XLII. DIE KRANKE NONNE

Um diese Zeit kam wöchentlich einmal einer der Brüder zu uns herüber und

legte uns die Lehre dar. Als nun Angulimala an der Reihe war, ging ich

nicht in die Versammlungshalle, sondern blieb in meiner Zelle auf der

Ruhebank liegen und bat eine Nachbarschwester, Angulimala zu sagen:

"Die Schwester Vasitthi, Ehrwürdiger, liegt in ihrer Zelle krank

darnieder und kann in der Versammlung nicht erscheinen. Wolle,

Ehrwürdiger, nach dem Vortrag dich nach der Zelle Schwester Vasitthis

begeben, um auch ihr, der Kranken, die Lehre darzulegen."

Und der ehrwürdige Angulimala kam nach dem Vortrag in meine Zelle,

grüßte mich ehrerbietig und setzte sich neben mein Lager.

"Du siehst hier, Bruder," sagte ich dann, "was niemand sehen sollte:

eine liebeskranke Nonne, und an dieser meiner Krankheit bist du selber

schuld, denn du hast mich des Gegenstandes meiner Liebe beraubt. Zwar

hast du mich dann zu diesem großen Arzte gebracht, der von der ganzen

Lebenskrankheit heilt; aber seine starke Heilkunst kann jetzt nicht

weiter auf mich einwirken. In seiner großen Weisheit hat er dies wohl

erkannt und hat mir ein Mittel gegeben, um den schleichenden

Krankheitsstoff zur Ausscheidung durch eine Fieberkrisis zu bringen. So

siehst du denn nun das Sehnsuchtsfieber in mir wüten. Und nun will ich

dich an ein Versprechen mahnen, das du mir einst gegeben hast, in jener

Nacht nämlich, wo du mich zu dem Verbrechen verleiten wolltest, dessen

Ausführung nur durch das Dazwischentreten des Erhabenen vereitelt wurde.

Damals sagtest du, du würdest nach Ujjeni gehen und mir sichere Kunde

von Kamanita bringen, ob er noch am Leben sei, und wie es ihm ergehe.

Was mir nun der Räuber einst versprach, das fordere ich jetzt vom

Mönche. Denn mein Verlangen zu wissen, ob Kamanita lebt und wie er lebt,

ist ein so gebieterisches, daß, bevor es nicht gestillt worden ist, für

keinen anderen Gedanken, für kein anderes Gefühl in meiner Seele Raum

ist, und es mir somit unmöglich ist, auch nur den kleinsten Schritt

weiter auf diesem unserem Heilswege zu tun. Deshalb mußt du dies für

mich tun und mein Gemüt durch irgend eine Gewißheit beruhigen."

Nachdem ich also gesprochen hatte, erhob sich Angulimala und sagte:

"Wie du es eben, Schwester Vasitthi, von mir verlangst," verbeugte sich

tief und schritt zur Tür hinaus.

Er ging aber geradeswegs nach seiner Zelle, um seine Almosenschale zu

holen und verließ noch in derselben Stunde den Sinsapawald. Man glaubte

allgemein, er sei dem Erhabenen nachgepilgert. Nur ich kannte das Ziel

seiner Wanderung.

Nach diesem Schritt fühlte ich mich in der Tat etwas beruhigt, obwohl

ich bald zu zweifeln anfing, ob ich ihm nicht einen Gruß oder eine

Botschaft an den Geliebten hätte mitgeben sollen. Aber es kam mir

unpassend und unheilig vor, einen Mönch auf solche Weise als

Liebesvermittler zu gebrauchen, während er doch ganz gut nach einer

entfernten Stadt gehen und berichten konnte, was er dort gesehen. Auch

würde es etwas ganz anderes sein--meinte ich mit geheimer Hoffnung--wenn

er, ohne einen Auftrag zu haben und nur seinem eigenen Urteil folgend,

sich entschließen sollte, mit dem Geliebten von mir zu sprechen.

"Ich selber werde nach Ujjeni gehen und ihn heil und sicher

herbringen"--diese Worte hallten immer in meinem Innersten wider. Würde

der Mönch vielleicht das Versprechen des Räubers einlösen? Warum denn

nicht, wenn er selber einsah, daß es für uns beide notwendig war,

einander zu sehen und zu sprechen?

Und damit kam ein neuer Gedanke, der, von einem, ungeahnten

Hoffnungsschimmer umstrahlt, mich zunächst blendete und verwirrte. Wenn

mein Geliebter zurückkäme--was hinderte mich dann, aus dem Orden

auszutreten und seine Frau zu werden?

Als diese Frage auftauchte, bedeckte eine brennende Röte mein Gesicht,

das ich unwillkürlich in meinen Händen verbarg aus Furcht, jemand könne

mich gerade beobachten. Welcher häßlichen Mißdeutung würde nicht eine

solche Handlung ausgesetzt sein! Sähe das nicht aus, als ob ich den

Orden des Buddha lediglich als eine Brücke betrachtet hätte, um aus

einer unlieben Heirat in eine liebe hinüberzuwandeln? Gewiß würde das

von Vielen so ausgelegt werden. Aber was könnte mir schließlich am

Urteil Anderer liegen? Und wieviel besser wäre es nicht, eine fromme

Laienschwester zu sein, die treu zum Orden hielt, als eine

Ordensschwester, deren Herz außerhalb des Ordens weilte.

Ja, wenn auch Angulimala mir nur die Mitteilung brächte, daß mein

Kamanita noch lebe, und ich der Schilderung ihrer Begegnung entnähme,

daß der Geliebte mir noch immer in treuer Sehnsucht ergeben sei: dann

würde ich ja auch selber nach Ujjeni pilgern können. Und ich malte mir

aus, wie ich eines Morgens als wandernde Asketin am Eingange deines

Hauses stehen würde, wie du mir dann eigenhändig die Almosenschale

füllen und mich dabei erkennen würdest--und dann die ganze

unbeschreibliche Freude, uns wiedergefunden zu haben.

Freilich war es eine weite Wanderung nach Ujjeni, und es geziemte einer

Nonne nicht, allein zu pilgern. Aber ich brauchte nicht lange nach einer

Begleiterin zu suchen. Gerade in dieser Zeit fand Somadatta ein

trauriges Ende. Seine Leidenschaft für die unseligen Würfel hatte immer

mehr die Oberhand gewonnen, und nachdem er seine ganze Habe verspielt

hatte, ertränkte er sich in der Ganga. Die tief erschütterte Medini trat

nunmehr in den Orden ein. Es mochte wohl weniger das religiöse Leben

selbst in seiner herben Strenge und mit seinem hohen Ziele sein, was sie

unwiderstehlich in diesen heiligen Hain zog, als vielmehr das Bedürfnis,

immer in meiner Nähe zu weilen; denn ihr kindliches Herz hing mit

rührender Treue an mir. Und so zweifelte ich denn auch nicht daran, daß

sie, wenn ich ihr mein Vorhaben offenbarte, mit mir nach Ujjeni, ja,

wenn es sein sollte, bis an das Ende der Welt gehen würde. Auch jetzt

schon gereichte mir ihre Gesellschaft vielfach zur Aufmunterung, wie ich

denn andererseits auch ihre aufrichtige Trauer über den Verlust ihres

Gemahls durch tröstende Worte milderte.

Als nun die Zeit kam, wo Angulimalas Rückkehr zu erwarten war, ging ich

nachmittags immer nach dem südwestlichen Rande des Waldes und setzte

mich unter einen schönen Baum auf einer mäßigen Anhöhe, von welcher aus

ich dem Wege, den er kommen mußte, weit mit dem Blicke folgen konnte.

Ich dachte mir, er würde wohl gegen Abend sein Ziel erreichen.

Eine Woche hielt ich dort vergebens Wache, war aber auch darauf gefaßt,

einen ganzen Monat lang warten zu müssen. Am achten Tage aber, als die

Sonne schon so tief stand, daß ich mir mit der Hand die Augen beschatten

mußte, wurde ich in der Ferne eine Gestalt gewahr, die sich dem Walde

näherte. Bald erglänzte ihr gelber Mantel, und als sie an einem

heimkehrenden Waldarbeiter vorüberschritt, erkannte man, daß

sie von ganz ungewöhnlich hohem Wüchse war. Es war in der Tat

Angulimala--allein. Meinen Kamanita hatte er nicht "heil und sicher

mitgebracht"--was tat's? Wenn er mir nur versichern konnte, daß der

Geliebte am Leben sei, dann würde ich ja selber den Weg zu ihm finden.

Heftig pochte mein Herz, als Angulimala vor mir stand und mich mit

höflichem Anstand begrüßte.

"Kamanita lebt in seiner Vaterstadt in großem Wohlstand," sagte er, "ich

habe ihn selber gesehen und gesprochen."

Und er erzählte mir nun, wie er eines Morgens an dein palastähnliches

Haus gekommen sei, wie deine beiden Frauen ihn gröblich beschimpft

hätten, wie du dann selber hinzugetreten seiest, die bösen Frauen ins

Haus gejagt und ihn freundlich und entschuldigend angeredet hättest.

Als er nun Alles--so wie es dir ja bekannt ist--genau berichtet hatte,

verbeugte er sich vor mir, schlug den Mantel wieder um die Schulter und

wandte sich um, als ob er in derselben Richtung weiter wandern wollte,

statt in den Wald hineinzugehen.

Verwundert fragte ich ihn, ob er nicht nach der Halle der Mönche gehe.

"Ich habe nun," antwortete er, "deinen Auftrag getreulich ausgerichtet,

und nichts gibt es jetzt mehr, was mich hindern könnte, meinen Weg

ostwärts zu nehmen, in den Spuren des Erhabenen, nach Benares und

Rajagaha, wo ich ihn nun antreffen werde."

Also sprechend, ging dieser mächtige Mann mit weit ausholenden Schritten

fürbaß, den Waldrand entlang, ohne sich die geringste Rast zu gönnen.

Ich starrte ihm lange nach und sah, wie die untergehende Sonne seinen

Schatten weit vor ihm bis zum Hügelrande am Horizonte, ja gleichsam noch

darüber hinaus streckte, als ob seine Sehnsucht ihm ungestüm vorauseile,

während ich wie eine Gelähmte zurückblieb ohne ein Sehnsuchtsziel für

irgend eine liebe Hoffnung.

Mein Herz war gestorben, mein Traum zerronnen. Das herbe Asketenwort:

"ein Schmutzwinkel ist die Häuslichkeit", hallte durch mein ödes Gemüt

wider. Auf jener herrlichen Terrasse der Sorgenlosen, unter freiem,

sternenblinkendem und monddurchstrahltem Himmel war ja meine Liebe

daheim. Wie hätte ich Törin je daran denken können, sie nach jener

schmutzwinkligen Häuslichkeit in Ujjeni betteln zu schicken, damit

zankende Frauen sie mit Schimpfreden begeiferten?

Mit Mühe schleppte ich mich nach meiner Zelle zurück, um mich auf das

Krankenlager zu strecken. Diese plötzliche Vernichtung meiner fieberhaft

erregten Hoffnungen war zuviel für meine schon durch monatelange

Seelenkämpfe erschütterte Widerstandskraft. Mit einer Selbstaufopferung

ohnegleichen pflegte Medini mich Tag und Nacht. Sobald aber, durch ihre

Sorgfalt gestützt, mein Geist sich über die Schmerzen und den

Fieberbrand erheben konnte, reifte mein Wanderplan in einer neuen

Richtung aus. Nicht dorthin, wo ich Angulimala hingeschickt hatte,

sondern dorthin, wo er jetzt von selber hinwanderte, wollte ich nun

pilgern: den Spuren des Erhabenen wollte ich folgen, bis ich ihn träfe.

War ich denn nicht mit meinem Spruche zu Ende? Wie mit der Liebe Leid

entsteht, hatte ich ja im tiefsten Grunde erfahren. Und so durfte ich

denn auch, meinte ich, den Buddha aufsuchen und von der Kraft des

Heiligen mich neu beleben lassen, um nach dem höchsten Ziele weiter

vorwärtsstreben zu können.

Ich vertraute denn auch dies mein Vorhaben der guten Medini an, die

sofort mit wahrem Feuereifer den unerwarteten Gedanken aufnahm und sich

in ihrem kindlichen Gemüt ausmalte, wie herrlich es sein würde, mit mir

zusammen durch liebliche Gegenden zu streifen, frei wie die Vögel durch

die Luft, wenn die Wanderzeit sie nach fernen Himmelsstrichen ruft.

Freilich mußten wir erst geduldig warten, bis ich wieder hinlänglich zu

Kräften gekommen war. Und als dies einigermaßen der Fall war, legte uns

die schon eingetretene Regenzeit eine noch längere Geduldsprobe auf.

In seiner letzten Rede hatte der Erhabene uns zugerufen:

"Gleich wie etwa, wenn im letzten Monat der Regenzeit, im Herbste, nach

Zerstreuung und Vertreibung der wasserschwangeren Wolken, die Sonne am

Himmel aufgeht und alle Nebel der Lüfte strahlend verscheucht und flammt

und leuchtet: ebenso nun auch, ihr Jünger, erscheint da diese

Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt, und

verscheucht strahlend die Redereien gewöhnlicher Büßer und Geistlicher

und flammt und leuchtet."

Als nun die Natur ringsum uns dies Bild verwirklichte, verließen wir den

Krishnahain vor Kosambi, und unsere Schritte ostwärts lenkend, eilten

wir jener Sonne einer heiligen Lebensführung entgegen.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 49 / 55 题