Denn es geschah einmal, daß in Kamanita ein Gefühl von Unbehagen, von
Mangel aufstieg.
Da richtete er unwillkürlich seine Aufmerksamkeit auf den
hunderttausendfachen Brahma, als die Quelle aller Fülle. Aber jene
Empfindung wurde dadurch nicht verscheucht, sondern nahm von
Jahrtausend-Dekade zu Jahrtausend-Dekade fast bemerkbar zu.
Denn durch jenes aufsteigende Gefühl war der bisher unmerkbar stille
Strom der Zeit auf Widerstand gestoßen, wie durch eine auftauchende
Insel, an deren Felsenriff er jetzt schäumend vorüberflutete. Und es
entstand sofort ein "Vorher" und ein "Nachher"--wie in einem Flusse
durch ein auftauchendes Riff ein "vor" und "nach" der Stromschnelle
entsteht.
Und es schien Kamanita, als ob der hunderttausendfache Brahma jetzt
nicht ganz so klar leuchte, wie vorher.
Nachdem er aber fünf Millionen Jahre den Brahma betrachtet hatte, kam es
ihm vor, als ob er ihn jetzt schon lange beobachtet habe, ohne Gewißheit
zu erlangen.
Und er richtete seine Aufmerksamkeit auf Vasitthi.
Da wurde er inne, daß auch sie aufmerksam den Brahma beobachtete.
Da geriet er in Bestürzung. Mit dieser Bestürzung kamen die Gefühle. Mit
den Gefühlen kamen die Gedanken, mit den Gedanken kam die
Gedankensprache.
Und er sprach:
"Vasitthi, siehst du es auch? Was ist es mit dem hunderttausendfachen
Brahma?"
Nach hunderttausend Jahren antwortete Vasitthi:
"Das ist es mit dem hunderttausendfachen Brahma, daß sein Glanz
abnimmt."
"Mir will es auch so scheinen," sagte Kamanita nach Ablauf einer
gleichen Zeit "Freilich kann das ja nur eine vorübergehende
Erscheinung sein. Aber schon das kommt mir wunderlich vor, daß am
hunderttausendfachen Brahma überhaupt eine Veränderung stattfinden
kann."
Nach geraumer Weile, nach einigen Millionen Jahren, sprach Kamanita
weiter:
"Ich weiß nicht, ob ich vielleicht geblendet bin. Bemerkst du etwa,
Vasitthi, daß der Glanz des hunderttausendfachen Brahma wieder zunimmt?"
Nach fünfmal hunderttausend Jahren antwortete Vasitthi:
"Der Glanz des hunderttausendfachen Brahma nimmt nicht zu, sondern nimmt
stätig ab."
Wie ein Stück Eisen, das, weißglühend aus dem Schmiedeofen
genommen, bald danach rotglühend wird: also hatte der Glanz des
hunderttausendfachen Brahma jetzt einen rötlichen Schein bekommen.
"Mich wundert, was das wohl zu bedeuten hat," sagte Kamanita.
"Das hat es zu bedeuten, mein Freund, daß der Glanz des
hunderttausendfachen Brahma im Erlöschen begriffen ist."
"Unmöglich, Vasitthi, unmöglich! Was würde dann aus dem Glänze und der
Herrlichkeit dieser ganzen Brahmawelt werden?"
"Daran hat er gedacht, als er sagte:
'Bis in den höchsten Lichthimmel drängt das Leben sich--und zerfällt.
Wisset, einmal erlischt gänzlich auch der Glanz einer Brahmawelt'"
Schon nach einigen tausend Jahren erfolgte die ängstlich überstürzte
Frage Kamanitas:
"Wer hat denn diesen schrecklichen, diesen weltzermalmenden Ausspruch
getan?"
"Wer sonst, als er, der Erhabene, der Weltkenner, der Vollendete, der
Buddha."
Da wurde Kamanita nachdenklich.
Eine geraume Zeit überlegte er sich diese Worte und erinnerte sich an
manches.
Da sprach er:
"Einst schon, o Vasitthi, in Sukhavati, im Paradiese des Westens,
sagtest du einen Spruch des Buddha her, der sich vor unseren Augen
erfüllte. Und ich besinne mich, wie du dort eine ganze Rede von ihm, dem
Erhabenen, mir treu berichtetest, in welcher jener Spruch vorkam. Dies
weltzermalmende Wort aber war darin nicht enthalten. So hast du denn, o
Vasitthi, noch andere Reden vom Erhabenen gehört?"
"Viele, mein Freund, denn mehr als ein halbes Jahr verbrachte ich
täglich in seiner Nähe. Ja, auch sogar die letzten von ihm geäußerten
Worte habe ich vernommen."
Kamanita sah sie mit Bewunderung und Ehrfurcht an. Dann sprach er:
"So bist du eben deshalb, wie ich meine, das weiseste Wesen in dieser
ganzen Brahmawelt. Denn alle diese Sternengötter ringsum sind in
Bestürzung geraten, leuchten unstät, flackern und blinken; und auch der
hunderttausendfache Brahma selber ist unruhig geworden, und aus seinem
trüberen Glänze zucken dann und wann gleichsam Zornesblitze hervor. Du
aber leuchtest ruhig, wie eine Lampe an windstillem Ort. Und auch das
ist ein Zeichen der Störung, daß die Bewegung dieser Himmelskörper jetzt
hörbar wird--wie wir einst, fern von hier, im Paradiese am Gestade der
himmlischen Ganga stehend, donnerartige Klänge und mächtige Töne wie von
fernem Glockengeläute aus dieser Brahmawelt vernahmen, so hören wir es
jetzt von allen Seiten. Das deutet darauf, daß die Harmonie der
Bewegungen gestört ist, daß Entzweiung und Auseinandertreten der Kräfte
sich einstellt. Denn richtig heißt es ja: 'Wo Mangel ist, wird Lärm
erzeugt, die Fülle ist in sich gefaßt.' Und so zweifle ich nicht daran,
daß du recht hast. Wohlan, Vasitthi, während ringsum uns nun diese
Brahmawelt erlischt und der Vernichtung anheimfällt, teile du mir deine
Erinnerungen an den Vollendeten mit, damit ich ruhig werde wie du. Teile
mir Alles aus deinem Leben mit! denn wohl mag es sein, daß wir zum
letzten Male an einem Orte vereinigt sind, wo Geschehnisse von Geist zu
Geist sich mitteilen lassen, und noch bleibt es mir unerklärlich, wie
Angulimala bei mir in Ujjeni erschien, obwohl ich über sein Asketentum
aufgeklärt wurde. Jene seine Erscheinung aber gab den Anstoß zu meinem
Pilgergang, war die Ursache, daß ich nicht auf abschüssige Pfade kam,
sondern im Paradiese des Westens auferstand, um von dort aus, durch
deine Hilfe, zu dieser höchsten Himmelswelt emporzusteigen, wo wir
unermeßliche Zeiträume hindurch göttliches Leben genossen haben. Es ahnt
mir aber, daß auch jener Anstoß zu meiner Pilgerschaft von dir ausging.
Dies nun, vor allem aber auch, wie es kam, daß du zu meinem Heile im
Paradiese erschienst und nicht an einem weit höheren Orte der Seligkeit
wieder ins Dasein tratest, möchte ich nun erfahren."
Und während von Jahrhunderttausend zu Jahrhunderttausend die zunehmende
Trübung des Brahmaglanzes immer bemerkbarer wurde und die Sternengötter
immer mehr erblaßten;
während diese immer unruhiger flackerten und sprühten, und aus dem
trüber werdenden Glutkreise des Brahma ungeheure Flammenstreifen
hervorschossen und durch den ganzen Raum hin und her fegten, als ob der
Gott mit hundert Riesenarmen nach dem unsichtbaren Feinde suchte, der
ihn bedrängte;
während durch die gestörten Bewegungen der Himmelskörper sich
Wirbelströmungen erhoben, die ganze Sternensysteme aus dem Brahmareiche
hinausrissen, an deren Stelle dann die Finsterniswelle des leeren Raumes
hereinbrach, wie das Meerwasser da hereinstürzt, wo das Schiff einen
Leck bekommen hat;
und während an anderen Stellen Systeme ineinander gerieten und ein
Weltbrand sich entzündete, dessen Explosionen Garben von Sternschnuppen
bis in den Glutschlund des Brahma schleuderten;
während die Donnerschläge der zusammenbrechenden und
ineinanderstürzenden Harmonien--das Todesröcheln der Sphärenmusik--immer
furchtbarer von Himmelsgegend zu Himmelsgegend rollten und
widerhallten:--
teilte Vasitthi unverstört, in gemessener Weise, Kamanita ihre letzten
irdischen Erlebnisse mit.