Wenn man so auf die Straße tritt! Wo ist das Hasten, wo sind die
zerstreuten Mienen, wo ist die sich selbst vergessende Fröhlichkeit, wo
die Gedanken an Geschäft und Erwerb, die man sonst von tausend
Gesichtern ablesen konnte? -- Es ist furchtbar, bei all den Tausenden,
welche an mir vorüberfluteten, nur das eine _unveränderliche_ Antlitz zu
sehen. Alle die vielfachen Interessen des Lebens, welche sich sonst in
unzähligen Zügen in den Gesichtern der Vorübereilenden bemerkbar
machten, lassen jetzt keinen Abglanz zurück. Unbewegliche Masken, in
welche mit ehernem Griffel ein einziger Zug eingegraben ist: Dumpfe
Ergebenheit!
Und dennoch, die große Maschine »_Gesellschaft_« haspelt ihr Tagewerk
gedankenlos ab; scheinbar geht alles in regelmäßigem Geleise. Man
fürchtet den Stillstand, wie das Chaos. Ich trete auf die Straße. Kein
Lüftchen regt sich. Herrlicher denn je strahlt die Sonne vom wolkenlosen
Firmament herunter, und so erneut sich Tag um Tag. Baum und Strauch
setzen neue Knospen und Blüten an, die Lerche schwingt sich tirilierend
hoch hinauf in den hellblauen, zitternden Äther -- denn die rauhen
Herbststürme des Äquinoctiums sind ausgeblieben, die Wandervögel haben
ihren Zug nach dem Süden eingestellt -- sie tragen Halme in ihre Nester
und bereiten sich auf einen neuen Sommer vor.
Man glaubt das goldene Zeitalter gekommen. Die Wintersaat ist üppig in
die Halme geschossen und verspricht hundertfachen Ertrag. Durch einen
unerklärlichen Vorgang im Mechanismus unseres Planetensystems gelangte
die Erdachse in eine nahezu senkrechte Stellung zur Ekliptik. So heißt
nämlich die kreisähnliche Kurve, die die Erde bei ihrem jährlichen
Umlauf um die Sonne beschreibt. Für unsere Zone bedeutet diese Umwälzung
einen ungeheueren Zuwachs an Wärme.
Obwohl auch diese Veränderung auf den Einfluß des unheilvollen Gestirnes
zurückzuführen war, gab es doch viele, welche in ihrem Optimismus
geneigt waren, die Reihe der Veränderungen damit als abgeschlossen zu
betrachten. In Flugblättern und Telegrammen wurden Hunderte von
Hypothesen verbreitet, die jedoch immer wieder von anderen verdrängt
wurden. Dies konnte die Menge nicht befriedigen. Im heißen Drange, die
Vorfälle dieser ereignisvollen Zeit im günstigen Sinne auszulegen,
veranstalteten die Bewohner der Erde Dankprozessionen, in denen sie sich
im überquellenden Dankgefühle vor ihrem Schöpfer niederwarfen und den
Allerhalter anflehten, die drohende Heimsuchung von ihnen abzuwenden. In
unabsehbaren Zügen, unter Vorantragung ihrer Heiligtümer und mit
Entfaltung des herrlichsten Kirchenprunkes zogen sie hinaus unter Gottes
freien Himmel, und indes in der verlassenen Riesenstadt die Glocken der
hundert Kirchentürme wie das Gebetlallen ihrer Bewohner zum Himmel
klangen, unterstützte draußen der Donner aus Hunderten von
Kanonenschlünden den inbrünstigen Aufschrei der Kreatur . . .