Auf meinen täglichen Wanderungen durch die Stadt gelangte ich heute auf
einen der größten Plätze, der von einer tausendköpfigen Menge besetzt
war. Es herrschte tiefe Stille auf dem Platze. Ein Mann mit wallendem
Haupthaar und einem langen, weißen Vollbart, anscheinend dem
Gelehrtenstande angehörig, sprach zu der Menge.
Die Wissenschaft, sagte er, kann uns leider wenig Trost spenden, daß die
Reihe der Veränderungen mit diesem gewaltigen Eingriff in den
Himmelsmechanismus abgeschlossen sei. Sie wissen alle, fuhr er fort, daß
unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, wie man vor dem
großen Kopernikus allgemein geglaubt hatte, sondern daß sie sich seit
vielen Jahrmillionen mit ihren Geschwistern, den Planeten, um ihre
Mutter und Ernährerin Sonne dreht. Wie könnte es auch anders sein! Nur
Beschränktheit oder Größenwahn der Menschheit konnten annehmen, daß die
winzig kleine Erde, die _eineinviertel Millionen mal kleiner_ ist, als
die Sonne, den Mittelpunkt des Weltalls bildet.
Was das kleine Sandkörnlein Erde im großen Weltenplan bedeutet, das
sehen wir jetzt, wo ein unbedeutendes Gestirn, ein Vagabund des Himmels,
sich anschickt, der ganzen vieltausendjährigen Herrlichkeit ein
ruhmloses Ende zu bereiten. -- Mensch, deine ganze Geschichte und alle
Errungenschaften des Wissens und Erkennens gehen in einen Fingerhut,
wenn du den Blick zu den Myriaden Sonnen erhebst, die am nächtlichen
Himmel flammen. Und du hast dich vermessen, zu glauben, daß all die
Myriaden Sonnen, die so weit von dir entfernt sind, daß dein armes
Gehirn den Gedanken nicht auszudenken vermag, vom Schöpfer zu Vasallen
dieses winzigen Sandkörnchens, Erde, bestimmt wurden? Wißt Ihr, daß
diese glitzernden Punkte, deren Zahl keine Ziffer auszudrücken vermag,
ebensoviele Sonnen sind, größer und herrlicher als unsere Sonne und jede
einzelne umkreist von Planeten wie unsere Erde? Die nächste dieser
Sonnen ist dreieinhalb Lichtjahre von unserem armseligen Wohnort
entfernt. Das ist so leicht ausgesprochen. Wißt ihr, was ein Lichtjahr
ist? Ein Lichtjahr ist der Weg, den das Licht innerhalb eines Jahres
zurücklegt. Da habt ihr noch immer keine Vorstellung. Wenn ich euch
sage, daß das Licht in einer _Sekunde_ 40000 Meilen zurücklegt und daß
es bei dieser unfaßbaren Geschwindigkeit dreieinhalb Jahre braucht, um
den Weg vom nächsten Fixstern bis zur Erde zurückzulegen, da dämmert
euch wohl eine schwache Vorstellung davon auf. Aber noch besser werdet
ihr euch die Entfernung vorstellen, wenn ich euch sage, daß der
Orient-Expreßzug 75 Millionen Jahre brauchen würde, um diesen Weg
zurückzulegen. Das ist aber der nächste ebenbürtige Nachbar unserer
Sonne. Da giebt es in der Milchstraße und in den Nebelflecken Millionen
und Millionen Sonnen, deren Licht erst nach Jahrtausenden auf unsere
Erde gelangt. Ja, es ist fraglich, ob nicht einzelne Gestirne schon seit
Jahrtausenden erloschen sind, deren Lichtstrahl erst jetzt in unser Auge
gelangt. Und was die Größe dieser Welten betrifft, so ist es nicht
auszudenken, was trockene Zahlenreihen uns verkünden. Wir haben schon
gelernt, bescheiden zu sein, und unsere Erde, die den Alten noch als die
unendliche Welt erschienen, ist zu einem kleinen, schimmernden Pünktchen
zusammengeschrumpft, von dessen Dasein die mutmaßlichen Bewohner der
großen Himmelslichter ebensowenig Ahnung haben, als wir von den
Planetensystemen der übrigen Fixsterne. Und wenn man dort oben auf dem
Sirius tausendmal mächtigere und schärfere Fernrohre hätte, als wir, man
könnte das schwachleuchtende Pünktchen doch nie und nimmer entdecken.
Und wenn unsere Erde einmal auf den _Sirius_ fallen würde -- glaubt ihr,
das würde dort ein sonderliches Aufsehen machen? Selbst wenn sie einem
Siriusbewohner auf den Kopf fiele, würde er kaum ein Unbehagen davon
verspüren; denn sie hätte für ihn nur die Größe eines Kirschkernes!
Möglich, daß er sie seinen Kindern zum Spielen nach Hause brächte. Aber
selbst die sonnigen Augen dieser Fixsternbewohner würden auf dieser, mit
Schimmel überzogenen Kugel nichts Merkwürdiges entdecken. Die Städte,
Wälder, Flüsse, Berge und auch die mikroskopischen Lebewesen würden
ihren Blicken verborgen bleiben.
So sieht es aus mit unserer Erde, wenn wir einen Vergleich ziehen mit
ihren gigantischen Brüdern aus der Sternenwelt. Nur der Größenwahn, der
sich dieses kleine Wandelsternchen zum Mittelpunkt des Weltalls schuf,
konnte sich in den Gedanken einlullen, daß der erhabene Geist, der all
diese herrlichen Welten schuf, mit der Kirchturmpolitik und dem Gezänke
seiner Bewohner rechnen wird. Ihr geht in Eurer Blasphemie so weit, zu
glauben, daß Ihr den großen Geist für Eure kleinen Zwecke gewinnen könnt
durch Unterwürfigkeit und Bitten. In eurem beschränkten Gehirn ist er
noch immer der griesgrämige Alte, der schilt und tobt, mit Blitz und
Donnergroll seine üble Laune zu erkennen giebt und seinen ungeratenen
Kindern für gute Vorsätze immer wieder Straf-Prolongationen gewährt. Was
gilt ihm ein Mißton in dieser gewaltigen Weltensymphonie! -- Vor zehn
Jahren leuchtete im Sternbild der Andromeda ein Stern auf, den vorher
kein menschliches Auge gesehen. Anfangs hellleuchtend, erblaßte er
allmählich und verschwand nach wenigen Monaten. Das war ein
Weltuntergang! Durch den Zusammenstoß zweier nichtleuchtender Gestirne
kam es zu einer ungeheuren Wärmeentwicklung -- zwei Welten gingen in
Flammen auf. Sie waren nicht mehr selbstleuchtend, also erstarrt,
folglich für die Entwicklung von Lebewesen geeignet -- welch weites Feld
für kühne Konjekturen! Zwei Welten, die seit Jahrmillionen durch den
Äther kreisen, in denen sich Leben, Kultur, Kunstentfaltung entwickelt,
schöner und herrlicher vielleicht als auf unserer Erde, zerschellen
aneinander in Folge eines kleinen Mangels in dem gewaltigen Uhrwerk, wie
zwei Schiffe, die bei Nacht und Nebel auf stürmischem Ocean
aufeinanderprallen. Wir Erdenbewohner sahen diese, die kühnste Phantasie
übertreffende, unfaßbare und unausdenkbare Katastrophe -- aber was da in
ungeheuren Ätherfernen vor sich ging, das hatte ja für unsere Erde keine
Folgen. Man hörte ja kein Prasseln und Knattern, und die Lichtspur der
flammenden Welten war so klein wie das Dachfeuer eines meilenweit
entfernten Hauses. Wenn es nicht zu unserer Gemeinde gehört, so regt es
uns nicht weiter auf. Unsere Phantasie ist so stumpf, unsere Sinne sind
so plump! Und als wir zudem hörten, daß diese, einer anderen »Gemeinde«
angehörigen Welten so unermeßlich weit seien, daß der Lichtstrahl uns
Dinge verkündete, die vielleicht vor Jahrtausenden geschehen sind, da
nahmen wir die Nachricht von einer Weltkatastrophe recht gefaßt hin und
erhitzten uns weiter für unsere Kirchturmpolitik und unsere Zänkereien.
Werden und Vergehen ist doch das erste und uns erkennbarste Gesetz im
Weltenplan; also müssen auch Welten vergehen; das leuchtete uns ein, so
lange der Beweis dafür auf eine Entfernung von Billionen Meilen geführt
wurde.
Nun soll es auch an uns heran! Wie ist unsere Erde entstanden, das
heitere Sonnenkind? Der Mathematiker Laplace hat dafür eine Erklärung
gegeben. Die Sonne war einst ein ungeheuerer Ball von glühenden Gasen,
dessen Halbmesser länger war als die Entfernung des äußersten Planeten,
des Neptun, von dem Mittelpunkt der Sonne, also über 600 Millionen
Meilen. Dieser ungeheure Ball von glühenden Gasen kühlte sich auf seiner
Wanderung allmählich ab, und da sich alle Körper durch die Kälte
zusammenziehen, so nahm auch der Sonnenball an Volumen ab. Dieser
Zusammenziehung konnten aber einzelne Teile des Sonnenkörpers nicht
folgen, und während er sich zu einem kleineren Volumen verdichtete,
schnürte sich ein Ring von Sonnenmaterie ab, der nun frei im Weltenraum
schwebte. Dieser Ring, der die Bewegung des Hauptkörpers beibehielt,
ballte sich allmählich zu einer Kugel zusammen und umkreiste den
Mutterkörper nach der ursprünglichen Richtung der Bewegung seiner
kleinsten Teilchen.
Nach einem ungeheueren Zeitraum, der nur nach Jahrmillionen zu berechnen
ist, hat sich vom glühenden Sonnenball abermals ein Ring losgelöst,
dessen einzelne Teile sich in Folge der Rotation zu einer Kugel
zusammenballten, und so ging das fort durch Äonen. Auf diese Weise
entstanden der Reihe nach Neptun, Uranus, Saturn Jupiter, der Schwarm
der Asteroiden, ferner die Planeten Mars, Erde, Venus und Mercur. Die
Erde zählt also mit ihren Geschwistern, den Planeten, zu den
Sonnenkindern. Sie empfängt Leben und Nahrung, Licht und Wärme
ausschließlich von ihrer erhabenen Mutter, und viele Millionen Jahre
früher, bevor das letzte Licht auf dem Sonnenball verflackert ist,
müssen ihre Kinder, die Planeten, erstarren und vergehen . . .
Doch viel früher, als die Wissenschaft in ihren kühnsten Hypothesen
voraussetzen konnte, droht der Erde Tod und Verderben durch einen
Himmelsvagabunden, der in Folge seiner ungeheueren Größe einen
unheilvollen Einfluß auf die Umdrehungsgesetze unseres Planeten ausübt.
Noch bevor er dem Auge sichtbar war, konnte man Unregelmäßigkeiten
beobachten, und jetzt, da er mit seiner ganzen ungeheueren Masse auf die
Erde wirkt, hat die Stellung der Erdachse zur Ekliptik eine wesentliche
Änderung erfahren, wodurch wieder die Veränderung der klimatischen
Verhältnisse unserer Zone hervorgerufen wurde. Wir in Europa, dann die
Bewohner des nördlichen Asiens und Nordamerikas haben durch diese
Änderung gewonnen. Die Bodenfrüchte gedeihen allenthalben in unerhörter
Üppigkeit. Man heimst Ernten mit hundertfachem Ertrage ein. Dafür aber
kommen aus den Äquatorialgegenden die haarsträubendsten Berichte von
versengendem Sonnenbrand. In ängstlicher Hast fliehen die Völker Indiens
und des inneren Afrikas nach dem Norden, um sich vor den mordenden
Strahlen der Sonne und vor der durch kein Lüftchen gemilderten
Glutatmosphäre zu retten.
Und nun nehmt es gefaßt hin, was die Wissenschaft als das
wahrscheinliche Schicksal unserer Erde voraussagen kann. Der unheimliche
Genosse wird uns nicht mehr verlassen. Die Erde wird mit ihm als
Doppelgestirn um die Sonne kreisen. Doch da er der Stärkere ist, wird er
die Erde aus ihrer Bahn zu reißen trachten. Die Erde wird ihm folgen
müssen -- unwillig zwar, denn sie will ihre vorgeschriebene Bahn
einhalten -- aber allmählich in großen Spirallinien werden ihre Kreise
immer weiter werden, und das Licht der Sonne wird immer mehr verblassen;
dann aber wird das Leben auf unserer Erde erstarren -- ein fahler
Dämmerschein wird alles einhüllen, was ehedem des Menschen Auge entzückt
hatte, und in der ewigen Sternennacht werden wir -- so lange Lebenswärme
noch in unseren Adern wohnt -- mit Sehnsucht nach einem schwach
schimmernden Sterne blicken, der einst unsere Sonne war . . .«
Mit unheimlicher Ruhe nahm die Menge die Wahrheiten entgegen, die ihr
die unerbittliche Wissenschaft durch den Mund des Gelehrten verkündete.
In stumpfer Resignation verließ sie den Platz. Freunde umarmten einander
und drückten sich die Hände, als wollten sie Abschied nehmen für's
Leben. Dann blickten sie wehmütig hinauf zum leuchtenden Sonnenball, der
in gewohnter Schönheit und Majestät herniederstrahlte auf die Erde
. . . Kopfschüttelnd und fiebernd fast vor innerer Erregung suchten sie
ihr Heim auf. Es kann ja nicht sein! Es ist ja so ganz unfaßbar! . . .