25. November 1899.

Das waren Stunden! Noch immer tobt es in meinen Adern, noch immer

schwingen die Nerven von den Eindrücken der letzten Stunden! -- Die

zweite Ernte war geborgen. Ein Segen, wie ihn der Landmann noch nie

vorher gesehen. Was da eingeführt wurde in Scheunen und Gruben, das

reichte auf Jahre hinaus für die europäische Menschheit. Arbeitskräfte

waren in Fülle vorhanden; denn die Heere waren aufgelöst und die

männliche Jugend hatte geholfen die Felder bestellen und die Ernte

bergen. Der Segen des Himmels hatte seine Wirkung gethan. Es war in den

letzten Tagen wie Ruhe und neue Zuversicht über die Menschheit gekommen.

Da kam der Abend des 24. Novembers. Der Dämon am nächtlichen Himmel

lagerte über dem südlichen Horizont. Die gelblich fahle Dämmerung

verscheuchte bald die wenigen Passanten aus den Straßen. Sie waren fast

menschenleer. _Da kam es._ -- Vom Sternbild der Cassiopeja schien es

auszugehen. Zuerst ein hellglänzender Lichtstreif, dann ein Funkenregen,

wie von einer Sprührakete. Das kam immer häufiger, bald da, bald dort,

und bald schien es, als ob an einem Teile des Himmels eine

Feuerwerksfront abgebrannt würde. Wir sahen vom Fenster unserer Wohnung

diesem eigenartigen Schauspiel zu. -- »Ein Meteoritenregen,« meinte der

Rat. -- »Ja wohl,« sagte ich »diese Meteore sind aber Bestandteile des

Kometen. Die Erde ist also in einen Teil des Kernes eingedrungen.« -- In

diesem Augenblicke gewahrte ich eine Menschengruppe, die lebhaft

gestikulierend einen Gegenstand betrachtete. Ein Mann schien den

Umstehenden den Gegenstand zu erklären. Hie und da bückte sich einer, um

etwas vom Boden aufzulesen. Auf einmal hörte ich einen Jubelschrei

ansstoßen, und gleich darauf stob die Menge jauchzend auseinander. --

»Was ist nur wieder los, was stimmt die Menge auf einmal so fröhlich?«

fragte der Rat. -- Ich versprach den Meinigen, bald wieder da zu sein,

und begab mich auf die Straße. Überall das wirre Durcheinanderdrängen,

Jauchzen und Schreien. Aus den Hausthoren stürzten sie hervor auf die

Straße, lebhaft gestikulierend und einander die Gegenstände zeigend, die

sie vom Boden auflasen. »Was ist's, was giebt es denn?« rief ich den

Nächststehenden an.

-- Er that einen Freudensprung und schrie: »Gold, Gold -- pures Gold --

alles, was da herunterfällt vom Himmel ist pures Gold!«

Es war wirklich so. Ich bückte mich nach einem glänzenden Gegenstand in

der Größe einer Haselnuß. Er war noch heiß von seiner jähen Fahrt; aber

es war Gold -- pures Gold. Während ich es aufmerksam betrachtete, riß es

mir ein Vorübereilender brutal aus der Hand. »Such dir ein anderes!«

rief er mir zu. Mir schoß das Blut heiß in die Schläfen. Auch jetzt,

Menschheit, in der Zeit des namenlosen Schreckens wühlt das Wörtchen

Gold mit einem Male all die bösen Leidenschaften wieder auf, die dich

seit vielen Jahrtausenden fruchtlos im Kreise herumgeführt haben! Gold,

Gold! Was hat das jetzt noch für Bedeutung -- Ihr braucht es nicht. Es

ist doch nur ein wertloses Symbol. -- Aber jedes Wort verhallte in dem

Lärm. Von heftigster Leidenschaft erregt, fielen sie über die Goldkörner

her, die anfangs vereinzelt, dann in immer größerer Zahl und in größeren

Stücken zur Erde fielen. Sie achteten nicht der empfindlichen Wunden,

welche die herabfallenden Stücke verursachten -- mit Körben und Kisten

und allerlei Gefäßen stürzten sie aus den Häusern und rafften zusammen,

was im Bereiche ihrer Hände lag. Dabei kamen sie miteinander in Streit,

der die wildesten Formen annahm -- Gold, Reichtum! -- ein grauenhaftes

Delirium kam über die Massen -- Besinnung, ruhiges Nachdenken konnten

nicht zur Geltung kommen. Jeder raffte, was er nur konnte, und sah voll

Wut auf den Nächsten -- und ich sah, wie einer seinem Nachbar das Messer

in den Rücken bohrte, um sich der Beute zu bemächtigen. Von namenlosem

Grauen erfaßt, floh ich die Stätte des Wahnsinns. --

Aber der Hohn des Schicksals brachte diesen Unglücklichen Sättigung

ihrer grenzenlosen Leidenschaft. Bald waren die Dächer und Straßen

zollhoch mit Goldkörnern bedeckt. Unablässig schaufelten sie das

kostbare Metall in ihre Häuser. Und der zweifelhafte Segen nahm kein

Ende. Immer dichter wurde der Regen, und zuweilen fielen auch Klumpen

von beträchtlicher Größe herab, die mit lautem Jubelgeschrei begrüßt

wurden. Hier und dort blieb einer, von einem schweren Stück getroffen,

liegen. Des achteten aber die anderen nicht und schaufelten eifrig

weiter. Jetzt aber kam ein Geprassel und ein Geknatter, als ob die

Feuerschlünde von hundert Batterien sich geöffnet hätten. Gold -- Gold

und wieder Gold fiel herunter. Hunderte von Leichen lagen in den Straßen

-- da ergriff die übrigen starres Entsetzen. Sie flüchteten in ihre

Wohnungen und fluchten dem Golde! Dem lieben Golde, das sie seit vielen

Jahrtausenden mit allen Listen erschlichen, mit allen Lastern errafft --

mit Mord und Todschlag erbeutet hatten. Jetzt war es da -- und jetzt

ließ sich der einst so spröde Gast nicht abweisen. Mit Donnergekrach

fielen ganze Blöcke zur Erde, zerschmetterten Menschen und Häuser, und

über den Unglücklichen häuften sich Leichenhügel und Berge von Gold.

Als die Sonne aufging, beleuchtete sie ein entsetzliches Bild der

Zerstörung.

Fußhoch lag das gelbe, gleißende Metall in den Straßen und auf den

Feldern, zumeist in erbsengroßen Stücken; dazwischen aber Blöcke von

riesigen Dimensionen, deren verheerende Wirkungen allenthalben sichtbar

waren. Wo solch ein Block mit seinem ungeheueren Gewichte hinfiel, da

zerschmetterte er alles, was nicht aus Erz und Granit gefügt war. In

vielen Straßen waren die Dächer der Häuser demoliert, ja ganze

Stockwerke durchschlagen. Nach Tausenden zählten die Opfer, welche der

schrecklichen Katastrophe erlegen waren. Inmitten des Stromes war ein

Block von solch ungeheueren Dimensionen gefallen, daß das Wasser aus

seinem Bette austrat und weithin die Gegend überschwemmte. Dieser »Berg

von Gold« glänzte nun weithin in der aufgehenden Sonne; er überragte an

Höhe die umliegenden Hügel und stellte eine Masse vor, die sämtliches

gemünzte und zu Geschmeiden verarbeitete Gold der Erde um das

Tausendfache übertraf. Als ich mit bebender Seele durch die Straßen der

Stadt schritt und mit Schaudern die Erschlagenen betrachtete, welche

noch die zusammengerafften Goldbrocken in den erstarrten Händen hielten,

stand auf einmal der alte Professor Holberg, ein wunderlicher Kauz,

dessen Äußeres schon den Sonderling verriet, hinter mir, tippte mir auf

die Schulter und sagte mit seiner schnarrenden Stimme: »Nun, da wären

wir ja so weit! Das liebe Gold, das herrliche Gold, das durch so viele

Jahrtausende unserer Weisheit Anfang und Ende war -- es braucht nicht

mehr erlistet, erschlichen, erkämpft, ertrotzt, erpreßt zu werden, es

liegt auf der Straße -- da kommt und nehmt es -- ihr seid freundlichst

eingeladen. Schleppt es fort in eure Höhlen und Schlupfwinkel, bis ihr

unter seiner Last zusammenbrecht -- je mehr, desto besser. Haben Sie

gesehen, Herr Kollege, wie sie in ihr altes Delirium verfielen, wie der

chronische Goldhunger der Menschheit auf einmal in einen wahnwitzigen

Paroxysmus ausartete und gleich darauf in sein Gegenteil verfiel?«

Er bückte sich und hob ein eigroßes Stück vom Boden auf. »Schade, ei,

wie schade!« rief er aus. »Dich hätt' ich im vorigen Jahre noch brauchen

können, als ich den Sohn der armen Witwe behandelte. Er sollte fort in

ein wärmeres Klima, da hätte er noch gerettet werden können, der

Ernährer seines alten Mütterchens. Warum bist du denn damals nicht durch

den Schornstein hereingeflogen, du dummes, plumpes Stück Gold -- weißt

du denn nicht, wie sehr sie dich herbeigesehnt, das weißhaarige

Mütterchen, wie sie ihr armes Gehirn zermartert hat, um einen Weg zu

finden, wie man dich herbeischaffen könnte, wie sie vor dem Bilde ihres

Schöpfers auf den Knieen gelegen, um dich vom Himmel herabzuflehen --

alles vergeblich; du bist damals nicht gekommen, du dummes, fühlloses,

gleißendes Stück Metall -- sie mußte ihr Kind, ihren Ernährer täglich

mehr hinschwinden sehen, und wenn sie gleich aufschrie in ihrem wilden

Schmerze -- es fand sich doch keiner, der sich von dir um seines

Mitmenschen willen getrennt hätte, denn sie hatten dich alle lieb mit

einer sündhaften, abgöttischen Liebe, sie hatten dich lieber als ihren

Nächsten, lieber als Mutter und Vater, lieber als ihr eigenes Kind, ihre

Ehre, ihren Gott! Du durftest nur blinken, so kehrte sich die Natur des

Menschen um -- du machtest den ehrlichen Mann zum Betrüger, das

schamhafte Weib zur Dirne, den strengen Richter zum käuflichen

Rechtsverdreher. Hahaha! Und jetzt bist du da -- aber den Sohn der armen

Witwe hat man inzwischen schon eingegraben, und die Alte ist ihm schnell

gefolgt. Ein Glück für dich; denn sie hätte dir ja doch geflucht, wenn

du jetzt gekommen wärst, wie zum Hohne. Und sie fluchen dir alle --

haben Sie gesehen, lieber Kollege, welcher Verachtung und welchem Ekel

das gelbe Metall allenthalben begegnet? Es ist nichts mehr wert! Hahaha!

Entthront, der Purpurmantel herabgerissen, das Scepter entzwei gebrochen

-- du stolzer Herrscher über die Menschheit, mächtiger als Dschingiskhan

und Tamerlan, aber auch grausamer als diese, deine Herrschaft ist zu

Ende. Du hast abgewirtschaftet, du stolzer Verächter des Schweißes und

der Arbeit, du unerbittlicher Sklaventreiber der Armut, dein Reich ist

dahin, du kupplerischer Sklave des Wohllebens, du stets

dienstbeflissener Helfer des Übermutes, du Hofnarr des Müßiggangs und

des Dünkels. -- Ei, was seh' ich denn da? Goldene Spangen und Ringe,

kunstvolles Geschmeide -- alles auf die Gasse geworfen, wie unnützen

Kehricht! Da sehen Sie nur selbst, wie man all den Tand zum Fenster

hinauswirft! Und jener Bettler, in Lumpen gehüllt, er stößt das

glitzernde Geschmeide, das eben aus jenem Fenster gefallen ist,

verächtlich mit dem Fuße bei Seite. Ein Stück Brot ist ihm lieber.«

Professor _Holberg_ hielt plötzlich inne und deutete auf eine Gruppe von

Frauen und Männern, welche, fröhliche Lieder singend, in's Freie zogen.

»Haben sie nicht recht?« fragte er mich. »Sie können es ja nicht ändern.

Was da kommt, hätte jeden Tag kommen können in all den langen

Zeitperioden, an die sich die Menschheit zurückerinnert. Wie viele haben

in früheren Zeiten dem Tode in tausendfachen Gestalten furchtlos ins

Antlitz geschaut! Und für jeden Einzelnen, wenn es für ihn ans Sterben

ging, war der Tod ein Weltuntergang.« --

Wir schlossen uns der Gruppe an. Gegen Westen zu war die Landschaft von

dem Meteorregen des vorhergehenden Tages so ziemlich verschont

geblieben, während auf der östlichen Seite die Felder verwüstet, die

Wälder ihres Laubes beraubt waren, und viele Stämme zerschmettert auf

dem Boden lagen. Es war also anzunehmen, daß die Katastrophe nur auf

einem begrenzten Strich Landes so ungeheuere Verheerungen angerichtet

hatte. Wir kamen an einen herrlichen, freien Platz, von einem

hochstämmigen Buchenwald eingefaßt. Die Waldlisière entlang rauschte ein

munteres Bächlein. Hier lagerte sich die fröhliche Schar im Schatten

hundertjähriger Buchen. Dem äußeren Ansehen nach waren es Menschen aus

den verschiedensten Lebenssphären. Der flaumbärtige Student und der

grauhaarige Gelehrte, der junge Kleriker und der narbenbedeckte Soldat,

die leichtfüßige Nähmamsell und die ehrwürdige Matrone, sie alle hatten

sich zusammengefunden zu demselben Zwecke. Sie wollten das ewige und

unveräußerliche Menschenrecht, mutig dem Unvermeidlichen ins Antlitz zu

schauen und die Gaben der Natur in geselliger Heiterkeit zu genießen,

auch jetzt noch aufrecht erhalten. Gleichwie jene mutige Schar während

der Florentiner Pest sich in der herrlichen Natur ihr gutes

Menschenrecht an der Freude nicht verkürzen ließ und in edlem

Freundesverkehr Vergessenheit suchte, so wollten auch sie eine Art

Decamerone bilden, in Fröhlichkeit, Gesang und Saitenspiel, im Verkehr

mit lieblichen Frauen und bei heiteren Gelagen auf kurze Zeit Lethe

trinken und gleichzeitig das Wort des Dichters zum Wahrwort machen:

»Und singend einst und jubelnd

Durch's alte Erdenhaus

Zieht als der letzte Dichter

Der letzte Mensch hinaus.«

Es gab keinen Unterschied der Stände mehr. Jeder in diesem Kreise hatte

das gleiche Recht an die Freude. In zwanglosen Gruppen lagerten sich die

Pärchen, die sich zueinandergesellt. Der Wein erhitzte die Gemüter, und

manches übermütige Scherzwort machte unter fröhlichem Gelächter die

Runde. Dann aber kam auch die Kunst an die Reihe. Der Sänger, eine

prächtige, männliche Erscheinung, wußte mit dem Zauber seiner Stimme die

Anwesenden mächtig zu ergreifen. Herrlich klangen die Töne durch die

idyllische Waldeinsamkeit, und das Echo einer fernen Felswand

vervielfältigte sie in geisterhafter Weise. In diesem Augenblick stieg

der Mond am Horizont empor, immer höher und höher -- gleichzeitig wurde

die langgestreckte Feuerrute des Kometen sichtbar. Und da trat ein

Ereignis ein, welches die eben noch so fröhliche Runde verstummen

machte. --

Auf dem westlichen Firmamente leuchtete plötzlich ein Meteor auf, das an

Größe und Helligkeit die eben untergegangene Sonne zu erreichen schien.

Langsam und majestätisch strich es in weitem Bogen über das Firmament

hin. So groß war die Lichtfülle, welche dieses Phänomen ausstrahlte, daß

die erstaunten Beobachter vermeinten, die Sonne sei wieder über den

Horizont emporgestiegen. Das Licht des Mondes erblaßte vollständig. Die

leuchtende Kugel näherte sich in ihrem Fluge immer mehr dem Monde; sie

mußte in ungeheuerer Entfernung von der Erde sein; denn man bemerkte

trotz der Riesengröße dieses Himmelskörpers kaum seine Bewegung. In

atemloser Spannung verfolgte die eben noch so fröhliche Schar die

Bewegung des Meteors. Es war kein Zweifel, der fremde Weltkörper war in

den Attraktionsbereich des Mondes gelangt und mußte mit ihm

zusammenstoßen. Furchtbare, bange Minuten verstrichen; kaum wagte einer

zu atmen. Immer näher und näher rückte der unheimliche Körper an den

Mond heran -- jetzt trennte ihn nur mehr ein Zwischenraum von wenigen

Graden von dem ruhig dahinwandelnden treuen Begleiter unserer Erde. Da

schien es, als ob mit einem plötzlichen Ruck die beiden Körper in einen

verschmolzen wären. Gleich darauf erlosch das Licht des gewaltigen

Meteors, und an der Stelle, wo es in den Mondkörper eingedrungen war,

sah man eine fackelförmige, rote Flamme aufsteigen. Wie gelähmt standen

die Beobachter und konnten kein Auge abwenden von dem ungeheuerlichen.

Vorgang, der sich über ihnen im Weltenraume abspielte. Welch furchtbare

Kräfte der Zerstörung mag dort oben das Aufeinanderprallen zweier

Weltkörper entfesselt haben! Und dennoch, kein Laut drang an das Ohr der

irdischen Zuschauer, keine Schallwelle verkündete den Effekt der

wildwütenden Gewalten. Dort oben im Ätherraum giebt es keinen Schall.

Lautlos, klanglos spielen sich alle Bewegungsphänomene ab; denn nur

dort, wo Atmosphäre oder Wasser ist, kann sich die Schallbewegung

fortpflanzen. Aber selbst angenommen, daß der Äther die Schallwellen

fortpflanzen könnte, so hätten die Beobachter doch erst etwa vierzehn

Tage nach der Katastrophe das Geräusch, welches diese verursachte,

gehört; denn da der Schall in der Sekunde nur einen Weg von 330 Metern

zurücklegt, so hätte er die Entfernung des Mondes von der Erde, welche

circa 52000 Meilen beträgt, erst in dieser Zeit durcheilen können.

Dort und da wurden längs der Peripherie feurige Garben

emporgeschleudert, als ob sie aus dem Krater eines ungeheueren Vulkans

gespieen würden. Mit einemmale geschah etwas, das den Zuschauern das

Blut in den Adern erstarren machte. Ungefähr in der Mitte der

hellglänzenden Mondscheibe wurde plötzlich ein unregelmäßiger dunkler

Streifen sichtbar, der sich langsam erweiterte. Dieser dunkle. Streifen

war das durchscheinende Firmament. Durch den Zusammenstoß mit dem

riesigen Meteor war eine Zertrümmerung des Erdtrabanten erfolgt. Was da

oben vor den Augen der Erdbewohner sich in wenigen Minuten vollzogen

hatte, war der Zusammenbruch einer Welt, mit der unsere Erde, seit Äonen

verschwistert, ihre vorgeschriebene Bahn im unendlichen Raum

durchrollte. Schon einmal, vor ungezählten Jahrmillionen, hatte einen

Genossen unserer Planetenfamilie ein ähnliches Geschick ereilt. Er hatte

seine Bahn zwischen dem Mars und dem Jupiter. Durch welche Ursache seine

Vernichtung erfolgte, ist unbekannt. Wahrscheinlich aber ist es, daß der

Zusammenstoß mit einem anderen Weltkörper seine Zertrümmerung zur Folge

hatte; denn statt des einen großen Planeten, der nach der Laplace'schen

Theorie an jener Stelle um die Sonne kreisen sollte, entdeckte das

Fernrohr bis jetzt über dreihundert winzig kleine Planeten, die

sogenannten Asteroiden. Sie sind so klein, daß einige von ihnen kaum

einige Meilen Durchmesser haben, und das Merkwürdigste daran ist, daß

sie keine kugelförmige Gestalt wie die übrigen Planeten haben. Es sind

also die Trümmer eines großen, durch eine Weltkatastrophe

zerschmetterten Planeten.

In den folgenden Nächten waren alle Fernrohre nach dem Monde gerichtet.

Jetzt unterschied man schon genau drei größere Stücke, welche sich

voneinander langsam entfernten, da ein jedes Stück vermöge seiner

verschiedenen Masse dem Gesetze der Attraktion in anderer Weise

unterworfen war. Das kleinste Stück umkreiste die beiden größeren, wie

ein Trabant des Trabanten.

* * * * *

Jahre waren seit dem oben geschilderten Ereignisse geschwunden. Was

hatte die Menschheit in dieser Zeit für herbe Prüfungen durchzumachen

gehabt! Kein schöner, tragischer Tod war der Erde beschieden -- keine

Götterdämmerung, kein plötzliches Aufflammen in einer ungeheueren, alles

verzehrenden Lohe. Eine Reihe von furchtbaren Heimsuchungen hatte das

Menschengeschlecht allmählich decimiert. Aber die Menschheit hatte den

Kampf nicht aufgegeben. Mit der Gefahr und der Größe des Unglücks wuchs

auch der Mut, die zähe Ausdauer, ja der Trotz. Anfangs kleinlaut und

verzagt, endeten Tausende durch Selbstmord, oder ihr Geist erlosch in

der Nacht des Wahnsinns.

Aber je mehr die Schwierigkeiten sich häuften, desto gewaltigere

Anstrengungen machte der Menschengeist, die Erhaltung der Gattung zu

ermöglichen. Und dann, als auch der letzte Hoffnungsschimmer zu

erbleichen begann, daß ein Staubgeborener dem allgemeinen Verderben

entrinnen könnte, da flammte die neue Hoffnung in ihnen auf, daß es

möglich sein werde, die Spuren ihres Daseins in monumentalen Werken zu

hinterlassen. Vielleicht, daß nach dem Chaos eine neue Schöpfungsära in

ungezählten Zeiträumen den Funken der Intelligenz wieder anfachen wird

und neue Geschlechter den rätselhaften Zeichen eines früheren Lebens

nachspüren und die Fackel des Geistes an dem glimmenden Funken der

Überlieferung neuerdings entzünden werden.

Langsam und Schritt für Schritt waren die Veränderungen eingetreten,

welche die Lebensbedingungen der Menschheit bis auf ein Minimum

herabgesetzt hatten. Zuerst kam ein großes Sterben über die Menschheit.

Es war ein sanfter Tod -- ein Müdewerden und Hinüberschlummern. Er traf

in erster Reihe die Alten; dann die Kranken und Hinfälligen. Die

Gelehrten fanden die Ursache dieses Sterbens in einer für die Sinne

nicht wahrnehmbaren Vermengung unserer Atmosphäre mit den irrespirablen

Gasen der Kometensubstanz.

IV.

Das Delirium der Erde.

Seit zwei Jahren war _Erwin_ mit seiner _Marie_ durch des Priesters

Segen verbunden. Ein gesundes Knäblein lag in der Wiege; es hatte das

Licht der Welt noch in seiner ganzen Herrlichkeit gesehen.

Glückstrahlend hatte es die Mutter der Ahnfrau in den Arm gelegt, und

diese vergaß beim Anblicke ihres Urenkelkindes alle Schrecken und

Drangsale der vergangenen Monate. Ja, es zog sogar ein Gefühl des

Friedens und der Beruhigung durch die Brust, als sie in die unschuldigen

Kinderaugen blickte, die ihren Anteil an der Schönheit und den Freuden

dieser Welt zu fordern schienen. War er doch auch ein berechtigter Erbe

alles dessen, was die Menschheit auf ihrer vieltausendjährigen

Wanderschaft im Schweiße ihres Angesichtes erkämpft und errungen hatte

-- vielleicht der letzte Erbe einer tausendjährigen Kultur. Alles, was

da war und entstand und sich entwickelte, was in Millionen Gehirnen zur

Erkenntnis oder zur künstlerischen Ausgestaltung drängte, war mit den

Kindern dieser Epoche abgeschlossen, zu ewigem Stillstand verdammt --

das ungeheuere Erbe ein nutzloses Spielzeug in der Hand eines lallenden

Kindes!

Doch diese Erwägungen vermochten in den Eltern und Großeltern die Freude

an dem Seienden nicht zu verkümmern. Auch die Vögel bauten ihre Nester,

und der Baum vor dem Hause setzte Blüte an Blüte, ja, es schien, als ob

sich der Lebensdrang aller Kreatur verzehnfacht hätte, als ob sich

alles, was da noch im dumpfen Entfaltungsdrange schlummerte, zum letzten

Appell hervordrängen wollte. -- --

Denn die Sonne schien noch warm; aber allmählich wurde es den

Erdenkindern zur traurigen Gewißheit, daß die Lebensweckerin und

Allerhalterin verblaßte, daß die große Wärmespenderin mit ihren Gaben

immer haushälterischer wurde. Der gewaltthätige Begleiter unserer Erde

hatte nicht die Absicht, sich in unserem Sonnendistrikte häuslich

einzurichten; er strebte vielmehr darnach, seine Gesponsin, die Erde,

auf seinem freien, ungebundenen Wanderleben im Weltenraume mitzunehmen.

So leicht ging dies allerdings nicht; denn die Erde leistete, dem Trieb

der Selbsterhaltung folgend, mit den ihr innewohnenden Urkräften

mächtigen Widerstand. Aus diesem Kräftespiel ergab sich aber doch der

endgiltige Sieg des gewaltigen Gestirns. Die Erde wurde aus ihrer Bahn

gedrängt und bewegte sich nicht mehr in einer elliptoiden Linie, sondern

in der Form einer aufgerollten Spirale um die Sonne, wobei sie sich von

ihrer Lebensspenderin immer mehr entfernte. Mit der Entfernung nahm auch

die Wärmemenge ab, und von da an machte der Erkaltungsprozeß der Erde

mit mathematischer Genauigkeit seinen Fortschritt. Auch das Licht der

Sonne nahm bedeutend ab, und selbst um die Mittagszeit waren ihre

Strahlen matt und glanzlos, als ob sie durch eine Wolkenschichte

abgeschwächt würden. Das Aussehen der Menschen und Dinge wurde dadurch

in unheimlicher Weise beeinflußt; die Blätter der Bäume und Sträucher,

sowie das Gras der Wiesen verloren ihre grüne Farbe. Der Buchenwald

zeigte ein mattes Grau wie das Olivenlaub, und die Wiesenflächen waren

anzusehen, als ob eine dichte Staubschichte darüber lagerte; der

Farbenschmelz der Blüten und Blumen war verschwunden, und selbst der

Menschen Antlitz wurde aschfahl.

Der Abend zeigte statt des Mondes eine Anzahl hellleuchtender Klümpchen,

die über einen großen Teil des Firmamentes ausgebreitet waren. Das waren

die Trümmer des einstigen treuen Begleiters unserer Erde. In immer

engeren Bahnen umkreisten diese Trümmer die Erde; denn je mehr sich

diese von der Sonne entfernte, desto größer wurde die Anziehungskraft,

die sie auf die kosmischen Körper ihrer Umgebung ausübte. Zuletzt

stürzten einzelne dieser Trümmer auf die Erde nieder und erzeugten

Katastrophen, gegen die alle Elementar-Ereignisse, welche die

Erdgeschichte kennt, unbedeutende Erscheinungen waren. Der erste dieser

Mondpartikel fiel in den indischen Ocean. Obwohl es nur ein

verschwindend kleiner Teil des ehemaligen Erdtrabanten war, so

erzitterte doch die ganze Erde in ihren Grundfesten. Die ungeheuere

Welle, welche der Einschlag des in den Ocean eindringenden Körpers

verursachte, riß alles mit sich fort, was in den Bereich ihrer

verheerenden Wirkung kam. Bergehoch stürmte sie gegen das Festland,

überschwemmte in wenigen Stunden Ostindien, die Sunda-Inseln, Malakka

und machte erst vor der gewaltigen Felsenmauer des Himalaya Halt. Vor

dieser Sintflut gab es keine Flucht, keine Rettung. Tausendjährige

Kulturen wurden in wenigen Stunden vernichtet, alles Lebende ertrank,

volkreiche Städte waren nach dem Rücktritt der Wasser versandete und

verschlammte Trümmerhaufen -- die Wiege der Menschheit ein ungeheueres

Leichenfeld! Durch das Eindringen des kosmischen Körpers wurden die

vulkanischen Kräfte des Erdinneren rege. Über die ganze Erdrinde

pflanzten sich die Erschütterungen fort, zahllose Städte und Ortschaften

lagen in Schutt und die Bewohner unter ihren Trümmern begraben. An

tausend Orten öffneten sich Feuerschlünde, die ihre glühende,

zähflüssige Lava nach allen Seiten ergossen. War die Menschheit schon

durch die veränderte Mischung der Atmosphäre decimiert worden, so

schrumpfte ihre Zahl noch mehr zusammen durch die eben geschilderten

ungeheueren Verheerungen, welche die aufrührerischen Elemente

verursachten. Viele raffte der Schreck dahin -- andere aber trotzten

mutig allen Ereignissen. Den Tod als etwas Selbstverständliches

erwartend, waren ihre Nerven gestählt gegen die entsetzlichen Phänomene,

welche sie in fast ununterbrochener Folge erleben mußten. Ja, ein

gigantischer Trotz erfüllte die Überlebenden, und nur zwei Triebe

arbeiteten mächtig in ihnen. Sie wollten bis in die denkbar letzten

Phasen das ungeheuer erhabene Schauspiel einer sterbenden Welt als

letzte Zuschauer ansehen, und sie wollten die Spuren ihres Daseins

diesem durch endlose Räume fliehenden Leichenfelde eingraben -- denn

ihre letzte Hoffnung gaben sie nicht auf, daß nach Jahrtausenden

vielleicht neues Leben auf der alten Erde grünen würde. Dann sollten die

Monumente, welche sie errichten wollten, von einer versunkenen Welt

erzählen. -- So flackerte der Erhaltungstrieb der Gattung noch einmal

auf und spannte die Muskeln und Nerven der letzten Menschen, die

inzwischen alles Grauen verlernt hatten, zu unerhörten Leistungen an. Es

galt zunächst, Licht und Wärme, die in konstanter Abnahme begriffen

waren, künstlich zu ersetzen.

In _letzter Stunde_ sozusagen wurde noch eine vereinfachte Methode

entdeckt, das Wasser in seine beiden Elemente, Wasserstoff und

Sauerstoff, zu zerlegen und die weißglühende Flamme des Wasserstoffes

durch den Sauerstoff zur höchsten Licht- und Wärmeleistung anzustacheln.

Ungeheuere Wärmehäuser von meilenweiter Ausdehnung wurden errichtet und

Gewächse aller Art durch dieses künstliche Mittel zum Wachsen und

Früchtetragen gebracht. Von den früheren, fabelhaft üppigen Ernten waren

unermeßliche Vorräte aufgespeichert, und da die Menschenzahl auf einen

geringen Prozentteil ihrer früheren Größe zusammengeschmolzen war, so

gab es für die Überlebenden keine Sorge ums tägliche Brot. Mit

fieberhafter Anstrengung arbeitete alles daran, durch gewaltige Bauten

aus Metall und Granit unverwüstliche Spuren zu hinterlassen und durch

die von Künstlerhand gemeißelten Darstellungen des verflossenen

Kulturzustandes der alten Erde einen Geleitbrief mitzugeben für das

dereinst wieder erwachende Leben. Man kehrte wieder zur Pyramide der

alten Ägypter, als der einfachsten und dauerhaftesten Bauform, zurück;

aber die vorgeschrittene Technik erlaubte die Konstruktion von Gebäuden

mit gigantischen Formen. Das Innere dieser gewaltigen Pyramiden, deren

Spitzen die Höhe des Eifelturmes überragten, wurde zu Museen alles

dessen umgewandelt, was die Erde von ihrer ersten Jugend an bis zu ihren

Sterbetagen hervorgebracht hatte. Da gab es ein ethnographisches, ein

naturhistorisches, ein kunsthistorisches Museum; die eine Pyramide

beherbergte in ihrem Innern eine ungeheuere Bibliothek, welche ein

Kompendium des gesamten Wissens der Menschheit enthielt, eine andere

Pyramide enthielt die dichterische Arbeit des Menschengeistes von Homer

und Kalidasa angefangen bis auf die modernen Geister von der »^fin du

siècle^«.

In den Marmorbergen von Carrara herrschte ein reges Leben; alle Nationen

der Erde waren vereinigt, um, unterstützt von den vorgeschrittenen

Mitteln der Technik, ein unerhört kühnes Werk zu schaffen. Einer der

Berggipfel wurde an Ort und Stelle durch Dynamitsprengungen und durch

die Arbeit ungeheuerer Bohrmaschinen in ein gigantisches Kunstwerk

umgewandelt. Die Nationen Europas hatten sich geeinigt, aus dem

Marmorberge die Züge Goethes herauszumeißeln, den man körperlich wie

geistig als die vollendetste Verkörperung des Menschheitstypus erklärt

hatte. So lange die Berge stehen und die Krisen der fieberdurchglühten

Erde überdauern, wird auch sein Antlitz dem neuen Leben entgegenleuchten

und sein Götterauge den Abglanz einstiger Menschengröße erkennen lassen.

Das alles und viel mehr, dessen Aufzählung Bände füllen würde, wurde in

fieberhafter Hast vollendet; denn die Zeit war schon gemessen, in der

die Menschheit noch in freier Luft verweilen konnte. Kalt und matt

leuchteten die Strahlen der Sonne. Diese erschien dem Auge des

Beobachters fast um die Hälfte kleiner. Es war ein Licht von der

Intensität der Morgendämmerung. Die Erde war inzwischen dem _Mars_, der

allnächtlich als leuchtende Scheibe von der vierfachen Größe des Mondes

am Himmelsbogen aufstieg, in beträchtliche Nähe gekommen. In den letzten

Wochen nahm die Distanz rapid ab, und die Fernrohre, welche sich nach

dem ruhig in seinen Bahnen dahinrollenden Himmelsnachbar richteten,

sahen erhabene, nie geahnte Wunder. Kontinente und Meere boten sich den

erstaunten Blicken in größter Deutlichkeit dar, und mit der zunehmenden

Annäherung gewahrte man die Spuren einer überaus reichen Kultur, die nur

von intelligenten Geschöpfen hervorgebracht worden sein konnte.

Mächtige, oft einige Meilen breite Meeresarme durchzogen die Kontinente;

denn diese hatten weder Gebirge noch Flüsse. Die geradlinige Form der

Meeresarme ließ darauf schließen, daß sie durch den Willen und die

Arbeit von intelligenten Wesen entstanden waren.

Jetzt war die Distanz so gering, daß die größten Fernrohre die

Landschaften des Mars bis auf wenige Kilometer Entfernung nahe bringen

konnten. Man erblickte Riesenstädte mit Bauten von fabelhafter Größe und

nie gesehenen Formen. Auf den Meeresarmen tummelten sich zahllose

Schiffe und schwimmende Städte; phantastische Brücken überspannten in

ungeheueren Bogen die mehrere Meilen breiten Kanäle, Hunderttausende von

lebenden Geschöpfen standen auf freien Plätzen und auf den Plattformen

der Gebäude und beobachteten die Erde, deren Erscheinungen und

Kunstgebilde ihnen nicht minder wunderlich vorkommen mochten, wie uns

die ihrigen. Sie bewegten sich wie wir; nur konnten sie sich auch nach

Belieben in die Luft erheben und freischwebend, jedoch sehr langsam von

einem Ort zum anderen gelangen. Sie waren entschieden höher organisiert

als die Erdbewohner, was bei dem ungleich höheren Alter des Mars ja

selbstverständlich ist. Man sah, sie suchten sich durch Zeichen mit den

Erdbewohnern zu verständigen. Aus ungeheueren Reflektoren kamen

Lichtzeichen hervor, die den Erdbewohnern erst nach langen Mühen

verständlich wurden, trotzdem sie in der scharfsinnigsten Zeichensprache

ausgedrückt waren. Man konnte übrigens daraus entnehmen, daß ihren höher

entwickelten Sinnen die Erde und ihre Bewohner schon viel früher

wahrnehmbar geworden waren, und daß sie ihre Versuche, sich mit den

Erdbewohnern zu verständigen, schon oft wiederholt haben mußten. Die

Gelehrten fanden endlich den Schlüssel zu dieser Zeichensprache. Die

Bewohner des Mars entsendeten den irdischen Bewohnern brüderlichen Gruß

und teilten ihnen mit, daß die Erde noch zehn Jahre lang sich von der

Sonne entfernen würde, bis sie in die Nähe des Jupiters komme. Dieser

gewaltige Planet werde den Kometen an seine Bahn fesseln; dadurch würde

die Erde von ihrem gewaltthätigen Begleiter befreit und, ihren alten

Attraktionsgesetzen folgend, in umgekehrter Spirallinie in ihre frühere

Bahn zurückkehren.

Diese Nachricht der Bewohner des Nachbargestirns übte auf die

Erdbewohner eine zündende Wirkung aus. Also winkte dem Erdengeschlecht

doch noch ein Hoffnungsschimmer! Ungeheuere Freudenfeuer wurden

angezündet und in geometrische Linien gebracht, um den Bewohnern des

Mars die Bestätigung zu geben, daß ihre Mitteilung verstanden wurde. Die

Menschen, welche durch all die Heimsuchungen der letzten Zeit gegen alle

Schrecken der Elemente abgestumpft waren, wurden durch diese Nachricht,

die ihnen den Schimmer einer Hoffnung ließ, elektrisiert. In ihren Augen

leuchtete, seit langer Zeit zum erstenmale, ein Funke der Freude auf,

die Begegnenden tauschten Händedrücke oder fielen einander um den Hals

und weinten Freudenthränen. Es war ja keine Rettung für sie; denn die

wenigen Millionen, welche die grauenvollen Umwälzungen noch verschont

hatten, sie werden hinsiechen in der jahrelangen Nacht, in der Öde der

ungeheueren Eiswüste -- --

Aber eine kleine Zahl -- vielleicht ein einziges Paar wird den

allgemeinen Zusammenbruch überdauern, und ein neues Sonnengeschlecht

wird erstehen, das mit weiser Ausnützung der großen Hinterlassenschaft

seiner Ahnen neuen, erhabenen Zielen der Vollendung entgegenstrebt. --

Das ganze Interesse der Erdenbewohner konzentrierte sich jetzt auf die

Beobachtung des Mars, dessen Riesenscheibe schon dem unbewaffneten Auge

reiches Beobachtungsmaterial bot. Durch das Fernrohr angesehen, zeigte

sie aber einen überwältigenden Anblick -- eine wunderbar organisierte

Welt, neuartig, seltsam, fremdartig gebildet, aber höher, kunstvoller,

glücklicher gestaltet als das Leben unserer Erde -- die Lebewelt des

Mars zeigte den Erdbewohnern das entzückende Bild ihrer eigenen Zukunft.

Der um vieles ältere Bruder im Planetensystem hatte schon seit vielen

Jahrtausenden eine hohe Stufe der Entwicklung seiner Lebewelt erreicht.

Das Ideal, dem alle Erdenbewohner in heißer Sehnsucht zugestrebt, schien

in jener glücklicheren Welt schon seit langen, langen Zeiträumen

verwirklicht zu sein.

Die Zeichensprache, welche durch Aneinanderreihen von riesigen

Reflektoren mit buntfarbigen Lichtern bewerkstelligt wurde, war bald

derart ausgebildet, daß die Erdbewohner größere Mitteilungen über die

Lebewelt auf dem Brudergestirn empfangen konnten.

Zunächst erfuhren sie, daß die Bewohner des Mars durch die viel

vollendeteren optischen Instrumente und durch andere photo-elektrische

Hilfsmittel schon seit Jahrtausenden in der Lage waren, die Erde und

ihre Bewohner aufs eingehendste zu studieren. Da ihre hochentwickelte

Kultur auf Jahrtausende hinter unsere Zeitrechnung zurückreichte, so war

die Beobachtung der Vorgänge auf unserer Erde die denkbar vollkommenste.

In den bis auf das 15. Jahrtausend zurückreichenden Aufzeichnungen der

Marsastronomen und seiner Himmelshistoriographen war jedes Ereignis, das

sich auf der Erde während dieses Zeitraumes zugetragen, verzeichnet. Mit

innigster Teilnahme verfolgten die Marsbewohner die Kämpfe und

Umwälzungen, die blutigen Schlachten und grimmen Verfolgungen und all

die unsäglich verhängnisvollen Irrtümmer, in denen die Erdenkinder

befangen waren. Wie oft versuchten die Marsbewohner, ihre Weltenbrüder

aus diesem unheilvollen Taumel der Verblendung und der Vorurteile

herauszureißen -- alle Versuche, Nachrichten auf die Erde gelangen zu

lassen, scheiterten an den stumpfen Sinnen und den unvollkommenen

Beobachtungswerkzeugen ihrer Bewohner.

Es ist unfaßbar für unser Vorstellungsvermögen, daß die Marsbewohner

schon vor Jahrtausenden die Inschriften der Pyramiden lasen und

entzifferten, daß sie unsere Baustile kannten, und Abbildungen der

Erdbewohner in dem Anschauungsunterricht der Marsjugend eine große Rolle

spielten; denn der physische und gesellschaftliche Zustand der

Erdbewohner war für sie ein Spiegelbild einer längst entschwundenen,

uralten Entwicklungsepoche und zugleich ein warnendes Beispiel der

verhängnißvollen Folgen eines Rückfalles in längst überwundene,

barbarische Zeiten.

Das goldene Zeitalter der höchsten Entfaltung aller Tugenden der Sitte

und Nächstenliebe und damit die Empfindung eines harmonischen

Glücksgefühls, ein Zustand, den sich die Erdbewohner in ihren schönsten

Phantasien ausgemalt, war dort oben auf dem Mars seit langen Zeiten

stabilisiert.

Nach den Mitteilungen der Marsbewohner gab es dort in Folge der

hochentwickelten Erkenntnis der Natur und ihrer geheimsten Wirkenskräfte

keine Gegensätze, keinen Kampf und Streit. Die Erkenntnis des höchsten

Wesens und die Erforschung seiner erhabenen Eigenschaften führte zu

einem abgeklärten, hehren, über alle kleinlichen Vorstellungen erhobenen

Gottesbegriff, daß der Zweifel verstummte und die dogmatischen

Haarspaltereien der Sekten gegenstandslos wurden. Über ihre

Gesellschaftsordnung berichteten sie in den folgenden lapidaren Sätzen:

Jeder Marsbürger ist vollberechtigter Erbe alles dessen, was die

Marsoberfläche mit dem befruchtenden Sonnenstrahl hervorbringt, und

alles dessen, was die vorangegangenen Geschlechter den Epigonen

hinterlassen haben, also des gesamten geistigen und materiellen

Besitztums. Die befruchtende Sonne und die gebärende Scholle haben ihre

Gaben gleichmäßig verteilt, und jeder Marsgeborene ist Mitherr und

Mitgenießer dieser Gaben. -- Da alle Marsbewohner Brüder und Schwestern

sind, aus denselben Elementen hervorgegangen und an denselben Stern

gebunden, so giebt es auch keinen anderen Unterschied zwischen ihnen als

den des Alters und der hervorragenden Kenntnisse.

Diese Grundgesetze der Gesellschaft sind jedem Marsbewohner eingeboren,

wie der Glaube an ein höchstes, allerhaltendes, unendlich gütiges Wesen,

das sich in allem Leben offenbart und das zu lieben das einzige Gebot

der Marsbürger ist. Das Ganze und das Einzelne ist aber ein Einziges,

und alle Wandlungen sind nur Schein, welche den Kern der Sache nicht

treffen. Die Marsbewohner werden zwar geboren und sterben; aber sie

erneuern sich immer wieder; sie verlieren ihr _Ich_, verändern aber nur

die Form, um am Urwesen aller Dinge weiterzuleben und weiterzubauen.

Deshalb erscheint ihnen der andere als ihr eigenes Selbst, das nur dem

ewigen Erscheinungswechsel unterworfen ist. Du bist in _allem_, und

alles ist in _dir_. Dein kleines Ich ist nur ein Tropfen, der von der

Welle des Lebens für kurze Augenblicke emporgeschleudert wird aus dem

ewigen Meere des Seins. Nicht länger dauert diese Trennung, als der

Tropfen braucht, um wieder in den Ozean zurückzufallen. So sind die

Marsbewohner mit ihrem Gotte eins, und so sind sie mit ihrem Nächsten

eins. Ihr Ethos, ihr Sittengesetz baut sich auf dieser festen Grundlage

auf: alles Lebende ist ein einziges Wesen, und alle Erscheinungen sind

Teile dieses Wesens. Die Glückseligkeit besteht darin, dieses Urwesen

aller Dinge von Schmerzen zu befreien. Wie ist das anders möglich, als

daß alle lebenden Wesen von Schmerzen frei sind! Ich muß also für den

anderen sorgen und ihn lieben, um mich selbst zu befreien; denn dieser

andere bin ja ich in millionenfacher Wiederholung. Jeder einzelne ist

nur ein kleines Glied des großen Körpers, und all der unsägliche Jammer,

welcher die Organe dieses Körpers trifft, wird auch von uns empfunden,

wenn wir eingehen in das ewige Leben, d. h. wenn unsere Einzelexistenz

erlischt. Das dunkle Gefühl des Mitleids deutet darauf hin, daß wir mit

unbekannten höheren Organen zusammenhängen mit dem großen Werden und

Vergehen außer uns.

Die tausendjährige Aufgabe der Marsbewohner bestand darin, den anderen

von Schmerz zu erlösen. Die Naturwissenschaften lieferten die Mittel,

die Körper der Marsbewohner immer mehr zu vervollkommnen, die

Krankheiten aus der Welt zu schaffen, die physische Kraft und das

Wohlbefinden, sowie die Schönheit des Körpers zur höchsten Entfaltung zu

bringen. Es giebt auf dem Mars keine Krankheiten mehr. Die Bürger des

Mars werden hundert Marsjahre alt, das ist fast zweihundert Erdenjahre;

dann stumpfen sich ihre Sinne ab, ihr Interesse am Dasein erlischt, und

im heiteren Kreise der aufblühenden Jugend, umgeben von liebenden

Verwandten, verdämmert ihr Einzelleben in das große, flutende Meer alles

Seins. --

Die hohe Vollendung der Maschinentechnik, die Ausnützung des Lichtes,

der Elektrizität und des Magnetismus haben die körperliche Arbeit der

Marsbewohner auf ein Minimum reduziert. Zehn Marsjahre hat jeder

Marsbürger zu arbeiten oder zu dienen, die zehn jugendkräftigsten Jahre

seines Lebens; dann nimmt auch er teil an den Schätzen und Genüssen der

Gesamtheit. -- --

Mit unendlicher Sehnsucht blickten die Erdenbewohner zu dem glücklichen

Gestirn hinauf, von dem ihnen solche Offenbarung kam. O könnten sie

zurück, noch einmal zurück in ihr sonniges Paradies! Wie anders würden

sie dann ihr Leben gestalten! In selbstloser Eintracht und Liebe würden

sie mit den Gütern der Erde schalten, als Brüder und Schwestern würden

sie wandeln Hand in Hand, wie im Garten Eden. Zu spät, zu spät! Sie

hatten ihr Erbe verschwendet und ihr Leben vergeudet in Haß und

Zänkereien -- sie, die auf einem glücklichen Stern zur herrlichsten

Lebensentfaltung, zur schönsten Eudämonie geboren waren! -- -- --

Nur wenige Tage dauerte die Nähe des herrlichen Gestirns und seiner

edlen Bewohner. Mit nimmersatten Blicken schauten die Erdenbewohner in

diese harmonische Welt des Glückes und der höchstentwickelten

Lebensfreude -- dann mußte Abschied genommen werden. Wie zwei Schiffe

befreundeter Nationen, die sich im Weltmeere begegnen und freundliche

Grüße miteinander tauschen, segelten die beiden Welten aneinander

vorüber. Mit unsäglicher Wehmut sahen die Erdbewohner, wie sich der

Zwischenraum allmählich wieder zu vergrößern anfing. Auf

Nimmerwiedersehen, Ihr edlen Brüder einer fremden Welt! so lautete das

Lichtsignal, welches die Erdenkinder ihren glücklichen Freunden gaben.

Auch auf dem Mars wurde eine starke Bewegung sichtbar. Signale flammten

auf, die Kanäle erglänzten in blendendem Licht, und große Feuerkugeln,

die in der Höhe zersprühten, formten sich zu Abschiedsworten! -- Lautlos

segelte der Stern vorüber. Kein Schall, keiner Stimme Laut drang zur

Erde nieder. Aber die Herzen der Erdenkinder quollen über; denn sie

fühlten den Strom der Liebe, der das All verbindet, herüberfluten, und

süße Wehmut erfüllte ihr Gemüt. Ade -- ade -- Ihr Erdenkinder! so schien

es ihnen herabzuklingen -- ade, Ihr Brüder einer fremden Welt! Und eine

wohlthuende Wärme durchströmte die Seele des Menschen. Wir sind

verbunden mit dem All! Keine Vernichtung. Nicht nur die Menschen sind

Brüder, nein, höhere Wesen anderer Gestirne nehmen teil an unserem

Geschick und weinen ihren Weltenbrüdern Thränen nach! Ade -- ade!

Mählich verblaßten die Gegenstände auf dem Gestirn. Kleiner und kleiner

wurden die Details, und bald vermochten auch die schärfsten Fernrohre

nichts mehr zu unterscheiden als die Umrisse der Kontinente. --

V.

Das große Nichts.

Eine mondlose Sternennacht. In dämmernden Umrissen sieht man

Bergkonturen und Wälder -- laublose Wälder, Skelette von Bäumen -- kein

Strauch, kein Halm! Kein Laut regt sich in den Lüften, der Vögel Lieder

sind verstummt, wie das Murmeln des Baches. Flüsse und Seen sind zu Eis

erstarrt. Im Ozean treiben ungeheuere Blöcke von Eis, die sich zu großen

Inseln zusammenschweißen. Ein Stern, größer als die anderen, leuchtet

über dem Horizonte. Es ist die Sonne. So klein, so matt ihre Strahlen.

Ein großer Berg in der Nähe der Stadt, welche der Schauplatz der

früheren Schilderungen war, entwickelt eine eruptive Thätigkeit. Ein

glühender, leuchtender Lavastrom wälzt sich träge über den Abhang. Von

Zeit zu Zeit werden mächtige Felsblöcke aus dem Innern des Berges

emporgeschleudert. So grauenhaft dieser Anblick ist, so wirkt er doch

mildernd auf das Bild des Todes und der allgemeinen Erstarrung. Dumpfes

Dröhnen und Donnerschläge, mächtige Feuergarben und weißglühende Bäche,

das scheint das einzige Leben der Erde zu sein. Doch nein noch regt sich

Leben.

In einer der vielen Krateröffnungen, welche sich in ihrer Thätigkeit

erschöpft zu haben schienen, kauerte ein Mann und sah mit verlorenem

Blicke in die rotglühende Masse des sich träge dahinwälzenden

Lavastromes in seiner Nähe. Das Haupt in die Hand gestützt, saß er da

und schien in tiefes Brüten versunken. Zu seinen Füßen kauerte ein

Knäblein von kaum fünf Jahren. Es hatte das blonde Lockenköpfchen auf

das Knie des Vaters gelehnt und schlief mit der glücklichen Ruhe des

Kindesalters. Es schien zu träumen; denn es lächelte vergnügt und

murmelte dazu unzusammenhängende Worte: »Schau die schöne Wiese! --

Lass' mich ihn haschen, den buntfarbigen Schmetterling!«

Schmerzbewegt erwachte der Mann aus seinem Brüten; er blickte um sich.

Ringsum erhoben sich starrende Felsmassen, vom Reflexe des rotglühenden

Lavastromes beleuchtet. Sonst tiefe Finsternis um ihn her. Nur über

seinem Haupte leuchteten die Sterne; darunter ein hellleuchtender von

größerer Pracht als alle übrigen: die Sonne! Eine große, mattglänzende

Scheibe am nördlichen Sternenhimmel war der mächtige Jupiter. Ihm

strebte die Erde zu, und von ihm sollte ihr Erlösung werden. Ob das ein

Staubgeborener noch erleben wird? --

Der Maler Erwin, der mit seinem Söhnchen den Kraterschlund und seinen

heißen Brodem aufgesucht hatte, um sich vor der allgemeinen Erstarrung

zu retten, gehörte zu den wenigen Überlebenden. Das Menschengeschlecht

war bis auf eine verschwindend kleine Zahl zusammengeschmolzen. Was

nicht die zahlreichen Katastrophen, was Schreck und Krankheit nicht

hinweggerafft, das ging in der allgemeinen Erstarrung zu Grunde. Die

Erde hatte sich in das kalte Leichentuch der Vereisung gehüllt, und all

die verzweifelten Versuche der Menschheit, dagegen anzukämpfen, erwiesen

sich als machtlos. Zuletzt waren die Werkzeuge den schlaffen Händen

entsunken, die Glieder ermattet. Der menschliche Geist gab jeden

Widerstand auf. In stumpfer Apathie sanken sie zu Tausenden dahin, bevor

der letzte Akt des erschütternden Dramas zu Ende gespielt war.

Erwin hatte sie alle überdauert. Mit dem Griffel in der Hand war er den

Ereignissen gefolgt, und während sie hinsanken an seiner Seite, hatte er

mit stoischer Ruhe alle Phasen des gewaltigen Erdendramas aufgezeichnet.

Alle waren sie heimgegangen, mit denen er durch Bande des Blutes oder

der Freundschaft verbunden war -- zuletzt sein teures Weib. Das schwache

Knäblein auf seinem Knie hatte er ängstlich gehütet und gepflegt und mit

seinem Herzblut erwärmt. Mit äußerster Kraftanstrengung hatte er den

Gipfel des Vulkans erklommen und im Krater Schutz gesucht.

Ein unsägliches Grauen erfaßte ihn. Waren er und sein Knabe die Letzten

von den Staubgeborenen? Und wenn auch ihn die kalte Hand des Todes

berührte, was sollte aus dem armen Kinde werden, das friedlich in seinem

Schoße schlummert und von blumigen Wiesen und bunten Faltern träumt? --

Wie dann, wenn die Erde wieder zurückkehrt in ihre leuchtende

Sonnenbahn, und er könnte seinem Knaben nicht zur Seite stehn? -- Der

Herr der Welt -- vielleicht der einzige Erbe einer gewaltigen Kultur --

ein lallendes Kind! --

Da vernahm er, wie sich vom Rande des Kraters Steine losbröckelten und

in die Tiefe kollerten. Ein menschliches Wesen kletterte herab in die

Felsenhöhlung des Kraters. Erwins Herz klopfte freudig. Es war ihm ein

unsäglicher Trost, nicht mehr allein zu sein im großen Sterbehause der

Natur. Im fahlen Scheine des Lavastromes erkannte er in dem

Herabkletternden die Züge des Professors _Holberg_. Aber welche Wandlung

war mit ihm vorgegangen! Sein Gewand war zerrissen, sein weißer Bart

wallte bis zum Gürtel herab, die Haare hingen wirr in die Stirn, und in

den rotumränderten Augen mit dem irrenden Blick saß der Wahnsinn. Mit

freundlichem Grinsen trat er auf Erwin zu und schlug eine helle Lache

auf: »Hahaha! Noch ein Erdenwurm, der sich's überlegt, hinüberzusegeln

ins große Nichts! Na, wird's bald, Gevatter? Wie lange soll ich noch

warten? Habe keine Zeit zu verlieren, und mich friert bis in die Knochen

-- hihihi! Bin ja Ahasver, der ewige Jude. Jetzt bin ich am Ziele. Aber

das sträubt sich und thut sich, als hoffte es noch immer. Die zähe

Menschenbrut! Macht einen dicken Strich unter Eure Aufzeichnungen

. . . Was soll der Spaß? Wollt Ihr Eure Weisheit einschmuggeln in die

Welten, die erst nach Aeonen zu knospen anfangen werden? -- Nichts da --

zu Asche verbrannt wird alles sein, was Ihr geschaffen. So billig als

Ihr es ihnen vermeint, werden es die nicht haben, die nach uns kommen

werden. Granite und Basalte werden dahinschmelzen in der großen Lohe,

und dann wird die Erde wieder ein weißes Blatt sein. Versucht es, Ihr

Kommenden, und dichtet ein besseres Menschheitsepos! --«

»Hihihi, der kleine Wurm; das soll wohl der Herr der Erde werden; den

glaubt Ihr dem Tode unter der Nase wegescamotieren zu können? Köstlich

gedacht. Eine groteske Marotte! Und ich muß dafür büßen. Ich, der ewige

Jude! Ich brenne vor Begierde, in den Feuerschlund zu springen; aber es

würde mir nichts nützen. Ich muß ja der _Letzte_ sein, der Allerletzte.

D'rum laßt mich warten, hier zu Euren Füßen, bis es Euch gefällt, mir

voranzugehen. Die Zeit, die Zeit! -- Ich weiß was zu erzählen von ihrer

aufdringlichen Beharrlichkeit. Man hat sie ja immer vertrieben -- die

Menschen wußten selbst mit der kurzen Spanne Zeit, die ihnen vergönnt

war, zu leben, nichts anderes anzufangen, als sie zu vertreiben. Also

vertreiben wir uns die Zeit mit Würfelspiel. Würfeln wir um die Länder

der Erde! Sie sind ja unser unbestrittenes Eigentum; wir sind die

einzigen gesetzlichen Erben. Ich setze _Frankreich_, das schöne Land der

Freiheit und der Brüderlichkeit. Hahaha! Zwei Augen nur? -- Verloren.

Was thut's? Ich hab' noch andere Kronen in meinem Bettelsack -- --«

So schwätzte der Alte seine wahnwitzigen Reden fort, bis ihn der Schlaf

übermannte. --

Und Erwin drückte sein Kind an sich, blickte hinauf zur Sternennacht!

Lange sah er zu den still leuchtenden Welten empor, die in ihrer hohen

Gesetzmäßigkeit Frieden, Freiheit und Glück zu verbürgen schienen.

Ein Stäubchen verweht, flammt auf, und deshalb wird der wunderbare

Weltenbau nicht um Haaresbreite verrückt. Was war, das ist! Zeit ist nur

Form unserer beschränkten Sinnenwelt. Unvergänglich und ewig ist alles

im All! Und in einem höchsten Wesen fließen alle Intelligenzen wieder

zusammen zu höherem Schauen und höherem Erkennen! --

Und der Knabe in seinem Schoße flüsterte wieder traumbefangen: »Horch,

wie das Vöglein singt!« -- Und Erwin schloß die Augen, und das flutende

Licht, das sein physisches Auge schon lange nicht geschaut, strömte

durch seine Seele. Und es wurde heller in ihm -- er sah wogende

Ährenfelder, er sah die Lerche, die sich tirilierend in den Äther erhob,

und weißschimmernde, freundliche Hütten ragten aus den Bäumen hervor,

und bläulicher Rauch stieg aus ihren Schornsteinen empor.

Und frohe Menschen arbeiteten auf den Feldern, und er hörte den hellen

Klang der gedängelten Sensen -- dann drang der feierliche Glockenklang

an sein Ohr, und stumm legte jeder seine Arbeit zur Seite, und die

Mützen in der Hand, blickten sie der scheidenden Sonne nach, und ihre

Lippen bewegten sich in Andacht. --

Ein beseligendes Gefühl der Wärme und der Behaglichkeit durchströmte

seine Adern, und froh und leicht hob sich die Brust. Es war, als ob das

Glück und der Friede nach langer, beängstigender Herzensqual wieder

einzögen in seine Brust. -- Wie Osterglocken, glückverheißend, klang es

in seinem Ohr. Da konnte er sich's nicht versagen, die Augen ein wenig

zu öffnen. --

Was war das? Durch die weißen Gardinen drang die Sonne in sein

Schlafzimmer herein. Von der Gasse herauf hörte er helles Kinderlachen;

dazwischen vernahm er den ächzenden Laut einer Säge. Ja, das ist

deutliche, prosaische Wirklichkeit. Das ist sein Schlafzimmer, und das

liebliche Antlitz, das sich jetzt thränenbetaut über ihn beugt, ist das

seiner holden Braut.

Und jetzt hört er auch die schrille Stimme des Professors Holberg: »Na,

jetzt kann ich Ihnen mit einiger Sicherheit die Mitteilung machen, daß

unser Freund gerettet ist. Der Fieberparoxysmus ist geschwunden. Der

Puls schlägt wieder weich und regelmäßig. Das Sensorium ist frei. Und

sehen Sie, jetzt drückt er mir schon die Hand. Na, lieber Freund,

erkennen Sie uns? -- Sie müssen schöne Felsstücke von Ihrer Brust

gewälzt haben; denn was Sie in den Wochen Ihrer Fieberthätigkeit für

phantastische Reden gehalten haben, das geht in keinen Wald hinein.«

Erwin versuchte, sich von seinem Lager zu erheben. Er vermochte es

nicht. Glückstrahlend sah er in das Antlitz seiner Braut, freundlich

nickte er ihrem Vater und ihrer Großmutter zu und flüsterte: »So war das

Alles, was ich geschaut und erlebt, nur Fieberphantasie! Wie dank' ich

dem Geschick dafür! Öffnet die Fenster! Ich will meine liebe

Frühlingssonne wiedersehen!«

Der Weltuntergang: Eine Phantasie aus dem Jahre 1900 · 第 4 / 6 题