Um diese Zeit kam wöchentlich einmal einer der Brüder zu uns herüber und
legte uns die Lehre dar. Als nun Angulimala an der Reihe war, ging ich
nicht in die Versammlungshalle, sondern blieb in meiner Zelle auf der
Ruhebank liegen und bat eine Nachbarschwester, Angulimala zu sagen:
"Die Schwester Vasitthi, Ehrwürdiger, liegt in ihrer Zelle krank
darnieder und kann in der Versammlung nicht erscheinen. Wolle,
Ehrwürdiger, nach dem Vortrag dich nach der Zelle Schwester Vasitthis
begeben, um auch ihr, der Kranken, die Lehre darzulegen."
Und der ehrwürdige Angulimala kam nach dem Vortrag in meine Zelle,
grüßte mich ehrerbietig und setzte sich neben mein Lager.
"Du siehst hier, Bruder," sagte ich dann, "was niemand sehen sollte:
eine liebeskranke Nonne, und an dieser meiner Krankheit bist du selber
schuld, denn du hast mich des Gegenstandes meiner Liebe beraubt. Zwar
hast du mich dann zu diesem großen Arzte gebracht, der von der ganzen
Lebenskrankheit heilt; aber seine starke Heilkunst kann jetzt nicht
weiter auf mich einwirken. In seiner großen Weisheit hat er dies wohl
erkannt und hat mir ein Mittel gegeben, um den schleichenden
Krankheitsstoff zur Ausscheidung durch eine Fieberkrisis zu bringen. So
siehst du denn nun das Sehnsuchtsfieber in mir wüten. Und nun will ich
dich an ein Versprechen mahnen, das du mir einst gegeben hast, in jener
Nacht nämlich, wo du mich zu dem Verbrechen verleiten wolltest, dessen
Ausführung nur durch das Dazwischentreten des Erhabenen vereitelt wurde.
Damals sagtest du, du würdest nach Ujjeni gehen und mir sichere Kunde
von Kamanita bringen, ob er noch am Leben sei, und wie es ihm ergehe.
Was mir nun der Räuber einst versprach, das fordere ich jetzt vom
Mönche. Denn mein Verlangen zu wissen, ob Kamanita lebt und wie er lebt,
ist ein so gebieterisches, daß, bevor es nicht gestillt worden ist, für
keinen anderen Gedanken, für kein anderes Gefühl in meiner Seele Raum
ist, und es mir somit unmöglich ist, auch nur den kleinsten Schritt
weiter auf diesem unserem Heilswege zu tun. Deshalb mußt du dies für
mich tun und mein Gemüt durch irgend eine Gewißheit beruhigen."
Nachdem ich also gesprochen hatte, erhob sich Angulimala und sagte:
"Wie du es eben, Schwester Vasitthi, von mir verlangst," verbeugte sich
tief und schritt zur Tür hinaus.
Er ging aber geradeswegs nach seiner Zelle, um seine Almosenschale zu
holen und verließ noch in derselben Stunde den Sinsapawald. Man glaubte
allgemein, er sei dem Erhabenen nachgepilgert. Nur ich kannte das Ziel
seiner Wanderung.
Nach diesem Schritt fühlte ich mich in der Tat etwas beruhigt, obwohl
ich bald zu zweifeln anfing, ob ich ihm nicht einen Gruß oder eine
Botschaft an den Geliebten hätte mitgeben sollen. Aber es kam mir
unpassend und unheilig vor, einen Mönch auf solche Weise als
Liebesvermittler zu gebrauchen, während er doch ganz gut nach einer
entfernten Stadt gehen und berichten konnte, was er dort gesehen. Auch
würde es etwas ganz anderes sein--meinte ich mit geheimer Hoffnung--wenn
er, ohne einen Auftrag zu haben und nur seinem eigenen Urteil folgend,
sich entschließen sollte, mit dem Geliebten von mir zu sprechen.
"Ich selber werde nach Ujjeni gehen und ihn heil und sicher
herbringen"--diese Worte hallten immer in meinem Innersten wider. Würde
der Mönch vielleicht das Versprechen des Räubers einlösen? Warum denn
nicht, wenn er selber einsah, daß es für uns beide notwendig war,
einander zu sehen und zu sprechen?
Und damit kam ein neuer Gedanke, der, von einem, ungeahnten
Hoffnungsschimmer umstrahlt, mich zunächst blendete und verwirrte. Wenn
mein Geliebter zurückkäme--was hinderte mich dann, aus dem Orden
auszutreten und seine Frau zu werden?
Als diese Frage auftauchte, bedeckte eine brennende Röte mein Gesicht,
das ich unwillkürlich in meinen Händen verbarg aus Furcht, jemand könne
mich gerade beobachten. Welcher häßlichen Mißdeutung würde nicht eine
solche Handlung ausgesetzt sein! Sähe das nicht aus, als ob ich den
Orden des Buddha lediglich als eine Brücke betrachtet hätte, um aus
einer unlieben Heirat in eine liebe hinüberzuwandeln? Gewiß würde das
von Vielen so ausgelegt werden. Aber was könnte mir schließlich am
Urteil Anderer liegen? Und wieviel besser wäre es nicht, eine fromme
Laienschwester zu sein, die treu zum Orden hielt, als eine
Ordensschwester, deren Herz außerhalb des Ordens weilte.
Ja, wenn auch Angulimala mir nur die Mitteilung brächte, daß mein
Kamanita noch lebe, und ich der Schilderung ihrer Begegnung entnähme,
daß der Geliebte mir noch immer in treuer Sehnsucht ergeben sei: dann
würde ich ja auch selber nach Ujjeni pilgern können. Und ich malte mir
aus, wie ich eines Morgens als wandernde Asketin am Eingange deines
Hauses stehen würde, wie du mir dann eigenhändig die Almosenschale
füllen und mich dabei erkennen würdest--und dann die ganze
unbeschreibliche Freude, uns wiedergefunden zu haben.
Freilich war es eine weite Wanderung nach Ujjeni, und es geziemte einer
Nonne nicht, allein zu pilgern. Aber ich brauchte nicht lange nach einer
Begleiterin zu suchen. Gerade in dieser Zeit fand Somadatta ein
trauriges Ende. Seine Leidenschaft für die unseligen Würfel hatte immer
mehr die Oberhand gewonnen, und nachdem er seine ganze Habe verspielt
hatte, ertränkte er sich in der Ganga. Die tief erschütterte Medini trat
nunmehr in den Orden ein. Es mochte wohl weniger das religiöse Leben
selbst in seiner herben Strenge und mit seinem hohen Ziele sein, was sie
unwiderstehlich in diesen heiligen Hain zog, als vielmehr das Bedürfnis,
immer in meiner Nähe zu weilen; denn ihr kindliches Herz hing mit
rührender Treue an mir. Und so zweifelte ich denn auch nicht daran, daß
sie, wenn ich ihr mein Vorhaben offenbarte, mit mir nach Ujjeni, ja,
wenn es sein sollte, bis an das Ende der Welt gehen würde. Auch jetzt
schon gereichte mir ihre Gesellschaft vielfach zur Aufmunterung, wie ich
denn andererseits auch ihre aufrichtige Trauer über den Verlust ihres
Gemahls durch tröstende Worte milderte.
Als nun die Zeit kam, wo Angulimalas Rückkehr zu erwarten war, ging ich
nachmittags immer nach dem südwestlichen Rande des Waldes und setzte
mich unter einen schönen Baum auf einer mäßigen Anhöhe, von welcher aus
ich dem Wege, den er kommen mußte, weit mit dem Blicke folgen konnte.
Ich dachte mir, er würde wohl gegen Abend sein Ziel erreichen.
Eine Woche hielt ich dort vergebens Wache, war aber auch darauf gefaßt,
einen ganzen Monat lang warten zu müssen. Am achten Tage aber, als die
Sonne schon so tief stand, daß ich mir mit der Hand die Augen beschatten
mußte, wurde ich in der Ferne eine Gestalt gewahr, die sich dem Walde
näherte. Bald erglänzte ihr gelber Mantel, und als sie an einem
heimkehrenden Waldarbeiter vorüberschritt, erkannte man, daß
sie von ganz ungewöhnlich hohem Wüchse war. Es war in der Tat
Angulimala--allein. Meinen Kamanita hatte er nicht "heil und sicher
mitgebracht"--was tat's? Wenn er mir nur versichern konnte, daß der
Geliebte am Leben sei, dann würde ich ja selber den Weg zu ihm finden.
Heftig pochte mein Herz, als Angulimala vor mir stand und mich mit
höflichem Anstand begrüßte.
"Kamanita lebt in seiner Vaterstadt in großem Wohlstand," sagte er, "ich
habe ihn selber gesehen und gesprochen."
Und er erzählte mir nun, wie er eines Morgens an dein palastähnliches
Haus gekommen sei, wie deine beiden Frauen ihn gröblich beschimpft
hätten, wie du dann selber hinzugetreten seiest, die bösen Frauen ins
Haus gejagt und ihn freundlich und entschuldigend angeredet hättest.
Als er nun Alles--so wie es dir ja bekannt ist--genau berichtet hatte,
verbeugte er sich vor mir, schlug den Mantel wieder um die Schulter und
wandte sich um, als ob er in derselben Richtung weiter wandern wollte,
statt in den Wald hineinzugehen.
Verwundert fragte ich ihn, ob er nicht nach der Halle der Mönche gehe.
"Ich habe nun," antwortete er, "deinen Auftrag getreulich ausgerichtet,
und nichts gibt es jetzt mehr, was mich hindern könnte, meinen Weg
ostwärts zu nehmen, in den Spuren des Erhabenen, nach Benares und
Rajagaha, wo ich ihn nun antreffen werde."
Also sprechend, ging dieser mächtige Mann mit weit ausholenden Schritten
fürbaß, den Waldrand entlang, ohne sich die geringste Rast zu gönnen.
Ich starrte ihm lange nach und sah, wie die untergehende Sonne seinen
Schatten weit vor ihm bis zum Hügelrande am Horizonte, ja gleichsam noch
darüber hinaus streckte, als ob seine Sehnsucht ihm ungestüm vorauseile,
während ich wie eine Gelähmte zurückblieb ohne ein Sehnsuchtsziel für
irgend eine liebe Hoffnung.
Mein Herz war gestorben, mein Traum zerronnen. Das herbe Asketenwort:
"ein Schmutzwinkel ist die Häuslichkeit", hallte durch mein ödes Gemüt
wider. Auf jener herrlichen Terrasse der Sorgenlosen, unter freiem,
sternenblinkendem und monddurchstrahltem Himmel war ja meine Liebe
daheim. Wie hätte ich Törin je daran denken können, sie nach jener
schmutzwinkligen Häuslichkeit in Ujjeni betteln zu schicken, damit
zankende Frauen sie mit Schimpfreden begeiferten?
Mit Mühe schleppte ich mich nach meiner Zelle zurück, um mich auf das
Krankenlager zu strecken. Diese plötzliche Vernichtung meiner fieberhaft
erregten Hoffnungen war zuviel für meine schon durch monatelange
Seelenkämpfe erschütterte Widerstandskraft. Mit einer Selbstaufopferung
ohnegleichen pflegte Medini mich Tag und Nacht. Sobald aber, durch ihre
Sorgfalt gestützt, mein Geist sich über die Schmerzen und den
Fieberbrand erheben konnte, reifte mein Wanderplan in einer neuen
Richtung aus. Nicht dorthin, wo ich Angulimala hingeschickt hatte,
sondern dorthin, wo er jetzt von selber hinwanderte, wollte ich nun
pilgern: den Spuren des Erhabenen wollte ich folgen, bis ich ihn träfe.
War ich denn nicht mit meinem Spruche zu Ende? Wie mit der Liebe Leid
entsteht, hatte ich ja im tiefsten Grunde erfahren. Und so durfte ich
denn auch, meinte ich, den Buddha aufsuchen und von der Kraft des
Heiligen mich neu beleben lassen, um nach dem höchsten Ziele weiter
vorwärtsstreben zu können.
Ich vertraute denn auch dies mein Vorhaben der guten Medini an, die
sofort mit wahrem Feuereifer den unerwarteten Gedanken aufnahm und sich
in ihrem kindlichen Gemüt ausmalte, wie herrlich es sein würde, mit mir
zusammen durch liebliche Gegenden zu streifen, frei wie die Vögel durch
die Luft, wenn die Wanderzeit sie nach fernen Himmelsstrichen ruft.
Freilich mußten wir erst geduldig warten, bis ich wieder hinlänglich zu
Kräften gekommen war. Und als dies einigermaßen der Fall war, legte uns
die schon eingetretene Regenzeit eine noch längere Geduldsprobe auf.
In seiner letzten Rede hatte der Erhabene uns zugerufen:
"Gleich wie etwa, wenn im letzten Monat der Regenzeit, im Herbste, nach
Zerstreuung und Vertreibung der wasserschwangeren Wolken, die Sonne am
Himmel aufgeht und alle Nebel der Lüfte strahlend verscheucht und flammt
und leuchtet: ebenso nun auch, ihr Jünger, erscheint da diese
Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt, und
verscheucht strahlend die Redereien gewöhnlicher Büßer und Geistlicher
und flammt und leuchtet."
Als nun die Natur ringsum uns dies Bild verwirklichte, verließen wir den
Krishnahain vor Kosambi, und unsere Schritte ostwärts lenkend, eilten
wir jener Sonne einer heiligen Lebensführung entgegen.