XXXIX. WELTENDÄMMERUNG

Denn es geschah einmal, daß in Kamanita ein Gefühl von Unbehagen, von

Mangel aufstieg.

Da richtete er unwillkürlich seine Aufmerksamkeit auf den

hunderttausendfachen Brahma, als die Quelle aller Fülle. Aber jene

Empfindung wurde dadurch nicht verscheucht, sondern nahm von

Jahrtausend-Dekade zu Jahrtausend-Dekade fast bemerkbar zu.

Denn durch jenes aufsteigende Gefühl war der bisher unmerkbar stille

Strom der Zeit auf Widerstand gestoßen, wie durch eine auftauchende

Insel, an deren Felsenriff er jetzt schäumend vorüberflutete. Und es

entstand sofort ein "Vorher" und ein "Nachher"--wie in einem Flusse

durch ein auftauchendes Riff ein "vor" und "nach" der Stromschnelle

entsteht.

Und es schien Kamanita, als ob der hunderttausendfache Brahma jetzt

nicht ganz so klar leuchte, wie vorher.

Nachdem er aber fünf Millionen Jahre den Brahma betrachtet hatte, kam es

ihm vor, als ob er ihn jetzt schon lange beobachtet habe, ohne Gewißheit

zu erlangen.

Und er richtete seine Aufmerksamkeit auf Vasitthi.

Da wurde er inne, daß auch sie aufmerksam den Brahma beobachtete.

Da geriet er in Bestürzung. Mit dieser Bestürzung kamen die Gefühle. Mit

den Gefühlen kamen die Gedanken, mit den Gedanken kam die

Gedankensprache.

Und er sprach:

"Vasitthi, siehst du es auch? Was ist es mit dem hunderttausendfachen

Brahma?"

Nach hunderttausend Jahren antwortete Vasitthi:

"Das ist es mit dem hunderttausendfachen Brahma, daß sein Glanz

abnimmt."

"Mir will es auch so scheinen," sagte Kamanita nach Ablauf einer

gleichen Zeit "Freilich kann das ja nur eine vorübergehende

Erscheinung sein. Aber schon das kommt mir wunderlich vor, daß am

hunderttausendfachen Brahma überhaupt eine Veränderung stattfinden

kann."

Nach geraumer Weile, nach einigen Millionen Jahren, sprach Kamanita

weiter:

"Ich weiß nicht, ob ich vielleicht geblendet bin. Bemerkst du etwa,

Vasitthi, daß der Glanz des hunderttausendfachen Brahma wieder zunimmt?"

Nach fünfmal hunderttausend Jahren antwortete Vasitthi:

"Der Glanz des hunderttausendfachen Brahma nimmt nicht zu, sondern nimmt

stätig ab."

Wie ein Stück Eisen, das, weißglühend aus dem Schmiedeofen

genommen, bald danach rotglühend wird: also hatte der Glanz des

hunderttausendfachen Brahma jetzt einen rötlichen Schein bekommen.

"Mich wundert, was das wohl zu bedeuten hat," sagte Kamanita.

"Das hat es zu bedeuten, mein Freund, daß der Glanz des

hunderttausendfachen Brahma im Erlöschen begriffen ist."

"Unmöglich, Vasitthi, unmöglich! Was würde dann aus dem Glänze und der

Herrlichkeit dieser ganzen Brahmawelt werden?"

"Daran hat er gedacht, als er sagte:

'Bis in den höchsten Lichthimmel drängt das Leben sich--und zerfällt.

Wisset, einmal erlischt gänzlich auch der Glanz einer Brahmawelt'"

Schon nach einigen tausend Jahren erfolgte die ängstlich überstürzte

Frage Kamanitas:

"Wer hat denn diesen schrecklichen, diesen weltzermalmenden Ausspruch

getan?"

"Wer sonst, als er, der Erhabene, der Weltkenner, der Vollendete, der

Buddha."

Da wurde Kamanita nachdenklich.

Eine geraume Zeit überlegte er sich diese Worte und erinnerte sich an

manches.

Da sprach er:

"Einst schon, o Vasitthi, in Sukhavati, im Paradiese des Westens,

sagtest du einen Spruch des Buddha her, der sich vor unseren Augen

erfüllte. Und ich besinne mich, wie du dort eine ganze Rede von ihm, dem

Erhabenen, mir treu berichtetest, in welcher jener Spruch vorkam. Dies

weltzermalmende Wort aber war darin nicht enthalten. So hast du denn, o

Vasitthi, noch andere Reden vom Erhabenen gehört?"

"Viele, mein Freund, denn mehr als ein halbes Jahr verbrachte ich

täglich in seiner Nähe. Ja, auch sogar die letzten von ihm geäußerten

Worte habe ich vernommen."

Kamanita sah sie mit Bewunderung und Ehrfurcht an. Dann sprach er:

"So bist du eben deshalb, wie ich meine, das weiseste Wesen in dieser

ganzen Brahmawelt. Denn alle diese Sternengötter ringsum sind in

Bestürzung geraten, leuchten unstät, flackern und blinken; und auch der

hunderttausendfache Brahma selber ist unruhig geworden, und aus seinem

trüberen Glänze zucken dann und wann gleichsam Zornesblitze hervor. Du

aber leuchtest ruhig, wie eine Lampe an windstillem Ort. Und auch das

ist ein Zeichen der Störung, daß die Bewegung dieser Himmelskörper jetzt

hörbar wird--wie wir einst, fern von hier, im Paradiese am Gestade der

himmlischen Ganga stehend, donnerartige Klänge und mächtige Töne wie von

fernem Glockengeläute aus dieser Brahmawelt vernahmen, so hören wir es

jetzt von allen Seiten. Das deutet darauf, daß die Harmonie der

Bewegungen gestört ist, daß Entzweiung und Auseinandertreten der Kräfte

sich einstellt. Denn richtig heißt es ja: 'Wo Mangel ist, wird Lärm

erzeugt, die Fülle ist in sich gefaßt.' Und so zweifle ich nicht daran,

daß du recht hast. Wohlan, Vasitthi, während ringsum uns nun diese

Brahmawelt erlischt und der Vernichtung anheimfällt, teile du mir deine

Erinnerungen an den Vollendeten mit, damit ich ruhig werde wie du. Teile

mir Alles aus deinem Leben mit! denn wohl mag es sein, daß wir zum

letzten Male an einem Orte vereinigt sind, wo Geschehnisse von Geist zu

Geist sich mitteilen lassen, und noch bleibt es mir unerklärlich, wie

Angulimala bei mir in Ujjeni erschien, obwohl ich über sein Asketentum

aufgeklärt wurde. Jene seine Erscheinung aber gab den Anstoß zu meinem

Pilgergang, war die Ursache, daß ich nicht auf abschüssige Pfade kam,

sondern im Paradiese des Westens auferstand, um von dort aus, durch

deine Hilfe, zu dieser höchsten Himmelswelt emporzusteigen, wo wir

unermeßliche Zeiträume hindurch göttliches Leben genossen haben. Es ahnt

mir aber, daß auch jener Anstoß zu meiner Pilgerschaft von dir ausging.

Dies nun, vor allem aber auch, wie es kam, daß du zu meinem Heile im

Paradiese erschienst und nicht an einem weit höheren Orte der Seligkeit

wieder ins Dasein tratest, möchte ich nun erfahren."

Und während von Jahrhunderttausend zu Jahrhunderttausend die zunehmende

Trübung des Brahmaglanzes immer bemerkbarer wurde und die Sternengötter

immer mehr erblaßten;

während diese immer unruhiger flackerten und sprühten, und aus dem

trüber werdenden Glutkreise des Brahma ungeheure Flammenstreifen

hervorschossen und durch den ganzen Raum hin und her fegten, als ob der

Gott mit hundert Riesenarmen nach dem unsichtbaren Feinde suchte, der

ihn bedrängte;

während durch die gestörten Bewegungen der Himmelskörper sich

Wirbelströmungen erhoben, die ganze Sternensysteme aus dem Brahmareiche

hinausrissen, an deren Stelle dann die Finsterniswelle des leeren Raumes

hereinbrach, wie das Meerwasser da hereinstürzt, wo das Schiff einen

Leck bekommen hat;

und während an anderen Stellen Systeme ineinander gerieten und ein

Weltbrand sich entzündete, dessen Explosionen Garben von Sternschnuppen

bis in den Glutschlund des Brahma schleuderten;

während die Donnerschläge der zusammenbrechenden und

ineinanderstürzenden Harmonien--das Todesröcheln der Sphärenmusik--immer

furchtbarer von Himmelsgegend zu Himmelsgegend rollten und

widerhallten:--

teilte Vasitthi unverstört, in gemessener Weise, Kamanita ihre letzten

irdischen Erlebnisse mit.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 46 / 55 题