Und Kamanita und Vasitthi traten wieder ins Dasein, im Reiche des
hunderttausendfachen Brahma, als die Götter eines Doppelgestirns.
Der leuchtende Astralstoff, an den die geistige Wesenheit Kamanitas
gebunden war, umhüllte gleichmäßig den Himmelskörper, der von seiner
Kraft belebt, von seinem Willen gelenkt wurde. Durch diesen Willen wurde
der Stern zunächst um seine Achse gedreht, und diese Bewegung war sein
Eigenleben, war seine Selbstliebe.
Und er spiegelte sich im Glanze Vasitthis und spiegelte ihren Glanz
wider. Strahlenwechselnd umkreisten sie einen Mittelpunkt, wo sich ihre
Strahlen sammelten. Dieser Punkt war ihre Liebe, das Kreisen darum war
ihr Liebesleben, und daß sie sich dabei ineinander spiegelten--das war
ihre Liebeswonne.
Allseitig Auge, schaute jeder von ihnen gleichzeitig nach allen
Richtungen des unendlichen Raumes. Und überall sahen sie zahllose
Sternengötter, wie sie selber, deren Strahlenblicke sie empfingen und
erwiderten. Da war zunächst eine Anzahl, die mit ihnen zusammen eine
Gruppe für sich bildeten; daneben andere Gruppen, die mit der ihrigen
zusammen ein ganzes Weltsystem ausmachten; ferner andere Systeme, die
sich zu einer Kette von Systemen verbanden, und weiter noch mehrere
Ketten, und Ringe von Ketten, und Sphären von Kettenringen. Und Kamanita
und Vasitthi lenkten nun ihr Doppelgestirn in harmonischem Fluge unter
den anderen Sternen und Doppelgestirnen ihrer Gruppe, indem sie, wie in
einem wohlgeordneten Tanzreigen, ihren Nachbarn weder zu nahe kamen,
noch sich zu weit von ihnen entfernten, während alle gegenseitig, durch
eine gewisse Sympathie, einander die genaue Richtung und das rechte Maß
der Bewegung mitteilten. Dabei bildete sich aber auch gleichsam ein
gemeinsamer Wille, der ihre ganze Gruppe in die Bewegung der Gruppen
ihres Systems einlenkte, welches dann wiederum auf dieselbe Weise unter
seinesgleichen sich weiterbewegte.
Und diese Teilnahme am ungeheuren, schwebenden Tanze der Weltkörper,
diese gemeinsame und endlos vielfältige Wechselbewegung--das war ihre
Weltangehörigkeit, ihr Außenleben, ihre Alles umfassende und
durchdringende Nächstenliebe.
Was aber hier Harmonie der Bewegung ist, das erscheint den unterhalb der
Sternengötter weilenden Luftgöttern als Harmonie der Klänge; durch
Teilnahme an ihrem Genüsse ahmen die himmlischen Genien in den
Paradiesen diese Harmonien in ihren wonnigen Weisen nach, und indem ein
schwacher Abklang von diesen bisweilen bis an die Erde dringt--so
schwach, daß er nur von den geistigen Ohren der Erwachten aufgefangen
wird--reden die Seher rätselhaft von der Harmonie der Sphären, und die
großen Künstler der Musik schaffen nach, was sie in ihrer Begeisterung
sich erlauscht haben; und dies ist das höchste Entzücken der
Menschenkinder. Aber wie das Sein zu dem immer trüber werdenden Schein
sich verhält--also verhält sich zu diesem Entzücken der Menschen über
Klänge und Töne und Weisen die Daseinswonne der Sternengötter.
Denn eben dies ist ihre Lebenslust, ihre Daseinswonne.
Aber alle diese Bewegungen, diese ungeheuren Reigen der Weltsysteme,
umkreisten ein einziges Wesen: den in der Mitte des Weltganzen
thronenden hunderttausendfachen Brahma, dessen unermeßlicher Glanz alle
Sternengötter durchdrang, und dem sie alle den Glanz wieder
zurückstrahlten, wie so viele Spiegel seiner Herrlichkeit; dessen
unerschöpfliche Kraft, wie eine nie versiegende Quelle, ihnen allen ihre
Bewegung mitteilte, und in dem sich ihre Bewegungen alle konzentrierten.
Und dies war ihr Brahmadurchdrungensein, ihre Gemeinschaft mit dem
höchsten Gott, ihr Gebenedeitsein, ihre Anbetung, ihre Seligkeit.
Wenn sie aber in Brahma den Alles sammelnden Mittelpunkt hatten, so war
diese Brahmawelt auch, obschon unendlich, dennoch gleichsam begrenzt.
Wie das Auge des Menschen schon in uralten Zeiten ahnend am
Himmelsgewölbe einen "Tierkreis" entdeckt hat, so sahen die
Sternengötter hier unzählige Tierkreise in- und umeinander
beschrieben--eine ganze Sphärenfläche von Bildern webend, indem die
fernsten Sternengruppen zu leuchtenden Figuren zusammenschmolzen.
Ineinanderstrahlend, auseinanderleuchtend, erschienen da Gestalten,
Astralformen aller Wesen, die auf den Weltkörpern oder zwischen ihnen
leben und weben, bleibende Urbilder alles dessen, was, in die groben
Elemente sich hüllend, unaufhörlich entsteht und vergeht im wandelbaren
Flusse des Werdens.
Und dies Schauen der Urbilder war ihr Weltwissen.
Dieweil sie aber alläugig, ohne von diesem fort auf jenes hinzusehen,
ohne zu blinzeln, mit einem Blicke die Einheit Gottes und die Vielheit
der Weltwesen erschauten: fiel für sie Gottesweisheit und Weltwissen in
Eins zusammen. Wenn nämlich ein Mensch auf die göttliche Einheit den
Blick richtet, dann entschwindet ihm die Gestaltenvielheit der
Wandelwelt; und wiederum, wenn er diese betrachtet, kann er die Einheit
nicht mehr festhalten. Somit bleibt sein Wissen ein zerstückeltes, immer
schwankendes, ein von Zweifel fortwährend bedrohtes Wissen. Sie aber
sahen auf einmal Zentrum und Kreis, und deshalb war ihr Wissen ein
einheitliches, nimmer schwankendes, von keinem Zweifel bedrohtes Wissen.
Durch diese ganze leuchtende Brahmawelt floß nun die Zeit still und
unbemerkbar. Wie man einem ruhig und gerade dahinfließenden, völlig
klaren Strome, dessen Flut von keinem Widerstand irgendwie gehemmt oder
gebrochen wird, die Bewegung nicht ansieht: ebenso war die Flut der Zeit
hier unmerkbar, weil sie von keinen aufsteigenden und absteigenden
Gedanken und Gefühlen Widerstand erfuhr.
Diese Unmerkbarkeit des Zeitverlaufs war ihre Ewigkeit.
Und diese Ewigkeit war ein Wahn.
So war denn auch Alles, was sie in sich befaßte: ihr Wissen, ihre
Gottseligkeit, ihre Daseinswonne, ihr Weltleben, ihr Liebesleben und ihr
Eigenleben in Wahn getaucht, mit der Farbe des Wahns behaftet.