Meine Entkräftung erlaubte es mir nicht, lange Tageswanderungen zu
unternehmen und nötigte uns bisweilen, uns einen Ruhetag zu gönnen, so
daß wir erst nach einer einmonatigen Pilgerfahrt in Vesali ankamen, wo,
wie wir wußten, der Erhabene sich längere Zeit aufgehalten hatte, von wo
er aber vor etwa sechs Wochen weiter gewandert war.
Kurz vorher hatten wir in einem Dorfe, wo Anhänger der Lehre wohnten,
gehört, daß Sariputta und Moggallana in das Nirvana eingegangen waren.
Der Gedanke, daß diese beiden großen Jünger, die Häuptlinge der Lehre,
wie wir sie nannten, nicht mehr auf Erden weilten, erschütterte mich
tief. Wohl wußten wir alle, daß auch diese Großen, ja der Buddha selber,
nur Menschen waren wie wir; aber die Vorstellung, daß sie uns verlassen
könnten, war nie in uns aufgetaucht. Sariputta, der mir so oft auf seine
bedächtige Weise schwierige Fragen der Lehre gelöst hatte, war
davongegangen. Er war der Jünger, der dem Meister ähnlich sah, und er
stand wie der Erhabene in seinem achtzigsten Lebensjahre; wäre es
möglich, daß auch der Buddha selber sich schon dem Ende seines
Erdenlebens näherte?
Vielleicht, daß die Unruhe, die durch diese Furcht entstand, einen
schleichenden Rest meines Fieberzustandes wieder anschürte: jedenfalls
kam ich erschöpft und krank in Vesali an. Hier lebte eine reiche
Anhängerin des Ordens, die es sich angelegen sein ließ, für die
durchziehenden Mönche und Nonnen auf jede Weise zu sorgen. Wie sie nun
erfuhr, daß eine kranke Nonne angekommen sei, suchte sie mich sofort
auf, brachte Medini und mich nach ihrem Hause und pflegte mich dort
sorgsam.
Ihr gegenüber äußerte ich gar bald meine Furcht: ob es wohl möglich sei,
daß der Erhabene, der ebenso alt sei wie Sariputta, uns nun auch bald
verlassen würde?
Da brach die fromme Seele in einen Strom von Tränen aus und rief
schluchzend:
"Ach! So weißt du es denn noch nicht? Hier in Vesali--vor zwei Monaten
etwa--hat ja der Gesegnete vorausgesagt, daß nach drei Monaten sein
Nirvana stattfinden wird. Wir haben ihn alle hier zum letzten Male
gesehen. Und man denke: wenn nur Ananda Verstand genug besessen und zu
rechter Zeit gesprochen hätte, dann wäre das nimmer geschehen, und der
Buddha hätte bis zum Ende dieser Weltperiode fortgelebt!"
Ich fragte, was denn der gute Ananda damit zu tun habe, und auf welche
Weise er eine solche Rüge verdient habe.
"Auf folgende Weise," antwortete die Frau. "Eines Tages weilte der
Erhabene mit Ananda vor der Stadt bei dem Capala-Tempel. Da sagte nun
der Gesegnete zu Ananda: wer auch immer die geistigen Kräfte in sich
vollkommen entwickelt habe, der könne, wenn er wolle, durch eine ganze
Weltperiode am Leben bleiben. O über diesen einfältigen Ananda, daß er,
trotz dieses deutlichen Winkes, nicht sofort sprach: 'Möge doch der
Erhabene eine Weltperiode hindurch zum Heile Vieler am Leben bleiben!'
Sicher war sein Geist von Mara, dem Bösen, besessen, da er seine Bitte
erst dann vorbrachte, als es zu spät war."
"Wie konnte es aber zu spät sein," fragte ich, "da ja der Erhabene noch
lebt?"
"Das war folgendermaßen. Du mußt nämlich wissen, vor fünfzig Jahren, als
der Erhabene in Uruvela sich das Buddhawissen errungen hatte, und nach
siebenjährigem Kampfe den Besitz heiliger Gemütsruhe genießend, unter
dem Nyagrodhabaume des Ziegenhirten weilte: da nahte sich ihm Mara, der
Böse, gar sehr besorgt wegen der Gefahr, die seinem Reiche durch den
Buddha drohte; und in der Hoffnung, die Verbreitung der Lehre zu
verhindern, sprach er: 'Heil dir! Jetzt ist es Zeit für den Erhabenen,
in das Nirvana einzugehen!' Aber der Buddha antwortete: 'Nicht eher
werde ich, du Böser, in das Nirvana eingehen, als bis ich der Menschheit
die Lehre verkündet habe; nicht eher, als bis ich mir Jünger geworben
habe, die imstande sind, diese Lehre gegen Angriffe zu verteidigen und
sie weiter zu verkünden. Erst dann, Böser, werde ich in das Nirvana
eingehen, wenn das Reich der Wahrheit fest begründet ist.'
Nachdem nun aber der Erhabene hier am Çapalaheiligtum so, wie ich dir
sagte, zu Ananda gesprochen hatte und dieser, ohne den Wink zu
verstehen, weggegangen war, nahte sich Mara, der Böse, dem Erhabenen und
sprach zu ihm: 'Heil dir! Jetzt ist für den Erhabenen die Zeit gekommen,
in das Nirvana einzugehen. Was mir der Erhabene damals unter dem
Nyagrodhabaume des Ziegenhirten zu Uruvela als Bedingung für sein
Nirvana angab, das ist ja jetzt erfüllt. Fest gegründet ist das Reich
der Wahrheit. Möge also der Erhabene jetzt in das Nirvana eingehen!' Da
sprach der Buddha zu Mara, dem Bösen, also: 'Sei du, o Böser, ohne
Sorge! Das Nirvana des Vollendeten wird bald stattfinden; nach Verlauf
von drei Monaten von jetzt ab wird der Vollendete in das Nirvana
eingehen.' Bei diesen Worten aber erzitterte die Erde, wie du es wohl
auch selber bemerkt haben wirst."
In der Tat hatten wir in Kosambi, etwa einen Monat bevor ich den
heiligen Hain verließ, ein leichtes Erdbeben gespürt, was ich ihr nun
auch sagte.
"Siehst du!" rief die Frau erregt--"überall haben sie es gespürt. Die
ganze Erde bebte, und die Trommeln der Götter dröhnten, als der
Vollendete auf längere Lebensdauer verzichtete. Ach, daß doch der
einfältige Ananda zu rechter Zeit den ihm so deutlich gegebenen Wink
verstanden hätte! Denn als er nun, durch dies Erdbeben aus seiner
Selbstvertiefung geweckt, zum Erhabenen zurückkam und ihn bat, er möge
doch noch den Rest dieser Weltperiode hindurch am Leben bleiben:--da
hatte ja der Vollendete schon Mara sein Wort gegeben und auf längere
Lebensdauer verzichtet."
Aus diesen Reden der frommen, aber etwas abergläubischen Frau entnahm
ich, daß der Erhabene während seines Aufenthaltes in Vesali Zeichen des
herannahenden Todes gespürt und wohl den Jüngern gesagt habe, daß er
bald sterben würde.
So litt es mich denn nicht länger unter dem gastlichen Dache. Ich mußte
den Buddha erreichen, bevor er uns verließ. Das war ja unser großer
Trost gewesen, daß wir uns immer an ihn, den unerschöpflichen Quell der
Wahrheit, wenden konnten. Nur von ihm konnten ja alle Zweifel meiner
geängstigten Seele gelöst werden; nur er in der ganzen Welt war ja
imstande, mir den Frieden wiederzugeben, den ich einst gekostet hatte,
als ich am alten Krishnatempel im Sinsapawalde bei Kosambi ihm zu Füßen
saß.
So brachen wir denn auf, als, nach Verlauf von zehn Tagen meine Kräfte
mir das Wandern einigermaßen erlaubten. Meine gute Wirtin, die sich ein
Gewissen daraus machte, mich in meinem geschwächten Zustande weitergehen
zu lassen, tröstete ich mit dem Versprechen, ihren Gruß dem Erhabenen zu
Füßen zu legen.
Wir gingen nun in nordwestlicher Richtung weiter in den Spuren des
Erhabenen, die wir immer frischer fanden, je weiter wir vordrangen, von
Ort zu Ort uns erkundigend. In Ambagama war er acht Tage vorher gewesen;
den Salahain von Bhoganagara hatte er drei Tage vor unserer Ankunft
verlassen, um sich nach Pava zu begeben.
Sehr ermüdet trafen wir am frühen Nachmittage in diesem Orte ein.
Das erste Haus, das uns auffiel, gehörte einem Kupferschmied, wie an den
vielen Metallwaren zu erkennen war, die an der Mauer entlang standen.
Aber kein Hammerschlag ertönte; es schien ein Feiertag zu sein, und im
Hofe wurden am Brunnen von den Dienern Schüsseln und Platten abgespült,
als ob dort eine Hochzeit stattgefunden hätte.
Da trat ein kleiner, festlich gekleideter Mann auf uns zu und bat
höflich, unsere Almosenschalen füllen zu dürfen.
"Wäret ihr einige Stunden früher gekommen," fügte er hinzu, "dann hätte
ich bei meinem Feste noch zwei liebe und würdige Gäste gehabt, denn euer
Meister, der Erhabene, hat heute mit seinen Mönchen bei mir gespeist."
"So ist denn der Erhabene noch hier in Pava?"
"Jetzt nicht mehr, Ehrwürdigste," antwortete der Kupferschmied. "Gleich
nach der Mahlzeit wurde der Erhabene von einer schweren Krankheit
befallen, mit scharfen Schmerzen, die ihn einer Ohnmacht nahe brachten,
so daß wir alle sehr erschraken. Aber der Erhabene überwand diesen
Anfall und begab sich vor etwa einer Stunde weiter nach Kusinara."
Am liebsten wäre ich sofort weiter gewandert, denn was der Schmied von
diesem Krankheitsanfall sagte, ließ mich das Schlimmste befürchten. Aber
es war eine gebieterische Notwendigkeit, den Körper nicht nur durch
Speise, sondern auch durch kurze Ruhe zu stärken.
Der Weg von Pava nach Kusinara war nicht zu verfehlen. Er führte bald
von den bebauten Feldern fort, durch Tigergras und Gestrüpp, immer
tiefer in die Dschungeln. Wir durchwateten einen kleinen Fluß und
erfrischten uns ein wenig durch Baden. Nach kurzer Ruhe brachen wir
wieder auf. Es wollte Abend werden, und ich konnte mich nur mit Mühe
weiterschleppen.
Medini versuchte mich zu überreden, unter einem Baume auf einer kleinen
Anhöhe zu übernachten. Es habe keine so große Eile:
"Dies Kusinara ist wohl nicht viel mehr als ein Dorf und scheint ganz in
den Dschungeln begraben zu sein. Wie kannst du nur glauben, daß der
Vollendete hier sterben wird? Gewiß wird er einmal im Jetavanapark bei
Savitti, oder in einem seiner beiden Haine bei Rajagaha von dannen
scheiden; aber der Erhabene wird doch nicht in dieser Einöde erlöschen!
Wer hat denn je von Kusinara gehört?"
"Vielleicht wird man von jetzt ab von Kusinara hören," sagte ich und
ging weiter.
Meine Kräfte waren aber bald so erschöpft, daß ich mich entschließen
mußte, die nächste baumlose Anhöhe zu besteigen, in der Hoffnung, von
dort aus die Nähe Kusinaras erkennen zu können. Sonst mußten wir die
Nacht dort oben zubringen, wo wir dem Angriffe der Raubtiere und
Schlangen weniger ausgesetzt waren und auch den fiebererzeugenden
Ausdünstungen einigermaßen entrückt blieben.
Dort oben angelangt, spähten wir vergebens nach einem Anzeichen
menschlicher Wohnsitze aus. Scheinbar ununterbrochen stiegen die
Dschungeln vor uns allmählich aufwärts, wie ein Teppich, den man in die
Höhe zieht. Bald aber tauchten große Bäume aus dem niedrigen Gebüsch
auf; die dichten Laubmassen eines Hochwaldes wölbten ihre Kuppeln
übereinander, und in einer schwarzen Schlucht schäumte ein Wildbach,
derselbe Strom, in dessen ruhig fließendem Wasser wir kurz vorher
gebadet hatten.
Den ganzen Tag über war es schwül und trübe gewesen. Hier wehte uns nun
ein frischer Hauch entgegen, und immer klarer wurde es vor unseren
Augen, als ob ein Schleier nach dem andern gelüftet würde.
Ungeheure Felsenmauern türmten sich über dem Walde empor, und als ihr
Dach bauten grüne Bergkuppen sich immer höher hinauf--bewaldete Berge
mußten es ja sein, obwohl sie wie Mooskissen aussahen--immer höher, bis
sie im Himmel selber zu verschwinden schienen.
Nur eine einzige langgestreckte, rötliche Wolke schwebte dort oben.
Während wir sie betrachteten, fing sie an gar seltsam zu glühen.
Gleichwie wenn mein Vater mit der Zange ein Stück geläuterten Goldes aus
dem Schmelzofen herausnahm und, nachdem es abgekühlt war, es auf eine
lichtblaue seidene Decke hinlegte: also erglänzte jetzt dies leuchtende
Luftgebilde in scharf begrenzten goldig-blanken Flächen; dazwischen aber
dämmerten duftig hellgrüne Streifen und zogen sich fächerförmig nach
unten, indem sie erblassend in die farblose Luftschicht untertauchten,
als ob sie die grünen Bergkuppen erreichen wollten. Immer rötlicher
glühten die Flächen, immer grüner wurden die Schatten.
Das war keine Wolke!
"Der Himavat!" flüsterte Medini, überwältigt und ergriffen meinen Arm
berührend.
Ja, da erhob er sich vor uns, der Berg der Berge, die Stätte des ewigen
Schnees, die Wohnung der Götter, der Aufenthalt der Heiligen! Der
Himavat--schon von Kindheit an hatte mich dieser Name mit tiefen
Gefühlen von Scheu und Ehrfurcht, mit heimlicher Ahnung des Erhabenen
erfüllt! Wie oft hatte ich in Sagen und Märchen den Satz gehört: "und er
begab sich nach dem Himavat und lebte dort ein Asketenleben"! Zu
Tausenden und Abertausenden waren sie dort hinaufgestiegen, die
Erlösungsuchenden, um in der Bergeinsamkeit durch Bußübungen sich das
Heil zu erringen--jeder mit seinem Wahn: und nun nahte er, der einzige
Wahnlose, dessen Spuren wir folgten.
Während ich also dachte, erlosch das leuchtende Bild, als ob der Himmel
es in sich aufgesogen hätte.
Ich fühlte mich aber durch diesen Anblick so wunderbar belebt und
gestärkt, daß ich an keine Ruhe mehr dachte.
"Wenn auch der Erhabene," sagte ich zu Medini, "uns bis zu jenem Gipfel
voranschritt, um von solchem erhabenen Standorte aus in jenes höchste
der Gefilde einzugehen: so würde ich ihm doch folgen und ihn erreichen."
Und ich wanderte mutig weiter. Wir waren aber keine halbe Stunde
gegangen, da verschwand das Gestrüpp plötzlich, und bebautes Land lag
vor uns. Es war schon ganz dunkel, und der Vollmond ging groß und
glühend über dem uns gegenüberliegenden Walde auf, als wir endlich
Kusinara erreichten.
Es war in der Tat nicht viel mehr als ein Dorf der Mallas, mit Mauern
und Häusern von gestampftem Lehm und Weidengeflecht. Mein erster
Eindruck war, daß eine verheerende Krankheit das Städtchen entvölkert
haben müsse. Vor den Haustüren saßen einige alte und kranke Leute und
jammerten laut.
Wir fragten sie, was denn geschehen sei.
"Ach," riefen sie händeringend: "Gar zu bald wird der Vollendete
sterben. Noch in dieser Stunde wird das Licht der Welt erlöschen. Die
Mallas sind nach dem Salahain gegangen, um den Heiligen zu sehen und zu
verehren. Denn kurz vor Sonnenuntergang kam Ananda in unsere Stadt und
begab sich zur Markthalle, wo die Mallas eine öffentliche Sache
berieten, und sagte: 'Heute, noch vor Mitternacht, o Mallas, wird das
Nirvana des Vollendeten stattfinden. Sorget, daß ihr euch nicht später
einen Vorwurf machen müßt: in unserer Stadt ist der Buddha gestorben,
und wir benutzten nicht die Gelegenheit, um den Vollendeten in seinen
letzten Stunden zu besuchen.' So zogen denn die Mallas mit Weibern und
Kindern, klagend und jammernd, nach dem Salahain. Wir aber sind zu alt
und schwach, wir mußten hier zurückbleiben und können den Erhabenen
nicht in seinen letzten Stunden verehren."
Wir ließen uns nun den Weg von der Stadt nach jenem Salahaine zeigen.
Dieser Weg war aber, als wir ihn betraten, schon gänzlich angefüllt mit
den Scharen der zurückkehrenden Mallas. Wir eilten also lieber
querfeldein, nach einer Ecke des Wäldchens zu.
Hier stand, an einen Baumstamm gelehnt, ein Mönch und weinte. In dem
Augenblick, da ich ergriffen stehen blieb, erhob er sein Antlitz zum
Himmel--das volle Mondlicht fiel auf die schmerzdurchdrungenen Züge, und
ich erkannte Ananda.
"So bin ich doch zu spät gekommen," sagte ich mir, und ich fühlte, wie
meine Kräfte mich verließen.
Ich vernahm aber ein Rascheln im Gebüsch und sah einen riesengroßen
Mönch hervortreten und seine Hand auf Anandas Schulter legen:
"Bruder Ananda, der Meister ruft dich."
So sollte ich doch noch den Buddha in seinen letzten Augenblicken sehen!
Sofort kehrten meine Kräfte wieder und befähigten mich, den beiden zu
folgen.
Jetzt bemerkte und erkannte Angulimala uns. Seinen besorgten Blick
richtig deutend, sagte ich:
"Fürchte nicht, Bruder, daß wir durch lautes Weinen und weibisches
Klagen die letzten Augenblicke des Vollendeten stören werden. Wir haben
uns von Vesali bis hierher keine Ruhe gegönnt, um den Erhabenen noch zu
sehen. Verwehre uns den Zutritt nicht, wir wollen stark sein."
Da winkte er uns, ihnen zu folgen.
Wir hatten nicht weit zu gehen.
Auf einer kleinen Waldwiese waren wohl an die zweihundert Brüder
versammelt und standen da in einem Halbkreise. In der Mitte erhoben sich
zwei Salabäume, die eine einzige Masse von weißen Blüten bildeten, und
unter ihnen, auf einem Lager von gelben Mänteln, die zwischen den beiden
Stämmen ausgebreitet waren, ruhte der Vollendete, den Kopf auf den
rechten Arm gestützt. Und die Blüten regneten leise über ihn herab.
Hinter ihm sah ich im Geiste die jetzt im Nachtdunkel verborgenen, in
ewigen Schnee gehüllten Zinnen des Himavat, von denen ich soeben einen
flüchtigen, traumhaften Anblick genossen hatte, dem ich es verdankte,
daß ich jetzt hier vor dem Vollendeten stand. Der überirdische Glanz
aber, der von ihnen herübergegrüßt hatte, strahlte mir jetzt in
geistiger Verklärung von seinem Gesichte wider. Auch er, der Erhabene,
schien ja, ebenso wie jene wolkenartig schwebenden Gipfel, der Erde gar
nicht anzugehören, und doch war er wie sie, von derselben Ebene aus, die
uns alle trägt, bis zu jener unermeßlichen Geisteshöhe emporgestiegen,
von welcher aus er jetzt im Begriff stand, dem Blick der Menschen und
der Götter zu entschwinden.
Und er sprach zu dem vor ihm stehenden Ananda:
"Ich weiß wohl, Ananda, daß du einsam weintest in dem Gedanken: 'Ich bin
noch nicht frei von Sünden, ich habe noch nicht das Ziel erreicht, und
mein Meister wird jetzt in das Nirvana eingehen--er, der sich meiner
erbarmte.' Aber nicht also, Ananda--klage nicht, jammere nicht! Habe ich
es dir nicht zuvor gesagt, Ananda:--von Allem, was man lieb hat, muß man
scheiden? Wie wäre es möglich, Ananda, daß das, was entstanden ist,
nicht verginge? Du aber, Ananda, hast lange Zeit den Vollendeten geehrt,
in Liebe und Güte, mit Freuden, ohne Falsch. Du hast Gutes getan. Strebe
ernstlich, und du wirst bald frei sein von Sinnenbegier, von Ichsucht
und von Irrwahn."
Wie um zu zeigen, daß er sich nicht mehr von Trauer überwältigen ließe,
fragte nun Ananda, indem er mit Gewalt seine Stimme beherrschte, was die
Jünger mit den sterblichen Resten des Vollendeten tun sollten.
"Laßt euch das nicht kümmern," antwortete der Buddha. "Es gibt weise und
fromme Anhänger unter den Adligen, unter den Brahmanen, unter den
bürgerlichen Hausvätern--sie werden den sterblichen Resten des
Vollendeten die letzte Ehre erweisen. Ihr aber habt Wichtigeres zu tun.
Gedenket des Ewigen, nicht des Sterblichen; eilet vorwärts, schauet
nicht zurück."
Und indem er seinen Blick im Kreise herumgehen ließ und jeden einzelnen
ansah, sprach er weiter:
"Es möchte sein, ihr Jünger, daß ihr also denkt: 'das Wort hat seinen
Meister verloren, wir haben keinen Meister mehr.' Aber so müßt ihr nicht
meinen. Die Lehre, ihr Jünger, die ich euch gelehrt habe, die ist euer
Meister, wenn ich von dannen gegangen bin. Darum haltet euch an keiner
äußeren Stütze. Haltet fest an der Lehre, wie an einer Stütze! Seid eure
eigene Leuchte, eure eigene Stütze."
Auch mich bemerkte er dann--voll Mitleid ruhte der Blick des
Allerbarmers auf mir, und ich fühlte, daß mein Pilgergang nicht
vergeblich gewesen war.
Nach einer kurzen Weile sprach er dann:
"Es möchte sein, ihr Jünger, daß in jemand von euch irgend ein Zweifel
aufstiege hinsichtlich des Meisters oder hinsichtlich der Lehre. Fragt
frei, ihr Jünger, auf daß ihr euch nicht später den Vorwurf zu machen
habt: 'der Meister war bei uns, von Angesicht zu Angesicht, und wir
haben ihn nicht gefragt.'"
Da er also gesprochen, also uns aufgefordert hatte, schwiegen Alle.
Wie hätte wohl auch da noch ein Zweifel bestehen können angesichts des
dahinscheidenden Meisters? Wie er dalag, von milden Mondstrahlen
überflutet--als ob himmlische Genien ihm das Sterbebad bereiteten; von
den niederregnenden Blüten bestreut--als ob die Erde ihren Verlust
beweine; inmitten der tief erschütterten Jüngerschar selber
unerschüttert, ruhig, heiter: wer fühlte da nicht, daß dieser vollkommen
Heilige auf ewig alles Unvollkommene abgetan, alle Übel überwunden
hatte? Was sie da "das sichtbare Nirvana" nennen, das sahen wir ja vor
uns in den leuchtenden Zügen des weltverlassenden Buddha.
Und Ananda faltete seine Hände und sagte, inniglich ergriffen:
"Wie wunderbar ist doch dies, o Herr! Wahrlich, ich glaube, in dieser
ganzen Versammlung ist auch nicht einer, in dem sich ein Zweifel regt."
Und der Erhabene antwortete ihm:
"Aus der Fülle deines Glaubens, Ananda, hast du gesprochen. Ich aber
weiß, daß in keinem sich ein Zweifel regt. Selbst wer am weitesten
zurück war, ist erleuchtet worden und wird schließlich das Ziel
erreichen."
Bei dieser Verheißung war es wohl jedem von uns, als ob eine starke Hand
ihm die Pforte der Ewigkeit auftue.
Noch einmal öffneten sich die Lippen, die der Welt die höchste und
letzte Wahrheit verkündet hatten:
"Wohlan, ihr Jünger, wahrlich, ich sage euch: vergänglich ist jegliche
Gestaltung. Ringet ohne Unterlaß!"
Das waren die letzten Worte des Erhabenen.