Am nächsten Vormittage schickte ich nach Medini, die nun ebenso bereit
war, mit ihrem Gatten Somadatta mir Gefolge nach dem Krishnahain zu
leisten, wie damals, als es sich darum handelte, die Begegnung zweier
Liebenden zu vermitteln. In der Tat hatte sie schon vorher einmal ihren
Gatten gebeten, sie eines Abends dort hinaus zu bringen, denn sie ließ
sich nicht leicht etwas entgehen, wovon die Leute sprachen. Somadatta
aber hatte sich vor dem Hausbrahmanen gefürchtet, und so war sie denn
hocherfreut, durch die Aufforderung der Ministersgattin jenem Tyrannen
gegenüber gedeckt zu sein.
Wir fuhren sofort nach den Kaufhallen, wo Somadatta, der dort seine
Geschäfte besorgte, uns behilflich war, solche Stoffe auszusuchen, die
für die Bekleidung der Mönche und der Nonnen geeignet waren. Auch kaufte
ich dort eine große Menge Arzneien. Wieder nach Hause gekommen,
plünderten wir die Vorratskammern: Krüge mit dem feinsten öl, Kisten mit
Honig, mit Butter und mit Zucker, Schüsseln mit Eingemachtem aller Art
wurden für unseren frommen Zweck zur Seite gestellt. Meine eigenen
Schränke mußten das Ausgesuchteste, was sie an wohlriechendem Wasser,
Sandelstaub und Kampfer bargen, hergeben, und dann ging es in den
Garten, dessen Blumenflor nicht geschont wurde.
Als die ersehnte Stunde kam, waren schon alle diese Sachen auf einen mit
Maultieren bespannten Wagen geladen. Wir selber nahmen unter dem Zelte
eines anderen Wagens Platz, und von den zwei silberweißen
Vollblut-Sindhrossen gezogen, die jeden Morgen dreijährigen Reis aus
meiner Hand fraßen, fuhren wir zum Stadttor hinaus.
Die Sonne näherte sich schon den Kuppeln und Türmen der Stadt hinter
uns, und ihre Strahlen vergoldeten den Staub, der den ganzen Weg entlang
aufgewirbelt wurde von den vielen, die wie wir--meistens jedoch zu
Fuß--hinauspilgerten, um den Buddha zu sehen und zu hören.
Bald erreichten wir den Eingang zum Walde. Hier ließen wir die Wagen
halten und begaben uns zu Fuß weiter, von Dienern gefolgt, welche die
mitgebrachten Weihgeschenke trugen.
Seit jener Nacht aber, als wir dort voneinander Abschied nahmen, war ich
in diesem Walde nicht wieder gewesen. Als ich nun--in derselben
Begleitung--in seinen kühlen Schatten eintrat, überwältigte mich ein
solcher Erinnerungsduft, der, gleichsam für mich hier aufgespeichert, im
Verlaufe der Jahre seine Süßigkeit bis zur Giftigkeit konzentriert
hatte, daß ich betäubt stehen blieb. Es war mir, als ob meine Liebe, in
voller Stärke erwacht, sich mir in den Weg stellte, mich der
Fahnenflucht und des Verrates zeihend. Denn ich kam ja nicht hierher, um
ihr durch Einatmen des Erinnerungsduftes neue Nahrung zu geben, sondern
um für mein enttäuschtes und gequältes Herz den Frieden zu suchen. Hieß
das aber nicht vergessen, der Liebe entsagen wollen? War das nicht
Wortbruch und feiger Verrat?
In solchem bangen Zweifel stand ich da, unschlüssig, ob ich weitergehen
oder umkehren solle--zu großer Enttäuschung Medinis, die vor Ungeduld
trippelte, wenn Andere uns überholten.
Jedoch der Anblick dieses Waldinneren, von der späten Nachmittagssonne
mild und goldig durchstrahlt--das leise, gleichsam mahnende Rauschen und
Lispeln der Blätter--die Leute, die beim Eintreten sofort verstummten
und sich erwartungsvoll, fast scheu umsahen--hier und dort, in einiger
Entfernung, am Fuße eines mächtigen Baumstammes, ein in die Falten
seines gelben Mantels gehüllter Asket, mit untergeschlagenen Beinen und
in Selbstvertiefung versunken, aus der erwachend wohl dann auch dieser
und jener sich erhob und, ohne sich umzusehen, dieselbe Richtung
einschlug, in der alle einem noch unsichtbaren Ziele zustrebten:--alles
dies trug einen so still erhabenen Charakter und schien davon zu zeugen,
daß hier Geschehnisse vorgingen so seltener, ja heiliger Art, daß sich
keine Macht in der Welt dagegen stellen dürfte, ja, daß selbst die
Liebe, wenn sie ihre Stimme dagegen erhöbe, ihres ganzen göttlichen
Rechtes verlustig gehen würde.
So schritt ich denn entschlossen weiter, und die an Angulimala
gerichteten Worte des Erhabenen von den vielen Menschengeschlechtern,
die dahinleben, ohne daß ein Buddha in der Welt wäre, und von den so
äußerst wenigen selbst unter den Zeitgenossen eines Buddha, denen es
beschieden sei, ihn zu hören und zu sehen--diese Worte hallten mir im
Ohre, wie das Läuten einer Tempelglocke, und ich fühlte mich wie eine
Gebenedeite, die einem Erlebnisse entgegengeht, um welches kommende
Geschlechter sie beneiden.
Als wir die Lichtung erreichten, wo die Tempelruine stand, waren hier
schon viele Leute versammelt, sowohl Laien wie Mönche. Sie standen in
Gruppen verteilt, die meisten in der Nähe der Ruine, die sich uns
gegenüber erhob. Nahe an der Stelle, wo wir die Waldwiese betraten,
bemerkte ich eine größere Gruppe von Mönchen, unter welchen mir ein
wahrer Riese auffallen mußte, denn er überragte auch die höchsten neben
ihm Stehenden um Haupteslänge.
Während wir uns nun umsahen, wohin wir wohl am besten unsere Schritte
lenken sollten, trat zwischen uns und jenen Mönchen ein alter Asket aus
dem Walde heraus. Seine hohe Gestalt hatte eine so königliche Haltung,
und eine so heitere Ruhe strahlte aus seinen edlen Zügen, daß mir sofort
der Gedanke kam: ob dieser Asket wohl der Sakyersohn sein sollte, den
sie den Buddha nennen?
In seiner Hand trug er einige Sinsapablätter, und an jene Mönche sich
wendend, sprach er:
"Was meint ihr, ihr Jünger, was ist mehr, diese Sinsapablätter, die ich
in der Hand halte, oder die anderen Blätter droben im Sinsapawalde?"
Und die Mönche antworteten:
"Die Blätter, die der Erhabene in der Hand hält, sind wenige, und viel
mehr sind jene Blätter droben im Sinsapawalde."
"So auch," sagte er, der--wie ich jetzt wußte--der Buddha war--"so auch,
ihr Jünger, ist das viel mehr, was ich erkannt und euch nicht verkündet,
als das, was ich euch verkündet habe. Und warum, ihr Jünger, habe ich
euch jenes nicht verkündet? Weil es euch keinen Gewinn bringt, weil es
nicht den Wandel in Heiligkeit fördert, weil es nicht zur Abkehr vom
Irdischen, zum Untergang aller Lust, zum Aufhören des Vergänglichen, zum
Frieden, zum Nirvana führt."
'So hatte also jener törichte Greis doch darin recht!' rief Kamanita.
'Welcher Greis?' fragte Vasitthi.
'Jener Asket, mit dem ich--wie ich dir erzählte--im Vororte Rajagahas,
in der Halle eines Hafners, die Nacht zubrachte, die letzte meines
Erdenlebens, Er wollte mir durchaus die Lehre des Erhabenen darlegen,
was ihm, wie ich wohl merkte, nicht sonderlich gelang. Aber er brachte
doch offenbar viele echte Aussprüche vor, und unter diesen eben auch
wortgetreu, was du mir jetzt berichtet hast--sogar den Ort gab er
richtig an und bewegte mich dadurch tief. Freilich, hätte ich geahnt,
daß du dabei anwesend warst, dann wäre ich noch tiefer ergriffen
worden.'
'Er mag wohl selber sich unter den Anwesenden befunden haben,' sagte
Vasitthi, jedenfalls hat er dir genau berichtet. Und der Erhabene fügte
noch hinzu:
"Und was, ihr Jünger, habe ich euch verkündet? Was das Leiden ist, habe
ich euch verkündet. Was die Entstehung des Leidens ist, was die
Leidensvernichtung ist, was der zur Leidensvernichtung führende Weg
ist--dies alles habe ich euch verkündet. Darum, ihr Jünger, was ich
offenbart habe, das lasset offenbart sein, und was ich unoffenbart
gelassen habe, das lasset unoffenbart bleiben."
Indem er diese Worte sprach, öffnete er die Hand und ließ die Blätter
fallen. Als nun das eine wirbelnd in meine Nähe hinflatterte, nahm ich
mir ein Herz, trat eilig hervor und fing es auf, noch bevor es die Erde
berührt hatte, indem ich es somit gleichsam aus seiner Hand empfing--um
dann dies unschätzbare Erinnerungszeichen an meinem Busen zu verbergen,
ein Symbol des Wenigen, aber einzig Nötigen, das uns der Vollendete aus
seinem unermeßlichen Wissenshort mitteilte, das mich bis zu meinem Tode
nicht mehr verlassen sollte.
Diese meine Bewegung zog die Aufmerksamkeit des Erhabenen auf mich.
Jener riesenhafte Mönch verbeugte sich jetzt vor ihm und machte ihm
flüsternd eine Mitteilung, worauf der Meister mich noch einmal ansah und
dann dem Mönche einen Wink gab.
Dieser trat auf uns zu.
Wir verneigten uns alle tief, und ich sagte, daß ich, die Gemahlin des
Ministers Satagira, einige geringe Gaben für den Orden der Heiligen
mitgebracht hätte, um deren gütige Annahme ich bäte, und daß wir alle
gekommen wären, um die Worte der Wahrheit zu vernehmen.
"Tritt näher, edle Frau," sagte der Mönch--und sofort hörte ich, daß es
Angulimala war--"der Erhabene will selber deine Gaben in Empfang
nehmen."
Wir traten alle bis auf ein paar Schritte an den Erhabenen heran und
verneigten uns tief, ihn ehrfurchtsvoll mit den vor der Stirn
gehaltenen, zusammengelegten Händen begrüßend, ohne daß ich ein Wort
hervorzubringen vermochte.
"Reich sind deine Gaben, edle Frau," sagte der Erhabene, "und meine
Jünger haben wenige Bedürfnisse. Erben der Wahrheit sind sie, nicht
Erben der Not. Aber auch die Buddhas der Vorzeit haben es so gehalten
und gern Spenden frommer Anhänger entgegengenommen, damit diesen
Gelegenheit werde, die Tugend des Almosengebens zu üben. Denn wenn die
Wesen die Frucht des Gebens kennten, wie ich sie kenne, dann würden sie,
wenn sie auch nur eine Handvoll Reis übrig hätten, diese nicht
verzehren, ohne einem noch Ärmeren davon zu geben, und der Gedanke des
Eigennutzes, der ihren Geist verdunkelt, würde aus ihm entweichen. So
sei denn deine Spende vom Orden des Buddha mit Dank angenommen--eine
lautere Spende. Denn das nenne ich eine lautere Spende, durch welche der
Geber geläutert wird und der Empfänger auch. Und wie geschieht das? Da
ist, Vasitthi, der Geber sittenrein, edel geartet, und die Empfänger
sind sittenrein, edel geartet; so wird bei einer Spende der Geber
geläutert und der Empfänger. Das ist, Vasitthi, höchste Lauterkeit der
Spende--einer solchen, die du dargebracht hast."
Darauf wandte der Erhabene sich an Angulimala:
"Geh, mein Lieber, und laß diese Geschenke zu den Vorräten bringen.
Zuerst aber weise unseren edlen Gästen Plätze an vor den Stufen des
Tempels, denn von dort aus werde ich den heute Anwesenden die Lehre
darlegen."
Angulimala hieß die Diener warten und forderte uns auf, ihm zu folgen.
Zuerst aber ließen wir uns alles, was wir an Blumen mitgebracht hatten,
und auch einige schöne Teppiche herausgeben. Dann gingen wir, von unserm
stattlichen Begleiter geführt, durch die zusammenströmende Menge, die
uns ehrerbietig Platz machte, nach dem Tempel.
Hier breiteten wir die Teppiche über die Stufen und schlangen
Blumengewinde um die alten, verwitterten und zerbröckelten Säulen. Dann
zerpflückten Medini und ich einen ganzen Korb voll Rosen und streuten
die Blütenblätter über den Teppich auf der obersten Stufe, für den
Erhabenen, darauf zu stehen.
Unterdessen hatten die Versammelten sich in einem großen Halbkreise
geordnet, die Laien links, die Mönche und Nonnen rechts vom Tempel--die
vordersten Reihen im Grase sitzend. Und auch wir nahmen jetzt auf einer
umgestürzten Säule Platz, nur wenige Schritte von den Stufen entfernt.
Es mochten wohl etwa fünfhundert Menschen dort versammelt sein, aber
eine fast lautlose Stille herrschte in der Runde, und man vernahm nur
das stoßweise Rauschen und das leise Blätterlispeln des Waldes.