XXXVII. PARADIESWELKEN

"Ja, mein Freund," fügte Vasitthi hinzu, "ohne Enttäuschung vernahm ich

jene Worte, die dir so hoffnungsvernichtend erschienen, wie ich jetzt

ohne Schmerz, ja sogar mit Freude sehe, wie hier ringsum die Wahrheit

dieser Worte zur Wirklichkeit wird."

Während der Erzählung Vasitthis war in der Tat das Welken langsam, aber

unaufhaltsam fortgeschriten, und es konnte nunmehr nicht der leiseste

Zweifel bestehen, daß alle diese Wesen und ihre Umgebungen dem Untergang

und der völligen Auflösung entgegensiechten.

Die Lotusrosen hatten schon mehr als die Hälfte ihrer Kronenblätter

gefällt, und das Wasser glitzerte nur noch spärlich hervor zwischen

diesen bunten Schifflein, jeden Augenblick in Zittern versetzt durch das

Fallen eines Blattes. Auf ihren schmuckberaubten Blumenthronen saßen die

Gestalten in mehr oder weniger zusammengesunkenen Stellungen; diesem war

der Kopf vornüber auf die Brust, jenem seitlings auf die Schulter

gesunken, und wie Fieberschauer durchzuckte es sie jedesmal, wenn ein

fröstelndes Schaudern die schon gelichteten Wipfel der Haine durchlief,

so daß Blüten und Blätter herniederregneten. Traurig gedämpft, und immer

häufiger von schmerzlichen Dissonanzen durchzogen, klang die Musik der

himmlischen Genien; tiefe Seufzer und angstvolles Stöhnen mischten sich

hinein. Alles, was geleuchtet hatte--Gesichter und Gewänder der Seligen

und der Genien, Wolken und Blumen--, sie alle verloren mehr und mehr

ihren Glanz, und ein bläulicher Dämmerungsnebel schien seine Fäden um

die Fernen zu spinnen. Aus dem frischen Blumenduft, der vorher so

herzerquickend Alles durchhaucht hatte, war aber jetzt allmählich ein

atembeklemmender und sinnenbetäubender, einschläfernder Geruch geworden.

Und Kamanita zeigte umher mit einer matten Handbewegung:

"Wie kann man denn, Vasitthi, an einem solchen Anblick Freude

empfinden?"

"Deshalb, mein Freund, kann ich mich über diesen Anblick freuen, weil,

wenn dies Alles dauerhaft und unvergänglich wäre, es kein Höheres gäbe.

Nun aber gibt es ein Höheres, denn dies vergeht--und es gibt ein

Unvergängliches, Unentstandenes. Das eben nennt der Erhabene "Freude der

Vergänglichkeit", und deshalb sagt er: 'Wenn du den Untergang des

Erschaffenen erkannt hast, dann kennst du das Unerschaffene'."

Durch diese zuversichtlichen Worte belebten sich die Züge Kamanitas, wie

eine vor Trockenheit hinwelkende Blume sich unter dem Regen erholt.

"Gepriesen seist du, Vasitthi! zu meinem Heile bist du mir gegeben. Ja,

ich fühle es: darin nur haben wir gefehlt, daß unsere Sehnsucht nicht

hoch genug gezielt hat. Denn wir ersehnten uns ja dies Leben in einem

Blumenparadiese. Und Blumen müssen freilich, ihrer Natur nach,

verwelken. Unvergänglich aber sind die Sterne; nach ewigen Gesetzen

wandeln sie ihre Bahnen. Und sieh dort, Vasitthi, während alles andere

die blassen Spuren des Verfalles zeigt, gießt jenes Flüßchen--ein Zweig

der himmlischen Ganga--sein Wasser ebenso sternenklar und ebenso

reichlich wie je in unseren Teich--weil es eben von der Sternenwelt

kommt. Wer das erreichen könnte, unter den Sternengöttern wieder ins

Dasein zu treten, der wäre über den Kreislauf des Vergänglichen

erhaben."

"Warum sollten wir das nicht erreichen können?" fragte Vasitthi. "Denn

ich habe ja von Mönchen gehört, die ihren Sinn und ihr Herz darauf

richteten, im Reiche des hunderttausendfachen Brahma wiederzukehren. Und

auch jetzt kann es noch nicht zu spät sein, wenn das alte Wort aus dem

hohen Liede wahr ist:

'Das Sein, an welches denkend er aus diesem Leibe scheidet,

In dieses Sein wird jedesmal er drüben eingekleidet'."

"Vasitthi! du gibst mir jenen übermenschlichen Mut! Wohlan, wir wollen

unser ganzes Sinnen darauf richten, im Reiche des hunderttausendfachen

Brahma wieder ins Dasein zu treten."

Kaum hatten sie diesen Entschluß gefaßt, so brauste ein mächtiger

Sturmwind durch die Haine und über die Teiche. Blüten und Blätter

wirbelten haufenweise dahin, die Lotusthronenden duckten sich und zogen

stöhnend den Mantel dichter um die zitternden Glieder.

Wie aber Einer, der in der eingeschlossenen, düftegesättigten Luft eines

Zimmers am Ersticken ist, wenn der frische Meerwind, salzig von den

Fluten des Ozeans, durch das geöffnete Fenster hereinweht, diesen aus

voller Brust atmet und sich neu belebt fühlt: also wurde Kamanita und

Vasitthi zu Mute, als ihnen jener Duft des völlig Reinen

entgegenströmte, den sie einst am Gestade der himmlischen Ganga geatmet

hatten.

"Merkst du's?" fragte Vasitthi.

"Ein Gruß von der Ganga. Und horch, sie ruft," sagte Kamanita.

Denn die klagende Sterbeweise der Genien wurde jetzt durch jene

feierlichen, donnerähnlichen Klänge übertäubt.

"Gut, daß wir schon den Weg kennen," jubelte Vasitthi. "Fürchtest du

dich noch, mein Freund?"

"Wie sollte ich mich fürchten? Komm!"

Und wie ein Vogelpaar sich aus dem Neste stürzt und dem Winde

entgegenfliegt, also flogen sie von dannen.

Alle starrten ihnen nach, verwundert, daß es hier noch Wesen gäbe, die

Kraft und Mut zu einem Fluge besäßen.

Als sie aber so dem Winde entgegenflogen, entstand ein Wirbelsturm, der

hinter ihnen Alles entblätterte und entseelte, dem hinsiechenden Leben

Sukhavatis ein Ende machend.

Bald war der Palmenwald erreicht, bald durchflogen. Vor ihnen breitete

sich die silbrige Fläche des Weltenstromes bis zum schwarzblauen

Himmelsrande.

Sie schwebten über seine Fluten hinaus, und sofort wurden sie von der

dort herrschenden Luftströmung erfaßt und im Sturmesflug davongetragen.

Durch die Schnelligkeit der Fahrt und unter dem mächtigen Getöse wie von

Donner und Glockengeläute schwanden ihnen die Sinne.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 44 / 55 题