Ich war nun Ordensschwester geworden und begab mich jeden Tag früh
morgens mit meiner Almosenschale nach Kosambi, wo ich von Haus zu Haus
ging, bis sie gefüllt war--obwohl Satagira mir diesen Bettelgang nur zu
gern erspart hätte.
Eines Tages stellte ich mich auch am Eingange seines Palastes hin, weil
die ältesten Nonnen mir geraten hatten, mich auch dieser Prüfung zu
unterziehen. Da trat Satagira gerade in den Torweg, wich mir aber scheu
aus und verhüllte traurig sein Antlitz. Gleich danach kam dann der
Hausmeier und bat mich weinend, doch ja zu gestatten, daß Alles, wofür
ich Gebrauch habe, mir täglich zugeschickt werde. Ich aber antwortete
ihm, daß es mir gezieme, der Ordensregel nachzukommen.
Wenn ich von diesem Gange zurückgekehrt war und das Gespendete verzehrt
hatte, womit dann für den ganzen Tag die elende Nahrungsfrage erledigt
war, wurde ich von einer der älteren Nonnen unterrichtet, und abends
lauschte ich in der Versammlung den Worten des Erhabenen oder auch denen
eines großen Jüngers, wie Sariputta oder Ananda. Nachher aber geschah es
wohl, daß eine Schwester die andere aufsuchte: "Entzückend, Schwester,
ist der Sinsapawald, herrlich die klare Mondnacht, die Bäume stehen in
voller Blüte, himmlische Düfte, meint man, wehen umher. Wohlan, laß uns
Schwester Sumedha aufsuchen. Sie ist eine Hüterin des Wortes, ein Hort
der Lehre. Ihre Rede dürfte wohl diesem Sinsapawalde doppelten Glanz
verleihen." Und wir brachten dann den größten Teil einer solchen Nacht
mit sinnigen Gesprächen zu.
Dies Leben in der freien Natur, diese fortwährende Geistestätigkeit und
der rege Gedankenaustausch, wodurch keine Zeit für trübes Hinbrüten über
eigenen Schmerz oder für müßige Träumereien übrig blieb, endlich die
Erhebung und Läuterung des Gemütes durch die Macht der Wahrheit--all
dies stärkte mir Körper und Geist wunderbar. Ein neues und edleres Leben
tat sich vor mir auf, und ich genoß ein ruhiges, heiteres Glück, von dem
ich mir wenige Wochen vorher nichts hätte träumen lassen.
Als die Regenzeit kam, stand schon das Gebäude für die Schwestern
bereit, mit geräumiger Halle zum gemeinsamen Aufenthalte und mit Zellen
für jede einzelne. Mein Gemahl und einige andere reiche Bürger, die
Verwandte unter den Nonnen hatten, ließen es sich nicht nehmen, diese
unsere Heimstätte mit Matten und Teppichen, Stühlen und Ruhebetten
auszustatten, so daß wir reichlich mit Allem versehen waren, was zur
vernünftigen Bequemlichkeit des Lebens gehört, und seiner Üppigkeit um
so lieber entrieten. So ging denn auch diese Zeit der Eingeschlossenheit
leidlich genug dahin, im regelmäßigen Wechsel von gemeinsamen
Unterhaltungen über religiöse Fragen und von Selbstdenken und
Vertiefung. Gegen Abend aber begaben wir uns, wenn das Wetter es
erlaubte, nach der großen Halle der Mönche, um dem Meister zu lauschen,
oder es kam auch der Erhabene oder einer der großen Jünger zu uns
herüber.
Als nun aber der Wald, den der Meister lobt, erfrischt und verjüngt, in
hundertfacher Blätterfülle und Blumenpracht uns wieder einlud, unter
sein freies Obdach unsere einsame Gedenkenruhe und unsere gemeinsamen
Versammlungen zu verlegen, da traf uns die betrübende Kunde, daß der
Erhabene sich jetzt bereit mache, seine Wanderung nach den östlichen
Gegenden anzutreten. Aber freilich hatten wir ja nicht hoffen dürfen,
daß er immer in Kosambi bleiben werde; auch wußten wir, wie töricht es
ist, Ober etwas Unvermeidliches zu klagen, und wie wenig wir uns des
Meisters würdig zeigten, wenn wir uns von Trauer überwältigen ließen.
So begaben wir uns denn in später Nachmittagsstunde gefaßt und ruhig
nach dem Krishnatempel, um zum letzten Male für lange Zeit den Worten
des Buddha zu lauschen und dann von ihm Abschied zu nehmen.
Auf den Stufen stehend, redete der Erhabene vom Vergehen alles
Entstandenen, von der Auflösung alles dessen, was sich zusammengesetzt
hat, von der Flüchtigkeit aller Erscheinungen, von der Wesenlosigkeit
aller Gestaltungen. Und nachdem er gezeigt hatte, wie nirgends in dieser
oder in jener Welt, soweit die Daseinslust keimt, nirgendwo in Raum und
Zeit eine feste Stelle, ein bleibender Zufluchtsort zu finden ist,
sprach er jenes Wort, das du mit Recht "weltzermalmend" nanntest, und
das sich jetzt rings um uns verwirklicht:
"Bis in den höchsten Lichthimmel drängt das Leben sich und zerfällt;--
Wisset, einmal erlischt gänzlich auch der Glanz einer Brahmawelt."
Es war uns Schwestern von einem der Jünger gesagt worden, daß wir nach
dem Vortrage eine nach der anderen zum Erhabenen gehen sollten, um von
ihm Abschied zu nehmen und einen Geleitspruch für unser weiteres Streben
von ihm zu empfangen. Da ich eine der jüngsten war und mich
geflissentlich zurückhielt, gelang es mir, die letzte zu werden. Denn
ich gönnte es keiner anderen, nach mir mit dem Erhabenen zu reden, und
meinte auch, daß mir dadurch eine ruhigere, längere Unterredung
ermöglicht würde, als wenn andere hinter mir warteten.
Nachdem ich mich nun ehrfurchtsvoll verneigt hatte, blickte mich der
Erhabene an mit einem Blicke, der mich bis ins Innerste durchleuchtete,
und sprach:
"Und dir, Vasitthi, gebe ich an der Schwelle dieses zerfallenden
Heiligtums des sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigams zum
Meingedenken und zum Durchdenken unter dem Laubdache dieses
Sinsapawaldes, von dem du ein Blatt am Herzen und einen Schatten im
Herzen trägst--folgenden Spruch: '_Überall, wo Liebe entsteht, entsteht
auch Leid_.'"
"Ist das Alles?" fragte ich törichterweise.
"Alles und genug."
"Und ist es, o Herr, gestattet, wenn ich mit dem Spruche zu Ende bin,
wenn ich mir den Sinn völlig zu eigen gemacht habe, zum Erhabenen zu
pilgern, um einen neuen Spruch zu empfangen?"
"Es ist gestattet, wenn du noch das Bedürfnis hast, den Erhabenen zu
fragen."
"Wie sollte ich nicht das Bedürfnis haben? Du bist ja, o Herr, unsere
Zuflucht."
"Nimm deine Zuflucht zu dir selber, nimm deine Zuflucht zur Lehre!"
"Das will ich. Doch du, o Herr, bist ja das Selbst der Jünger, bist die
lebendige Lehre. Und du hast ja gesagt: es ist gestattet."
"Wenn dich der Weg nicht müht."
"Kein Weg kann mich mühen."
"Der Weg ist weit, Vasitthi! Weiter ist der Weg als du dir denkst,
weiter, als Menschengedanken es auszudenken vermögen."
"Und führte der Weg auch durch tausend Leben, über tausend Welten: kein
Weg wird mich mühen."
"Schon gut, Vasitthi! Gehab dich wohl, und gedenke deines Spruchs."
In diesem Augenblick nahte der König mit großem Gefolge, um vom
Erhabenen Abschied zu nehmen.
Ich zog mich in die hinterste Reihe zurück, von wo aus ich ein ziemlich
zerstreuter Zeuge der weiteren Vorgänge dieses letzten Abends war. Denn
ich kann nicht leugnen, daß ich mich durch den so sehr leichten Spruch,
den mir der Erhabene gegeben hatte, etwas enttäuscht fühlte. Hatten doch
mehrere der Schwestern ganz andere schwierige Sprüche zur geistigen
Verarbeitung vom Erhabenen zugeteilt bekommen: die eine den Spruch vom
Entstehen aus Ursachen, die andere den vom Nichtselbst, eine dritte den
von der Vergänglichkeit der Erscheinungen. So meinte ich denn, eine
Zurücksetzung erfahren zu haben, was mich sehr betrübte. Wie ich aber
weiter darüber nachdachte, kam mir die Vermutung, daß der Erhabene
vielleicht bei mir etwas Selbstüberhebung bemerkt habe und sie auf diese
Weise dämpfen wolle. Und ich nahm mir vor, auf der Hut zu sein, um nicht
durch Eitelkeit und Selbstgefälligkeit in meinem geistigen Wachstum
gehindert zu werden. Bald würde ich mich ja rühmen können, mit dem
Spruche zu Ende zu sein, und durfte mir dann einen neuen von den Lippen
des Erhabenen selber holen.
In dieser Zuversicht sah ich früh am nächsten Morgen den Buddha mit
vielen Jüngern von dannen wandern--unter diesen selbstverständlich auch
Ananda, der ja des Meisters wartete und immer um ihn war, und der mir
stets auf seine milde Art so besonders wohlwollend begegnet war, daß ich
fühlte, ich würde auch ihn und seinen aufmunternden Blick sehr
vermissen, noch mehr als den weisen Sariputta, der durch seine scharf
zergliedernden Auseinandersetzungen mir in manchem schwierigen Punkt
geholfen hatte. Nun war ich meinen eigenen Kräften überlassen.
Sobald ich von meinem Almosengange zurückgekehrt war und mein Mahl
verzehrt hatte, suchte ich mir einen schönen Baum aus, der in der Mitte
einer kleinen Waldwiese stand--das wahre Urbild jener "mächtigen,
lärmentrückten Bäume", von denen es heißt, daß Menschen darunter sitzen
und denken können.
Das tat ich nun, indem ich meinen Spruch ernstlich vornahm. Als ich
gegen Abend nach der Versammlungshalle zurückkehrte, brachte ich, als
Ausbeute meiner Tagesarbeit, eine innere Unruhe mit mir und eine leise
Ahnung, was für eine Bewandtnis es mit diesem Spruche haben mochte. Als
ich aber am folgenden Abend nach beendigter Gedenkenruhe zurückkehrte,
wußte ich schon genau, was der Erhabene gemeint hatte, als er mir diesen
Spruch gab.
Ich hatte ja geglaubt, auf dem graden Wege zum vollkommenen Frieden mich
zu befinden und meine Liebe mit ihren leidenschaftlichen Erregungen weit
hinter mir zu haben. Aber jener unvergleichliche Herzenskenner hatte gar
wohl gesehen, daß die Liebe keineswegs von mir überwunden war, sondern
daß sie nur durch den mächtigen Einfluß des neuen Lebens verscheucht,
sich In einen Innersten Winkel zurückgezogen hatte, um dort ihre Zeit zu
erwarten. So wollte er denn, daß ich dadurch, daß ich meine
Aufmerksamkeit auf sie richtete, sie aus diesem Schlupfloche
hervorlocken solle, um sie dann zu überwinden.
Und freilich kam sie auch hervor, aber mit solcher Macht, daß ich mich
sofort mitten in schweren, ja zerrüttenden Seelenkämpfen befand und
einsah, daß mir kein leichter Sieg beschieden sei.
Die überraschende Kunde, daß mein Geliebter damals nicht getötet worden
war und aller Wahrscheinlichkeit nach noch mit mir diese Erdenluft
atmete, war jetzt freilich mehr als ein halbes Jahr alt. Als aber durch
die Erscheinung auf der Terrasse jenes Wissen so plötzlich in mir
auftauchte, wurde es sofort wieder durch die stürmischen Gemütswellen,
die es selber aufregte, gleichsam überschwemmt und tauchte fast wieder
in ihren Strudel unter. Haßgefühl, Rachegedanken, Brüten über
Verbrecherpläne wechselten in einem wahren Dämonenreigen--dann kam
Angulimalas Bekehrung, der überwältigende Eindruck des Buddha, das neue
Leben, der Tagesanbruch einer neuen, gänzlich ungeahnten Welt, deren
Elemente in der Vernichtung aller Elemente der alten bestanden. Nun aber
war der erste Sturm des Neuen vorüber, der große Meister dieses heiligen
Zaubers war aus meinem Gesichtskreis entschwunden, und ich saß einsam
da, meinen Blick auf die Liebe--auf meine Liebe gerichtet. Da tauchte
jene Kunde nun wieder klar hervor und eine grenzenlose Sehnsucht nach
dem fernen, noch lebenden Geliebten erfaßte mich.
Aber lebte er denn auch noch?--Und liebte er mich denn noch?
Solche Fragen regten durch ihre bange Ungewißheit meine Sehnsucht nur
noch mehr auf, und mit der Überwindung meiner Liebe, mit der Aneignung
des Spruches wollte es nicht vorwärtsgehen. Immer dachte ich über die
Liebe nach und kam nicht zum Leid und zur Leidensentstehung.
Diese meine immer aussichtsloseren Seelenkämpfe blieben den anderen
Schwestern nicht verborgen. Ich hörte wohl, wie sie von mir sprachen:
"Vasitthi, die frühere Ministersgattin, die doch selbst der strenge
Sariputta wegen ihrer schnellen und sicheren Auffassung auch schwieriger
Punkte der Lehre uns des öfteren gepriesen hat, sie kann jetzt mit ihrem
doch so leichten Spruch nicht fertig werden."
Dadurch wurde ich noch mehr entmutigt. Scham und Verzweiflung
bemächtigten sich meiner und zuletzt glaubte ich, diesen Zustand nicht
mehr ertragen zu können.