"Ja, mein Freund," fügte Vasitthi hinzu, "ohne Enttäuschung vernahm ich
jene Worte, die dir so hoffnungsvernichtend erschienen, wie ich jetzt
ohne Schmerz, ja sogar mit Freude sehe, wie hier ringsum die Wahrheit
dieser Worte zur Wirklichkeit wird."
Während der Erzählung Vasitthis war in der Tat das Welken langsam, aber
unaufhaltsam fortgeschriten, und es konnte nunmehr nicht der leiseste
Zweifel bestehen, daß alle diese Wesen und ihre Umgebungen dem Untergang
und der völligen Auflösung entgegensiechten.
Die Lotusrosen hatten schon mehr als die Hälfte ihrer Kronenblätter
gefällt, und das Wasser glitzerte nur noch spärlich hervor zwischen
diesen bunten Schifflein, jeden Augenblick in Zittern versetzt durch das
Fallen eines Blattes. Auf ihren schmuckberaubten Blumenthronen saßen die
Gestalten in mehr oder weniger zusammengesunkenen Stellungen; diesem war
der Kopf vornüber auf die Brust, jenem seitlings auf die Schulter
gesunken, und wie Fieberschauer durchzuckte es sie jedesmal, wenn ein
fröstelndes Schaudern die schon gelichteten Wipfel der Haine durchlief,
so daß Blüten und Blätter herniederregneten. Traurig gedämpft, und immer
häufiger von schmerzlichen Dissonanzen durchzogen, klang die Musik der
himmlischen Genien; tiefe Seufzer und angstvolles Stöhnen mischten sich
hinein. Alles, was geleuchtet hatte--Gesichter und Gewänder der Seligen
und der Genien, Wolken und Blumen--, sie alle verloren mehr und mehr
ihren Glanz, und ein bläulicher Dämmerungsnebel schien seine Fäden um
die Fernen zu spinnen. Aus dem frischen Blumenduft, der vorher so
herzerquickend Alles durchhaucht hatte, war aber jetzt allmählich ein
atembeklemmender und sinnenbetäubender, einschläfernder Geruch geworden.
Und Kamanita zeigte umher mit einer matten Handbewegung:
"Wie kann man denn, Vasitthi, an einem solchen Anblick Freude
empfinden?"
"Deshalb, mein Freund, kann ich mich über diesen Anblick freuen, weil,
wenn dies Alles dauerhaft und unvergänglich wäre, es kein Höheres gäbe.
Nun aber gibt es ein Höheres, denn dies vergeht--und es gibt ein
Unvergängliches, Unentstandenes. Das eben nennt der Erhabene "Freude der
Vergänglichkeit", und deshalb sagt er: 'Wenn du den Untergang des
Erschaffenen erkannt hast, dann kennst du das Unerschaffene'."
Durch diese zuversichtlichen Worte belebten sich die Züge Kamanitas, wie
eine vor Trockenheit hinwelkende Blume sich unter dem Regen erholt.
"Gepriesen seist du, Vasitthi! zu meinem Heile bist du mir gegeben. Ja,
ich fühle es: darin nur haben wir gefehlt, daß unsere Sehnsucht nicht
hoch genug gezielt hat. Denn wir ersehnten uns ja dies Leben in einem
Blumenparadiese. Und Blumen müssen freilich, ihrer Natur nach,
verwelken. Unvergänglich aber sind die Sterne; nach ewigen Gesetzen
wandeln sie ihre Bahnen. Und sieh dort, Vasitthi, während alles andere
die blassen Spuren des Verfalles zeigt, gießt jenes Flüßchen--ein Zweig
der himmlischen Ganga--sein Wasser ebenso sternenklar und ebenso
reichlich wie je in unseren Teich--weil es eben von der Sternenwelt
kommt. Wer das erreichen könnte, unter den Sternengöttern wieder ins
Dasein zu treten, der wäre über den Kreislauf des Vergänglichen
erhaben."
"Warum sollten wir das nicht erreichen können?" fragte Vasitthi. "Denn
ich habe ja von Mönchen gehört, die ihren Sinn und ihr Herz darauf
richteten, im Reiche des hunderttausendfachen Brahma wiederzukehren. Und
auch jetzt kann es noch nicht zu spät sein, wenn das alte Wort aus dem
hohen Liede wahr ist:
'Das Sein, an welches denkend er aus diesem Leibe scheidet,
In dieses Sein wird jedesmal er drüben eingekleidet'."
"Vasitthi! du gibst mir jenen übermenschlichen Mut! Wohlan, wir wollen
unser ganzes Sinnen darauf richten, im Reiche des hunderttausendfachen
Brahma wieder ins Dasein zu treten."
Kaum hatten sie diesen Entschluß gefaßt, so brauste ein mächtiger
Sturmwind durch die Haine und über die Teiche. Blüten und Blätter
wirbelten haufenweise dahin, die Lotusthronenden duckten sich und zogen
stöhnend den Mantel dichter um die zitternden Glieder.
Wie aber Einer, der in der eingeschlossenen, düftegesättigten Luft eines
Zimmers am Ersticken ist, wenn der frische Meerwind, salzig von den
Fluten des Ozeans, durch das geöffnete Fenster hereinweht, diesen aus
voller Brust atmet und sich neu belebt fühlt: also wurde Kamanita und
Vasitthi zu Mute, als ihnen jener Duft des völlig Reinen
entgegenströmte, den sie einst am Gestade der himmlischen Ganga geatmet
hatten.
"Merkst du's?" fragte Vasitthi.
"Ein Gruß von der Ganga. Und horch, sie ruft," sagte Kamanita.
Denn die klagende Sterbeweise der Genien wurde jetzt durch jene
feierlichen, donnerähnlichen Klänge übertäubt.
"Gut, daß wir schon den Weg kennen," jubelte Vasitthi. "Fürchtest du
dich noch, mein Freund?"
"Wie sollte ich mich fürchten? Komm!"
Und wie ein Vogelpaar sich aus dem Neste stürzt und dem Winde
entgegenfliegt, also flogen sie von dannen.
Alle starrten ihnen nach, verwundert, daß es hier noch Wesen gäbe, die
Kraft und Mut zu einem Fluge besäßen.
Als sie aber so dem Winde entgegenflogen, entstand ein Wirbelsturm, der
hinter ihnen Alles entblätterte und entseelte, dem hinsiechenden Leben
Sukhavatis ein Ende machend.
Bald war der Palmenwald erreicht, bald durchflogen. Vor ihnen breitete
sich die silbrige Fläche des Weltenstromes bis zum schwarzblauen
Himmelsrande.
Sie schwebten über seine Fluten hinaus, und sofort wurden sie von der
dort herrschenden Luftströmung erfaßt und im Sturmesflug davongetragen.
Durch die Schnelligkeit der Fahrt und unter dem mächtigen Getöse wie von
Donner und Glockengeläute schwanden ihnen die Sinne.