22. Oktober.

Auf meinen täglichen Wanderungen durch die Stadt gelangte ich heute auf

einen der größten Plätze, der von einer tausendköpfigen Menge besetzt

war. Es herrschte tiefe Stille auf dem Platze. Ein Mann mit wallendem

Haupthaar und einem langen, weißen Vollbart, anscheinend dem

Gelehrtenstande angehörig, sprach zu der Menge.

Die Wissenschaft, sagte er, kann uns leider wenig Trost spenden, daß die

Reihe der Veränderungen mit diesem gewaltigen Eingriff in den

Himmelsmechanismus abgeschlossen sei. Sie wissen alle, fuhr er fort, daß

unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, wie man vor dem

großen Kopernikus allgemein geglaubt hatte, sondern daß sie sich seit

vielen Jahrmillionen mit ihren Geschwistern, den Planeten, um ihre

Mutter und Ernährerin Sonne dreht. Wie könnte es auch anders sein! Nur

Beschränktheit oder Größenwahn der Menschheit konnten annehmen, daß die

winzig kleine Erde, die _eineinviertel Millionen mal kleiner_ ist, als

die Sonne, den Mittelpunkt des Weltalls bildet.

Was das kleine Sandkörnlein Erde im großen Weltenplan bedeutet, das

sehen wir jetzt, wo ein unbedeutendes Gestirn, ein Vagabund des Himmels,

sich anschickt, der ganzen vieltausendjährigen Herrlichkeit ein

ruhmloses Ende zu bereiten. -- Mensch, deine ganze Geschichte und alle

Errungenschaften des Wissens und Erkennens gehen in einen Fingerhut,

wenn du den Blick zu den Myriaden Sonnen erhebst, die am nächtlichen

Himmel flammen. Und du hast dich vermessen, zu glauben, daß all die

Myriaden Sonnen, die so weit von dir entfernt sind, daß dein armes

Gehirn den Gedanken nicht auszudenken vermag, vom Schöpfer zu Vasallen

dieses winzigen Sandkörnchens, Erde, bestimmt wurden? Wißt Ihr, daß

diese glitzernden Punkte, deren Zahl keine Ziffer auszudrücken vermag,

ebensoviele Sonnen sind, größer und herrlicher als unsere Sonne und jede

einzelne umkreist von Planeten wie unsere Erde? Die nächste dieser

Sonnen ist dreieinhalb Lichtjahre von unserem armseligen Wohnort

entfernt. Das ist so leicht ausgesprochen. Wißt ihr, was ein Lichtjahr

ist? Ein Lichtjahr ist der Weg, den das Licht innerhalb eines Jahres

zurücklegt. Da habt ihr noch immer keine Vorstellung. Wenn ich euch

sage, daß das Licht in einer _Sekunde_ 40000 Meilen zurücklegt und daß

es bei dieser unfaßbaren Geschwindigkeit dreieinhalb Jahre braucht, um

den Weg vom nächsten Fixstern bis zur Erde zurückzulegen, da dämmert

euch wohl eine schwache Vorstellung davon auf. Aber noch besser werdet

ihr euch die Entfernung vorstellen, wenn ich euch sage, daß der

Orient-Expreßzug 75 Millionen Jahre brauchen würde, um diesen Weg

zurückzulegen. Das ist aber der nächste ebenbürtige Nachbar unserer

Sonne. Da giebt es in der Milchstraße und in den Nebelflecken Millionen

und Millionen Sonnen, deren Licht erst nach Jahrtausenden auf unsere

Erde gelangt. Ja, es ist fraglich, ob nicht einzelne Gestirne schon seit

Jahrtausenden erloschen sind, deren Lichtstrahl erst jetzt in unser Auge

gelangt. Und was die Größe dieser Welten betrifft, so ist es nicht

auszudenken, was trockene Zahlenreihen uns verkünden. Wir haben schon

gelernt, bescheiden zu sein, und unsere Erde, die den Alten noch als die

unendliche Welt erschienen, ist zu einem kleinen, schimmernden Pünktchen

zusammengeschrumpft, von dessen Dasein die mutmaßlichen Bewohner der

großen Himmelslichter ebensowenig Ahnung haben, als wir von den

Planetensystemen der übrigen Fixsterne. Und wenn man dort oben auf dem

Sirius tausendmal mächtigere und schärfere Fernrohre hätte, als wir, man

könnte das schwachleuchtende Pünktchen doch nie und nimmer entdecken.

Und wenn unsere Erde einmal auf den _Sirius_ fallen würde -- glaubt ihr,

das würde dort ein sonderliches Aufsehen machen? Selbst wenn sie einem

Siriusbewohner auf den Kopf fiele, würde er kaum ein Unbehagen davon

verspüren; denn sie hätte für ihn nur die Größe eines Kirschkernes!

Möglich, daß er sie seinen Kindern zum Spielen nach Hause brächte. Aber

selbst die sonnigen Augen dieser Fixsternbewohner würden auf dieser, mit

Schimmel überzogenen Kugel nichts Merkwürdiges entdecken. Die Städte,

Wälder, Flüsse, Berge und auch die mikroskopischen Lebewesen würden

ihren Blicken verborgen bleiben.

So sieht es aus mit unserer Erde, wenn wir einen Vergleich ziehen mit

ihren gigantischen Brüdern aus der Sternenwelt. Nur der Größenwahn, der

sich dieses kleine Wandelsternchen zum Mittelpunkt des Weltalls schuf,

konnte sich in den Gedanken einlullen, daß der erhabene Geist, der all

diese herrlichen Welten schuf, mit der Kirchturmpolitik und dem Gezänke

seiner Bewohner rechnen wird. Ihr geht in Eurer Blasphemie so weit, zu

glauben, daß Ihr den großen Geist für Eure kleinen Zwecke gewinnen könnt

durch Unterwürfigkeit und Bitten. In eurem beschränkten Gehirn ist er

noch immer der griesgrämige Alte, der schilt und tobt, mit Blitz und

Donnergroll seine üble Laune zu erkennen giebt und seinen ungeratenen

Kindern für gute Vorsätze immer wieder Straf-Prolongationen gewährt. Was

gilt ihm ein Mißton in dieser gewaltigen Weltensymphonie! -- Vor zehn

Jahren leuchtete im Sternbild der Andromeda ein Stern auf, den vorher

kein menschliches Auge gesehen. Anfangs hellleuchtend, erblaßte er

allmählich und verschwand nach wenigen Monaten. Das war ein

Weltuntergang! Durch den Zusammenstoß zweier nichtleuchtender Gestirne

kam es zu einer ungeheuren Wärmeentwicklung -- zwei Welten gingen in

Flammen auf. Sie waren nicht mehr selbstleuchtend, also erstarrt,

folglich für die Entwicklung von Lebewesen geeignet -- welch weites Feld

für kühne Konjekturen! Zwei Welten, die seit Jahrmillionen durch den

Äther kreisen, in denen sich Leben, Kultur, Kunstentfaltung entwickelt,

schöner und herrlicher vielleicht als auf unserer Erde, zerschellen

aneinander in Folge eines kleinen Mangels in dem gewaltigen Uhrwerk, wie

zwei Schiffe, die bei Nacht und Nebel auf stürmischem Ocean

aufeinanderprallen. Wir Erdenbewohner sahen diese, die kühnste Phantasie

übertreffende, unfaßbare und unausdenkbare Katastrophe -- aber was da in

ungeheuren Ätherfernen vor sich ging, das hatte ja für unsere Erde keine

Folgen. Man hörte ja kein Prasseln und Knattern, und die Lichtspur der

flammenden Welten war so klein wie das Dachfeuer eines meilenweit

entfernten Hauses. Wenn es nicht zu unserer Gemeinde gehört, so regt es

uns nicht weiter auf. Unsere Phantasie ist so stumpf, unsere Sinne sind

so plump! Und als wir zudem hörten, daß diese, einer anderen »Gemeinde«

angehörigen Welten so unermeßlich weit seien, daß der Lichtstrahl uns

Dinge verkündete, die vielleicht vor Jahrtausenden geschehen sind, da

nahmen wir die Nachricht von einer Weltkatastrophe recht gefaßt hin und

erhitzten uns weiter für unsere Kirchturmpolitik und unsere Zänkereien.

Werden und Vergehen ist doch das erste und uns erkennbarste Gesetz im

Weltenplan; also müssen auch Welten vergehen; das leuchtete uns ein, so

lange der Beweis dafür auf eine Entfernung von Billionen Meilen geführt

wurde.

Nun soll es auch an uns heran! Wie ist unsere Erde entstanden, das

heitere Sonnenkind? Der Mathematiker Laplace hat dafür eine Erklärung

gegeben. Die Sonne war einst ein ungeheuerer Ball von glühenden Gasen,

dessen Halbmesser länger war als die Entfernung des äußersten Planeten,

des Neptun, von dem Mittelpunkt der Sonne, also über 600 Millionen

Meilen. Dieser ungeheure Ball von glühenden Gasen kühlte sich auf seiner

Wanderung allmählich ab, und da sich alle Körper durch die Kälte

zusammenziehen, so nahm auch der Sonnenball an Volumen ab. Dieser

Zusammenziehung konnten aber einzelne Teile des Sonnenkörpers nicht

folgen, und während er sich zu einem kleineren Volumen verdichtete,

schnürte sich ein Ring von Sonnenmaterie ab, der nun frei im Weltenraum

schwebte. Dieser Ring, der die Bewegung des Hauptkörpers beibehielt,

ballte sich allmählich zu einer Kugel zusammen und umkreiste den

Mutterkörper nach der ursprünglichen Richtung der Bewegung seiner

kleinsten Teilchen.

Nach einem ungeheueren Zeitraum, der nur nach Jahrmillionen zu berechnen

ist, hat sich vom glühenden Sonnenball abermals ein Ring losgelöst,

dessen einzelne Teile sich in Folge der Rotation zu einer Kugel

zusammenballten, und so ging das fort durch Äonen. Auf diese Weise

entstanden der Reihe nach Neptun, Uranus, Saturn Jupiter, der Schwarm

der Asteroiden, ferner die Planeten Mars, Erde, Venus und Mercur. Die

Erde zählt also mit ihren Geschwistern, den Planeten, zu den

Sonnenkindern. Sie empfängt Leben und Nahrung, Licht und Wärme

ausschließlich von ihrer erhabenen Mutter, und viele Millionen Jahre

früher, bevor das letzte Licht auf dem Sonnenball verflackert ist,

müssen ihre Kinder, die Planeten, erstarren und vergehen . . .

Doch viel früher, als die Wissenschaft in ihren kühnsten Hypothesen

voraussetzen konnte, droht der Erde Tod und Verderben durch einen

Himmelsvagabunden, der in Folge seiner ungeheueren Größe einen

unheilvollen Einfluß auf die Umdrehungsgesetze unseres Planeten ausübt.

Noch bevor er dem Auge sichtbar war, konnte man Unregelmäßigkeiten

beobachten, und jetzt, da er mit seiner ganzen ungeheueren Masse auf die

Erde wirkt, hat die Stellung der Erdachse zur Ekliptik eine wesentliche

Änderung erfahren, wodurch wieder die Veränderung der klimatischen

Verhältnisse unserer Zone hervorgerufen wurde. Wir in Europa, dann die

Bewohner des nördlichen Asiens und Nordamerikas haben durch diese

Änderung gewonnen. Die Bodenfrüchte gedeihen allenthalben in unerhörter

Üppigkeit. Man heimst Ernten mit hundertfachem Ertrage ein. Dafür aber

kommen aus den Äquatorialgegenden die haarsträubendsten Berichte von

versengendem Sonnenbrand. In ängstlicher Hast fliehen die Völker Indiens

und des inneren Afrikas nach dem Norden, um sich vor den mordenden

Strahlen der Sonne und vor der durch kein Lüftchen gemilderten

Glutatmosphäre zu retten.

Und nun nehmt es gefaßt hin, was die Wissenschaft als das

wahrscheinliche Schicksal unserer Erde voraussagen kann. Der unheimliche

Genosse wird uns nicht mehr verlassen. Die Erde wird mit ihm als

Doppelgestirn um die Sonne kreisen. Doch da er der Stärkere ist, wird er

die Erde aus ihrer Bahn zu reißen trachten. Die Erde wird ihm folgen

müssen -- unwillig zwar, denn sie will ihre vorgeschriebene Bahn

einhalten -- aber allmählich in großen Spirallinien werden ihre Kreise

immer weiter werden, und das Licht der Sonne wird immer mehr verblassen;

dann aber wird das Leben auf unserer Erde erstarren -- ein fahler

Dämmerschein wird alles einhüllen, was ehedem des Menschen Auge entzückt

hatte, und in der ewigen Sternennacht werden wir -- so lange Lebenswärme

noch in unseren Adern wohnt -- mit Sehnsucht nach einem schwach

schimmernden Sterne blicken, der einst unsere Sonne war . . .«

Mit unheimlicher Ruhe nahm die Menge die Wahrheiten entgegen, die ihr

die unerbittliche Wissenschaft durch den Mund des Gelehrten verkündete.

In stumpfer Resignation verließ sie den Platz. Freunde umarmten einander

und drückten sich die Hände, als wollten sie Abschied nehmen für's

Leben. Dann blickten sie wehmütig hinauf zum leuchtenden Sonnenball, der

in gewohnter Schönheit und Majestät herniederstrahlte auf die Erde

. . . Kopfschüttelnd und fiebernd fast vor innerer Erregung suchten sie

ihr Heim auf. Es kann ja nicht sein! Es ist ja so ganz unfaßbar! . . .

Der Weltuntergang: Eine Phantasie aus dem Jahre 1900 · 第 3 / 6 题