Und in mein Haus zieh frei und heiter
Als stolze Herrin ein.
Ich stand vor ihr – vernichtet und in einer Weise fassungslos, die
abstoßend sein mußte, und lächelte, glaub ich, wobei ich mich krampfhaft
bemühte, die Schöße meines schäbigen wattierten Schlafrockes
übereinander zu schlagen, – auf ein Haar so, wie ich es mir noch kurz
vorher in einer verzagten Stunde vorgestellt hatte. Apollon schob zwar
nach zwei Minuten ab, doch wurde mir deswegen noch nicht leichter. Am
schlimmsten aber war, daß sie plötzlich gleichfalls verlegen wurde, und
das sogar dermaßen, wie ich es nie von ihr erwartet hätte. Bei meinem
Anblick, versteht sich.
„Setz Dich,“ sagte ich mechanisch und rückte für sie einen Stuhl an den
Tisch, selbst aber setzte ich mich auf das Sofa. Sie nahm sofort
gehorsam Platz, blickte mich aber mit weit offenen Augen an, als
erwartete sie sofort etwas Besonderes von mir. Diese Naivität der
Erwartung war’s ja, was mich aus der Haut brachte. Bezwang mich jedoch.
Da wär’s doch das einzig Vernünftige gewesen, zu tun, als bemerke man
nichts, als sei alles so, wie es sein müßte, sie aber ... – Und dumpf
fühlte ich schon, daß sie für _all dieses_ bitter büßen würde.
„Du hast mich in einer sonderbaren Lage angetroffen, Lisa,“ begann ich
stockend – mit dem vollen Bewußtsein, daß man gerade so nicht anfangen
durfte.
„Nein nein, denk nur nichts Schlechtes!“ rief ich schnell, als ich
bemerkte, daß sie plötzlich errötete, „ich schäme mich nicht meiner
Armut ... Im Gegenteil, ich bin stolz auf meine Armut. Ich bin arm aber
edel ... Das kann man, das kann man ... arm aber edel,“ stotterte ich.
„Übrigens ... Willst Du Tee?“
„Nein ...“ sie wollte noch mehr sagen.
„Wart!“
Ich sprang auf und lief hinaus zu Apollon. Man mußte doch irgend etwas
tun.
„Apoll,“ sagte ich leise, doch fieberhaft erregt, „hier hast Du Deine
Gage, siehst Du, ich gebe sie Dir!“ Damit warf ich das Geld, das ich
noch in der Hand behalten hatte, auf seinen Tisch, „aber dafür mußt Du
mich retten: geh sofort hier in das nächste Restaurant und bring mir Tee
und Zwieback ... zehn Stück. Wenn Du nicht gehst, so stürzt Du einen
Menschen ins Unglück! Du weißt nicht, was das für ein Wesen ist ... Sie
ist – alles! Vielleicht glaubst Du irgend etwas. ... Aber Du weißt ja
nicht, was das für ein Wesen ist! ...“
Apollon, der sich schon wieder an seine Arbeit gemacht und die Brille
aufgesetzt hatte, schielte zuerst, ohne die Nadel aus der Hand zu legen,
mißtrauisch auf das Geld; fuhr aber fort, ohne auf mich die geringste
Aufmerksamkeit zu verwenden, an seinem Zwirnfaden herumzuzupfen. Ich
wartete etwa drei Minuten lang in einer Stellung ^à la^ Napoleon. An
meinen Schläfen rann kalter Schweiß herab; mein Gesicht war bleich, das
fühlte ich. Endlich – Gott sei Dank! – erfaßte ihn ein menschliches
Rühren. Nachdem er mit seinem Faden fertig geworden war, erhob er sich
langsam, schob langsam den Stuhl zurück, nahm langsam die Brille ab,
zählte langsam das Geld nach, und fragte mich dann langsam über die
Schulter, ob er eine ganze Portion nehmen solle, worauf er langsam das
Zimmer verließ. Als ich zu Lisa zurückkehrte, zuckte mir plötzlich ein
Gedanke durch den Kopf: einfach so wie ich war, im alten Schlafrock,
fortzulaufen, einerlei wohin, immer geradeaus – und dann komme was da
kommen mag.
Ich setzte mich wieder auf mein Sofa. Sie blickte mich unruhig an. Wir
schwiegen.
„Ich schlag ihn tot!“ schrie ich plötzlich wild auf und schlug mit der
Faust auf den Tisch, so daß die Tinte aus dem Tintenfaß spritzte.
„Ach! mein Gott, was haben Sie!“ rief sie entsetzt und fuhr zusammen vor
Schreck.
„Ich schlag ihn tot! mausetot!“ schrie ich wieder und schlug unbändig
auf den Tisch – und zu gleicher Zeit begriff ich doch vorzüglich, daß es
dumm war, so außer sich zu geraten.
„Du weißt nicht, Lisa, was dieser Mensch für mich ist! Er ist mein
Henker! ... Jetzt ist er nach Tee und Zwieback gegangen; er ...“
Und plötzlich brach ich in Tränen aus. Es war Nervosität. Wie schämte
ich mich, als ich schluchzte; ich konnte mich aber nicht beherrschen.
Sie erschrak.
„Was haben Sie nur! Was fehlt Ihnen!?“ rief sie erregt, indem sie sich
um mich mühte.
„Wasser, gib mir Wasser, dort auf dem Tisch!“ sagte ich mit schwacher
Stimme, wobei ich aber bei mir genau wußte, daß ich vorzüglich auch ohne
Wasser auskommen konnte, und durchaus nicht mit so schwacher Stimme zu
sprechen brauchte. Ich aber _verstellte_ mich, wie man zu sagen pflegt,
um den Anstand zu wahren, obgleich der Anfall an sich echt war.
Sie reichte mir das Wasser, wobei ihr Blick wie verloren auf mir lag. In
dem Augenblick trat Apollon mit dem Tee ein. Da schien mir plötzlich
dieser gewöhnliche, prosaische Tee unglaublich unanständig und kläglich
nach allem, was geschehen war, und ich errötete. Lisa blickte sich
ängstlich nach Apollon um: er verließ uns wieder, scheinbar ohne uns
auch nur bemerkt zu haben.
„Lisa, verachtest Du mich?“ fragte ich sie, zitternd vor Ungeduld zu
erfahren, was sie von mir dachte.
Sie wurde verlegen und wußte nichts zu antworten.
„Trink den Tee!“ sagte ich ärgerlich. Ich war wütend auf mich, doch
mußte natürlich sie dafür büßen. Eine furchtbare Wut auf sie erhob sich
plötzlich in meinem Herzen; ich glaube, ich hätte sie totschlagen
können. Um mich an ihr zu rächen, schwor ich mir innerlich, die ganze
Zeit über kein Wort mit ihr zu sprechen. „Sie ist an allem schuld,“
sagte ich mir immer wieder.
Unser Schweigen dauerte noch eine geraume Zeit. Der Tee stand auf dem
Tisch: ich wollte absichtlich nicht anfangen, um ihre Lage noch
unangenehmer zu machen, denn sie konnte doch nicht zuerst den
Tee nehmen. Sie hatte mich schon mehrere Mal in traurigem
Nichtverstehenkönnen angeblickt. Ich aber schwieg eigensinnig. Natürlich
war ich selbst der größte Märtyrer, denn ich begriff vollkommen die
ganze widerliche Gemeinheit meiner dummen Wut, und doch konnte ich mich
auf keine Weise beherrschen oder zusammennehmen.
„Ich will ... von dort ... ganz fortgehn,“ sagte sie schließlich
stockend, vorsichtig, wahrscheinlich nur, um das Schweigen zu brechen.
Die Arme! Gerade davon hätte sie doch in einem ohnehin schon so dummen
Augenblick, zu einem sowieso schon so dummen Menschen, wie ich, nicht
sprechen sollen. Mein Herz tat mir sogar weh vor Mitleid mit ihr – wegen
ihrer unnötigen Offenheit und Ehrlichkeit. Doch etwas Scheußliches
erstickte in mir sofort das Mitleid, ja, es hetzte mich sogar noch mehr
gegen sie auf. Ach, so mag die ganze Welt untergehn! ... Es vergingen
noch fünf Minuten ...
„Habe ich Sie vielleicht gestört?“ fragte sie schüchtern, kaum hörbar
und erhob sich schon vom Stuhl.
Als ich aber diesen ersten Ausbruch einer beleidigten Würde sah,
erzitterte ich geradezu vor Wut und verlor meine letzte
Selbstbeherrschung.
„Sag mir doch bitte, warum Du eigentlich hergekommen bist?“ rief ich
plötzlich – das Blut stieg mir zu Kopf – ohne daran zu denken, was ich
sprach. Ich wollte alles mit einem Mal aussprechen, daher war’s mir
einerlei, womit ich anfing – wenn mir nur der Atem nicht immer
ausgegangen wäre.
„Warum bist Du zu mir gekommen? Sprich!“ schrie ich besinnungslos. „Ich
werde es Dir sagen, mein Täubchen, warum Du hergekommen bist: Du bist
gekommen, weil ich Dir damals _mitleidige Worte_ gesagt habe. Und jetzt
bist Du wieder sentimental geworden und darum bist Du hergekommen, um
wieder ‚mitleidige Worte‘ zu hören. So wisse denn, wisse, daß ich mich
damals über Dich lustig machte! Und auch jetzt mache ich mich über Dich
lustig. Warum zitterst Du? Ja, ich machte mich lustig über Dich! Man
hatte mich vorher im Restaurant beleidigt – diese selben, die kurz vor
mir zu Euch gekommen waren. Ich aber fuhr zu Euch, um einen von ihnen,
den Offizier, zu verprügeln; das konnte ich nicht, da ich ihn nicht mehr
antraf; da mußte ich meine Wut an einem anderen Menschen auslassen, da
kamst Du mir in die Quere und so ließ ich denn meine Wut an Dir aus, und
machte mich lustig über Dich. Man hatte mich erniedrigt, so wollte denn
auch ich erniedrigen; man hatte mich zu einem Lappen gemacht, so wollte
denn auch ich Macht beweisen ... Das war’s! Du aber glaubtest wohl
schon, daß ich gekommen war, um Dich zu retten – nicht wahr? Das
glaubtest Du doch? Das hast Du doch geglaubt?“
Ich wußte, daß sie vielleicht die Einzelheiten nicht verstehen konnte,
doch wußte ich gleichfalls, daß sie das Wesen der Sache vorzüglich
begreifen würde. So war’s denn auch. Sie erbleichte, wollte zwar etwas
sagen, ihre Lippen verzogen sich zitternd, und plötzlich fiel sie, als
ob man sie mit einem Beil gefällt hätte, auf den Stuhl zurück. Und die
ganze Zeit darauf hörte sie mir zu mit halboffenem Munde, weit offenen
Augen, zitternd vor maßloser Angst. Der Zynismus, der Zynismus meiner
Worte erdrückte sie ...
„Haha! Retten!“ rief ich höhnisch, sprang auf und raste im Zimmer auf
und ab. „Wovor denn retten!? Ich, ich will Dich ja vielleicht selbst
haben! Warum fragtest Du mich nicht, als ich Dir die Leviten las: ‚Wozu
bist Du denn hergekommen? Etwa um uns nachher Moral zu predigen?‘ –
Macht! Macht hatte ich damals nötig, das Spiel mit Dir hatte ich nötig,
Deine Tränen hatte ich nötig, Deine Erniedrigung, Deine Hysterie –
siehst Du, nur das hatte ich damals nötig! Später hielt ich’s selbst
nicht aus, denn ich bin ja ein Lappen, bekam Angst und stopfte Dir aus
Dummheit, weiß der Teufel wozu, meine Adresse in die Hand. Aber deswegen
bedachte ich Dich ja schon unterwegs, noch bevor ich nach Haus gekommen
war, mit allen Schimpfwörtern der Welt. Schon damals haßte ich Dich,
denn ich hatte Dich belogen. Mit Worten kann ich spielen, in Gedanken
träumen – in Wirklichkeit aber brauche ich – weißt Du was: daß Euch samt
und sonders der Teufel holt! Ja, das brauche ich! Ich brauche Ruhe. Ich
würde ja dafür, daß man mich in Ruhe läßt, die ganze Welt sofort für
eine Kopeke verkaufen. Soll die Welt untergehn, oder soll ich keinen Tee
trinken? Ich sage: die ganze Welt soll untergehn, denn ich will Tee
trinken. Wußtest Du das, oder wußtest Du das nicht? Nun, ich weiß aber,
daß ich ein Scheusal, ein Faulpelz bin, daß ich gemein, selbstsüchtig,
egoistisch bin. Diese ganzen Tage habe ich vor Angst, Du könntest
kommen, nur so gezittert. Weißt Du aber auch, was mich in diesen drei
Tagen am meisten beunruhigt hat? Am meisten – daß ich mich damals Dir
als ein Held gezeigt hatte, Du aber mich hier in meinem alten
Schlafrock, bettelarm und scheußlich finden würdest. Ich sagte Dir
vorhin, daß ich mich meiner Armut nicht schäme; so wisse denn, daß ich
mich ihrer schäme, mehr denn aller anderen Mängel schäme, mich
ihretwegen fürchte, mehr fürchte, als wenn ich stehlen würde, denn ich
bin in diesem Punkt so empfindlich, als ob man mir die Haut abgezogen
hätte, und ich schon von der Luft allein Schmerz empfinde. Solltest Du
wirklich selbst jetzt noch nicht erraten, daß ich Dir niemals verzeihen
werde, daß Du mich in diesem elenden Morgenrock angetroffen hast –
gerade als ich mich wie ein kläffendes Hündchen auf Apollon stürzte? Der
Erlöser, der gewesene Held stürzt sich wie ein grindiger, zottiger Hund
auf seinen Diener und der lacht ihn noch aus! Und meine Tränen vorhin,
die ich wie ein altes Weib vor Dir nicht verbergen konnte, werde ich Dir
gleichfalls nie und nimmer verzeihen! Und das, was ich Dir jetzt
gestehe, werde ich Dir auch nicht verzeihen! Ja, – Du, Du allein bist
für alles verantwortlich, weil Du mir so in den Weg gelaufen bist, weil
ich ein gemeiner Mensch bin, weil ich der allgemeinste, der
allerlächerlichste, allerkleinlichste, allerdümmste, allerneidischste
Wurm aller Erdenwürmer bin, die keineswegs besser sind als ich, die
aber, weiß der Teufel woher das kommt, sich niemals verblüffen lassen;
ich aber werde mein ganzes Leben lang von jedem Knirps ’nen Knips auf
die Nase kriegen, das ist schon einmal so! Und was geht es mich an, daß
Du es nicht begreifen kannst! Und was, nun, was – sag doch selbst, was
gehst Du mich an, und was geht es mich an, ob Du da untergehst oder
nicht? Ja, begreifst Du denn auch, wie ich Dich jetzt, nachdem ich Dir
das alles gesagt habe, dafür hassen werde, daß Du hier gewesen bist, und
meine Worte gehört hast? So spricht sich der Mensch doch nur ein
einziges Mal im Leben aus, und auch das geschieht dann nur aus Hysterie!
... Was willst Du denn noch? Wozu hockst Du denn noch immer hier vor
mir, warum quälst Du mich denn so, warum gehst Du nicht endlich fort?“
Hier aber geschah plötzlich etwas ganz Sonderbares.
Ich war dermaßen gewöhnt, literarisch zu denken und mir alles auf der
Welt so vorzustellen, wie ich es mir in meiner Phantasie vorher
zurechtgelegt hatte, daß ich zuerst dieses Sonderbare überhaupt nicht
begriff. Das aber war folgendes: diese Lisa, die ich so beleidigt und
erniedrigt hatte, diese Lisa begriff viel mehr, als ich es für möglich
gehalten hätte. Aus allem begriff sie das, was ein Weib, wenn es nur
aufrichtig liebt, immer sofort begreift, nämlich: daß ich selbst
unglücklich war.
Der ängstliche, gekränkte Ausdruck ihres Gesichts verwandelte sich
allmählich in traurige Befremdung. Als ich mich aber gemein,
selbstsüchtig nannte und meine Tränen schon herabrollten – diese ganze
Tirade sprach ich mit Tränen in den Augen –, da verzog sich ihr Gesicht
wie im Krampf. Sie wollte aufstehn, mich unterbrechen; als ich aber
endete, da beachtete sie nicht meine Schreie: ‚warum hockst Du hier,
warum gehst Du nicht fort?‘ – sondern sah nur, daß es mir selbst schwer
war, alles das auszusprechen. Und so eingeschüchtert war das arme Ding;
sie hielt sich für so tief unter mir stehend; wie sollte sie es wagen,
sich zu ärgern, oder gar beleidigt zu sein? Von einem unbezwinglichen
Gefühl getrieben erhob sie sich plötzlich vom Stuhl und – denn sie wagte
es nicht, sich zu rühren oder zu mir zu kommen – streckte sie mir nur
wortlos ihre Hände entgegen ... Mein Herz wollte mir brechen. Da kam sie
denn zu mir, umarmte meinen Hals und brach in Tränen aus. Ich hielt es
nicht mehr aus und schluchzte auf, wie ich noch nie geschluchzt ...
„Man läßt mich nicht ... Ich kann nicht ... gut sein!“ sagte ich
schluchzend, darauf ging ich zum Diwan, warf mich auf ihn hin, preßte
mein Gesicht auf das alte Lederkissen und schluchzte mindestens eine
ganze Viertelstunde lang in wahrer Hysterie. Sie schmiegte sich an mich,
umarmte mich und blieb regungslos in dieser Stellung.
Nun war aber das Unangenehme der Sache, daß das Weinen doch einmal ein
Ende haben mußte. Und da – ich schreibe ja die ekelhafteste Wahrheit –
als ich noch schluchzend auf dem Diwan lag, das Gesicht fest an mein
altes Lederkissen gepreßt, fing ich schon allmählich an, zuerst nur ganz
von fern her, unwillkürlich, aber unbezwingbar zu fühlen, daß es mir
doch etwas peinlich sein würde, den Kopf zu erheben und Lisa in die
Augen zu sehn. Weswegen schämte ich mich denn? – Das weiß ich nicht,
aber ich weiß, daß ich mich schämte. Unter anderem ging mir auch der
häßliche Gedanke durch meinen heißen, verwirrten Kopf, daß jetzt die
Rollen vertauscht waren, daß jetzt sie die Heldin war, ich aber ein
ebenso erniedrigtes und zerschlagenes Geschöpf, wie sie es damals in der
Nacht vor mir gewesen – vor vier Tagen ... Und dieses dachte ich in den
Minuten, als ich noch mit dem Gesicht auf dem Diwan lag und weinte!
Mein Gott! Sollte ich sie denn wirklich in dem Augenblick beneidet
haben?
Ich weiß es nicht, selbst heute kann ich es noch nicht sagen, damals
aber begriff ich mich natürlich noch weniger als jetzt. Ich kann nun
einmal nicht leben, ohne irgend jemanden zu tyrannisieren ... Aber ...
Aber mit Erwägungen hin und her läßt sich ja doch nichts erklären,
folglich lohnt es sich nicht, darüber noch weiter nachzudenken.
Einstweilen aber überwand ich mich doch und erhob den Kopf; einmal mußte
es ja doch geschehen ... Und siehe, ich bin noch jetzt fest überzeugt,
daß gerade weil ich mich schämte, ihr in die Augen zu sehn, gerade darum
in mir plötzlich ein anderes Gefühl erwachte und aufflammte ... die Lust
– sie – zu – besitzen. Meine Augen glänzten vor Leidenschaft und ich
preßte krampfhaft ihre Hände. Wie haßte ich sie und wie zog es mich zu
ihr in diesem Augenblick! Das eine Gefühl bewältigte das andere. Das
glich fast einer Rache! ... Auf ihrem Gesicht drückte sich zuerst
Verwunderung aus, oder vielleicht sogar Angst, doch nur einen
Augenblick. Berauscht, leidenschaftlich umarmte sie mich.