X.

Nach einer Viertelstunde lief ich wie besessen im Zimmer auf und ab, und

trat vor Ungeduld immer wieder zum Wandschirm, um durch die Spalte nach

Lisa zu sehn. Sie saß auf dem Fußboden, hatte den Kopf an den Bettrand

gestützt und weinte, wie es schien. Sie ging aber nicht fort, und das

war’s ja, was mich ärgerte. Sie wußte bereits alles. Ich hatte sie

beleidigt, aber ... Ach, wozu erzählen. Sie hatte schon erraten, daß der

Ausbruch meiner Leidenschaft gerade Rache war, eine neue Erniedrigung

ihrer Person, und daß zu meinem vorherigen, fast grundlosen Haß noch ein

_persönlicher, neidischer_ Haß auf sie hinzugekommen war ... Übrigens,

ich will nicht behaupten, sie hätte das alles vollkommen _bewußt_ und

klar begriffen; dafür aber begriff sie vollkommen, daß ich ein gemeiner

Mensch war und vor allem einer, der nicht fähig war, sie zu lieben.

Ich weiß, man wird mir sagen, es sei unwahrscheinlich, –

unwahrscheinlich, daß man so grausam, so dumm sein könnte, wie ich es

war; oder vielleicht wird man noch hinzufügen, es wäre unmöglich

gewesen, sie nicht lieb zu gewinnen, wenigstens diese Liebe nicht zu

schätzen. Warum soll es denn unwahrscheinlich sein? Erstens konnte ich

überhaupt nicht mehr lieben, denn lieben bedeutete für mich –

tyrannisieren und moralisch überlegen sein. Mein ganzes Leben lang habe

ich mir eine andere Liebe nicht einmal vorstellen können, und sogar

jetzt glaube ich noch zuweilen, daß die Liebe gerade in dem vom

geliebten Wesen geschenkten Recht, es zu tyrannisieren, besteht. Auch in

meinen Einsamkeitsträumen im Dunkel habe ich mir die Liebe nie anders

vorgestellt, denn als Kampf, hab sie in Gedanken stets mit Haß begonnen

und mit moralischer Unterwerfung beendet, dann aber war’s mir unmöglich,

mir auch nur vorzustellen, was man mit einem unterworfenen Wesen noch

anfangen könnte. Und was kann denn hierbei unwahrscheinlich sein, wenn

ich mich moralisch schon so weit gebracht, mich vom „lebendigen Leben“

so entwöhnt hatte, daß ich sie beschämen wollte, als ich ihr vorwarf,

sie sei gekommen, um „mitleidige Worte“ zu hören, selbst aber nicht

einmal erriet, daß sie keineswegs deswegen gekommen war, um mitleidige

Worte zu hören, sondern daß sie gekommen war, um mich zu lieben, denn

für das Weib liegt in der Liebe die ganze Auferstehung, die ganze

Rettung vor einerlei welch einem Verderben, und die ganze Wiedergeburt,

die sich ja anders überhaupt nicht offenbaren kann, als gerade in ihrer

Liebe. Übrigens haßte ich sie gar nicht so sehr, als ich im Zimmer auf

und ab lief und durch die Spalte des Bettschirms lugte. Es war mir nur

unerträglich schwer zu Mut, gerade weil sie bei mir war. Ich wollte, daß

sie vom Angesicht der Erde verschwand. Nach „Ruhe“ sehnte ich mich, in

meinem Winkel allein bleiben wollte ich. Das „lebendige Leben“ erdrückte

mich, da ich es nicht gewöhnt war, dermaßen, daß mir sogar das Atmen

schwer wurde.

Es vergingen noch etliche Minuten, sie aber erhob sich immer noch nicht

– als ob sie alles vergessen hätte. Ich war so gewissenlos, leise an den

Schirm zu klopfen, um sie zu erinnern ... Sie fuhr erschrocken zusammen,

erhob sich hastig und suchte eilig ihre Sachen, Tuch, Mützchen, Pelz

zusammen, ganz als wollte sie sich vor mir retten ... Nach zwei Minuten

trat sie langsam hinter dem Schirm hervor und richtete einen schweren

Blick auf mich. Ich lachte boshaft auf, gezwungen natürlich,

_anstandshalber_, und wandte mich ab.

„Adieu,“ sagte sie und ging zur Tür.

Da trat ich schnell an sie heran, ergriff die Hand, legte hinein ... und

preßte sie wieder zu. Darauf kehrte ich mich hastig um und ging schnell

in die andere Ecke des Zimmers, um wenigstens nicht zu sehen ...

Soeben wollte ich lügen, – schreiben, daß ich dieses in Versehen, halb

bewußtlos, aus Dummheit, aus Kopflosigkeit getan hätte. Ich will aber

nicht lügen, und darum sage ich jetzt offen, daß ich es ... aus Bosheit

tat. Es fiel mir ein, das zu tun, als ich im Zimmer auf und ab lief und

sie hinter dem Bettschirm saß. Eines jedoch kann ich mit aller

Bestimmtheit sagen: ich beging diese Grausamkeit, wenn auch absichtlich,

so doch nicht aus meinem Herzen, sondern aus meinen schlechten Gedanken

heraus. Diese Grausamkeit war dermaßen unnatürlich, dermaßen „gedacht“,

absichtlich komponiert, so _literarisch_, daß ich sie selbst nicht eine

Minute lang ertrug – zuerst lief ich in die Ecke, um nicht zu sehn, dann

aber stürzte ich mit Scham und Verzweiflung im Herzen ihr nach. Ich riß

die Flurtür auf und horchte hinaus.

„Lisa! Lisa!“ rief ich halblaut, denn ich wagte es nicht, dreister zu

rufen.

Keine Antwort. Doch schien es mir, als hörte ich noch unten ihre

Schritte auf der Treppe.

„Lisa!“ rief ich lauter.

Keine Antwort. Da hörte ich, wie die schwere Haustür geöffnet wurde und

gleich darauf mit dumpfem Krach zuschlug. Der Widerhall schallte durch

das Haus.

Sie war fortgegangen. Nachdenklich kehrte ich in mein Zimmer zurück. Weh

und schwer wars mir ums Herz.

Ich blieb am Tisch nicht weit von dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte,

stehn und starrte gedankenlos vor mich hin. Es verging vielleicht eine

Minute. Plötzlich fuhr ich zusammen: gerade vor mir auf dem Tisch

erblickte ich ... kurz, ich erblickte einen blauen verknitterten

Fünfrubelschein, denselben, den ich ihr in die Hand gedrückt hatte. Das

war _derselbe_ Schein, ein anderer hätte es überhaupt nicht sein können,

in der ganzen Wohnung gab es keinen anderen! Also hatte sie noch Zeit

gehabt, ihn, als ich in die Ecke lief, auf den Tisch zu werfen.

Wie, was? Ich hätte es doch wissen müssen, daß sie es tun würde. Hätte

es wissen müssen? Nein. Ich war so weit Egoist, achtete die Menschen im

Grunde so wenig, daß ich von ihr niemals so etwas erwartet hätte. Das

ertrug ich nicht! Einen Augenblick später stürzte ich mich wie ein

Sinnloser in meine Kleider, zog mir an, was mir in die Hände kam, und

lief atemlos hinaus – ihr nach. Sie hätte noch keine zweihundert

Schritte gegangen sein können, als ich hinaustrat.

Es war ganz still auf der Straße, es schneite; die schweren Flocken

fielen fast senkrecht zur Erde und bedeckten den Fußsteig und die

einsame Straße mit weichen, weißen Schneekissen. Kein Mensch war rings

zu sehn, kein Laut zu hören ... nur Schnee. Wehmütig und nutzlos

schimmerten die Laternen. Ich lief an zweihundert Schritt, – bis zur

Querstraße und blieb stehn.

Wohin war sie gegangen? Und warum lief ich ihr nach?

Warum? Um vor ihr niederzufallen, vor Reue zu weinen, ihre Füße zu

küssen, um ihre Vergebung zu erflehen! Das, gerade das wollte ich. Meine

ganze Brust riß sich entzwei! Niemals, niemals werde ich gleichmütig an

diesen Augenblick zurückdenken können. Aber, – wozu? fragte ich mich.

Werde ich sie denn nicht vielleicht morgen schon hassen, weil ich ihr

heute die Füße geküßt? Werde ich ihr denn Glück bringen? Habe ich denn

heute nicht wieder, schon zum hundertsten Mal, erkannt, was ich wert

bin? Werde ich sie denn nicht totquälen!

Ich stand im Schnee, starrte in die trübe Dunkelheit und dachte darüber

nach.

„Und ist es nicht besser, ist’s nicht besser,“ fragte ich mich noch

oftmals, wenn ich später in den folgenden Jahren zu Hause mit

Phantasieen das lebendige Weh im Herzen betäuben wollte, „ist es nicht

besser, daß sie auf ewig die Beleidigung mit sich forttrug? Beleidigung

– ist doch Läuterung; das ist die allerätzendste und schmerzhafteste

Erkenntnis. Schon am nächsten Tage würde ich ihre Seele beschmutzt und

ihr Herz ermüdet haben. Die Beleidigung aber wird niemals in ihr

erlöschen und wie gemein auch der Schmutz, der sie umgibt, sein mag, –

die Beleidigung wird sie erheben und läutern ... durch Haß ... hm! ...

vielleicht auch durch Vergebung ... Aber wird es ihr denn davon leichter

werden?“

Und sagt mir doch – jetzt will ich von mir aus noch eine müßige Frage

stellen: was ist besser, – billiges Glück, oder erhabenes Leid? Nun, was

ist besser?

Sie stieg in mir auf, als ich an jenem Abend halbtot vor Seelenqual bei

mir zu Hause saß. Niemals noch hatte ich solch ein Leid, solch eine Reue

empfunden. Aber wie hätte denn, als ich hinaus- und ihr nachlief, noch

irgend ein Zweifel darüber bestehn können, daß ich nicht auf halbem Wege

umkehren und zurückkommen würde!?

Lisa habe ich nie mehr gesehn und auch nie etwas von ihr gehört. Ich

füge noch hinzu, daß mich die _Phrase_ von der Beleidigung und dem Haß

auf lange beruhigte, obgleich ich damals vor Leid fast krank wurde.

Selbst jetzt noch nach so langen Jahren scheint mir vieles in der

Erinnerung schlecht, aber ... Übrigens, sollte ich nicht hier meine

„Aufzeichnungen“ beenden? Ich glaube, es war falsch von mir, daß ich sie

überhaupt zu schreiben begann. Wenigstens habe ich mich während des

Schreibens die ganze Zeit geschämt: also ist das nicht mehr Literatur,

sondern Selbstgeißelung. Denn lange Geschichten erzählen zum Beispiel

darüber, wie ich mein Leben verfehlt habe durch moralische Verwesung in

meinem Dunkel, durch den gänzlichen Mangel oder vielleicht auch nur ein

zu Wenig an Mittelmäßigkeit, durch Entwöhnung von allem Lebendigen und

durch all die Bosheit, die ich gepflegt, – das ist, bei Gott, alles

andere, nur nicht unterhaltend. In einem Roman muß es einen Helden

geben, hier aber findet man alle Eigenschaften eines Anti-Helden. Und

die Hauptsache ist, daß das Ganze einen äußerst unangenehmen Eindruck

macht. Haben wir uns doch alle vom Leben entwöhnt, alle lahmen wir,

alle, – natürlich mehr oder weniger. Wir sind es ja sogar dermaßen nicht

mehr gewohnt, daß uns mitunter vor dem wirklichen „lebendigen Leben“

Ekel erfaßt, und darum ärgert es uns, wenn wir an dasselbe erinnert

werden. Sind wir doch sogar so weit gekommen, daß wir das wirkliche

„lebendige Leben“ fast für Mühe, für eine Last, fast für Dienst halten,

und im Geheimen sind wir vollkommen einig, daß es besser ist,

literarisch zu leben. Und warum nur krabbeln wir herum, was wollen wir

denn eigentlich? Das wissen wir ja selbst nicht. Wehe uns, wenn unsere

einfältigen Bitten in Erfüllung gingen! Nun, möge man es doch einmal

versuchen und uns z. B. größere Freiheit geben, einerlei wem von uns

einmal die Hände befreien, das Arbeitsfeld vergrößern, die Vormundschaft

zurückziehen, und wir ... ja, ich versichere Ihnen, meine Herren: wir

würden sofort wieder um eine Vormundschaft bitten. Ich weiß, daß Sie

sich wegen dieser Behauptung maßlos über mich ärgern und mir wütend

zuschreien werden:

„Reden Sie von sich und von Ihrer Misère so viel Sie wollen, aber

unterstehn Sie sich nicht, ‚wir alle‘ zu sagen!“

Erlauben Sie, meine Herren, ich will mich doch mit diesem „wir alle“

keineswegs etwa rechtfertigen!

Was aber mich speziell hierbei anbetrifft, so habe ich in meinem Leben

bloß das bis zum Äußersten geführt, was Sie nicht einmal bis zur Hälfte

zu führen wagen. Und diese Ihre Feigheit halten Sie ja noch für Vernunft

und trösten sich noch mit ihr, – sehen aber nicht ein, daß das

Selbstbetrug ist. So stellt es sich heraus, daß ich schließlich noch

lebendiger bin, als Sie, meine Herren. So blicken Sie doch nur

aufmerksamer um sich! Wir wissen ja nicht einmal, wo das Lebendige jetzt

lebt, was es eigentlich ist und wie es heißt. Man versuche es doch:

lasse uns allein, nehme uns die Bücher, und wir würden uns sofort

verlieren und verirren, würden nicht wissen, an wen uns anschließen, an

was uns halten, was lieben und was hassen, was hochachten und was

verachten. Es ist uns ja sogar lästig, Menschen zu sein, Menschen mit

wirklichem, _eigenem_ Leib und Blut. Wir schämen uns unseres Leibes,

halten das Natürliche für Schande und wollen irgend welche noch nie

dagewesene Allmenschen sein. Wir sind Totgeborene – werden wir doch

schon lange nicht mehr von lebendigen Vätern geboren ... und das gefällt

uns ja sogar immer mehr und mehr! Unser Geschmack gewöhnt sich daran.

Bald werden wir uns ausdenken, irgendwie von der Idee geboren zu werden.

Doch jetzt genug damit. Ich will nicht mehr „aus dem Dunkel“ schreiben.

* * * * *

Übrigens sind hiermit die Aufzeichnungen dieses paradoxen Menschen noch

nicht beendet. Er konnte es nicht lassen, und fuhr daher fort, zu

schreiben. Aber auch mir will es scheinen, daß man vorläufig hier

abbrechen kann.

Herr Prochartschin.

Eine Erzählung.

In der Wohnung Ustinja Fedorownas hatte sich im allerdunkelsten und

bescheidensten Winkel Semjon Iwanowitsch Prochartschin eingemietet, ein

älterer, nüchterner und vernünftig denkender Mensch. Da Herr

Prochartschin bei seinem kleinen Posten ein nur seinen dienstlichen

Fähigkeiten entsprechendes Gehalt bezog, so konnte Ustinja Fedorowna auf

keine Weise mehr als fünf Rubel monatlich für diesen Winkel von ihm

verlangen. Einige behaupteten, sie hätte dabei eine besondere Berechnung

gehabt; aber wie dem auch war, jedenfalls wurde Herr Prochartschin all

diesen bösen Zungen zum Trotz ihr Günstling – eine Auszeichnung, die nur

in anständigem und ehrenhaftem Sinne zu verstehn ist. Ich muß hier

bemerken, daß Ustinja Fedorowna eine sehr achtenswerte und wohlbeleibte

Dame war, die einerseits eine besondere Vorliebe fürs Essen und

Kaffeetrinken hatte, und andrerseits dann wieder übermäßiges Fasten

liebte, eine Dame, die bei sich etliche solcher Winkelmieter hatte, und

zwar sogar mehrere, die das Doppelte von dem zahlten, was sie von Semjon

Iwanowitsch erhielt, und die, wenn sie nicht friedlich waren – denn sie

waren alle bis auf den Letzten „böse Spötter“ – sehr in ihrer Achtung

fielen, so daß sie diese Herren, wenn sie nicht ihr Logis bezahlt

hätten, nicht nur nicht bei sich aufgenommen, sondern auch nicht einmal

in ihrer Wohnung empfangen haben würde. Zum Günstling wurde Semjon

Iwanowitsch erst, nachdem man den „Einen“ auf den Friedhof gebracht

hatte. Dieser „Eine“ außer Diensten hatte es aber, obgleich er nur ein

Auge und ein einziges Bein besaß, die er nach seinen Worten alle beide

aus Tapferkeit verloren, nichtsdestoweniger verstanden, die Geneigtheit

Ustinja Fedorownas zu erringen. Und wahrscheinlich wäre er noch lange

ihr allertreuester Gehilfe und Pensionär geblieben, wenn er sich nicht

bedauerlicher Weise zu Tode getrunken hätte. Aber das war schon früher

gewesen, als Ustinja Fedorowna noch auf den Peski[4] wohnte und nur drei

Mieter hatte, von denen ihr dann später beim Umzug in die neue Wohnung,

in der sie sich auf weit größerem Fuße einrichtete und wo sie zehn

Pensionäre hielt, nur Herr Prochartschin gefolgt war.

Ob nun Herr Prochartschin unverbesserliche Mängel hatte, oder ob nun an

seinen Kameraden die Schuld lag, jedenfalls konnte man sich, wie es

schien, beiderseits von Anfang an nicht gut verstehn. Hierbei sei

erwähnt, daß alle neuen Mieter Ustinja Fedorownas unter einander wie die

leiblichen Brüder lebten; einige von ihnen dienten sogar zusammen und

alle verspielten sie ihr Monatsgehalt schon am ersten, wenn sie sich zum

Kartenspiel zusammentaten; sie freuten sich auch zusammen ihres Lebens

„in den schäumenden Augenblicken des Erdendaseins“, wie sie sich

ausdrückten, und sie liebten es, vom Hohen und Erhabenen zu sprechen,

obgleich sich bei diesem Thema nie ein Streit vermeiden ließ; da aber

Vorurteile in ihrer Gesellschaft verpönt waren, so wurde die allgemeine

Harmonie doch nie dabei ganz aufgehoben. Von diesen Winkelmietern waren

besonders bemerkenswert: Mark Iwanowitsch, ein kluger und belesener

Mensch; darauf Oplewanjeff, Prepolowenko – gleichfalls ein bescheidener

und guter Mensch –, dann Sinowij Prokoffjewitsch, dessen Ideal es war,

in die höhere Gesellschaft zu kommen; zuletzt seien noch erwähnt der

Schreiber Okeanoff – der seiner Zeit Semjon Iwanowitsch Prochartschin

beinahe die Siegespalme des Bevorzugten und Günstlings streitig gemacht

hätte –, Ssudjbin, Kantareff und noch andere. Allen diesen Leuten war

Semjon Iwanowitsch scheinbar kein Kamerad. Böses wünschte ihm zwar

keiner von ihnen, umsoweniger, als sie gleich von Anfang an

Prochartschin Gerechtigkeit widerfahren ließen und mit den Worten Mark

Iwanowitschs vollkommen übereinstimmten, nämlich daß Prochartschin ein

friedlicher und guter Mensch sei – allerdings kein Weltmann, dafür aber

auch kein Schmeichler –, daß er natürlich seine Fehler habe, im Übrigen

aber, falls er einmal leiden sollte, dieses doch nur wegen gänzlichen

Mangels eines persönlichen Vorstellungsvermögens geschehen könnte. Doch

nichtsdestoweniger konnte Herr Prochartschin, obgleich man ihn auf diese

Weise ungefragt eines eigenen Vorstellungsvermögens beraubt hatte, weder

mit seiner Figur, noch mit seinen Manieren jemanden von einem für ihn

günstigen Standpunkte aus in Erstaunen setzen, worüber die Spötter sich

dann andrerseits natürlich gleich zu belustigen hatten. Aber, wie

gesagt, Mark Iwanowitsch, die Autorität in höheren Fragen, hatte ja

öffentlich und formell Semjon Iwanowitsch in den Schutz genommen, und

ziemlich geschickt in einem schönen, blütenreichen Stil erklärt, daß

Prochartschin ein erfahrener und solider Mensch sei, der schon längst

alles Elegische und Romantische im Leben abgestreift hätte. Also trug

denn doch Semjon Iwanowitsch, wenn er sich mit den anderen nicht

einzuleben verstand, ganz allein die Schuld daran.

Was allen zuerst auffiel, war zweifellos Semjon Iwanowitsch’s sparsame

Haushaltung und sein schmutziger Geiz. Das bemerkte man gar bald und

setzte es ihm dann auch sofort auf die Rechnung. Semjon Iwanowitsch

konnte z. B. niemals und niemandem seine Teekanne leihen, wenn auch nur

auf einen Augenblick; und das war um so mehr unrecht von ihm, als er

selbst fast nie Tee trank, sondern nur zuweilen, wenn er dessen sehr

bedurfte, einen angenehmen Aufguß von Kamillentee und anderen heilsamen

Kräutern, von denen er große Vorräte bei sich aufbewahrte, in dieser

Teekanne zu kochen pflegte. Übrigens speiste er auch nicht so, wie die

anderen Mieter. Niemals z. B. erlaubte er sich das ganze Mittagessen,

das Ustinja Fedorowna täglich ihren Pensionären verabfolgte, zu

verspeisen. Das Mittagessen kostete fünfzig Kopeken; Semjon Iwanowitsch

aß aber nur für fünfundzwanzig Kopeken und überstieg diese Summe kein

einziges Mal. Er aß entweder die Kohlsuppe mit Piroggen oder den Braten,

– und sehr oft aß er weder das Eine noch das Andere, sondern irgend

einen Mehlbrei mit Zwiebeln oder saure Milch mit gesalzener Gurke, was

weit billiger war. Wenn er aber seine natürlichen Instinkte nicht mehr

überwinden konnte, so kehrte er wieder zu seiner halben Portion

Mittagessen zurück ...

Ich muß gestehen, daß ich mich niemals entschlossen hätte, von solchen

niedrigen und sogar peinlichen Einzelheiten zu sprechen, wenn nicht

diese kleinen Einzelheiten gerade ein vorherrschender Charakterzug des

Helden meiner Erzählung gewesen wären; denn Herr Prochartschin war

längst nicht so geizig – wie er es selbst manchmal behauptete –, um sich

eine regelmäßige und gute Kost zu versagen, sondern er tat es, ohne

dabei die Kritik der anderen zu fürchten, bloß zur Befriedigung seiner

sonderbaren Launen; das waren: Sparsamkeit und übertriebene Vorsicht.

Auch kann ich nicht unterlassen zu bemerken – ich berufe mich hier nur

auf die Aussagen Ustinja Fedorownas –, daß er sich in seinem ganzen

Leben nicht entschließen konnte, seine Wäsche waschen zu lassen oder

wenigstens sich so selten dazu entschloß, daß man sich mitunter

zweifelnd fragen mußte, ob Semjon Iwanowitsch überhaupt Wäsche trug. Wie

sie sagte, hat Semjon Iwanowitsch ihr „Täubchen“ zweimal zehn Jahre lang

bei ihr einen Winkel gewärmt, Scham kannte er nicht, denn es fehlte ihm

nicht nur sein ganzes Erdenleben hindurch immerwährend an Socken,

Taschentüchern und anderen unentbehrlichen Gegenständen der

Leibesnotdurft, sondern „ich selbst, Ustinja Fedorowna, habe mit eigenen

Augen gesehn, dank der Altersrisse des großen Bettschirms, daß er, mein

Täubchen, nicht einmal etwas hatte, um sein weißes Körperchen zu

bedecken“. Solche Gerüchte verbreiteten sich aber erst nach dem Tode

Semjon Iwanowitschs, denn zu seinen Lebzeiten – und das war eine der

Hauptursachen aller Zwistigkeiten – konnte er es unter keinen Umständen

vertragen, ungeachtet der kameradschaftlichsten Beziehungen, daß irgend

jemand seine neugierige Nase in seinen Winkel steckte und wenn auch nur

infolge der Risse des alten Bettschirms. Er war ein schweigsamer,

unzugänglicher Mensch, der sich auf keine unnütze Unterhaltung einließ.

Ratgeber liebte er in keinerlei Gestalt, Vorwitzige aber noch weniger,

und konnte er einmal einen von ihnen auf der Stelle packen, so ließ er

ihn nicht früher wieder los, als bis er ihm ordentlich die Wahrheit

gesagt hatte. „Du dummer Junge Du, behalte Deine Ratschläge für Dich,

sieh mal erst in Deine Tasche, mein Herr, und zähle lieber nach, was Du

hast!“ Semjon Iwanowitsch war ein einfacher Mensch und sagte zu allen

ausnahmslos Du. Auch konnte er es nicht leiden, wenn irgend jemand, der

seine Gewohnheiten kannte, nur zum Scherz oder aus Unart ihn fragte, was

er denn eigentlich in seinem Koffer aufbewahrte ... Semjon Iwanowitsch

besaß nämlich einen sonderbaren Koffer: er stand bei ihm unter dem Bett

und wurde von ihm wie ein Augapfel behütet. Obgleich es alle wußten, daß

in ihm außer alten Lappen, außer zwei oder drei Paar alter, vertragener

Stiefel und überhaupt allem möglichstem Kram so gut wie gar nichts

enthalten war, schätzte Herr Prochartschin dieses sein bewegliches

Mobiliar doch sehr hoch; ja, einmal ließ er sogar etwas von seiner

Absicht verlauten, das alte, aber sehr starke Schloß des Koffers durch

ein neues Schloß deutscher Arbeit, das verschiedene kniffliche

Sicherheitsvorrichtungen und heimliche Federn haben sollte, zu ersetzen.

Als einmal Sinowij Prokoffjewitsch infolge seiner jugendlichen

Unbedachtsamkeit einen sehr taktlosen, ja groben Verdacht äußerte,

nämlich, daß Semjon Iwanowitsch wahrscheinlich in seinen Koffer

hineinsparte, um seinen „Nachkommen“ etwas zu hinterlassen, da waren

alle anwesenden Winkelmieter angesichts der außergewöhnlichen Folgen

dieser Unbedachtsamkeit Sinowij Prokoffjewitschs einfach sprachlos.

Erstens konnte Herr Prochartschin auf solch eine grobe Bemerkung nicht

sofort eine anständige Erwiderung finden. Dann aber stürzten über seine

Lippen nur Worte ohne jeglichen Zusammenhang, und erst nach langer Zeit

konnte man endlich erraten, daß Semjon Iwanowitsch den Sinowij

Prokoffjewitsch wegen einer altvergangenen schmutzigen Angelegenheit

beschimpfte; darauf prophezeite Semjon Iwanowitsch, daß Sinowij

Prokoffjewitsch nie in die höhere Gesellschaft gelangen und ihn der

Schneider, dem er noch einen Anzug schuldete, einfach durchprügeln

würde, unbedingt gerade durchprügeln, da der „dumme Junge“ doch nicht

bezahlen könnte; und „Du dummer Junge“ fügte Semjon Iwanowitsch hinzu,

„Du willst zu den Husaren übergehn, aber sieh, ich sage Dir, das wird

Dir nicht gelingen, da hast Du es, Du dummer Junge, und so wie die

Obrigkeit von Dir alles erfahren wird, wird sie Dich zum Schreiber

degradieren; siehst Du jetzt, wie’s ist! Du dummer Junge!“ Darüber

schien sich Semjon Iwanowitsch zu beruhigen. Aber siehe da, nachdem er

fünf Stunden lang wie in tiefes Nachdenken versunken ruhig dagelegen

hatte, fing er plötzlich, zum größten Erstaunen aller, zuerst nur vor

sich hin, dann aber wieder an Sinowij Prokoffjewitsch gewandt zu

schimpfen an. Damit aber war die Sache auch noch nicht abgetan, denn als

am Abend Mark Iwanowitsch und Prepolowenko einen Tee spendierten, da

kroch auch Semjon Iwanowitsch aus seinem Bett, setzte sich zu ihnen und

steuerte sogar seine fünfzehn oder zwanzig Kopeken dazu bei, und unter

dem Vorwand, daß er Tee trinken wollte, fing er an, sich sehr

weitschweifig über die Sache auszubreiten: daß er ein armer Mensch wäre

und sonst nichts mehr, und daß ein armer Mensch nichts einzuscharren

hätte. Bei der Gelegenheit gestand also Herr Prochartschin – und zwar

nur darum, weil es einmal zur Sprache gekommen –, daß er ein armer

Mensch war; noch vor drei Tagen hätte er den frechen Menschen um einen

Rubel anpumpen wollen, jetzt aber würde er es nicht mehr tun, weil der

dumme Junge sonst triumphieren könnte ... und sein Gehalt sei gerade so

groß, daß es kaum für ihn selbst ausreichte, er aber müßte noch, so arm

wie er war und wie es doch alle sahen und wußten, fünf Rubel monatlich

seiner Schwägerin nach Twerj schicken, und wenn er sie nicht schicken

würde, so würde die Schwägerin sterben, und wenn sie sterben würde, so

würde er sich sofort neue Kleider kaufen können ... Und lange noch und

ausführlich sprach Semjon Iwanowitsch vom armen Menschen, von den fünf

Rubeln und der Schwägerin, und wiederholte dasselbe des stärkeren

Nachdrucks halber den Zuhörern so lange, bis er sich endlich selbst ganz

verwirrte und verstummte. Aber nach drei Tagen, als schon niemand mehr

ihn anzugreifen beabsichtigte und alle ihn vergessen hatten, fügte er

plötzlich noch zum Schluß hinzu: „Wenn Sinowij Prokoffjewitsch zu den

Husaren geht, so wird man diesem frechen Menschen im Kriege die Beine

abschießen und wenn er dann in Holzbeinen betteln gehn wird, und ihn

bitten wird: ‚gib mir, guter Mensch, Semjon Iwanowitsch, ein Stückchen

Brot!‘, so wird er, Semjon Iwanowitsch, ihm _nichts_ geben und wird

diesen übermütigen Menschen Sinowij Prokoffjewitsch nicht einmal ansehn

und nur sagen: ‚geh Du nur jetzt mit Deinen Bohnenstangen! Siehst Du

jetzt, wie’s ist‘!“

Alles das, wie es ja auch nicht anders möglich war, wirkte sehr

sonderbar und zu gleicher Zeit sehr lächerlich. Ohne sich lange zu

bedenken, versammelten sich alle Winkelmänner zur weiteren Untersuchung

der Verhältnisse Semjon Iwanowitschs und sie entschlossen sich, ihn alle

zusammen endgültig anzugreifen. Da es Herr Prochartschin in der letzten

Zeit, in der er sich ihrer Kompagnie anschloß, sehr liebte, sich in

alles einzumischen und über alles auszufragen, was er wahrscheinlich aus

besonderen geheimnisvollen Gründen tat, so verschlechterten sich die

beiderseitigen Beziehungen, ohne jegliche vorhergefaßte Absicht, einfach

durch diese seine neue Eigenschaft ganz von selbst.

Semjon Iwanowitsch hatte sich nämlich eine sehr schlaue Taktik

ausgedacht, mittels der er sich auf anständige Weise des Abends zu den

Anderen gesellen konnte, ein Manöver, das dem Leser zum Teil bereits

bekannt ist: wenn er sah, daß die Anderen sich zusammentaten, um einen

Tee mit Likör oder sonstigen Zutaten zu trinken, so kroch er ganz

einfach aus seinem Bett, ging als bescheidener, kluger und

liebenswürdiger Mensch zu ihnen und legte seine obligatorischen zwanzig

Kopeken auf den Tisch, was bedeuten sollte, daß er sich zu beteiligen

wünschte. Die Gesellschaft tauschte darauf verständnisinnge Blicke aus

und – Semjon Iwanowitsch wurde einwandlos angenommen. Man bemühte sich

zuerst ein anständiges und vernünftiges Gespräch zu führen, darauf wurde

aber irgend ein freieres Thema gewählt und allmählich, als ob nichts

dabei gewesen wäre, ging man auf die Neuigkeiten über. Nun aber war die

Sache die, daß diese Neuigkeiten von dem Erzähler ganz willkürlich

erdacht und wiedergegeben wurden. Zum Beispiel erzählte man, wie seine

Excellenz Demid Wassiljewitsch gesagt, daß seiner Meinung nach die

verheirateten Beamten weit solider wären als die unverheirateten und

daher bei der Beförderung den Anderen stets vorzuziehen seien; denn

erstens wären sie ruhiger, und zweitens entwickle die Ehe in ihnen viel

mehr Fähigkeiten, und darum, fügte der betreffende Erzähler der

Nachricht von sich aus hinzu, werde auch er hinfort, um sich

auszuzeichnen und etwas erreichen zu können, bemüht sein, sich

baldmöglichst mit irgendeiner Fewronja Prokoffjewna zu verehelichen.

Oder, zum Beispiel, wie alle bemerkt hätten, daß die Unverheirateten

jeglicher angenehmen und guten Manieren eines Weltmannes entbehrten, und

deshalb in der Gesellschaft und besonders den Damen nicht gefallen

könnten. Um nun ähnlichen Unfug auszurotten, solle von dem Monatsgehalt

ein Teil abgezogen werden, und zwar zur Errichtung eines Saales, in dem

man das Tanzen erlernen, und bei der Gelegenheit Anstand, gute Manieren,

Höflichkeit, Ehrfurcht vor dem Alter, einen festen Charakter, ein gutes

Herz und weiß Gott was sonst noch alles erwerben könnte. Ja, es hieße

sogar, sagte der Erzähler, daß die Beamten, besonders die älteren und

allerältesten, ein Examen in allen Fächern würden ablegen müssen, um

schneller einen vorschriftsmäßigen Bildungsgrad zu erreichen und daß

infolgedessen viele von ihnen ihre Karten aus der Hand legen müßten ...

mit einem Wort, es wurden tausend solcher sinnloser Sachen besprochen,

und man tat, als ob man im Ernst an sie glaubte, als ob man selbst davon

betroffen wäre: einige machten eine traurige Miene, andere wiegten

bedenklich das Haupt und fragten um Rat, was sie tun sollten, um diesem

Schicksal zu entgehn? Es versteht sich von selbst, daß ein anderer

Mensch, der nicht so gutmütig und ruhig gewesen wäre, wie Herr

Prochartschin, sich in das allgemeine Gespräch eingemischt und erklärt

haben würde, mit ihren Ansichten nicht übereinstimmen zu können. Aber

augenscheinlich war Semjon Iwanowitsch viel zu stumpfsinnig und

beschränkt, um einen neuen Gedanken, an den sich sein Verstand noch

nicht gewöhnt hatte, sofort zu erfassen, und so war er denn, wenn er

einmal irgendwo einen neuen Gedanken hörte, genötigt, ihn erst

wochenlang zu bedenken und zu verdauen, um seinen Sinn zu begreifen;

gewöhnlich aber verwickelte er sich bei dieser Prozedur dermaßen, daß er

ihn dann schließlich nur auf eine ganz besondere, nur ihm eigene Weise

überwinden konnte. Infolge dieser Gespräche entpuppten sich bei Semjon

Iwanowitsch plötzlich ganz eigenartige und ganz unvorhergesehene

Eigenschaften ... Diese Gespräche mit Variationen und Zulagen wurden

später sogar in seiner Kanzlei bekannt. Besonderes Aufsehn erregte aber

die eine Tatsache, daß Herr Prochartschin, der seit undenklichen Zeiten

immer ein und dasselbe Gesicht gehabt hatte, plötzlich um nichts und

wieder nichts seine Physiognomie ganz und gar veränderte: sein Gesicht

wurde unruhig und er blickte scheu und mißtrauisch um sich; wenn er

ging, trat er leise auf, schrak oft zusammen, und mit einem Male liebte

er es über alles, sozusagen zur Vollendung seiner neuen Eigenschaften,

die Wahrheit zu erforschen. In der Liebe zur Wahrheit brachte er es

schließlich so weit, daß er es wagte, sich bei Demid Wassiljewitsch,

seinem Chef, selbst nach der Glaubwürdigkeit dieser Gerüchte zu

erkundigen, und wenn ich die Folgen dieses Wagnisses verschweige, so

geschieht das nur, um Semjon Iwanowitschs Reputation zu schonen. So

fanden denn alsbald seine sämtlichen Kollegen, daß er ein Misantrop wäre

und den gesellschaftlichen Anstand verachtete. Auch fanden sie, daß viel

Phantastisches an ihm war, und auch darin hatten sie Recht; es fiel

allgemein auf, daß Semjon Iwanowitsch sich manchmal ganz vergessen

konnte, mit offenem Munde unbeweglich und versteinert dasaß und die

Feder in der Luft hielt, so daß er mehr dem Schatten eines denkenden

Menschen, als einem denkenden Menschen selbst glich. Auch kam es nicht

selten vor, daß irgend einer der stumpfenden Schreiber, wenn er

plötzlich seinem unruhigen und suchenden Blick begegnete, zusammenfuhr,

erzitterte und auf das zu beschreibende Papier ein ganz unnötiges Wort

niederschrieb. Die Unzulässigkeit seines Benehmens beunruhigte und

beleidigte aufrichtig viele anständige Leute ... Als sich aber an einem

schönen Morgen in der Kanzlei das Gerücht verbreitete, daß Herr

Prochartschin sogar seinen Bureauchef Demid Wassiljewitsch erschreckt,

sich nämlich bei einer Begegnung im Korridor dermaßen eigenartig und

sonderbar benommen hatte, daß dieser genötigt gewesen war, ihm

auszuweichen, da war man allgemein überzeugt, daß die Entwicklung seines

Geistes eine gefährliche Richtung eingeschlagen hatte. Dieses Gerücht

kam auch schließlich ihm zu Ohren. Als er es hörte, stand er auf, ging

vorsichtig an allen Tischen und Stühlen vorüber, erreichte das

Vorzimmer, nahm eigenhändig seinen Mantel vom Kleiderständer, zog ihn

an, ging hinaus und – verschwand. Warum er verschwand? Wer kann das

wissen! Ob er den Mut vollständig verlor oder ihn etwas anderes fortzog,

das mag dahingestellt sein. Jedenfalls war er weder zu Hause noch in der

Kanzlei zu finden.

Ich werde nicht das Schicksal Semjon Iwanowitschs durch seine

phantastischen Neigungen zu erklären versuchen, doch muß ich bemerken,

daß unser Held – nichts weniger als ein Weltmann war, denn früher, als

er noch auf den „Peski“ wohnte, d. h. als er noch nicht in diese

Kompagnie der Winkelbewohner geraten war, hatte er in einer dumpfen,

undurchdringlichen Einsamkeit gelebt. Fast geheimnisvoll kam er einem

vor, denn er hatte die ganze Zeit über nur auf seinem Bett hinter dem

Schirm gelegen und geschwiegen und zu Niemandem in Beziehung gestanden.

Seine beiden alten Miteinwohner, Ustinja Fedorowna sowie der

Verstorbene, lebten ebenso zurückgezogen wie er; beide schienen sie

nicht weniger geheimnisvoll zu sein, beide lagen sie gleichfalls

fünfzehn Jahre lang hinter den Schirmen. In patriarchalischer Ruhe zogen

sich die glücklichen dämmerigen Tage und Stunden hin und da alles um sie

herum in derselben Ordnung seinen Gang nahm, so erinnerten sich später

weder Semjon Iwanowitsch noch Ustinja Fedorowna genau, wann das

Schicksal sie eigentlich zusammengeführt hatte. „Ob es zehn Jahre her

sind oder schon fünfzehn Jahre, oder vielleicht sogar schon

fünfundzwanzig,“ sagte sie ihren neuen Mietern, „daß er, mein Täubchen,

bei mir nistet und ich ihm die Seele wärme – wer kann’s wissen?“ – Und

darum war es nur natürlich, daß sie äußerst unangenehm erstaunt war, als

sich der Held unserer Erzählung, ihr solider, bescheidener Liebling, vor

einem Jahr in die Gesellschaft der neuen Winkelbewohner, dieser

lärmenden und unruhigen zehn „jungen Kinder“, einmischte.

Das Verschwinden Semjon Iwanowitschs verursachte nicht wenig Aufsehen in

den Winkeln. Allein schon, weil er der Günstling Ustinja Fedorownas war

und sodann, weil es sich erwies, daß sein Paß, den bis jetzt sie als

Wirtin aufbewahrt hatte, plötzlich verschwunden war. Ustinja Fedorowna

schluchzte natürlich – was sie in allen kritischen Augenblicken zu tun

pflegte; den Einwohnern machte sie zwei ganze Tage lang Vorwürfe, daß

sie ihn wie ein armes Küken verjagt hätten, daß sie ihn umgebracht

hätten „alle diese bösen Spötter“ und – am dritten Tage jagte sie alle

hinaus, ihn zu suchen, mit dem Befehl, den Flüchtling tot oder lebendig

einzufangen. Gegen Abend kam als erster der Schreiber Ssudjbin zurück

und erklärte, daß er auf seiner Spur wäre, daß er den Flüchtling auf dem

Trödelmarkt und noch an anderen Stellen gesehen hätte, daß er ganz in

seiner Nähe gestanden beim Feuerschaden in der „schiefen Gasse“, es aber

nicht gewagt hätte, ihn anzureden. Eine Stunde darauf erschienen

Okeanoff und Kantareff und bestätigten Ssudjbins Aussagen Wort für Wort:

auch sie hätten nicht weit von ihm gestanden, ihn anzureden hätten aber

auch sie nicht gewagt, und beide hätten sie bemerkt, daß Semjon

Iwanowitsch mit dem bekannten Trunkenbold Simoweikin gegangen wäre.

Dieser Vagabund war ein schlechter, schmeichlerischer Mensch, der auf

Semjon Iwanowitsch ersichtlich einen schlechten Einfluß hatte. Er

tauchte gerade eine Woche vor dem Verschwinden Semjon Iwanowitschs mit

seinem Freunde Remneff auf, lebte einige Zeit in den Winkeln und

erzählte allen, daß er um der Wahrheit willen litt, daß er früher in der

Provinz gedient hätte, dann aber, als der Revisor gekommen war, samt

seinen Genossen um der Wahrheit willen verjagt worden wäre, daß er dann

nach Petersburg gekommen und Porfirij Grigorjewitsch fußfällig gebeten

hätte, ihn durch seine Fürsprache in einer Kanzlei unterzubringen, aber

daß man ihn, dank seines grausamen Schicksals, auch von dort wieder

entfernt hätte, woran nur die Kanzlei die Schuld trüge; in die

neugebildete Gesellschaft der Beamten nehme man ihn aber nicht auf,

einesteils wegen seiner Unfähigkeit zum Dienst überhaupt, und

andrerseits wegen seiner Neigung zu einer anderen, ganz nebensächlichen

Sache, – alles zusammen genommen aber doch nur wegen seiner Liebe zur

Wahrheit und zu guter Letzt auch noch infolge der Ränke seiner Feinde.

Nachdem Herr Simoweikin die Erzählung seiner Lebensgeschichte beendet

hatte, während welcher er die ganze Zeit über seinem unrasierten Freunde

zugeblinzelt hatte, verabschiedete er sich der Reihe nach von allen, die

im Zimmer anwesend waren, auch Awdotja, die Magd, nicht ausgenommen,

nannte sie alle seine Wohltäter und sagte noch zum Schluß, daß er allein

ein unwürdiger, gemeiner, unsolider und dummer Mensch wäre, und daß gute

Menschen sein trauriges Schicksal nicht bemitleiden sollten. Nachdem er

dann alle um Schutz angefleht hatte, wurde Herr Simoweikin froh und

lustig, küßte Ustinja Fedorowna sogar die Hand, ungeachtet ihrer

bescheidenen Versicherungen, daß ihre Hand eine einfache, keine adlige

Hand wäre, und versprach am Abend der ganzen Gesellschaft sein Talent in

einem besonderen charakteristischen Tanze zu zeigen. Aber am

darauffolgenden Tage wurde er vor die Tür gesetzt, – vielleicht weil

sein Charaktertanz zu viel Charakter gehabt oder weil er Ustinja

Fedorowna nach ihren Worten „beleidigt und erniedrigt“ hatte, sie aber,

die selbst mit Jaroslaff Iljitsch bekannt war, folglich, wenn sie nur

gewollt, schon längst die Frau eines Oberleutnants hätte sein können. Er

ging, kehrte aber wieder zurück, wurde jedoch wieder als ehrlos

vertrieben. Da bat er denn Semjon Iwanowitsch, sich seiner anzunehmen,

nahm ihm so nebenbei seine neuen Hosen ab und erschien dann in der

Eigenschaft als Verführer Semjon Iwanowitschs wieder auf der Bildfläche.

Als nun die Wirtin hörte, daß Semjon Iwanowitsch noch lebte und gesund

war, und daß man somit seinen Paß nicht mehr zu suchen brauchte, ließ

sie das Trauern und beruhigte sich allmählich. Da fiel es aber einem von

der Kompagnie ein, dem Entlaufenen einen feierlichen Empfang zu

bereiten, und sofort waren alle dabei: sie öffneten den Riegel des

Bettschirmes, hoben ihn etwas weiter ins Zimmer, durchwühlten ein wenig

das Bett, nahmen den bekannten Koffer und legten ihn quer auf die

Fußstelle des Bettes; darauf machten sie aus den alten Kleidern der

Wirtin, aus einem Tuch, einer Haube und einem Schlafrock die „Schwägerin

aus Twerj“ und legten diese Puppe „zur Erholung von der Reise“ auf das

Lager des Entlaufenen. Bei seiner Ankunft wollten sie ihm dann

mitteilen, daß seine Schwägerin angekommen wäre und sich in seiner Ecke

eingerichtet hätte. Sie warteten und warteten aber vergeblich! Bis

Mitternacht hatte in der Erwartung Mark Iwanowitsch schon seine halbe

Monatsgage an Kantareff und Prepolowenko verspielt. Awdotja, die Magd,

hatte sich schon vollkommen ausgeschlafen und war bereits zweimal von

ihrem Bett aufgestanden, um den Ofen zu heizen. Sinowij Prokoffjewitsch

war bis auf die Haut durchnäßt, da er immer wieder auf den Hof

hinausgelaufen war, um nachzusehn, ob nicht Semjon Iwanowitsch endlich

kam; aber es erschien Niemand: weder Semjon Iwanowitsch, noch der

Simoweikin. Endlich legten sich alle schlafen und ließen für alle Fälle

die Schwägerin auf seinem Bett. Erst um vier Uhr nachts wurde an die

Pforte geklopft, und zwar so heftig, daß alle Erwartenden für ihre Mühen

reichlich belohnt waren. Das war er, er selbst, Semjon Iwanowitsch, Herr

Prochartschin, nur befand er sich in solch einem Zustande, daß alle

entsetzt die Mäuler aufsperrten und keiner von ihnen mehr an die

Schwägerin dachte. Der Verlorengegangene war ganz durchnäßt und

besinnungslos. Ihn brachte, oder richtiger gesagt, trug auf den

Schultern ein zerlumpter Droschkenkutscher. Auf die Frage der Wirtin, wo

sich denn der Arme so betrunken hatte, antwortete jener: „Betrunken ist

er nicht und ist es auch gar nicht gewesen; das kann ich Dir schon

versichern, wahrscheinlich hat ihn eine Ohnmacht überfallen oder ein

Krampf, oder der Schlag hat ihn gerührt.“ Man untersuchte ihn, brachte

den Schuldigen an den Ofen, und überzeugte sich, daß er weder betrunken,

noch vom Schlag gerührt war, sondern daß ihn irgend eine andere Sünde

überfallen haben mußte. Auch konnte Semjon Iwanowitsch seine Zunge nicht

bewegen, ihn schüttelte nur ein Fieberfrost und er blinkerte mit den

Augenlidern und stierte erstaunt den einen oder anderen Zuschauer in

ihren Nachtkostümen an. Man fragte darauf den Kutscher, woher er ihn

gebracht? „Von irgend woher“ antwortete dieser, „der Henker weiß woher,

Herren sind nicht Herren, wenn sie spazieren gegangen und lustige Herren

sind; haben sie sich geprügelt oder sonst was, Gott weiß es, was für

welche es waren, lustige Herren sind gute Herren!“ Man trug Semjon

Iwanowitsch auf sein Bett. Als Semjon Iwanowitsch aber seine

„Schwägerin“ berührte und seinen geliebten Koffer wiedersah, da schrie

er auf, bedeckte ihn mit seinem Körper, mit seinen Händen und starrte

die Anwesenden mit verzweifeltem, aber sonderbar entschlossenem Blick

an; dieser Blick schien auszudrücken, daß er eher zu sterben bereit war,

als auch nur den hundertsten Teil seiner armseligen Habe irgend jemandem

abzutreten ...

Semjon Iwanowitsch lag so zwei oder drei Tage lang in Fieber, durch

seinen Bettschirm von jeglicher Gotteswelt und all ihren Lebensstürmen

abgeschieden. Schon am nächsten Morgen hatten ihn alle vergessen, was ja

schließlich ganz in der Ordnung war; die Zeit flog dahin, Stunden

folgten auf Stunden, Tage auf Tage. Halbschlaf und Träume umlagerten den

heißen Kopf des Kranken; er lag ganz ruhig und still, stöhnte nicht und

klagte nicht; im Gegenteil, er schwieg und drückte sich an sein Bett wie

ein Hase, der sich vor Angst an die Erde preßt, wenn er die Jagd hört.

Zu einer gewissen Tageszeit trat in der Wohnung eine langandauernde

melancholische Stille ein – das Zeichen, daß alle Einwohner sich

entfernt hatten, in den Dienst gegangen waren, und der vor sich

hinträumende Semjon Iwanowitsch konnte so viel er wollte damit seinen

Kummer zerstreuen, daß er dem Geräusch in der nahen Küche zuhörte, wo

die Wirtin herumhantierte, oder den gleichmäßigen schlurrenden Schritten

Awdotja’s, der Magd, die von Zimmer zu Zimmer ging und krächzend und

stöhnend alle Winkel aufräumte, Staub wischte und die Ordnung wieder

herstellte. Ganze Stunden vergingen so in dieser schläfrigen, faulen,

eintönigen Weise, wie das Wasser, das man regelmäßig in der Küche vom

Krahn ins Becken tröpfeln hörte. Dann kehrten die Einwohner wieder

zurück, einzeln oder zusammen, und Semjon Iwanowitsch hörte, wie sie

über das Wetter schimpften, essen wollten, lärmten, sich herumzankten,

sich wieder versöhnten, Karten spielten, und wie die Tassen klirrten,

wenn sie sich anschickten, den Tee zu trinken. Semjon Iwanowitsch machte

ganz mechanisch den Versuch aufzustehn, um wie gewöhnlich an dem Tee

Teil zu nehmen, schlief aber mittlerweile wieder ein, und so schien es

ihm denn, daß er schon lange am Teetisch saß und sich mit ihnen

unterhielt, und daß Sinowij Prokoffjewitsch den Zufall benutzte, um in

das Gespräch ein Projekt über die Schwägerinnen im allgemeinen

einzuflechten und im besonderen über die moralischen Verpflichtungen

gewisser guter Leute ihnen gegenüber. Da beeilte sich Semjon

Iwanowitsch, sich zu verteidigen, aber siehe da, ihm wurde von allen

Gegnern auf einmal eine so mächtig ausgedrückte Antwort zu Teil, daß

Semjon Iwanowitsch sich weiter nichts Schöneres ausdenken konnte, als

schnell davon zu träumen, daß es der erste des Monats ist und er in

seiner Kanzlei viele Silberstücke erhält, und wie es ihm auf der Treppe

so ganz ohne Schwierigkeiten gelingt, die Hälfte der Summe in seinem

Stiefel verschwinden zu lassen, immer noch dort auf der Treppe. Und ohne

sich auch nur im geringsten darüber aufzuhalten, daß er sich in seinem

Bett befand, beschloß er, nach Hause zu gehn und das Nötige für Kost und

Logis der Wirtin zu bezahlen, darauf noch irgend etwas durchaus Nötiges

zu kaufen, und unbeabsichtigt, wie zufällig, Jedem zu zeigen, daß ihm

nach der Abrechnung nichts mehr verblieben, daß er jetzt nichts mehr

habe, um der Schwägerin zu schicken, bei der Gelegenheit seine

Schwägerin zu beklagen, viel von ihr morgen und übermorgen zu sprechen

und in zehn Tagen noch so nebenbei ihrer Armut zu erwähnen, damit die

Kameraden es nicht vergäßen. Wie er das aber noch gerade so beschließt,

sieht er plötzlich, daß Andrei Jefimowitsch, dieser selbe kleine ewig

schweigsame und kahlköpfige Beamte, der in der Kanzlei im dritten Zimmer

von Semjon Iwanowitsch seinen Platz hatte, und der ihm in fünfundzwanzig

Jahren kein einziges Wort gesagt, dort auf der Treppe neben ihm steht

und gleichfalls seine Silberrubel zählt, mit dem Kopf schüttelt und ihm

sagt: „Ja ja, das Geld! Wenn kein Geld ist, ist auch kein Brei,“ und wie

er die Treppe hinuntergeht, fügt er noch hinzu: „und ich habe sieben

Kinder.“ Dabei gab der rothaarige Mensch, augenscheinlich gleichfalls

ohne sich darum zu bekümmern, daß er nur ein Gespenst war, mit der Hand

die Größe seiner Sprößlinge an, indem er sie eine Elle hoch über dem

Fußboden hielt und sie dann ruckweis niedriger senkte; darauf murmelte

er noch, daß der Älteste das Gymnasium besuche, blickte dann Semjon

Iwanowitsch unwillig an, ganz als ob dieser daran Schuld wäre, daß er

ihrer sieben hatte – zog seine Mütze auf die Augen, schlug den Mantel

zu, kehrte nach links um und verschwand. Semjon Iwanowitsch erschrak,

obgleich er von seiner Unschuld an der Zahl der Sieben unter einem Dach

vollständig überzeugt war, aber es kam ihm doch so vor, daß Niemand

anders als gerade er die Ursache des Elends sein mußte. Er erschrak, wie

gesagt, und fing an zu laufen, denn es schien ihm, daß der rothaarige

Schreiber zurückkehrte, ihn verfolgte und ihm durchaus das empfangene

Monatsgehalt nehmen wollte, sich auf die unumstößliche Zahl Sieben

berief und jegliche Verpflichtung Semjon Iwanowitschs, seine Schwägerin

zu unterstützen, einfach ableugnete. Prochartschin lief und lief, der

Atem ging ihm aus ... neben ihm liefen eine Menge Menschen und bei allen

klapperte Geld in den Taschen: zuletzt liefen alle Menschen, die

Feuerwehr stieß in die Trompeten und ganze Volkswellen trugen ihn auf

den Schultern zu der Brandstätte, wo er das letzte Mal mit dem

Vagabunden gewesen war. Der Vagabund, sonst Herr Simoweikin genannt,

befand sich schon dort, empfing ihn feierlich, sorgte sich sehr um ihn,

nahm ihn an der Hand und führte ihn mitten in das Gedränge. So wie

damals wogte und dröhnte um sie herum die unübersehbare Volksmenge, die

sich längs dem Quai der Fontanka auf den zwei Brücken und in allen

Straßen und Nebenstraßen der Umgegend anstaute. Ganz wie damals wurden

er und der Vagabund auf dem großen Holzplatz wie mit Klammern an einen

Zaun gepreßt. Die Zuschauer strömten vom Trödelmarkt und von allen

umliegenden Häusern, Scheunen und Baracken herbei. Semjon Iwanowitsch

sah und hörte alles wie damals; in seinem Fiebertraum tauchten viele

sonderbare Gesichter auf. Er erinnerte sich einiger derselben. Eines von

ihnen gehörte dem außerordentlich aufdringlichen Herrn von hohem Wuchs

und mit einem meterlangen Schnurrbart, der während des Brandes hinter

seinem Rücken gestanden und der ihn aufgemuntert hatte, wenn er

seinerseits so etwas wie Begeisterung fühlte, der kühnen Arbeit der

Feuerwehr zu applaudieren. Ein anderes Gesicht gehörte dem Burschen, von

dem unser Held einen Rippenstoß erhalten hatte, als er im Begriff war,

über ihn hinwegzuklettern, um vielleicht irgend jemanden zu retten.

Desgleichen tauchte vor ihm die Figur eines Alten auf, der sich noch vor

dem Ausbruch des Brandes in die Bude begeben hatte, um Zwieback und

Tabak für seinen Mieter einzukaufen, und darauf mit den Sachen in den

Händen wie erstarrt dastand und zusehn mußte, wie seine Frau und seine

Tochter in Gefahr schwebten, zu verbrennen mitsamt seinen Ersparnissen –

fünfunddreißig Rubel, die in der Matratze eingenäht waren. Aber noch

deutlicher sah er ein altes Weib – das ihn die ganze Zeit schon in

seinen Fantasien verfolgte – in Lumpen, mit einem Krückstock und mit

einem Quersack auf dem Rücken. Sie überschrie die Feuerwehr und das

Volksgetöse, sie fuchtelte wie wahnsinnig mit dem Krückstock und mit den

Armen in der Luft herum, weil man sie von ihren Kindern getrennt und sie

dabei zehn Kopeken verloren hatte. Sie schrie und weinte, doch Niemand

begriff, was sie haben wollte, auch kümmerte sie sich nicht um den

Feuerschaden, nicht um die Menschen, nicht um die Funken und die Asche,

die auf sie niederfielen. Plötzlich aber empfand Herr Prochartschin

einen furchtbaren Schreck: er sah mit einem Mal, daß auch er nicht dem

Unglück entgehn konnte, daß sich dort nicht weit von ihm ein Mann mit

feurigem Haar und feurigem Bart erhob und anfing, das ganze Volk auf

ihn, Semjon Iwanowitsch, aufzuhetzen. Die Menge wuchs und wuchs, der

Mann schrie immer lauter und mit Schrecken erkannte Herr Prochartschin,

daß der Mann derselbe Droschkenkutscher war, den er gerade vor fünf

Jahren auf eine so unmenschliche Weise betrogen hatte, indem er ohne ihn

zu bezahlen durch eine Pforte verschwunden war und sich so schnell als

möglich aus dem Staube gemacht hatte. Der verzweifelte Herr

Prochartschin wollte sprechen, schreien, aber die Stimme versagte ihm.

Er fühlte, wie die ganze Volksmenge ihn wie eine bunte Schlange umwand

und zu ersticken drohte. Er nahm seine ganze Kraft zusammen und –

erwachte. Da sah er plötzlich, daß alles brannte, seine ganze Ecke, sein

Schirm, die ganze Wohnung mit Ustinja Fedorowna und all ihren

Winkelmietern, daß sein Bett, sein Kissen, seine Decke, sein Koffer und

zuletzt noch seine teure Matratze brannten! Semjon Iwanowitsch sprang

entsetzt aus dem Bett, ergriff die Matratze und lief, sie nach sich

ziehend, hinaus. Aber im Zimmer der Wirtin, wohin unser Held ohne

jegliche Gêne, barfüßig und im Hemd, gelaufen war, ergriff man den

Flüchtling und brachte ihn wieder zurück hinter den Bettschirm, dem es

natürlich gar nicht einfiel zu brennen, da es ja nur im Kopfe Semjon

Iwanowitschs brannte. So packte man ihn denn in sein Bett ein, wie der

herumziehende Komödiant sein Kasperle in den Kasten steckt, nachdem es

gelärmt, getobt, alle verprügelt, die Seele dem Teufel verkauft hat und

nun zusammen mit dem Teufel und all seinen Feinden bis zur nächsten

Vorstellung sein Dasein ruhig in der schmutzigen Schachtel verbringen

muß.

In feierlichem Kreise umstanden alle sein Lager und sämtliche Gesichter

drückten peinliche Erwartung aus. Endlich kam er zu sich: zuerst zerrte

er an seiner Decke und plötzlich zog er aus allen Kräften an ihr,

wahrscheinlich um sich vor den Blicken seiner mitfühlenden Kameraden zu

verbergen; die Decke aber gab nicht nach. Endlich unterbrach Mark

Iwanowitsch als Erster das Schweigen, und als kluger Mensch fing er an,

vernünftig auf Semjon Iwanowitsch einzusprechen: erstens, daß er sich

beruhigen müsse, zweitens, daß es schlecht sei, so zu erkranken,

drittens, daß das nur kleine Kinder täten und viertens, daß er gesund

werden müsse, um wieder in die Kanzlei gehn zu können. Und Mark

Iwanowitsch schloß sogar mit dem Scherz, daß Kranken noch kein

festgesetztes Gehalt ausgesetzt worden sei, somit hätte denn seiner

Meinung nach solch ein Beruf oder solch ein Zustand nicht einmal einen

materiellen Vorteil. Kurz, es war ersichtlich, daß alle sich für das

Schicksal Semjon Iwanowitschs interessierten und sich seiner annahmen.

Er aber lag, schwieg – was doch eine unverzeihliche Grobheit war – und

zog heftig an seiner Decke, um sich endlich ganz zu bedecken. Mark

Iwanowitsch hielt sich aber noch längst nicht für besiegt: er faßte sich

ein Herz und sagte Semjon Iwanowitsch noch etwas Angenehmes, wie man es

ja mit einem kranken Menschen zu tun pflegt. Aber Semjon Iwanowitsch

wollte nichts davon bemerken, im Gegenteil, er brummte nur was durch die

Zähne und plötzlich schielte er auf eine ganz mißtrauische Weise mit den

Augen unter der Stirn hervor nach links und rechts, als wollte er mit

seinen Blicken alle, die um ihn herumstanden, vernichten. Da war nichts

mehr zu wollen: Mark Iwanowitsch konnte denn auch nicht an sich halten,

als er einsah, daß der Mensch sich verschworen hatte, bei diesem

Benehmen zu verharren; geärgert und gekränkt erklärte er daher einfach

und geradeaus ohne jegliche höflicheren Redewendungen, daß es Zeit wäre,

aufzustehn, daß es nicht anginge, immer auf beiden Seiten zu liegen, Tag

und Nacht von Feuer, Schwägerinnen, Schlössern, Koffern und weiß der

Teufel noch wovon zu schreien, daß das dumm, unanständig und eines

Menschen unwürdig wäre, und wenn er, Semjon Iwanowitsch, jetzt nicht

ruhig schlafen wollte, so sollte er wenigstens die Anderen nicht daran

verhindern. Die Rede tat ihre Wirkung, denn Semjon Iwanowitsch wandte

sich plötzlich an den Redner und erklärte mit erstaunlicher Festigkeit,

wenn auch mit schwacher und heiserer Stimme:

„Du dummer Junge, Du, halt Deinen Mund! Du schwatzhafter Mensch, Du

Schandmaul! Hörst Du, Stiefel! Bist Du etwa ein Fürst? Was verstehst Du

denn eigentlich?“ Als Mark Iwanowitsch so etwas hörte, brauste er zuerst

auf, aber er sah bald ein, daß er es doch mit einem kranken Menschen zu

tun hatte, und war so großmütig, nicht gekränkt zu sein, und so

versuchte er denn auch nur, ihn zu beschämen – aber auch das gelang ihm

nicht, denn Semjon Iwanowitsch bemerkte sofort, daß er mit sich nicht zu

spaßen erlaube und Mark Iwanowitsch doch lieber seine Worte sparen

solle. Es folgte ein zwei Minuten langes Schweigen; endlich erholte sich

Mark Iwanowitsch von seinem Erstaunen und drückte sich klar, schön und

deutlich aus, übrigens mit großer Überlegenheit, daß Semjon Iwanowitsch

doch nicht vergessen dürfte, daß er sich unter fremden Menschen befand,

und daß „der allergnädigste Herr sich doch besinnen möge, wie man sich

unter anständigen Menschen zu betragen habe“. Mark Iwanowitsch verstand

es bei Gelegenheit sich schön auszudrücken und das auch seine Zuhörer

fühlen zu lassen. Seinerseits sprach Semjon Iwanowitsch, da er ja stets

zu schweigen gewohnt war, in einer etwas abgebrochenen Art und Weise,

und daher gebar denn, wenn er genötigt war, einmal eine längere Phrase

zu sagen, jedes Wort schon beim Entstehen ein anderes Wort und dieses

wieder ein drittes und das dritte wieder ein viertes usw., usw., so daß

er schließlich den ganzen Mund voll Worte hatte, die dann in der

allermalerischsten Unordnung zu Tage kamen. Das war der Grund, warum

Semjon Iwanowitsch, der doch sonst ein solider Mensch war, manchmal

solch einen Unsinn sprechen konnte.

„Du lügst,“ antwortete er jetzt Mark Iwanowitsch. „Du Lebemann! Wenn Du

Geld hast, putzt Du Dich auf, Du Freigeist, Du liederlicher

Herumtreiber, Du! Das laß Dir gesagt sein, Du Verseschmied!“

„Sie phantasieren wohl noch, Semjon Iwanowitsch?“

„Ach Du, der Dummkopf phantasiert, der Trunkenbold phantasiert, der Hund

phantasiert, aber der Weise dient dem Vernünftigen. Von Geschäften

verstehst Du nichts, Du liederlicher Mensch, Du Gelehrter, Du

geschriebenes Buch Du! Wenn Du aber brennst, so wirst Du sehn, wie Dir

der Kopf abbrennt. Siehst Du jetzt, wie’s ist!?“

„Ja ... das heißt, wie denn ... das heißt, wie meinen Sie, Semjon

Iwanowitsch, daß der Kopf ...“

Mark Iwanowitsch beendete seinen Satz nicht, denn es war ja klar, daß

Semjon Iwanowitsch noch nicht nüchtern war, sondern phantasierte; die

Wirtin konnte denn auch nicht mehr an sich halten und bemerkte, daß das

Haus in der Schiefen Gasse von einem rothaarigen Mädchen angezündet

worden sei, das mit dem Licht die Dachkammer in Brand gesetzt hätte, sie

selbst aber habe nicht gebrannt, und auch ihr Winkel wäre unversehrt

geblieben.

„Ja, Semjon Iwanowitsch!“ überschrie Sinowij Prokoffjewitsch außer sich

die Wirtin, „Semjon Iwanowitsch, sind Sie solch ein verlorener, naiver

Mensch, daß Sie diesen Scherz mit Ihrer Schwägerin oder mit den Examen

und den Tänzen ernst genommen haben? Haben Sie das wirklich geglaubt?“

„Nun höre Du jetzt,“ antwortete ihm unser Held und richtete sich, seine

letzten Kräfte zusammennehmend, wütend im Bett auf. „Wer ist hier der

Narr? Du Hund, Du närrischer Mensch, ich aber werde nicht auf Deinen

Befehl Dummheiten machen; hörst Du, dummer Junge, ich bin nicht Dein

Diener!“

Semjon Iwanowitsch wollte noch etwas sagen, fiel aber kraftlos auf das

Kissen zurück. Alle verloren den Kopf, alle rissen sie den Mund auf und

wußten nicht, was sie jetzt anfangen sollten; plötzlich knarrte die

Küchentür und gleich darauf steckte auch schon Herr Simoweikin den Kopf

durch die Tür und beroch, wie es so seine Art war, vorsichtig den Ort

und die Situation.

Alle schienen ihn erwartet zu haben; alle winkten sie ihm zu, schnell

zum Bett zu kommen, worüber Simoweikin äußerst erfreut war und sich

sofort bereitwilligst, ohne den Mantel abzunehmen, zum Kranken begab.

Man sah es ihm an, daß er die Nächte mehr im wachen Zustande verbrachte.

Die rechte Seite seines Gesichtes war irgendwomit verklebt; die

angeschwollenen Augenlider waren feucht von seinen eiternden Augen; der

Frack und die Kleider waren zerrissen, wobei die ganze linke Seite

seiner Kleidung irgendwomit bespritzt war, vielleicht mit Schmutz aus

irgendeiner Pfütze. Unter dem Arm trug er eine Geige, die er irgendwohin

zum Verkauf brachte. Augenscheinlich hatte man gut getan, daß man ihn zu

Hülfe gerufen, denn sofort wußte er, worum es sich handelte und so sagte

er denn auch mit der Miene und dem Tone eines Menschen, der weiß, worum

es sich handelt:

„Hörst Du Senjka, steh auf! Was tust Du Senjka, weiser Prochartschin,

nimm Vernunft an! Werde Dich fortschleppen, wenn Du hier noch so

herumrumorst; mach Dich hier nicht so wichtig!“

Solch eine kurze und strenge Rede setzte alle Anwesenden in Erstaunen;

aber sie erstaunten noch mehr, als sie bemerkten, daß Semjon Iwanowitsch

bei diesen Worten und beim Anblick dieses Gesichts so erschrak und so

bescheiden wurde, daß er kaum hörbar und nur durch die Zähne die nötige

Erwiderung murmelte.

„Geh fort, Du Unglücklicher,“ sagte er, „Du unglücklicher Dieb Du! Hörst

Du, verstehst Du? Ein Protz bist Du, ein protziger Mensch bist Du!“

„Nein, Bruder,“ antwortete in schleppendem Tone Simoweikin, ganz Herr

der Situation, „das ist nicht gut, Du weiser Bruder Prochartschin,

Prochartschinscher Mensch Du!“ parodierte Simoweikin und schaute sich

zufrieden im Kreise um. „Mache keine Stückchen! Beruhige Dich, Senja,

beruhige Dich oder sonst werde ich alles erzählen, Brüderchen, verstehst

Du?“

Es schien, daß Semjon Iwanowitsch alles verstand, denn er zuckte

zusammen, als er den Schluß der Rede hörte und sah plötzlich schnell und

mit ganz verlorenem Ausdruck um sich herum. Zufrieden mit dem Effekt

seiner Rede, wollte Simoweikin noch fortfahren, aber Mark Iwanowitsch

verbot ihm das Geschwätz und man wartete einige Zeit, bis Semjon

Iwanowitsch sich beruhigt hatte und wieder still da lag; dann erst

sprach er vernünftig auf ihn ein, wie z. B. daß ähnliche Gedanken, wie

die, die er soeben in seinem Kopfe hätte, erstens ganz unnütz und

zweitens nicht nur unnütz, sondern auch schädlich wären und zu guter

Letzt nicht so schädlich, als vielmehr unmoralisch, und die Folge von

alledem wäre nur die, daß Semjon Iwanowitsch alle irreführte und seinen

Nächsten ein schlechtes Beispiel gab. Von solch einer Rede erwarteten

alle nur eine vernünftige Wirkung. Zudem war Semjon Iwanowitsch ganz

still und antwortete gemäßigt. Es begann ein kleiner Streit. Man wandte

sich brüderlich an ihn und fragte ihn, was ihn denn eigentlich so

bedrückte? Semjon Iwanowitsch antwortete nur allegorisch. Man antwortete

ihm darauf und Semjon Iwanowitsch antwortete wieder. Man antwortete

beiderseits noch einmal, und dann mischten sich alle in das Gespräch,

alt und jung, denn man sprach von einem wunderbaren und sonderbaren

Gegenstand, so daß man wirklich nicht wußte, wie das alles ausdrücken.

Man verlor die Geduld, es kam zu Geschrei und zu Tränen, und Mark

Iwanowitsch ging schließlich, mit Schaum vor dem Munde, fort und

erklärte, daß er bis jetzt solch einen vernagelten Menschen noch nicht

gesehen hätte. Oplewanjeff spuckte, Okeanoff erschrak, Sinowij

Prokoffjewitsch weinte Tränen und Ustinja Fedorowna heulte wieder einmal

und jammerte, daß sie einen Mieter verliere, weil jener wiederum den

Verstand verloren hätte, daß ihr Täubchen, ohne ihr den Paß überlassen

zu haben, sterbe, daß sie eine Waise sei und daß die Polizei ihr zu

schaffen machen würde. Mit einem Wort, alle sahen es endlich klar ein,

daß ihre Aussaat gut gewesen war, daß das, was sie gesät hatten,

hundertfältig trug, und daß es ihnen gelungen war, den Verstand Semjon

Iwanowitschs auf eine unverbesserliche Weise zu bearbeiten. Alle

schwiegen, denn sie sahen, daß Semjon Iwanowitsch sich vor allem

fürchtete, und so wurden auch sie ganz kleinlaut und fühlten schließlich

Mitleid mit ihm.

„Wie!“ schrie Mark Iwanowitsch, „was fürchten Sie denn so? Worüber sind

Sie denn verrückt geworden? Wer denkt denn an Sie, mein Herr? Haben Sie

denn überhaupt das Recht, sich so zu fürchten? Wer sind Sie, was sind

Sie? Eine Null sind Sie, mein Herr, ein runder Pfannenkuchen, wissen Sie

das auch? Weil man ein Weib auf der Straße überfahren hat, glauben Sie,

daß man jetzt auch Sie überfahren wird? Weil man einem Trunkenbold Geld

aus der Tasche gestohlen hat, glauben Sie, daß man Ihnen gleich den

ganzen Rock abreißen wird? Weil ein Haus abgebrannt ist, muß auch bei

Ihnen gleich der Kopf abbrennen, wie? Ist es nicht so, mein Herr? Nicht

so, Väterchen, nicht so?“

„Du, Du, Du bist dumm!“ murmelte Semjon Iwanowitsch. „Man wird Dir die

Nase abbeißen und Du wirst sie auf Deinem Butterbrot verzehren, ohne daß

Du’s merkst!“

„Dumm wie ein Stiefel, meinetwegen dumm wie ein Stiefel,“ schrie Mark

Iwanowitsch, der die Prophezeiung ganz überhört hatte, „ich bin

meinetwegen ein dummer Mensch. Ja, ich habe es ja nicht nötig, Examen zu

machen, weder zu heiraten, noch zu tanzen, mir wankt der Boden nicht

unter den Füßen! Was Väterchen? Sie finden Ihren Platz nicht, der Boden

stürzt unter Ihnen zusammen, wie?“

„Wie, was, fragt man Dich darum? Schließt man sie, so ist sie

geschlossen.“

„Was soll man schließen? Was haben Sie da wieder?“

„Den Vagabunden hat man doch abgesetzt ...“

„Abgesetzt! Dafür ist er auch ein Vagabund, Sie und ich sind aber doch –

Menschen!“

„Menschen! Ist sie noch oder nicht? ...“

„Was ist noch, oder nicht? Von was für einer ‚sie‘ reden Sie?“

„Sie, die Kanzlei ... die Kan–ze–lei!!!“

„Ja, gesegneter Mensch, Sie! Sie ist doch nötig, Ihre Kanzlei ...“

„Sie ist nötig! fehlt noch! Heute ist sie nötig, morgen ist sie nötig

und übermorgen wird sie nicht mehr nötig sein! Siehst Du jetzt, wie’s

ist?“

„Aber man gibt Ihnen doch ein jährliches Gehalt?“

„Gehalt? Ich habe das Gehalt aber aufgegessen, Diebe kommen und nehmen

das Geld fort; ich habe noch eine Schwägerin, hörst Du? Eine Schwägerin!

Verstehst Du, wenn Du nicht vernagelt bist ...“

„Eine Schwägerin! Mensch, Sie ...“

„Mensch, ja, ich bin ein Mensch, Du aber bist mit Dummheit geschlagen,

ein vernagelter Mensch bist Du, verstehst Du? Ich spreche schon gar

nicht von Deinem Unsinn, den Du schwatzt. Das ist schon solch eine

Stelle, wenn es drauf ankommt, wird sie vernichtet. Demid Wassiljewitsch

sagt es selbst ...“

„Ach, Sie, Demid, Demid!“

„Ja, er löst sie auf und damit basta und dann sitzt man da ohne Stelle;

was wirst Du dann sagen ...“

„Ach, Sie lügen ja einfach nur, oder haben Sie den Verstand verloren?

Sagen Sie uns doch einfach, was Ihnen fehlt! Gestehen Sie uns doch Ihre

Sünden! Da ist ja nichts sich zu schämen! Oder ist es alle mit dem

Verstand, wie, Väterchen?“

„Der Kerl ist wahrhaftig verrückt geworden! Er hat den Verstand

verloren!“ tönte es in der Runde und man rang die Hände vor

Verzweiflung, die Wirtin aber umfing Mark Iwanowitsch mit beiden Armen,

damit er Semjon Iwanowitsch nur nicht weiter quälte.

„Ein Heide bist Du, eine heidnische Seele hast Du, Weiser!“ flehte ihn

Simoweikin an; „Senja, Du lieber gutmütiger Mensch, Du! Du bist

bescheiden, Du bist gut ... hörst Du? Das kommt von Deiner Großmut; der

unordentliche und dumme, das bin ich, der Bettler bin ich! Du hast als

guter Mensch mich nicht verlassen, fürchte nichts; Dir wird schon Ehre

zuteil werden; Dir und der Wirtin sage ich Dank! Siehst Du, ich mache

Dir eine Verbeugung bis zur Erde, siehst Du, siehst Du, ich bezahle

meine Schuld, liebe Wirtin!“ Simoweikin machte mit pedantischer Würde

rund herum seine Verbeugung bis zur Erde. Semjon Iwanowitsch wollte

fortfahren zu sprechen, aber man erlaubte es ihm nicht mehr, alle

stürmten auf ihn ein, flehten ihn an, sich zu beruhigen und erreichten

zuletzt, daß Semjon Iwanowitsch ganz beschämt und mit schwacher Stimme

bat, sich erklären zu dürfen.

„Ja, nun gut,“ sagte er, „ich bin liebenswürdig, angenehm, ruhig, hörst

Du, und wohltätig, ergeben und treu; weißt Du, meinen letzten Tropfen

Blut, hörst Du, dummer Junge, ... möge sie bestehn, die Stelle; ich bin

ja arm; wenn man sie mir nimmt, hörst Du ... schweige jetzt, verstehst

Du, man nimmt sie ... und dann, Bruder, ist sie nicht mehr da ...

verstehst Du? Und ich, Bruder, mit dieser Summe, hörst Du?“

„Senjka!“ brüllte außer sich Simoweikin, dieses Mal jegliches Lärmen

übertönend, „Freidenker Du! Ich werde sofort alles sagen! Was bist Du!

Wer bist Du! Du Schafsgehirn! Nur einen unsoliden und dummen wird man

ohne Abschied von der Stelle jagen; wer bist Du denn eigentlich?“

„Ja, dies und das ...“

„Was, dies und das?!“

„Geh Du nur mit ihm ...“

„Wie, geh Du nur mit ihm?“

„Ja, ich bin frei, er ist frei; wenn man so liegt und liegt und darüber

...“

„Worüber?“

„Bin ein Freidenker ...“

„Freidenker! Senjka, Du ein Freidenker!!“

„Halt an,“ schrie Herr Prochartschin, fuchtelte mit der Hand und

unterbrach das sich erhebende allgemeine Geschrei, „ich spreche nicht

davon ... Versteh doch nur, Du Hammel: ich bin heute ruhig, morgen ruhig

und übermorgen schon nicht mehr ruhig, werde frech; nun und ... mache

Dich fort, Freidenker! ...“

„Was sagen Sie!“ donnerte Mark Iwanowitsch endlich drein, er sprang vom

Stuhl auf, auf den er sich zur Erholung niedergelassen hatte und lief

voller Aufregung ans Bett, außer sich und zitternd vor Ärger. – „Wer

sind Sie? Ein Hammel sind Sie! Weder Fisch noch Fleisch! Sind Sie etwa

allein auf der Welt? Ist für Sie allein die Welt gemacht? Sind Sie etwa

Napoleon? Was sind Sie? Wer sind Sie? Sind Sie Napoleon oder sind Sie es

nicht?! Sagen Sie doch, mein Herr, Napoleon oder nicht Napoleon? ...“

Aber Herr Prochartschin antwortete nicht mehr auf diese Gewissensfrage.

Nicht, daß er sich geschämt hätte, Napoleon zu sein oder sich

gefürchtet, solch eine Verantwortung auf sich zu nehmen, nein, er konnte

ganz einfach nicht mehr streiten noch von Geschäften sprechen. Eine

krankhafte Krisis trat ein. Ströme von Tränen stürzten plötzlich aus

seinen grauen, fieberglänzenden Augen. Mit seinen knochigen, von der

Krankheit abgemagerten Händen bedeckte er seinen heißen Kopf, erhob sich

im Bett und schluchzend fing er an, zu klagen, daß er arm wäre, daß er

solch ein unglücklicher und einfacher Mensch wäre, dumm und stumpf, daß

ihm gute Menschen vergeben müßten, daß sie ihn doch beschützen und ihm

zu essen und zu trinken geben, ihn nicht der Armut preisgeben sollten,

und Gott weiß, worum Semjon Iwanowitsch noch sonst alles bat. Dabei

blickte er mit solch einer wilden Angst um sich, als ob die Decke

einstürzen oder der Boden sich vor ihm auftun müßte. Allen tat er leid,

der Arme, und alle Herzen erweichten sich. Die Wirtin heulte wie ein

altes Weib, sagte, daß auch sie eine Waise wäre und mühte sich, Semjon

Iwanowitsch besser zu betten. Mark Iwanowitsch sah es ein, daß er unnütz

ans Gehirn Napoleons gerührt hatte: ihn überkam plötzlich auch eine

gütige Anwandlung und so wollte er denn der Wirtin behülflich sein, den

Unglücklichen zu betten. Die Anderen, die auch irgendwas dazu tun

wollten, schlugen vor, ihm doch eine Himbeerlimonade zu stiften, da sie

von allem befreie und dem Kranken sehr angenehm sein würde; aber

Simoweikin widerlegte es und behauptete, daß bei seiner Verfassung

nichts besser wäre, als ein starker Kamillentee. Was nun Sinowij

Prokoffjewitsch mit seinem guten Herzen anbelangt, so weinte er heiße

Tränen der Reue, weil er Semjon Iwanowitsch mit erlogenen Sachen

geängstigt hatte. Doch die letzten Worte des Kranken, die Klagen über

seine Armut, brachten ihn auf eine Idee: er setzte sofort eine Liste

auf, eine Kollekte für den armen Kranken, die sich fürs Erste nur auf

die Einwohner der Winkel erstreckte. Alle jammerten und stöhnten, allen

tat es bitter leid, doch zwischendurch wunderten sie sich alle darüber,

wie sich der Mensch dermaßen hatte einschüchtern lassen. Und wodurch

eigentlich? Wenn er auf einem großen Posten gewesen wäre, eine Frau

gehabt und Kinder gezeugt hätte und wenn man ihn vor Gericht geladen

hätte: aber solch ein kleines Tierchen wie er, mit einem Koffer und dem

deutschen Schloß davor, lag schon seit zwanzig Jahren hinter dem Schirm,

schwieg, kannte die Welt nicht, hatte keinen Kummer, sparte, und

plötzlich fiel es jetzt diesem Menschlein ein, sich durch irgendein

unnützes, abgeschmacktes Wort den Kopf verdrehen zu lassen und ganz und

gar am Leben zu verzweifeln ... Und dabei denkt der Mensch garnicht, daß

es die Anderen ebenso schwer haben.

„Würde er doch nun das Eine in Betracht ziehn,“ sagte später Okeanoff,

„daß es allen schwer fällt, so würde er ja seinen Kopf behalten, würde

seine tollen Streiche lassen und leben und reden, wie es sich gehört.“

Den nächsten ganzen Tag über sprach man nur von Semjon Iwanowitsch. Man

kam zu ihm, erkundigte sich nach ihm, beruhigte ihn; aber zum Abend hin

halfen die Beruhigungen nicht mehr. Der Arme fieberte und phantasierte

und verlor von Zeit zu Zeit seine Besinnung, so daß man schon nach dem

Arzt schicken wollte; alle Einwohner beschlossen gemeinsam, der Reihe

nach bei Semjon Iwanowitsch die Nacht über zu wachen, ihn zu beruhigen

und falls irgend etwas geschehn sollte, die Anderen aufzuwecken. In

dieser Absicht fingen sie an Karten zu spielen, und ließen seinen Freund

Simoweikin, der schon den ganzen Tag über bei ihm gewesen war und von

ihnen die Erlaubnis erhielt, auch dort zu nächtigen, bei ihm. Da sie

aber kein hohes Spiel machten, so wurde es ihnen alsbald langweilig. Sie

brachen das Spiel ab und gerieten allmählich über irgendetwas in Streit,

lärmten und polterten und zogen sich schließlich in die Winkel zurück,

wo ein jeder noch lange in seinem Herzen den Anderen widersprach und sie

allesamt übertrumpfte, und da sie alle geärgert waren, so wollte Niemand

mehr wachen. So kam es denn, daß alle einschliefen: bald darauf wurde es

in den Winkeln so still wie in einem leeren Keller, um so mehr, als es

sehr kalt war. Einer von den Letzten, die einschliefen, war Okeanoff,

und wie er später erzählte, hatte er nicht gerade im Schlaf und auch

nicht gerade im wachen Zustande, neben sich kurz vor Morgengrauen zwei

Menschen miteinander sprechen gehört. Darauf aber hätte er Simoweikins

Stimme erkannt, der Remneff, seinen alten Freund weckte und lange mit

ihm leise sprach, dann habe er gehört, wie Simoweikin fortgegangen war

und wie er die Küchentür mit dem Schlüssel aufgeschlossen hatte. Der

Schlüssel – versicherte später Ustinja Fedorowna – habe immer unter

ihrem Kopfkissen gelegen und wäre seit dieser Nacht verloren gegangen.

Dann – erzählte Okeanoff – schien es ihm, daß beide hinter den Schirm

zum Kranken gingen und dort das Licht anzündeten. Mehr, sagte er, wisse

er nicht, seine Augen wären ihm zugefallen; er erwachte erst mit allen

anderen, die in den Winkeln schliefen und sprang mit ihnen zu gleicher

Zeit aus dem Bett, als plötzlich hinter dem Schirm Semjon Iwanowitschs

solch ein Geschrei ertönte, daß selbst die Toten erwacht wären – in dem

Moment aber schien es vielen, daß plötzlich das Licht hinter dem Schirm

ausgelöscht wurde. Es entstand eine allgemeine Verwirrung: hinter dem

Schirm hörte man Geschimpf, Geschrei und Kampf. Es wurde Licht gemacht

und man sah, daß Simoweikin und Remneff sich prügelten und jähzornig

beschimpften. Als man sie nun auseinander brachte, so schrie der eine:

„Nicht ich bin es, aber dieser Räuber da!“ und Simoweikin schrie

wiederum:

„Rühr mich nicht an, bin nicht schuldig; ich werde sofort schwören!“

Aber in der ersten Minute war es nicht um sie zu tun, denn – der Kranke

war verschwunden! Man entfernte die Vagabunden und siehe da: Herr

Prochartschin lag unter dem Bett, vollständig besinnungslos; auf ihm

lagen seine Decke und sein Kissen, so daß sich auf dem Bett nur noch die

schmutzige Matratze befand, – denn Bettücher besaß er nicht. Man zog

also Semjon Iwanowitsch unter dem Bett hervor und legte ihn auf die

Matratze und bemerkte da sofort, daß mit ihm nichts mehr zu machen war;

er war schon ganz steif, hin und wieder lief nur noch ein Zittern über

den Körper. Er wollte die Hände erheben, konnte es aber nicht, seine

Zunge bewegte sich nicht mehr, aber er blinzelte noch mit den Augen, wie

die Köpfe der Enthaupteten noch mit den Lidern blinzeln sollen, wenn das

Beil des Henkers sie schon vom Körper getrennt hat.

Allmählich wurde er ruhiger, der Todeskrampf ließ nach; Herr

Prochartschin streckte die Beine von sich und begab sich mit all seinen

Sünden ins Jenseits. Ob er sich nun so erschreckt hatte, oder ob er

einen Traum gehabt, wie später Remneff versicherte, oder ob dem eine

andere Sünde zu Grunde lag, das ist eine offene Frage. Die Sache war

aber die, daß, wenn jetzt selbst der Chef in der Wohnung erschienen

wäre, um persönlich Semjon Iwanowitsch den Abschied wegen Trunksucht,

Freidenkerschaft und Händeleien zu überbringen, und wenn durch die

andere Tür eine Bettlerin unter dem Titel einer Schwägerin Semjon

Iwanowitschs eingetreten wäre, ja selbst wenn er plötzlich zweihundert

Rubel Gratifikation erhalten hätte, oder das Haus in Flammen aufgegangen

wäre, Semjon Iwanowitsch doch nicht mehr geruht haben würde, auch nur

einen Finger zu rühren. Während die erste Erstarrung sich legte, die

Anwesenden die Sprache langsam wiedererlangten und ein Chaos von

Vorschlägen, Vermutungen und Geschrei entstand, – zog Ustinja Fedorowna

den Koffer unter dem Bett hervor und suchte in aller Eile unter dem

Kissen unter der Matratze, ja sogar in den Stiefeln Semjon Iwanowitschs

nach. Und während man Remneff und Simoweikin verhörte – bewies Okeanoff,

der bis jetzt allerunintelligenteste und stillste Winkelbewohner,

plötzlich die größte Geistesgegenwart, ja entdeckte vielleicht zum

ersten Mal seine Fähigkeiten und sein Talent, nahm seine Mütze und

verschwand bei der allgemeinen Verwirrung ganz unbemerkt. Und als alle

Schrecken des Chaos ihren Höhepunkt in den bis jetzt so friedlichen

Winkeln erreichten, öffnete sich die Tür und wie kalter Schnee auf heiße

Köpfe fällt, erschien zuerst ein Herr von anständigem Äußeren, aber mit

einem strengen, unzufriedenen Gesicht; ihm folgte Jaroslaff Iljitsch mit

seinem Beamten samt Allem, was dazu gehört; und ihnen folgte aufgeregt

Herr Okeanoff. Der strenge Herr von anständigem Äußern ging geradewegs

auf Semjon Iwanowitsch zu, befühlte ihn, machte eine Grimasse, zuckte

mit den Schultern und sagte, was alle schon längst wußten, daß der Tote

tot wäre, und fügte nur von sich aus noch hinzu, daß in diesen Tagen

einem sehr hohen und angesehenen Herrn dasselbe im Schlaf passiert sei,

und er daran gestorben wäre. Darauf behauptete er noch, daß man ihn ganz

unnütz belästigt hätte und ging zur Tür hinaus. Ihn ersetzte sofort

Jaroslaff Iljitsch, der Beamte, und während Remneff und Simoweikin den

Gerichtsdienern übergeben wurden, bemächtigte er sich des Koffers, den

die Wirtin schon zu verstecken versucht hatte, stellte die Stiefel auf

ihren früheren Platz zurück, bemerkte dazu, daß sie ganz durchlöchert

seien und daher fortgeworfen werden könnten, verlangte auch das Kissen

zurück, rief Okeanoff und bat um den Schlüssel zum Koffer, der sich

schließlich in Simoweikins Tasche fand und öffnete feierlich wie es sich

gehörte die Habe Semjon Iwanowitschs. Da lagen denn allen sichtbar: zwei

alte Hemden, ein Paar Socken, ein zerrissenes Tuch, ein alter Hut,

einige Knöpfe, alte Stiefelsohlen, ferner Schnüre, Seife, Salben, alle

möglichen Lumpen, die einen üblen Geruch verbreiteten; gut war nur das

deutsche Schloß. Man rief Okeanoff und sprach streng mit ihm; aber

Okeanoff war bereit zu schwören. Man verlangte das Kissen, sah es sich

an; es war nur schmutzig, glich aber sonst in jeder Beziehung einem

Kissen. Man hob die Matratze auf, legte sie wieder hin, bedachte sich

noch, was zu tun wäre, als plötzlich etwas Schweres, Klingendes auf den

Boden schlug. Man bückte sich, man suchte und fand eine Papierrolle mit

zehn Silberrubel. „Eh, eh, eh!“ rief Jaroslaff Iljitsch und zeigte auf

eine offene Stelle in der Matratze, aus der Roßhaar hervorlugte. Man

besah sich die Stelle und alle waren überzeugt, daß sie soeben mit dem

Messer gemacht worden war: man steckte die Hand hinein und zog ein

Küchenmesser hervor, das man wohl in aller Eile da hineingesteckt hatte,

nachdem man mit ihm vorher die Matratze aufgeschnitten. Kaum war es

Jaroslaff Iljitsch gelungen, das Messer herauszuziehn, als er schon

wieder „Ehe–e!“ sagte und bald darauf eine andere Rolle herausfiel und

nach ihr Fünfzigkopekenstücke, fünfundzwanzig Kopeken, und verschiedenes

Kleingeld, darunter auch ein gesundes, kupfernes Fünfkopekenstück. Alle

Hände griffen danach. Auch war man der Meinung, daß es nicht schlecht

wäre, die Matratze aufzuschneiden. Man verlangte eine Schere ...

Der heruntergebrannte Lichtstummel beleuchtete eine äußerst

interessante Szene. Ungefähr zehn Einwohner gruppierten sich in den

allermalerischsten Nachtkostümen um das Bett herum, alle ungekämmt,

unrasiert und ungewaschen und kaum vom Schlaf erwacht. Einige von ihnen

waren kreidebleich, bei anderen perlte der Schweiß auf der Stirn, die

Einen schüttelte der Frost, die Anderen die Hitze. Die Wirtin stand halb

bewußtlos da, hatte die Hände gefaltet und überließ sich der Gnade

Jaroslaff Iljitschs. Vom Ofen herab sahen erschrocken und doch neugierig

Awdotja, die Magd, und die Lieblingskatze der Wirtin. Zerrissene und

zerschlagene Bettschirme lagen überall im Wege; der geöffnete Koffer

zeigte sein unanständiges Innere; die Decke und das Kopfkissen zusammen

mit dem Inhalt der Matratze lagen auf dem Boden und auf einem kleinen

gebrechlichen hölzernen Tischchen glänzte der anwachsende Haufen der

verschiedensten Geldstücke. Nur Semjon Iwanowitsch allein behielt seine

Kaltblütigkeit: er lag friedlich auf dem Bett und schien seinen Ruin

überhaupt nicht zu ahnen. Als die Schere gebracht war und der Gehilfe

Jaroslaff Iljitschs, aus Wunsch behilflich zu sein, die Matratze ein

wenig zu hastig hob, um sie besser vom Rücken des Besitzers befreien zu

können, trat ihnen Semjon Iwanowitsch wohl aus Höflichkeit ein wenig

seinen Platz ab und kehrte sich auf die Seite; beim zweiten Ruck machte

er ihnen noch ein wenig Platz und drehte sich mit dem Gesicht aufs

Kissen, mit anderen Worten: drehte ihnen den Rücken zu, und plötzlich

ganz unerwartet fiel er mit dem Kopf voran aus dem Bett, so daß seine

beiden knochigen, mageren und blauen Beine wie zwei verkohlte Äste eines

abgebrannten Baumes in die Luft starrten. Da Herr Prochartschin sich

schon das zweite Mal an diesem Morgen unter das Bett begab, so erregte

das Verdacht und mehrere von den Einwohnern krochen sofort unter der

Anführung Sinowij Prokoffjewitschs unter das Bett, in der Absicht zu

untersuchen, ob nicht da noch was verborgen war. Aber die Suchenden

stießen bloß mit den Köpfen aneinander und da Jaroslaff Iljitsch sie

anschrie und ihnen befahl, sofort Semjon Iwanowitsch von seiner

schlechten Lage zu befreien, so packten ihn denn zwei von den

vernünftigeren mit beiden Händen je an ein Bein und zogen den

unerwarteten Kapitalisten wieder an die Oberfläche und legten ihn quer

aufs Bett. Währenddessen flogen Roßhaar und Watte umher und der silberne

Haufen wuchs – und wuchs und – oh Gott! was war da nicht alles zu

finden! ... Anständige Silberrubel, solide starke anderthalb

Rubelstücke, reizende Fünfziger, plebejischere Fünfundzwanziger und

Zwanziger, altes Kleingeld in Zehnern und Fünfern – alles in besonderen

Papierrollen methodisch und in solider Ordnung eingewickelt. Es waren

auch Seltenheiten dabei: ein Napoleond’or, eine unbekannte und sehr

seltene Münze ... Auch einige von den Silberrubeln waren von hohem

Alter, Elisabetheische, deutsche Kreuzer, Petermünzen, Katharinenmünzen;

auch waren da alte durchlöcherte Silbermünzen, solche, die man früher

als Gehänge trug, sogar Kupfer war dabei, aber schon ganz grün und

rostig gewordenes ... Auch fand man noch ein rotes Stück Papier – aber

das war denn auch alles. Als man endlich die ganze Operation beendigt

und den Überzug der Matratze um und um geschüttelt hatte und nichts mehr

in ihm klirrte noch klimperte, setzte man sich an den Tisch, um das Geld

zu zählen. Auf den ersten Anblick konnte man sich sehr täuschen und den

Geldhaufen auf eine Million schätzen – so groß war er! Aber eine Million

war es denn doch nicht, obgleich es keine geringe Summe war – genau 2497

Rubel und 50 Kopeken. Wenn die Einnahme der Kollekte, die Sinowij

Prokoffjewitsch am Abend vorher zur Unterstützung des _armen Kranken_

entworfen hatte, schon bar vorhanden gewesen wäre, so hätte es genau

2500 Rubel ausgemacht. Man nahm das Geld, versiegelte den Koffer des

Verstorbenen, hörte den Klagen der Wirtin zu und sagte ihr, wohin und an

wen sie sich mit ihrem Schuldschein des Verstorbenen zu wenden hätte.

Wie es sich gehörte, forderte man Unterschriften, man sprach auch dabei

von der Schwägerin, aber man versicherte sich gegenseitig, daß die

Schwägerin in gewissem Sinne nur eine Allegorie sein könnte, die

vielleicht nur in der krankhaften Einbildungskraft Semjon Iwanowitschs

entstanden war, was man nicht nur einmal dem Verstorbenen vorgehalten

haben wollte. Und damit war denn die Sache zu Ende. Als der erste

Schreck sich gelegt hatte, als die armen Winkelmieter mit

wiedergewonnenem Verstande erkennen konnten, wer der Verstorbene

eigentlich gewesen war, so wurden sie nachdenklich und in sich gekehrt

und sahen sich gegenseitig mißtrauisch an. Einige nahmen es sich sehr zu

Herzen und fühlten sich durch solch ein Verhalten Semjon Iwanowitschs

beleidigt ... Solch ein Kapital! Das hat der Mensch zusammengescharrt.

Mark Iwanowitsch, der seine Geistesgegenwart wieder erlangte, wollte

ergründen und untersuchen, warum Semjon Iwanowitsch plötzlich so allen

Mut verloren hatte, aber man hörte ihm nicht mehr zu. Sinowij

Prokoffjewitsch wurde sehr nachdenklich, Okeanoff trank zur Stärkung ein

wenig Schnaps, und die Übrigen fühlten sich gleichfalls sehr bedrückt.

Der kleine Kantareff, der sich nur durch seine Habichtnase auszeichnete,

verließ die Wohnung, nachdem er sorgfältig sein Hab und Gut

zusammengesucht hatte, und erklärte kühl auf die Fragen, warum er

fortginge, daß die Zeit schwer wäre und das Leben hier über seine Mittel

ginge. Die Wirtin heulte ununterbrochen und prophezeite, daß Semjon

Iwanowitsch in die Hölle käme, da er sie, eine arme Waise, ausgenutzt

und beleidigt hätte. Sie fragte Mark Iwanowitsch, warum der Verstorbene

sein Geld nicht in die Sparkasse gebracht habe?

„Mütterchen, er war zu naiv dazu, sein Vorstellungsvermögen reichte

nicht dazu aus,“ antwortete Mark Iwanowitsch.

„Nun, und auch Sie sind naiv, Mütterchen,“ schloß Okeanoff,

„fünfundzwanzig Jahre stärkte sich der Mensch bei Ihnen und von einem

kleinen Nasenstüber fiel er um, bei Ihnen aber kochte die Kohlsuppe,

hatten keine Zeit dafür! Ach Sie, ... Weibsbild! ...“

„Ach, das sagst Du mir! – und was Sparkasse!“ fuhr die Wirtin auf.

„Hätte er mir doch nur eine Handvoll davon gebracht und mir gesagt:

Nimm, Ustinjuschka, hier ist für Dich der Lohn, ernähre Du mich so

lange, wie mich die kühle Mutter Erde noch trägt, das wäre recht

gewesen, ich hätte ihn gefüttert, getränkt, bedient! Ach, dieser

Verführer, solch ein Betrüger! Betrogen hat er mich Waisenkind!“

Man ging wieder ans Bett Semjon Iwanowitschs. Er lag bereits wie es sich

gehörte in seinem besten und übrigens einzigen Anzug, das knochige Kinn

hinter einer Halsbinde, die ihm etwas ungeschickt umgebunden worden war,

gewaschen und gekämmt, aber nicht rasiert, weil ein Rasiermesser in den

Winkeln nicht vorhanden war: das einzige Messer, das Sinowij

Prokoffjewitsch gehört hatte, war schartig geworden und man hatte es auf

dem Trödelmarkt verkauft. Die Anderen gingen alle zum Barbier. Das

Zimmer hatte man aber noch nicht aufräumen können. Die zerrissenen

Schirme lagen noch kreuz und quer umher und entblößten die Vereinsamung

Semjon Iwanowitschs, ganz wie ein Emblem dessen, daß der Tod alle

Vorhänge vor unseren Geheimnissen und Intrigen zerreißt. Das Füllsel der

Matratze lag auch noch in Haufen zerstreut umher. Diesen plötzlich

zerstörten Winkel hätte man mit einem zerstörten Nest von Hausschwalben

vergleichen können, zerschlagen und zerrissen vom Sturm, das warme

Bettchen aus Federn und Wolle zerstört ... Übrigens, Semjon Iwanowitsch

selbst sah eher einem diebischen Spatz ähnlich. Er war ganz still

geworden und tat, als ob er nichts zu verhehlen hätte, an nichts Schuld

wäre und nicht gewissenlos und schamlos die besten Menschen auf die

allerunanständigste Weise betrogen hätte. Er hörte nicht mehr das Weinen

und Schluchzen seiner verwaisten und beleidigten Witwe. Im Gegenteil,

als erfahrener und geriebener Kapitalist, der selbst im Grabe nicht eine

Minute nutzlos verlieren wollte, schien er mit spekulativen Berechnungen

beschäftigt zu sein. Sein Gesicht drückte tiefes Nachdenken aus und die

Lippen waren zusammengepreßt. Er sah geradezu bedeutend aus, – eine

Eigenschaft, der man Semjon Iwanowitsch im Leben nicht hätte

verdächtigen können. Er schien klüger geworden zu sein. Das rechte Auge

war pfiffig zusammengezogen; auch wollte Semjon Iwanowitsch etwas sagen,

etwas sehr Nötiges mitteilen und erklären, um so schnell als möglich die

Geschäfte zu erledigen, denn er schien auch keine Zeit zu haben. Auch

glaubte man ihn sagen zu hören: „Was fehlt Dir? Höre auf zu weinen,

dummes Weib! Heul nicht! Du Mutter, mach’ ein Schläfchen, hörst Du! Ich

bin gestorben; jetzt ist schon nichts mehr nötig ... Was für eine

Wahrheit? Es ist schön so zu liegen ... Ich, hörst Du, spreche übrigens

nicht davon, Du bist ein Weib, hast mich verstanden? Jetzt ist es aus

mit dem Dienst; siehst Du jetzt, wie’s ist? – Dumm! ... fehlt noch!

Aber, weißt Du, wenn ich jetzt aufstehe, was würde dann sein, wie?“

Polsunkoff.

Eine Erzählung.

Ich sah mir diesen Menschen näher an. Sogar in seinem Äußeren hatte er

etwas so Besonderes, das einen unfreiwillig zwang, wie zerstreut man

auch gewesen wäre, ihn sich näher anzusehn, um dann sofort von einem

unüberwindlichen Lachkrampf befallen zu werden. So geschah es auch mit

mir. Die Äuglein dieses kleinen Herrn waren so beweglich oder vielmehr

er selbst war dem Magnetismus eines jeden auf ihn gerichteten Blickes

dermaßen unterlegen, daß er instinktiv erriet, wann man ihn betrachtete,

sich gleich nach seinem Beobachter umkehrte und unruhig dessen Blick zu

analysieren begann. Durch seine ständige Beweglichkeit und sein ewiges

hin und her ähnelte er tatsächlich auffallend einer kleinen Wetterfahne.

Sonderbar! Wie es schien, fürchtete er, daß man über ihn lachen könnte,

und doch verdiente er sich gerade damit sein Brot: er war Allerweltsnarr

und ließ sich, je nachdem in welcher Gesellschaft er sich befand, im

moralischen wie im physischen Sinne alles gefallen. Freiwillige Narren

tun einem ja nicht leid. Aber ich bemerkte sofort, daß dieses sonderbare

Geschöpf, dieser lächerliche Mensch kein Narr von Beruf war. In ihm

steckte noch etwas Anständiges. Seine Unruhe, seine ewig krankhafte

Angst vor der Lächerlichkeit sprachen zu seinen Gunsten. Mir schien es

vielmehr, daß sein Wunsch, anderen zu Diensten zu sein, nur aus seinem

guten Herzen entsprang, nicht aber aus Berechnung eines materiellen

Vorteils etwa. Er erlaubte es mit Vergnügen, daß man über ihn aus vollem

Halse und in der taktlosesten Weise lachte, zu gleicher Zeit aber – und

ich könnte es schwören – schmerzte ihm sein Herz, und das Blut stieg ihm

zu Kopf bei dem Gedanken, daß seine Zuhörer so gemein und herzlos sein

konnten, nicht nur über seine Witzchen allein, sondern auch noch über

ihn selbst, ja über seinen ganzen Menschen zu lachen. Ich bin überzeugt,

daß er in diesen Minuten die ganze Dummheit seiner Lage fühlte; aber der

Protest erstarb sofort in seiner Brust, um jeden Augenblick von neuem

geboren zu werden. Wie gesagt, ich bin überzeugt, daß bei ihm alles nur

vom guten Herzen kam und nicht aus Angst vor dem materiellen Schaden,

sagen wir, etwa fortgejagt zu werden und hinfort kein Geld mehr gepumpt

zu erhalten: dieser Herr borgte nämlich immer Geld, d. h., er bat in

dieser Form Almosen, und wenn er genug Faxen gemacht und andere auf

seine Rechnung belustigt hatte, glaubte er, sich teilweise diese Almosen

verdient zu haben. Aber, mein Gott, was war das für ein Pumpen! Und auf

welche Weise machte er diesen Pump! Man hätte es niemals voraussetzen

können, daß auf einer so kleinen Oberfläche, wie es das runzelige,

eckige Gesicht dieses Menschen war, zu ein und derselben Zeit, so viel

verschiedenartige Grimassen, so viel sonderbare, charakteristische

Ausdrücke und die Widerspiegelung soviel allerqualvollster Eindrücke

Platz finden konnten.

Was war doch alles auf ihm zu erblicken, – Scham und erlogene Frechheit,

Ärger, Bangen vor dem Mißerfolg, die Bitte um Verzeihung, daß er es

wagte, einen zu belästigen, das Bewußtsein des eigenen Wertes und

wiederum das vollkommene Bewußtsein seiner eigenen Nichtigkeit – alles

das ging wie Wetterleuchten über sein Gesicht. Ganze sechs Jahre lang

fristete er sein Dasein in dieser Weise auf der Gotteswelt und konnte

sich noch immer nicht in der wichtigsten Minute des Pumpes eine Haltung

geben. Versteht sich, er konnte nicht gefühllos werden oder gar gemein

handeln. Sein Herz war zu beweglich, zu heiß! Ja, meiner Meinung nach

war er der alleranständigste und ehrlichste Mensch auf der Welt, der

aber nur mit einer einzigen kleinen Schwäche behaftet war: er konnte

nämlich auf den ersten Befehl gutmütig und uneigennützig eine Gemeinheit

begehn, nur um den Nächsten einen Gefallen zu erweisen. Mit einem Wort,

als Mensch war er ein vollständiger Lappen. Aber am allerlächerlichsten

war es doch, daß er ebenso gekleidet war wie alle, nicht schlechter,

nicht besser, sauber und sogar mit einer gewissen Gesuchtheit, mit

Anspruch auf Solidität und persönliche Würde. Dieses Streben nach

äußerer und gewiß auch innerer Gleichheit, die Unruhe um sich selbst und

zu gleicher Zeit diese ununterbrochene Selbsterniedrigung – alles das

bildete den schreiendsten Kontrast und war des Mitleids und des

Gelächters wert. Wenn er in seinem Herzen überzeugt gewesen wäre, daß

alle Lacher die besten Menschen der Welt sind – was er trotz seiner

Erfahrungen immer noch glaubte –, und daß sie nur über die Tatsache der

Lächerlichkeit, nicht aber über seine Persönlichkeit lachten, so würde

er mit Vergnügen seinen Frack ausgezogen und ihn umgekehrt angezogen

haben und in diesem Gewande den Anderen zum Gefallen und sich selbst zur

Genugtuung durch die Straßen gegangen sein, nur um seine Gönner zu

erheitern und ihnen Vergnügen zu bereiten. Aber die Gleichheit konnte er

doch nie und nimmer und durch nichts erreichen. Übrigens noch ein Zug:

der sonderbare Kauz hatte ehrgeizige Anwandlungen und, wenn gerade keine

Gefahr vorhanden war, auch sogar großmütige. Man mußte nur sehn und

hören, wie er es verstand, zuweilen sogar ohne sich zu schonen, folglich

also mit einem Risiko, ja, fast mit Heldenmut, irgend jemanden von

seinen Gönnern, der ihn zu sehr gekränkt hatte, zu bearbeiten! Aber das

kam nur in seltenen Minuten vor ... Kurz, er war ein Märtyrer in des

Wortes vollster Bedeutung, aber der allernutzloseste und daher

allerlächerlichste Märtyrer der Welt.

Unter den Gästen erhob sich ein allgemeiner Streit. Plötzlich sah ich

wie mein Kauz vom Stuhle springt und aus allen Kräften schreit, man möge

doch ausschließlich ihm das Wort geben.

„Passen Sie auf,“ flüsterte mir der Wirt zu. „Er erzählt mitunter die

sonderbarsten Sachen ... Interessiert er Sie?“

Ich nickte mit dem Kopf und mischte mich unter die Zuhörer. Der Anblick

eines anständig gekleideten Herrn, der auf dem Stuhl stand und die ganze

Gesellschaft überschrie, erweckte die allgemeine Aufmerksamkeit. Viele,

die den Sonderling nicht kannten, sahen sich unwillig unter einander an,

andere wiederum lachten über ihn aus vollem Halse.

„Ich kenne Fedossei Nikolajitsch! Ich muß Fedossei Nikolajitsch von

allen am besten kennen!“ rief er von seinem erhöhten Platze aus. „Meine

Herren, ich bitte ums Wort! Ich werde von Fedossei Nikolajitsch

erzählen! Eine Geschichte, sag ich Ihnen – einfach wundervoll!“

„Erzählen Sie, Ossip Michailytsch, erzählen Sie!“

„Erzähl!!!“

„Hört doch ...“

„Hören Sie, hören Sie!!!“

„Ich beginne. Aber meine Herren, diese Geschichte ist sehr sonderbar

...“

„Gut, gut!“

„Diese Geschichte ist sehr lächerlich.“

„Schon gut, wundervoll, vorzüglich, – zur Sache!“

„Sie ist eine Episode aus dem Leben Ihres alleruntertänigsten ...“

„Nun, wozu gaben Sie sich dann noch die Mühe, zu versichern, daß sie

lächerlich ist!“

„Und sogar ein bißchen tragisch!“

„Ah????“

„Mit einem Wort, die Geschichte – beendigen Sie das Vergnügen bereitet,

mich zu hören, meine Herrn, – die Geschichte infolge der ich in eine für

mich so interessante Gesellschaft geraten bin!“

„Die Geschichte ...“

„Mit einem Wort, die Geschichte – beendigen Sie etwas schneller Ihren

Apolog – die Geschichte, die wohl wieder etwas kosten wird,“ fügte mit

heiserer Stimme ein junger Herr hinzu, steckte seine Hand in die Tasche

und zog wie zufällig statt des Taschentuchs seinen Geldbeutel hervor.

„Eine Geschichte, meine Herren, nach der ich gern viele von Ihnen an

meiner Stelle sehen würde. Und, endlich, die Geschichte, der zufolge ich

nicht geheiratet habe.“

„Geheiratet! ... Eine Frau! ... Polsunkoff wollte heiraten!! Du lieber

Gott!!“

„Ich muß gestehn ich hätte gern Mme. Polsunkoff gesehn!“

„Erlauben Sie, bitte, mich zu erkundigen, wer denn diese gewesene Frau

Polsunkoff war?“ piepste ein blondlockiger Jüngling, der sich dem

Erzähler näherte.

„Also, meine Herren, das erste Kapitel: es war genau vor sechs Jahren,

im Frühling, am 31sten März, – bemerken Sie das Datum, meine Herren – am

Vorabend ...“

„Des ersten April!“ rief der blondlockige Jüngling.

„Sie sind wirklich ungemein scharfsinnig. Also: es war Abend. Über die

Gouvernementsstadt N. verdichtete sich die Dämmerung und der Mond

schickte sich an, langsam am blauen Himmelszelt aufzutauchen ... mit

einem Wort, kurz, alles war wie es sich gehörte. Und siehe da, – in der

spätesten Dämmerstunde war’s, da tauchte auch ich ganz leise und

heimlich aus meiner kleinen Wohnung auf, nachdem ich mich noch vorher

von meiner ‚total verschlossenen‘ Großmutter verabschiedet hatte.

Entschuldigen Sie, meine Herren, daß auch ich diesen modernen Ausdruck

gebrauche, den ich erst neulich von Nikolai Nikolajitsch hörte. Aber

meine Großmutter war in der Tat vollkommen verschlossen: sie war blind,

taub, stumm und dumm, – mehr kann man doch nicht verlangen ... Ich muß

gestehn, ich zitterte am ganzen Körper, denn was ich vorhatte, war

bedeutungsschwer für mich; das Herz zitterte mir wie einem Kater, der

eine knöcherne Hand an seinem Genick fühlt.“

„Erlauben Sie, Mr. Polsunkoff.“

„Sie wünschen?“

„Erzählen Sie einfacher; bitte geben Sie sich nicht so große Mühe!“

„Zu Befehl,“ sagte Ossip Michailytsch ein wenig ungehalten über die

Unterbrechung. „Also ich ging zu Fedossei Nikolajitsch – in sein

wohlerworbenes Haus. Fedossei Nikolajitsch war bekanntlich nicht mein

Mitarbeiter, sondern mein gestrenger Vorgesetzter. Ich wurde angemeldet

und man führte mich sofort zu ihm in’s Kabinett. Ich sehe es noch jetzt

vor mir; ein fast, fast ganz dunkles Zimmer war’s; Licht wurde nicht

gebracht. Ich warte: da tritt auch schon Fedossei Nikolajitsch ein. Und

so blieben wir denn beide in der Dunkelheit ...“

„Was ging denn zwischen Ihnen vor?“ fragte ein Offizier.

„Ja, was meinen Sie wohl?“ fragte Polsunkoff, und wandte sich

unverzüglich mit zuckendem Gesicht an den Jüngling mit den Locken.

„Nun, meine Herren, es war eine sonderbare Situation. Das heißt,

sonderbar war an ihr eigentlich nichts, es war, wie man es so nennt,

eine rein praktische Gelegenheit – ich zog einfach aus meiner Tasche

einen Packen Papiere, das heißt Staatspapiere ...“

„Papiere?“

„Und er zog gleichfalls aus seiner Brusttasche einen Packen Papier

hervor und wir tauschten die beiden Packen aus.“

„Ich könnte wetten, daß es nach Sporteln roch,“ äußerte sich ein gut

gekleideter und gut frisierter junger Herr.

„Sporteln?“ griff sofort Polsunkoff das Wort auf, – „Ach!

Wär ich doch ein Liberaler,

Wie ich viele schon gesehn!

Wenn Sie einmal in der Provinz dienen sollten, so werden Sie sehn, daß

Sie Ihre Hände am Herd des Vaterlandes nicht wärmen können, wenn Sie

nicht ... Sagte doch ein Dichter: Selbst der Rauch des Vaterlandes ist

mir angenehm und lieb! Unser Vaterland ist unsere Mutter, unsere Mutter,

meine Herren, die leibliche Mutter, wir aber sind ihre Säuglinge, und so

saugen wir denn auch an ihm! ...“

Ein allgemeines Gelächter erhob sich.

„Aber glauben Sie mir, meine Herren, ich habe niemals Sporteln

genommen,“ sagte Polsunkoff, wobei er plötzlich mißtrauisch die ganze

Versammlung übersah. Doch wahrhaft homerisches Gelächter verschlang die

Worte Polsunkoffs.

„Nein, wirklich, meine Herren ...“

Er verstummte aber plötzlich, und betrachtete alle mit einem sonderbaren

Ausdruck. Vielleicht – wer kann es wissen – vielleicht kam es ihm in

dieser Minute in den Sinn, daß er ehrlicher und anständiger war als

viele hochgeehrte Herren dieser anständigen Gesellschaft ... Und bis zum

Schluß der allgemeinen Heiterkeit blieb der Ausdruck seines Gesichtes

ernst und nachdenklich.

„Also,“ begann Polsunkoff, als die Heiterkeit sich gelegt hatte,

„obgleich ich niemals Sporteln genommen, beging ich doch dieses Mal eine

Sünde: ich schob die Bestechung in meine Tasche ... die Bestechung von

einem bestechlichen Beamten ... Das heißt, in meinen Händen befanden

sich Papiere, die ... kurz, wenn ich es gewollt hätte, sie Jemandem zu

schicken, so wäre es Fedossei Nikolajitsch schlecht ergangen.“

„So kaufte er sie also von Ihnen zurück?“

„Das tat er.“

„Wieviel gab er Ihnen denn dafür?“

„Er gab soviel, für wieviel ein Anderer in unserer Zeit sein Gewissen

verkaufen würde, mit allen Variationen desselben ... wenn man ihm dafür

nur soviel geben würde. Ich aber war wie mit siedendem Wasser begossen,

als ich das Geld in meine Tasche steckte. Wirklich, ich weiß nicht,

meine Herren, wie das bei mir zuging, denn ich war weder tot, noch

lebendig, meine Lippen konnte ich kaum bewegen, die Kniee zitterten mir;

schuldig, schuldig fühlte ich mich, ganz furchtbar schuldig; machte mir

ein Gewissen, war sogar bereit, Fedossei Nikolajitsch um Vergebung zu

bitten ...“

„Nun, verzieh er Ihnen?“

„Aber ich tat es ja doch nicht ... ich erzähle doch nur, wie mir damals

zu Mute war; ich habe, das heißt ... ich habe ein heißes Herz. Ich sehe,

er blickt mir gerade in die Augen: ‚Gott fürchten Sie nicht, Ossip

Michailytsch?‘ Nun, was war da zu machen? Ich breitete so die Hände aus,

blickte zur Seite. – ‚Warum soll ich denn Gott nicht fürchten, Fedossei

Nikolajitsch?‘ Sage das nur so aus Anstand ... selbst bin ich bereit in

die Erde zu sinken. ‚Sie, der so lange der Freund unseres Hauses gewesen

sind, Sie, der Sie uns fast ein Sohn ... und wer weiß, was vom Schicksal

uns noch bestimmt gewesen wäre, Ossip Michailytsch! Und plötzlich,

bereiten Sie sich vor mich anzugeben! ... Was soll man nach alledem von

den Menschen denken, Ossip Michailytsch?‘ Ach, meine Herren, wie hat er

mir ins Gewissen geredet! – ‚Sagen Sie mir, was soll man nach alledem

von den Menschen denken, Ossip Michailytsch?‘ fragt er mich. – ‚Was,‘

denke ich, ‚was soll man denn denken?‘ Wissen Sie, die Kehle wurde mir

trocken und das Stimmchen zitterte mir, ich fühlte schon, daß ich weich

wurde und griff zur Mütze ... ‚Wohin wollen Sie, Ossip Michailytsch?

Werden Sie wirklich am Vorabend solch eines Tages ... werden Sie es mir

wirklich nachtragen? Was habe ich Ihnen denn Böses getan? ...‘ ‚Fedossei

Nikolajitsch,‘ sage ich, ‚Fedossei Nikolajitsch!‘ Mit einem Wort, meine

Herren, ich wurde windelweich, wie ein nasses Zuckerstück schmolz ich

zusammen. Und das Paket mit den Banknoten, das in meiner Tasche lag,

schien mir gleichfalls zuzurufen: ‚Undankbarer Räuber, ruchloser Dieb,

Du!‘ – und fünf Pud schwer dünkte es mich – wenn es doch in Wahrheit nur

fünf Pud gewogen hätte! – ‚Ich sehe, daß Sie es bereuen,‘ sagt Fedossei

Nikolajitsch – ‚Wissen Sie, morgen ist der Namenstag ... Nun, weine

nicht, genug: hast gesündigt und bereust es! Gehn wir! Vielleicht

gelingt es mir, Dich auf den rechten Weg zurückzuführen! Vielleicht

werden meine bescheidenen Penaten – erinnere mich ganz genau, der Räuber

sagte Penaten – Dich erwärmen, werden Dein Herz ...‘ Er faßte mich unter

den Arm und führte mich zu den Seinen. Mir lief es kalt über den Rücken;

ich zitterte. Mit welchen Augen werden sie mich ansehn? dachte ich. Sie

müssen nämlich wissen, meine Herren ... wie soll ich’s Ihnen sagen, es

gab da noch so eine delikate Geschichte ...“

„Etwa Madame Polsunkoff?“

„Marja Fedossejewna war es nicht bestimmt, solch eine Madame zu werden,

wie Sie sie zu nennen belieben. Doch Fedossei Nikolajitsch war im Recht,

wenn er sagte, daß ich im Hause fast für einen Sohn gehalten wurde. Vor

einem halben Jahre war das schon der Fall gewesen, nämlich als noch

Michail Maximytsch Dwigailoff, der Junker außer Diensten, lebte. Aber

nach einem höheren Ratschluß Gottes starb er und da er das

Testamentmachen immer aufgeschoben, so konnte man auch nachher nirgendwo

eines finden ...“

„Ah!!!“

„Nun, nichts zu machen, meine Herren, entschuldigen Sie, ich habe mich

versprochen, das war allerdings nicht schön, doch das will ja auch

nichts besagen, dafür aber war die Sache selbst um so schlechter, als

ich zurückblieb, sozusagen, bloß mit der Null in der Perspektive, denn

der Junker außer Diensten, wenn ich auch sein Haus nicht betreten durfte

– er lebte auf großem Fuße, wahrscheinlich weil er früher lange Finger

gehabt – so hielt er mich vielleicht doch nicht ganz irrtümlicher Weise

für seinen leiblichen Sohn.“

„Aha!!!“

Sämtliche Werke 20 · 第 29 / 46 题