XLIV. VASITTHIS VERMÄCHTNIS

Und es waren die letzten, die ich auf Erden vernahm.

Meine Lebenskraft war erschöpft, das Fieber umnebelte meine Sinne. Wie

flüchtige Traumbilder sah ich noch Gestalten um mich her--Medinis

Gesicht war oft dem meinigen nahe. Dann wurde Alles dunkel. Plötzlich

aber war es mir, als ob ein kühles Bad meinen Fieberbrand lösche. Nein,

ich fühlte mich, wie ein Wanderer, in der Sonnenglut an einem Teiche

stehend, sich wohl vorstellen mag, daß die Lotuspflanze sich fühlen muß,

die, gänzlich in quellenkühles Naß getaucht, ihre Labung mit allen

Fasern einsaugt. Gleichzeitig hellte es sich nach oben auf, und ich sah

dort über mir eine große schwimmende, rote Lotusrose; und über ihren

Rand neigte sich dein liebes Gesicht hervor. Da stieg ich von selber

aufwärts und ich erwachte neben dir, im Paradiese des Westens!"

"Und gepriesen seist du," sagte Kamanita, "daß du, von deiner Liebe

gelenkt, jenen Weg nahmst. Wo wäre ich wohl jetzt, wenn du dich mir dort

nicht zugesellt hättest? Zwar weiß ich nicht, wohin wir uns aus den

Trümmern dieses schrecklichen Weltunterganges retten können--doch du

flößest mir Zuversicht ein, denn du scheinst von diesen Schrecknissen so

unerschüttert zu sein, wie der Sonnenstrahl vom Sturm."

"Wer das Größte gesehen hat, mein Freund, den bewegt das Geringere

nicht. Geringfügig aber ist ja dies, daß Tausende und Abertausende von

Welten vergehen, im Vergleich damit, daß ein vollendeter Buddha in das

Nirvana eingeht. Denn alles dies, was wir rings um uns sehen, ist nur

eine Veränderung, und alle diese Wesen werden wieder ins Dasein treten.

Jener hunderttausendfache Brahma, der sich zornglühend gegen das

Unabänderliche sträubt und wohl gar _uns_ neidisch ansieht, weil wir

noch ruhig leuchten: der wird auf irgend einer niedrigeren Stufe wieder

erscheinen, während vielleicht ein hochstrebender Menschengeist als der

Brahma entsteht; jedes Wesen aber wird sich dort befinden, wo sein

innerster Herzenswille und seine Geisteskraft es hinführt. Im ganzen

jedoch wird Alles sein wie es war, weder besser noch schlimmer; weil es

eben gleichsam aus demselben Stoff gemacht ist. Deshalb nenne ich dies

geringfügig. Und deshalb ist es nicht nur keineswegs schrecklich,

sondern sogar erfreulich, diesen Weltuntergang zu erleben. Denn wäre

diese Brahmawelt ewig, dann gäbe es ja nichts Höheres."

"So weißt du denn ein Höheres als diese Brahmawelt?"

"Diese Brahmawelt ist, wie du siehst, vergänglich. Aber es gibt ein

Unvergängliches, ein Ungewordenes. 'Es gibt,' sagt der Herr, 'eine

Stätte, wo nicht Erde noch Wasser ist, nicht Licht noch Luft, weder

Raumunendlichkeit noch Bewußtseinsunendlichkeit, weder Vorstellung noch

Nichtvorstellung. Das heiße ich, ihr Jünger, weder Kommen noch Gehen,

weder Sterben noch Geburt; das ist des Leidens Ende, die Stätte der

Ruhe, das Land des Friedens, das unsichtbare Nirvana.'"

"Hilf mir, du Heilige, daß wir dort, im Lande des Friedens,

auferstehen!"

"'Auferstehen'--hat der Herr gesagt--"das trifft dort nicht zu;

Nichtauferstehen, das trifft dort nicht zu. Womit du bezeichnend irgend

etwas greifbar machen und erfassen kannst--das trifft dort nicht zu.'"

"Was soll mir aber das Ungreifbare?"

"Lieber frage: was greifbar ist, ist das noch wert, die Hand danach

auszustrecken?"

"Ach, Vasitthi, wahrlich, ich glaube, einst muß ich einen Brahmanenmord

oder ein ähnliches Verbrechen begangen haben, das mich mit seiner

Vergeltung so grausam in dem Gäßchen Rajagahas traf. Denn wäre ich dort

nicht jäh ums Leben gekommen, so hätte ich dem Erhabenen zu Füßen

gesessen, ja gewiß wäre ich auch wie du bei seinem Nirvana zugegen

gewesen. Und ich würde sein wie du bist.--Aber wohlan, Vasitthi--während

uns noch Gedanken und Vorstellungen gehören, tue mir dies zu Liebe.

Beschreibe mir den Vollendeten genau, auf daß ich ihn im Geiste sehe und

somit das erreiche, was mir auf Erden nicht vergönnt war: gewiß wird das

mir den Frieden geben."

"Gern, mein Freund," antwortete Vasitthi. Und sie schilderte ihm die

Erscheinung des Vollendeten, Zug um Zug, auch nicht das Geringste

vergessend.

Aber mißmutig sagte Kamanita:

"Ach, was helfen Beschreibungen! Was du da sagst, das könnte alles

ebensogut auf jenen alten Asketen passen, von dem ich dir erzählt habe,

daß ich mit ihm zusammen zu Rajagaha in der Halle eines Hafners die

Nacht zubrachte, und der wohl nicht ganz so töricht war, wie ich

geglaubt habe, denn er hat doch, wie ich jetzt merke, manches Richtige

gesagt. Wohlan, Vasitthi, sage mir nichts mehr, sondern stelle dir im

Geiste den Vollendeten vor, bis du ihn siehst, wie du ihn zuletzt von

Angesicht zu Angesicht gesehen hast; und infolge unserer geistigen

Gemeinschaft werde ich dann vielleicht an dieser Vision teilnehmen."

"Gern, mein Freund."

Und Vasitthi stellte sich den Vollendeten vor, wie er im Begriff war, in

das Nirvana einzugehen.

"Siehst du ihn, mein Lieber?"

"Noch nicht, Vasitthi."

"Ich muß dies Phantasiebild versinnlichen," dachte Vasitthi.

Und sie sah sich im unermeßlichen Raume um, wo die Brahmawelt im

Erlöschen begriffen war.

Gleichwie etwa ein großer Erzgießer, wenn er die Form eines herrlichen

Götterbildes fertiggestellt hat, und es ihm an Erz gebricht um diese

Form zu füllen, sich nun in seiner Werkstatt umsieht; und was da alles

umhersteht an kleinen Götterbildern, Figuren, Vasen und Gefäßen, sein

ganzes Eigentum, das Werk seines Lebens,--das wirft er alles gern und

willig in den Schmelzofen, um dies eine herrliche Götterbild vollkommen

gießen zu können:

also sah Vasitthi sich im unermeßlichen Räume um:

und was da alles noch von erblassendem Licht und zerfließenden Formen

dieser Brahmawelt übrig war, das zog sie durch ihre Geisteskraft an

sich, den ganzen Raum entvölkernd, und bannte diese ganze Masse von

Astralstoff in die Formen ihrer Phantasie und schuf so im Räume ein

kolossales leuchtendes Bild des Vollendeten, wie er im Begriff war, in

das Nirvana einzugehen.

Und wie sie dies Bild sich gegenüber erblickte, erhob sich in ihr keine

Neigung, keine Wehmut.

Denn selbst der große Heilige Upagupta, als er durch die Zauberkunst

Maras, des Bösen, die Gestalt des längst gestorbenen Buddha zu sehen

bekam, da erhob sich in ihm Neigung, so daß er sich vor der

Trugerscheinung anbetend niederwarf und von Wehmut übermannt klagte:

"Wehe über diese erbarmungslose Unbeständigkeit, daß sie auch so

herrliche Gestalten auflöst! Denn der so herrliche Körper des großen

Heiligen unterlag der Vergänglichkeit und ist der Vernichtung

anheimgefallen."

Nicht aber so Vasitthi.

Unbewegt, gesammelten Geistes betrachtete sie die Erscheinung, wie ein

Künstler sein Werk, nur darauf bedacht, dieselbe Kamanita mitzuteilen.

"Jetzt fange ich an, eine Gestalt zu sehen," sagte dieser. "O halte sie

fest, laß sie noch deutlicher aufleuchten!"

Da blickte Vasitthi sich wieder im Raume um.

In seiner Mitte war noch der rotglühende, zornesblitzende Glanz des

hunderttausendfachen Brahma geblieben.

Und Vasitthi riß durch ihre Geisteskraft diese höchste Gottheit aus

ihrer Stätte und bannte sie in die Form der Buddhaerscheinung hinein. Da

erleuchtete sich diese und belebte sich, wie Einer, der einen stärkenden

Trank genießt.

"Jetzt seh' ich sie schon deutlicher," sagte Kamanita.

Da schien es Vasitthi, als ob der Buddha zu ihr spräche:

"So bist du denn gekommen, meine Tochter. Bist du mit deinem Spruch zu

Ende?"

Und wie man seinem Traumbilde antwortet, entgegnete Vasitthi:

"Ich bin damit zu Ende, Herr."

"Recht so, meine Tochter! Und der lange Weg hat dich nicht gemüht? Noch

bedarfst du der Hilfe des Vollendeten?"

"Nein, o Herr, ich bedarf nicht mehr der Hilfe des Vollendeten."

"Recht so, meine Tochter! Bei dir selber hast du Zuflucht genommen, in

deinem eigenen Selbst ruhest du, Vasitthi."

"Mein Selbst habe ich kennen gelernt, o Herr. Wie man die Blattscheiden

eines Pisangstammes aufrollt und findet darin kein Kernholz, aus dem

eine feste Stütze zu zimmern wäre; also habe ich da mein Selbst kennen

gelernt: ein Haufen wechselnder Gestaltungen, in denen nichts Ewiges

ist, worin man ruhen könnte. Und ich gebe dies mein Selbst auf: 'das bin

ich nicht, das gehört mir nicht'--also urteile ich darüber."

"Recht so, meine Tochter! Nur an der Lehre hältst du dich noch fest."

"Die Lehre, o Herr, hat mich zum Ziel gebracht. Wie einer, der mittelst

eines Flosses einen Strom durchquert hat, wenn er das jenseitige Ufer

betritt, das Floß nicht festhält, nicht mit sich schleppt: also halte

ich mich nicht mehr an der Lehre fest, lasse die Lehre fahren."

"Recht so, meine Tochter! Solcherweise nirgend anhänglich haftend, wirst

du bei mir am Orte des Friedens auferstehen."

"'Auferstehen,' hast du gesagt, o Herr, 'das trifft nicht zu.

Nichtauferstehen, das trifft nicht zu.' Und auch diese Lehre, daß weder

Auferstehen noch Nichtauferstehen zutrifft--auch die trifft nicht mehr

zu. Nichts trifft mehr zu, _und am wenigsten trifft das Nichts zu_. Also

hab' ich es jetzt verstanden."

Da lächelte die Buddhaerscheinung ein leuchtendes Lächeln.

"Jetzt werde ich auch die Züge gewahr," sagte Kamanita. "Wie ein

Spiegelbild in fließendem Wasser erkenne ich sie undeutlich. O, halte

sie fest, stätige sie, Vasitthi!"

Vasitthi sah sich im Raume um.

Der Raum war leer.

Da warf Vasitthi ihre eigene Körperlichkeit in die Astralmasse der

Erscheinung hinein.

Kamanita merkte, wie Vasitthi entschwand. Wie aber ein Sterbender ein

Vermächtnis hinterläßt, so hatte Vasitthi ihm jetzt das Buddhabild

vermacht, das mit ihm allein im Räume zurückblieb, und das er jetzt

deutlich erkannte.

"Jener alte Asket, mit dem ich in Rajagaha übernachtete und den ich

töricht schalt, das war ja der Vollendete! O über mich Toren! Gab es je

einen größeren Toren als mich? Was ich als das höchste Heil, als die

Erlösung selber ersehnte, das hab' ich ja schon seit Milliarden von

Jahren besessen!"

Da näherte sich ihm die Erscheinung wie eine heranziehende Wolke und

hüllte ihn in einen glänzenden Nebel ein.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 51 / 55 题