20. Oktober.

Wenn man so auf die Straße tritt! Wo ist das Hasten, wo sind die

zerstreuten Mienen, wo ist die sich selbst vergessende Fröhlichkeit, wo

die Gedanken an Geschäft und Erwerb, die man sonst von tausend

Gesichtern ablesen konnte? -- Es ist furchtbar, bei all den Tausenden,

welche an mir vorüberfluteten, nur das eine _unveränderliche_ Antlitz zu

sehen. Alle die vielfachen Interessen des Lebens, welche sich sonst in

unzähligen Zügen in den Gesichtern der Vorübereilenden bemerkbar

machten, lassen jetzt keinen Abglanz zurück. Unbewegliche Masken, in

welche mit ehernem Griffel ein einziger Zug eingegraben ist: Dumpfe

Ergebenheit!

Und dennoch, die große Maschine »_Gesellschaft_« haspelt ihr Tagewerk

gedankenlos ab; scheinbar geht alles in regelmäßigem Geleise. Man

fürchtet den Stillstand, wie das Chaos. Ich trete auf die Straße. Kein

Lüftchen regt sich. Herrlicher denn je strahlt die Sonne vom wolkenlosen

Firmament herunter, und so erneut sich Tag um Tag. Baum und Strauch

setzen neue Knospen und Blüten an, die Lerche schwingt sich tirilierend

hoch hinauf in den hellblauen, zitternden Äther -- denn die rauhen

Herbststürme des Äquinoctiums sind ausgeblieben, die Wandervögel haben

ihren Zug nach dem Süden eingestellt -- sie tragen Halme in ihre Nester

und bereiten sich auf einen neuen Sommer vor.

Man glaubt das goldene Zeitalter gekommen. Die Wintersaat ist üppig in

die Halme geschossen und verspricht hundertfachen Ertrag. Durch einen

unerklärlichen Vorgang im Mechanismus unseres Planetensystems gelangte

die Erdachse in eine nahezu senkrechte Stellung zur Ekliptik. So heißt

nämlich die kreisähnliche Kurve, die die Erde bei ihrem jährlichen

Umlauf um die Sonne beschreibt. Für unsere Zone bedeutet diese Umwälzung

einen ungeheueren Zuwachs an Wärme.

Obwohl auch diese Veränderung auf den Einfluß des unheilvollen Gestirnes

zurückzuführen war, gab es doch viele, welche in ihrem Optimismus

geneigt waren, die Reihe der Veränderungen damit als abgeschlossen zu

betrachten. In Flugblättern und Telegrammen wurden Hunderte von

Hypothesen verbreitet, die jedoch immer wieder von anderen verdrängt

wurden. Dies konnte die Menge nicht befriedigen. Im heißen Drange, die

Vorfälle dieser ereignisvollen Zeit im günstigen Sinne auszulegen,

veranstalteten die Bewohner der Erde Dankprozessionen, in denen sie sich

im überquellenden Dankgefühle vor ihrem Schöpfer niederwarfen und den

Allerhalter anflehten, die drohende Heimsuchung von ihnen abzuwenden. In

unabsehbaren Zügen, unter Vorantragung ihrer Heiligtümer und mit

Entfaltung des herrlichsten Kirchenprunkes zogen sie hinaus unter Gottes

freien Himmel, und indes in der verlassenen Riesenstadt die Glocken der

hundert Kirchentürme wie das Gebetlallen ihrer Bewohner zum Himmel

klangen, unterstützte draußen der Donner aus Hunderten von

Kanonenschlünden den inbrünstigen Aufschrei der Kreatur . . .

Der Weltuntergang: Eine Phantasie aus dem Jahre 1900 · 第 2 / 6 题