XLV. WELTENNACHT UND WELTENGRAUEN

Wie in einer Festhalle, wenn alle Fackeln und Lampen ausgelöscht sind,

in einer Ecke vor einem heiligen Bilde ein Lämpchen noch brennen bleibt:

also blieb Kamanita in der Weltennacht allein zurück.

Denn wie seine Leiblichkeit in den Astralstoff jener Buddhaerscheinung

gehüllt war, so war seine Seele ganz und gar vom Buddhagedanken umhüllt:

und das war das Öl, welches die Flamme dieses Lämpchens speiste.

Das ganze Gespräch, das er in der Vorhalle des Hafners zu Rajagaha mit

dem Erhabenen gehabt hatte, stieg Satz für Satz, Wort für Wort in seiner

Erinnerung auf. Nachdem er es aber ganz durchgegangen war, hub er wieder

von vorne an. Und jeder Satz war ihm da wie eine Pforte, von der aus

sich neue Gedankenwege eröffneten, die wiederum zu anderen führten. Und

er wanderte sie alle, bedächtigen Schrittes, und nichts war da, was ihm

dunkel blieb.

Und während sein Geist da solchermaßen den Buddhagedanken in sich

hineinspann und verarbeitete, sog seine Körperlichkeit immer mehr von

dem sie umgebenden Astralnebel in sich, so daß dieser endlich

durchsichtig wurde. Und die Finsternis der Weltennacht fing an sich als

ein zartes Blau zu zeigen, das immer dunkler ward.

Da dachte Kamanita:

"Draußen herrscht nun die ungeheure Finsternis der Weltennacht. Einst

aber wird die Zeit kommen, da der Tag graut und eine neue Brahmawelt ins

Dasein tritt. Wenn mein Sinnen und Trachten nun darauf gerichtet wäre,

der hunderttausendfache Brahma zu sein, der diese Welt ins Leben rufen

wird, so sehe ich nicht, wer mir da den Rang ablaufen könnte. Denn

während alle Wesen jener Brahmawelt in Ohnmacht und Nichtsein versunken

sind, bin ich hier wach und geistesmächtig zur Stelle. Ja, ich könnte,

wenn ich wollte, in diesem Augenblick jene Wesen alle ins Dasein rufen,

jedes an seine Stelle, und den neuen Weltentag beginnen. Eins aber

könnte ich nicht: Vasitthi könnte ich nimmer wieder ins Dasein rufen.

Vasitthi ist davongegangen in jenem Entschwinden, das keine Daseinskeime

zurückläßt; kein Gott und kein Brahma kann sie finden. Was aber soll mir

ein Leben ohne Vasitthi, die im Leben das Schönste und Beste war? Und

was soll mir ein Brahmasein, über welches man hinausgehen kann? Was soll

mir die Zeitlichkeit, wenn es eine Ewigkeit gibt?

"Es gibt eine Ewigkeit und einen Weg in die Ewigkeit. Einst hat mich ein

alter Waldbrahmane gelehrt, daß um das Herz hundert feine Adern

gesponnen sind, durch welche die Seele in dem ganzen Körper

umherschweifen kann; eine einzige Ader aber gäbe es, die zum Scheitel

führe, und durch diese verlasse die Seele den Körper. So gibt es auch

hundert, ja tausend und hunderttausend Wege, die in dieser Welt

umherführen, durch mannigfache Leidensstätten, langwierige und

kurzwierige, schön ausgestattete und häßlich ausgestattete: Himmel und

Menschenwelt und Tierreiche und Höllen. Aber einen einzigen Weg gibt es,

der aus dieser Welt gänzlich hinausführt. Das ist der Weg in die

Ewigkeit, der Weg ins Unbetretene. Auf diesem Wege befinde ich mich

jetzt. Wohlan, ich will ihn zu Ende gehen."

Und er dachte den Buddhagedanken von dem zur Leidensvernichtung

führenden Wege immer weiter.

Und immer dunkler wurde das Blau der durchscheinenden Weltennacht.

Wie dasselbe aber anfing fast schwarz zu werden, leuchtete der neue

Brahma auf, ein hunderttausendfacher Brahma, der hunderttausend Welten

erleuchtet und erhält.

Und der Brahma ließ den frohen Weckruf ergehen:

"Wachet auf, ihr Wesen alle, die ihr diese ganze Weltennacht hindurch im

Schoße des Nichtseins ruhtet! Hierher, die neue Brahmawelt zu bilden,

den neuen Weltentag zu genießen, jeder an seiner Stätte, jeder nach

seiner Kraft!"

Und die Wesen und Welten tauchten aus dem Nichtsein der Finsternis

hervor, Stern an Stern, und wie Jauchzen von hunderttausend Stimmen und

Schall von hunderttausend Pauken und Muschelhörnern erklang es:

"Heil dem hunderttausendfachen Brahma, der uns zum neuen Weltentage

ruft! Heil uns, die wir berufen sind, den Weltentag mit ihm zu genießen,

seinen göttlichen Glanz selig widerzuspiegeln!"

Als Kamanita dies sah und vernahm, wurde er von tiefem Mitleid

ergriffen.

"Diese Wesen und Welten, diese Sternengötter und der hunderttausendfache

Brahma selber jauchzen dem Weltentage entgegen, erfreuen sich des

Lebens. Und warum? Weil sie es nicht kennen."

Durch dies sein Mitleid mit der Welt, mit den Göttern und mit dem

höchsten Gott überwand Kamanita den letzten Rest von Eigenliebe.

Aber er erwog nun:

"Auch während dieses Weltentages werden ja vollendete Buddhas

erscheinen, welche die Wahrheit verkünden. Wenn nun diese Gottheiten die

Heilswahrheit vernehmen und sich erinnern, daß sie im ersten Grauen des

Weltentages ein Wesen gesehen haben, das aus der Welt hinausging, dann

wird ihnen diese Erinnerung zum Vorteil gedeihen. 'Schon einer aus

unserer Mitte, gleichsam ein Teil von uns, ist auf jenem Weg

vorausgegangen,' werden sie sich sagen und das wird ihnen zum Heil

gereichen. Also helfe ich Allen, indem ich mir selber helfe. Denn

niemand kann in Wahrheit sich selber helfen, ohne Allen zu helfen."

Da bemerkten nun bald einige, dann immer mehrere der Sternengötter, daß

Einer da war, der nicht wie die anderen klarer und klarer leuchtete,

sondern vielmehr an Glanz abnahm.

Und sie riefen ihm zu:

"Heda, Bruder! Blicke doch auf den großen, den hunderttausendfachen

Brahma, auf daß dein Glanz sich erfrische, auf daß du aufleuchten mögest

wie wir! Auch du, Bruder, bist ja berufen, den Glanz des höchsten Gottes

selig widerzuspiegeln."

Als die Götter ihn so anriefen, blickte Kamanita weder hin, noch hörte

er hin.

Und die Götter, die ihn noch trüber werden sahen, wurden um ihn gar sehr

besorgt. Und sie wandten sich an Brahma:

"Großer Brahma! Erleuchter und Erhalter! O siehe doch dies arme Wesen,

das zu schwach ist, um mitzufolgen, dessen Glanz abnimmt, anstatt

zuzunehmen! O, richte doch deine Aufmerksamkeit auf ihn, erleuchte ihn,

erfrische ihn! Auch ihn hast du ja gerufen, damit er deinen göttlichen

Glanz selig widerspiegele."

Und der große Brahma, voll Fürsorge für die Wesen, richtete seine

Aufmerksamkeit auf Kamanita, um ihn zu erfrischen und zu stärken.

Aber der Glanz Kamanitas nahm trotzdem zusehends ab.

Da verdroß es nun den großen Brahma mehr, daß dies eine Wesen sich von

ihm nicht erhellen ließ und seinen Glanz nicht widerspiegelte, als es

ihn erfreute, daß hunderttausend Welten sich in seinem Lichte sonnten

und ihn jauchzend priesen.

Und er zog einen großen Teil seiner göttlichen Leuchtkraft von den

Welten zurück--Leuchtkraft genug, um tausend Welten zu entzünden--und

richtete sie auf Kamanita.

Aber der Glanz Kamanitas nahm immer noch ab, als ob er dem völligen

Erlöschen entgegenginge.

Nun geriet Brahma in große Angst, in große Besorgnis:

"Dieser eine entzieht sich meiner Macht--so bin ich denn nicht

allmächtig? Nicht kenn' ich den Weg, den er geht--so bin ich denn nicht

allwissend? Denn nicht erlischt jener, wie die Wesen im Tode erlöschen,

um je nach den Werken wiedergeboren zu werden; nicht, wie die Welten in

der Brahmanacht erlöschen, um sich wieder zu entzünden. Welches Licht

leuchtet denn ihm, daß er das meine verschmäht? So gibt es also ein

Licht, leuchtender als das meine? So gibt es also einen Weg, dem meinen

entgegengesetzt--einen Weg ins Unbetretene? Werde ich wohl selber jemals

diesen Weg einschlagen--den Weg ins Unbetretene?"

Und auch die Sternengötter alle gerieten in große Angst, in große

Besorgnis:

"Dieser eine entzieht sich der Macht des großen Brahma--so ist denn der

große Brahma nicht allmächtig? Welches Licht leuchtet wohl ihm, daß er

dasjenige des großen Brahma verschmäht? So gibt es denn ein Licht,

herrlicher als das göttliche, das wir selig widerspiegeln? So gibt es

also einen Weg, dem unseren entgegengesetzt--einen Weg ins Unbetretene?

Werden wir wohl jemals diesen Weg einschlagen--den Weg ins Unbetretene?"

Da erwog nun der hunderttausendfache Brahma:

"Wohlan, ich werde meine Leuchtkraft, die jetzt in dem Raume verbreitet

ist, wieder zurückziehen und werde alle diese Welten wiederum in das

Dunkel der Brahmanacht versenken. Und in einen einzigen Strahl gesammelt

werde ich mein Licht auf jenes Wesen richten, um es für diese meine

Brahmawelt noch zu retten."

Und der hunderttausendfache Brahma zog nun seine in dem Raume

verbreitete Leuchtkraft an sich zurück, so daß alle die Welten wieder in

das Dunkel der Brahmanacht versanken. Und indem er sein Licht in einen

einzigen Strahl sammelte, richtete er diesen auf Kamanita.

"Nun muß an dieser Stelle der strahlendste Stern meiner ganzen

Brahmawelt leuchten!" dachte er.

Da zog der hunderttausendfache Brahma diesen einzigen Strahl, mit

Leuchtkraft genug um hunderttausend Welten zu entzünden, an sich zurück

und verbreitete dann wieder sein Licht durch den ganzen Raum.

An der Stelle aber, wo er hoffte, den strahlendsten Stern leuchten zu

sehen, war nur noch ein verglimmendes Fünkchen zu entdecken.

Und während im unermeßlichen Raume Welten an Welten aufleuchtend und

aufjauchzend zum neuen Brahmatage sich hervordrängten, erlosch der

Pilger Kamanita gänzlich, wie eine Lampe erlischt, wenn sie den letzten

in ihren Docht aufgesogenen Öltropfen verzehrt hat.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 52 / 55 题