XLI. DER LEICHTE SPRUCH

Ich war nun Ordensschwester geworden und begab mich jeden Tag früh

morgens mit meiner Almosenschale nach Kosambi, wo ich von Haus zu Haus

ging, bis sie gefüllt war--obwohl Satagira mir diesen Bettelgang nur zu

gern erspart hätte.

Eines Tages stellte ich mich auch am Eingange seines Palastes hin, weil

die ältesten Nonnen mir geraten hatten, mich auch dieser Prüfung zu

unterziehen. Da trat Satagira gerade in den Torweg, wich mir aber scheu

aus und verhüllte traurig sein Antlitz. Gleich danach kam dann der

Hausmeier und bat mich weinend, doch ja zu gestatten, daß Alles, wofür

ich Gebrauch habe, mir täglich zugeschickt werde. Ich aber antwortete

ihm, daß es mir gezieme, der Ordensregel nachzukommen.

Wenn ich von diesem Gange zurückgekehrt war und das Gespendete verzehrt

hatte, womit dann für den ganzen Tag die elende Nahrungsfrage erledigt

war, wurde ich von einer der älteren Nonnen unterrichtet, und abends

lauschte ich in der Versammlung den Worten des Erhabenen oder auch denen

eines großen Jüngers, wie Sariputta oder Ananda. Nachher aber geschah es

wohl, daß eine Schwester die andere aufsuchte: "Entzückend, Schwester,

ist der Sinsapawald, herrlich die klare Mondnacht, die Bäume stehen in

voller Blüte, himmlische Düfte, meint man, wehen umher. Wohlan, laß uns

Schwester Sumedha aufsuchen. Sie ist eine Hüterin des Wortes, ein Hort

der Lehre. Ihre Rede dürfte wohl diesem Sinsapawalde doppelten Glanz

verleihen." Und wir brachten dann den größten Teil einer solchen Nacht

mit sinnigen Gesprächen zu.

Dies Leben in der freien Natur, diese fortwährende Geistestätigkeit und

der rege Gedankenaustausch, wodurch keine Zeit für trübes Hinbrüten über

eigenen Schmerz oder für müßige Träumereien übrig blieb, endlich die

Erhebung und Läuterung des Gemütes durch die Macht der Wahrheit--all

dies stärkte mir Körper und Geist wunderbar. Ein neues und edleres Leben

tat sich vor mir auf, und ich genoß ein ruhiges, heiteres Glück, von dem

ich mir wenige Wochen vorher nichts hätte träumen lassen.

Als die Regenzeit kam, stand schon das Gebäude für die Schwestern

bereit, mit geräumiger Halle zum gemeinsamen Aufenthalte und mit Zellen

für jede einzelne. Mein Gemahl und einige andere reiche Bürger, die

Verwandte unter den Nonnen hatten, ließen es sich nicht nehmen, diese

unsere Heimstätte mit Matten und Teppichen, Stühlen und Ruhebetten

auszustatten, so daß wir reichlich mit Allem versehen waren, was zur

vernünftigen Bequemlichkeit des Lebens gehört, und seiner Üppigkeit um

so lieber entrieten. So ging denn auch diese Zeit der Eingeschlossenheit

leidlich genug dahin, im regelmäßigen Wechsel von gemeinsamen

Unterhaltungen über religiöse Fragen und von Selbstdenken und

Vertiefung. Gegen Abend aber begaben wir uns, wenn das Wetter es

erlaubte, nach der großen Halle der Mönche, um dem Meister zu lauschen,

oder es kam auch der Erhabene oder einer der großen Jünger zu uns

herüber.

Als nun aber der Wald, den der Meister lobt, erfrischt und verjüngt, in

hundertfacher Blätterfülle und Blumenpracht uns wieder einlud, unter

sein freies Obdach unsere einsame Gedenkenruhe und unsere gemeinsamen

Versammlungen zu verlegen, da traf uns die betrübende Kunde, daß der

Erhabene sich jetzt bereit mache, seine Wanderung nach den östlichen

Gegenden anzutreten. Aber freilich hatten wir ja nicht hoffen dürfen,

daß er immer in Kosambi bleiben werde; auch wußten wir, wie töricht es

ist, Ober etwas Unvermeidliches zu klagen, und wie wenig wir uns des

Meisters würdig zeigten, wenn wir uns von Trauer überwältigen ließen.

So begaben wir uns denn in später Nachmittagsstunde gefaßt und ruhig

nach dem Krishnatempel, um zum letzten Male für lange Zeit den Worten

des Buddha zu lauschen und dann von ihm Abschied zu nehmen.

Auf den Stufen stehend, redete der Erhabene vom Vergehen alles

Entstandenen, von der Auflösung alles dessen, was sich zusammengesetzt

hat, von der Flüchtigkeit aller Erscheinungen, von der Wesenlosigkeit

aller Gestaltungen. Und nachdem er gezeigt hatte, wie nirgends in dieser

oder in jener Welt, soweit die Daseinslust keimt, nirgendwo in Raum und

Zeit eine feste Stelle, ein bleibender Zufluchtsort zu finden ist,

sprach er jenes Wort, das du mit Recht "weltzermalmend" nanntest, und

das sich jetzt rings um uns verwirklicht:

"Bis in den höchsten Lichthimmel drängt das Leben sich und zerfällt;--

Wisset, einmal erlischt gänzlich auch der Glanz einer Brahmawelt."

Es war uns Schwestern von einem der Jünger gesagt worden, daß wir nach

dem Vortrage eine nach der anderen zum Erhabenen gehen sollten, um von

ihm Abschied zu nehmen und einen Geleitspruch für unser weiteres Streben

von ihm zu empfangen. Da ich eine der jüngsten war und mich

geflissentlich zurückhielt, gelang es mir, die letzte zu werden. Denn

ich gönnte es keiner anderen, nach mir mit dem Erhabenen zu reden, und

meinte auch, daß mir dadurch eine ruhigere, längere Unterredung

ermöglicht würde, als wenn andere hinter mir warteten.

Nachdem ich mich nun ehrfurchtsvoll verneigt hatte, blickte mich der

Erhabene an mit einem Blicke, der mich bis ins Innerste durchleuchtete,

und sprach:

"Und dir, Vasitthi, gebe ich an der Schwelle dieses zerfallenden

Heiligtums des sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigams zum

Meingedenken und zum Durchdenken unter dem Laubdache dieses

Sinsapawaldes, von dem du ein Blatt am Herzen und einen Schatten im

Herzen trägst--folgenden Spruch: '_Überall, wo Liebe entsteht, entsteht

auch Leid_.'"

"Ist das Alles?" fragte ich törichterweise.

"Alles und genug."

"Und ist es, o Herr, gestattet, wenn ich mit dem Spruche zu Ende bin,

wenn ich mir den Sinn völlig zu eigen gemacht habe, zum Erhabenen zu

pilgern, um einen neuen Spruch zu empfangen?"

"Es ist gestattet, wenn du noch das Bedürfnis hast, den Erhabenen zu

fragen."

"Wie sollte ich nicht das Bedürfnis haben? Du bist ja, o Herr, unsere

Zuflucht."

"Nimm deine Zuflucht zu dir selber, nimm deine Zuflucht zur Lehre!"

"Das will ich. Doch du, o Herr, bist ja das Selbst der Jünger, bist die

lebendige Lehre. Und du hast ja gesagt: es ist gestattet."

"Wenn dich der Weg nicht müht."

"Kein Weg kann mich mühen."

"Der Weg ist weit, Vasitthi! Weiter ist der Weg als du dir denkst,

weiter, als Menschengedanken es auszudenken vermögen."

"Und führte der Weg auch durch tausend Leben, über tausend Welten: kein

Weg wird mich mühen."

"Schon gut, Vasitthi! Gehab dich wohl, und gedenke deines Spruchs."

In diesem Augenblick nahte der König mit großem Gefolge, um vom

Erhabenen Abschied zu nehmen.

Ich zog mich in die hinterste Reihe zurück, von wo aus ich ein ziemlich

zerstreuter Zeuge der weiteren Vorgänge dieses letzten Abends war. Denn

ich kann nicht leugnen, daß ich mich durch den so sehr leichten Spruch,

den mir der Erhabene gegeben hatte, etwas enttäuscht fühlte. Hatten doch

mehrere der Schwestern ganz andere schwierige Sprüche zur geistigen

Verarbeitung vom Erhabenen zugeteilt bekommen: die eine den Spruch vom

Entstehen aus Ursachen, die andere den vom Nichtselbst, eine dritte den

von der Vergänglichkeit der Erscheinungen. So meinte ich denn, eine

Zurücksetzung erfahren zu haben, was mich sehr betrübte. Wie ich aber

weiter darüber nachdachte, kam mir die Vermutung, daß der Erhabene

vielleicht bei mir etwas Selbstüberhebung bemerkt habe und sie auf diese

Weise dämpfen wolle. Und ich nahm mir vor, auf der Hut zu sein, um nicht

durch Eitelkeit und Selbstgefälligkeit in meinem geistigen Wachstum

gehindert zu werden. Bald würde ich mich ja rühmen können, mit dem

Spruche zu Ende zu sein, und durfte mir dann einen neuen von den Lippen

des Erhabenen selber holen.

In dieser Zuversicht sah ich früh am nächsten Morgen den Buddha mit

vielen Jüngern von dannen wandern--unter diesen selbstverständlich auch

Ananda, der ja des Meisters wartete und immer um ihn war, und der mir

stets auf seine milde Art so besonders wohlwollend begegnet war, daß ich

fühlte, ich würde auch ihn und seinen aufmunternden Blick sehr

vermissen, noch mehr als den weisen Sariputta, der durch seine scharf

zergliedernden Auseinandersetzungen mir in manchem schwierigen Punkt

geholfen hatte. Nun war ich meinen eigenen Kräften überlassen.

Sobald ich von meinem Almosengange zurückgekehrt war und mein Mahl

verzehrt hatte, suchte ich mir einen schönen Baum aus, der in der Mitte

einer kleinen Waldwiese stand--das wahre Urbild jener "mächtigen,

lärmentrückten Bäume", von denen es heißt, daß Menschen darunter sitzen

und denken können.

Das tat ich nun, indem ich meinen Spruch ernstlich vornahm. Als ich

gegen Abend nach der Versammlungshalle zurückkehrte, brachte ich, als

Ausbeute meiner Tagesarbeit, eine innere Unruhe mit mir und eine leise

Ahnung, was für eine Bewandtnis es mit diesem Spruche haben mochte. Als

ich aber am folgenden Abend nach beendigter Gedenkenruhe zurückkehrte,

wußte ich schon genau, was der Erhabene gemeint hatte, als er mir diesen

Spruch gab.

Ich hatte ja geglaubt, auf dem graden Wege zum vollkommenen Frieden mich

zu befinden und meine Liebe mit ihren leidenschaftlichen Erregungen weit

hinter mir zu haben. Aber jener unvergleichliche Herzenskenner hatte gar

wohl gesehen, daß die Liebe keineswegs von mir überwunden war, sondern

daß sie nur durch den mächtigen Einfluß des neuen Lebens verscheucht,

sich In einen Innersten Winkel zurückgezogen hatte, um dort ihre Zeit zu

erwarten. So wollte er denn, daß ich dadurch, daß ich meine

Aufmerksamkeit auf sie richtete, sie aus diesem Schlupfloche

hervorlocken solle, um sie dann zu überwinden.

Und freilich kam sie auch hervor, aber mit solcher Macht, daß ich mich

sofort mitten in schweren, ja zerrüttenden Seelenkämpfen befand und

einsah, daß mir kein leichter Sieg beschieden sei.

Die überraschende Kunde, daß mein Geliebter damals nicht getötet worden

war und aller Wahrscheinlichkeit nach noch mit mir diese Erdenluft

atmete, war jetzt freilich mehr als ein halbes Jahr alt. Als aber durch

die Erscheinung auf der Terrasse jenes Wissen so plötzlich in mir

auftauchte, wurde es sofort wieder durch die stürmischen Gemütswellen,

die es selber aufregte, gleichsam überschwemmt und tauchte fast wieder

in ihren Strudel unter. Haßgefühl, Rachegedanken, Brüten über

Verbrecherpläne wechselten in einem wahren Dämonenreigen--dann kam

Angulimalas Bekehrung, der überwältigende Eindruck des Buddha, das neue

Leben, der Tagesanbruch einer neuen, gänzlich ungeahnten Welt, deren

Elemente in der Vernichtung aller Elemente der alten bestanden. Nun aber

war der erste Sturm des Neuen vorüber, der große Meister dieses heiligen

Zaubers war aus meinem Gesichtskreis entschwunden, und ich saß einsam

da, meinen Blick auf die Liebe--auf meine Liebe gerichtet. Da tauchte

jene Kunde nun wieder klar hervor und eine grenzenlose Sehnsucht nach

dem fernen, noch lebenden Geliebten erfaßte mich.

Aber lebte er denn auch noch?--Und liebte er mich denn noch?

Solche Fragen regten durch ihre bange Ungewißheit meine Sehnsucht nur

noch mehr auf, und mit der Überwindung meiner Liebe, mit der Aneignung

des Spruches wollte es nicht vorwärtsgehen. Immer dachte ich über die

Liebe nach und kam nicht zum Leid und zur Leidensentstehung.

Diese meine immer aussichtsloseren Seelenkämpfe blieben den anderen

Schwestern nicht verborgen. Ich hörte wohl, wie sie von mir sprachen:

"Vasitthi, die frühere Ministersgattin, die doch selbst der strenge

Sariputta wegen ihrer schnellen und sicheren Auffassung auch schwieriger

Punkte der Lehre uns des öfteren gepriesen hat, sie kann jetzt mit ihrem

doch so leichten Spruch nicht fertig werden."

Dadurch wurde ich noch mehr entmutigt. Scham und Verzweiflung

bemächtigten sich meiner und zuletzt glaubte ich, diesen Zustand nicht

mehr ertragen zu können.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 48 / 55 题