip Prochorytsch, der Feldscher, die Witwe des
Kutschers, der vor kurzem starb, geheiratet.‘
„Ich aber, ich sah ihn an, sah ihn nur an ... daß er wohl verstand! Was
sehe ich: er steht auf, geht ans Bett und fängt da an herumzustöbern.
Ich schweige still, er kramt und kramt und spricht dabei: ‚nicht und
nicht, wohin mögen diese dummen Dinger nur hingeraten sein?‘ Ich warte
ab, was nun weiter sein wird und was sehe ich? – Emelja kriecht unter
das Bett! Da konnte ich nicht mehr an mich halten.
„Was, sage ich, Emeljan Iljitsch, was rutschen _Sie_ da auf den Knieen
herum?
„‚Ich sehe nur, Astaphij Iwanytsch, ob nicht die Hosen hier irgendwo
umherliegen.‘
„Was tun Sie, mein Herr – aus Ärger sagte ich ‚Sie‘ zu ihm, und „Herr“ –
lohnt es sich denn, sich eines armen einfachen Menschen wegen so
abzumühn, auf den Knieen herumzurutschen!
„‚Ach, Astaphij Iwanytsch, das tut doch nichts ... man wird sie doch
irgendwo finden müssen, wenn man sie sucht.‘
„Hm! ... sage ich, höre mal, Emeljan Iljitsch ...
„‚Was, Astaphij Iwanytsch?‘
„Hast Du sie nicht einfach von mir gestohlen, wie ein Dieb und ein
Schurke, aus Dankbarkeit für mein Brot, das ich Dir gegeben habe? – Sehn
Sie, er wollte mich damit rühren, daß er auf den Knieen vor mir auf dem
Fußboden herumrutschte.
„‚Nein ... Astaphij Iwanytsch ...‘
„Und so wie er da huckte, blieb er noch lange unter dem Bett; endlich
kam er wieder hervorgekrochen. Und was sehe ich, ganz bleich ist der
Mensch, wie ein Handtuch. Er erhob sich, setzte sich neben mich aufs
Fenster und saß so zehn Minuten lang.
Plötzlich steht er auf und tritt auf mich zu, ich seh’ ihn noch jetzt
vor mir, furchtbar wie die Sünde.
„‚Nein,‘ sagt er, ‚Astaphij Iwanytsch, ich habe mir nicht erlaubt, Ihre
Hosen zu nehmen.‘
Dabei zittert er am ganzen Körper und die Stimme zittert ihm und er
stößt sich mit dem Finger vor die Brust, so daß ich selbst verzagte und
ganz starr und steif wurde, als ob ich am Fensterbrett angewachsen wäre.
„Nun, sage ich, Emeljan Iljitsch, wie Sie wollen, verzeihen Sie, wenn
ich ein dummer Mensch bin, Sie umsonst beschuldigt habe. Gott mit den
Hosen. Verloren, verloren, nichts zu machen! Wir werden ohne sie nicht
umkommen. Gott sei Dank, Hände habe ich noch, um zu arbeiten. Stehlen
werde ich nicht gehn. Bei armen Menschen Almosen betteln werde ich auch
nicht ...
„Emelja steht und steht und hört was ich sage, endlich – setzt er sich.
So saß er den ganzen Abend, ohne sich zu rühren; ich legte mich schon
schlafen – immer saß er noch auf demselben Platz. Am nächsten Morgen wie
ich aufstehe, sehe ich, er liegt eingewickelt in seinem Mantel auf dem
Fußboden. Hat sich zu sehr erniedrigt gefühlt, kam deshalb nicht auf’s
Bett. In der Zeit, Herr, liebte ich ihn nicht, ja, ich haßte ihn sogar.
Gerade, als ob mein leiblicher Sohn mich bestohlen und mir blutig weh
getan hätte. Ach, denke ich, Emelja, Emelja! Was glauben Sie, Herr,
Emelja trank zwei Wochen ununterbrochen. Er war wie rasend geworden, er
trank sich zu Schanden! Am Morgen ging er fort und kam betrunken in der
Nacht nach Haus. Wenn ich in diesen zwei Wochen auch nur ein Wort von
ihm gehört hätte. Wahrscheinlich wollte er mit Absicht zu Grunde gehn.
Endlich, da er alles vertrunken hatte, hörte er auf und saß wieder bei
mir auf dem Fensterbrett. Ich weiß noch, er saß und schwieg dreimal
vierundzwanzig Stunden lang. Plötzlich sehe ich, der Mensch weint. Er
sitzt, Herr, und weint – und wie! Wie ein Brunnen und selbst scheint er
es gar nicht zu wissen, daß er weint. Es ist schwer zu sehn, Herr, wenn
ein erwachsener Mensch weint, wenn ein so alter Mensch wie Emelja vor
lauter Armut und Kummer zu weinen anfängt.
„Was fehlt Dir, Emelja?
„Er fuhr zusammen. Ich hatte zum ersten Mal seit jenem Tage wieder ein
Wort mit ihm gesprochen.
„Um Gottes willen, Emelja, was sitzt Du denn da wie eine Eule? – Er tat
mir leid, der Arme.
„‚Nur so, Astaphij Iwanytsch, nur so. Möchte Arbeit suchen ... Astaphij
Iwanytsch ...‘
„Was für eine Arbeit denn, Emelja Iljitsch?
„‚Irgendeine. Vielleicht finde ich so eine Stelle, wie ich sie früher
hatte ... ich bin schon zu Fedor Iwanytsch gegangen, habe ihn gebeten
... Es ist nicht gut, Astaphij Iwanytsch, daß ich Sie mit meiner
Gegenwart beleidige. Ich werde Ihnen, Astaphij Iwanytsch, so wie ich
eine Stelle finde, alles zurück geben und für alle Ihre Sorgen ...‘
„Genug, Emelja, genug! Das war eine Sünde, nun, sie ging vorüber! Der
Kuckuck mag sie holen! Wir aber wollen wieder nach dem Alten leben!
„‚Nein, Astaphij Iwanytsch, Sie meinen vielleicht, daß ... aber ich habe
mir nicht erlaubt, Ihre Hosen zu nehmen.‘
„Nun, wie Du willst, Gott mit Dir, Emeljanuschka.
„‚Nein, Astaphij Iwanytsch, ich sehe, ich kann nicht mehr hier bleiben.
Entschuldigen Sie mich, Astaphij Iwanytsch, aber ...‘
„Gott mit Dir, sage ich, wer beleidigt Dich denn, Emeljan Iljitsch, wer
jagt Dich denn von hier fort, ich etwa?
„‚Ja, es ist von mir unanständig, so bei Ihnen zu wohnen, Astaphij
Iwanytsch ... Ich werde schon besser gehn.‘
„Er war beleidigt. Er stand wirklich auf und nahm seinen Mantel ...
„Wohin gehst Du denn, Emeljan Iljitsch? Sei doch vernünftig. Wohin
willst du denn gehn?
„‚Leben Sie wohl, Astaphij Iwanytsch, halten Sie mich nicht mehr zurück‘
– hier weinte er schon wieder – ‚ich gehe schon von der Sünde weg,
Astaphij Iwanytsch. Sie sind schon nicht mehr so wie früher zu mir ...‘
„Wie, nicht so? Du bist ja wie ein kleines unvernünftiges Kind, wirst
doch allein untergehn, Emeljan Iljitsch.
„‚Nein, Astaphij Iwanytsch, jetzt verschließen Sie immer Ihren Koffer
und ich muß das sehn und dann weine ich ... Nein, lassen Sie mich
lieber, Astaphij Iwanytsch, und verzeihn Sie mir, wenn ich Sie beleidigt
habe ...‘
„Und was glauben Sie, Herr – der Mensch ging wirklich fort! Ich warte
einen Tag, denke bei mir, er kommt am Abend – nein! Am zweiten Tag –
wieder nicht, am dritten auch nicht. Die Sorge quälte mich, ich konnte
nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen. Er hatte mich ganz
entwaffnet, dieser Mensch! Am vierten Tage ging ich in die Kneipen, um
ihn zu suchen, frage überall nach ihm – nichts! Emeljanuschka ist
verschwunden! Hast Deinen armen Kopf verloren, denke ich. Oder
vielleicht liegst Du Trunkenboldchen irgendwo am Zaun wie verfaultes
Holz? ... Halbtot kam ich zu Hause an. Am anderen Tage suchte ich ihn
wieder und verwünschte mich selbst, weil ich solch einem dummen Menschen
seinen freien Willen gelassen hatte. Endlich am fünften Tage, es war ein
Feiertag – es tagte kaum – da knarrte die Tür. Und siehe, Emelja kam!
Ganz blau, die Haare voller Schmutz, als ob er auf der Straße geschlafen
hätte, und mager war er geworden wie ein Holzspan! Zieht seinen Mantel
aus, setzt sich zu mir auf den Koffer und sieht mich an. Ich freute
mich, ihn wiederzusehn, doch der alte Kummer kam, wenn auch nur auf
einen kurzen Augenblick, noch stärker über mich. Denn es ist doch so,
Herr, hätte ich solch eine Sünde begangen, so hätte ich eher wie ein
Hund am Zaune krepieren wollen, als so wiederkommen! Aber Emelja kam
zurück. Nun, natürlich ist es schwer, einen Menschen in solch einer Lage
zu sehn. Ich streichelte und tröstete ihn: Emeljanuschka, sage ich, bin
froh, daß Du wieder da bist! Wenn Du auch heute nicht gekommen wärst, so
wäre ich Dich wieder in allen Kneipen suchen gegangen. Hast Du
gegessen?“
„‚Ja, Astaphij Iwanytsch.‘
„Das wirst Du wohl kaum getan haben? Hör mal, Brüderchen, von gestern
ist noch Kohlsuppe nachgeblieben; haben nicht gefastet, haben sogar
Fleisch gehabt. Hier sind auch Zwiebeln mit Brot. Iß, sage ich Dir, iß
zur Gesundheit.
„Gab ihm zu essen und da sah ich denn, daß der Mensch vielleicht drei
Tage nichts gegessen hatte – solch einen Hunger hatte er.
„Wie freue ich mich über Dich, Lieberchen! Warte, ich laufe und hole Dir
noch einen Liter Branntwein, damit Du Deine betrübte Seele vergessen
kannst! Machen wir Schluß mit allem, was gewesen ist, genug damit, ich
bin nicht mehr böse auf Dich, Emeljanuschka! Ich brachte ihm den
Branntwein.
„Nun, Emeljan Iljitsch, trinken wir auf den Feiertag. Willst Du? Zur
Gesundheit!
Gierig streckte er seine Hand darnach aus, schon wollte er zugreifen,
doch plötzlich zögerte er einen Augenblick; dann griff er wieder zu und
führte das Liter Branntwein an den Mund. Seine Hand zitterte dabei so,
daß er den Branntwein verschüttete. Was sehe ich aber, – er stellt ihn
doch wieder ohne zu trinken auf den Tisch zurück!
„Was ist Dir denn, Emeljanuschka?
„‚Nichts. Ich ... Astaphij Iwanytsch ...‘
„Wie, Du trinkst nicht?
„‚Ja, ich ... Astaphij Iwanytsch ... ich werde nicht mehr trinken ...
Astaphij Iwanytsch ...‘
„Was, Du hast also ganz aufgehört zu trinken, Emeljanuschka, oder
trinkst Du nur heute nicht?
„Er schwieg. Nach einiger Zeit stützt er seinen Kopf in beide Hände.
„Bist Du nicht am Ende krank, Emelja?
„‚Ja, so, fühle mich schlecht, Astaphij Iwanytsch.‘
„Ich legte ihn zu Bett. Es ging ihm wirklich schlecht. Der Kopf brannte,
und Fieber schüttelte ihn. Den Tag über saß ich bei ihm. Zur Nacht wurde
ihm noch schlechter. Ich tat in den Kwaß etwas Butter und Zwiebeln,
bröckelte etwas Brot hinein.
„Nun, sage ich, iß die Brotsuppe, es wird Dir dann besser werden! ... Er
schüttelt mit dem Kopf.
‚Nein,‘ sagt er, ‚heute werde ich nichts essen.‘
„Die Alte hat sich auch angestrengt für ihn; ich habe ihm Tee gemacht –
hilft alles nichts, es geht ihm nicht besser. Nun, denke ich, jetzt
wird’s schlimm! Am dritten Morgen ging ich zum Arzt. Der kam, sah ihn an
und sagte: ‚Es lohnte sich nicht mehr, mich zu rufen. Man kann ihm ja
Pulver geben ...‘ Nun, Pulver habe ich ihm nicht gegeben, dachte, der
Arzt will ihn nur verwöhnen. Inzwischen kam aber schon der fünfte Tag.
„Er lag vor mir auf dem Bett, Herr. Ich saß auf dem Fenster, hielt
gerade die Arbeit in der Hand. Die Alte heizte den Ofen. Wir schwiegen
alle. Mir schmerzte das Herz zum Zerreißen, als ob ich meinen leiblichen
Sohn verlor. Ich wußte, daß Emelja mich ansieht. Schon am Morgen
bemerkte ich, daß er sich anstrengte, mir was zu sagen, es aber doch
nicht wagte. Wie ich nun aufsehe, lag solche Trauer in seinen Augen. So
wie er aber bemerkte, daß ich ihn ansah, wandte er gleich seinen Blick
von mir ab.
„‚Astaphij Iwanytsch?‘
„Was, Emeljanuschka?
„‚Wie, wenn man, zum Beispiel, meinen Mantel auf dem Trödelmarkt
verkaufen würde, wieviel würde, wieviel würde man für ihn geben,
Astaphij Iwanytsch?‘
„Nun, wieviel würde man denn geben? Drei Rubelchen vielleicht, Emeljan
Iljitsch.
„Versuch’s mal, bring ihn nur hin, dachte ich bei mir, nichts würde man
Dir in Wirklichkeit dafür geben! Dich auslachen würde man, daß Du solch
eine Sache verkaufen gehst. Sage ihm nur so zur Beruhigung, kenne doch
den Menschen Gottes und seinen gutmütigen Charakter.
„‚Ja, ich denke auch, Astaphij Iwanytsch, daß man drei Rubel für ihn
geben würde. Es ist doch eine Sache aus Tuch, Astaphij Iwanytsch.‘
„Ich weiß nicht, Emeljan Iljitsch, sage ich, wenn Du ihn hinbringen
willst, dann mußt Du zuerst drei Rubel fragen.
„Emelja schwieg darauf eine Weile.
„‚Astaphij Iwanytsch?‘
„Was, Emeljanuschka?
„‚Verkaufen Sie den Mantel, wenn ich gestorben bin, beerdigen Sie mich
nicht in ihm. Ich kann auch so liegen; er ist eine wertvolle Sache, Sie
können ihn brauchen.‘
Das packte mich so, Herr, daß ich nichts mehr sagen konnte. Fühle nur,
daß der Tod schon an sein Herz klopft. Wieder schwiegen wir alle. Eine
Stunde verging so. Ich sehe heimlich zu ihm hinüber: immer sieht er mich
noch an. So wie sich aber sein Blick mit dem meinen kreuzt, sieht er
fort.
„Willst Du nicht vielleicht ein Schluckchen Wasser trinken, Emeljan
Iljitsch?
„‚Geben Sie, Astaphij Iwanytsch.‘
„Ich gab ihm zu trinken. Er trank gierig. ‚Danke, sagt er, Astaphij
Iwanytsch.‘
„Willst Du sonst noch was, Emeljanuschka?
„‚Nein, Astaphij Iwanytsch, ich habe nichts nötig, ich wollte nur ...‘
„Was?
„‚Davon ...‘
„Wovon, Emeljanuschka?
„‚Die Pumphosen ... Davon, daß ... ich hatte sie damals von Ihnen
genommen, Astaphij Iwanytsch.‘
„Nun, sage ich, Gott wird Dir verzeihn, Du Armer, gehe in Frieden ...
Mir selbst aber, Herr, blieb der Atem stehn. Die Tränen stürzten mir aus
den Augen, mußte mich abwenden.
„‚Astaphij Iwanytsch ...‘
„Ich kehre mich um und sehe, Emelja will mir noch was sagen, er will
sich mit aller Gewalt aufrichten, er bewegt die Lippen ... Plötzlich
wird er ganz rot im Gesicht und sieht mich an ... Darauf wird er immer
blasser und blasser, wirft den Kopf zurück, seufzt noch einmal tief auf
... und dann ging seine Seele zu Gott. -- -- --
Eine dumme Geschichte.
Diese dumme Geschichte datiert aus der Zeit, da die Wiedergeburt unseres
lieben Vaterlandes zu neuem Leben und das Streben all seiner tapferen
Söhne nach neuen Zielen mit einer so unbezwingbaren Macht und in so
rührend-naiver Weise gerade erst begonnen hatte. An einem klaren,
frostigen Winterabend – übrigens ging es schon auf zwölf – saßen in
einem reich ausgestatteten, doch gemütlichen Kaminzimmer eines schönen
zweistöckigen Hauses auf der „Petersburger Seite“ drei hochangesehene
Herren beisammen, und sprachen ernst und wohlbedacht über ein ungemein
wichtiges Thema. Alle drei hatten es schon bis zur Exzellenz gebracht.
Sie saßen um einen runden Tisch in großen weichen Sesseln und schlürften
während des Gesprächs hin und wieder behaglich aus ihren
Champagnergläsern. Die Flasche stand vor ihnen mitten auf dem Tisch in
einem silbernen Kühler. Der Hausherr, Geheimrat Stepan Nikiforowitsch
Nikiforoff, ein alter Junggeselle von fünfundsechzig Jahren, hatte
nämlich zur Einweihung seines neugekauften Hauses und zu gleicher Zeit
auch zur Feier seines Geburtstages – den er sonst nie festlich zu
begehen pflegte – seine Freunde zum Abend eingeladen. Übrigens war die
Feier nicht Gott weiß wie großartig; wie gesagt, es waren nur zwei
Herren zu Gaste, beides frühere Kollegen des Hausherrn: der Wirkliche
Staatsrat Ssemjon Iwanowitsch Schipulenko und der ebenfalls Wirkliche
Staatsrat Iwan Iljitsch Pralinski. Sie waren gegen neun Uhr zum Tee
gekommen, tranken jetzt Champagner und wußten beide, daß sie sich um
punkt halb zwölf erheben und verabschieden mußten. Der Hausherr liebte
Regelmäßigkeit. Bei der Gelegenheit zwei Worte über ihn: seine Karriere
hatte er als kleiner unversorgter Beamter begonnen, hatte ruhig seine
Karre fünfundvierzig Jahre lang gezogen, hatte genau gewußt, zu was er
sich aufdienen würde, konnte es nicht leiden, „vom Himmel Sterne zu
pflücken“, obgleich er ihrer schon zwei auf der Brust hatte, und liebte
es ganz besonders nicht, in einerlei welch einer Angelegenheit, und wenn
es auch die wichtigste gewesen wäre, seine persönliche Meinung zu
äußern. Er war ein ehrlicher Mensch, d. h. er hatte keine Gelegenheit
gehabt, irgend etwas besonders Unehrliches zu begehen; war
unverheiratet, da er Egoist war; war keineswegs dumm, konnte es aber,
wie gesagt, ganz und gar nicht leiden, seinen Verstand leuchten zu
lassen; ganz besonders mißfielen ihm Unordnung und Begeisterung, da er
letztere für moralische Unordnung hielt, und am Abend seines Lebens
versenkte er sich vollständig in eine gewisse komfortable Behaglichkeit
und systematische Einsamkeit. Wenn er auch selbst zuweilen bei besseren
Leuten zu Besuch war, so war es ihm doch von Jugend auf unangenehm,
Gäste auch bei sich zu empfangen, in der letzten Zeit aber begnügte er
sich, wenn er nicht gerade Grande-patience legte, mit der Gesellschaft
seiner Stutzuhr, deren eigensinnigem Ticken unter der Glasglocke auf dem
Kamin er unerschütterlich ganze Abende lang zuhörte. Sein Äußeres war
sehr anständig: glattrasiert, schien er etwas jünger, als er war, hielt
sich gut, versprach noch lange zu leben und war stets vom Scheitel bis
zur Sohle durchaus Gentleman. Zu arbeiten brauchte er nicht mehr; er
bekleidete zwar noch einen Posten, doch hatte er dabei nur zu
präsidieren und zu unterschreiben. Mit einem Wort, man hielt ihn für
einen prachtvollen Menschen. Nur eine einzige Leidenschaft hatte dieser
Mensch oder, sagen wir, einen einzigen heißen Wunsch: ein eigenes Haus
zu besitzen, und zwar ein herrschaftliches, keine Mietskaserne. Endlich
verwirklichte sich denn auch seine Sehnsucht: er fand schließlich ein
Haus auf der „Petersburger Seite“, das allerdings vom Zentrum der Stadt
etwas weit ablag, dafür jedoch sah es vornehm aus und hatte dazu noch
einen Garten – und so kaufte er es denn. Ja, der neue Hausherr hielt es
sogar für einen entschiedenen Vorzug, daß das Haus weiter lag: bei sich
zu empfangen liebte er nicht, um aber andere zu besuchen oder in die
Versammlungen zu fahren, dazu hatte er eine schöne Equipage von
schokoladenbrauner Farbe, seinen Kutscher Michei und zwei kleine, doch
starke und hübsche Pferdchen. Alles war durch vierzigjährige strenge
Ökonomie erworben, so daß sein Herz sich beim Anblick seiner Habe freuen
mußte. Das war auch der Grund, warum Stepan Nikiforowitsch Nikiforoff,
nachdem er in sein neues Haus eingezogen war, sogar Gäste einlud und
noch dazu sagte, daß er seinen Geburtstag feiern wollte, diesen Tag, den
er sonst ängstlich sogar seinen besten Freunden verheimlicht hatte.
Zudem gab es für diese Einladung noch einen besonderen Grund. Er
bewohnte im Hause nur den oberen Stock, den unteren aber, der ganz so
wie der obere gebaut war, hätte er gar zu gern vermietet. Nun hoffte
Stepan Nikiforowitsch für diesen unteren Stock Ssemjon Iwanowitsch
Schipulenko zu gewinnen, und so brachte er denn an jenem Abend das
Gespräch zweimal auf dieses Thema, ohne aber das gewünschte Ziel zu
erreichen, denn Ssemjon Iwanowitsch schwieg hartnäckig über seine Pläne
in Betreff eines etwaigen Wohnungswechsels. Dieser Schipulenko, der sich
gleichfalls schon seit langer Zeit mühsam seinen Weg bahnte, war
verheiratet, ein mürrischer Stubenhocker, im Hause ein Despot und diente
mit großem Selbstbewußtsein. Auch er wußte genau, wie weit er es bringen
würde, und noch besser, wie weit er es nicht bringen würde. Inzwischen
saß er auf einem guten Posten und saß auf ihm sogar ungewöhnlich fest.
Auf die neueingeführten Reformen blickte er allerdings nicht ohne Galle,
regte sich aber ihretwegen doch nicht sonderlich auf: er war, wie
gesagt, sehr selbstbewußt und hörte nicht ohne spöttische Bosheit der
Schönrednerei Iwan Iljitsch Pralinskis zu, der über die neuen Themata
nie genug reden konnte. Sie hatten alle etwas mehr als gewöhnlich
getrunken, so daß denn auch der Hausherr sich zu einem kleinen Disput
mit Herrn Pralinski über die neuen Ordnungen herabließ. Doch jetzt muß
ich einige Worte auch über seine Exzellenz Herrn Pralinski sagen, um so
mehr, als er der Held dieser Erzählung ist.
Der Wirkliche Staatsrat Iwan Iljitsch Pralinski erfreute sich im ganzen
erst seit vier Monaten des schönen Titels „Exzellenz“, war also mit
anderen Worten eine sehr junge Exzellenz. An Jahren war er gleichfalls
noch sehr jung, höchstens dreiundvierzig, jedenfalls bestimmt nicht
mehr, dem Ansehen nach aber schien er – und wollte er auch scheinen –
noch viel jünger. Er war ein schöner Mann, hoch von Wuchs, elegant, doch
nicht auffallend, sondern stets gesucht vornehm gekleidet, und verstand
es vorzüglich, seinen bedeutenden Orden am Halse zu tragen; hatte es
seit Kindesbeinen verstanden, vornehme Angewohnheiten anzunehmen, und
träumte, da er noch unverheiratet war, von einer reichen und warum nicht
gar aristokratischen Braut. Allerdings träumte er auch noch von manchem
anderem, wenn er auch durchaus nicht so dumm war. Bisweilen konnte er
sehr gesprächig sein und dann nahm er gern parlamentarische Posen an. Er
stammte aus guter Familie; sein Vater war General gewesen und als Kind
hatte man ihn in Sammet oder Batist gekleidet; in einer aristokratischen
Anstalt war er darauf erzogen worden und wenn er sie auch nicht mit
großen Kenntnissen verlassen hatte, so schien er im Dienst doch guten
Erfolg zu haben, denn er brachte es in Bälde bis zur Exzellenz. Die
Vorgesetzten hielten ihn für einen äußerst befähigten Menschen und
setzten sogar große Hoffnungen auf ihn. Herr Nikiforoff aber, unter dem
er fast bis zur Exzellenz gearbeitet hatte, hielt ihn dagegen keineswegs
für etwas Besonderes und setzte keine besonderen Hoffnungen auf ihn. Es
gefiel Herrn Nikiforoff, daß Herr Pralinski guter Herkunft war, gute
Einkünfte, d. h. ein großes Haus mit einem Verwalter hatte, nicht mit
den letzten Leuten verwandt und schließlich gut angesehen war. Das
hinderte jedoch nicht, daß er ihn im geheimen wegen Mangel an Einsicht
und wegen großen Leichtsinns tadelte. Pralinski fühlte es zuweilen sogar
selbst, daß er allzu viel Eigenliebe besaß und in diesem Punkte etwas
sehr kitzlich war. Mitunter hatte er nämlich Anfälle geradezu
krankhafter Gewissensbisse und sogar einer gewissen Reue in manchen
Dingen. Dann gestand er sich mit heimlichem Kummer im Herzen, daß er
durchaus kein so großes Tier war, wie er sich selbst glauben machen
wollte. In solchen Augenblicken wurde er sogar ganz melancholisch; zwar
geschah das gewöhnlich nur, wenn er Leibweh hatte; dann nannte er sein
Leben ^une existence manquée^, hörte sogar auf, an seine
parlamentarischen Fähigkeiten zu glauben, nannte sich einen Parleur,
Phraseur, und obgleich das alles ihm natürlich viel Ehre machte,
hinderte es ihn doch nicht, schon nach einer halben Stunde sein Haupt
von neuem zu erheben und um so hartnäckiger, um so anmaßender sich zu
versichern, daß er es noch verstehen würde, sich hervorzutun, und nicht
nur ein hoher Würdenträger, sondern ein Staatsmann ersten Ranges zu
werden, „den Rußland nimmer vergessen wird“. Ja, es kam dann so weit mit
ihm, daß er sich schon in Bronze gegossen oder in Marmor gemeißelt auf
einem Pralinskiplatz sah. Daraus ersieht man, daß er nach Großem
strebte, wenn er auch diese Träume und Hoffnungen tief und fast
ängstlich in seinem Innersten verbarg. Kurz, er war ein guter Mensch und
in der Seele sogar ein Dichter. In den späteren Jahren suchten ihn die
krankhaften Augenblicke der Verzweiflung immer häufiger heim. Er wurde
ganz besonders reizbar und mißtrauisch und war schließlich bereit, jeden
Widerspruch für eine Beleidigung zu halten. Doch da kam plötzlich das
liberale Rußland und flößte ihm wieder große Hoffnungen ein. Und die
„Exzellenz“ tat dann noch das ihrige hinzu. Er richtete sich auf; er
warf den Kopf in den Nacken. Er redete plötzlich schön und viel,
natürlich nur über die neuesten Themata, die er sich ungemein schnell
und bis zur Leidenschaft angeeignet hatte. Er suchte Gelegenheiten zu
reden, besuchte bekannte Persönlichkeiten und wurde denn auch bald als
verzweifelter Liberaler bekannt, was ihm ungeheuer schmeichelte. An
jenem Abend aber kam er nach dem vierten Glas ganz besonders in Schwung.
Er wollte plötzlich den Hausherrn in allem bekehren. Er hatte ihn vorher
lange nicht mehr gesehn, ihn immer sehr geachtet, und hatte sonst stets
auf seinen Rat gehört. Plötzlich aber hielt er ihn für äußerst
konservativ und griff ihn daher mit ungewöhnlichem Eifer an. Nikiforoff
antwortete fast überhaupt nicht, sondern hörte ihm nur verschmitzt
lächelnd zu, obgleich ihn das Thema interessierte. Pralinski dagegen
ereiferte sich immer mehr und führte in der Hitze des vermeintlichen
Disputs sein Glas weit häufiger als es sich gehörte an die Lippen. Da
griff denn der Hausherr immer wieder zur Flasche, um das geleerte Glas
zu füllen, was Herr Pralinski aus unbekannten Gründen plötzlich nicht
gerade höflich fand, um so mehr, als Ssemjon Iwanowitsch Schipulenko,
den er ganz besonders verachtete, und obendrein noch wegen seines
Zynismus und seiner witzigen Bosheit fürchtete, an seiner Seite höchst
verdächtig schwieg und gleichfalls häufiger als angebracht zu lächeln
beliebte. „Ich glaube, sie halten mich für einen dummen Jungen,“ dachte
er eine Sekunde lang.
„Nein,“ fuhr er darauf mit noch größerem Aplomb fort, „nein, es ist
Zeit! Wir sind zu sehr zurückgeblieben und meiner Meinung nach ist
Humanität die erste Bedingung, Humanität in der Behandlung der
Untergebenen, denn, nicht zu vergessen, auch _sie_ sind Menschen!
Humanität wird alles retten und alles auf den richtigen ...“
„Hihihihi!“ ertönte es da halblaut aus der Richtung Herrn Schipulenkos.
„Ja, aber mein Lieber, warum waschen Sie uns denn so den Kopf?“ fragte
endlich der Hausherr mit liebenswürdigem Lächeln. „Ich muß gestehen,
Iwan Iljitsch, es ist mir bis jetzt noch nicht klar geworden, was Sie
uns eigentlich erklären wollen. Sie betonen immer die Humanität. Das
bedeutet doch Menschlichkeit, nicht wahr?“
„Ja, schön, meinetwegen auch Menschlichkeit. Ich ...“
„Erlauben Sie! Soweit ich darüber urteilen kann, handelt es sich aber
nicht nur darum. Menschlichkeit ist selbstverständlich. Die Reformen
jedoch beschränken sich nicht nur auf das Moralische. Da haben wir jetzt
die Bauernfragen, die Leibeigenschaft, die neuen Gesetze, die Rechte,
die moralischen Fragen und ... und ... sie nehmen ja kein Ende, diese
Fragen, und alle zusammen, alles zusammen kann plötzlich große, sagen
wir, Erschütterungen verursachen. Das ist es, was wir befürchten, aber
gegen die Humanität haben wir nichts einzuwenden ...“
„Tja, die Sache liegt etwas tiefer,“ meinte Herr Schipulenko trocken.
„Das verstehe ich sehr wohl, und erlauben Sie, Ssemjon Iwanowitsch,
Ihnen zu bemerken, daß ich keineswegs glaube, Ihnen in der Tiefe der
Auffassung dieser Sache nachzustehn,“ bemerkte gereizt und fast zu
schroff Herr Pralinski, „einstweilen aber erlaube ich mir, auch Ihnen,
Stepan Nikiforowitsch, zu bemerken, daß Sie mich gleichfalls durchaus
nicht verstanden haben ...“
„Hab’s auch nicht.“
„Währenddessen aber halte ich mich an die Idee, die ich auch überall
durchführe, daß Humanität, und besonders Humanität den Untergebenen
gegenüber, vom Beamten bis zum Schreiber, vom Schreiber bis zum
Hausknecht, vom Hausknecht bis zum Bauer, – daß die Humanität, sage ich,
als, sagen wir, als Eckstein der bevorstehenden Reformen und überhaupt
der Erneuerung der Dinge dienen kann. Warum? Das werde ich Ihnen sofort
sagen. Nehmen wir einen Syllogismus: ich bin human, folglich liebt man
mich. Liebt man mich, so hat man Zutrauen zu mir. Hat man Zutrauen zu
mir, so glaubt man auch an mich; glaubt man an mich, so wird man mich
folglich auch lieben ... das heißt, nein, ich will nur sagen, daß, wenn
man an mich glaubt, man dann auch an die Reform glauben und begreifen
wird, worin das Wesen der Sache besteht, sagen wir, sich moralisch
umarmen und die ganze Sache freundschaftlich und gründlich machen wird.
Worüber lachen Sie, Herr Schipulenko? Können Sie das nicht begreifen?“
Der Hausherr zog schweigend die Brauen in die Höh; er schien erstaunt zu
sein.
„Ich glaube, ich habe etwas zu viel getrunken,“ meinte Herr Schipulenko
nicht ohne bissigen Spott, „und bin daher wohl etwas schwerfällig im
Begreifen. Die Spannkraft meines Gehirns hat, glaub ich, etwas
nachgelassen.“
Pralinski fühlte einen Stich im Herzen.
„Wir werden es nicht aushalten,“ sagte plötzlich der Hausherr nach
kurzem Nachdenken.
„Wieso, wie meinen Sie das – nicht aushalten?“ erkundigte sich Herr
Pralinski, den die plötzliche und kurze Bemerkung des Hausherrn
wunderte.
„So. Ganz einfach, werden’s nicht aushalten.“ Augenscheinlich wollte er
sich über seine Meinung nicht weitläufig verbreiten.
„Sie meinen das doch nicht etwa in Betreff des neuen Weines und der
neuen Schläuche?“ fragte ironisch Pralinski. „Nun, für mich garantiere
ich.“
Da schlug die Stutzuhr halb zwölf.
„Da sitzen wir und sitzen und gehn nicht fort,“ sagte sich langsam
erhebend Herr Schipulenko. Herr Pralinski jedoch kam ihm zuvor, erhob
sich elastisch aus dem niedrigen Sessel und nahm vom Kamin seine
Zobelmütze. Er schien beleidigt zu sein.
„Und wie bleibt es denn damit, Ssemjon Iwanowitsch, mit der Wohnung?“
fragte noch einmal der Hausherr, als er die Gäste begleitete.
„Mit der Wohnung? Ich werde sehn, ich werde sehn.“
„Jedenfalls benachrichtigen Sie mich bald.“
„Immer von Geschäften die Rede?“ erkundigte sich liebenswürdig Herr
Pralinski. Seine Stimme klang wieder recht versöhnlich. Er wartete auf
eine Antwort und spielte mit seiner Mütze. Es schien ihm, daß man ihn
nicht sonderlich beachtete.
Der Hausherr zog wieder die Brauen in die Höh und schwieg zum Zeichen
dessen, daß er die Gäste nicht aufhalten wollte. Herr Schipulenko
verabschiedete sich denn auch eiligst.
„Ah ... so ... nun, wie Ihr wollt ... wenn Ihr nicht einmal eine
einfache Liebenswürdigkeit versteht ...“ dachte Herr Pralinski bei sich
und streckte seine Hand möglichst unabhängig dem Hausherrn entgegen.
Im Vorzimmer hüllte sich Herr Pralinski in seinen leichten teuren Pelz
und bemühte sich aus irgend einem Grunde, den vertragenen Waschbär Herrn
Schipulenkos nicht zu bemerken.
„Unser Alter scheint irgend etwas übelgenommen zu haben,“ sagte, als sie
die Treppe hinabstiegen, Herr Pralinski zu Herrn Schipulenko.
„Wieso das? Ich glaube nicht,“ meinte ruhig und kühl der andere.
„Borniert!“ dachte bei sich Pralinski von seinem Begleiter.
Sie traten auf die Straße. Schipulenkos Schlitten fuhr vor. Sein Hengst
war gerade nicht sehr schön.
„Teufel! Wo mag denn Trifon mit meinem Schlitten stecken!“ rief
ungeduldig Herr Pralinski, da er sein Gefährt nicht erblicken konnte.
Hierhin, dorthin – der Schlitten war nicht zu sehn. Der Hausknecht
konnte auch keine Auskunft geben. Da fragte man schließlich Warlam, den
Kutscher Schipulenkos, und erfuhr von ihm, daß der andere die ganze Zeit
gleichfalls gewartet habe, nun aber nicht mehr da sei, wie man ja sehen
könne.
„Dumme Geschichte!“ meinte Herr Schipulenko. „Wollen Sie – ich bringe
Sie nach Haus?“
„Solch ein Gaunervolk!“ schimpfte wütend Herr Pralinski. „Die Kanaille
wollte sich bei mir vorhin die Erlaubnis ausbitten, hier auf der
Petersburger Seite eine Hochzeit mitzumachen, irgend eine Verwandte von
ihm soll heiraten – daß sie der Henker hole! Und ich verbot ihm
strengstens, sich von hier zu entfernen. Ich könnte wetten, daß er
dorthin gefahren ist!“
„Ja,“ bemerkte Warlam, „er ist auf diese Hochzeit gefahren, wollte aber
gleich wieder umkehren und zur angesagten Zeit hier sein.“
„Da haben wir’s! Ich ahnte es ja! Der soll mir aber büßen!“
„Versohlen Sie ihn lieber zweimal wie es sich gehört, dann wird er
gehorsamer sein,“ sagte Schipulenko, der schon die Schlittendecke
zuknöpfte.
„Seien Sie unbesorgt, Ssemjon Iwanowitsch!“
„So wollen Sie nicht? Ich bringe Sie gern nach Haus.“
„Danke, nein. Und glückliche Reise!“
Schipulenko fuhr fort, Pralinski aber ging gereizt zu Fuß auf den
Bretterstegen durch das öde Vorstadtviertel dem Zentrum der Stadt zu.
* * * * *
„Warte nur, Spitzbube, Du sollst mir aber büßen! Gehe jetzt zum Trotz zu
Fuß, damit Du Angst bekommst! Wenn er zurückkehrt, wird er sofort
erfahren, daß sein Herr zu Fuß gegangen ist ... Solch ein Spitzbube!“
Herr Pralinski hatte noch niemals innerlich so geflucht. Er war aber
auch wirklich so gereizt und zudem brummte noch sein Kopf. Da er sonst
kein Trinker war, so wirkten die fünf bis sechs Glas Champagner ziemlich
schnell. Die Nacht war wundervoll. Es war kalt und klar und ungewöhnlich
windstill. Der sternklare Himmel wölbte sich hoch, hoch, und der Mond
breitete über die Erde matten, luftlosen Silberschein. Es war so schön,
daß Pralinski schon nach kurzer Zeit seinen ganzen Ärger vergaß. Es
wurde ihm plötzlich so wunderlich angenehm zu Mut. Es ist ja eine
bekannte Tatsache, daß Menschen, die ein wenig getrunken haben, sehr
schnell ihre Eindrücke und Empfindungen wechseln. Ihm gefielen plötzlich
sogar die unscheinbaren Holzhäuschen der öden Straße.
„’S ist doch schön, daß ich zu Fuß gegangen bin,“ dachte er bei sich,
„für Trifon ist’s eine Lehre und mir ist es ein Vergnügen. Man müßte
wirklich öfter zu Fuß gehn ... Auf dem großen Prospekt werde ich ja
sofort einen Schlitten finden. Prachtvolle Nacht! Was das hier für
Häuschen sind. Wahrscheinlich Kleinbürger, Beamte ... Kaufleute,
vielleicht ... Dieser Stepan Nikiforowitsch! Und was für Reaktionäre sie
sind, diese Schlafmützen! ^Oui^, Schlafmützen, ^c’est le mot^. Er ist
übrigens ein kluger Mensch; hat diesen ^bonsens^, das nüchterne,
praktische Begreifen der Dinge. Dafür aber sind’s ja Greise, Greise!
Dieser ... äh, wie heißt doch gleich der Kerl! ... Nun ja, was nicht
noch ... Werden es nicht aushalten! Was mag er damit gemeint haben? Er
versank ja sogar in Gedanken, als er das sagte. Übrigens hat er mich
überhaupt nicht verstanden. Und wie _das_ nicht verstehn! Das _nicht_ zu
verstehn ist ja schwerer, als zu verstehn. Die Hauptsache ist, daß ich
überzeugt bin, im Herzen überzeugt ... Humanität ... Menschlichkeit. Den
Menschen zu sich selbst zurückführen ... seine eigene Würde erwecken und
dann ... macht Euch dann mit dem neuen Material an die Arbeit! Man
sollte meinen, daß das klar ist! Ja–hm! Erlauben Sie mal, Exzellenz;
nehmen Sie einen Syllogismus: ich treffe z. B. einen Beamten, einen
armen Beamten, einen verprügelten, eingeschüchterten Menschen. Nun ...
was bist Du? Antwort: Beamter. Also gut, Beamter; weiter: was für ein
Beamter? Antwort: so und so. – Dienst Du? Ja, ich diene. – Willst Du
glücklich sein? Will. – Was hast Du zum Glücklichsein nötig? Das und
das. – Warum? Darum. – Und siehe, der Mensch begreift mich nach zwei
Worten, der Mensch ist gewonnen, ist, sagen wir, bestrickt, der Mensch
gehört mir und ich mache mit ihm, was ich will, d. h. natürlich nur zu
seinem Besten. ’N gemeiner Mensch, dieser Schipulenko! Und welch eine
scheußliche Fratze er hat ... ‚Versohlen Sie ihn!‘ – das hat er
absichtlich so gesagt. – Nein, mein Lieber, das kannst Du selbst
besorgen, wenn es Dich reizt; ich aber werde es _nicht_ tun; ich werde
meinen Trifon mit einem einzigen Wort zu erziehen verstehn: ein kurzer
Tadel – das genügt, er wird’s schon fühlen. Was jedoch die Prügelstrafe
anbetrifft, hm! ... ungelöste Frage das ... hm! Pfui, Teufel, diese
verfluchten Bretterstege!“ rief er plötzlich wütend; er hatte auf den
Weg nicht acht gegeben und war gestolpert. „Und das will eine Hauptstadt
sein! Oh Zivilisation! Hier kann man sich ja die Beine brechen! Hm! ...
Ich hasse diesen Schipulenko; unsympathischer Kerl. Vorhin lachte er
über mich, als ich sagte, man würde sich moralisch umarmen. Nun, man
wird es auch, was geht das Dich an? Hab keine Angst, Dich werde ich
nicht umarmen; eher einen Bauern ... Wenn ich jetzt einem Bauern
begegnen sollte, so werde ich ihn anreden. Übrigens war ich etwas
angetrunken und drückte mich vielleicht nicht so aus ... Hm! Werde nie
mehr trinken. Was man am Abend schwatzt, das bereut man am nächsten
Morgen. Wie!? Ich gehe doch ganz gerade ... Aber, weiß Gott, sie sind
doch alle Spitzbuben!“
Das waren die zusammenhanglosen Gedanken, die Herrn Pralinski durch den
Kopf gingen, als er auf den Bretterstegen nach Hause schritt. Die
frische Nachtluft tat ihm gut, sie rüttelte ihn wieder wach, wie man zu
sagen pflegt. Nach fünf Minuten aber hätte er sich wieder beruhigt und
wäre dann vielleicht schläfrig geworden. Doch plötzlich, wenige Schritte
vor dem großen Prospekt, hörte er Musik. Er blickte sich um. In einem
alten einstöckigen, doch langgestreckten Holzhause, das einsam an der
anderen Straßenseite lag, schien ein Fest zu sein: eine Geige, ein
Kontrabaß und eine Flöte taten ihr Bestes, um tanzlustigen Leuten eine
Quadrille aufzuspielen. Unter den Fenstern drängten sich Zuschauer,
meistens Weiber in wattierten Mänteln und großen Tüchern; sie bemühten
sich eifrig, durch die Spalten der Läden irgend etwas zu sehn. Das
Gestampf der Tanzenden konnte man sogar auf der anderen Straßenseite
hören. Pralinski erblickte nicht weit von sich einen Schutzmann und ging
auf ihn zu.
„Wem gehört dieses Haus, mein Lieber?“ fragte er ihn kurz, wobei er
seinen kostbaren Pelz am Halse etwas zurückschob, genau so viel, daß der
Schutzmann seinen Orden erkennen konnte.
„Dem Beamten Pseldonimoff, dem Registrator,“ antwortete der Schutzmann,
der natürlich den Orden sofort erkannt und eine stramme Haltung
angenommen hatte.
„Pseldonimoff? Hm! Pseldonimoff! ... Und was ist denn da los? Heiratet
er vielleicht?“
„Ja, Ew. Hochgeboren, er heiratet die Tochter eines Titularrats.
Mlekopitajeff, Titularrat ... hat an der Behörde gedient. Dieses Haus
bekommt jetzt der Schwiegersohn.“
„Also gehört es jetzt Pseldonimoff und nicht mehr Mlekopitajeff?“
„Pseldonimoff, jawohl, Ew. Hochgeboren, Mlekopitajeff gehörte es früher,
jetzt aber gehört es Pseldonimoff.“
„Hm! Ich habe mich nur erkundigt, weil ich nämlich sein Vorgesetzter
bin.“
„Zu Befehl, Exzellenz.“
Der Schutzmann nahm eine wenn möglich noch strammere Haltung an, Herr
Pralinski aber schien nachzudenken. Er stand und überlegte ...
Ja, tatsächlich, dieser Pseldonimoff diente in seiner Kanzlei; das wußte
er ganz genau. Er war ein kleiner Beamter, der etwa zehn Rubel monatlich
erhielt. Da Herr Pralinski erst seit kurzer Zeit Chef seiner Kanzlei
geworden war, so hätte er sich schließlich seiner Untergebenen nicht
allzu genau erinnern können; Pseldonimoffs jedoch erinnerte er sich
deutlich und zwar nur des Namens wegen: der war ihm sofort aufgefallen
und so hatte er sich denn den Besitzer desselben etwas genauer angesehn.
Er erinnerte sich eines noch sehr jungen Menschen mit einer langen
gebogenen Nase mit blondem, strähnigem Haar, der krankhaft mager war,
einen unmöglichen Rock und noch unmöglichere Unaussprechliche trug. Er
erinnerte sich noch, daß ihm damals beim Anblick dieser Figur der
Gedanke gekommen war, dem Armen zu Weihnachten einige zehn Rubel zur
Aufbesserung der Toilette zukommen zu lassen. Da aber das Gesicht dieses
Armen ungeheuer einfach wirkte und der Blick sogar sehr unsympathisch
war, so verdunstete der gute Gedanke allmählich ganz von selbst, und
Pseldonimoff erhielt kein Geschenk. Um so mehr setzte ihn aber dann
dieser selbe Pseldonimoff in Erstaunen, als er ihn vor einer Woche um
die Erlaubnis bat, heiraten zu können: Pralinski erinnerte sich noch,
daß er damals keine Zeit gehabt hatte, sich mit der Sache eingehender zu
beschäftigen, und so war denn die Heiratsgeschichte schnell erledigt
worden. Trotzdem jedoch wußte er noch ganz genau, daß Pseldonimoff mit
der Braut noch ein einstöckiges Holzhaus und vierhundert Rubel bar
erhalten sollte. Dieser Umstand hatte ihn damals sogar etwas in
Erstaunen gesetzt; und dann wußte er auch noch, daß er über die Namen
Pseldonimoff und Mlekopitajeff einen Kalauer gemacht hatte. Dessen
erinnerte er sich noch ganz genau.
Herr Pralinski verfiel immer mehr und mehr in Gedanken. Bekanntlich
können zuweilen ganze seitenlange Betrachtungen oder Erwägungen in einer
einzigen Sekunde durch unseren Kopf gehn, sagen wir, in Form gewisser
Gefühle, die sich in menschlicher Sprache nicht so einfach ausdrücken
lassen. So werde ich denn auch alle diese Gefühle unseres Helden nicht
weiter auszudrücken versuchen, sondern nur das Wesen dieser Gefühle so
gut ich es kann wiedergeben, sagen wir, nur das, was in ihnen das
Notwendigste und Wahrscheinlichste war, denn viele unserer Empfindungen
würden, in die menschliche Sprache übersetzt, vollkommen
unwahrscheinlich sein. Das ist ja der Grund, warum sie niemand hört,
obgleich sie doch ein jeder hat. Natürlich waren die Empfindungen und
Gedanken Pralinskis ein wenig zusammenhanglos, doch wir wissen ja, warum
sie es waren.
„Da reden wir nun und reden,“ zuckte es ihm durch den Kopf, „kommt es
aber zum Handeln – so tun wir doch nichts. Da haben wir jetzt ein
Beispiel, nehmen wir meinetwegen diesen Pseldonimoff: er ist heute
erregt aus der Kirche heimgekehrt, hoffnungsfroh, freudig ... Dieser Tag
ist einer der seligsten seines Lebens ... Jetzt hat er mit den Gästen zu
tun, gibt ein Fest – ist bescheiden und arm, aber doch heiter, froh,
aufrichtig ... Wie, wenn er jetzt erfahren würde, daß in diesem
Augenblick ich, ich, sein Vorgesetzter, sein höchster Vorgesetzter,
Exzellenz Pralinski, hier vor seinem Hause stehe und seiner
Hochzeitsmusik zuhöre? Nein, tatsächlich, was würde dann mit ihm
geschehn? Was würde er tun, wenn ich jetzt einfach den Entschluß fasse
und bei ihm eintrete? Hm! ... zuerst würde er natürlich vor Schreck
verstummen: Ich würde ihm seine Hochzeitsfeier verleiden, würde alles
verderben ... Ja, das würde das Erscheinen jedes anderen so hohen
Vorgesetzten zweifellos tun, nicht aber, wenn ich ... Das ist es ja, daß
jeder andere stören würde, nur ich nicht ...
„Ja, ja, mein lieber Nikiforoff! Vorhin konnten sie mich nicht verstehn,
da haben sie jetzt ein fertiges Beispiel.
„Hm – ja. Wir alle reden von Humanität, doch zu Heroismus, zu
Heldentaten sind wir noch immer nicht fähig.
„Was für eine Heldentat? Nun, urteilen Sie doch selbst: bei der jetzigen
Gesellschaftseinteilung soll ich, ich um zwölf Uhr nachts zu meinem
Registrator, der sich nur auf zehn Rubel monatlich steht, gehn! – Das
ist doch Wahnsinn, ist doch Rotation aller Kulturideen, Sodoms Ende und
Pompejis Untergang! Das würde niemand verstehn. Nikiforoff wird sterben,
ohne das zu begreifen. Er sagte ja doch: wir werden es nicht aushalten.
Ja, aber diese ‚wir‘ sind Sie, meine Herren, nicht ich; das sind Leute
der Lähmung und Stagnation, ich aber, ich werde es aushalten! Ich werde
den letzten Tag Pompejis in den schönsten Freudentag meines Untergebenen
verwandeln und dieser unerhörte Schritt wird eine normale,
patriarchalische, hohe und moralische Handlung werden. Wie das? So.
Bitte aufzumerken ...
„Nun, nehmen wir an ... ich trete ein: sie sind erstaunt, erschrocken,
unterbrechen den Tanz, blicken sich scheu nach allen Seiten um, drängen
sich vor mir zurück. Schön; da aber trete ich vor: ich gehe geradenwegs
auf den entsetzten Pseldonimoff zu und sage ihm mit dem
liebenswürdigsten Lächeln: so und so, war bei Seiner Exzellenz, Herrn
Nikiforoff, hier in der Nähe .. Nun, und dann erzähle ich so in spaßiger
Art und Weise mein Pech mit diesem Trifon und gehe dann darauf über, wie
es kam, daß ich zu Fuß ging ... Nun, und da hörte ich denn plötzlich
Musik, erkundige mich beim Schutzmann und erfahre, daß Sie, mein Lieber,
heute Ihre Hochzeit feiern. Ach, denke ich, da mußt Du doch hingehen,
mußt doch einmal sehn, wie Deine Beamten sich amüsieren und ...
heiraten. Ich hoffe, Sie werden mich nicht vor die Tür setzen! – Haha,
vor die Tür setzen! Das einem Untergebenen! Ich glaube, er wird den
Verstand verlieren, wird Hals über Kopf alle Sessel zusammenschleppen,
um mir eine Sitzgelegenheit zu bieten, wird vor Entzücken erbeben, wird
sich überhaupt nicht besinnen können! ...
„Nun, was kann es Einfacheres, Vornehmeres als solch eine Handlung
geben! Warum ich eingetreten bin? Das ist eine andere Frage! Das ist die
moralische Seite der Sache ...
„Hm ... Woran dachte ich eigentlich? Ach so!
„Natürlich werden sie mich mit dem vornehmsten Gast zusammenbringen, mit
irgend einem Titularrat oder Verwandten, einem abgesetzten Hauptmann mit
einer verfänglich roten Nase ... Gogol hat sie doch prachtvoll
geschildert, diese Originale! Nun, ich lerne natürlich die junge Frau
kennen, lobe sie, ermuntere die Gäste, bitte sie, sich nicht stören zu
lassen, den Tanz wieder aufzunehmen, mache Bonmots; mit einem Wort – bin
bezaubernd liebenswürdig. Ich bin immer bezaubernd liebenswürdig, wenn
ich mit mir zufrieden bin. Hm! ... das ist es ja, daß ich immer noch so
ein wenig, natürlich nicht gerade betrunken, aber so ...
„... Versteht sich, als Gentleman stehe ich auf gleichem Fuß mit ihnen
und verlange nicht im geringsten irgend welche ... Aber moralisch,
moralisch – das ist eine andere Sache: sie werden es begreifen und
würdigen ... Meine Handlung wird Edelmut in ihnen erwecken ... Und dann
bleibe ich so eine halbe Stunde .. Meinetwegen auch eine Stunde. Gehe
selbstverständlich kurz vor dem Essen; sie werden natürlich alles
mögliche zusammenbraten, mich himmelhoch zu bleiben bitten, ich aber
erhebe nur meinen Pokal, spreche meinen Glückwunsch aus und danke für
das Essen. Sage einfach – die Arbeit drängt. Dieses Wort wird genügen:
sofort werden sie ehrerbietig-ernste Gesichter machen. Und damit gebe
ich zu gleicher Zeit in delikater Weise zu verstehn, daß ich und sie –
zwei verschiedene Dinge sind. Himmel und Erde. Ich meine, ich sage das
nicht, um ... aber man muß doch ... im moralischen Sinn ist es sogar
unbedingt nötig, was man auch einwenden mag. Übrigens kann ich ja sofort
wieder lächeln, kann sogar lachen, und alle werden sie wieder Mut fassen
... Scherze noch ein wenig mit der Jungen; hm! ... ich könnte ja sogar
andeuten, daß ich nach einer bestimmten Anzahl Monate wiederkommen würde
als Taufpate, he–he! Sie wird sich dann bestimmt bemühen, pünktlich zum
Termin einen kleinen Pseldonimoff auf die Welt zu setzen. Vermehren sich
ja wie die Kaninchen. Nun, man wird natürlich lachen, sie wird feuerrot,
gefühlvoll küsse ich sie dann auf die Stirn, segne sie womöglich noch
... und morgen kennt dann die ganze Kanzlei meine Heldentat. Am nächsten
Tage bin ich wieder streng, anspruchsvoll, sogar unerbittlich, doch alle
wissen dann bereits, wer ich bin. Kennen mein Innerstes, mein geheimstes
Wesen: ‚Als Vorgesetzter ist er streng, doch als Mensch ist er – ein
Engel!‘ Und da habe ich denn gesiegt; habe mit einer einzigen kleinen
Handlung alle Herzen erobert: sie gehören mir; ich bin ihr Vater, sie
sind meine Kinder ... Nun, Exzellenz Stepan Nikiforowitsch, versuchen
Sie doch einmal, etwas Ähnliches zu machen ...
„... Ja, wissen Sie auch, begreifen Sie auch, daß Pseldonimoff seinen
Kindern und Kindeskindern erzählen wird, wie seine Exzellenz in eigener
Person auf seiner Hochzeit erschienen ist! Und die werden es noch ihren
Enkeln als heiligste Familiengeschichte erzählen, wie der Würdenträger,
der große Staatsmann – der ich dann bestimmt schon sein werde – sie
einst der Ehre gewürdigt u. s. w., u. s. w. Aber das wäre ja doch einen
Erniedrigten moralisch erheben, ihn sich selbst wiedergeben! ... Er
bekommt ja nur zehn Rubel monatlich! ... Sollte ich etwas Ähnliches
fünfmal wiederholen, so bin ich ja populär, ohne ... Werde in allen
Herzen eingeschlossen sein und der Teufel weiß, was daraus noch alles in
Zukunft entstehen kann, aus dieser Popularität! ...“
So, oder ungefähr so dachte Herr Pralinski. (Meine Herren, als ob der
Mensch zuweilen wenig bei sich denkt, und besonders noch, wenn er in
einer etwas exzentrischen Stimmung ist!). Diese Gedanken durchzuckten
ihn vielleicht in kaum einer halben Minute, und natürlich würde er sich
mit den Traumgebilden und der gedanklichen Beschämung Nikiforoffs
zufrieden gegeben haben und würde weiter nach Haus und zu Bett gegangen
sein – unter normalen Umständen. Doch der Jammer war bloß der, daß er in
jenem Augenblick etwas exzentrisch war.
Wie vom Schicksal heraufbeschworen sah er plötzlich im entscheidenden
Augenblick die zufriedenen Gesichter Nikiforoffs und Schipulenkos vor
sich.
„Werden’s nicht aushalten!“ wiederholte Stepan Nikiforowitsch mit
hochmütigem Lächeln.
„Hihihi!“ sekundierte Ssemjon Iwanowitsch mit seinem scheußlichen
Gekicher.
„Das wollen wir mal sehn! Ich werde sofort beweisen, wie ich’s
aushalte!“ sagte entschlossen Herr Pralinski und es stieg ihm sogar heiß
zu Kopf.
Er verließ den Brettersteg und ging mit festen Schritten über die Straße
auf das Haus seines Untergebenen, des Registrators Pseldonimoff zu.
* * * * *