10. Oktober 1899.

Vincenz Chiavacci.

Der Weltuntergang.

Im Verlag von Adolf Bonz & Comp. sind von demselben

Verfasser ferner erschienen:

Kleinbürger von Groß-Wien.

Ernstes und Heiteres aus dem Wiener Volksleben.

Oktav. -- Geheftet M. 3.60, elegant gebunden M. 4.80.

Wiener vom alten Schlag.

Heitere und ernste Bilder aus dem Volksleben der Kaiserstadt.

Oktav. -- Geheftet M. 3.60, elegant gebunden M. 4.80.

Wiener Typen.

Humoristische Bilder aus dem Wiener Leben.

Oktav. -- Geheftet M. 3.60, elegant gebunden M. 4.80.

Eine die's versteht.

Lokal-politische Standreden der Frau Sopherl vom Naschmarkt.

Oktav. -- Geheftet M. 2.--, elegant gebunden M. 3.--

Der

Weltuntergang.

Eine Phantasie aus dem Jahre 1900

von

Vincenz Chiavacci.

Illustriert von Emil Ranzenhofer.

Stuttgart.

Verlag von Adolf Bonz & Comp.

1897.

Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.

Inhalt.

Seite

I. Die Revolution am Firmament 1

II. Die Zeichen mehren sich 12

III. Das Tagebuch 21

IV. Das Delirium der Erde 62

V. Das große Nichts 84

I.

Die Revolution am Firmament.

Es war im Spätsommer des Jahres 1899. Als ob das sterbende Jahrhundert

allen übrigen noch in letzter Stunde den Rang ablaufen wollte, hatten

sich die Ereignisse in den Neunziger-Jahren in fieberhafter Hast gejagt.

Das Flugproblem war endgültig gelöst. Die Beförderungsweise war zwar

noch etwas kostspielig; dennoch unternahm man schon waghalsige

Expeditionen und plante sogar einen Entdeckungsflug nach dem Nordpol.

Fast mehr noch als die überraschenden Erfolge auf dem Gebiete der

technischen Wissenschaften wurde die Menschheit von den Fragen der

politischen und socialen Gesellschaftsordnung in Atem gehalten. Seit

Monaten schwebte schon das Damoclesschwert eines aller Voraussicht

spottenden, in seinen verheerenden Wirkungen unabsehbaren Weltkrieges

über der Menschheit.

Die europäischen Großmächte hatten die Steuerkräfte der Völker auf's

höchste angespannt, um die ungeheuerlichen Summen aufzubringen, welche

die Heeresausrüstungen verschlangen.

Auch auf diesem Gebiete brachte fast jeder Tag neue Entdeckungen. Die

Heeresausrüstungen der einzelnen Staaten waren in ewiger Umwandlung

begriffen. Mit Eifersucht wachte ein Staat über den anderen, in der

Schlagfertigkeit seiner Armee nicht überholt zu werden, und die

Parlamente hatten schon längst das Murren über die fabelhaften Geldopfer

verlernt. Mit fatalistischem Gleichmut votierten sie immer neue

Millionen für neuartige Kaliber, für widerstandsfähigere Panzer, für

rasantere Projektile. Wagte sich je eine schüchterne Einwendung hervor,

so genügte ein Hinweis auf die furchtbare Verantwortung, dem Vaterland

die Mittel für den Entscheidungskampf versagt zu haben, um den Zweifler

verstummen zu machen.

Während so Millionen von arbeitstüchtigen Männern unter den Waffen

standen, gährte es in der großen Masse des Volkes. Die aberwitzigsten

Umsturzprobleme wurden offen und im geheimen als das einzige Heil der

gehetzten Menschheit erklärt und fanden Tausende von fanatischen

Bekennern. Schon längst hätten die Regierungen diesem unerträglichen

Zustand durch einen zwar furchtbar blutigen, doch für den Fall des

Sieges erlösenden Krieg ein Ende gemacht. Aber was dann, wenn die

decimierten Heeressäulen im eigenen Lande von den aufgehetzten,

blutgierigen Massen als Verräter verfolgt, erdrückt, zerschmettert

würden?

Die Sache stand so: Die alliierten Mächte Österreich, Deutschland,

Italien hatten an Rußland und Frankreich energische Noten abgesendet.

Rußland hatte im mittelländischen Meere Flottenstationen errichtet und

einen Handstreich auf Kandia unternommen. Frankreich hatte, zum großen

Ärger Italiens, einen Teil von Tripolis annectiert. Drohende Noten

flogen hinüber und herüber. Auf beiden Seiten wurde mobilisiert.

Rumänien, Griechenland und die Türkei erklärten sich als Anhänger der

Tripelallianz. In Russisch-Polen wuchs die Aufregung von Tag zu Tag. Die

Grausamkeiten, welche die Russen zur Unterdrückung der Bewegung

ausübten, beschleunigten den Entschluß der unglücklichen Nation, einen

letzten blutigen Verzweiflungskampf zu wagen. England erklärte zwar,

neutral zu bleiben, knüpfte aber daran gewisse Bedingungen, welche die

Machtsphäre Rußlands im Mittelmeere beschränkten. Skandinavien war für

den Dreibund; nur Dänemark liebäugelte mit Rußland und Frankreich. In

Rußland hatten die neuerlichen nihilistischen Attentate eine despotische

Polizeiherrschaft hervorgerufen, während in Frankreich Volk und

Regierung immer mehr dem communistischen Staatswesen zusteuerten.

Trotzdem wuchs die Begeisterung beider Nationen füreinander mit jedem

Tage, der die Gefahr einer allgemeinen Conflagration näher erscheinen

ließ.

So standen die Mächte einander schon geraume Zeit gerüstet gegenüber,

den Arm zum Schlage erhoben. Aber der Arm fiel nicht auf den Gegner

nieder, weil keine von beiden Parteien den Mut fand, eine

entsetzenschwangere Zukunft heraufzubeschwören, die für den ganzen

Weltteil verderbenbringend werden konnte. Man sprach von einem

Schiedsgericht, von einem Friedens-Congreß, von allgemeiner Abrüstung,

und die öffentliche Meinung verarbeitete alle diese Nachrichten mit

leidenschaftlichem Interesse.

Da erschien eines Tages in den Blättern eine Mitteilung, die fast

unbeachtet vorübergegangen wäre, wenn sich nicht die Witzblätter des

dankbaren Stoffes bemächtigt hätten. In dieser Notiz war zu lesen, daß

Mr. Oliver Brown auf der Sternwarte in Philadelphia die Beobachtung

gemacht habe, daß am 11. September die Sonne um ein Sechzehntel einer

Sekunde später als um die normale Zeit aufgegangen sei. Man belächelte

diese Nachricht. Amerikanischer Humbug, erklärten die Blätter.

Vielleicht eine schlaue Reklame für einen Uhrmacher, um zu beweisen, daß

seine Uhren zuverlässiger als die Sonne sind. Die Witzblätter bildeten

die Sonne als fidelen Bruder Studio ab, der von Vater Chronos geweckt

wird. In den »Fliegenden Blättern« war Mr. Brown abgebildet, wie er

mißbilligend die Sonne betrachtet und dabei in der Hand eine Uhr mit

Wasmuth's Hühneraugenringen hält. So gingen die Scherze eine Weile fort,

bis die Sache wieder vergessen war.

Einige Wochen später jedoch kam die gleiche Nachricht von der Sternwarte

in Neapel; der dortige Gelehrte hatte aber gefunden, daß die

Zeitdifferenz bereits ein Zwölftel einer Sekunde betrage. Jetzt stutzten

die Leute. Die Zeitungen brachten lange Artikel für und gegen die Sache.

Die einen behaupteten, es gäbe keine ausgesuchte Narrheit, die nicht in

kurzer Zeit Nachahmer fände, die anderen erklärten die Entdeckung für

einen Irrtum der betreffenden Gelehrten. Andere wieder meinten, solche

kleine Störungen wären vermutlich schon öfter vorgekommen; sie würden

aber immer wieder reguliert, da die ausgleichenden Kräfte des

Gravitationsgesetzes keine dauernden Unregelmäßigkeiten aufkommen

ließen. Es sei ja bekannt, daß auch die Erdachse oscillierende

Bewegungen mache, pendelartige Schwingungen, die jedoch nach einem

ebenso strengen Gesetze wie der ganze wundervolle Weltmechanismus zu

Stande kämen. Man habe dergleichen bis jetzt nur zu wenig beobachtet,

und ein eingehendes Studium werde auch in diesem Falle wieder den

glänzenden Beweis erbringen, daß die Natur keine Sprünge liebt und

derlei Veränderungen höchstens in einem Zeitraum von Jahrmillionen vor

sich gingen.

Als aber die unheimliche Entdeckung von allen kompetenten Stellen ihre

Bestätigung fand, änderte sich das Bild wie mit einem Schlage. Obwohl

der Himmelsmechanismus noch immer wie sonst zu funktionieren schien, war

es doch wie eine dumpfe Betäubung über die Menschheit gekommen.

All die übrigen Fragen und Verwicklungen, Ereignisse und Katastrophen,

ja Krankheit und Tod traten jetzt in zweite Linie vor der furchtbaren

Ungewißheit, der bangen Frage: Was wird aus unserem Erdball werden? In

unheimlicher Stille bereitet sich ein ungeheuerliches, mit keinem

Maßstab des Unglückes und der Verheerung, der Seuchen und des Krieges,

der Erdbeben und der versunkenen Städte zu messendes Schicksal vor. Er

war ja unfaßbar, der Gedanke, daß unsere schöne Erde, der erhabene

Schauplatz der wunderbarsten Lebensentfaltung, der altehrwürdige Wohnort

des zur höchsten Erkenntnisstufe emporstrebenden Menschengeschlechtes,

wie ein steuerloses Fahrzeug im Weltenraum zerschellen sollte, daß, wie

Einzelne zu behaupten wagten, den übrigen Sonnenkindern nur ein schwach

leuchtender Punkt, ein chaotisch durcheinander wirbelnder Ball von

glühenden Gasen ihr Dasein künden würde!

Mutlos sanken auch die werkthätigsten Hände in den Schoß, die Theater

und Vergnügungslokale blieben leer; nur in den Straßen wogte bis in den

frühen Morgen eine ängstlich bewegte Menge und teilte sich flüsternd

ihre Besorgnisse mit. Kein helles Lachen, kein schriller Ton durchdrang

die Luft.

Eine ehrfürchtige Stille herrschte in dem Sterbehause der Allmutter

Erde. Nur wenn die Morgenzeitungen erschienen, ging eine lebhafte

Bewegung durch die Menge. Man riß sich um die ausgebotenen Blätter, man

umdrängte die Plakate, welche die Beobachtungen der einzelnen

Sternwarten enthielten, man horchte auf jeden, der eine neue Nachricht

zu bringen wußte. Aber sie lauteten alle gleich düster und

geheimnisvoll; und dennoch zeigte die Erde keine wahrnehmbaren,

beunruhigenden Veränderungen; die Herbsttage waren von entzückender

Milde und elegischer Schönheit.

Jeden Tag stieg die Sonne am fleckenlosen Firmament empor und vergoldete

den überreichen Herbstsegen mit ihrem verklärenden Schimmer, und die

lauen Nächte mit der schimmernden Mondscheibe schienen die Tage noch

überbieten zu wollen an majestätischer Pracht und heimlichem Liebreiz.

Und dennoch blickte die Menschheit voll banger Erwartung, voll

unsagbarer Verwirrung zur Allerhalterin und Allernährerin empor; denn

die einstimmige Aussage aller Himmelskundigen ließ keinen Zweifel

darüber bestehen, daß die Gesetze unseres Weltmechanismus durch einen

unerklärlichen, vielleicht aus ungeheueren Fernen stammenden Einfluß

gestört worden waren. Das Unerklärliche, Unfaßbare, das nie da war, und

das keines Menschen Hirn ausdenken kann, sollte nun Wirklichkeit sein?

Das Ewige, Unveränderliche, die erhabene Gesetzmäßigkeit -- all die

Begriffe, an denen der Mensch seinen Maßstab anlegte, um seine kleine,

beschränkte Endlichkeit an der Allmacht zu messen, sollten nun mit einem

Male ihres Zaubers entkleidet sein -- Sonnenbälle und Weltsysteme

sollten den letzten, ephemeren Staubgeborenen die Lehre aufweisen, daß

auch sie nichts sind vor dem einen allmächtigen Willen, als tanzende

Stäubchen, emporgewirbelt und versinkend in meßbaren Zeiträumen?

Zu Anfang Oktober kam die Nachricht von der Sternwarte in Kairo, daß man

am südöstlichen Himmel in der Nähe des Sternes _Beteigeuze_ im

Sternbilde _Orion_ einen Kometen entdeckt habe, der gegenwärtig dem

freien Auge zwar nicht sichtbar sei, doch nach den Berechnungen, die in

der kurzen Zeit der Beobachtung möglich waren, seine Bahn mit

fabelhafter Schnelligkeit durchfliege und sich unserem Sonnensystem

nähere. Es sei kein Zweifel, daß dieses Gestirn die Ursache der

Störungen sei, die sich auf unserer Erde in so verhängnisvoller Weise

manifestierten. Die Gefahr eines Zusammenstoßes mit diesem Himmelskörper

sei zwar verschwindend klein; er werde der Erde auf beiläufig zwei

Millionen Kilometer nahe kommen; aber das sei eben bei der ungeheueren,

die Erde um das Tausendfache übertreffenden Größe dieses Gestirnes nahe

genug, um den unheilvollsten Einfluß auszuüben.

Wenige Tage später wurde der furchtbare Feind mit freiem Auge sichtbar,

und nun wuchs er von Tag zu Tag, und sein unheimlich rötlicher Glanz gab

selbst den hellen Mondnächten einen nie dagewesenen magischen Schimmer.

Zuletzt dehnte sich seine ungeheuere Rute über mehr als ein Drittel des

Firmamentes hin. Bei Tage, wenn die Sonne schien, war alles wie sonst.

Aber kaum war der letzte Dämmerschein verglommen, so stieg das

grauenhafte Phänomen empor und erfüllte die hilflose, verzweifelte

Menschheit mit unsagbarem Entsetzen.

II.

Die Zeichen mehren sich.

Vor einem mit weißen Gardinen und den farbensatten Blumen des Herbstes

geschmückten Fenster saß ein zartes, blondes Mädchen und blickte, die

Handarbeit lässig im Schoße haltend, träumerisch dem scheidenden

Tagesgestirne nach. Dort unten am Horizont zuckten noch rötliche

Lichtstrahlen auf, und das zarte, duftige Gewölk erglänzte in blaßrotem

Schimmer. Allmählich verblaßten die Lichtreflexe in matteren Farben und

graueren Tönen, bis nur einzelne hoch im Zenith dahinsegelnde,

metallisch glänzende Wölkchen wie ein letzter Scheidegruß des sinkenden

Gestirnes sichtbar blieben. Doch die eintretende Dämmerung wollte der

Nacht nicht weichen. Ein fahler Schein, von blitzartig aufzuckenden und

wieder verschwindenden roten Lichtstrahlen begleitet, dehnte sich

allmälig über das ganze Firmament hin. Alle Gegenstände der Erde waren

in diesen seltsamen Schimmer getaucht und zeigten eine Farbenabtönung,

die vorher nie eines Menschen Auge geschaut.

Das Mädchen wendete den Blick von der Straße, in die es erwartungsvoll

hinuntergespäht, und sah nach der Thür des Nebenzimmers, aus der eben

eine silberhaarige Greisin heraustrat.

»Ist Dir in deiner Stube zu bange geworden, Großmütterchen?« sagte das

Mädchen und klingelte. »Ich werde gleich Licht bringen lassen. Vater

wird bald kommen, und auch Karl hat mir versprochen, zu kommen.«

»Ich halte es nicht aus in dem unheimlichen Licht,« sagte die alte Frau.

»Mein lieber, alter Hausrat blickt mich darin so fremd und kalt, fast

möchte ich sagen feindselig an. Ich hab' in meinem ganzen langen Leben

kein solches überirdisches, düsterdrohendes Licht gesehen. Doch ja, in

meiner Jugend einmal; da machte mein Bruder den Spaß und ließ uns Alle

um den runden Tisch herumsitzen, in Leintücher eingehüllt, und nachdem

er eine Spiritusflamme entzündet und die übrigen Lichter verlöscht

hatte, streute er ein Pulver in die Flamme, wodurch sich ein Lichtschein

verbreitete, der unsere Gesichter leichenhaft färbte. Wir waren anfangs

darüber entsetzt, dann lachten wir und ergötzten uns daran, wenn neu

eintretende Personen über die Gespensterversammlung erschraken. Daran

gemahnt mich der fahle Schein, den dieses furchtbare Gestirn

allnächtlich verbreitet. Ich sehe nichts als Leichen um mich. Selbst der

Hausrat erschreckt mich. Die Möbelstücke scheinen alle selbst zu

leuchten, wie morsches Holz im nächtlichen Wald. Mich fröstelt. Wie

kindisch der Mensch wird! Ich habe mich doch schon längst vertraut

gemacht mit Sterben und Tod, ich weiß, daß ich an die äußerste Grenze

gelangt bin und in kurzer Zeit den Tribut alles Lebens zahlen muß. Das

hat mich nie geschreckt. Es war für mich keine Vernichtung. Wenn ich auf

die Straße sah, wo die Schuljugend ihre munteren Spiele trieb, so

überzeugte ich mich, daß alles das, was ich für schöne Erinnerung hielt,

auch wieder lebendige, greifbare Gegenwart ist und immer sein wird von

Geschlecht zu Geschlecht. Doch jetzt hört man furchtbare Dinge. Der Tod,

der all die Jahrtausende nur ein mildes, erlösendes Spiel getrieben, hie

und da ein frisches, grünendes Reis zertretend, aber sonst wie ein

emsiger Gärtner im Menschheitsgarten waltete, das Welke und Dürre, das

Faule und Entartete mit sorgender Hand entfernte, damit der Garten

selbst in immer erneuten Reizen blühen könne -- der milde, befreiende

Tod will jetzt ein Ende machen mit Allem, was da lebt. Das ist die

Vernichtung, gegen die der Hingang jedes Einzelnen nur ein freundliches

Spiel mit Knospe, Blüte und Frucht am Baume des Lebens ist.«

Die alte Dame neigte sinnend das Haupt, und die Enkelin sank leise

schluchzend vor ihr auf die Kniee und barg ihr blondes Lockenhaupt in

dem Schoß der Greisin.

Ein Mädchen trat ein, brachte Licht, ließ die Jalousien herunter und

meldete die Ankunft des Herrn Rates.

Dieser, ein stattlicher Fünfziger mit braunem Vollbart und einem

Ausdruck von Bonhommie und Lebensmut im Antlitz, kam in Gesellschaft

eines jungen Mannes, dessen Äußeres den Künstler verriet. Ein

Apollohaupt, die Stirn von braunen Locken umrahmt, mit großen, dunklen,

lebensprühenden Augen, Mund und Kinn mit einem blonden, unten spitz

zulaufenden Bart geschmückt, saß auf einem schlanken, kraftvollen

Körper. Der junge Mann näherte sich der alten Dame, küßte ihr

ehrerbietig die Hand und hob dann das Antlitz des Mädchen zu sich empor,

das sich mit einem glückseligen, durch Thränen schimmernden Blick an ihn

anschmiegte, während ein krampfhafter Seufzer ihre Brust von der Qual

der letzten Stunde befreite.

»Aber Mütterchen,« fing der Rat zu sprechen an, »du, unsere weise

Lehrmeisterin in der Kunst der Resignation, die starke, kampfesmutige

Seele, die uns so oft erhoben in Tagen des Kummers, bist wieder einmal

schwach geworden? Sind wir nicht alle vereint, lieben wir uns nicht? Und

wird uns diese Liebe nicht beisammen finden, mag kommen, was will?«

»Ich bin schon wieder ruhig,« versetzte die Greisin. »Es hat mich nur so

überkommen. In eurem Kreise verschwindet alles Bangen.«

»Was sollen wir fürchten?« versetzte der Sohn mit seiner ruhigen,

sonoren Stimme. »Im schlimmsten Falle werden wir gleichzeitig den Preis

bezahlen, der bis jetzt von allen Lebenden unnachsichtlich eingetrieben

worden ist.«

»Dafür wird es uns aller Voraussicht nach beschieden sein,« bemerkte der

jüngere Mann, »die Zeugen eines über alle Vorstellung erhabenen

Schauspieles zu sein. Es ist noch nichts entschieden; aber die

Vermutungen gehen dahin, daß unser Erdball nicht das Opfer eines

plötzlichen Zusammenbruchs, einer brutalen Katastrophe werden wird,

sondern daß sich sein Sterben allmählich vollziehen wird -- ja daß sogar

Jahre vergehen werden, bevor das letzte Leben auf ihm erloschen sein

wird.«

»Und auch ein Erfreuliches haben wir euch mitzuteilen,« unterbrach ihn

der Rat. »Erwin hat seinen Cyklus: »Das goldene Zeitalter« ausgestellt,

wie ihr wißt. Noch vor Kurzem, als alle Welt nur von dem bevorstehenden

Kriege der fünf Großmächte sprach, fanden die Bilder fast keine

Beachtung, und jetzt, wo die Menschheit von den Fieberschauern der

Todesahnung durchrüttelt wird und alles Interesse für das öffentliche

Leben erloschen ist, wächst der Besuch dieses Bildercyklus von Tag zu

Tag. Die Menschen drängen sich vor dieser Darstellung einer besseren

Welt, als ob ihnen dabei die Augen aufgingen über das ungeheuere

Versäumnis. Und wie der Sterbende oft mit Reue zurückblickt auf ein

verlorenes Leben, und seine sehnsüchtige Phantasie sich ein neues Leben

aufbaut, ohne Reue, ohne Mißklang, ein Leben der Liebe und des

Selbstgenügens, so stehen die Menschen jetzt vor diesen Bildern, und

alles, was der Idealist und Menschenfreund ihnen darin darstellt,

erscheint ihnen so wahr, so echt, so nachahmenswert. Worüber sie früher

mitleidig die Achseln gezuckt, was sie als die Ausgeburt einer

nebelhaften Schwärmerei bezeichnet hätten, das erscheint ihnen als das

selbstverständliche Gebot der Menschlichkeit. Mit Begierde versenken sie

sich in die dargestellten Scenen der Nächstenliebe, des friedlichen

Verkehrs, des hilfreichen Opfermutes. Wie aus einem tausendjährigen

Taumel erwacht, sehen sie jetzt die Verwirklichung dieser Ideale als

wünschenswertestes Ziel vor sich. Niemand denkt mehr an Krieg, an

rücksichtsloses Ringen nach Vorteil und Auszeichnung. Nur der eine heiße

Wunsch lodert in allen Herzen auf, daß die waltende Allmacht der

Menschheit ihren herrlichen, trauten Wohnsitz belassen möge, auf daß er

der vom tausendjährigen Wahne erlösten Menschheit das werde, wozu er vom

Anbeginn bestimmt war, eine Stätte des Glückes, des Friedens und der

brüderlichen Eintracht.«

Die Greisin hatte aufmerksam zugehört, und als ihr Sohn geendet hatte,

sagte sie kopfschüttelnd: »So erhebend der Gedanke ist, daß das Werk

unseres Erwin die Herzen der Menschen zu so hohen Idealen entflammt, so

wenig kann ich die Vorstellung bannen, daß diese Gefühle nur unter dem

Einflusse der mächtigen Eindrücke erstanden sind, die jetzt die

Menschheit erfüllen. Überall in der Welt, auch an anderen Orten, wo

dieser Anlaß nicht gegeben ist, wird der Gedanke erwachen: Es geht zu

Ende, und wir sind von dem Ziele noch so weit! Es ist das Hellsehen der

Sterbenden, das ihnen so klar und scharf den Weg beleuchtet, den sie

durch all das Wirrsal des Kampfes und Hasses nie gefunden haben. Nutzlos

gelebt, das Dasein vergeudet und verthan in sinnlosem Streite, während

uns das allerhaltende Licht seit Äonen mit jedem erglimmenden Tage

gelehrt: Ich spende _allen_ meine Gaben; ich schüttle mein Füllhorn so

reich und unablässig über _alle_ aus, damit ihr _alle_ sie genießt und

glücklich seid; das ist der spätgeborene Gedanke in diesen unheilvollen

Tagen.« --

»Es ist so,« erwiderte der Herr Rat. »Der großen Masse hat sich eine

dumpfe Verzweiflung bemächtigt; der denkende Teil irrt mit dem

qualvollen Gedanken herum: Wir werden vorzeitig abberufen; wir können

nicht mehr die Lösung unserer Aufgabe den späten Enkeln übertragen; wir

gehen mit der Erbsünde unserer Selbstsucht beladen ins große Nichts. Das

ungeheuere Totenfeld, mit dem die Erde in wahnsinniger Hast durch den

Äther eilen wird, braucht nur einen einzigen Leichenstein mit den

Worten: »Besser so!«

In diesem Augenblick drang ein wirrer Lärm von der Straße herauf. Erwin

trat ans Fenster und öffnete es. Die übrigen Personen folgten ihm. Ein

fahles Licht ohne Wärme, ohne Glanz erleuchtete Straßen und Plätze und

ließ die dichtgedrängte, auf und ab hastende Menge in scharfen Umrissen

erkennen. Zahlreiche Zeitungsausrufer verteilten Flugblätter unter die

Menge. Man hörte ihre schrillen Stimmen rufen: »Kein Winter mehr für

unsere Zone! Stellung der Erdachse senkrecht auf die Ebene der Bahn!

Neue Hypothese des Professors Brown! Allgemeine Abrüstung!«

III.

Das Tagebuch.

Erwin sitzt an seinem Schreibpulte. Die Feder ist seiner Hand entfallen.

Sinnend stützt er sein blondes Haupt mit der linken Hand und blickt wie

traumverloren auf das Schriftstück vor ihm, das seine Handschrift trägt.

Es enthält die Aufzeichnungen der großen Ereignisse, von denen das

Denken und Fühlen der ganzen Menschheit erfüllt ist. Wir lassen nunmehr

das Tagebuch des Künstlers sprechen, weil es den unmittelbarsten

Eindruck wiedergibt, den die unheilvollen Vorgänge jener Tage auf eine

edle Menschenseele ausgeübt.

10. Oktober 1899.

Trotz der allgemeinen Betäubung ist in Handel und Wandel noch keine

vollständige Stockung eingetreten. Die Menschheit geht ihren Geschäften

nach, zwar lässig und kraftlos; aber nach dem Gesetze der Trägheit

erfüllt sich das Tagewerk jedes Einzelnen. Mit ängstlicher Sorgfalt

trachtet jeder, so gut als möglich seinen Platz auszufüllen. Niemand

will den Gedanken über sich Herr werden lassen, daß in diesem

geschäftigen Walten nur ein frommer Selbstbetrug liegt; denn würde

dieser Gedanke allgemein werden, so käme das Chaos, die furchtbare

Entfesselung roher Instinkte und wilde Akte der Selbstzerstörung. Die

große Menge blickt hilfesuchend zu ihren Führern empor, und diese können

ihr nichts Weiseres raten als Arbeit und treue Pflichterfüllung. So ist

der Puls der Menschheit noch fühlbar; aber hastend und hüpfend, dann

wieder schwach und aussetzend, wie im letzten Fieberparoxysmus. Die

Menschheit ohne Zukunft! Dieser Gedanke nagt und bohrt in den Gehirnen,

und keine Thätigkeit kann ihn betäuben, kein Vernunftgrund zum Schweigen

bringen. So wird die äußere Zucht und Ordnung noch durch Gewohnheit und

Beispiel erhalten; aber inzwischen hat sich, wie von selbst, in der

menschlichen Gesellschaft eine Wandlung vollzogen, an der die Besten und

Edelsten seit Jahrtausenden vergeblich gearbeitet. Es giebt keine

Kriegsheere mehr. Die Armeen sind auf den niedersten Friedensstand

gestellt, die Grenzen sind offen. Die wenigen Truppen werden zur

Aufrechthaltung der Ordnung verwendet. Das alles geschah ohne Beratung,

ohne Notenwechsel und ohne Congresse. In aller Stille mit einem Gefühle

der Beschämung, wurden die Truppen abberufen. Der Schleier, der den

freien Blick der Menschheit so lange getrübt, ist gefallen. Die Nationen

fühlen sich als Brüder. Das gemeinsame Unglück der Menschheitsfamilie

hat sie wieder zusammengeführt. Aber es giebt auch keine Armen mehr;

gerne und freigebig spendet jeder von seinem Überfluß. Kirchen und

Tempel stehen offen, und die Frommen aller Bekenntnisse suchen Trost und

Ergebung an den geheiligten Stätten. Unabsehbare Prozessionen wallen

durch die Straßen. An ihrer Spitze wandeln katholische Priester,

Pastoren und Rabbiner in brüderlicher Gemeinschaft. Sie sagen damit der

thörichten Menge: Laßt euer Gezänke und euren Dünkel. Nur ein Geist

waltet über den Dingen, durchdringt das All, gebietet dem Lauf der

Gestirne, vernichtet Welten und richtet sie wieder auf. Wir kennen ihn

nicht, wir fühlen ihn bloß in uns und außer uns. Nennt ihn, wie ihr

wollt, Name ist Schall und Rauch. All das, wofür im Laufe der Geschichte

Ströme Blutes geflossen sind und was den Menschen als Offenbarung,

Legende und Überlieferung wie ein heiliger Besitz erschienen ist, um den

man gekämpft und gestritten und für den viele Tausende freudig ihr Leben

hingegeben, erscheint dem letzten Geschlechte in Erwartung des kommenden

Endes wie ein Märchentraum der Kindheitsphantasie. Hellsehend, wie

Sterbende sind, erkennen sie jetzt den großen Irrweg, den sie durch

lange Zeiträume auf der Suche nach der Gottheit gegangen. Sie suchten

das Sittliche, das Edle außer sich, während die Gottheit in ihnen wohnte

und vergeblich mit den elementaren Trieben des blinden Schöpfungsdranges

nach Entfaltung rang. Der allgewaltige, vielgestaltige, in seinen

Milliarden von Einzelerscheinungen unfaßbare Werdetrieb ist weder

vernünftig, noch zweckmäßig, noch ethisch. Blind gehorcht er den ewigen

Gesetzen, zerstört und baut auf. Was als zweckmäßiger Schöpfungsgedanke

erschien, war die notwendige Auslese aus Millionen Unmöglichkeiten. Die

wärmende Sonne, welche die dampfende Erde mit Myriaden von Keimen

befruchtete, brachte nichts als Wärme, Licht und Polarität in den

Haushalt der Natur. Sie kannte nur physikalische Gesetze und chemische

Gewalten. So groß und erhaben, so unausdenkbar diese immer sein mögen,

sie bergen keinen voraussehenden Gedanken, keine Vernunft und keinen

Endzweck in sich. Sie gab ihren Geschöpfen keine Gesetze zur freien

Wahl, denn diese Geschöpfe waren selbst organisierte Naturgesetze mit

gebundener Marschroute. So bist du und so mußt du sein, hieß ihr

Machtwort, dem noch kein Lebewesen zuwider gehandelt hat.

Da kam das letzte, vollendetste Geschöpf des Lichtes, der Mensch, und in

den engen Zellen der Gehirnwindungen bewirkte derselbe Lichtstrahl durch

unerklärte Metamorphosen geheimnisvolle Veränderungen, die sich als

Anschauung, Erkenntnis, Urteil, Vernunft darstellten. Dieser Prozeß

vollzog sich bei ihm mit derselben Notwendigkeit, mit der sich ein

Lichtstrahl unter dem Prisma in die sieben Farben des Regenbogens

verwandelt. Aber der wunderwirkende Strahl beunruhigte ihn. Er fragte

nach dem Warum? Er forschte nach dem Zweck. Die Sonne, die ihm das

furchtbare Geschenk gegeben, konnte es ihm nicht sagen. Sie wußte es

selbst nicht. Die übrige Natur blieb stumm; sie war ja unvernünftig; in

ihr hatte der Strahl noch nie einen quälenden Gedanken entzündet.

Da fand der Mensch seinen Gott. Er war das Warum und Wozu. Er wohnte nur

in ihm, ward nur durch ihn gedacht. Die Sonne kannte ihn nicht; die Erde

kannte ihn nicht; der Fisch im Wasser und der Vogel in der Luft fragten

nie nach dem Warum und Wozu.

Jetzt ging der Mensch auf die Suche nach seinem Gotte aus. Er ahnte

nicht, daß er in seiner Gehirnzelle saß, daß er die letzte und edelste,

die sich selbst schauende That des allschaffenden Sonnenstrahles war. Er

suchte den Gott außer sich. Er sah den flammenden Sonnenball, der seit

Jahrmillionen Licht und Wärme spendet und alles Lebende zeugt, und sagte

sich: Das ist Gott! Andere bildeten scheußliche Fratzen aus Stein und

Erz und sagten: Das ist Gott. Auch Tiere und Bäume hielten sie für die

Wohnung ihres Gottes. Wieder andere fanden für jedes Warum und Wozu

einen Gott; der Baum, das Wasser, der Fels, die Wolke hatten einen

innewohnenden Gott. Nur der Mensch hatte in sich den Gott nicht

gefunden. Er ist nur Einer! Ein allgewaltiger Geist, der den Himmel und

die Gestirne und alles Lebende nur für uns geschaffen. Er ist _unser_

Gott, der Gott unseres Volkes, sagten die Einen. All die ungezählten

Millionen, die sonst noch auf der Erde wandeln, haben keinen Teil an

ihm. Wir haben ihn erkannt, obwohl er sich nie zu erkennen gegeben und

auch alle anderen Völker der Erde nie wissen ließ, daß er so und nicht

anders erkannt und verehrt werden will. Dann wieder lief die Kunde durch

die Welt: In Bethlehem hat ein Weib ein Kind geboren, in dem wohnt Gott.

Er wandelte auf Erden als Mensch, aber was er sprach und lehrte, was er

that und litt, war göttlich. Die Besten von uns haben sein Urbild im

Herzen getragen, bevor ihn das Weib gebar. Es schien, daß der Mensch

seinen Gott gefunden habe. Aber wieder verdunkelte sich das reine Bild,

und die Menschheit vergaß, daß der lebendige Gott wieder und wieder aus

jedem Menschen geboren werden müsse. Sie thaten groß und glaubten ihn

erkannt zu haben, den Heiland, den Erlöser, und doch, wie weit waren sie

von ihm entfernt, und wie entfernten sie sich immer wieder von neuem von

ihm! Geradeso wie die erste Zelle im Meeresgrunde die Urform zu all den

Myriaden wundervoller Organismen bis hinauf zum Menschen bildete, hat

auch der erste kindliche Gedanke des Urmenschen von der Gottheit all die

späteren Vorstellungsformen der civilisierten, geistig vervollkommneten

Menschheit gezeugt. Doch auch heute noch leben die einfachen Zellenwesen

auf dem Meeresgrunde, und auch heute noch spukt in Millionen Köpfen

neben der selbstlosen Lehre Christi die plumpe, ungeschlachte

Vorstellungsform von einem höchsten Wesen, wie sie der Urmensch

ausgedacht. Egoismus, Aberglaube, Furcht, schlaue Spekulation,

Staatsraison schaffen heute noch die wunderlichsten Ausgeburten, und nur

wenige hochstehende Menschen haben ihren Gott gefunden, weil sie es

verstanden, ihm ähnlich zu werden. Der Gott des sicilianischen Bauern

und der des russischen Muschiks, des bekehrten Samojeden und des

getauften Feuerländers kann doch nicht derselbe sein wie der des

selbstlosen, auf der höchsten Zinne einer sittlichen Weltanschauung

stehenden Gelehrten! So gilt auch hier das Wort: Jeder Einzelne hat den

Gott, den er verdient!

Der Weltuntergang: Eine Phantasie aus dem Jahre 1900 · 第 1 / 6 题