Sein Stern riß ihn mit sich. Mutig schritt er durch die offene Hoftür,

schob verächtlich mit dem Fuß einen kleinen, zottigen Spitz bei Seite,

der ihm mehr anstandshalber als um der Sache willen mit heiserem Gekläff

an die Beine fuhr. Auf den Brettern, die von der Hoftür bis zur Haustür

führten, schritt er munter weiter und stieg dann die drei alten

Holzstufen hinan, die unter einem kleinen Giebel einen Vorbau wie etwa

ein Wächterhäuschen bildeten, und trat in einen erbärmlich kleinen Flur.

Zwar brannte daselbst irgendwo in einer Ecke so etwas wie ein Licht oder

eine bunte Laterne, doch hinderte das Herrn Pralinski nicht, so wie er

war, in Galoschen, mit dem linken Fuß in eine Schüssel mit Gelée, die

zum Kaltwerden herausgestellt worden war, hineinzutreten. Herr Pralinski

beugte sich interessiert nieder, um den weichen Boden zu betrachten und

erkannte mit Schrecken, was er angerichtet hatte; zu gleicher Zeit

bemerkte er auch, daß neben ihm noch zwei Schalen mit irgend etwas

Eßbarem, und zwei Formen mit einer süßen Speise, augenscheinlich mit

Blanc-manger, standen. Das zerdrückte Gelée verwirrte ihn allerdings ein

wenig und eine kurze Sekunde lang dachte er wohl, ob es nicht besser

wäre, noch leise umzukehren und sich aus dem Staube zu machen. Doch

gesinnungstüchtig wies er diesen Gedanken als niedrige Anwandlung weit

von sich. Er überlegte, daß ihn doch niemand gesehn und man daher auch

bestimmt nicht auf ihn verfallen würde, wischte schnell seine Galosche

ab, um alle Spuren zu verstecken, tastete dann an der filzbeschlagenen

Tür nach der Klinke, öffnete die Tür und trat in ein ganz kleines

Vorzimmer. Die eine Hälfte desselben war mit Mänteln, Pelzjacken,

Überziehern, Tüchern, Muffs und Galoschen total verbaut, in der anderen

hatte man die Musikanten untergebracht: zwei Geigen, eine Flöte und ein

Kontrabaß, im ganzen also vier Mann. Sie saßen um einen kleinen,

ungestrichenen Holztisch, auf dem ein einziges Talglicht brannte, und

fiedelten was das Zeug hielt die letzte Tour der Quadrille herunter.

Durch die offene Tür konnte man im Saal die Tanzenden sehn, die sich in

Staub-, Rauch- und Dunstwolken drehten. Es ging ausgelassen-lustig zu.

Man hörte Gelächter, Schreie, Damengekreisch. Die Kavaliere stampften

wie eine Eskadron Pferde, und aus dem ganzen Sodom klang das Kommando

des Tanzordners, der, wie es schien, ein sehr freier Herr mit

aufgeknöpftem Rock war: „^Avancez Messieurs, chaine de dames,

balancez!^“ u. s. w., u. s. w. Herr Pralinski warf einigermaßen erregt

seinen Pelz von den Schultern, schob die Galoschen ab, und trat mit der

Mütze in der Hand in den sogenannten Saal. Übrigens hatte er schon

aufgehört zu denken.

Im ersten Augenblick bemerkte ihn niemand: alle tanzten in wildem Galopp

oder Walzer die Quadrille zu Ende. Pralinski stand wie betäubt und

konnte in diesem Wirrwarr nichts unterscheiden. Helle Damenkleider,

Frack- und Rockschöße, Herren mit einer Zigarette zwischen den Zähnen

schwirrten vor seinen Augen, und zwischen ihnen irgend eine

vorüberfliehende Dame, deren lange flatternde hellblaue Schärpe mit

Fransen ihm über die Nase wischte. Ihr setzte in heller Begeisterung ein

Student nach, der dabei den Eingetretenen unsanft stieß. Darauf drehte

sich vor ihm irgend ein Offizier, der länger als eine Werst lang war.

Irgend jemand rief vor Begeisterung mit ungewöhnlich hoher Stimme im

gemeinsamen Vorüberfliegen: „E–e–ech Pseldonimuschka!“ Herrn Pralinski

schien es, als klebten seine Sohlen am Fußboden: der war mit Wachs oder

Stearin gebohnt. In dem Zimmer, das übrigens nicht klein war, tanzten

etwa dreißig Menschen.

Doch nach einer Minute war die Quadrille beendet und fast im selben

Augenblick geschah genau dasselbe, was sich Herr Pralinski schon auf dem

Bretterstege gedacht hatte. Unter den Gästen, die noch nicht Atem

geschöpft, noch nicht den Schweiß von den Gesichtern gewischt hatten,

verbreitete sich plötzlich ein ganz ungewöhnliches Tuscheln. Aller

Augen, alle Gesichter wandten sich erschrocken schnell auf den

eingetretenen Gast. Und gleich darauf begann ein allgemeines Reculement,

alle schoben sie sich wie die Krebse rückwärts. Die ihn noch nicht

bemerkt hatten, wurden an den Kleidern gezupft und eines Besseren

belehrt. Herr Pralinski stand immer noch in der Tür und wagte keinen

Schritt vorzutreten, zwischen ihm aber und den Gästen wurde der freie

Zwischenraum immer größer und größer und schließlich war das halbe

Zimmer leer, abgesehen von den Zigarettenstummeln und Konfektpapierchen,

die friedlich den Fußboden verzierten. Da löste sich plötzlich aus

diesem enggepreßten Publikum schüchtern ein junger Mensch in einem

Gehrock los und trat vor in den leeren Raum: er hatte strähniges blondes

Haar und eine gebogene Nase. Er schob sich zaghaft näher, machte einen

Bückling nach dem anderen und blickte dabei auf den unerwarteten Gast

genau so wie ein Hund, der sich mit gesenkter Rute an seinen ihn

rufenden Herrn heranschlängelt, um verdiente Schläge in Empfang zu

nehmen.

„Guten Abend, Pseldonimoff, erkennen Sie mich?“ sagte Herr Pralinski und

fühlte doch im selben Augenblick, daß er es furchtbar ungeschickt sagte

und vielleicht eine unglaubliche Dummheit beging.

„Eu–eu–eure E–exzellenz!“ murmelte Pseldonimoff.

„Ach was, Exzellenz, – bin, mein Lieber, ganz zufällig bei Ihnen

eingetreten, wie Sie es sich wahrscheinlich denken können ...“

Doch Pseldonimoff konnte augenscheinlich überhaupt nicht denken. Er

stand mit weit aufgerissenen Augen vor seinem Vorgesetzten und nur das

Entsetzen des totalen Nichtverstehenkönnens drückte sich auf seinem

bleichen Gesichte aus.

„Ich nehme an, daß Sie mich doch nicht vor die Tür setzen werden ... Ob

willkommen oder nicht, aber einen Gast muß man stets empfangen! ...“

fuhr Herr Pralinski fort, wobei er wieder fühlte, daß er sich bis zu

unanständiger Schwäche verwirrt, daß er lächeln will und doch selbst das

nicht mehr kann; daß die humoristische Erzählung vom Ausbleiben seines

Trifon immer unmöglicher wird. Pseldonimoff aber verharrte wie zum Trotz

in seiner Erstarrung und fuhr bewegungslos fort, ihn blödsinnig

anzublicken. Pralinski durchzuckte es, er fühlte: „noch eine solche

Minute und es geschieht etwas Unerhörtes!“

„Oder habe ich vielleicht gestört ... dann werde ich natürlich sofort

...“ sagte er halbmechanisch und an seinem rechten Mundwinkel erzitterte

ein kleiner Nerv ...

Da aber besann sich endlich Pseldonimoff.

„Ew. Exzellenz, bitte, geruhen ... Ehre ...“ stotterte er unter erneuten

Bücklingen, „geruhen Platz zu nehmen ...“ Und noch etwas mehr zu sich

gekommen, wies er plötzlich mit beiden Händen auf das Sofa, das ohne

Tisch an die Wand geschoben war, um den Tanzenden nicht im Wege zu sein

...

Herr Pralinski atmete innerlich auf und ließ sich wie erlöst auf das

Sofa nieder; sofort beeilte sich einer der Herren, den bei Seite

geschobenen Tisch wieder vorzuschieben Flüchtig blickte er sich um und

da gewahrte er, daß außer ihm niemand saß: alle, auch die Damen standen.

Das war ein schlechtes Zeichen. Doch war es noch nicht Zeit, zu

ermuntern. Die Gäste standen noch immer scheu zurückgedrängt und vor ihm

hielt sich Pseldonimoff immer noch krumm wie ein Haken und begriff immer

noch nichts und war immer noch weit entfernt vom Lächeln. Es war einfach

schändlich – oder kurz: in diesem Augenblick erlitt unser Held soviel

Leid, daß sein Harûn-al-Raschid würdiges Unternehmen um des Prinzips

willen wohl für eine Heldentat angesehn werden konnte. Da befand sich

noch eine Gestalt plötzlich neben Pseldonimoff, die einen Bückling nach

dem anderen machte. Zu seiner unbeschreiblichen Freude, ja, und auch zu

seinem Glück erkannte Herr Pralinski in ihm den Sekretär aus seiner

Kanzlei, Akim Petrowitsch Subikoff, den er zwar nicht gesellschaftlich,

dafür aber als tätigen, schweigsamen Beamten kannte. Vor Freude erhob er

sich sofort und streckte Subikoff seine Hand entgegen, die ganze Hand

und nicht nur zwei Finger. Subikoff drückte sie vorsichtig in tiefster

Ehrerbietung. Exzellenz triumphierte: alles war gerettet!

In der Tat, jetzt war Pseldonimoff nicht mehr, sagen wir, die zweite,

sondern einfach die dritte Person. Man konnte sich mit der Erzählung

direkt an Subikoff wenden, ihn in der Not wie einen Bekannten behandeln,

sogar wie einen nahen Bekannten, Pseldonimoff aber konnte dann schweigen

und zittern soviel er wollte. Folglich war der Anstand gewahrt. Die

Erzählung aber war unbedingt nötig, das fühlte Herr Pralinski; er sah,

daß alle Gäste etwas erwarteten, daß in beiden Türrahmen sich sogar das

ganze Hausgesinde versammelt hatte und fast schon aufeinander kroch, um

ihn besser sehn und hören zu können. Unangenehm war bloß, daß der

Sekretär sich in seiner Dummheit immer noch nicht setzen wollte.

„Aber so setzen Sie sich doch!“ sagte Herr Pralinski und wies etwas

ungeschickt neben sich auf das Sofa.

„Ich ... ich ... ich ... ich kann auch hier ...“ stotterte Akim

Petrowitsch Subikoff verlegen und setzte sich flink auf einen Stuhl, der

ihm im Handumdrehen von Pseldonimoff, der selbst nicht Platz zu nehmen

wagte, in die Kniekehlen geschoben wurde.

„Denken Sie doch nur, was mir soeben passierte,“ begann Herr Pralinski

mit einer zwar noch etwas unsicheren, aber immerhin liebenswürdigen

Stimme ausschließlich zu Akim Petrowitsch gewandt. Er reckte sogar die

Worte möglichst in die Länge, sprach die Silben langsam und das a fast

wie ein e aus, kurz, er fühlte und begriff, daß er sich nicht natürlich

gab, doch konnte er sich nicht mehr beherrschen. Und überhaupt erkannte

und begriff er in jenem Augenblick furchtbar viel, weswegen er denn auch

doppelt litt.

„Können Sie sich vorstellen: ich komme von Stepan Nikiforowitsch

Nikiforoff, dem Geheimrat, Sie haben vielleicht von ihm gehört ...“

Subikoff beugte sich ehrerbietig mit seinem ganzen Oberkörper vor, als

wollte er sagen: „Exzellenz, wie sollte ich nicht!“

„Er ist jetzt Ihr Nachbar,“ fuhr Herr Pralinski fort und wandte sich

anstandshalber an Pseldonimoff, doch kehrte er sich sofort wieder von

ihm ab, da er an den Augen Pseldonimoffs nur zu deutlich gesehn hatte,

daß es ihm vollkommen gleichgültig war.

„Er hat sich immer ein Haus kaufen wollen ... Nun, und jetzt hat er es

sich glücklich gekauft. Ein ganz allerliebstes Häuschen. Ja ... Und da

kam es denn noch hinzu, daß heute sein Geburtstag ist und so hat er ihn

denn diesmal vor lauter Freude über sein neues Haus uns nicht

verheimlicht, wie er es sonst immer zu tun pflegte, hehe! Wie gesagt, er

hatte uns zu sich eingeladen, mich und Ssemjon Iwanowitsch. Sie kennen

ihn doch: Schipulenko.“

Subikoff machte mit seinem Oberkörper wieder eine respektvolle

Verbeugung; er tat es sogar mit großem Eifer. Herr Pralinski beruhigte

sich ein wenig, denn er hatte schon gefürchtet, sein untergebener

Sekretär könnte es vielleicht erraten, daß er der einzige rettende

Stützpunkt Seiner Exzellenz war. Das wäre gar zu dumm gewesen.

„Nun, wir saßen, tranken Champagner, sprachen über Regierungssachen, ...

über dieses und jenes ... über verschiedene Prob–leme ... disputierten

sogar ... Hehe!“

Subikoff machte ein ungewöhnlich ehrerbietiges Gesicht.

„Aber darum handelt es sich ja nicht hier. Ich verabschiedete mich

schließlich, denn, wissen Sie, Stepan Nikiforowitsch ist sehr pünktlich,

er geht stets um halb zwölf zu Bett ... er ist ja auch schon bejahrt.

Ich trete hinaus – mein Trifon ist nirgends zu sehn. Gehe hin und her,

erkundige mich: es stellt sich heraus, daß er sich in der Hoffnung, ich

würde länger sitzen bleiben, auf eine Hochzeit – zu irgend einer

Verwandten oder Schwester – begeben hatte ... gleichfalls hier irgendwo

auf der Petersburger Seite. Und auch den Schlitten hatte er natürlich

mitgenommen.“

Exzellenz blickte wieder vorsichtig zu Pseldonimoff hinüber, was diesen

sofort veranlaßte, sich krummzubiegen, doch keineswegs in der Art, wie

es Exzellenz haben wollte, und daher schloß er: „Dieser Mensch hat ja

überhaupt kein Herz.“

„Nein, so etwas!“ sagte tief erschüttert Akim Petrowitsch Subikoff. Ein

Schauer der Verwunderung lief tuschelnd gleichfalls über die

dichtgedrängte Schar der übrigen Gäste.

„Nicht wahr? Sie können sich meine Lage denken ...“ Herr Pralinski ließ

seinen fragenden Blick über alle Anwesenden schweifen. „Es war natürlich

nichts zu machen, gehe also zu Fuß. Ich denke mir, nun, Du gehst bis zum

großen Prospekt, dort wirst Du bestimmt noch einen Schlitten finden ...

hehe!“

„Hihihi!“ tönte pflichtschuldig das Echo von Subikoff zurück, und

wiederum ging ein Getuschel durch die gedrängte Gästeschar. In diesem

Augenblick platzte mit lautem Knall der Zylinder der Wandlampe. Irgend

jemand stürzte sofort eilfertig hin, um nachzusehn oder irgend etwas zu

retten. Pseldonimoff fuhr zusammen und warf einen strengen Blick auf die

Lampe, Exzellenz aber beachtete sie überhaupt nicht, und so beruhigte

man sich bald.

„Ich gehe also zu Fuß ... Die Nacht ist wundervoll, ganz windstill. Da

höre ich plötzlich Musik, Tanzmusik! Erkundige mich beim Schutzmann und

erfahre, daß Pseldonimoff seine Hochzeit feiert. Mein Lieber, Ihr Fest

ist ja auf der ganzen Petersburger Seite hörbar! Hahaha!“

„Hihihi! Stimmt ...“ meinte auch Subikoff; die Gäste flüsterten und

bewegten sich wieder; dumm war nur, daß Pseldonimoff sogar nach diesem

Scherz nicht lächelte, sondern wieder nur seinen Bückling machte –

wirklich als ob er von Holz gewesen wäre. „Der Kerl scheint ja total

borniert zu sein!“ dachte verwundert seine Exzellenz, „wenn der Esel

doch einmal lächeln wollte, wäre ja alles gut.“ Die Ungeduld tobte in

seinem Herzen.

„Halt! denke ich, wie wär’s, wenn Du einmal bei Deinem Untergebenen

vorsprächst? Ob ich ihm willkommen bin oder nicht, er wird mich doch

nicht vor die Tür setzen ... Sie verzeihen mir doch, mein Lieber ...

Natürlich, wenn ich gestört habe, so werde ich schleunigst wieder gehn

... Ich bin ja eigentlich nur angekommen ...“

Allmählich aber hatte sich eine gewisse Bewegung unter den Gästen

bemerkbar gemacht. Subikoff lächelte verklärt, als wollte er sagen:

„Gütiger Himmel, wie kann nur Eure Exzellenz stören!“ Und auch an den

übrigen Gästen waren die ersten Anzeichen des Zutrauens bemerkbar. Die

Damen saßen schon fast alle: ein gutes, positives Zeichen. Die Keckeren

von ihnen fächelten sich bereits mit den Taschentüchern zu. Eine von

ihnen – es war eine Dame in einem vertragenen Sammetkleide – sagte

absichtlich einige Worte etwas lauter. Der Offizier, an den sie

gerichtet waren, wollte ihr gleichfalls etwas lauter antworten, doch da

sie beide die einzigen mutigen waren, so führte er sein Vorhaben nicht

aus. Die Herren, meistens Kanzleibeamten und zwei oder drei Studenten,

tauschten untereinander Blicke aus, als wollten sie sich gegenseitig

anfeuern, irgend etwas zu unternehmen; vorläufig aber räusperten sie

sich nur oder traten von einem Fuß auf den anderen, um sich ein wenig

von der Stelle zu rühren. Im Grunde hatte kein einziger Angst; sie waren

nur ein wenig scheu und genau genommen blickten sie alle feindselig auf

den Unglücklichen, der gekommen war, um ihr Vergnügen zu stören. Der

Offizier, der sich schließlich seines Kleinmutes schämte, faßte sich ein

Herz und näherte sich ein wenig dem Tisch.

„Äh, mein Lieber, gestatten Sie, nach Ihrem und Ihres Vaters Namen zu

fragen?“ wandte sich Herr Pralinski an Pseldonimoff.

„Porfirij Petroff, Exzellenz,“ antwortete der sofort, als ob er Rapport

erstattete.

„Nun, Porfirij Petroff, wann werden Sie mich denn mit Ihrer jungen Frau

bekannt machen ... Führen Sie mich doch ... ich ...“

Und er bekundete schon die Absicht, sich vom Sofa zu erheben. Wie

Pseldonimoff das bemerkte, stürzte er sofort ins Nebenzimmer. Die

Neuvermählte stand übrigens an der Tür, als sie aber hörte, daß von ihr

die Rede war, schlüpfte sie sofort zurück und versteckte sich.

Nichtsdestoweniger führte Pseldonimoff sie nach einer Minute an der Hand

wieder in den Saal. Man trat sofort auseinander, um ihnen Platz zum

Durchgehen zu geben. Exzellenz erhob sich feierlich und wandte sich mit

liebenswürdigem Lächeln an die Neuvermählte:

„Es freut mich ungemein, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ sagte er mit der

elegantesten Halbverbeugung, „und um so mehr, als es gerade an solch

einem Tage ...“ u. s. w.

Er lächelte verschmitzt. Die Damen waren angenehm erregt.

„Charmant,“ sagte die Dame im Sammetkleide fast laut.

Die Neuvermählte war ihres Gatten wert. Sie war ein kleines mageres

Persönchen von sechzehn Jahren, bleich, mit einem kleinen Gesicht, in

dem ein kleines spitzes Näschen saß. Ihr kleinen Augen blickten durchaus

nicht verwirrt, im Gegenteil, sie sahen aufmerksam und sogar mit einer

gewissen Feindseligkeit den liebenswürdigen Vorgesetzten an. Ihr

Brautkleid war aus weißem Musselin auf einem rosa Unterkleide. Ihr Hals

war erschreckend mager und ihr Körper war dem eines jungen Huhnes nicht

gerade unähnlich. Auf die liebenswürdigen Worte seiner Exzellenz wußte

sie so gut wie nichts zu sagen.

„Ich kann Ihnen zu Ihrem Geschmack nur gratulieren,“ sagte er zu

Pseldonimoff gewandt halblaut, jedoch absichtlich so, daß sie es

unbedingt hören mußte.

Pseldonimoff Antwortete aber auch auf diese Liebenswürdigkeit nur mit

Schweigen; ja, diesmal vergaß er sogar, sich zu verbeugen: er rührte

sich nicht. Herrn Pralinski schien es plötzlich, daß in seinen Augen

etwas Kaltes, wenn nicht Feindseliges aufblitzte. Und doch hieß es für

ihn mit aller Gewalt, was es auch koste, die gewünschte Stimmung

erreichen. Deswegen war er ja überhaupt eingetreten!

„Das ist mir mal ein Pärchen!“ dachte er bei sich. „Übrigens ...“

Und er wandte sich von neuem an die Junge, die sich neben ihm auf das

Sofa niedergelassen hatte, erhielt aber auf seine Fragen nur ein „Ja“

oder „Nein“, und zuweilen selbst das nicht einmal.

„Wenn sie doch wenigstens verlegen werden wollte!“ dachte er wütend.

„Ich könnte dann mit ihr scherzen. Aber so ist ja meine Lage einfach

aussichtslos!“

Und auch Subikoff schwieg wie zum Trotz, wenn er es auch aus Dummheit

tat, so blieb es doch immerhin unverzeihlich.

„Aber meine Damen und Herren! Ich habe Sie doch nicht in Ihrer

Geselligkeit gestört?“ wandte er sich an alle Gäste.

Er fühlte schon, daß sogar seine Handflächen transpirierten.

„Oh nein, Exzellenz, wir werden sofort weitertanzen, augenblicklich ...

erholen wir uns ein wenig,“ antwortete ihm darauf der lange Offizier,

auf dem die Neuvermählte wohlgefällig ihre Blicke ruhen ließ: er war

noch nicht alt und sah gut aus in seiner Uniform. Pseldonimoff stand

noch immer unbeweglich und seine gebogene Nase nahm sich noch größer

aus. Er stand und hörte zu wie ein Diener, der mit Pelzen und Mänteln

auf dem Arm dem Abschiedsgespräch seiner Herrschaft zuhört. Diesen

Vergleich machte Herr Pralinski in Gedanken beim wiederholten Anblick

seines Registrators. Ja, unser Held fühlte sich sehr ungemütlich, er

fühlte, wie er den Boden unter den Füßen verlor, er fühlte, daß er

irgendwohin hineingeraten war und sich nicht mehr herausziehen konnte.

* * * * *

Da traten die Gäste an der Tür wieder auseinander, um, wie es schien,

jemandem Platz zu machen: es erschien eine mittelgroße, ziemlich

stämmige ältere Frau, die einfach angezogen war, ein Tuch, das sie unter

dem Kinn festgesteckt hatte, um die Schultern trug und an die Haube, die

ihren Kopf schmückte, augenscheinlich noch nicht gewöhnt war. In den

Händen hielt sie ein rundes Teebrett, auf dem eine volle, aber schon

aufgekorkte Flasche Champagner und zwei Gläser standen – zwei, nicht

mehr und nicht weniger. Ersichtlich war die Flasche nur für zwei

Menschen gekauft worden.

Die Frau näherte sich ruhig dem Sofa.

„Bitte, Exzellenz, nehmen Sie vorlieb,“ sagte sie nach einem Gruß und

einer Verbeugung, „wenn Sie uns schon einmal die Ehre erweisen zur

Hochzeit meines Sohnes in eigener Person zu kommen, so bitte ich Sie

gefälligst, begrüßen Sie auch schon das junge Paar mit einem Glas.

Verachten Sie es nicht, erweisen Sie uns schon die Ehre.“

Herrn Pralinski erschien sie wie ein rettender Engel. Sie war noch

durchaus nicht alt, vielleicht fünf- oder sechsundvierzig – nicht mehr.

Aber sie hatte solch ein gutes, frisches, solch ein offenes, rundes

russisches Gesicht, sie lächelte so gutmütig, begrüßte ihn so einfach,

daß Herr Pralinski wieder Mut schöpfte.

„Also S–s–sie sind die Mutter Ihres Sohnes?“ fragte er, sich erhebend.

„Ja, Exzellenz, meine Mutter,“ bestätigte Pseldonimoff, wobei er seinen

langen Hals noch mehr ausreckte und seine gebogene Nase noch weiter

vorschob.

„Ah! Freut mich, freut mich ungemein!“

„So erweisen Sie uns schon die Ehre, Exzellenz.“

„Aber mit dem größten Vergnügen.“

Das Teebrett wurde auf den Tisch gestellt und Pseldonimoff goß eilfertig

den Wein ein. Herr Pralinski nahm seinen Pokal.

„Ich freue mich, ich freue mich ganz besonders der Gelegenheit ...“

begann er, „daß ich bei der Gelegenheit ... Mit einem Wort, als

Vorgesetzter mein Wohlwollen bezeugen kann ... Ich wünsche Ihnen, meine

Gnädigste“ – er wandte sich an die Neuvermählte – „und auch Ihnen, mein

lieber Porfirij Petroff, volles, seliges, leuchtendes Glück!“

Er erhob seinen Pokal und leerte ihn mit tiefem Gefühl auf einen Zug –

es war der Zahl nach der siebente an jenem Abend. Pseldonimoff blickte

ernst und mürrisch drein und Exzellenz fühlte, daß er ihn schon qualvoll

haßte.

„Und diese verfluchte Bohnenstange“ – er blickte wütend auf den langen

Offizier, „kann der Kerl denn wirklich nicht einmal Hurra schreien!?

Damit würde er ja alles retten ...“

„Und auch Sie, Akim Petrowitsch, – bitte, trinken Sie auch auf das Glück

des jungen Paares,“ wandte sich die Alte an den Sekretär. „Sie sind sein

Vorgesetzter, beschützen Sie meinen Sohn, ich bitte Sie, wie eine Mutter

bittet. Und auch hinfort vergessen Sie uns nicht, mein Liebling, ein

guter Mensch sind Sie, Akim Petrowitsch!“

„Wie reizend doch diese alten russischen Frauen sind!“ dachte Herr

Pralinski bei sich. „Alle hat sie belebt. Hm, ich habe ja immer gesagt:

ich liebe alles, was volklich ist ...“

In dem Augenblick wurde noch ein Teebrett zum Tisch gebracht: eine Magd

in einem steifen, noch ungewaschenen Zitzkleide mit einer Krinoline trug

es herein; doch kaum konnte sie es fassen – so groß war es. Auf ihm

standen eine Menge Schalen, Teller und Vasen mit Äpfeln, Konfekt,

Marmeladen, Kuchen, Nüssen u. s. w. Dieses Teebrett hatte bis dahin im

Nebenzimmer gestanden, zur Bewirtung der Gäste, vornehmlich der Damen.

Nun wurde es aber zum Ehrengast gebracht.

„Verschmähen Sie nicht, Exzellenz, was wir Ihnen bieten können. Was wir

haben, dessen freuen wir uns,“ sagte wieder gutmütig die Alte.

„Aber, ich bitte Sie! ...“ rief Herr Pralinski und nahm sogar mit

Vergnügen eine Wallnuß, die er mit den Fingern zerdrückte. Er hatte sich

entschlossen, bis zum Schluß populär zu sein.

Plötzlich kicherte die Neuvermählte neben ihm.

„Wie?“ erkundigte sich Herr Pralinski lächelnd, sichtlich sehr erfreut

über die unvermuteten Lebensanzeichen.

„Hihi, Iwan Kostenjkinytsch scherzt wieder,“ entgegnete sie diesmal mit

gesenktem Blick.

Er bemerkte tatsächlich einen hübschen blonden Jüngling, der sich auf

einem Stuhl neben dem Sofa niedergelassen und sich halb hinter der Lehne

und der jungen Pseldonimowa, der er etwas zuflüsterte, versteckt hatte.

Der Jüngling erhob sich sofort. Er schien sehr schüchtern und noch sehr

jung zu sein.

„Ich habe ihr nur vom Traumbuch erzählt, Exzellenz,“ sagte er, als

wollte er sich entschuldigen.

„Von was für einem Traumbuch?“ fragte Herr Pralinski herablassend.

„Es gibt jetzt ein neues, ein literarisches. Ich hab ihr gesagt, daß,

wenn man Herrn Panajeff im Traum sieht, das bedeutete dann, daß man sich

das Chemisette mit Kaffee begießen würde.“

„Himmlische Unschuld!“ dachte Exzellenz nicht ohne Wut bei sich.

Der junge Mann errötete zwar, als er seine Erklärung gab, doch war er zu

gleicher Zeit unglaublich stolz auf seinen Mut.

„Nun ja, schön, ich habe so etwas gehört ...“ meinte Exzellenz.

„Und was noch amüsanter ist,“ sagte plötzlich eine neue Stimme dicht

neben Herrn Pralinski, „es wird ein neues Lexikon herausgegeben, und so

heißt es denn, Herr Krajeffski würde palemische Artikel schreiben ...“

Der das sagte war ein junger Mensch, der aber durchaus nicht verlegen

schien, sondern eine gewisse Sicherheit in seinem Auftreten hatte. Er

war in Handschuhen und weißer Weste und behielt die ganze Zeit seinen

Hut in der Hand. Er tanzte nicht, gab aber sonst den Ton an, blickte auf

die übrigen Gäste von oben herab, denn er war schon Mitarbeiter an einem

satyrischen Blatt, „Der Feuerbrand“, und war gleichsam als Ehrengast zur

Hochzeit eingeladen worden. Er hatte schon ziemlich viel Wodka getrunken

und war zu diesem Zweck des öfteren in ein bescheidenes Hinterzimmer, zu

dem alle Herren den Weg kannten, gegangen. Seiner Exzellenz gefiel er

ausnehmend wenig.

„Und das ist nur darum so komisch,“ unterbrach ihn plötzlich freudig der

blonde Jüngling, der von der Chemisette erzählt hatte und den der

„Mitarbeiter“ haßerfüllt anblickte, „so furchtbar komisch, weil der

Herausgeber so tut, als ob Herr Krajeffski die Rechtschreibung nicht

könnte und wirklich glaubte, man müsse statt ‚polemisch‘ ‚palemisch‘

sagen ...“ Der arme Jüngling sprach kaum zu Ende, was er sagen wollte.

Er erkannte an den Augen seines Zuhörers, daß er eine bekannte

Geschichte erzählte, denn seine Exzellenz wurde gleichfalls verlegen,

und das natürlich nur, weil er sie schon selbst längst kannte. Der junge

Mann schämte sich entsetzlich: er zog sich so schnell als möglich zurück

und die ganze Zeit nachher war er tief melancholisch. Dafür aber trat

der Mitarbeiter des „Feuerbrandes“ noch näher an seine Exzellenz heran

und schien die Absicht zu haben, sich irgendwo in der Nähe

niederzulassen. Solch eine liebenswürdige Annäherung schien aber Herrn

Pralinski etwas kitzlich.

„Tja! was ich sagen wollte, Porfirij Petroff,“ begann er plötzlich zu

diesem gewandt, bloß um etwas zu sagen, „warum – ich wollte es Sie schon

längst fragen –, warum nennen Sie sich Pseldonimoff und nicht

Pseudonimoff? Denn Ihr Name lautet doch zweifellos Pseudonimoff?“

„Das kann ich leider nicht genau erklären, Exzellenz,“ entgegnete

Pseldonimoff.

„Das hat man wohl schon früher verwechselt, als sein Vater in den Dienst

trat, ich meine, in den Papieren,“ bemerkte Akim Petrowitsch Subikoff.

„Das kommt zuweilen vor.“

„Un–be–dingt!“ griff Exzellenz eifrig den Gedanken auf. „Unbedingt!

Denn, urteilen Sie doch selbst: Pseudonimoff würde von dem literarischen

Wort Pseudonym herkommen. Was aber bedeutet Pseldonimoff? – Überhaupt

nichts!“

„Aus Dummheit,“ fügte plötzlich Subikoff noch hinzu.

„Das heißt, wie meinen Sie das – aus Dummheit?“

„Das russische Volk verwechselt zuweilen aus Dummheit die Buchstaben und

spricht überhaupt die Fremdwörter auf seine Art aus. So sagt es z. B.

Nevalide, während man doch Invalide sagen muß.“

„Ach so ... Nevalide, hehehe ...“

„Auch hört man häufig ‚Mummer‘ sagen, Exzellenz,“ fiel der lange

Offizier ein, den die Lust, sich gleichfalls irgendwie auszuzeichnen,

schon lange plagte.

„Wie das, ‚Mummer‘?“

„Mummer anstatt Nummer, Exzellenz.“

„Ach so, Mummer anstatt Nummer ... ja ja ... hehehe? ...“ Exzellenz war

gezwungen, auch dem Offizier Beifall zu zollen.

Der Offizier zupfte an seinem Kragen.

„Und dann sagt man auch noch ‚vurbei‘,“ mischte sich der „Mitarbeiter“

des „Feuerbrandes“ in das Gespräch. Exzellenz aber tat, als hätte er die

Bemerkung ganz überhört. Er konnte doch nicht für alle lächeln!

„_Vurbei_ anstatt _vorbei_,“ wiederholte der „Mitarbeiter“ ersichtlich

gereizt.

Exzellenz blickte ihn streng an.

„Wozu drängst Du Dich so vor?“ flüsterte Pseldonimoff dem „Mitarbeiter“

zu.

„Wieso, darf ich denn etwa nicht sprechen!“ fragte der flüsternd zurück,

schwieg aber doch und verließ mit heimlichem Ingrimm das Zimmer.

Er begab sich wieder in das anziehende Hinterzimmer, in dem für die

Herren auf einem kleinen Tisch, der mit einem jaroslawschen Tischtuch

bedeckt war, zwei Sorten Schnaps, Hering, Kaviarbrötchen und noch eine

Flasche des allerstärksten Sherry aus einem russischen Keller zur

Erfrischung hingestellt waren. Mit Wut im Herzen goß er sich ein

Gläschen ein, als plötzlich der Student der Medizin hereinstürzte,

hastig die Karaffe ergriff und sich eingoß.

„Es wird gleich wieder losgehn!“ sagte er, der erster Tänzer auf dieser

Hochzeit Pseldonimoffs war. „Komm zusehn: werde ein Solo auf den Händen

tanzen, d. h. mit den Beinen in der Luft und nach dem Essen will ich

’nen ‚Fisch‘ riskieren. Der paßt zur Hochzeit: sozusagen unserem

Pseldonimoff ein freundschaftlicher Wink ... Famoses Weib, diese

Kleopatra Ssemjonowna, man kann bei ihr faktisch alles riskieren.“

„Das ist ja ein Reaktionär,“ sagte finster der Mitarbeiter und stürzte

sein Glas hinab.

„Wer das?“

„Die hohe Persönlichkeit, vor der man sämtliche Süßigkeiten plaziert

hat. Ein Reaktionär vom reinsten Wasser, sag ich Dir.“

„Ach!“ rief der Student gleichgültig und stürzte hinaus, da er die

ersten Takte der Quadrille hörte.

Der Mitarbeiter goß sich, allein zurückgeblieben, ein noch größeres Glas

ein, um sich etwas Mut anzutrinken, darauf nahm er ein Kaviarbrötchen –

und noch niemals hatte sich der wirkliche Geheimrat Pralinski einen

schrecklicheren Feind und unerbittlicheren Rächer erworben, als es der

von ihm übersehene Mitarbeiter des „Feuerbrand“ war, besonders nach dem

zweiten Glase Schnaps. Doch wehe! Herr Pralinski ahnte nichts.

Desgleichen ignorierte er völlig noch einen anderen wichtigen Umstand,

der aber auf das weitere Verhältnis der Gäste zu seiner Exzellenz einen

unheilvollen Einfluß haben sollte. Die Geschichte war nämlich die, daß

seine Erklärung, warum er zu seinem Untergebenen gekommen war, niemand

befriedigt hatte und die Gäste fortfuhren, sich zu ängstigen oder

wenigstens sich bedrückt zu fühlen. Plötzlich aber veränderten sich alle

wie durch einen Zauberschlag: alle beruhigten sich und waren sofort

bereit, wieder zu tanzen, zu lachen, zu schreien, ganz als ob der

unerwartete Gast überhaupt nicht zugegen gewesen wäre. Die Ursache

dieser Veränderung war das auf unerklärliche Weise entstandene Gerücht,

der Gast sei nicht ganz ... nüchtern! Und wenn dieses Gerücht auch den

Stempel der schrecklichsten Verleumdung auf sich trug, so fand es

allmählich doch immer mehr und mehr Glauben unter den Gästen und bald

wurde es allgemein als unzweifelhafte Tatsache angesehn. Daher ging es

denn plötzlich ungemein frei her. Die letzte Quadrille vor dem Essen

begann.

Gerade als Herr Pralinski sich wieder an die Neuvermählte wenden wollte,

um diese Festung mit einem Scherz zu stürmen, erschien plötzlich der

lange Offizier und ließ sich unverhofft auf ein Knie vor ihr nieder. Sie

erhob sich sofort und flog selig mit ihm davon, um sich in die Reihe zu

stellen. Der Offizier machte nicht einmal seine Entschuldigung, als er

sie entführte, und sie schenkte seiner Exzellenz nicht einmal einen

Blick, als ob sie froh gewesen wäre, ihren Platz verlassen zu können.

„Im Grunde ist sie ja in ihrem Recht,“ dachte Herr Pralinski, „aber was

ist denn das für ein Benehmen!“ – „Hm! ... mein lieber Porfirij

Petroff,“ wandte er sich an Pseldonimoff, „vielleicht haben Sie

irgendetwas anzuordnen ... das heißt, ich meine ja nur ... bitte lassen

Sie sich dann nicht abhalten ...“ – „Der Kerl tut wirklich, als müsse er

hier auf mich aufpassen,“ dachte er bei sich ungehalten.

Dieser Pseldonimoff, der mit seinem langen Hals und seiner gebogenen

Nase neben ihm stand und seinen Blick nicht von ihm abwandte, wurde ihm

unerträglich. Kurz, das war alles nicht das, längst nicht das, was Herr

Pralinski sich gedacht hatte, aber er war noch lange nicht bereit, sich

das einzugestehn.

* * * * *

Die Quadrille begann.

„Gestatten Exzellenz?“ fragte ehrfürchtig Akim Petrowitsch Subikoff, der

zaghaft die Champagnerflasche in der Hand hielt und sich halbwegs

anschickte, seiner Exzellenz einzugießen.

„Ich ... wirklich, ich weiß nicht, ob ...“

Doch schon goß Subikoff mit andächtig leuchtendem Gesicht den Champagner

ein. Als das Glas bis zum Rande gefüllt war, entschloß er sich, auch

sein Glas zu füllen, doch tat er das gleichsam unter Gewissensbissen,

verlegen und betreten und mit dem Unterschied, daß er in sein Glas etwa

einen Fingerbreit weniger eingoß, was seiner Meinung nach etwas

höflicher war. Er fühlte sich wie eine Frau in Kindesnöten, als er neben

seinem hohen Vorgesetzten saß. Wovon sollte er sprechen? Sprechen aber

mußte er unbedingt, da er nun einmal die Ehre hatte, neben seiner

Exzellenz zu sitzen: dafür mußte er doch wenigstens unterhaltend sein!

Da mußte denn der Champagner retten. Seiner Exzellenz war es sogar

angenehm, daß jener eingoß, nicht des Weines wegen, denn der war warm

und überhaupt irgendein widerliches Zeug, sondern – gewissermaßen

moralisch angenehm.

„Der Alte will natürlich selbst gern trinken,“ dachte Herr Pralinski,

„allein aber wagt er es nicht. Ich kann ihn doch nicht des Genusses

berauben. Und ’s wäre ja auch lächerlich, wenn die Flasche so

unangerührt zwischen uns stände.“

Er nahm einen Schluck, denn das schien ihm besser, als so zu sitzen.

„Ich bin ja nur her–gekommen,“ begann er wieder in seiner „vornehmen“

Art und Weise, „ich bin ja nur, wie man sagt, zufällig her–gekommen, und

vielleicht werden einige finden ... daß ich ... daß es mir, wie man

sagt, nicht zu–steht, in solch einer ... Gesell–schaft zu sein.“

Subikoff schwieg und hörte nur in scheuer Neugier zu.

„Aber ich hoffe, daß Sie wenigstens verstehn, warum ich hergekommen bin

... Hehe ...“

Subikoff wollte zwar gleichfalls ehrerbietig lächeln, doch plötzlich

ging es nicht und Herr Pralinski hörte wiederum nichts beruhigendes von

ihm.

„Ich bin her–gekommen ... um, wie man sagt, zu ermuntern ... um zu

zeigen, daß es ein, wie man sagt, moralisches Ziel gibt,“ fuhr Pralinski

fort, doch die Stumpfheit seines Zuhörers ärgerte ihn und plötzlich

verstummte auch er. Der arme Subikoff wagte nicht einmal aufzublicken,

ganz als ob sein Gewissen Gott weiß wie schuldbeladen gewesen wäre. Ein

wenig verwirrt nahm Exzellenz sein Glas und trank wieder einen Schluck,

worauf Subikoff wie nach seinem letzten Strohhalm wieder nach der

Flasche griff und von neuem einschenkte.

„Deine Ressourcen können doch unmöglich groß sein,“ dachte Herr

Pralinski und betrachtete streng den armen Subikoff. Als dieser den

Blick seines hohen Vorgesetzten auf sich ruhen fühlte, beschloß er

endgültig, den seinen nicht mehr zu erheben. So saßen sie sich denn

stumm gegenüber – das war für Subikoff eine furchtbare Zeit.

Dieser Subikoff war einer von den alten Unterbeamten, die jetzt so

ziemlich ausgestorben sind. In Ehrerbietung und Gehorsam aufgewachsen,

war er einerseits friedsam wie ein Huhn, und andrerseits ein guter und

sogar edler Mensch. Er war ein Petersburger Russe, d. h. sein Vater und

sein Urgroßvater waren in Petersburg geboren, aufgewachsen und

schließlich gestorben, ohne diese Stadt auch nur ein einziges Mal

verlassen zu haben. Das ist ein ganz besonderer Typ Russen. Von Rußland

haben sie nicht die geringste Ahnung, was sie aber auch nicht im

geringsten beunruhigt. Ihr ganzes Interesse ist auf Petersburg

beschränkt und hauptsächlich auf ihren Dienst. Alle ihre Sorgen drehen

sich um die Kopekenpréférence, die nächste Kolonialwarenhandlung und ihr

Monatsgehalt. Sie kennen keinen einzigen russischen Brauch, kein

einziges russisches Volkslied, ausgenommen das eine vom „Kienspanfeuer“

und auch das nur, weil die Drehorgeln dieses Motiv leiern. Übrigens gibt

es zwei bestimmte Anzeichen, an denen man unfehlbar den Petersburger

Russen von dem echten Russen unterscheiden kann. Erstens: alle

Petersburger Russen, alle ohne Ausnahme, sagen „Die Akademischen

Nachrichten“ und niemals „Petersburger Nachrichten“, wie das Blatt doch

eigentlich heißt. Und zweitens: der Petersburger Russe wird, wenn er

„Frühstück“ sagen will, niemals das russische Wort „Sawtrak“ gebrauchen,

sondern immer „Frjühstick“ sagen, wobei er noch ganz besonders die erste

Silbe betonen wird. An diesen beiden eingewurzelten Kennzeichen kann man

sie genau unterscheiden.

Akim Petrowitsch Subikoff gehörte also zu jenen friedlichen

Beamtentypen, die sich in den letzten fünfunddreißig Jahren endgültig

ausgearbeitet haben. Übrigens war er keineswegs etwa dumm. Hätte

Exzellenz ihn andere Dinge gefragt, Dinge, die in sein Fach schlugen, so

würde er selbstverständlich geantwortet haben und vielleicht wäre dann

das Gespräch gar nicht so uninteressant gewesen. Was aber hätte er als

Untergebener auf solche Fragen, wie sie Exzellenz stellte, antworten

sollen? Es wäre ja einfach unhöflich gewesen! Und doch hätte er für sein

Leben gern etwas genaueres von den wirklichen Absichten seiner Exzellenz

erfahren ...

Währenddessen aber versank Herr Pralinski immer mehr und mehr in

stumpfes Nachdenken. In der Zerstreutheit griff er immer häufiger nach

dem Glase um wieder einen Schluck zu tun. Und sein Nachbar ergriff

jedesmal die Gelegenheit, um das Glas wieder bis zum Rand zu füllen.

Beide schwiegen sie. Da fiel es Exzellenz plötzlich ein, daß man vor ihm

tanzte, und alsbald nahm die Gesellschaft seine Aufmerksamkeit mehr in

Anspruch. Mit einem Mal aber fiel ihm etwas auf und setzte ihn sogar in

nicht geringe Verwunderung.

Man war allerdings etwas ... sehr lustig. Man tanzte, um sich zu freuen

und womöglich auch um sich auszutoben. Gute Tänzer gab es nicht gerade

viel, aber die schlechten drehten sich und stampften dermaßen, daß man

auch sie für gewandte Tänzer halten konnte. Vor allen anderen zeichnete

sich der Offizier aus: er liebte besonders Figuren, in denen er allein

blieb und gewissermaßen ein Solo tanzen konnte. Dann, d. h. wenn er

allein blieb, verbog und verrenkte er sich wirklich bewunderungswürdig,

und zwar in folgender Weise: groß und eine Werst lang wie er war, beugte

er sich plötzlich auf eine Seite, so daß man glaubte, er sei in der

Taille gebrochen und würde sofort gänzlich umfallen; doch siehe, mit dem

zweiten Schritt richtete er sich wieder werstlang auf und mit dem

dritten beugte er sich unter demselben schrägen Winkel auf die andere

Seite. Der Ausdruck seines Gesichts blieb dabei unveränderlich ernst,

und überhaupt tanzte er ersichtlich mit der vollen Überzeugung, daß alle

ihn bewunderten. Ein anderer Kavalier, der allzu häufig in das

Hinterzimmer gegangen war, schlief in der zweiten Tour neben seiner Dame

ein, so daß diese gezwungen war, allein weiterzutanzen. Ein junger

Registrator, der den ganzen Abend nur mit einer einzigen Dame tanzte,

mit derselben, deren blaue Schärpe seiner Exzellenz über die Nase

geflogen war, hatte sich etwas ganz besonderes ausgedacht: er blieb

immer ein wenig hinter seiner Dame zurück und so konnte er denn in den

Touren, beim Vorübergehn u. s. w. auf das schnell aufgefangene Ende

dieser Schärpe zehn bis zwanzig Küsse drücken. Die Dame aber schwamm vor

ihm im Tanz einher, als ob sie ein Schwan wäre und nichts von seinen

Küssen bemerkte. Der Student der Medizin tanzte tatsächlich ein Solo auf

den Händen und hatte unglaublichen Erfolg: die Begeisterung, die er

hervorrief, war geradezu erschütternd. Mit einem Wort, die ganze

Gesellschaft benahm sich vollkommen ungezwungen. Herr Pralinski, auf den

der Wein seine Wirkung hatte, ließ sich herab, sogar zu lächeln, doch

allmählich schlich sich eine etwas sonderbare Enttäuschung in seine

Seele: oh, er liebte natürlich sehr ungezwungenes, natürliches Benehmen;

wie hatte er es herbeigewünscht, als die Gäste noch scheu zurückgetreten

waren, und plötzlich überschritten die gerufenen Geister alle Grenzen!

Eine Dame in einem vertragenen blauen Sammetkleide z. B. steckte sich in

der sechsten Tour den Rock mit Stecknadeln derart auf, daß es aussah,

als hätte sie Hosen angehabt. Das war dieselbe Kleopatra Ssemjonowna,

bei der man, allerdings nach dem Ausdruck ihres Kavaliers, des Studenten

der Medizin, „alles riskieren konnte“. Von diesem Studenten der Medizin

lohnt es sich nicht, zu reden: einfach ein zweiter Fokin[5]. – Wie kam

das nur? Noch vor so kurzer Zeit waren sie scheu vor dem neuen Gaste

zurückgewichen und mit einem Mal sah er sie so emanzipiert vor sich? Es

wäre ja weiter nichts dabei gewesen, aber, aber dieser schnelle Übergang

war doch etwas sonderbar: er schien etwas zu bedeuten. Es hatte wirklich

den Anschein, als hätten sie ganz vergessen, daß Exzellenz zugegen war.

Versteht sich, Exzellenz war der erste, der lachte und er ließ sich

sogar herab, Beifall zu klatschen. Subikoff kicherte pflichtschuldigst

mit, doch tat er es nicht nur gezwungen, sondern mit augenscheinlichem

Vergnügen, – ahnungslos, daß Exzellenz bereits einen neuen Wurm in

seinem Herzen nährte.

„Sie tanzen ja großartig!“ sagte Exzellenz, als der Student in der

letzten Tour an ihm vorüber ging.

Der Student wandte sich hastig zu ihm um, schnitt eine unglaubliche

Grimasse und näherte sein Gesicht blitzschnell bis auf eine unhöflich

nahe Entfernung und – krähte plötzlich aus voller Kehle. Das war aber

denn doch zu viel! Exzellenz erhob sich. Eine wahre Lachsalve

erschütterte das Haus, denn die Grimasse des Studenten war dermaßen

unerwartet gekommen und er hatte so naturgetreu gekräht, daß das

Gelächter nur zu erklärlich war. Exzellenz stand immer noch halb

bewußtlos, als plötzlich Pseldonimoff erschien und ihn unter Bücklingen

zum Essen aufforderte. Gleich nach ihm kam auch seine Mutter.

„Väterchen, Eure Exzellenz,“ sagte sie, „erweisen Sie uns die Ehre,

verabscheuen Sie nicht unser bescheidenes Mahl ...“

„Ich – ich weiß wirklich nicht ...“ stotterte Exzellenz, „ich bin doch

nicht mit der Absicht ... ich ... wollte schon längst ...“

Allerdings hielt er noch seine Zobelmütze in der Hand. Ja, er gab sich

sogar im selben Augenblick das Ehrenwort, sich unbedingt sofort zu

verabschieden, um nichts in der Welt zum Essen zu bleiben und ... und

blieb natürlich doch. Nach einer Minute schritt er als erster zu Tisch.

Pseldonimoff und die Alte gingen vor ihm her, um ihm den Weg zu bahnen.

Man wies ihm den Ehrenplatz an und wieder stand eine volle

Champagnerflasche vor seinem Gedeck. Zuerst gab es einen Imbiß: Hering

und Schnäpse. Er streckte – nicht ganz bewußt dessen, was er tat – die

Hand nach der Schnapskaraffe aus und goß sich ein volles großes Glas

ein. Es war ihm, als ob er von einem Berge hinabflog, er glaubte zu

fallen, zu fallen, zu fallen und fühlte, daß er sich an irgend etwas

halten, anklammern mußte, doch wußte und fand er nicht, was das hätte

sein können.

Seine Lage wurde wirklich immer exzentrischer. Er fühlte den Spott des

Schicksals. Gott weiß was mit ihm alles in einer kurzen Stunde geschah.

Als er eintrat, breitete er, wie man sagt, seine Arme aus, um die ganze

Menschheit und alle seine Untergebenen an sein Herz zu drücken; und nach

kaum einer Stunde wußte er unter allen Schmerzen seines Herzens, daß er

diesen Pseldonimoff haßte und ihn samt seiner Frau und Hochzeit zu allen

Teufeln verwünschte. Und zum Überfluß erkannte er noch an dessen Gesicht

und Augen, daß auch er von ihm gehaßt wurde: das hatte ihm schon längst

der feindselige Blick des jungen Mannes nur allzu deutlich verraten.

Selbstverständlich hätte sich Herr Pralinski, als er sich zu Tisch

setzte, eher die Hand abschlagen lassen, als daß er sich selbst wirklich

die ganze Wahrheit eingestanden hätte. Aber der Augenblick, da das hätte

geschehen können, war noch nicht gekommen, und vorläufig gab es, wie man

zu sagen pflegt, noch ein moralisches „Balancé“. Aber das Herz, das Herz

... oh, das tat so weh! es drängte hinaus, in die Freiheit, an die Luft,

zur Erholung! Es war doch wirklich ein gar zu guter Mensch, dieser Iwan

Iljitsch Pralinski!

Er wußte doch, wußte es ja ganz genau, daß er schon längst hätte

fortgehn müssen, und nicht nur einfach fortgehn, sondern sich geradezu

hätte retten müssen; daß sein ganzes Unternehmen vollkommen

fehlgeschlagen, keineswegs das war, was er sich auf dem Brettersteg

gedacht hatte!

„Warum bin ich denn hergekommen? Doch nicht, um hier zu essen und zu

trinken?“ fragte er sich, als er den Hering aß. Er wurde sogar ganz

Pessimist, und in seinem Herzen fühlte er, daß er sich selbst zuweilen

lächerlich fand in seiner Heldenrolle. Ja, es kam sogar so weit mit ihm,

daß er allmählich selbst nicht mehr begriff, warum er eigentlich

eingetreten war.

„Wie hätte ich denn früher fortgehn sollen? So fortgehn, ohne die Sache

bis zu Ende durchgeführt zu haben, war unmöglich. Was würde man sagen?

Man würde sagen, daß ich mich an unanständigen Orten herumtreibe. Und

das würde ja auch so sein, wenn ich es, wie gesagt, nicht durchführte.

Was wird aber morgen – bis dahin wird es ja schon überall bekannt sein –

z. B. Stepan Nikiforowitsch sagen, und Ssemjon Iwanytsch? Und was wird

man in der Kanzlei sagen? Und bei Schembels? Und bei Schubins? Nein, ich

muß so fortgehen, daß sie alle begreifen, warum ich überhaupt gekommen

bin, ich muß den moralischen Zweck meines Erscheinens klarlegen ...“ Und

doch wartete er vergeblich auf den pathetischen Moment. „Sie achten mich

ja nicht einmal,“ fuhr er fort, zu denken. „Worüber mögen sie jetzt nur

lachen? Sie sind so lustig, als ob sie ganz gefühllos wären ... Ich habe

es ja immer gesagt: die ganze neue Generation taugt nichts: gefühllos.

Ich muß bleiben, was es auch koste, ich muß! ... Bis jetzt haben sie

getanzt, hier aber bei Tisch sind sie alle beisammen ... Ich werde

einfach von den Tagesfragen reden, hm! ... von den Reformen, der Größe

Rußlands ... oh! ich werde sie schon fortreißen! Ja! Und vielleicht ist

überhaupt noch nichts verloren ... Vielleicht ist es in der Wirklichkeit

immer so. Womit soll ich nur beginnen, um sie sofort zu fesseln? Hm! man

müßte so einen besonderen Kniff erfinden ... Ich weiß wirklich nicht ...

Und was wollen sie nur, was verlangen sie eigentlich? ... Wie ich sehe,

lachen sie dort schon wieder. Sollten sie etwa über mich ...?

Grundgütiger Himmel! Aber was will ich denn ... warum bin ich denn hier,

warum gehe ich nicht fort, was will ich eigentlich? ...“ Und plötzlich,

noch als er das dachte, befiel ihn eine tiefe Scham, eine unerträgliche

Scham, die ihm das Herz zu zerreißen drohte.

* * * * *

Es war nichts mehr zu machen: das war einfach Verhängnis.

Genau zwei Minuten nachdem er sich zu Tisch gesetzt hatte, überfiel ihn

ein furchtbarer Gedanke, ein Gedanke, der ihm kalten Schweiß auf die

Stirn herauspreßte. Er fühlte plötzlich, daß er furchtbar betrunken war,

d. h. nicht so, wie vorher, sondern wirklich total betrunken, und zwar

infolge des einen Schnapses, den er nach dem vielen Champagner

hinuntergestürzt hatte, und der alsbald seine Wirkung tat. Er fühlte es

mit seinem ganzen Bewußtsein, daß ihn alle Kräfte verließen. Den Mut

verlor er zwar deswegen nicht im geringsten, im Gegenteil, der nahm

sogar noch ungeheuer zu, aber sein Bewußtsein verließ ihn keinen

Augenblick und schrie ihm ununterbrochen in das linke Ohr: „das ist

schlecht, sehr schlecht, sehr schlecht und sogar ganz unanständig!“

Selbstverständlich blieben die trunkenen Gedanken nicht bei diesem einen

Punkte stehn: in ihm tat sich plötzlich, fast greifbar für ihn selbst,

eine Duplizität seines Ichs kund. Sein erstes Ich war: Mut, das

Verlangen den Feind zu schlagen, zu siegen, und die verzweifelte

Überzeugung, daß er sein Ziel noch erreichen würde. Das zweite Ich aber

tat sich durch dumpfen, quälenden Kopfschmerz kund: „was wird man sagen?

Wie wird das enden? Was wird morgen sein, morgen, morgen!? ...“

Zuerst fühlte er nur gewissermaßen stumpfsinnig, daß er unter den Gästen

Feinde hatte. „Das kommt daher, daß ich auch vorhin betrunken war,“

dachte er unter peinigenden Zweifeln. Wie groß aber war sein Entsetzen,

als er wirklich an unzweifelhaften Anzeichen einsehen mußte, daß er am

Tisch tatsächlich Feinde hatte.

„Und weswegen nur? Weswegen?“ fragte er sich.

An diesem Tisch saßen alle Gäste, etwa dreißig an der Zahl, doch waren

von ihnen einige schon ganz und gar „unterm Tisch“. Und die anderen

führten sich so sonderbar auf, mit solch einer bösartigen

Ungezwungenheit, schrieen, sprachen alle laut durcheinander, kündeten

vorzeitig Toaste an, schossen mit Brotkugeln auf die Damen ihrer

^Vis-à-vis^. Irgend ein Herr in einem fettigen Rock fiel, als er sich zu

Tisch setzen wollte, unter den Tisch, wo er ruhig liegen blieb –

vielleicht bis zum nächsten Morgen. Ein anderer wollte unbedingt auf den

Tisch steigen, um einen Toast zu halten, und nur dem Offizier, der ihn

an den Rockschößen ergriff, gelang es noch, ihn von seinem vorzeitigen

begeisterten Vorhaben abzubringen. Das Essen war, was die Güte anbetraf,

sehr verschiedenartig, obgleich man einen Koch, den Leibeigenen irgend

eines Generals, um Rat und Hilfe gebeten hatte; es gab Eisbein,

gebratene Zunge mit Kartoffeln, Fleischplätzchen mit grünen Erbsen,

endlich gab es noch eine Gans und zum Schluß noch Blanc-manger. An

Getränken hatte man Bier, Schnaps und Sherry. Die Champagnerflasche

stand dicht vor seiner Exzellenz, was ihn zwang, sich wie Subikoff

selbst einzugießen, besonders da letzterer bei Tisch nicht mehr aus

eigener Initiative zu handeln wagte. Zu den Toasten auf das Wohl des

jungen Paares war irgend ein roter Wein bestimmt. Der Tisch an und für

sich bestand aus vielen Tischen, unter denen sich auch ein Kartentisch

befand, und bedeckt waren sie gleichfalls mit vielen Tischtüchern, unter

denen sich wiederum ein geblümtes jaroslawsches hervortat. Die Gäste

saßen in bunter Reihe. Pseldonimoffs Mutter hatte nicht am Tisch sitzen

wollen; sie hatte in der Küche zu tun. Dafür erschien ein anderes, aber

bösartiges Frauenzimmer, das sich vorher nicht gezeigt hatte, in einem

rotseidenen Kleide, mit verbundener Backe und entsetzlich hoher Haube.

Es war das die Mutter der Neuvermählten. Sie hatte sich endlich

herabgelassen, zum Essen zu erscheinen; bis dahin war sie nicht zu

bewegen gewesen, das Hinterzimmer zu verlassen, und das nur infolge

ihres unversöhnlichen Hasses auf die Mutter ihres Schwiegersohnes; aber

darauf werde ich noch später zurückkommen. Exzellenz wurde von dieser

Dame gehässig, ja fast spöttisch betrachtet, und augenscheinlich wollte

sie ihm nicht einmal vorgestellt werden. Das schien ihm sehr verdächtig.

Doch außer ihr gab es noch andere Gesichter, die ihm verdächtig schienen

und nicht wenig Sorgen bereiteten. Es schien ihm sogar, daß sie sich

alle untereinander gegen ihn verschworen hatten, und während des Essens

überzeugte er sich noch immer mehr und mehr davon. Vor allen anderen

erschien ihm sehr bösartig: ein Herr mit einem kleinen Bart – irgend ein

freier Künstler –, der mehrmals Exzellenz ostentativ betrachtete und

sich dann wieder an seinen Nachbar wandte, um ihm etwas Spaßhaftes ins

Ohr zu flüstern. Zweitens, ein Jüngling, der allerdings ganz betrunken

war, aber nach einigen Anzeichen zu urteilen, doch keine Sympathieen für

ihn übrig zu haben schien. Dasselbe konnte man auch von dem Studenten

der Medizin sagen. Und sogar der Offizier war nicht ganz zuverlässig.

Doch ganz unverhohlenen Haß brachte ihm der Mitarbeiter des

„Feuerbrandes“ entgegen: der lag so nachlässig auf seinem Stuhl, blickte

so stolz und herausfordernd drein, lachte so frech und frei. Und als

plötzlich ein großes, dickes, wohlgezieltes Brotkügelchen neben seinem

Teller niederfiel, da war Exzellenz fest überzeugt und hätte seinen Kopf

auf die Wette gesetzt, daß der Absender dieses Geschosses niemand

anderes als dieser „Mitarbeiter“ gewesen war.

Alles das beeinflußte ihn natürlich in bedauerlicher Weise.

Besonders unangenehm war auch noch eine andere Beobachtung. Herr

Pralinski überzeugte sich nämlich, daß es ihm bereits einige

Schwierigkeiten machte, die Worte auszusprechen, daß er sehr vieles

sagen wollte, die Zunge sich aber nicht mehr so ganz bewegen ließ; und

darauf, daß er sich allmählich in Gedanken verlor und plötzlich ohne

jeden Grund lachte. Dieser Zustand verging aber bald nach einem neuen

Glase Champagner, das er sich zwar selbst eingegossen hatte, doch im

Grunde überhaupt nicht hatte trinken wollen, und das er dann plötzlich

doch ganz in Versehen hinabstürzte. Darauf hätte er am liebsten geweint.

Er fühlte, daß ihn wieder die exzentrischste Sentimentalität überkam,

daß er wieder bereit war, alle zu lieben, alle, alle, selbst

Pseldonimoff, selbst den Mitarbeiter des „Feuerbrandes“. Er wollte ihnen

um den Hals fallen, sich mit ihnen versöhnen, alles vergessen. Ja, er

wollte ihnen sogar alles erzählen, alles, alles, d. h. was für ein guter

und lieber Mensch er war, welche prachtvollen Gaben er hatte, wie er dem

Vaterlande nützlich sein würde, wie er die Damen zu unterhalten

verstände und vor allen Dingen, welch ein Fortschrittler er wäre, wie

human, wie bereit, zu allen hinabzusteigen, selbst zu den

allerniedrigsten; er war sogar bereit, ihnen aufrichtig alle Motive zu

erzählen, die ihn bewogen hatten, uneingeladen bei Pseldonimoff zu

erscheinen, bei ihm zwei Flaschen Champagner auszutrinken und ihn dafür

mit seiner Gegenwart zu beglücken.

„Die Wahrheit, die heilige Wahrheit vor allen anderen Dingen und die

Aufrichtigkeit! Das ist’s: mit Aufrichtigkeit werde ich sie nehmen. Sie

werden mir sofort Glauben schenken, ich sehe es schon kommen. Jetzt

blicken sie noch feindselig, wenn ich ihnen aber alles sage, werde ich

sie alle besiegen. Sie werden ihre Gläser füllen und sie mit einem Hoch

auf mich austrinken. Der Offizier wird sein Glas natürlich an seinem

Sporn zerschlagen. Sie könnten meinetwegen sogar Hurra schreien. Ja,

selbst wenn sie mich auf Husarenart aufheben wollen, werde ich es ihnen

nicht verbieten; es würde sich sogar sehr gut machen. Die Junge küsse

ich dann auf die Stirn; sie ist doch wirklich ganz nett. Dieser Subikoff

ist auch ein guter Mensch. Pseldonimoff wird sich mit der Zeit natürlich

bessern. Ihm fehlt noch, wie man sagt, der gesellschaftliche Schliff.

... Und obgleich der ganzen neuen Generation diese gewisse

Herzensvornehmheit abgeht, so ... aber ich werde von der gegenwärtigen

Bedeutung Rußlands unter den anderen Mächten reden. Werde auch die

Bauernfrage erwähnen, ja, und ... und alle werden sie mich lieben und

ich werde als Sieger dieses Haus verlassen! ...“

Diese Gedanken waren natürlich sehr angenehm, aber unangenehm war nur,

daß er plötzlich zwischen all diesen rosaroten Hoffnungen ganz

unerwartet eine neue Eigenschaft an sich entdeckte, nämlich: unbewußt zu

spucken. Wenigstens sah er, wenn er sprach, daß sein Speichel ganz gegen

seinen Willen nur so spritzte. Zum ersten Mal bemerkte er es im Gespräch

mit Subikoff, dem er plötzlich die Wange total bespritzte und der vor

lauter Ehrfurcht nicht wagte, sie sich abzuwischen. Da nahm denn

Exzellenz seine Serviette und wischte ihm selbst die Wange ab. Doch im

selben Augenblick schien ihm was er tat dermaßen ungereimt, dermaßen

gegen alle gesunde Vernunft, daß er verstummte und aus einer

Verwunderung in die andere geriet. Subikoff saß wie abgebrüht auf seinem

Stuhl. Da erinnerte sich Herr Pralinski, daß er schon seit einer

Viertelstunde über ein äußerst interessantes Thema zu ihm sprach, dieser

Subikoff aber, wenn er auch zuhörte, doch verlegen zu sein schien oder

gar sich vor irgend etwas fürchtete. Pseldonimoff, der einen Stuhl

weiter von ihm saß, streckte gleichfalls seinen langen Hals näher zu ihm

und hörte mit dem allerunangenehmsten Gesichtsausdruck zu. Nein, es

hatte wirklich den Anschein, als fühlte sich sein Registrator

verpflichtet, auf ihn acht zu geben. Er überflog die Gäste mit seinem

Blick und bemerkte, daß viele ihn ansahen und auslachten. Das Sonderbare

war dabei nur, daß es ihn nicht im geringsten verwirrte; er tat noch

einen Schluck aus seinem Glase und hob plötzlich laut zu sprechen an:

„Ich habe schon einmal gesagt,“ begann er möglichst laut, „meine Damen

und Herren, ich habe schon einmal gesagt, und soeben habe ich es auch

Akim Petrowitsch gesagt, daß Rußland ... ja, gerade Rußland ... mit

einem Wort, Sie verstehen, was ich sa-sa-sagen will ... Rußland

durchlebt jetzt, wenigstens meiner festen Überzeugung nach, eine Epoche

der Hu-hu-manität ...“

„Hu-hu-humanität!“ tönte es vom anderen Tischende zurück.

„Huhuhuu!“

„Tututuu!“

Exzellenz verstummte. Pseldonimoff erhob sich und blickte streng

hinüber: er wollte wissen, wer es geschrieen hatte. Subikoff schüttelte

gleichsam heimlich ein wenig den Kopf, als ob er die Gäste warnen

wollte. Exzellenz bemerkte es wohl, schwieg aber unter seinen Qualen.

„Humanität!“ fuhr er hartnäckig fort, „und vorhin, gerade vorhin sagte

ich Stepan Niki–ki–fo–rowitsch ... ja, ... daß ... daß die Erneuerung,

wie man sagt, der ...“

„Exzellenz!“ ertönte es laut am anderen Tischende.

„Wie beliebt?“ fragte der unterbrochene Redner, bemüht den Schreier zu

entdecken.

„Nichts, Exzellenz, ich meinte nur so. Fahren Sie fort!

Fah–ren–Sie–fort!“ ertönte von neuem dieselbe Stimme.

Herr Pralinski fühlte sich gekränkt, aber doch nicht allzu sehr.

„Die Erneuerung, wie man sagt, dieser selben ...“

„Exzellenz!“ rief die Stimme von neuem.

„Was wollen Sie?“

„Leben Sie hoch!“

Da hielt es Herr Pralinski nicht mehr aus. Er verstummte und wandte sich

mit strenger Miene an den Friedensstörer und Beleidiger. Es war ein

junger Gymnasiast, der viel getrunken hatte und große Befürchtungen

erregte. Er hatte schon ein Glas und zwei Teller zerschlagen, unter dem

Vorwande, daß man es auf einer Hochzeit so tun müsse. Als Herr Pralinski

sich an ihn wandte, wies ihn der Offizier streng zur Ruhe.

„Was fehlt Dir eigentlich? Warum brüllst Du? Wenn Du nicht schweigst,

werde ich Dich vor die Tür setzen!“

„Nicht von Ihnen, Exzellenz, nicht von Ihnen ist hier die Rede! Fahren

Sie fort!“ schrie der heitere Schuljunge, auf seinem Stuhl in

ungenierter Pose zurückgelehnt. „Fahren Sie fort, ich höre zu und bin

mit Ihnen sehr zufrieden! Großartig, groß–artig!“

„Ein betrunkener Schulbub!“ raunte Pseldonimoff seinem Vorgesetzten zu.

„Das sehe ich, aber ...“

„Ich habe ihm vorhin eine Geschichte erzählt, Exzellenz,“ begann der

Offizier, „von einem Leutnant unseres Regiments, der genau so mit seinem

Vorgesetzten sprach; und jetzt kopiert er ihn. Zu allem, was sein

Regimentschef sprach, sagte er: ‚groß–artig, groß–artig!‘ Dafür wurde er

denn vor zehn Jahren aus dem Dienst entlassen.“

„Wa–wa–was ist denn das für ein Leutnant?“

„Ein Leutnant unseres Regiments, Exzellenz. Er war auf dem ‚groß–artig‘

einfach übergeschnappt. Zuerst bekam er Hausarrest, dann Verweise und

dann Karzer ... Der Regimentschef redete ihm wie ein Vater zu, er aber

sagt ihm: ‚groß–artig, groß–artig!‘ Und sonderbar: er war wirklich ein

mutiger Offizier. Man wollte ihn schließlich vor’s Gericht stellen, aber

da stellte es sich von selbst heraus, daß er irrsinnig war ...“

„Das bedeutet also ... ein Schuljunge. Für Schuljungenstreiche braucht

man auch nicht so streng ... Ich bin meinerseits bereit, zu verzeihen

...“

„... was die Ärzte auch sofort bestätigten.“

„A–ber er war doch ganz lebendig? Wie, wie konnte man ihn denn

anatomieren?“

Eine laute Lachsalve erhob sich. Das hatten sich die Gäste bis dahin

denn doch noch nicht erlaubt! Exzellenz wurde wild.

„Meine Herren! Meine Damen und Herren!“ rief er, ohne auch nur ein

einziges Mal zu stottern. – „ich weiß es sehr gut, daß man einen

lebendigen Menschen nicht anatomieren kann. Ich nahm, wie gesagt, nur

an, daß er im Wahnsinn nicht mehr lebendig war ... das heißt, schon

gestorben war ... das heißt, ich meine nur ... daß Sie mich nicht lieben

... Ich aber liebe Sie alle ... ja, und ich liebe auch Dich, Por...

Porfirij ... Ich erniedrige mich, wenn ich so spreche ...“

In dem Augenblick spritzte aber wieder Speichel von seinen Lippen und

flog auf das Tischtuch – gerade auf die sichtbarste Stelle. Pseldonimoff

stürzte sofort herbei, um abzuwischen. Dieses letzte Unglück vernichtete

seine Exzellenz vollständig.

„Nein, das ist zu viel!“ rief er verzweifelt.

„Nur ein betrunkener Schuljunge, Exzellenz!“ flüsterte ihm wieder

Pseldonimoff zu.

„Porfirij! Ich sehe, daß Ihr ... alle ... alle ... ja! Ich sage, daß ich

hoffe ... ja, ich fordere alle auf, zu sagen: wodurch habe ich mich

erniedrigt?“

Exzellenz war dem Weinen nahe.

„Aber Exzellenz! Wie kommen Exzellenz auf so etwas!“

„Porfirij, ich wende mich an Dich. – Sage, warum ich gekommen bin ... ja

... ja, auf die Hochzeit, ich hatte doch ein Ziel! Ich wollte moralisch

erheben ... ich wollte, daß man fühlt ... Ich wende mich an alle:

verehrte Anwesende! Bin ich in Ihren Augen sehr gesunken oder nicht?“

Grabesschweigen. Aber das war ja das Unglück, daß auf seine kategorische

Frage nur allgemeines Schweigen die Antwort war. „Was würde es sie

kosten, jetzt hurra zu schreien!“ zuckte es Exzellenz durch den Kopf.

Aber die Gäste tauschten nur stumm vielsagende Blicke untereinander aus.

Subikoff war weder tot noch lebendig und klammerte sich nur krampfhaft

an seinen Stuhl; Pseldonimoff stellte sich, stumm vor Schreck, immer

wieder die furchtbare Frage:

„Was wird mit mir dafür morgen geschehn?“

Plötzlich wandte sich der Mitarbeiter des „Feuerbrand“, der schon längst

betrunken war, doch bis dahin in finsterem Schweigen vor sich hin

gebrütet hatte, direkt an seine Exzellenz und antwortete im Namen der

ganzen Gesellschaft:

„Ja!“ rief er mit lauter Stimme und seine Augen glänzten. „Ja! Sie haben

sich erniedrigt, Sie sind ein ... Reaktionär!“

„Junger Mann, besinnen Sie sich! Mit wem Sie, wie man sagt, sprechen!“

rief heftig Herr Pralinski und sprang wieder von seinem Platz auf.

„Mit Ihnen, und zweitens bin ich kein ‚junger Mann‘ ... Sie sind

hergekommen, um hier eine schöne Rolle zu spielen, um populär zu

werden.“

„Pseldonimoff, was bedeutet das!“ schrie Exzellenz außer sich.

Pseldonimoff sprang in solch einem Entsetzen auf, daß er zuerst steif

und betäubt stehen blieb, und nicht wußte, was er tun sollte. Die Gäste

verstummten gleichfalls auf ihren Plätzen. Der freie Künstler und der

Schüler klatschten Beifall und schrien „bravo, bravo!“

Der Mitarbeiter aber fuhr in unbändigem Eifer fort zu schreien:

„Ja, Sie sind hergekommen, um Ihre Humanität zu beweisen! Sie haben das

allgemeine Vergnügen gestört! Sie haben Champagner getrunken und nicht

bedacht, daß Champagner viel zu teuer ist für einen Beamten, der zehn

Rubel monatlich erhält, und ich vermute sogar, daß Sie zu jenen

Vorgesetzten gehören, die auf die jungen Frauen ihrer Untergebenen

geschliffen sind! Ja, und ich bin sogar überzeugt, daß Sie Schmiergelder

nehmen ... Ja, ja, ja!“

„Pseldonimoff, Pseldonimoff!“ rief Exzellenz und streckte in der

Verzweiflung die Arme nach ihm aus. Er fühlte, daß jedes Wort des

Mitarbeiters ein neuer Dolchstich für sein Herz war.

„Sofort, Exzellenz, beunruhigen Sie sich nicht!“ rief energisch der

wieder zu sich gekommene Pseldonimoff, lief zum Mitarbeiter, packte ihn

am Kragen und schleifte ihn hinaus. Solch eine physische Kraft hätte

niemand von dem schwächlichen Pseldonimoff erwartet. Der Mitarbeiter war

aber sehr betrunken und Pseldonimoff vollkommen nüchtern. Darauf gab er

ihm noch einige Rippenstöße und schloß dann die Tür hinter ihm zu.

„Alle seid Ihr Schufte!“ schrie der Mitarbeiter hinter der Tür. „Ich

werde Euch morgen alle im ‚Feuerbrand‘ karrikieren! ...“

Erregt sprangen sofort alle auf.

„Exzellenz, Exzellenz!“ riefen Pseldonimoff, seine Mutter und noch

einige Gäste, die sich um den Ehrengast drängten, „Exzellenz! Beruhigen

Sie sich!“

„Nein, nein!“ rief Exzellenz, „ich bin vernichtet ... Ich kam ... ich

wollte, sozusagen, taufen. Und das! Das habe ich dafür ... für alles,

für alles! ...“

Er sank halb bewußtlos wieder auf seinen Stuhl, legte beide Arme auf den

Tisch und beugte seinen Kopf auf sie nieder – d. h. gerade auf seinen

Teller mit Blanc-manger. Ich glaube, es ist überflüssig, das allgemeine

Entsetzen zu beschreiben. Nach einer Minute erhob er sich wieder,

augenscheinlich in der Absicht fortzugehn, wankte aber, stieß an einen

Stuhlfuß und fiel der Länge nach platt hin.

Das geschieht zuweilen mit Nichttrinkern, wenn sie sich einmal zufällig

angetrunken haben. Bis ins Kleinste, bis zum letzten Augenblick behalten

sie ihr Bewußtsein, dann aber fallen sie plötzlich wie vom Blitz

getroffen hin. Exzellenz lag vollkommen bewußtlos auf dem Boden.

Pseldonimoff fuhr sich in die Haare und erstarrte in dieser Bewegung.

Die Gäste beeilten sich, nach Haus zu gehn, und alle sprachen sie über

das Vorgefallene. Es war schon gegen drei Uhr morgens.

* * * * *

Das wirklich Schlimme war nur, daß die Verhältnisse Pseldonimoffs viel

schlechter waren, als man es sich damals hätte denken können, ganz

abgesehen selbst von der Peinlichkeit seiner Lage am Hochzeitstage.

Noch vor einem Monat hatte er im aussichtslosesten Elend gelebt. Er

stammte aus der Provinz, wo sein Vater Beamter gewesen war. Fünf Monate

vor seiner Heirat, nachdem er sich ein ganzes Jahr lang vorher brotlos

in Petersburg herumgetrieben, hatte er schließlich diese Stelle von zehn

Rubel monatlich erhalten. Er wäre körperlich und geistig

wiedererstanden, wenn sich nicht bald darauf seine Verhältnisse wieder

verschlimmert hätten. Auf der Welt gab es im ganzen nur zwei

Pseldonimoffs, ihn und seine Mutter, die nach dem Tode ihres Mannes die

Provinz verlassen hatte. Mutter und Sohn waren beide obdachlos, und

wären in der Kälte beinahe elend umgekommen: sie nährten sich nur von

zweifelhaften Dingen. Auch gab es Tage, an denen Pseldonimoff selbst mit

einem Krug zur Fontanka ging, um mit dem schmutzigen Flußwasser seinen

Durst zu stillen. Als er die Stelle erhalten hatte, mietete er mit

seiner Mutter einen Winkel. Sie wurde Wäscherin und er sparte drei, vier

Monate, bis er sich ein Paar Stiefel und einen Paletot kaufen konnte.

Und wieviel Unangenehmes mußte er in der Kanzlei erdulden: Vorgesetzte

erkundigten sich bei ihm, ob er auch eine Badstube kannte? Über ihn

verbreitete sich das Gerücht, daß im Kragen seiner Uniform sich Wanzen

Nester bauten. Aber Pseldonimoff hatte einen festen Charakter. Er war

ein friedlicher und stiller Mensch; seine Bildung war nur sehr gering,

und sprechen hörte man ihn fast nie. Daher konnte man auch nicht wissen,

ob er dachte, ob er Pläne machte und Systeme baute oder sich nach

irgendetwas sehnte. Zum Ersatz dafür hatte sich aber bei ihm instinktiv

der feste Entschluß entwickelt, sich aus dieser schlechten Lage

herauszuarbeiten. Er besaß eine wahrhaft ameisenhafte Zähigkeit:

zerstört man den Ameisen ihr Nest, so fangen sie bekanntlich sofort an,

sich ein neues zu bauen, zerstört man auch dieses, so bauen sie sich

wieder ein neues, und so weiter unermüdlich. Er war ein aufbauender und

häuslicher Charakter. Es stand auf seiner Stirn geschrieben, daß er sich

doch sein Nest bauen und vielleicht noch Vorräte ansammeln würde. Auf

der ganzen Welt liebte ihn nur seine Mutter, die aber liebte ihn bis zur

Grenzenlosigkeit. Sie war gleichfalls eine Frau von Charakter, war

unermüdlich arbeitsam und von großer Güte. So hätten sie in ihrem Winkel

unter diesen Verhältnissen vielleicht noch fünf oder sechs Jahre gelebt,

wenn sie nicht mit dem Titularrat außer Diensten, dem alten

Mlekopitajeff zusammengetroffen wären, der auch früher einmal in der

Provinz gelebt und sich erst in letzter Zeit mit seiner Familie in

Petersburg niedergelassen hatte. Mit Pseldonimoff war er bekannt und

seinem Vater sogar einmal verpflichtet gewesen. Er war bemittelt,

allerdings nicht sehr, wieviel er aber in Wirklichkeit besaß, das wußte

Niemand, weder seine Frau, noch seine Tochter, noch sonst seine

Verwandten. Er hatte zwei Töchter und da er ein eingebildeter

Trunkenbold, ein Haustyrann und außerdem noch ein kranker Mensch war, so

fiel es ihm plötzlich ein, die eine Tochter mit Pseldonimoff zu

verheiraten: „Ich kenne ihn, sein Vater war ein guter Mensch, also wird

auch er ein guter Mensch sein.“ Und was Mlekopitajeff wollte, das führte

er auch durch: gesagt – getan. Er war ein sonderbarer Kauz. Den größten

Teil seines Lebens brachte er im Lehnstuhl zu, da er sich infolge einer

Krankheit seiner Beine kaum bedienen konnte, was ihn indessen nicht

hinderte, Schnaps zu trinken. Tagelang konnte er trinken und –

schimpfen. Da er ein boshafter Mensch war, so mußte er immer irgend

jemanden haben, den er ununterbrochen quälen konnte. Zu diesem Zweck

unterhielt er bei sich einige entferntere Verwandte: seine Schwester,

die ebenfalls krank und zänkisch war, zwei Schwestern seiner Frau, die

der seinen in nichts nachstanden, und eine alte Tante, die sich bei

irgendeiner Gelegenheit einmal eine Rippe gebrochen hatte. Dann gab es

dort noch eine verrußte Deutsche, die er gleichfalls unentgeltlich bei

sich hielt, weil sie ihm so schöne Märchen „aus Tausend und einer Nacht“

zu erzählen wußte. Sein ganzes Vermögen bestand darin, diese

unglücklichen freien Kostgänger jeden Augenblick und bei jeder

Gelegenheit zu schimpfen und aufzusticheln, seine Frau übrigens nicht

ausgenommen, – ein Wesen, das mit Zahnschmerzen bereits auf die Welt

gekommen war –, und sie alle wagten ihm nicht ein Wort zu erwidern. Er

hetzte sie auch gegeneinander auf, erfand und verbreitete unter ihnen

Klatschgeschichten und lachte und freute sich dann, wenn sie sich

gegenseitig beinahe in die Haare gerieten. Ebenso freute er sich sehr,

als seine älteste Tochter, die mit einem armen Offizier verheiratet

gewesen war und zehn Jahre in der größten Armut gelebt hatte, jetzt als

Witwe mit drei kleinen Kindern zu ihm übersiedelte. Ihre Kinder konnte

er zwar nicht leiden, da sich aber dadurch das Material zu seinen

täglichen Experimenten vergrößerte, so war der Alte schließlich doch

ganz zufrieden damit. Diese Sammlung böser Weiber und kranker Kinder

lebte samt ihrem Peiniger zusammen gedrängt in dem Holzhause auf der

Petersburger Seite, konnte sich weder sattessen, denn der Alte war

geizig und gab nur kopekenweise das Geld her, obgleich er sonst zum

Schnaps immer genügend Geld hatte, noch sich ausschlafen, denn der Greis

litt an Schlaflosigkeit und wollte unterhalten und zerstreut werden.

Kurz, alle verwünschten sie ihr Schicksal. Und da war es denn, daß ihm

plötzlich Pseldonimoff auffiel. Er war erstaunt über dessen lange Nase

und ergebenen Gesichtsausdruck. Seine kränkliche und unansehnliche

jüngere Tochter erreichte gerade das Alter von siebzehn Jahren. Wenn sie

auch früher einmal so etwas wie eine deutsche Schule besucht hatte, so

hatte sie es doch nicht weiter als bis zum Lesen und Schreiben gebracht.

Sie wuchs auf, mager und skrophulös, unter dem Krückstock eines

betrunkenen Vaters, in einem Sodom von häuslichen Klatschereien,

Spionage und Verleumdungen. Freundinnen hatte sie niemals gehabt. Sie

war zu allem zu dumm. Heiraten wollte sie aber schon längst. In

Gegenwart von fremden Menschen sprach sie kein Wort, zu Hause aber war

sie böse und zänkisch wie eine kleine Viper. Besonders liebte sie die

Kinder ihrer Schwester zu kneifen und zu stoßen, sie anzugeben, wenn sie

Zucker oder Brot gestohlen hatten, weshalb denn zwischen ihr und der

älteren Schwester ein ewiges unerbittliches Gezänk war. Der Alte selbst

bot seine Tochter Pseldonimoff an. Wie sehr sich dieser darüber auch

unglücklich fühlte, so bat er sich doch eine Bedenkzeit aus. Lange

berieten Mutter und Sohn miteinander, was zu tun war. Aber das Haus

wurde auf den Namen der Braut geschrieben und wenn es auch ein

unansehnliches einstöckiges Holzhaus war, so hatte es doch immerhin

einen Wert. Außerdem bekam sie auch noch vierhundert Rubel Mitgift, wie

aber sollte man sich die je zusammensparen! „Ich nehme mir diesen

Menschen in’s Haus,“ schrie der betrunkene Alte, „erstens weil ihr alle

Weiber seid und das Weibspack allein langweilt mich. Ich will, daß auch

Pseldonimoff nach meiner Flöte tanzt, weil ich sein Wohltäter bin.

Zweitens, nehme ich ihn darum, weil Ihr ihn alle nicht wollt und Euch

darüber ärgert. Und so nehme ich ihn denn Euch zum Trotz. Was ich aber

gesagt habe, das werde ich auch ausführen. Du aber, Pseldonimoff, haue

sie, wenn sie Deine Frau wird; ihr sitzen von Geburt an sieben Teufel im

Leibe. Jage sie alle hinaus!“

Pseldonimoff schwieg, er hatte sich entschlossen. Man nahm ihn und seine

Mutter bereits vor der Hochzeit ins Haus, wusch und kleidete sie und gab

ihnen Geld. Der Alte protegierte sie vielleicht nur darum, weil die

ganze Familie sich über sie ärgerte. Pseldonimoffs Mutter gefiel ihm

sogar sehr und er enthielt sich ihr gegenüber jeglicher Gemeinheiten.

Übrigens, ihrem Sohn befahl er alsbald, vor ihm den Kasatschock zu

tanzen. „Nun, genug, ich wollte nur sehn, ob Du Dich mir gegenüber

vergessen wirst,“ sagte er, nachdem er sich am Tanzen sattgesehen hatte.

Geld zur Hochzeit gab er wie es sich gehörte und er lud sogar alle seine

Verwandten und Bekannten ein. Von Seiten Pseldonimoffs waren der

Mitarbeiter des „Feuerbrandes“ und Akim Petrowitsch Subikoff die

Ehrengäste. Pseldonimoff wußte es sehr gut, daß seine Braut für ihn nur

Widerwillen empfand und daß sie den langen Leutnant heiraten wollte,

nicht aber ihn. Er ließ jedoch alles über sich ergehn, – das hatte er

mit der Mutter so verabredet. Den ganzen Tag über und selbst am

Hochzeitsabend noch hatte der Alte mit den gemeinsten Worten geschimpft

und wieder gehörig getrunken. Die ganze Familie hatte sich des Festes

wegen in die hinteren Zimmer zurückgezogen, wo es bis zum Ersticken heiß

und eng war. Die vorderen Zimmer dagegen waren zum Tanz und Festessen

bestimmt. Endlich, als der Alte vollständig betrunken einschlief,

ungefähr um elf Uhr Abends, entschloß sich die Mutter der Braut, die

sich diesen Tag ganz besonders schlecht zur Mutter Pseldonimoffs

verhalten hatte, den Ärger in Güte zu verwandeln und sich am Fest zu

beteiligen. Das Erscheinen seiner Exzellenz verdarb aber alles. Frau

Mlekopitajeff verlor die Fassung, fühlte sich beleidigt und schimpfte,

warum man es ihr nicht gesagt, daß man seine Exzellenz eingeladen hatte.

Man versicherte ihr, daß er von selbst, uneingeladen gekommen wäre – sie

aber war so dumm, daß sie es nicht glauben wollte. Man mußte Champagner

reichen. Bei der Mutter fand sich noch ein Rubel Silber, Pseldonimoff

selbst aber hatte keine Kopeke mehr. Man mußte also die alte wütende

Mlekopitajeff anflehen, Geld für die eine und dann noch für die zweite

Flasche zu geben. Man hielt ihr die Zukunft, die Karriere ihres

Schwiegersohnes vor, die man durch solche Verbindungen machen könnte und

sie gab denn auch zu guter Letzt von ihrem eigenen Gelde, doch mußte

Pseldonimoff einen so bitteren Kelch dabei leeren, daß er wie wahnsinnig

ins Zimmer lief, wo das Ehebett schon bereitet war, und sich mit beiden

Händen sein Haar raufte und seinen Kopf in die schönen Kissen preßte,

die doch nur zu paradiesischen Genüssen bestimmt waren, und vor

ohnmächtiger Wut am ganzen Körper zitterte. Ja, Exzellenz ahnte es

nicht, was diese zwei Flaschen Sekt, die er am Abend getrunken, gekostet

hatten! Wie groß aber war das Entsetzen Pseldonimoffs, sein Kummer und

seine Verzweiflung, als es mit seiner Exzellenz auf solche Weise endete!

Wieder standen ihm die größten Sorgen bevor und die ganze Nacht über

mußte er den Tränen seiner kapriziösen jungen Frau und den Vorwürfen der

dummen Verwandten Widerstand leisten. Ihn schmerzte schon sowieso der

Kopf und es wurde ihm schwarz vor den Augen. Aber man mußte doch seiner

Exzellenz zu Hilfe eilen, mußte ihm doch um drei Uhr morgens einen Arzt

und einen festen Wagen suchen, denn auf einem kleinen offenen Schlitten

konnte man solch eine Persönlichkeit und in solch einem Zustande nicht

nach Hause bringen. Und woher das Geld für den Wagen nehmen? Die

Mlekopitajeff, die darüber wütend war, daß der „General“ ihr nicht ein

Wort gesagt noch sie bei Tisch angesehen hatte, erklärte einfach, sie

hätte keine Kopeke mehr. Vielleicht hatte sie auch wirklich keine mehr.

Wo also sollte man das Geld hernehmen? Was sollte man machen? Ja, es war

genug Grund vorhanden, sich die Haare zu raufen.

* * * * *

Vorläufig hob man seine Exzellenz auf ein kleines Ledersofa, das im

Speisezimmer stand, und während man im Zimmer Ordnung schaffte und alles

abräumte, lief Pseldonimoff vom Einen zum Andern, um Geld aufzutreiben.

Zuerst versuchte er es bei der Magd, doch stellte es sich heraus, daß

niemand welches hatte. Er wagte es sogar Akim Petrowitsch Subikoff, der

noch nicht fortgegangen war, zu beunruhigen. Der aber geriet in solch

eine Verwirrung, wenn er auch sonst ein guter Mensch war, und erschrak

dermaßen, als von Geld die Rede war, daß er den unglaublichsten Unsinn

zusammensprach:

„Ein anderes Mal werde ich mit Vergnügen,“ murmelte er, „... aber jetzt

... wirklich, entschuldigen Sie mich ...“

Er nahm seine Mütze und lief so schnell als möglich zum Hause hinaus.

Schließlich blieb nur noch der gutmütige Jüngling übrig, der von dem

Traumbuch erzählt hatte. Auch er war länger zurückgeblieben und nahm an

dem Unglück Pseldonimoffs herzlichen Anteil. Alle drei beschlossen sie,

nicht mehr nach dem Doktor, sondern nur nach einem Wagen zu schicken, um

den Kranken in seine Wohnung überzuführen, sonst aber an ihm Hausmittel

anzuwenden: die Schläfen und den Kopf mit kaltem Wasser abzureiben,

Eiskompressen zu machen und Ähnliches. Das übernahm die Mutter

Pseldonimoffs. Der Jüngling aber lief davon, um den Wagen zu besorgen.

Da aber auf der Petersburger Seite um diese Zeit nicht einmal Schlitten

zu finden waren, so mußte er sich auf einen weit entfernten Droschkenhof

begeben und dort erst die Kutscher aufwecken. Man handelte und sprach

noch lange hin und her, daß fünf Rubel zu solch einer Stunde für einen

geschlossenen Wagen zu wenig wären. Indessen kam man doch mit drei

Rubeln überein. Als aber der Jüngling um vier Uhr morgens mit dem Wagen

bei Pseldonimoff vorfuhr, hatten sie ihren Entschluß schon längst

geändert. Es erwies sich, daß Herr Pralinski, der noch immer nicht zu

sich kam, so schwer erkrankt war, so ächzte und stöhnte und sich hin und

her warf, daß es einfach unmöglich und viel zu gewagt schien, ihn in

solch einem Zustande nach Hause zu fahren.

„Was wird aus alledem noch werden?“ rief Pseldonimoff immer wieder

fassungslos.

Was sollte man tun? Es stellte sich jetzt eine neue Frage: wenn man ihn

nun einmal im Hause behalten mußte, wo sollte man ihn dann betten? Im

ganzen Hause waren nur zwei Betten: ein großes zweischläfriges Bett, in

dem der alte Mlekopitajeff und seine Frau schliefen, und das neugekaufte

zweischläfrige Bett, das für die Neuvermählten bestimmt war. Alle

anderen Einwohner oder richtiger Einwohnerinnen des Hauses schliefen auf

dem Fußboden, d. h. auf Matratzen, die meistens sehr zerrissen waren,

aber auch diese waren alle besetzt. Wohin sollte man den Kranken legen?

Ein Federbett würde sich zur Not noch haben finden lassen, man hätte es

im äußersten Falle unter irgend einer Schläferin hervorgezogen, aber wo

und worauf sollte man ihn betten? Im Saal natürlich, da es das

entlegenste Zimmer war, von dem Familiennest etwas weiter entfernt lag

und einen besonderen Ausgang hatte. Aber worauf betten? Doch nicht etwa

auf Stühlen? Bekanntlich wird den Gymnasiasten, wenn sie am Sonnabend

Abend aus der Schule zum Sonntag nach Hause kommen, auf Stühlen eine

Schlafstelle bereitet, – aber solch einer Persönlichkeit gegenüber wäre

das ja einfach unerhört respektlos gewesen. Was würde er am nächsten

Morgen sagen, wenn er sich auf Stühlen gebettet fände? Pseldonimoff

wollte davon überhaupt nichts hören. Es blieb nur eines übrig: ihn auf

das Bett der Neuvermählten zu bringen. Dieses Brautlager war, wie ich

schon erwähnte, in einem kleinen Raum neben dem Speisezimmer

hergerichtet. Auf dem Bett war eine neue zweischläfrige Matratze, reine

Wäsche, vier Kissen aus rosa Kaliko mit weißen Musselinschleiern, die

mit Rüschen besetzt waren. Die rosa Atlasdecke war mit Mustern bestickt.

Aus einem goldenen Ring hingen Musselin-Bettvorhänge von oben herab. Mit

einem Wort, es war wie es sein mußte, und die Gäste, die sich fast alle

das Brautgemach angesehn hatten, waren von der Einrichtung sehr entzückt

gewesen. Die Braut aber lief während des Abends, obgleich sie

Pseldonimoff nicht leiden konnte, einige Mal hierher, um es sich

anzusehn. Man kann sich denken, wie groß ihr Unwille, ihre Wut war, als

sie erfuhr, daß man auf ihrem Brautbett den Kranken, der vielleicht

sogar an der Cholera erkrankt war, betten wollte! Auch ihre Mutter trat

für sie ein, schimpfte gehörig und versprach am anderen Tage sich bei

ihrem Manne zu beklagen: aber Pseldonimoff blieb dabei und bestand

darauf: Exzellenz wurde aufs Bett gebracht und den Neuvermählten

bereitete man im Gastzimmer ein Lager auf Stühlen. Die Neuvermählte

weinte, war bereit, alle zu kneifen, wagte aber doch nicht zu

widersprechen: sie wußte, daß Papachen einen Krückstock hatte, und der

war ihr nur zu gut bekannt, und sie wußte gleichfalls, daß Papachen am

nächsten Tage Rapport verlangen würde. Zu ihrer Beruhigung brachte man

ihr noch die rosa Decke und die Kissen mit den Musselinbezügen. In

demselben Augenblick kam der Jüngling mit dem Wagen an, und als er

erfuhr, daß der Wagen nicht mehr nötig war, erschrak er furchtbar. Er

mußte also den Wagen bezahlen, obgleich er in seinem ganzen Leben noch

keine zehn Kopeken besessen hatte. Pseldonimoff erklärte sich für

vollkommen bankerott. Man versuchte den Kutscher zu bereden, doch wollte

der von alledem nichts wissen, er wütete nur und schrie. Womit das

endete – weiß ich nicht genau. Ich glaube, der Jüngling begab sich

sozusagen als Gefangener des Kutschers im Wagen in den Stadtteil Peski,

wo er einen ihm bekannten Studenten, der bei Bekannten übernächtigte,

aufzuwecken und anzupumpen gedachte. Es war schon fünf Uhr morgens, als

man die Neuvermählten allein ließ und sie sich im Wohnzimmer

einschlossen. Am Bette des Kranken blieb die alte Pseldonimoff. Sie

wickelte sich in einen Pelz und legte sich auf den Teppich neben dem

Bett, aber schlafen konnte sie nicht, denn sie war gezwungen, alle

Augenblicke aufzustehn: Exzellenz litt an einem furchtbar verdorbenen

Magen. Frau Pseldonimoff, eine tapfere und großmütige Frau, entkleidete

ihn eigenhändig, pflegte ihn wie ihren eigenen Sohn und brachte die

ganze Nacht über das nötige Geschirr hinaus und wieder zurück. Indessen

hatten die peinlichen Überraschungen dieser Nacht noch lange nicht ihr

Ende erreicht.

* * * * *

Es waren, seitdem man das junge Ehepaar allein gelassen hatte, noch

keine zehn Minuten vergangen, als man plötzlich ein ohrenzerreißendes

Geschrei hörte, keinen Schrei des Entzückens, nein, sondern ein sehr

boshaftes Gekreisch. Nach dem Geschrei hörte man Lärm und Gepolter wie

ein Fallen von Stühlen und im Augenblick stürzte völlig unerwartet in

das dunkle Zimmer eine ganze Eskadron erschrockener und jammernder

Frauen herein, die alle in den unmöglichsten Nachtkostümen staken. Diese

Frauen waren: die Mutter der Jungen, deren ältere Schwester, die in

diesem Moment selbst ihre drei kranken Kinder verlassen hatte, drei

Tanten, darunter auch die eine mit der gebrochenen Rippe, ja sogar die

Köchin war dabei, und auch die Deutsche, die so schöne Märchen erzählen

konnte, und der man das einzige, was sie besaß, nämlich ihre Matratze, –

die beste im ganzen Haus – unten weggezogen hatte, um sie dem jungen

Paar zu geben, auch sie stürzte mit den Andern zusammen herein. Alle

diese achtenswerten Frauen hatten sich schon seit einer Viertelstunde

auf den Zehenspitzen herangeschlichen, um aus einer ganz unerklärlichen

Neugier an der Tür zu lauschen. Man machte also sofort Licht und ihnen

allen bot sich ein ganz unerwartetes Schauspiel. Die Stühle, von denen

die breite Matratze nur an den Rändern gestützt worden war, hatten der

doppelten Schwere nicht Widerstand leisten können und waren auseinander

gerutscht, die Matratze war daher zwischen ihnen auf den Fußboden

gesunken. Die junge Frau weinte vor Wut, dieses Mal war sie wirklich

tief gekränkt. Moralisch vernichtet und wie ein Verbrecher stand der

arme Pseldonimoff da – öffentlich der Gemeinheit überführt. Er vermochte

nicht einmal sich zu verteidigen. Von allen Seiten hörte man Gekreisch

und Geschrei. Auf diesen Lärm hin lief auch die Mutter Pseldonimoffs

herbei, doch die Mutter der Neuvermählten behielt das Übergewicht. Sie

überschüttete Pseldonimoff mit sonderbaren und ganz ungerechten

Vorwürfen, wie: „Was bist Du denn nach alledem eigentlich für ein Mann!

Wozu taugst Du denn überhaupt noch nach solch einem Skandal?“ und so

weiter, nahm darauf ihre Tochter am Arm und führte sie fort, nachdem sie

persönlich die Rechtfertigung dieser Handlung vor ihrem gefürchteten

Manne auf sich genommen hatte. Ihr folgten kopfschüttelnd und klagend

all die anderen Frauen. Nur die Mutter Pseldonimoffs verließ ihren Sohn

nicht und versuchte ihn zu trösten. Aber er jagte auch sie hinaus.

Ihm war nicht nach Trost zu Mut. Er setzte sich, so wie er war, im Hemd

und barfüßig, aufs Sofa und verfiel in trübes Sinnen. Gedanken

durchkreuzten und verwirrten seinen Kopf. Ganz mechanisch sah er sich im

Zimmer um, in welchem sich noch vor ein paar Stunden die Tanzenden

gedreht hatten und wo in der Luft noch der Zigarettenrauch stand.

Zigarettenstummel und Konfektpapier lagen auf dem begossenen und

staubigen Fußboden umher. Das zerstörte Ehelager und die umgeworfenen

Stühle zeugten von der Vergänglichkeit der besten und aufrichtigsten

Erdenträume und Hoffnungen. So saß er eine ganze Stunde lang. Ihm gingen

schwere Fragen durch den Kopf, zum Beispiel: was ihn jetzt im Dienst

erwarten würde? Es war ihm schmerzlich einzusehn, daß er seine Stelle

verlassen mußte, denn nach allem, was an diesem Abend geschehen war,

konnte er unmöglich auf seinem Posten bleiben. Auch dachte er an

Mlekopitajeff, der ihn vielleicht morgen schon wieder den Kasatschock

tanzen lassen würde, um seine Bescheidenheit zu erproben. Fünfzig Rubel

hatte er ihm zur Hochzeit gegeben, die waren aber bis auf die letzte

Kopeke verausgabt worden, doch die vierhundert Rubel Mitgift

auszuzahlen, daran dachte der Alte auch nicht einmal. Ja, auch von dem

Besitz des Hauses hatte er keine formelle Bescheinigung. Dann dachte er

noch an seine Frau, die ihn in der kritischsten Minute seines Lebens

verlassen hatte und an den langen Offizier, der vor seiner Frau aufs

Knie gesunken war, dachte dann an die sieben Teufel seiner Frau, auf die

er von dem Schwiegervater selbst aufmerksam gemacht worden war ...

Freilich fühlte er die Kraft in sich, Vieles ertragen zu können, aber

das Schicksal brachte ihm solche Überraschungen, daß es wohl

verständlich war, wenn er an den eigenen Kräften verzweifelte. So

trauerte Pseldonimoff in der Unglücksnacht. Währenddessen brannte der

Lichtstummel aus, sein flackernder Schein fiel gerade auf das Profil

Pseldonimoffs und malte an die Wand in riesigen Dimensionen sein

Schattenbild: seinen langen Hals, seine gebogene Nase und die zwei

Haarbüschel am Kopf, den einen am Kopfwirbel, den anderen über der

Stirn. Endlich beim ersten Morgengrauen, als es ihn fröstelte, legte er

sich auf die Matratze, ohne das Licht auszulöschen, ohne etwas zu

ordnen, ohne sich ein Kissen unter den Kopf zu schieben. Ihn überfiel

ein bleierner Schlaf, wie ihn nur zum Tode Verurteilte am Tage vor der

Hinrichtung zu haben pflegen.

* * * * *

Und andrerseits – womit hätte man diese qualvolle Nacht vergleichen

können, die Herr Pralinski auf dem Brautbett des unglücklichen

Pseldonimoff verbrachte! Die Kopfschmerzen, die Übelkeit mit allen ihren

Folgen verließen ihn keinen Augenblick. Das waren Höllenqualen! Das

Bewußtsein, wenn es für einen Moment in seinem Kopfe auftauchte,

beleuchtete solche Abgründe des Entsetzens, so trübe und widerliche

Bilder, daß es besser für ihn war, nicht zur Besinnung zu kommen.

Übrigens drehte sich ihm alles im Kopf herum. Er erkannte, zum Beispiel,

die Mutter Pseldonimoffs, hörte ihre tröstenden Beruhigungen, in der Art

wie: „Halt aus, mein Täubchen, halt aus Väterchen, es kommt alles auf

Gewohnheit an,“ er erkannte und hörte sie, konnte sich aber doch keine

logische Rechenschaft geben über ihre Anwesenheit. Unangenehme Bilder

verfolgten ihn; am häufigsten erschien ihm Ssemjon Iwanowitsch

Schipulenko; strengte er sich aber an, ihn sich näher anzusehn, so war

es wiederum nicht Ssemjon Iwanowitsch Schipulenko, sondern die Nase

Pseldonimoffs. Auch tauchten vor ihm der freie Künstler, der Offizier

und die Alte mit der verbundenen Backe auf. Aber am meisten beschäftigte

ihn der goldene Ring, der über seinem Kopfe hing und an dem die Vorhänge

befestigt waren. Er sah den Ring ganz genau bei dem kargen Schein des

Lichtendchens, das nur trübe das Zimmer beleuchtete, und strengte sich

an zu denken: wozu dieser Ring dient, warum er hier hängt und was er

bedeutet? Er fragte sogar einige Mal die Alte danach, doch konnte er

sich augenscheinlich nicht deutlich genug ausdrücken, denn wie er sich

auch anstrengte, die Alte verstand ihn nicht. Erst gegen Morgen hörten

die Anfälle auf und er schlief fest und traumlos ein. So schlief er

ungefähr eine Stunde und als er schließlich erwachte, war er bei voller

Besinnung, fühlte aber nur einen unerträglichen Kopfschmerz und seine

Zunge schien sich in ein Stück Tuch von schlechtestem Geschmack

verwandelt zu haben. Er erhob sich ein wenig, blickte sich um und dachte

nach. Das bleiche Licht des Morgens stahl sich als heller Streifen durch

die Ritze der Fensterläden und erzitterte an der Wand. Es war ungefähr

sieben Uhr morgens. Als er sich aber plötzlich alles dessen erinnerte,

was mit ihm am Abend vorher geschehn war, als er sich aller Einzelheiten

beim Abendessen erinnerte, seiner fehlgeschlagenen Eroberung, seiner

Rede bei Tisch, und sich plötzlich mit der erschreckendsten Klarheit

alle Folgen, die sich daraus für ihn ergeben würden und was man über ihn

denken würde, vorstellte, als er sich umblickte und gewahr wurde, in

welch einen traurigen und ekelhaften Zustand er das friedliche Ehelager

seines Untergebenen gebracht hatte – oh, da überfiel ihn solch eine

Scham, da fühlte er solche Qualen, daß er sein Gesicht mit beiden Händen

bedeckte und sich verzweifelt in die Kissen warf. Aber sofort richtete

er sich wieder auf, sprang aus dem Bett, ergriff seine Kleider, die

schon gereinigt und gesäubert neben ihm auf dem Stuhle lagen, und zog

sie so eilig an, als ob er irgend jemandem entfliehen wollte. Dort auf

dem anderen Stuhle lagen auch sein Pelz, seine Mütze, und in der Mütze

seine gelben Handschuh. So wollte er leise verschwinden, als sich

plötzlich die Tür öffnete und die alte Pseldonimowa mit einer tönernen

Waschschale und mit einem reinen Handtuch über der Schulter eintrat. Sie

stellte die Schüssel hin und erklärte ruhig und ohne Umschweife, daß er

sich waschen müsse.

„Wie denn, Väterchen, wasche Dich doch, es geht nicht so, man muß sich

zuerst waschen ...“

Und in diesem Augenblick fühlte er plötzlich, daß, wenn es auf der Welt

ein Wesen gab, vor dem er sich weder zu schämen noch zu fürchten

brauchte, es diese alte Frau war. Er wusch sich. Lange noch nachher

erinnerte er sich in den schweren Minuten seines Lebens dieser ganzen

Situation, der tönernen Waschschüssel mit dem kalten Wasser, in dem noch

Eisstückchen schwammen, und der Seife im rosa Papier mit erhabenen

Buchstaben, die fünfzehn Kopeken kostete und für die Neuvermählten

gekauft worden war und an deren Stelle er sich nun ihrer bediente, „der

Alten“ mit dem gewürfelten Handtuch auf der linken Schulter. Das kalte

Wasser erfrischte ihn; er trocknete sich ab, sagte kein Wort, dankte

nicht einmal seiner barmherzigen Schwester, ergriff die Mütze, nahm

seinen Pelz, den sie ihm reichte, um die Schultern und lief durch den

Korridor, durch die Küche, wo die Katze sich streckte und miaute und die

Köchin ihm in gieriger Neugier nachglotzte, lief auf den Hof, auf die

Straße und warf sich in den ersten Schlitten, den er erblickte. Der

Morgen war kalt und frostig, ein gelber Nebel hüllte alles ein. Herr

Pralinski schlug seinen Pelzkragen auf. Es schien ihm, daß alle ihn

ansahen, alle ihn kannten und alle alles wußten.

* * * * *

Acht Tage ging er nicht von Hause, acht Tage erschien er nicht in seiner

Kanzlei. Er war krank, qualvoll krank, – aber doch mehr moralisch, als

physisch. Diese acht Tage durchlebte er wie in der Hölle, und es ist

anzunehmen, daß sie ihm im Jenseits angerechnet werden. Es gab Minuten,

da er glaubte, er müsse Mönch werden. Seine Phantasie entwickelte sich

ganz außerordentlich nach dieser Seite hin. Er sah sich bereits in der

einsamen Zelle, hörte unterirdische Gesänge, sah geöffnete Gräber, grüne

Wiesen und Gefilde; aber sobald er wieder zu sich kam, erkannte er

sofort, daß das doch nur der schrecklichste Unsinn wäre, Mönch zu

werden, und dann schämte er sich seiner Phantasie. Darauf bekam er

moralische Anfälle, die sich aus seiner vermeintlichen ^existence

manquée^ ergaben. Dann flammte wieder die Scham in seiner Seele auf und

verbrannte und zerstörte alles, was in ihr war. Er erzitterte bei der

Vorstellung verschiedener Bilder: was man von ihm sagen wird, was man

von ihm denken wird, wie er in die Kanzlei gehen wird, welch ein

Geflüster ihn verfolgen wird, das ganze Jahr, zehn Jahre lang, sein

ganzes Leben lang. Die Geschichte wird sich noch in seiner

Nachkommenschaft fortpflanzen! Er verfiel sogar von Zeit zu Zeit in

solch einen Kleinmut, daß er bereit gewesen wäre, zu Semjon Iwanowitsch

Schipulenko zu fahren und ihn um seine Verzeihung und Freundschaft zu

bitten. Sich selbst verteidigte er überhaupt nicht mehr, er gab sich

vollständig auf.

Auch dachte er daran, seinen Abschied einzureichen und so in der

Einsamkeit sich dem Glücke der Menschheit zu widmen. Jedenfalls war es

unbedingt nötig, mit allen früheren Bekannten zu brechen und jegliche

Erinnerung an sich auszulöschen. Darauf schien es ihm wieder, daß auch

das ein Unsinn wäre und daß man durch verstärkte Strenge zu den

Untergebenen die ganze Sache wieder retten könnte. Von dem Augenblick an

faßte er wieder Mut und so fing er denn wieder zu hoffen an. Endlich,

nach Verlauf von zehn Tagen der größten Zweifel und Qualen fühlte er,

daß er die Ungewißheit nicht länger ertragen konnte und beschloß daher

^un beau matin^ wieder in die Kanzlei zu gehn.

In seiner Verzweiflung hatte er sich wenigstens tausendmal vorgestellt,

wie es sein würde, wenn er in die Kanzlei tritt. Mit Entsetzen

überzeugte er sich, daß er durchaus ein zweideutiges Geräusch hören,

zweideutige Gesichter und auf ihnen ein zweideutiges Lächeln bemerken

wird. Wie groß war daher sein Erstaunen, als in Wirklichkeit von alledem

nichts geschah. Man empfing ihn ehrerbietig; man grüßte ihn, alle waren

ernst und alle waren beschäftigt. Freude erfüllte sein Herz, als er in

sein Kabinett eintrat.

Er erledigte sofort seine Arbeit, hörte aufmerksam allen Erklärungen und

Berichten zu und traf verschiedene Bestimmungen. Er fühlte es, daß er

noch nie so klug und so sachlich alles bestimmt und erledigt hatte, wie

an diesem Morgen. Er sah es, daß man mit ihm zufrieden war, daß alle ihm

ergeben waren, und daß man sich zu ihm ehrerbietig verhielt. Auch das

allergrößte Mißtrauen hätte nichts anderes bemerken können. Die Sache

ging also großartig.

Schließlich erschien auch Akim Petrowitsch Subikoff mit irgend welchen

Papieren. Bei seinem Erscheinen stach Herrn Pralinski etwas ins Herz,

aber nur auf einen Augenblick. Er beschäftigte sich mit Akim

Petrowitsch, zeigte und erklärte ihm, was er zu tun hatte. Er bemerkte

nur, daß er es vermied, ihm längere Zeit in die Augen zu sehn oder daß

vielmehr Akim Petrowitsch es vermied, _ihn_ anzusehn. Und als die Sache

erledigt war, stand Akim Petrowitsch auf und suchte seine Papiere

zusammen.

„Und dann ist hier noch ein Gesuch,“ begann er so trocken als möglich,

„des Beamten Pseldonimoff; er bittet um seine Überführung in die ...

Kanzlei ... Seine Exzellenz Semjon Iwanowitsch Schipulenko haben ihm

eine Stelle versprochen. Er bittet Exzellenz um eine gütige Fürsprache.“

„Also er geht über,“ sagte Exzellenz und fühlte dabei, wie ihm etwas

Schweres vom Herzen genommen wurde. Er sah auf, und in dem Augenblick

begegneten sich ihre Blicke.

„Nun, ich meinerseits ... ich werde ... ich bin bereit ...“ antwortete

er.

Akim Petrowitsch wollte augenscheinlich so schnell als möglich

verschwinden. Exzellenz jedoch entschloß sich plötzlich – in einem

Anfall von Edelmut – sich darüber auszusprechen. Ihn überfiel wieder

eine gewisse Begeisterung.

„Übergeben Sie ihm,“ begann er, wobei er einen hellen und

bedeutungsvollen Blick auf Akim Petrowitsch richtete, „übergeben Sie

ihm, daß ich ihm nichts Böses nachtrage, ja, nichts Böses! ... Daß ich,

im Gegenteil, bereit bin, alles Gewesene zu vergessen, alles, alles ...“

Aber plötzlich erstarrte Exzellenz förmlich, als er zu seinem Erstaunen

das sonderbare Betragen Akim Petrowitschs bemerkte, der sich, unbekannt

warum, aus einem vernünftigen Menschen in einen Dummkopf verwandelte.

Anstatt nun aufmerksam zuzuhören, was er ihm sagte, errötete er über und

über, verbeugte sich eilig mit kleinen Bücklingen und zog sich ängstlich

zur Tür zurück. Sein ganzes Aussehn verriet, daß er den Wunsch hatte, in

die Erde zu versinken, oder besser gesagt, sich an seinen Tisch

zurückzuziehen. Herr Pralinski, der allein blieb, erhob sich in der

Verwirrung vom Stuhl. Er blickte zwar in den Spiegel, doch tat er es,

ohne sich dabei zu sehn.

„Nein, Strenge, Strenge, nur Strenge!“ flüsterte er sich selbst unbewußt

zu, und plötzlich bedeckte heiße Röte sein Gesicht. Er schämte sich

dermaßen, wie er sich nicht einmal in den schrecklichsten Minuten seiner

achttägigen Krankheit geschämt hatte. „Konnte nicht aushalten!“ sagte er

sich und sank kraftlos auf seinen Stuhl zurück.

Letzte Novellen.

Die Kleine.

Eine phantastische Erzählung.

Erstes Kapitel.

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